Freitag, 12. März 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil IV)

was bisher geschah ...

Ich setze mir ja bei meiner notorisch lang gereiften Jahresbestenliste seit einiger Zeit das Ziel, stets schneller zu sein als die Academy Awards. Und, wow, dieses Mal ist mir das auf voller Linie gelungen: Die kompletten Charts gingen hier im Blog online, noch bevor die Oscar-Nominierungen öffentlich wurden. Na, wenn das kein Grund zur Feier ist! Etwa mit den finalen Ehrennennungen meiner Favoritenliste 2020! Der Netflix-Psychothriller Horse Girl lässt Alison Brie eine zermürbte Frau in einem verwirrenden Plot über Wahrnehmung spielen. The Babysitter: Killer Queen führt McGs mit Abstand beste Regiearbeit gekonnt fort. Der Anfang ist etwas unfokussiert, aber später fängt sich die blutige Sause. Vergiftete Wahrheit ist ein stark gespieltes Justizdrama mit einem engagierten Mark Ruffalo als Anwalt, der einen Chemieskandal aufdeckt, dem der Film wohl dokumentarisch eher gerecht werden würde, doch auch in dieser Form spannend angepackt wurde.

Greenland ist ein umfassend erzähltes, charakterlich stark fokussiertes Katastrophendrama, das einfach rund ist! Kim Possible – Der Film ist campiger Bonbonspaß. Und Bruderherz ist ein sehr schön erzähltes Disney-Sportdrama, das zudem von Verantwortung, ungleicher Chancenverteilung und Familiensinn erzählt. Aber genug des Vorgeschmacks. Ab in die Top Ten!

Platz 10: Little Women (Regie: Greta Gerwig)

Welch atemberaubend schöne Adaption eines Literaturklassikers: Durch Greta Gerwigs unchronologische, sich an den emotionalen Wendepunkten der Geschichte orientierte, Neuaufreihung der Szenen gewinnt dieses Schwesterndrama enorm an Gefühlsgewalt. Der Cast ist fantastisch (insbesondere Florence Pugh und Saoirse Ronan), und Gerwigs Inszenierung ebenso filigran wie fesselnd. Die so unterschiedliche Frauwerdung eines Geschwisterquartetts ist in Gerwigs Händen gewieft, dramatisch und zudem mit einem waschechten Gänsehautfinale versehen, das mir den Atem geraubt hat. Einfach bezaubernd!

Platz 9: Trolls: World Tour (Regie: Walt Dohrn)

Ein 3D-Spektakel der Farben und Klänge: So bescheiden der erste Trolls-Teil ist, so sensationell ist die Fortsetzung. Oberflächlich eine nimmermüde Musikparty voller irrer Gags, schräger Figuren und durchgeknallten Anblicken. Unter der Oberfläche wartet eine schrill umgesetzte Geschichte über Geschichtsrevision, das Ausnutzen der Macht, die damit einhergeht, in der gesellschaftlich dominanten Position zu sein, Vertrauen unter Freunden, kulturelle Aneignung sowie den Wert der Vielfalt und des Anerkennens von Unterschieden, inklusive der teils damit einhergehenden historisch gewachsenen (und anzugleichenden) Bevor- und Benachteiligungen. Hmmm? Was, gerade keine Lust auf eine rührend-gewitzte Auseinandersetzung mit dieser Themengewalt? Egal, guck mal hier, plüschig-flauschig-glitzernde Dinge, die sich rauschhaft durch verschiedene Musikrichtungen ackern, und unvorhersehbare Humorausbrüche! WUHU!

Platz 8: Mandibules (Regie: Quentin Dupieux)

Zwei putzig-verpeilte Versager und Kleinganoven entdecken eine Fliege in der Größe eines Kleinhundes und nehmen sich vor, sie zu dressieren, um mit ihr Geld zu verdienen. Es folgt: Ein Ringelpietz der Situationskomik, Running Gags, Unannehmlichkeiten und Absurditäten. Dupieux entfacht ein Feuerwerk der Lachsalven und Juxraketen. Spitzenlaune garantiert.

Platz 7: Berlin Alexanderplatz (Regie: Burhan Qurbani)

Burhan Qurbani nimmt zusammen mit seinem Schreibpartner Martin Behnke die legendäre Romanvorlage von Alfred Döblin und verlegt sie ins Heute. Nun zur Geschichte über einen Geflüchteten umgewandelt, der ein Guter sein will, doch in einem Land ankam, das ihn mit Füßen tritt (wenn es nicht gerade die schlechtesten Aspekte seiner Persönlichkeit anfeuert), ist Berlin Alexanderplatz fesselndes Charakterdrama, hypnotische Ganoventragödie und stilsicher zugespitzter Gesellschaftskommentar zugleich. Welket Bunguê, Jella Haase, Albrecht Schuch und Joachim Król spielen grandios, die Regieführung ebenso famos wie die Lichtsetzung und das Sounddesign. Und genauso unwichtig wie mich begeisternd: Es kommt eine Wildcats-Jacke vor. Welches Team?!

Platz 6: Der Unsichtbare (Regie: Leigh Whannell)

Nach dem genüsslichen Sci-Fi-Actioner Upgrade legt Leigh Whannell nochmal ein paar Schippen extra drauf: Er nimmt sich dem unterschätzten, großartigen sowie klassischen Universal-Horror-Franchise rund um den Unsichtbaren an und macht ihn nun vom faszinierenden Fiesling (das Original) oder vom Sympathie haltenden Anti-Helden (Teil zwei) zur steten, unsichtbaren Bedrohung. In dieser Der Unsichtbare-Variante ist die Titelfigur ein übergriffiger, manipulativer Bastard, der enorm davon profitiert, wie wenig Frauen Glauben geschenkt wird, wenn sie von einer Bedrohung spricht, die andere aber nicht zu Gesicht bekommen. Elisabeth Moss' Spiel geht unter die Haut, die Regieführung ist punktgenau und Benjamin Wallfischs Score ist einer der besten des Jahres. Hammer.

Platz 5: Knives Out (Regie: Rian Johnson)

Agatha Christie nach Art von Rian Johnson: In einem grotesk eingerichteten Herrenhaus ist der Patriarch einer geschäftigen, gut betuchten Familie gestorben. War es Selbstmord, wie die Polizei vermutet, oder doch ein Mord aus Rache, Gier nach dem Krimiroman-Imperium des Opfers oder aus dem Motiv heraus, ihn und seine Geheimnisse unter die Erde zu bringen? Der daueramüsierte, Rätsel liebende Südstaatenschnüffler Benoit Blanc nimmt sich dem Mysterium an. Daniel Craig ist eine Gute-Laune-Wucht als Blanc, der Starauflauf an Verdächtigen ist spitze besetzt (Chris Evans als schwarzes Schaf der Familie, das riesigen Spaß daran hat, dass der Rest des Clans nun auch mal Antipathie abbekommt, sticht besonders heraus) und Ana de Armas, die ich zuvor meistens schwach fand, entpuppt sich hier als überaus talentiert: Sie spielt überaus differenziert und komplex die Pflegerin des Toten, die als Migrantentochter zum Streitthema der Familie wird. Die einen halten mit ihrer Geringschätzung gar nicht hinter dem Berg, die anderen sind so lange aufgeschlossen, bis sie das Gefühl haben, sie würden ihre Privilegien verlieren. Knives Out ist gerissen strukturiert, spitze gefilmt und voller markanter Figuren.

Platz 4: I'm Thinking of Ending Things (Regie: Charlie Kaufman)

Die Wartezeit war viel zu lang, doch dieses Jahr gab es endlich einen neuen Film von Charlie Kaufman: Diese surreale Tragödie mit viel schwarzem Humor und einem hypnotischen Look glänzt mit einer wundervollen Jessie Buckley und einem nicht minder denkwürdigen Jesse Plemons in den Hauptrollen. Bestechenden Dialogen. Und mit einer Story, die immer wieder in einem neuen Licht erstrahlt.

Platz 3: Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (Regie: Aritz Moreno)

Eine Geschichte über eine Geschichte, die sich im Rahmen einer Anekdote aufdrängt, die eine Anekdote beinhaltet ... Aritz Morenos Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden ist ein verwegener Genremischmasch aus Krimi, Komödie, Beziehungshorror, zynischem Melodrama und ein paar weiteren Genrekrümeln, in dem der Akt des Geschichtenerzählens der wahre Star ist. Wobei Morenos galant-unangenehme Regieführung ebenfalls großen Beitrag leistet: Immer wieder werden durch kleine visuelle Schnörkel, musikalische Entscheidungen und erzählrhythmische Ungenauigkeiten die Tonalitäten verwischt. Das Ergebnis ist nicht unbedingt einzigartig, aber durchaus unvergleichlich.

Platz 2: 1917 (Regie: Sam Mendes)

Zwei Soldaten werden im Ersten Weltkrieg aus ihrer Pause gerüttelt und mit der Aufgabe betreut, einen anderen Stützpunkt darüber zu informieren, dass seine Männer in eine Falle laufen werden, sollte man den geplanten Angriff auf die Deutschen nicht abblasen. Was folgt, ist ein sich dehnendes und wieder zusammenschnappendes Band der als Selbstverständlichkeit präsentierten Widersprüchlichkeiten. 1917 wirkt wie in Echtzeit erzählt, rafft aber eine Mission zusammen, die deutlich länger dauern würde als die Laufzeit dieses Films. Mendes erzählt von einem spezifischen Einsatz, der doch alltäglich ist und für unzählige andere stehen kann. Es ist eine in den Details realistische Darstellung dieses Geschichtskapitels, und doch ist die Gesamtheit des Films ein naturalistisches Essay, in dem die Landschaften und die poetisch-dringliche Klangtapete die Vergänglichkeit der Menschen und die Sinnlosigkeit ihrer Kriegshandlungen kommentiert. Denn egal, wie viel sie zerstören mögen, die Natur kann sich, im Gegensatz zu den menschlichen Opfern, unbeirrt regenerieren. 

Platz 1: Soul (Regie: Pete Docter & Kemp Powers)

Der beste Pixar-Film seit Alles steht Kopf: In Soul drängen sich Fragen auf wie "Was, wenn wir einem unerreichbaren Ziel nachjagen?", "Was, wenn die Leidenschaft zur Besessenheit wird?", "Was braucht es, um die Freude zu erkennen, die ständig direkt unter deiner Nase wartete?" und "Wie zeigt man auf, dass das Leben trotz Enttäuschungen lebenswert ist?" Wunderschön animiert (das herbstliche New York ist beinahe so einladend wie das Ratatouille-Paris), ebenso humorvoll wie gefühlvoll geschrieben und voller Kreativität, ist Soul ganz klar mein Lieblingsfilm des Jahres 2020. 

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