Sonntag, 6. Dezember 2015

Abschussfahrt


Bier, blanke Brüste, beschämend bodenloser Blödsinn: Der Trailer zu Abschussfahrt verspricht eine lieblos zusammengezimmerte Teenager-Komödie, die glaubt, ihre Zielgruppe würde alles schlucken, so lange es nur derb genug ist. Doch Trailer können bekanntlich täuschen, wie beispielsweise schon die Romantikkomödie Coming In bewies, die in der Filmvorschau erschreckend homophob anmutete. Die fertige Produktion dagegen stellte sich als angenehme, nette und moralisch unverwerfliche Sache heraus, was angesichts Cast und Crew eigentlich auch nicht hätte verwundern sollen (mehr dazu). Im Falle von Abschussfahrt ist die Diskrepanz zwischen Promo und Endprodukt sogar noch größer: Die Regiearbeit von Tim Trachte (Davon willst Du nichts wissen) ist nicht bloß eine kurzweilige Komödie, die es mit versiertem Blick auf das Teenie-Publikum absieht, sondern ein kleines Lehrstück darin, wie man heutzutage einen wilden, anspruchslosen Jugendspaß zu schreiben hat. Selbst wenn manche Kritiker-Kollegen älteren Semesters das vielleicht nicht wahrhaben wollen.


Der Grundplot ist zugegebenermaßen leicht abgestanden: Die Abschlussfahrt nach Prag steht vor der Tür – für die am Rande des schulischen Sozialgefüges stehenden Gymnasiasten Max (Max von der Groeben), Berny (Chris Tall) und Paul (Tilman Poerzgen) die Chance, endlich über den eigenen Schatten zu springen. Ist die eingeschworene Dreierclique üblicherweise aus gesundheitlichen und/oder charakterlichen Gründen unfähig, selbst eine Party in einer Kinder-Disco bis zum Ende mitzumachen, soll sich im Ausland alles ändern. Denn was bietet sich besser für einen Wendepunkt in der eigenen Nachtleben-Biografie an als ein Schulausflug in die kostengünstige, angeblich moralisch offenere Tschechische Republik? Dumm nur, dass sich Paul von seiner heimlich angebeteten Mitschülerin Julie (Lisa Volz) ihren autistischen Bruder Magnus (Florian Kroop) aufs Auge drücken lässt. Aber das Trio sieht es nicht ein, sich daher zurückzuhalten – und gerät so in ein irrsinniges Abenteuer, zu dessen Bestandteilen eine nicht mehr ganz taufrische Limousine, aggressive Touristen, ein Hardcore-Sexclub und so manche Verwechslung zählen.

Geschichten über sexuell unerfahrene Außenseiter, die sich ihre kühnsten Träume erfüllen wollen und dann mit einem Schlag in unkontrollierbaren Situationen wiederfinden, gibt es in Hülle und Fülle – und spätestens seit Hangover sind auch wahnwitzige Sauftouren komödiantischer Alltag. Da in dieser filmischen Gattung jedoch frische Story-Gimmicks nicht mit Qualität gleichzusetzen sind – man denke nur an den unausstehlichenFound-Footage-Partyfilm Project X – lässt es sich verschmerzen, dass die Grundidee von Abschussfahrt am Reißbrett entworfen scheint. Im Genre der Penäler-Pubertätskomödie sind sehenswerte inhaltliche Revolutionen generell nur raren Meilensteinen vorbehalten. Daher ist weniger von Bedeutung, wie neu das Erzählte ist, und eher von Interesse, wie gut der Jugend-Tumult das Altbekannte nacherzählt. Und in dieser Hinsicht erstaunt Trachtes Drehbuch praktisch auf ganzer Linie: Wo zahlreiche andere Genreverteter – vor allem jene aus der Bundesrepublik – ihre Zuschauer mit löchrigen, hingeschluderten Skripts abspeisen, geht Abschussfahrt die Extrameile.

Für einen Film dieser Art sind die Figuren und ihre augenzwinkernd-überzogenen Erlebnisse in sich schlüssig ausgearbeitet. So ist die Gruppendynamik zwischen dem schüchternen Beinahe-Normalo Paul, dem selbstbewussten Alleinunterhalter und Pummelchen Berny und Max, der seinen Kopf gerne mal in den Wolken hat, stets glaubwürdig: Auch wenn Abschussfahrt nicht viel Zeit darauf verwendet, die Hintergrundgeschichte dieser Freundschaft zu erzählen, kauft man den drei Hauptdarstellern jederzeit ab, dass sich diese drei gegenseitig ergänzenden Typen im Laufe ihrer Schulzeit gefunden haben und seither einander den Rücken stärken. Angenehm ist darüber hinaus, dass das Protagonisten-Gespann zwar eine archetypische Repräsentationsfunktion ausübt, aber an Genremaßstäben sehr unaufdringlich und geerdet ist – und somit auch ein angemessenes Gegengewicht zum wahnwitzigen Chaos darstellt, das es in Prag anstellt. Zwar sind Max, Paul und Berny nicht die allerhellsten Leuchten, die jemals ein Gymnasium besucht haben, aber genauso wenig sind sie derartige Vollpfosten, wie sie oftmals schwächere Teenie-Komödien bevölkern. Das Gespann ist fit im Kopf und durchaus findig, wenn es darum geht, eine knifflige Situation zu meistern – wenn ihnen nicht eingangs ihre Schüchternheit einen Strich durch die Rechnung macht oder ihnen später der Alkohol zu sehr zu Kopf steigt.

Die zentralen Figuren sind also waschechte Durchschnittstypen, weshalb es viel größere Freude macht, ihnen bei ihrer Abschlussfahrt über die Schultern zu schauen, als den anstrengenden Nervensägen aus Filmen wie Project X oder Doktorspiele Aufmerkamkeit zu schenken. Die Gefahr, dass Max, Berny und Paul zu blass werden, umschifft diese knapp 90-minütige Komödie dadurch, dass jede der Figuren ihren ganz eigenen Humor mitbringt, so dass sie bereits im Alleingang zu amüsieren wissen – in direkter Interaktion aber erst richtig aufblühen. Etwa, wenn der vom Stand-Up-Comedian Chris Tall gespielte Berny sein übertriebenes Selbstbewusstsein als Waffe gegen Pöbel einsetzt und deren Angriffe auf verrückte Art erwidert – sehr zur Blamage seines Kumpels Paul. Generell sind Chris Talls schlagfertigen Monologe einer der Punkte, die Abschussfahrt von genreinterner Konkurrenz abheben und von denen es gern noch mehr hätte geben dürfen. Auch deshalb, weil Tall sich in diesen Passagen wohl besonders sicher fühlt und mehrmals richtig glänzt – in längeren Dialogpassagen hingegen erscheint der Hamburger leider etwas flattriger als seine beiden Kollegen von der Groeben und Poerzgen, die durchweg souverän auftreten.

Mehr noch als der Wortwitz sind es aber der Slapstick und die Situationskomik, womit Abschussfahrt Lacher einsackt. Denn während bei den Nebenfiguren der Verbalhumor gelegentlich dann doch versackt (Faustregel: je beiläufiger eine sekundäre Rolle etwas von sich gibt, desto treffsicherer ist die Pointe), haben die Szenarien, die sich Regisseur und Autor Trachte ausgedacht hat, eine löbliche Menge an Esprit. Ob spontan organisierte Mini-Ritterspiele, eine gelenke Methode den Aufsichtslehrer (mit viel Spaß dabei: Alexander Schubert) auszuknocken oder, oder, oder: Wie schon bei Hangover sind es auch hier die Antworten auf die Frage „Was wartet als nächstes auf unsere Partyurlauber?“ eine wichtige Stütze des Filmspaßes. Dass kleine Skurrilitäten wie unerwartetes Talent für Fluchtstrategien oder ein außergewöhnlich hohes Urlaubsbudget allesamt im Vorbeigehen pointiert und sinnig erklärt werden, sorgt obendrein dafür, dass sich beim Zuschauer nie ein distanzierendes „Naja, dann kann ja alles passieren“-Gefühl einstellt. Trachte müht sich hier also ein Drehbuch ab, das in sich logischer ist als bei zahllosen schlechteren Teenie-Späßen – und nutzt jeden dieser kleinen Charaktermomente für pfiffige Bonusgags jenseits der Hauptgeschichte.

Des Weiteren umschifft Abschussfahrt viele der Probleme, die aufgeklärte Zuschauer davon abhalten, Pubertätskomödien zu genießen: Das in solchen Filmen beschämenderweise obligatorische Homosexuellen-Bashing wird hier, je nach Betrachtungsweise, völlig ausgelassen oder zumindest vorbildich auf den Kopf gestellt, und auch die Figur des autistischen Magnus wird nicht zum Deppen abgestempelt. Zwar erlaubt sich Spaßvogel Berny eingangs seine Scherze mit ihm – so wie er es mit jedem macht – daraufhin wachsen die drei Freunde und der ungewollte Vierte im Bunde jedoch zusammen, ohne dass das Drehbuch dabei zu klischeehaft wird. Ab dann zeigt sich Magnus als zwar etwas schräge, aber sehr wohl zu respektierende Figur. Auch dass großteils auf Ekelhumor verzichtet wird, zeichnet Abschussfahrt positiv aus – selbst wenn die zwei eingestreuten Gags im „Ihhh, hihi“-Bereich unterhalb der Gürtellinie daher umso aufdringlicher hervorstechen.

Dass ausgerechnet einige der weiblichen Nebendarstellerinnen in der ersten Filmhälfte etwas hölzerner agieren als ihre männlichen Pendants ist derweil schade, umso besser ist aber, wie Lisa Volz im Finale auftaut. Dass einige der Entwicklungen im letzten Akt von einem Drehbuchklischee abhängig sind (Stichwort: Türsteherin bequasseln) muss das filmerfahrenere Publikum unterdessen dem Film vergeben – den meisten altbewährten Stationen solcher Odysseen entlockt Abschussfahrt nämlich dann doch noch irgendetwas eigenes. Selbst der unvermeidliche und wie eh und je diskutable Streit zwischen den drei Freunden nach zwei Dritteln der Handlung wird nicht zu sehr auf sich eh erledigende Dramatik gemolken und kann sich daher sehen lassen.

Während Abschussfahrt optisch nicht unbedingt vor Ideen trotzt, sehr wohl aber dem Prager Nachtleben Bilder mit Kinoformat abringt, ist die Musikauswahl ein stylischer Mix aus modernen Partyrhtyhmen und neu aufgepeppten Klassikern wie einem 'The Power'-Remix und einem tschechischen U Can't Touch This-Cover. Dieser Abwechslungsreichtum, gewürzt mit einem kleinen Schuss Nostalgie, dürfte somit auch Kinogänger für sich gewinnen, die bereits ihre Pubertät hinter sich haben und trotzdem in den Saal verirrten. Hinzu kommen eine gute Dosis an Gags am Rande des Geschehens und die spürbare Hingabe, mit der die Filmemacher diese irre Saufodyssee umsetzten, was wiederum den Figuren und so den Gags zugutekommt. Und schon darf sich Abschussfahrt trotz seiner längst bekannten Grundidee als vorbildliche deutsche Teenie-Komödie bezeichnen. Alter Wein, gut gefiltert in einem zeitgemäßen, feschen, neuen Schlauch. Das wird rein aus Prinzip längst nicht jedem Filmkenner schmecken – jeder, der sich selbst zur Zielgruppe zählt, darf dagegen vergnügt das Glas erheben: Prost! Czech it out!

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