Sonntag, 6. Dezember 2015

Big Eyes


Als Regisseur bediente Tim Burton, trotz gelegentlicher Mainstreamerfolge wie den 1989 veröffentlichten Batman, jahrzehntelang vor allem ein Nischenpublikum. Leicht verschroben, mit Hang zu einem dunklen Romantizismus sowie mit Vorliebe für filmische B-Ware, die nunmehr mit gewissem Abstand uminterpretiert wird. Dabei schuf der Filmemacher so verschiedene Werke wie die grotesk-melancholische Außenseitergeschichte Edward mit den Scherenhänden, die tonal bewusst schizophrene Schauergeschichte SleepyHollow oder das blutige Musical Sweeney Todd –Der teuflische Barbier aus der Fleet Street. Zuletzt musste sich Burton allerdings selbst von eingeschworenen Anhängern harsche Kritik gefallen.

Eine populäre These ist, dass Burtons nachlassenden Fähigkeiten durch seine Öffnung gegenüber einer breiter gefächerten Zielgruppe bedingt sind. Betrachtet man seinen Milliarden-Dollar-Hit Alice im Wunderland, der eine schräge Vorlage sowie Burtons unangepasste Ästhetik nimmt und ihnen eine ausgelutschte Handlung aufzwingt, sowie seine Komödie Dark Shadows, die ihre feineren Elemente in einem Meer aus großen, lauten, tumben Gags ersäuft, fällt es schwer, besagter Theorie zu widersprechen. Umso erfreulicher, dass sich Tim Burtons jüngster Realfilm Big Eyes wieder vom Popcorn-Kino distanziert und obendrein den Regisseur zurück zu einem von ihm bislang nur einmal bedienten Genre holt: Nach seinem hoch geachteten Schwarz-Weiß-Film Ed Wood ist dies Burtons zweites Biopic – und als Dramödie über die schwammigen Grenzen zwischen Kunst, Publikumserfolg, Passionsarbeiten und Fließbandschund kommt Big Eyes zum genau richtigen Zeitpunkt in seiner Karriere.

Dreh- und Angelpunkt dieser 10-Millionen-Dollar-Produktion ist ein Strohfeuer aus der Kunstgeschichte – sowie dessen kurioses Ende. 1958 flieht die introvertierte Hausfrau und Mutter Margaret (Amy Adams) mitsamt ihrer Tochter vor ihrem unausstehlichen Gatten. Im sonnigen San Francisco findet sich das stille Mäuslein jedoch selbst mit Hilfe seiner Freundin DeAnn (Krysten Ritter) nicht zurecht. Etwas Seelenfrieden und Selbstverwirklichung findet sie allein in ihrem langjährigen Hobby, der Malerei. Als sie versucht, ihre süßlich-traurigen Gemälde junger Mädchen mit überdimensionalen Augen zu verkaufen, lernt sie den redseligen Walter Keane (Christoph Waltz) kennen. Dieser ist zwar hauptberuflich Immobilienmakler, verdient sich mit dem Verkauf Pariser Straßenimpressionen jedoch einige Dollar dazu und glaubt, in Margaret eine vielversprechende Künstlerin entdeckt zu haben. Sie und Walter knüpfen romantische Bande, und alsbald auch eine Geschäftsbeziehung: Walter mietet im angesagten Club 'The Hungry I' Ausstellungsplatz für seine und Margarets Bilder. Zufällig wird er für den Urheber sämtlicher dort ausgehängter Gemälde gehalten, doch da er mit seinem Verkaufstalent Margarets 'Big Eyes' erfolgreich losschlägt, denkt er gar nicht erst daran, das Missverständnis aufzuklären. Medienberichte und Walters immer dreistere Flunkereien lassen einen gewaltigen Hype um die Kinderbilder entstehen – während Margaret im Akkord malt, baut Walter, sich weiter als Urheber der gefragten Ware ausgebend, ein Kunstimperium von ungeahnter Größe auf. Aber jedes auf einer Lüge basierende Geschäft muss einmal ins Wanken geraten …

Das knalligste Element von Big Eyes ist zugleich das problematischste: Die Performance des zweifachen Oscar-Preisträgers Christoph Waltz. Der Alpen-Charmeur mit dem selbstverliebt-fiesen Schmäh gibt eine energische, unbändige Darbietung ab, die wie aus einer schmissigen Heist-Movie-Komödie gestohlen wirkt. Per se schlecht ist Waltz' Leistung also nicht – hätte Tarantino einen Film über einen coolen Kunstbetrüger gedreht oder Burton Big Eyes so aufgezogen wie das knallige Märchen Charlie und die Schokoladenfabrik, würde sie wie die Faust aufs Auge passen. Jedoch legen Burtons Regieführung und das Drehbuch des Autorenduos Scott Alexander & Larry Karaszewski diese beinahe unglaubliche, wenngleich wahre Geschichte trotz gelegentlicher Quirligkeit eher bodenständig an – und zielen es vor allem auf Mitleid mit der unterdrückten Margaret ab.

Wenn Waltz mit überlebensgroßen Gesten, Grinsekatze-Lächeln und schleimigem Singsang in der Stimme alles und jeden unterbuttert, schadet er jedoch über weite Strecken der Dramatik und Spanung dieser Geschichte. Die Art und Weise, wie er Walter Keane spielt, lässt diesen schamlosen Entrepreneur wie einen vollkommen untalentierten Schwindler dastehen, der durch schieres Glück mit seinen albernen Lügen davonkommt – und wir als Zuschauer schmunzeln ob der Dummheit aller, die ihm auf den Leim gehen. Angesichts des Handlungsbogens rund um Margaret und der selten auf Pointen zugespitzten Inszenierung rennt diese Darstellung jedoch gegen eine Wand. Burton und Waltz wären wohl besser beraten gewesen, Walter Keane wie einen dreisten, aber engagierten und daher unberechenbaren Lügner darzustellen, bei dem es zumindest nachvollziehbar ist, wie die halbe Kunstszene auf ihn reinfallen konnte.

Schlussendlich treffen Burton und Waltz in nur zwei Szenen mit ihrer überbordenden Interpretation von Walter Keane genau den Tonfall, den Big Eyes in genau diesen Momenten aus dramaturgischer Sicht benötigt: Einmal, wenn sie ihn kurz nach seinem größten Karriererückschlag manisch werden lassen – und Waltz in feinster Hans-Landa-Manier Angst und Schrecken verbreitet. Und dann gegen Ende des Films, wenn Walter sich mit all dem Schmarrn, den er jahrelang erzählte, in eine Ecke manövriert und mangels besserer Ideen zu einer absurden Karikatur seiner selbst verkommt – erst in dieser Sequenz wird Waltz' brüllend komischer Showstealer-Ansatz effektiv eingesetzt. Es ist verständlich, weshalb sich Waltz und Burton dazu entschlossen haben, Walter Keane so groß und laut und überzogen darzustellen, dass er sich über den eigentlichen filmischen Tonfall erhebt – schließlich war der echte Walter ja auch jemand, der sich über alle Maße ins Rampenlicht drängte. Da Burton aber so besonnen inszeniert, so viel Aufmerksamkeit der introvertierten und verletzten Margaret zukommen lässt und Amy Adams so eine zarte, ausdifferenzierte Leistung abgibt, will dieser Ansatz schlichtweg nicht zum intendierten Effekt aufgehen.

Hat sich der Betrachter erst damit arrangiert, dass die schauspielerische Couleur von Waltz und Adams keinen reizvollen Kontrast ergibt, sondern ein matschiges Mischmasch, erhält er mit Big Eyes dennoch eine Dramödie, die problemlos die zwei vergangenen Realfilm-Regiearbeiten Burtons schlägt. So ist sie trotz des teils unrythmischen Schnitts von JC Bond dank der kräftig-strahlenden Farben, in die Kameramann Bruno Delbonnel sie hüllt, eine Augenweide – und wie Adams schleichend den Charakterwandel Margarets verdeutlicht, lässt fast im Alleingang die schwachen Performances vergessen, die es zuletzt in Burton-Filmen zu sehen gab. Und manch überkritischer Kinogänger wird womöglich frustriert sein, dass Big Eyes Themen wie die Emanzipation der Frau, die Kommerzialisierung des Kunstbetriebs und die qualitative Bewertbarkeit von Malerei nicht in aller Ausführlichkeit behandelt – jedoch verknüpft das Skript diese Themenkomplexe behände sowie kurzweilig und regt so zum Weiterdenken an. Für eine 106-minütige Dramödie, die nebenher eine wahre Biografie abklopft und sie dabei nur in wenigen Fällen zwecks flüssiger Narrative umschreibt, eine nicht zu verachtende Leistung.


Hinterher ist man halt immer schlauer. Margaret und der US-Kunstbetrieb würden rückblickend wohl nicht mehr auf Walter reinfallen. Und retrospektiv ist auch deutlich, wieso Big Eyes längst nicht an Ed Wood heranreicht: Letzterer handelte von einem vernarrten Filmemacher, bei dessen Werken sich die Frage stellt „Macht das Spaß oder kann das weg?“. Burtons Biopic endete als ein Kleinod der Hollywood-Filmkunst. Big Eyes handelt dagegen von einem disharmonischen Ehepaar, bei dessen Erfolg sich die Frage aufdrängt: „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Und der Film dazu ist bloß kurzweilig geraten – mit leichten Anflügen größeren Potentials. Ein akzeptabler Tausch, oder?

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