Donnerstag, 4. März 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil III)

was bisher geschah ...

Wir nähern uns allmählich den Top Ten, aber alles schön der Reihe nach. Erst ein paar Ehrennennungen, dann die Ränge 20 bis 11, und dann bald das große Finale dieses Jahresrückblicks. Also: Spike Lees Da 5 Bloods hat mit Delroy Lindos Darbietung eines politisch streitbaren, schwarzen Vietnamkriegsveteranen eine der besten Schauspielleistungen des Jahres zu bieten. Um Lindo herum fehlt mir manchmal die Würze etwa eines BlacKkKlansman, aber allein schon seinetwegen muss der Film wenigstens in meine Ehrennennungen. Guy Ritchies The Gentlemen wiederum ist ein sehr unverfrorener, launiger Rücksturz in frühere Ritchie-Tonalitäten und besticht nicht nur mit denkwürdigen Zitaten, sondern vor allem mit einer atemberaubende Garderobe (Charlie Hunnams blauer Mantel allein ist schon Oscar-würdig!), während Judd Apatows The King of Staten Island die empathische Mutfindung eines kriselnden Endzwanzigers nachskizziert und dabei mit vielen denkwürdigen Dialogwitzen punktet.


Glen Keanes Animationsfilm Die bunte Seite des Mondes ist visuell beeindruckend, einfallsreich und hat einige Ohrwürmer zu bieten, Curtiz ist der zweitbeste Schwarzweiß-Film des Jahres über die Produktion eines Klassikers der goldenen Studioära, und Becky ist ein schön-bös-gewalthaltiges "Junges Mädchen attackiert Neonazis"-Filmvergnügen. Cathy Yans Birds of Prey (and the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn) schlussendlich ist in den besten Momenten ein Emanzipation auf mehreren Ebenen durchexerzierendes Superantiheldinnenerlebnis, in dem vor allem Margot Robbie und Mary Elizabeth Winstead schauspielerisch glänzen und Yan inszenatorisch aufdreht. Zwischendurch verliert der Film ein Stückchen weit an Verve, daher ist er ganz, ganz knapp an den Tops gescheitert. Aber ich will dringend mehr von Yan sehen und hoffe, dass DC öfter in der Brids of Prey-Stimmung operiert. So ... und nun ... die nächsten Plätze der Hitliste!

Platz 20: Relic (Regie: Natalie Erika James)

Natalie Erika James' Gruseldrama Relic über Alters- und Erbkrankheiten sowie Familienzusammenhalt, Fürsorge und die Angst, in die (gesundheitlichen) Fußstapfen seiner Eltern zu treten, ist ebenso poetisch-wunderschön wie herzzerreißend-besorgniserregend. Alle drei zentralen Frauen in diesem Film haben Seiten, die zur Identifikation und Empathie einladen, wie auch Aspekte an sich, die dazu einladen, kritisch über uns selbst nachzudenken und sich von ihrem Verhalten beunruhigen zu lassen. Aber nicht nur, dass Emily Mortimer, Robyn Nevin und Bella Heathcote mitreißend spielen, darüber hinaus ist James' Regieführung beachtlich. Vor allem der dritte Akt ist wundervoll desorientierend, was mich auf handwerklicher Ebene begeistert, auf rein oberflächlicher Grusel-Ebene sehr effektiv ist und schlussendlich emotionale Signifikanz für die Figuren hat und somit die Themen und Charakterisierungen des Films spitz zusammenbringt.

Platz 19: Bad Boys for Life (Regie: Adil El Arbi & Bilall Fallah)

Ein weiteres Bad Boys-Sequel, nun aber ohne Michael Bay auf dem Regiestuhl? Ich war skeptisch, immerhin definierten sich die ersten beiden Buddy-Actioner vor allem durch Bays Stilistik. Jedoch war ich auch neugierig, denn mit Adil El Arbi & Bilall Fallah heuerte Produzent Jerry Bruckheimer ein fähiges belgisches Regie-Duo an, das schon in seinem Heimatland eine Ästhetik entwickelte, die nah am Bruckheimer-Style der 90er und frühen 00er ist. Dass er das Gespann zudem sofort für zwei seiner Franchises einlud (nämlich auch für Beverly Hills Cop) gab mir ein wenig Vertrauen. Und, wie sich zeigen sollte: Das völlig zurecht! Bad Boys for Life ist unverschämt unterhaltsam! Will Smith und Martin Lawrence knüpfen da an, wo sie aufgehört haben, und glänzen nun mit der "eingelebten" Dynamik zweier alternder Freunde. Arbi und Fallah bleiben nah genug an der Hochglanz-Krawall-Seite Bays, dass der Film als Fortführung seines Schaffens verstanden werden kann, und finden dennoch eine eigene (weniger hektische) Bildsprache mit kräftigen Farbkontrasten. Die altbekannten Figuren werden stimmig vertieft, die neuen Schurken sind kurzweilig, es gibt mehrere Actionpassagen, die in Erinnerung bleiben, und die Sprüche machen Laune. Oh, und der Score von Lorne Balfe geht hier mehr in die Richtung, die ich mir von ihm in 6 Underground gewünscht hätte. Mehr davon!

Platz 18: Taylor Swift: Miss Americana (Regie: Lana Wilson)

In der Dokumentation Taylor Swift: Miss Americana begleiten Lana Wilson und ihr Team Taylor Swift auf einem Scheideweg: Während der Phase, während der sie eine neue Selbstwahrnehmung entwickelt, kritischer denn je über die Medienberichterstattung rund um sie nachdenkt, das Selbstbewusstsein entwickelt, sich dagegenzustellen, politisch offen zu kommunizieren und zudem ihre hoch theatralische Reputation-Phase abstreift. Wilson schafft daraus aber keinen filmischen Wikipedia-Artikel über Swift, sondern nutzt diesen Einblick in ihren Kreativ- sowie Selbstfindungsprozess als Sprungbrett, um größere, allgemeinere Themen anzuschneiden. Taylor Swift: Miss Americana ist eine großartige Dokumentation über Feminismus, Medienpolitik und sogleich mehrere mediensozilogische Phänomene. Sehr sehenswert!

Platz 17: Jojo Rabbit (Regie: Taika Waititi)

Ganz in der Tradition von Ernst Lubitsch weigert sich Taika Waititi in Jojo Rabbit, dem von ihm kritisierten Faschismus auch nur ein Stück Deutungshoheit zu gewähren. Denn eine Darstellung Hitlers oder ideologisch überzeugter Nazis als fähig und einschüchternd würde denen letztlich nur in die Karten spielen, holt so etwas doch immer irgendwelche politisch verwirrte Leute ab. Nimmt man ihnen jedoch ihre einschüchternde Wirkung, entzieht man ihnen ihre Kraft. Jojo Rabbit befolgt das und stellt unentwegte Propaganda überdeutlich als die Gehirnwäsche, die Leuten lächerliche, abscheuliche Ideen einredet, dar, die sie ist. Die große Kunst ist es, die Inhalte ins Lächerliche zu überziehen, ohne die grauenvollen, reellen Konsequenzen zu verlachen. Und auch das gelingt Jojo Rabbit: So beißend-urkomisch der Film zwischendurch sein kann, macht er noch immer klar, dass man auch die weltfernste, abartigste Denkweise nie unterschätzen darf, da von ihr noch immer große Gefahr ausgeht. Jojo Rabbit sorgt für Lachtränen wie auch Tränen der Erschütterung - und skizziert auf denkwürdige Weise, wie wertvoll es ist, gegen die Ausbreitung hasserfüllter Ideologien anzukämpfen und aufzuklären. 

Platz 16: Possessor (Regie: Brandon Cronenberg)

Aus der Kategorie "Festivalfilme 2020, die noch keinen deutschen Starttermin haben, und daher von mir der Einfachheit halber auch in die 2020-Topliste kommen": Die zweite Langfilm-Regiearbeit von Brandon Cronenberg. Der Film spielt in einer Welt, in der Auftragskiller eine neue, fiese Methode haben, um ihre Ziele zu erledigen. Denn eine Killeragentur versetzt ihre Täter in den Körper anderer Menschen, die dann, von den Killern besessen und fremdgesteuert, in die Nähe ihrer Ziele gelangen. Cronenberg macht daraus einen eisig kalten, hoch stilisierten Film, bei dem der Kontrollverlust gewieft visualisiert wird, und der uns tief in die verschwimmenden Leben des Kontrollierten  (stark: Christopher Abbott) und der Kontrollierenden (fantastisch: Andrea Riseborough) absteigen lässt. Die Gewaltspitzen sind rar, aber dafür ebenso wie die Mindfuck-Momente mit herausragenden praktischen Effekten umgesetzt. 

Platz 15: Happiest Season (Regie: Clea DuVall)

Weihnachtsmuffel Abby Holland (Kristen Stewart) und Weihnachtsnärrin Harper Caldwell (Mackenzie Davis) sind seit etwa einem Jahr zusammen und beschließen ultrakurzfristig, die Feiertage zusammen bei Harpers Eltern zu verbringen. Harper will ihrer Freundin somit das ungeliebte Fest wieder näher bringen, Abby freut sich derweil, somit eine vielversprechende Gelegenheit zu haben, um Harper zu fragen, ob sie sie heiraten will. Auf der Fahrt zu Harpers Eltern macht sie jedoch eine unerwartete Beichte: Sie hat sich in ihrer Familie noch nicht geoutet und bittet Abby daher, sich über Weihnachten nur als Mitbewohnerin auszugeben. Was folgt, ist eine bestechend toll geschriebene Festtags-Liebes-Dramödie, in der wir Abby dabei zusehen, wie sie mit ihrem Frust darüber hadert, von Harper in eine Art emotionale Gefangenschaft genommen worden zu sein, und wie Harper mit sich ringt, Verantwortung für dieses Handeln zu übernehmen und ihre Gründe für diese Trickserei auszudrücken. 

DuValls und Mary Hollands Skript lässt ohne Unterlass das Verständnis für die Maskerade bei Harpers Eltern fluktuieren, DuValls Inszenierung ist mit weihnachtlichem Glanz und immer wieder prägnant um die Ecke kommender Schwere versehen, und der Cast ist einfach famos! Kristen Stewart, Mackenzie Davis, Alison Brie, Aubrey Plaza, Dan Levy, Mary Holland, Victor Garber und Mary Steenburgen sind allesamt spitze gecastet und (dis-)harmonieren wundervoll. Könnte ein neuer Weihnachtsfilmklassiker werden.

Platz 14: Bliss (Regie: Joe Begos)

Now that's what I call Kunsthorror: In Bliss dreht sich alles um die freischaffende Malerin Dezzy, die sich gerade in einer Schaffenskrise befindet und daher Inspiration ... oder Ablenkung ... oder Erlösung von ihrem Frust ... oder alledreizusammen in Drogen und Party sucht. Und somit sehen wir Dezzy Drogen nehmen, Party machen, Sexpartner suchen, Sex haben, laut Metal hören und dabei, wie sie nackt malt. Und dann wieder beim Drogen nehmen, Party machen, Rumvögeln, laut Metal hören und nackt Malen. Woraufhin sie Drogen nimmt, Party macht, wild rumvögelt, laut Metal hört und nackt malt. Bis alles verschwimmt. Und ist sie womöglich besessen? Oder verliert sie ihren Verstand? Oder frisst ihre Kunst sie von innen auf? Oder alledreizusammen? Soghaft inszeniert, ungeheuerlich konsequent umgesetzt und dreckig-peppig gespielt.

Platz 13: Mank (Regie: David Fincher)

An der Oberfläche ist Mank eine Citizen Kane-Hommage, auf der zweiten Ebene ein Making-of-Drama wie Curtiz oder Ed Wood. Doch darunter ist Mank noch viel, viel mehr, und es ist unfassbar schade, dass so viele Leute Mank auf die ersten beiden Ebenen reduzieren. Es ist ein Drama über den Akt des Kunstschaffens, inklusive der Frage, wer wie viel Credit veredient und wie direkt oder indirekt Inspirationen aus dem eigenen Leben in das Schaffen einfließen. Es ist ein Meta-Kommentar sowohl auf den aktuellen Stand Hollywoods als auch darauf, wie sich die medienpolitische Historie immer wieder wiederholt. Es ist ein Drama über Selbstblendung, mediale Manipulation und das Verkennen der Zeichen, die schon an der Wand stehen. Gary Oldman ist wie gemacht für die Rolle des grantigen, wortgewandten Alkoholikers (Die dunkelste Stunde lässt grüßen), Amanda Seyfried glüht in jeder ihrer Szenen, und Finchers Regieführung ist überaus detailverliebt. 

Platz 12: The Assistant (Regie: Kitty Green)

Ein Tag im Leben einer Frau an einem männerdominierten Arbeitsplatz, in diesem Fall spezifisch einer Assistentin in einer Filmproduktionsfirma (ich denke, viele hören die Nachtigall hier schon trapsen), wenngleich ähnliches in unzähligen anderen Branchen geschehen könnte. Regisseurin und Autorin Kitty Green beobachtet ganz fein, lässt uns unangenehm nah an die andauernden Mikroaggressionen, Doppeldeutigkeiten, Abfälligkeiten und Blicke heranrücken. Julia Garner ist brillant in der Titelrolle und Matthew Macfadyen in völliger Beiläufigkeit ungeheuerlich ätzend in seiner Ignoranz und Arroganz.

Platz 11: Die Weite der Nacht (Regie: Andrew Patterson)

Ein Paradeexemplar für ein Langfilmregiedebüt mit immensem Selbstbewusstsein: Andrew Patterson lässt uns tief in die Welt einer Episode einer fiktiven Twilight Zone-Trittbrettfahrerserie im Sci-Fi-genre abtauchen. Kompliziert konstruierte Plansequenzen, lang beobachtende Einstellungen, die eine junge Telefonistin und einen jungen Radiomoderator bei ihrer Arbeit zeigen, bei der sie schalten, drücken, drehen und aufrollen wie im Schlaf. Das Bild verschwindet, um Radiodrama-Atmosphäre zu erzeugen. Was in schwächerer Hand konfus und überambitioniert werden könnte, dient hier dank Pattersons zielstrebiger Regiearbeit und dem atmosphärischen sowie doppelbödigen Skript einer packenden Sci-Fi-Mystery-Story, die wiederum auf den Schultern zweier großartiger Jungdarsteller ruht. Sierra McCormick und Jake Horowitz glänzen in ihren Rollen, die etwas progressiv für ihre Zeit sind, aber dennoch ganz klar Produkte ihrer Gesellschaft darstellen, und daher immer wieder an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft und ihres empathischen Verständnisses geraten.

Fortsetzung folgt ...

2 Kommentare:

Stepnwolf hat gesagt…

"The Vast of Night" hat mich auch echt positiv überrascht. Zwar kein Film für die große Masse, aber der Arthouse-Cineast in mir hat beim Schauen fortwährend gejubelt...

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ins Arthouse hätte ich ihn nicht zwingend gepackt, wobei du dennoch richtig liegst, dass ich ihn der breiten Masse ebenso wenig empfehlen würde. Der siedelt sich irgendwo anders in der Weite der Zielpublika an. :D

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