Samstag, 19. März 2016

Ich und Kaminski



Den Romanen von Daniel Kehlmann schreibt der Feuilleton gemeinhin zu, genau für ihr Medium geschaffen – und somit schwer verfilmbar – zu sein. Und diesem Urteil lässt sich nur schwer ein gewisses Fundament absprechen. Schließlich neigt der Schriftsteller dazu, mit den Formalitäten des Mediums zu spielen, so dass der lakonische Humor von Kehlmanns Büchern nur als Text volle Wirkung zeigt. Dessen ungeachtet stellen Kehlmanns Romane kein Tabu für Filmemacher dar. Nachdem Die Vermessung der Welt bereits 2012 als 3D-Abenteuerdrama den Weg in die Kinos fand und in Filmform solide abschnitt, kommt nun auch der zwei Jahre ältere Roman Ich und Kaminski in die Lichtspielhäuser.


Im Zentrum steht der gleichermaßen ehrgeizige wie selbstverliebte Kunsthistoriker und Journalist Sebastian Zöllner (Daniel Brühl). Um endlich den großen Durchbruch zu schaffen, nimmt er sich vor, eine Biografie über den blinden Maler Manuel Kaminski (Jesper Christensen) zu verfassen. Immerhin wird ihm nachgesagt, zur Blütezeit seines Schaffens den gesamten Kunstbetrieb beeinflusst zu haben und stellt somit ein faszinierendes Subjekt dar. Darüber hinaus rechnet Zöllner dem sagenumwobenen Künstler nur noch eine kurze Lebenszeit aus – und sollte die Biografie kurz vor seinem Ableben erscheinen, könnte sie sich zu einem echten Bestseller entwickeln. Und so lädt sich Zöllner kurzerhand selbst ins abgelegene Chalet des Malers ein, um ihn auszufragen und Geheimnisse aufzudecken. Aber nach einigen Startschwierigkeiten entwickeln Zöllner und Kaminski eine komplexe, verwirrende Beziehung zueinander …


Regie bei dieser Kinoadaption führte Wolfgang Becker, der 2003 mit der tragikomischen Ostalgie-Geschichte Good Bye, Lenin! der Karriere von Daniel Brühl einen gewaltigen Schub gegeben hat. Seither war Brühl nicht nur in internationalen Erfolgen wie Inglourious Basterds oder Rush zu sehen, sondern hielt auch weiterhin kleineren Stoffen die Treue. Eines dieser Projekte, Die Augen des Engels, stellte dieses Frühjahr gewissermaßen die schwächere Vorhut zu Ich und Kaminski dar. In beiden Filmen übernimmt Brühl die Hauptrolle eines Autoren, der sich während der Arbeit an seinem aktuellen Thema in einem Labyrinth aus Selbstreflexion, für ihn atypischem Verhalten, Wunschdenken, Fakt und Fiktion verliert. Ähnlich, wie diese Passagen die besten Momenten des insgesamt eher mageren Psychodramas Die Augen des Engels darstellen, gehören solche Sequenzen auch zu den Höhepunkten von Ich und Kaminski.

Anders als das Verwirrspiel, das sich vom Fall Amanda Knox inspirieren ließ, geht Ich und Kaminski aber eine weniger düster-verzweifelte Route. Stattdessen schwankt die Romanadaption zwischen grellen und melancholischen Gemütslagen, wobei die spaßigen Momente wiederum in surrealistisch-verspielt und frivol-albern aufgeteilt werden können. Die slapstickartigen Elemente dominieren vor allem zu Beginn – und bremsen den Film nach dem spritzigen, einfallsreichen Prolog enorm aus. Daniel Brühl besitzt zwar gutes Timing in Sachen Wortwitz, er ist aber nicht die Art Schauspieler, die einen Lachmuskelangriff lostritt, wenn seine Rolle nachts durch eine vollgekackte Kuhweide stolpert. Sobald aber diese und ähnliche physische Albernheiten überstanden sind, findet Regisseur Becker einen Tonfall, der seinem Hauptdarsteller steht und zudem den vom Roman und Skript angerissenen Themen gerecht wird.


Der große Einschnitt erfolgt dadurch, dass Brühls spitzbübisches Ekel, das dank seiner kessen Qualitäten ebenso beneidenswert wie es für seine Arroganz abscheulich ist, endlich ganz nah an den einsiedlerischen Kaminski gelangt. Nicht nur liefern sich Brühl und Jesper Christensen einen wunderbaren, staubtrockenen Schlagabtausch, der einige gut sitzende Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb und den Kunstjournalismus beinhaltet. Vor allem verleiht die Dynamik zwischen den Figuren, die sich irgendwie sympathisch sind, aber zudem gehörig auf die Nerven gehen, der Story eine vergnüglich vermittelte, aber tief gehende Nachdenklichkeit: Zöllner sieht in Kaminski nicht nur seine berufliche, sondern auch seine potentielle private Zukunft. Und dieser Blick auf ein mögliches zukünftiges Ich löst bei Zöllner Angst, Bedauern, aber ebenso auch hoffnungsvolle Regungen aus. Brühl geht bei dieser Ambiguität auf, und sobald sich Kaminskis spontaner Trip zu einer verflossenen Liebe dem Ende nähert, lässt auch die Regieführung den widersprüchlichen, somit reizvollen Gefühlen freien Lauf.


Wenn Geraldine Chaplin, Tochter der Leinwandlegende Charlie Chaplin, die Leinwand erfüllt und als freundliches altes Mütterchen Kaminski und Zöllner verwirrt, stellt Becker sogar ganz unaufdringlich und extrem effektiv die Frage: „Was ist besser – ein unbedeutendes, fröhliches Leben oder eine beeindruckende Vita, die jedoch ein leeres Leben bedingt?“ Der Weg hin zu diesem Höhepunkt ist jedoch steinig: Wiederholt gerät Ich und Kaminski aufgrund der atonalen Slapstickpassagen ins Stolpern, und zuweilen stellen sich die Figuren zu Gunsten eines schnellen Gags viel dümmer an als sie sonst charakterisiert werden. Nach dem beeindruckenden Höhepunkt plätschert der Film dann etwas zu langsam aus, um das Optimum aus seinen Stärken rauszuholen. Für die Adaption eines weiteren Romans des schwer verfilmbaren Daniel Kehlmann ist Ich und Kaminski trotzdem ganz in Ordnung – auch dank ihrer skurrileren Tendenzen.


Fazit: Ich und Kaminski ist eine ambitionierte, sich zwischendurch zu sehr in misslungenem Slapstick versuchende Geschichte über Kunst, Menschlichkeit und Bedauern. Bedauerlicherweise ist diese kunstvolle Mischung streckenweise zäh, der menschliche Kern aber überzeugt. Ein Film für Kehlmann- und Brühl-Fans!

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