Mittwoch, 24. Februar 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil II)

 was bisher geschah ... 

Bevor ich euch die Plätze 30 bis 21 meiner Lieblingsfilme aus dem Jahr 2020 präsentiere, möchte ich euch noch ein wenig auf die Folter spannen, indem ich ein par Ehrennennungen tätige. Dies sind ein paar der Filme, die es fast in die Tops geschafft hätten: Das Beziehungsdrama Was wir wollten, in dem Elyas M'Barek und Lavinia Wilson mit Worten und Körpersprache den kinderreichen Urlaub eines kinderlosen Paares gefühlvoll aufbereiten. Togo, ein spannendes Disney+-Original, das Erinnerungen an Disney-Abenteuerdramen wie Iron Will und Wolfsblut erweckt. Die launige Musikkomödie Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga, deren Charme ich erst beim zweiten Mal so richtig zu spüren bekam, und die mit dem großen Partymedley und einer goldigst aufgelegten Rachel McAdams punktet. Das sehr atmosphärische deutsche Drama Der Geburtstag, dessen Kameraarbeit preiswürdig ist! Und der blutige polnische Krimi Plagi Breslau, der zwischendrin leider auf Autopilot schaltet, in seinen extremeren Momenten aber sehr schön tabulos ist.

Und nun, ohne weitere Ausschweifungen, die nächsten Tops!

Platz 30: Der Schacht (Regie: Galder Gaztelu-Urrutia)

Manche bezeichnen Der Schacht als "Snowpiercer, aber vertikal" und meinen das als Beleidigung. Das finde ich unverschämt. Schließlich ist das doch ein ziemliches Qualitätskriterium, zumal Galder Gaztelu-Urrutia ja nicht dreist klaut, sondern schlicht mit einer ähnlichen Mentalität operiert: Einmal Gesellschafts- und Wirtschaftssystemkritik, völlig unsubtil mit dem Vorschlaghammer gekonnt auf uns eingedroschen. Das Konzept dessen, wie Der Schacht die Unsinnigkeit des "Trickle-Down"-Wirtschaftsirrglaubens ins Absurde überführt, und nicht allein das kaputte System, sondern auch diejenigen, die daran festhalten, in Gefangenschaft nimmt, ist mit verständlicher Wut, nachvollziehbarer Angewidertheit und innerhalb der Logik dieser Metapher auch völlig konsequent durchgezogen. Es fehlt etwas von der Tragik und der stolz umgesetzten Schrägheit eines Snowpiercer, daher ist dies im Wettstreit der zwei oft verglichenen Filme der für mich schwächere, dennoch hätte ich Der Schacht mehr Standfestigkeit in der breiten Wahrnehmung gegönnt als den bloßen, kurzen "Erschien früh während der Pandemiemaßnahmen und daher haben ihn viele entdeckt, kurz gehyped und dann vergessen"-Rausch, den er erhalten hat.

Platz 29: Prom (Regie: Ryan Murphy)

Ryan Murphy ist in den Kreisen der Film- und Serienverliebten nicht unumstritten. Das ist für mich insofern nachvollziehbar, als dass die Qualität seiner Projekte massiv schwanken kann. Von solchem Elend wie American Horror Story: Apokalypse bis hin zu solchen unterschätzten Glanzleistungen wie Hollywood kann alles dabei sein. Nach der ernüchternden Einer flog über das Kuckucksnest-Prequelserie Ratched stand es bei neueren Murphy-Produktionen bei mir erstmal 1:1, doch dann konnte sein Musical Prom bei mir die Ryan-Murphy-Statistik 2020 ins Positive kippen: Als hätte jemand Kenny Ortega endlich mal wieder ein sattes Budget gegeben, lässt Prom seine campige Flagge stolz wehen und vermischt aufmunternde Gute-Laune-Coming-Out-Emotionalität mit massiver Selbstironie. Meryl Streeps Song darüber, wie toll sie ist, ist sehr lustig, ihre Chemie mit Keegan-Michael Key ist charmant, Nicole Kidman punktet endlich mal wieder in einem leichteren Stoff, und Jo Ellen Pellman ist wunderbar als das Schulmädchen, das an seiner Schule wegen seiner Orientierung gechasst wird. Kameramann Matthew Libatique kreiert glänzende Farbwelten und James Corden fällt nicht negativ auf.

Platz 28: Giant Little Ones (Regie: Keith Behrman)

Premiere: 2018 auf dem Toronto International Film Festival. US-Kinostart: 2019. In Deutschland im Frühling 2020 als DVD-Start verfügbar gemacht, und Ende 2020 bei Amazon Prime relativ prominent positioniert. Und noch immer weitestgehend unbekannt: Keith Behrmans Drama über einen Jugendlichen, der seine sexuelle Identität entdeckt (oder wenigstens intensiv über sie nachgrübelt), hat noch immer keine hörbare Lobby im Filmdiskurs. Was für ein Jammer! Denn Hauptdarsteller Josh Wiggins spielt den schüchternen Schüler und Schwimmsportler Franky, der sich nicht traut, mit seiner Freundin das erste Mal zu vollziehen, und durch ein volltrunkenes Abenteuer mit seinem besten Freund ins Grübeln gerät, sehr bestechend:


Ruhig, in sich gekehrt, nachdenklich und mit vielen pubertären Widerhaken. Er muckt Klischees raunzend gegen seinen homosexuellen Vater auf, während er selbst unter dem homophoben Mobbing leidet, das sein brutal selbstverleugnende Nun-nicht-mehr-Kumpel anstachelt. Wiggins vereint diese Widersprüche, die Frankys Selbstfindungsprozess begleiten, durch ein filigranes Spiel, und wie Regisseur/Autor Behrman Franky während dieses Prozesses neue Erkenntnisse über sein Umfeld machen lässt, rundet dieses Drama sehr gut ab: Sei es, dass sich Mouse (Niamh Wilson) ihm gegenüber offener zeigt, oder er endlich hinterfragt, wie der Rest seine Schule über Natasha (berührend: Taylor Hickson) denkt, der abfällige Gerüchte nachhängen, obwohl da eine ganz, ganz andere Geschichte hinter steckt ... All dies führt nicht nur Frankys Geschichte voran, sondern gibt Giant Little Ones auch plausible Gründe, andere Selbstentdeckungsstorys zu erzählen.

Platz 27: Monsieur Killerstyle (Regie: Quentin Dupieux)

Manchmal dauert es eben leider länger: Ich habe Deerskin bereits 2019 im Kino sehen dürfen, und zwar im Rahmen des Filmfestival Cologne. 2020 bekam die Quentin-Dupieux-Regiearbeit dann ihre reguläre Auswertung in unseren Breitengraden. Und anders als Die Wache wurde der satirische Fashion-Grusel sogar auf Blu-ray veröffentlicht. Dafür muss man einen dämlichen, neuen Titel schlucken. In Monsieur Killerstyle (*augenroll*) beschafft sich ein frisch getrennter, dusseliger Kerl mit Hang zum spontanen Flunkern (hervorragend: Jean Dujardin) eine altmodische Wildlederjacke. Und findet sich daher saucool. So megasaucool, dass er alle anderen Jacken aus dem Verkehr ziehen will. Weil die Jacke es ihm sagt. Oder er ziemlich fragil ist, entscheidet selbst. Trockener Humor, wissentlich-alberne Auswüchse des Plots und Adèle Haenel als unwissende (?!) Mithelferin des immer weiter den Bezug zur Realität verlierenden Protagonisten, machen dies zu einem vergleichsweise ruhigen, aber auch vergleichsweise bösen Dupieux-Vergnügen. 

Platz 26: Fried Barry (Regie: Ryan Kruger)

Barry ist ein alkoholsüchtiger Niemand, der seiner Familie nicht ausreichend Liebe zukommen lässt und viel zu oft in seine Stammkneipe flieht. Eines Tages entführen ihn Aliens, zuuuuuufälligerweise kurz nachdem er eine extra harte Droge probiert hat. (Oder: Er ist auf einem so harten Trip, dass er denkt, dass er entführt wurde.) Nun ist Barry nicht mehr in der Lage, richtig zu sprechen. Aber er ist nun auch eine nimmermüde, wenngleich lethargische Partymaschine: Regisseur Ryan Kruger entführt uns in Fried Barry auf einen ellenlangen Trip durch die ranzigsten Slums und leergefegtesten Clubs, bei dem wir ständig an Barrys Fersen haften, der mit durchgekokeltem Verstand jede Situation nimmt, wie sie kommt ... und ab und zu die seltsamsten, witzigsten oder verstörendsten Halluzination erlebt. Und gelegentlich Gutes tut, ohne dass man sich ganz klar sein kann, wie bewusst er sich dessen ist. Ein staubiger, siffiger, schräger Film, der leider wahlweise ein paar Minuten zu lang geht oder ein paar Minuten zu kurz ist, und dessen Rückgriffe auf gallige Schwulen-Stereotypen mir nicht passen (ich denke, es soll Barrys Milieu kritisch darstellen, kommt aber ganz anders rüber). ABER: Für die durchgeknallte Grundidee, die schrillen inszenatorischen Auswüchse zwischendurch, und die atemlose Konsequenz, mit der der Film sein Ding durchzieht, komm ich nicht umhin, ihn in meine Top 30 zu packen! Wie gesagt, ich hätte mir nur ein anderes Ende gewünscht ... Böser oder schräger, nicht aber diesen Kompromiss, den Fried Barry geht.

Platz 25: Ma Rainey's Black Bottom (Regie: George C. Wolfe)

Wenn bei der Aufnahme einer Jazzplatte alle Hemmungen fallen: Dieser Kammerspiel-Streitfilm auf Basis eines Thaterstücks von August Wilson lässt dickköpfige Persönlichkeiten über schwarzen Stolz, die Verpflichtungen sich selbst gegenüber und der Community, künstlerische Integrität und (vertane) Chancen streiten. Wolfe fängt das beengte Setting effizient ein und lässt den Cast glänzen, insbesondere Viola Davis und den viel zu früh verstorbenen Chadwick Boseman. Stark!

Platz 24: Swallow (Regie: Carlo Mirabella-Davis)

Hayley Bennett spielt in Swallow eine junge, verheiratete Frau und werdende Mutter, die unentwegt ihre Würde runterschluckt: Sie lässt sich von ihrem Mann herumkommandieren und kritisieren, ihre Schwiegereltern kommen niemals vom hohen Ross runter und die Freunde ihres Gatten sind alles andere als astrein. Als diese Frau, die obendrein eine äußerst unschöne Familienvorgeschichte hat, in einer Art gläsernen Palast von einem Käfig gelangweilt und eingesperrt vor sich hinlebt, entwickelt sie eine Neurose und schluckt spitze und/oder große, unverdauliche Dinge ... 

Davon ausgehend entwickelt sich Swalllow zu einem klugen, berührenden Drama über eine Frau, die sich freikämpft. Betörend inszeniert und so geschrieben, dass die ungesagten Dinge oft mehr schmerzen als die gesagten: Swallow ist sehr sehenswert und macht große Hoffnungen, dass Bennett öfter solche Rollen annimmt, denn hier ist sie wirklich herausragend.

Platz 23: Black is King (Regie: Beyoncé, Blitz the Ambassador, Ibra Ake, Emmanuel Adjei und Kwasi Fordjour)

"Disney macht auch nur noch Big-Budget-Popcornkino", ist so ein ernüchterndes Statement. Ignorieren Leute, die das behaupten, doch Filme wie Togo. Oder halt so etwas wie Black is King, das völlig ungerechtfertigt total untergegangen ist: Ein 85-minütiger Farbtrip, der auf assoziative Weise (mit Einflüssen aus Mythologien, Sci-Fi und urbaner Musikkultur) sehr frei Der König der Löwen neuinterpretiert und mit berauschender Exzentrik Black Pride und Black Heritage zelebriert? Ohja, der Mainstream und Popcornrumel schlechthin ... Die sporadischen Soundschnipsel aus Jon Favreaus Der König der Löwen-Remake hätte es wahrlich nicht gebraucht, weil sie in unregelmäßigen Abständen die Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit von Black is King stören, und leider ist Beyoncé, die den Soundtrack beisteuerte, einfach nicht auf meiner musikalischen Wellenlänge. Daher bleibt Black is King in meiner herzgesteuerten Hitliste ein wenig hinter den Möglichkeiten. In einer kopfgesteuerten, auch expliziter an ein Publikum gerichteten Liste "Welche Filme würde ich in den Kanon 2020 aufnehmen" wäre er aber nochmal deutlich höher. Das nun bei Seite: Auf jeden Fall ist dieses außergewöhnliche Projekt überaus denkwürdig, verdient sehr viel mehr Beachtung und eine regelrecht hypnotische Erfahrung. Unbedingt nachholen!

Platz 22: Die Misswahl (Regie: Philippa Lowthorpe)

Angelehnt an wahre Ereignisse, erzählt Die Misswahl überraschend nuanciert, aufmunternd und anregend von einem Frauenprotest während der Miss-World-Wahl 1970. In dieser Dramödie sehen wir die Historikerin Sally Alexander (Keira Knightley), die Feminismus der Denkschule "Wir müssen uns einen Platz am Tisch erkämpfen, um von dort aus Gleichberechtigung zu erkämpfen" betreibt, wie sie sich angesichts der Miss-World-Wahl-Veranstaltung einer linken Aktivistinnengruppe anschließt, die mehr nach dem Motto "Wir müssen den Männer-Stammtisch abfackeln, sonst erreichen wir nie etwas" handelt. Gemeinsam wollen sie ein Zeichen gegen die Objektifizierung von Frauen und das Kreieren einer beengten Normschönheit setzen. Innerhalb des Miss-World-Teilnehmerinnenfelds wiederum lernen wir Frauen kennen, die diesen Wettbewerb als Chance sehen, um durch Bekanntheit oder gar das Preisgeld endlich aus einer benachteiligten Position auszubrechen und/oder für Repräsentation und somit Inspiration zu sorgen.


In Philippa Lowthorpes Film treffen somit mehrere Ansätze aufeinander, die gegensätzlich sind, obwohl sie dasselbe Ziel (eine bessere Welt für Frauen) verfolgen. All das wird nicht in schwerfälliger Pädagogik formuliert, stattdessen lässt Lowthorpe ihre Figuren ihre Denkschulen und Motivationen ausleben, und durch dieses Tun, sowie durch den pointiert gezeigten Kontext, werden wir im Publikum zum Denken und Abwägen angeregt. Das spornt an, ist dank Lowthorpes leichtgängige, aber nie das Thema klein haltende Inszenierung sehr unterhaltsam, und macht im besten Sinne wütend!

Platz 21: Hamilton (Regie: Thomas Kail)

Lin-Manuel Mirandas Musical-Sensationserfolg, nun auch in Form bewegter Bilder: Drei Hamilton-Vorführungen und eine Handvoll an "Pick-up-Shots" verschmelzen zu einer filmischen Wiedergabe der Broadway-Fassung des popkulturellen Phänomens aus dem Jahr 2015. Kails Regieführung ist effektiv, fällt aber auch etwas zwischen zwei Stühle: Teils sind die inszenatorischen Entscheidungen so zurückhaltend, dass das hier nah an einem simplen "Konzertmitschnitt" erinnert, teils dann doch wieder so filmisch-prägnant, dass es eher ein "Konzertfilm" ist. Daher wohl auch die anhaltende Debatte, ob Hamilton als Film zu betrachten ist oder nicht. Für mich ist es ganz klar ein Film, so wie auch Shine a LightRammstein: Paris oder Hans Zimmer Live Filme sind. Wenngleich Kail hinter den Möglichkeiten, Hamilton zu filmen, gelegentlich zurückbleibt. Dessen ungeachtet: Mirandas Rap-Revisionismus der Alexander-Hamilton-Biografie ist eine mitreißende Geschichte über Passion, Besessenheit und Verbissenheit, sowie ein Umwuchten dessen, wer die US-Geschichte mitschreibt. Aber das wisst ihr alle sicher eh schon.

Fortsetzung folgt ... 

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