Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ferdinand - Geht stierisch ab


Ferdinand, der Stier ist vor allem als Disney-Kurzfilm bekannt. Doch der Cartoon über einen friedlichen, Blumen liebenden Stier, der sich zu kämpfen weigert, ist bloß die Adaption eines Kinderbuchklassikers aus dem Jahr 1936. Nun, 71 Jahre später, kehrt die Geschichte eines friedlichen Stiers in die Kinos zurück - ironischerweise startet die Produktion der zum Fox-Imperium gehörenden Blue Sky Studios in Deutschland exakt an dem Tag, an dem Disneys Aufkauf weiter Teile von 21st Century Fox abgemachte Sache wurde.

Der neuste Film des Studios, das uns unter anderem die Ice Age-Filme sowie Rio brachte, versetzt die klassische Geschichte sehr behutsam ins Heute - so behutsam, dass man in nur sehr wenigen Szenen bemerkt, dass der Film in der Gegenwart spielt. Zumindest, wenn man die Songauswahl in dieser 111-Millionen-Dollar-Produktion ausklammert. Aber der Reihe nach:

Der gutmütige Stier Ferdinand flieht eines Nachts von der Stierfarm, auf der er großgezogen und für den von ihm verabscheuten Stierkampf großgezogen wurde. Er wird von einer freundlichen Familie gefunden, die ihn großzieht. Als der erwachsene Ferdinand (Daniel Aminati) auf ein Blumenfestival in einem nahegelegenen Fest geht und aufgrund eines Bienenstichs ungewollt Chaos verursacht, wird er von den Behörden für eine wilde Bestie gehalten und zurück zur Stierfarm verfrachtet. Dort wird er nicht nur mit seinen alten "Freunden" konfrontiert sowie mit einer exzentrischen Ziege (Bettina Zimmermann), die ihn unbedingt trainieren möchte, sondern obendrein mit der Bedrohung, von einem Matador für seinen feierlichen, letzten Stierkampf ausgewählt zu werden ...

Drei Jahre nach dem schwer enttäuschenden, nervigen Rio 2 meldet sich Carlos Saldanha zurück auf dem Regiestuhl - und macht den lärmenden Animationsfilm fast wieder vergessen. In Ferdinand konzentriert sich der Regisseur weitestgehend auf die Geschichte seiner Titelfigur und versucht, ein familienfreundliches Gefühls-Auf-und-Ab aus seiner Lebensgeschichte zu formen. Der Knuffigkeitsfaktor dient dabei als Trumpf: Der junge Ferdinand ist streng nach dem Kindchenschema gestaltet, der erwachsene Ferdinand bezirzt sein Publikum mit der liebenswerten Diskrepanz zwischen seinem gigantischen Körper und seinem freundlichen Gesicht inklusive strahlender Augen. Es ist aber mehr als eine bloße Designentscheidung, die den friedlichen Stier zu einer charmanten Hauptfigur macht:

Die Charakteranimation ist zwar schlicht, aber ausdrucksstark und die Drehbuchautoren Robert L. Baird, Tim Federle und Brad Copeland gehen in der Skizzierung der Titelfigur einen zielstrebigen Weg: Ferdinand ist als Stier, der in einer ihn verwöhnenden Umgebung groß wurde, ein optimistischer Naivling und somit für das jüngste Publikum eine Identifikationsfigur - gleichzeitig macht sich das Autorenteam nie gehässig über Ferdinands Weltunterfahrenheit lustig. Das ältere Publikum kann daher mit Ferdinand mitfiebern, da es ein Leichtes ist, es diesem lieben Stier zu gönnen, Wahrheiten zu verdauen und darüber sein pazifistisches Gemüt nicht zu verlieren.

Leider plagt Ferdinand eine gemäßigtere Version des Problems, das schon die letzten beiden Ice Age-Filme sowie Rio 2: Dschungelfieber in Mitleidenschaft gezogen hat: Die Geschichte wird in semi-regelmäßigen Abständen unterbrochen, um für eine narrativ überflüssige, extralange Gagszene und/oder Popmusikeinlagen Platz zu machen. In der gebotenen Schlagzahl dehnt dies die Laufzeit so sehr, dass Ferdinand mit 107 Minuten länger ausfällt, als der Grundkonflikt tragen kann - zudem franst die Erzählung abseits von Ferdinands Sehnsucht, der Gefahr des Stierkampfes zu entkommen, aus. Ein angedeuteter Subplot, dass der Farmbesitzer die Aufträge des Matadors braucht, um seine Familie zu ernähren, wird fallen gelassen und ein Subplot über eine Schlachterei wird ohne Konsequenzen abgehakt (man will dem ganz jungen Publikum wohl nicht so viel zutrauen, wie es Disney und Pixar üblicherweise sowie manchmal Dreamworks Animation tun).

Mit der hibbeligen, dauernd brabbelnden, schlagfertigen, in ihrer ganz eigenen Logikwelt lebenden Ziehe Lupe (im Original: Comedygöttin Kate McKinnon) hat Ferdinand dafür einen herausragenden Comedysidekick, dessen Eskapaden über manche der Popmusikeinlagen sowie die ein- bis eineinhalbdimensionalen weiteren Stiere im Film hinwegtröstet. Die Menschen sind zwar unfassbar hässlich designet (bis auf Ferdinands beste Freundin) und die Hintergründe unstet (Wiesen sind sehr schön anzusehen, die meisten anderen Sets sind karg und enorm überbelichtet, um über die Detailarmut hinfort zu täuschen), aber für harmlos-freundliche Familienunterhaltung reicht es dank Ferdinand und Lupe allemal.

Ferdinand - Geht stierisch ab ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen - in 3D und 2D.

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