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Sonntag, 29. April 2012

Donald in Mathmagic Land

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

In der elften Ausgabe dieser Artikelreihe brechen wir zum zweiten Mal aus der Kurztrickfilm-Kategorie aus. Denn mit der nachlassenden kommerziellen Tauglichkeit regulärer Cartoons schenkten Walt Disney und seine Künstler dem Segment unterhaltsamer Lehrfilme wieder größere Aufmerksamkeit. Eine dieser lehrreichen Produktionen erfreute sich außerordentlich hoher Popularität: Donald in Mathmagic Land.

Cover der deutschen Veröffentlichung auf Videokassette

Wir erinnern uns kurz zurück an den Anfang von Donalds Solokarriere, als die Zeichner und Gagautoren befanden, dass es sich mit dem Wüterich deutlich flexibler Cartoons gestalten lässt, als mit Micky Maus. Sie hielten Donald für die unterhaltsamere Figur, weshalb alsbald mehr neue Kurzfilme mit ihm, als mit dem Rundohr produziert wurden. Diese studiointerne Auffassung, dass sich Donald einfacher zu unterhaltsamen Ergebnissen in eine Vielzahl von Situationen versetzen lässt, ist nicht unbedeutend, um die Geschicke hinter der letzten Phase von Donalds Leinwandkarriere zu begreifen.

Darüber hinaus lässt sich auf die Ära des Zweiten Weltkriegs zurückblicken, als sich die Studios gezwungen sahen, Aufträge für Propaganda- und Ausbildungsfilme anzunehmen, um ein wirtschaftliches Überleben zu sichern. Gegen Ende der 50er Jahre hatte Walt Disneys Unternehmen keine solch argen Probleme mehr. Die Realfilmproduktion war eine verlässliche Einnahmequelle, man hatte längst Fuß im Fernsehen gefasst, verfügte über einen stattlichen Katalog an zeitlosen Klassikern, die in regelmäßigen Abständen neu ins Kino entlassen werden konnten und hatte vor allem einen kleinen, florierenden Freizeitpark nahe Los Angeles. Das alles half allerdings nicht der Kurzfilmproduktion, die kaum mehr etwas mit dem eifrigen und von Pioniergedanken geprägten Geschäft gemein hatte, in die Disney drei Jahrzehnte zuvor einstieg.

Nachdem der Umstieg auf CinemaScope Disneys Kurzfilmproduktion noch etwas länger am Leben hielt, folgte 1956 die Einstellung aller regulären Reihen. Es folgten nur noch experimentellere Kurzfilme, etwas längere Produktionen sowie Lehrfilme, teils im Auftrag erstellt, teils von den Disney-Künstlern selbst erdacht. Der erste dieses neuen Schwungs an Lehrfilmen war Donald in Mathmagic Land, der zu den Kurzfilmen gehört, dem Walt Disney persönlich eine besonders hohe Aufmerksamkeit zuteil kommen ließ. Ihm war so viel an der Verwirklichung dieses Projekts gelegen, dass er es entgegen der Warnungen seines Bruders Roy, der Lehrfilme als wirtschaftliches Gift für das Studio betrachtete, ins Kino hievte, obwohl er Donald in Mathmagic Land unter weniger größeren finanziellen Risiken als Episode von Walt Disney presents im Fernsehen hätte zeigen können. Dort liefen zuvor bereits erfolgreiche, wissenschaftliche, dennoch kurzweilige Specials wie Man in Space.

Einige Biographien über Walt Disney zeichnen ihn als bildungsverdrossenen, einfach gestrickten Mann vom Lande, dem allein an Unterhaltung gelegen war. Insbesondere Richard Schickels Texte spielen bevorzugt auf Walts akademische Unbildung an und stricken darauf zuweilen ein bewusstes Desinteresse. Manche sind in ihrer Darstellung Disneys etwas differenzierter und gestehen ihm ein, anfangs Kunst produzieren zu wollen, vermuten allerdings, dass Walt an einem bestimmten Zeitpunkt mit der intellektuellen Elite brach und sich bloß noch auf die Interessen des simplen Amerikaners beschränken wollte. Zumeist wird der finanzielle Misserfolg von Fantasia als Wendepunkt bemessen. Das entspricht allerdings nur partiell der Realität. Es trifft zu, dass Walt Disney nach Fantasia in Interviews betont anti-elitär auftrat und auch davon sprach, nachts davon zu träumen, dass seine Filme in Kunstkinos aufgeführt würden, wovon er schweißgebadet und zitternd aufwache. Walt gab sich als Mann des Volkes, versteckte nicht, dass seine Leibspeisen so alltägliche Dinge wie Hamburger oder mit Käse überbackene Makkaroni sind, oder dass er seinen High-School-Abschluss erst ehrenhalber erhielt.


Dennoch blenden Biographen, die Walt Disney als Bildungsignoranten einordnen, zahlreiche entscheidende Fakten aus. Die zahlreichen Naturdokumentationen etwa, für die Walt eine große Passion aufbrachte, und für die er sich mit solch einer Überzeugung einsetzte, dass er sich von Vertriebspartnern löste und bittere Streits mit Roy führte. Aus heutiger Sicht mögen gerade die abendfüllenden Dokumentationen durch ihre Inszenierung und Vermenschlichung der Tiere verbesserungswürdig sein, damals jedoch spielten sie im Bereich des Dokumentarfilms weit vorne mit, und die Kurzdokumentationen packten ihre Themen generell etwas ernster an. Die zahlreichen informativen Fernsehspecials waren ebenfalls Herzensangelegenheiten Walts und keinesfalls als Anbiederung an Kulturhüter gedacht, geschweige denn kommerziell kalkuliert. Wäre es nach den Fernsehsendern gegangen, hätte Disney allein auf zuschauerträchtige Western- und Abenteuerserien gesetzt.

Aus diesen Gründen finden einige ehemalige Mitarbeiter Walt Disneys an ihn ignorant skizzierenden Biographien Anstoß. John Carl Nater, der während des Zweiten Weltkriegs in den Studios die Produktion militärischer Bildungsfilme koordinierte und in den 50ern Jahren die für 16mm-Film(kopien) zuständige Abteilung leitete, schrieb als Reaktion auf eine dieser fehlerhaften Charakterisierungen Walts:

"Die Fakten, so weit ich sie kenne, widersprechen Aussagen dieser Art, und es verstört mich, dass diese in Ihrem Buch vorkommen und den Eindruck erwecken, dass Walt Lehrende verachtete, gegen Aubildung war und auf irgendeinem Weg versuchte, Bildung zu verhindern. Dies entspricht schlichtweg nicht der Wahrheit. Meines besten Wissens und Gewissens nach, hatte Walt größten Respekt gegenüber allen Lehrenden und allgemein auch für die Bildung. Nun, es mag stimmen, dass es manchmal zwischen ihm und den wissenschaftlichen Beratern an unseren Ausbildungsfilmen zu Reibungen kam, aber das ist vollkommen normal. [...]

In meinen Augen steht es außer Frage, dass Walt überaus daran interessiert war, wie er sich im Gebiet der Bildung betätigen konnte – er betätigte sich, indem er die Talente in seinem Unternehmen dazu nutzte, sich schwierigen erzieherischen Problemen anzunehmen. Die Erfolge von The Story of Menstruation, Donald in Mathmagic Land, Our Friend the Atom und all den anderen erzieherischen Disneyfilme sind Zeugnisse von Walts Streben danach, bedeutsame Informationen zu nehmen und dem Durchschnittspublikum verständlich zu machen."
(John Carl Nater in einem Memo an den Walt-Disney-Biographen Richard Hubler, veröffentlicht in Walt's People – Volume 11 von Didier Ghez)

Walts Methode, Fakten verständlich aufzubereiten, beruhte insbesondere darauf, Wissensvermittlung unterhaltsam zu gestalten. Allerdings war dies eine Erkenntnis, für deren Umsetzung Walt Disney erst kämpfen musste. Treue Leser dieser Artikelreihe erinnern sich womöglich daran, dass das Finanzministerium dagegen war, dass Donald Duck im Kurzfilm The New Spirit vorkommt, um für pünktliche Steuerzahlung zu werben. Diese Meinungsverschiedenheit konnte Walt bekanntermaßen für sich entscheiden, jedoch hat er zuvor schon solche Kämpfe verloren:

Bereits am Morgen nach dem Angriff auf Pearl Harbor schloss Walt Disney mit Vertretern der Navy den ersten Vertrag über eine Serie an Ausbildungsfilmen. Ziel dieser war es, das Militärpersonal darin zu unterrichten, woran US-Flugzeuge von denen des Feindes unterschieden werden können. Aufgrund des sehr niedrigen Budgets sowie strenger Restriktionen der Navy, wie diese Trainingsfilme abzulaufen haben, produzierten die Disney-Künstler Storyboards wie am Fließband. Als Walt wenige Tage nach Produktionsbeginn diese überprüfte, merkte er an, wie trocken die daraus entstehenden Filme sein müssten, und dass sie die Jungs vom Militär höchstens in den Schlaf versetzen werden. Nach einer von höheren Navy-Mitgliedern besuchten Vorführung von rund 40 Minuten Ausbildungsmaterial ergriff Walt letztlich die Initiative: "Vielleicht können wir dieses Zeug etwas auflockern, indem wir eine kleine Geschichte mit Donald Duck einbringen? Könnten wir die Ente nicht als Dienenden verkleiden, und könnte er diese Dinge nicht erklären und, vielleicht macht er es anfangs falsch und dreht durch, weil auf ihn geschossen wird, doch später bekommt er es endlich raus, wie man es richtig macht ... Vielleicht bringen ihm seine Neffen bei, wie es richtig geht. Können wir nicht so etwas in Angriff nehmen?"

Um es kurz zu machen: Walt erhielt eine regelrechte Standpauke, dass er den Ernst der Lage nicht erkenne, und derart wichtige Dinge mit Späßen untergraben wolle. Außerdem müsse er sich nicht sorgen, dass Auszubildende beim Angucken dieser Filme einschliefen, da sie mit Ambition daran herantreten würden. Walt habe noch ein paar Mal versucht, die Navy umzustimmen, dann aber letztlich aufgegeben.

Mit Fortlaufen des Krieges lernte das Militär allerdings, wie Trainingsfilme und seine Kontakte in Hollywood anzugehen sind, so dass spätere Trainingsfilme unterhaltsamer gestaltet werden durften. Disney expandierte derweil über das Militär hinaus und produzierte zum Beispiel auch Lehrfilme für Firmen wie General Motors, die teilweise noch bis heute in der Ausbildung Verwendung finden.


Wie Walt Disney selbst erklärte, nutzen seine Lehrfilme das Medium des Zeichentricks, um Aufmerksamkeit und Interesse zu stimulieren. Ihm selbst war besonders viel daran gelegen, wichtige Dinge von allgemeiner Bedeutung aufzugreifen und diese Themen für Menschen attraktiv zu machen, die mit ihnen eingangs nicht viel anfangen konnten. Nach dem Erfolg der Disneyland-Ausgaben zum Thema-Weltraumforschung, ging man im Studio auf Ideensuche nach weiteren Themen für lehrreiche Sendungen. Eine dieser Ideen wurde The Magic of Mathematics betitelt, allerdings sah Walt darin größeres Potential und wollte dem Projekt durch eine Kinoveröffentlichung einen größeren Rahmen bieten, selbst wenn ihm von allen Seiten beteuert wurde, dass dies zu einem Verlustgeschäft würde.

Walt erhielt aber seinen Willen und setzte den Meisterwerk-Macher Hamilton Luske als das gesamte Projekt leitenden Regisseur und Wolfgang Reitherman, Les Clark sowie Joshua Meador als Sequence Directors an. Milt Banta, Bill Berg und Heinz Haber leiteten die Story-Entwicklung. Schnell waren sich alle einig, dass der Film Donald Duck in der Hauptrolle haben sollte, weil das Publikum aus dem Stand heraus ansprach und mit einer Mischung aus Neugierde, Begeisterungsfähigkeit sowie Widerstreben/Ignoranz einen guten Touristen durch den Irrgarten mathematischen Wissens abgäbe. Im gleichen Zuge legte man fest, dass Donald durch einen aus dem Off sprechenden Erzähler unterrichtet werden sollte. Die Off-Stimme hatte sich bereits in vielen Disney-Lehrfilmen sowie den How to ...-Goofy-Cartoons als Stimme der Autorität erwiesen, außerdem ersparte ein Off-Kommentar die Notwendigkeit, eine neben Donald agierende Figur zu entwickeln, zu zeichnen und sie in Interaktionen mit Donald zu verwickeln. Der Off-Sprecher konnte Donalds Handeln kommentieren, ihn auch bei Gelegenheit etwas verhöhnen, konnte sich die meiste Zeit jedoch auf die Wissenslektionen konzentrieren. Die Wahl fiel auf Paul Frees, der schon im Donald-und-Goofy-Cartoon Crazy Heat sowie zahlreichen Disneyland-Episoden zu hören war.

Frees spricht in Donald in Mathmagic Land den wahren Geist des Abenteuers, dem Donald während einer Safari begegnet, die ihn in ein surrealistisches Wunderland voller geometrischer Formen und skurrilen Wesen führte. Der Geist verspricht Donald, ihn in ein aufregendes Abenteuer zu führen, nämlich die Welt der Mathematik. Donald fühlt sich verschaukelt und keift den Geist an, doch dieser weckt Donalds Wissbegierde, als er ihm erklärt, dass Mathematik und Musik eng zusammengehören. Zum Beweis entführt der Geist des Abenteuers Donald ins antike Griechenland, wo Pythagoras herausfand, dass die Länge einer Saite mit der Höhe der mit ihr erzeugbaren Töne zusammenhängt. Donald und der Geist besuchen heimlich ein Treffen des großen Vordenkers und seiner Anhänger, als Donald deren improvisierte Musikstunde ordentlich aufpeppt. Es folgt eine kurze Lektion über die Form des Pentagramms, dem geheimen Zeichen der Pythagoräer, sowie über den "goldenen Schnitt", der im Ästhetikempfinden der alten Griechen eine bedeutsame Rolle spielte und seither in Kunst und Architektur nahezu überall wieder zu finden ist.

Diese Jam-Session erinnert ein wenig an Toot, Whistle, Plunk and Boom und übernimmt auch den Running Gag, dass beim Zupfinstrument zum Schluss einer Szene eine Saite reißt

Donald, der alte Hund entdeckt auch sein Schürzenjägertum aus  Drei Caballeros-Tagen und hechelt einer Frau mit perfekten Proportionen nach, mit der Begründung, dass er diese Form von Mathe richtig gern hat. Eine kurze Bilderschau zeigt, dass die Natur mathematisch perfekt berechnet und arrangiert ist (Donald hingegen nicht), daraufhin wird Donald in eine Reihe von Spielen und Sportarten versetzt, die mit Mathematik zusammenhängen. Dabei lässt der Geist es sich auch nicht entgehen, Donald als Alice verkleidet in eine Schachpartie zu ziehen, die an die Werke Lewis Carrols angelehnt ist. Sehr ausführlich ist ein Segment über Billard, bei dem Hobbyspieler einige wertvolle Profitipps für das Berechnen der richtigen Anstoßwinkel erhalten. Abschließend erklärt der Geist Donald, dass die menschliche Vorstellungskraft mit Hilfe der Mathematik die bahnbrechendsten Erfindungen machen kann.


Das Schachspiel zwischen zwei feindseligen Parteien, das generelle Grundgerüst des Films über eine Figur aus der normalen Welt, die in ein Land der Skurrilitäten stolpert und auch die Gestaltung der mathemagischen Wunderwelt erinnern nicht von ungefähr an Alice im Wunderland. Diese Parallelen dürften angesichts der Filmemacher nicht überraschen, waren die Regisseure und viele Mitglieder des gestalterischen Personals zuvor an eben jenem Film beteiligt. Allerdings liegt hier nicht bloß ein simpler Fall des Selbstplagiats vor. Viel eher ist es ein schlüssiges Konzept, das die hinter dem Film steckenden Vorhaben unterstützt: Es wird suggeriert, dass Mathematik eine faszinierende, wundersame Sache ist. Die obskuren Entdeckungen Donalds zu Beginn sprechen zudem Mathemuffel an, da Donald dieser seltsamen Welt genauso ratlos gegenübersteht, wie Mathehasser gegenüber Dingen wie Pi und Quadratwurzeln. Da Mathe im Laufe des Films mit Begeisterung begreifbar gemacht wird, bleibt das faszinierende Element bestehen, das verwirrende hingegen ebnet ab. Und auch Donalds ungewöhnliche, an Cast Member aus dem Disneyland-Part Adventureland erinnernde, Kleidung während der Eröffnung des Films kommt nicht von ungefähr: Sie verspricht Spannung, weckt abenteuerliche Assoziationen. Alles zusammen hat zur Folge, dass Donald in Mathmagic Land aufregend und kurzweilig erscheint, statt sich gleich zu Beginn als spröde Lehrstunde zu verkaufen.



Oben: Donald trifft auf ein Wesen, das genauso gut in Alice im Wunderland aufkreuzen könnte
unten: Dieses Kerlchen zitiert die Zahl Pi nur bis zur 13. Nachkommastelle richtig

Donald in Mathmagic Land feierte am 26. Juni 1959 seine Premiere und trat 1960 bei den 33. Academy Awards in der Kategorie "Beste Kurz-Dokumentation" an, die in den Vorjahren stark mit Naturdokumentationen und Kultur-/Landesreportagen (auch aus dem Hause Disney) besiedelt war. Neben Donalds zweitem mit einer Oscar-Nominierung im Dokumentarbereich gewürdigtem Film erhielt auch From Generation to Generation Berücksichtung durch die Academy. Diese Kurzdoku handelt von einer Bauernfamilie, die noch ohne Elektrizität lebte, und davon, wie sie sich durch die Jahre schlägt und Nachwuchs erhält. Außerdem wurde die niederländische Dokumentation Glass nominiert. Der visuell beeindruckende Einblick in die Glasflaschenindustrie, der nonverbal den Unterschied zwischen maschinell hergestellten und handgefertigten Flaschen aufzeigt, war es auch, der mit der Statuette prämiert wurde.

Walt Disney war begeistert von Donald in Mathmagic Land und sah ihn als Prototypen dafür, was er und sein Studio dem Lehrwesen schenken könnten. Im Kino feierte dieses Projekt aber nur bedingten Erfolg: Der Film kam zwar sehr gut bei seinem Publikum an, allerdings konnte Disney ihn aufgrund seiner Länge nur begrenzt an Kinos vermitteln. Dort lief er im Vorprogramm des Fantasyfilms Das Geheimnis der verwunschenen Höhle. Jedoch konnte Disney Donald in Mathmagic Land als 16mm-Kopie sehr gut an Schulen losschlagen, wo er mit seinen 27 Minuten Laufzeit perfekt in eine Unterrichtsstunde passte und für mehrere Jahrzehnte als Standardwerk vorgeführt wurde. Darüber hinaus war er 1961 der erste Film, der im Rahmen von Walt Disney's Wonderful World of Color gezeigt wurde und somit die erste Disney-Kinoproduktion, die es als Farbfilm ins Fernsehen schaffte.

Im August 1959 veröffentlichte Dell ein einmaliges Comic-Sonderheft unter dem Titel Donald in Mathmagic Land, dass mehrere kürzere, Mathe thematisierende Geschichten, sowie eine freie, 30-seitige Adaption des Kurzfilms enthielt. Der Mathemagie-Comic von Autor Don Christensen und Zeichner Tony Strobel verpasst Donalds Ausflugs ins zahlenreiche Wunderland eine Rahmengeschichte: Dagobert verlangt von seinem Neffen absurd hohe Zinsen für einen geliehenen Kleinbetrag, so dass sich seine Schulden trotz regelmäßiger Rückzahlung bloß vergrößern. Während der nächtlichen Lektüre eines Nachschlagewerks reißt Donald der Geduldsfaden, was den Geist der Mathematik erzürnt. Der Comic widmet der Geschichte der Mathematik mehr Aufmerksamkeit, indem er die Entwicklung des Zahlensystems und der Geometrie anschneidet, dafür fallen die Exkurse in die Bereiche Musik, Geometrie der Natur und Billard sowie auch die Vorführung großer Erfindungen kürzer aus.


Weil sich die Produktion besonders ambitionierter Lehrfilme sehr zu Walts Enttäuschung kaum rechnete, konnte er auch nach Donald in Mathmagic Land nur sporadisch solche Produktionen ins Kino entlassen. Die von ihm erträumte Massenproduktion ähnlicher Filme kam nie zu Stande, weil es ein zu großes wirtschaftliches Risiko für die Studios gewesen wäre und man es ihm nie erlaubt hätte. Ein paar Ausreißer gab es dennoch: 1961 folgten zum Beispiel noch Donald and the Wheel sowie The Litterbug (in welchem Donald über Umweltverschmutzung aufklärt), während Goofy 1965 in Freewayphobia über Sicherheit im Straßenverkehr referierte. Goofy, Micky, Donald und Co. verlagerten sich in den 60ern endgültig ins Fernsehen, während Walt Disney vor seinem Tod die Produktion kurzer Kinofilme mit Adaptionen von Winnie Puuh anleiherte. Die Geschichten mit dem dummen, alten Teddybären begeisterten das Publikum, doch er sollte den Oscar-Erfolg dieser Figur nicht mehr miterleben.

Mit sinkender Rentabilität von Kurzfilmen versiegte auch mehr und mehr die Menge an neuen Disney-Cartoons. Die wenigen Auftritt der alten Cartoonriege hatten Micky als Hauptfigur und Donald, wenn er denn mitspielt, nur als Nebenrolle. Auf einen neuen Kinokurzfilm mit dem Wüterich in der Hauptrolle gilt es noch zu warten. Und sollte jemals einer erscheinen und eine Oscar-Nominierung erhalten, so erwartet euch auch eine neue Ausgabe von Entengold ...

Samstag, 31. März 2012

No Hunting

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

Der zehnte Teil dieser Reihe beschäftigt sich mit einem im CinemaScope-Bildformat veröffentlichten Kurzfilm, in den Donald-Stammregisseur Jack Hannah Kindheitserinnerungen hat einfließen lassen: No Hunting.

 Diese spezielle Titelkarte eröffnete alle CinemaScope-Cartoons mit Donald

Wie bereits in der vorhergegangenen Ausgabe dieser Artikelreihe angerissen, befand sich die Kunstform des Kurzzeichentrickfilms in den mittleren 50er-Jahren im Umbruch. Hohe Kosten rechneten sich immer schlechter, und insbesondere Disney bekam die Konkurrenz durch die preiswerter arbeitenden UPA-Studios immens zu spüren. Darüber hinaus musste sich die Kinobranche im Allgemeinen Möglichkeiten einfallen lassen, wie die US-Bevölkerung von den Fernsehern loszureißen. Eine der intensivsten, allerdings auch schnelllebigsten, Revitalisierungskuren des Kinos kam in Form von 3D, dem sich die Disney-Studios damals nur in zweifacher Form annahmen: Mit dem als den ersten 3D-Cartoon beworbenen Melody, einem Vorläufer von Toot, Whistle, Plunk and Boom, sowie mit Donalds, Chips & Chaps Working for Peanuts, die beide 1953 den Weg in die Kinos fanden.

Aufgrund einer rasch einsetzenden Marktübersättigung an 3D-Filmen, von denen sehr viele auch mit einer überaus grausigen Qualität glänzten, verschwand der 3D-Trend ungefähr so schnell, wie er aufkam. Platz machte er für eine Vielzahl an Breitbildformaten, die mit hoher, strahlender Bildqualität aufwarteten und versprachen, den Kinogänger durch ihre schier biblischen Ausmaße förmlich ins Leinwandgeschehen zu versetzen. Der heutzutage stattfindende, von Regisseuren wie Brad Bird und Christopher Nolan vorangetriebene IMAX-Aufschwung inmitten des 3D-Booms ist also wahrlich kein filmhistorisches Novum ...

Auch Walt Disney, als technikversessener Visionär, fand großes Interesse an dieser Entwicklung und erwarb von Rechteinhaber 20th Century Fox als einer der ersten die Lizenz, CinemaScope zu gebrauchen. Noch 1953, dem Jahr in dem Fox seinen neuen Prozess öffentlich machte, brachten die Disney-Studios mit Toot, Whistle, Plunk and Boom kurz nach dem ersten 3D-Cartoon auch sofort den ersten Trickfilm in CinemaScope. Ein Jahr später erstaunte Walt Disneys erster auf US-Boden produzierter, reine Realfilm 20.000 Meilen unter dem Meer mit in CinemaScope eingefangenen, großartigen Spezialeffekten und einem imposantem Szenenbild, ehe 1955 mit Susi & Strolch der erste abendfüllende Zeichentrickfilm in CinemaScope die Lichtspieltheater eroberte.

Um Breitbildfilme mit entsprechenden Kurzfilmen koppeln zu können und mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten, wurden auch vermehrt Cartoons im CinemaScope-Format produziert. Dies war allerdings nicht ausschließlich eine kommerzielle, sondern auch eine kreative Entscheidung. Wie etwa der legendäre Zeichner Ward Kimball erklärte, konnte die Figurenanimation durch das neue Verfahren vollkommen neu gestaltet werden: Statt ihre Figuren auf einem Fleck vor einem sich bewegenden Hintergrund verharren zu lassen, war es den Zeichnern nun möglich, sie durch die Szenerie des breiteren Bilds zu bewegen. Die Vorzüge des CinemaScope-Formats und des damit einhergehenden, räumlicheren Sounds erkundeten die Disney-Künstler intensiv in ihrem zweiten Cartoon dieser Art: Charles Nichols Grand CanyonScope mit Donald Duck, der auch im Vorprogramm zu 20.000 Meilen unter dem Meer aufgeführt wurde.

Eine der vielen, das CinemaScope-Format voll ausschröpfenden Einstellungen von Grand CanyonScope

Der erste Disney-Kurzfilm, der nach Grand CanyonScope in die Kinos kam, behielt diese Mixtur bei: Auch der am 14. Januar 1955 erstveröffentlichte No Hunting zeigt Donald vor einem extragroßen Hintergrund und nutzt den künstlerischen Vorteil dieses Bildformat. Jedoch nehmen diese formal-handwerklichen Einfälle etwas weniger Raum ein, gebraucht Jack Hannah diesen Kurzfilm doch vornehmlich, um satirische Seitenhiebe auf den Jägersport auszuteilen. So macht er einem Frust Luft, den er seit Kindstagen mit sich herumschleppte ...

In No Hunting wird Donald pünktlich zu Beginn der Jagdsaison vom Geist eines Vorfahren besessen, der als hervorragender Jäger galt. Mit der Flinte schussbereit in der Hand fährt Donald, wie Hunderte andere Freizeitjäger, in den nächstgelegenen Wald, der alsbald an ein Kriegsgebiet erinnert.
Während sich Rugged Bear von 1953, von einer kurzen Anspielung auf den dabei entstehenden Müll, mit einem Kommentar zum Jagdsport weitestgehend zurückhielt und ihn lediglich als Vehikel nutzte, um den Bären Humphrey in Donalds Jagdhütte zu manövrieren, ist No Hunting eine ausgewachsene, und für damalige Disney-Verhältnisse auch recht bissige Satire aufs Jagen. Dieses erlebte in den 50ern eine regelrechte Renaissance und wurde von Gesellschaft und Medien stark romantisiert.

Regisseur Jack Hannah nutzte No Hunting dazu, Beobachtungen über das Gebärden von Sportjägern und -Fischern humorvoll-kritisch zu verarbeiten, die er bereits als Kind während Jagdausflügen mit seinem Vater machte. Schon damals, bevor der Jagdsport einen neuen Frühling in der US-amerikanischen Gesellschaft genoss, erlebte Hannah die jagende Meute als eine Ansammlung von Menschen, die für sich selbst eine größere Bedrohung darstellt, als für die im Jagdgebiet lebenden Tiere. Im Gespräch mit Walt's People-Autor Jim Korkis sprach Hannah rückblickend davon, dass einer Statistik nach am ersten Tag der Jagdsaison mehr Jäger als Rehe angeschossen werden. Eben dieses schießwütige und unorganisierte Verhalten von Amateurjägern wollte er mit No Hunting vorführen.



Drei Szenenbilder aus No Hunting: Von der dekadenten Villa in den herbstwarmen Wald in den Kriegsirrsinn

Die letzten Minuten des Films erinnern in ihrer Gesamtgestaltung letztlich sogar an die Kriegs-Propagandafilme, die bei Disney etwas mehr als zehn Jahre zuvor noch hergestellt wurden. Martialische Musik, Jäger, die sich in Schützengräben verschanzen, Truppen die aus Kampffliegern rausspringen und eine karge, ganz und gar uneinladende Landschaft betonten auf harsche, zugleich aber comichaft-amüsante Weise, wie zerstörerisch der amateurhafte Jagdsport für die Natur ist. Um die Wirkung der visuellen Kriegsanalogien zusätzlich zu untermauern, eröffnet No Hunting dagegen noch sehr prachtvoll: Layoutkünstler Yale Gracey und Hintergrundmaler Ray Huffine steckten Donald zu Beginn des für diese Ära des Disney-Cartoonschaffens besonders liebevoll sowie ausdrucksstark animierten Kurzfilms in eine feudal ausgestattete Villa (wo auch immer Donald diese nun herhaben mag), die das gesamte CinemaScope-Bild mit luxuriösen Details füllt. Danach lockt noch eine herbstliche, warme und satte Waldlandschaft, die mit Anbruch des ersten Jagdtags einer breiten Leinwand voller Ödnis und Kriegstreiben weichen muss.

Mit ihrem dadurch ausgedrückten Umweltbewusstsein waren Jack Hannah und die Autoren Dick Shaw & Bill Berg ihrer Zeit auch ein Schnippchen voraus, erst Anfang der 60er-Jahren wurde die Umweltverschmutzung ein gesellschaftlich prominentes Thema, welches seitens der Disney-Studios auch prompt durch einen Bildungskurzfilm mit Donald in der Hauptrolle kommentiert wurde. Hannah steuerte zudem einen der besten, und obendrein ungewöhnlich modernsten, Gags von No Hunting bei:  Er zeigt Bambi mitsamt seiner Mutter, wie sie an einem müllverschmutzten Fluss stehen. Solche Gastauftritte, noch dazu mit einem lässigen "Let's dig out!" seitens Bambis Mutter kommentiert, sind heutzutage üblicher, doch wie No Hunting beweist, längst keine Erfindung der letzten zehn bis zwanzig Jahren.

Weshalb No Hunting eine Oscar-Nominierung einheimste, dürfte vor diesem Hintergrund kaum überraschen: Die in Sachen Originalität im Kurzfilmsektor einst fast abgeschriebenen Disney-Studios überraschten mit einem zeitgemäßen, einer populären Meinung ohne moralischen Zeigefinger widersprechenden Satire, die obendrein technisch sowie trickkünstlerisch auf dem neusten Stand war. Und wie schon Rugged Bear war No Hunting für das zeitgenössische Publikum ein lauthalses Lachen auslösender Kurzfilm, der aus dem üblichen Disney-Output mit einem wahren Tex-Avery-mäßigen Tempo herausragte.

Bambis Mutter, etwas mehr als 35 Jahre vor ihrem Cameo in Die Schöne und das Biest

Am 21. März 1956 traten bei der Verleihung der 28. Academy Awards vier Cartoons im Rennen um die Trophäe für den besten animierten Kurzfilm an.

Neben No Hunting war mit The Legend of Rockabye Point zum ersten und einzigen Mal ein Cartoon mit Chilly Willy nominiert. Walter Lantz mochte diesen 1953 kreierten Pinguin besonders gern, fürchtete jedoch, dass die Figur nur wenig Potential aufweist. Doch ein Jahr später heute Tricklegende Tex Avery in Lantz' Studio an, woraufhin er die Regie beim von Kinogängern geliebten I'm Cold und diesem Oscar-nominierten Cartoon übernahm. Nach dem von Michael Maltese (One Froggy Evening) verfassten The Legend of Rockabye Point verließ Avery das Studio wieder, welches daraufhin nie mehr eine Oscar-Nominierung erhalten sollte.

Außerdem erhielt der Hanna-Barbera-Cartoon Good Will to Men eine Nominierung. Es war der erste Kurzfilm des Regie-Duos seit dem Jahr 1941, der nicht Teil der Tom & Jerry-Reihe darstellt und lässt sich als mit Mäusen besetztes Remake des gesellschaftskritischen (und ebenfalls Oscar-nominierten) Peace on Earth von 1939 betrachten. Der Oscar ging allerdings an Speedy Gonzales, den erst zweiten Cartoon mit der schnellsten Maus von Mexiko und die erste Begegnung zwischen Speedy und Sylvester.

Dieser Donalds Ahnen schöne Augen machende Elch wurde von Jack Hannah gesprochen, der noch weitere kleine Rollen in diesem Cartoon übernahm

Obwohl die CinemaScope-Kurzfilme weiterhin Publikumszuspruch erhielten, stellte Walt Disney 1956 mit der Donald-Duck-Serie auch seine letzte reguläre Cartoonreihe ein.  Jack Hannah blieb bis 1959 bei Disney beschäftigt, wo er sich nun vollauf auf die Fernsehshow Disneyland beziehungsweise Walt Disney presents konzentrierte. Hannah kam schon seit 1954 die Betreuung mehrerer Donald-zentrischer Episoden zu Teil, außerdem erhoffte er sich, durch das nun "hauptberufliche" Drehen von Walts Begrüßungssequenzen Erfahrungen als Realfilmregisseur zu sammeln, damit er dies zu seiner neuen Kernaufgabe bei Disney machen könne. Allerdings rasselte er deswegen mehrfach mit Walt Disney aneinander, der sich Hannah nicht in dieser Tätigkeit vorstellen konnte, so dass Hannah das Studio 1959 verließ. Schließlich kam er bei Walter Lantz unter, wo er mit dem Ranger Willoughby und Fatso Bear eine Kopie von Humphrey und Ranger Woodlore entwickelte. Diese bildete wiederum Konkurrenz zu Yogi Bär, Hanna-Barberas eigener Antwort auf Hannahs letzte große Disney-Schöpfung.

No Hunting war derweil der vorletzte Cartoon mit seinen klassischen Trickhelden, für den Walt Disney eine Oscar-Nominierung in der Kategorie für animierte Kurzfilme erhielt. 1962 folgte eine für Goofys Leinwand-Comeback Aquamania, doch hauptsächlich setzten die Disney-Studios ab den späten 50ern auf experimentellere Cartoons und kurzweilige Lehrfilme. Beide Formen erhielten auch Anerkennung in Form von Oscar-Nominierungen. Zu diesen späten Oscar-nominierten Disney-Kurzfilmen gehören Bill Justices Noah's Ark und ein weiterer Kurzfilm mit Donald Duck, der von der Academy als Dokumentation wertgeschätzt wurde. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe von Entengold.

Samstag, 10. März 2012

Rugged Bear

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

Im neunten Teil dieser Reihe nähern wir uns bereits dem Ende der Kurzfilm-Ära in den Disney-Zeichenstudios. In dieser Schlussphase zog mit dem Bären Humprhey ein weiterer, neuer Gegenspieler Donalds die Publikumsaufmerksamkeit auf sich. Sein Ruhm sollte nicht lange währen, da er ein Opfer des alsbald sinkenden Cartoon-Sterns wurde. Aber immerhin gereichte es ihm zu einer Oscar-Nominierung. Und zwar mit dem Kurzfilm Rugged Bear.

Auch wenn die Disney-Cartoons an Bedeutung euinbüßten, wurde jeder der letzten Donald-Kurzfilme von einem Poster begleitet, das ihn in den Kinohallen ankündigte

Zwischen Toy Tinkers und dem am 23. Oktober 1953 veröffentlichten Rugged Bear liegen rund vier Jahre – eine bewegte Zeit in der Disney-Geschichte. Der wilde Weihnachtscartoon erschien während einer Hochphase des Kurzfilms. Zwar gegen Ende eben dieser, dennoch kam dem gezeichneten Kino-Vorprogramm noch ein größerer Stellenwert zu. 1950 kehrten aber die Walt Disney Studios mit Cinderella von ihren "Package Movies" zur Produktion klassischer, abendfüllender Langfilme zurück. Außerdem erschien in diesem Jahr Die Schatzinsel in den Kinos, der erste reine Spielfilm des Disney-Konzerns. Eigentlich nur gedacht, um die seit des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien eingefrorenen Finanzressourcen nutzen zu können,  packte Walt die Welt des Realfilms genug, um seine alte Zeichnergarde besorgt anmerken zu lassen, welche Zeichen ihre Schatten voraus werfen: "Wir haben realisiert, dass wir Walt in dem Moment verloren haben, indem er sich auf einen dieser Kamerakräne gesetzt hat." Und der Realfilm sollte nur eine der vielen Ablenkungen sein, entdeckte Walt Disney im Laufe der 50er schließlich noch das Fernsehen für sich und konzentrierte sich zunehmend auf Disneyland ...

Der möglicherweise entscheidenste Nagel im Sarg der Cartoons dürften aber die gesteigerten Produktionskosten gewesen sein, die Walt Disneys Widerwillen, bei der Qualität Einbußen zu machen, ebenso gegenüberstanden, wie der Sturheit von Verleihern und Kinos, keinesfalls mehr für den Einsatz von Kurzfilmen zu zahlen. Aufgrund dessen wurde schon zu Beginn der 50er bei der Produktion der Kurzfilme langsam die Bremse gezogen: 1952 wurde die Pluto-Reihe beendet, 1953 erschien Mickys letzter klassischer Kurztrickfilm. Auch Goofy erlebte mit gleich vier Cartoons ein letztes großes Jahr, bevor er bis 1961 in den vorzeitigen Leinwand-Ruhestand trat. Nur Disneys gefragtester Cartoon-Star sollte weiter regelmäßig in neuen Filmen auftreten – was aber nicht heißen soll, dass Donald weiterhin "Disneys Clark Gable" war, wie noch in den 40ern. Die Langfilme waren nun ganz klar das größte Zugpferd Disneys, und da mittlerweile auch noch das Fernsehen dem Kino Konkurrenz machte, wurden die zur Zweit- oder sogar Drittnische im Kinogeschäft gewandelten Cartoons weiter an den Rand gedrängt.

Dass Walt Disney die Kurzfilme nicht völlig aufgab, sondern Donalds Reihe weiter am Leben erhielt und zudem einige Specials verwirklichen ließ, hatte verschiedene Gründe. Sie sollten die Künstler zwischen anderen Arbeiten beschäftigt halten und auch einen Platz bieten, um personelle oder technische Experimente einzugehen. Vor allem war es Walt Disney wichtig, dass seine Langfilme nur noch von eigens produzierten Vorfilmen begleitet werden. In den 50ern hatten die Cartoons für Disney also im Grunde genommen die Funktion, die Kurzfilme derzeit bei Pixar erfüllen.


Machten die so eben erwähnten Argumente die weitere Produktion von Kurzfilmen konzernintern weiterhin attraktiv, sollten neue Ideen, sowohl inhaltliche wie auch formale, das Interesse an Disney-Kurzfilmen seitens des Publikums aufrecht erhalten. Erneut war es Regisseur Jack Hannah, der vorschlug, Donald einen neuen Ko-Star an die Seite zu stellen und somit eine völlig andersartige Dynamik zu erzeugen. Statt kleiner, ihm allerdings vollkommen überlegener Störenfriede, sollte es in diesem Fall aber eine größere, animalische, doch unerwartet unterlegene Figur sein, deren Leben durch Donald erschwert wird. Und das nicht einmal wirklich vom Erpel beabsichtigt.

Abhängig davon, wen man fragt, griff Hannah bei der Suche nach einer neuen Figur für seine Donald-Cartoons auf den gleichen Trick zurück, der ihm die immens populären Chip & Chap bescherte.
Denn Disney-Forscher können schon ein ulkiges Völkchen sein. Zahlreiche Studiohistoriker sind sich sicher, dass sich hinter einem der beiden anonymen Bluthunde, die den entflohenen Sträfling Micky in The Chain Gang (1930) verfolgen, sein alsbald getreues Haustier Pluto verbirgt. Ebenso sind sie überzeugt, dass die zwei Streifenhörnchen, die Private Pluto (1943) das Leben schwer machen, die noch ungeformten Chip und Chap vor ihrem ersten wichtigen Auftritt sind. Ähnlich dieser inhaltlich diskutablen, dennoch mit großer Einigkeit akzeptierten Eckdaten der Disney-Geschichte, wird Humphreys Leinwanddebüt auf den 3. November 1950 datiert. An diesem Tag feierte der Goofy-Cartoon Hold That Pose Premiere, in dem Goofy einen ungehaltenen Bären zu fotografieren versucht, der bis auf eine etwas größere Nase kaum etwas mit Humphrey gemein hat.

Dennoch beugen wir uns an dieser Stelle einfach der Allgemeinheit, welche wiederum vornehmlich John Grants Perspektive ungefragt übernimmt und dabei sogar etwas glattbügelt. Dieser ist sich eigentlich gar nicht einmal absolut sicher, und mutmaßt in der Encyclopedia on Walt Disney’s Animated Characters bloß, dass es die gleiche Figur sein könnte. Wie dem auch sei, nehmen wir also an, dass Jack Hannah sich beim Kollegen Jack Kinney bediente, und seinen aggressiven Bären vollkommen gegen den Strich als ängstlichen, heimlichen Star eines Donald-Cartoons wieder verwendete.Im Grunde verleiht es Humphreys Comeback sogar etwas mehr kreativen Pepp:


Selbst wenn Micky, Donald und Co. früher mehrmals vor Bären Reißaus nehmen mussten, haben die starken Waldbewohner zu Zeiten des immer populärer werdenden Sportjagens nichts mehr zu lachen. Als wieder einmal die Jagdsaison beginnt, nehmen die Bären Reißaus und suchen nach sicheren Verstecken. Humphrey (in diesem Cartoon noch namenlos) verpennt allerdings, weshalb es ihm nur noch übrig bleibt, sich in einer Jagdhütte zu verschanzen. Kein intelligent gewähltes Versteck zur Jagdsaison für einen Bären? Das muss auch der panische Humphrey erkennen, als sich Jäger Donald seiner Hütte nähert. Kurzerhand rollt Humphrey das alte Bärenfell vor Donalds Kamin zusammen und stellt sich tot. Einen Bärenteppich zu mimen stellt sich allerdings als wahre Folter heraus, denn Donald geht nicht gerade pfleglich mit seinem Vorleger um ...

Neben den zahlreichen Verfolgungsjagd-Cartoons der Konkurrenz, wie denen mit Tom & Jerry, Sylvester & Tweety oder Road Runner & Wile E. Coyote, aber auch innerhalb der stark auf Schlagabtausche aufbauenden Donald-Cartoonreihe war Rugged Bear eine Besonderheit. Es gab keine sich duellierenden Figuren, zumindest nicht im klassischen Sinne, weder resultierten die Gags aus einem Wettstreit, noch sah sich ein wehrender Protagonist zunehmenden Widrigkeiten ausgesetzt, die er letztlich nur noch hochschaukelt. Stattdessen handelt Rugged Bear von einer Figur, die ihr Unglück aussitzt, der Witz besteht aus Donalds schludrigem Umgang mit seinem "Teppich" und dem für Humphrey somit kontinuierlich unerträglicheren Belastungstest, den er mit leidvollem (sowie mitleiderregendem) Gesicht durchzuhalten versucht.

Das erstklassige Timing in diesem Cartoon und der zum Schluss auch für ein paar unerwartete Momente dienliche Einfallsreichtum der Gagschreiber Al Bertino & Dave Detiege machte sich ganz offensichtlich bezahlt: Rugged Bear wurde nicht nur für einen Academy Award nominiert, sondern zu einem der wenigen denkwürdigen Kinoerfolge in der späten Disney-Cartoon-Ära. Bertino & Detiege sollten in den folgenden Jahren unter Jack Hannahs Regie noch weitere Humphrey-Cartoons verfassen. Weshalb Rugged Bear und seine Nachfolger so besonders heraus stachen, erkläre Animations- und Disney-Historiker Leonard Maltin damit, dass sie für dröhnendes Gelächter aus dem Bauch des Publikums sorgten. Das hatten sie mit einigen der besten Cartoons von MGM oder Warner Bros. gemeinsam, während Disney nur noch für süße, gemütlich-amüsante Kurzfilme bekannt war. Im Bereich des ewigen Katz-und-Maus-Spiels konnte und wollte Disney nicht an die hohe Schlagzahl sowie die Cartoonbrutalität der Konkurrenz anschließen, die letztlich so sehr ausuferte, dass die als Parodie dessen gedachten Road Runner & Wile E. Coyote-Cartoons nicht als Persiflage aufgefasst, sondern nur der nächste Schritt verstanden wurden. Und auch im Bereich des normalen Unglücksslapsticks, wie ihn einst Goofy und Donald dominierten, überschatteten die oftmals viel schnelleren, keinerlei Pausen zulassenden Filme anderer Studios Disneys Schaffen.


Auch visuell schlugen die Mitbewerber Disney ein Schnippchen, insbesondere UPA, deren stark limitierte Animation vor stilisierten, grafischen Hintergründen dem Publikum etwas völlig neues bot. Die "Limited Animation" wirkte wesentlich moderner als Disneys eher realitätsorientierte Optik, barg aber darüber hinaus den wirtschaftlichen Vorteil, dass sie kostengünstiger zu produzieren war – ein beachtlicher Pluspunkt in der wirtschaftlich herausfordernden Lage, in der sich das Kurzfilm-Business befand.

Wie der aufmerksame Leser anhand der Bilder zu Rugged Bear sicherlich bereits erahnen konnte, ließ Disney auch diesen visuellen Vormachtsstellungswechsel nicht unkommentiert geschehen. Generell waren in den 50er-Jahren einfach nur die Hintergründe der Disney-Cartoons weniger aufwändig als zuvor, um die Kosten in einem vertretbaren Rahmen zu drücken. In manchen Kurzfilmen jedoch wagten die Künstler den Schritt zur Modernisierung – oder zum Spicken bei der Konkurrenz. Je nachdem, wie man solch einer Marktorientierung gegenübersteht.

Unabhängig davon, wie man das Beobachten der Mitbewerber nun einschätzen möchte, darf man 1953 recht unstrittig als ein ganz besonders vom kurzfristigen Modernisierungsprozess geprägtes Disney-Jahr einschätzen: Im Donald- und Chip-und-Chap-Cartoon Working for Peanuts brachte Hintergrundmaler Eyvind Earle eine moderne Sensibilität in den Disney-Kurzfilm ein, ohne offensiv vom UPA-Stil abzupausen. Die von ihm mitgestalteten, musikerzieherischen Kurzfilme Melody und Toot, Whistle, Plunk and Boom werden wiederum gemeinhin als Antwort auf UPA eingeordnet. Rugged Bear dagegen bleibt von dieser Diskussion zumeist verschont, obwohl Layoutkünstler Yale Gracey und Hintergrundmaler Ray Huffline Donald und seinen neuen Co-Star ausnahmsweise in eine außerordentlich stilisierte, grafische Umgebung versetzten.

Von oben nach unten: Rugged Bear, When Magoo Flew (als typischer UPA-Vertreter) und Toot, Whistle, Plunk and Boom

Die 26. Verleihung der Academy Awards am 25. März 1954 hatte zwei große Gewinner: Den Film Verdammt in alle Ewigkeit, der mit überragenden acht Oscars mit dem damaligen Rekordhalter Vom Winde verweht gleichzog, und Walt Disney, der ebenfalls einen Rekord aufstellte. Er gewann sogleich vier Auszeichnungen, mehr als jemals zuvor eine Einzelperson während einer einzigen Oscar-Verleihung. Bis heute gelang es niemanden, diese Bestleistung zu überbieten.

Disney erhielt den Dokumentarfilm-Oscar für Die Wüste lebt, den ersten von ihm produzierten, abendfüllenden Naturfilm, sowie die Trophäe für den besten Kurz-Dokumentarfilm (The Alaskan Eskimo). Außerdem gewann Walt Disney den Preis für den besten "Two-Reeler Kurzfilm" (ein Kurzfilm mit mehr als 15 Minuten Laufzeit). In dieser Kategorie setzte sich die Dokumentation Bear Country gegen den ebenfalls von Disney produzierten Zeichentrickfilm Ben and Me und drei weitere Konkurrenten durch. Des Weiteren bekam er eine Auszeichnung für Toot, Whistle, Plunk and Boom, in dem die Academy den besten Cartoon sah.

Somit Walt Disney zum ersten Mal seit elf Jahren die Statuette für den besten animierten Kurzfilm, zuletzt gewann er den begehrten Preis für Der Fuehrer's Face  bei der Oscar-Verleihung im Jahr 1943 . Neben den beiden Disney-Filmen war auch Chuck Jones mit From A to Z-Z-Z-Z, einem Looney-Tunes-Cartoon über die von Trickhistorikern oftmals übersehene Figur Ralph Phillips, nominiert. Der darin mit überbordender Fantasie unterhaltende Schuljunge brachte es insgesamt auf nur zwei Kurzfilmauftritte.

Die restlichen zwei Nominierungen gingen an das Trickstudio UPA, den neuen Stern am Trick-Firmament. Beide ihrer nominierten Kurzfilme wurden von Stephen Bosustow produziert und könnten unterschiedlicher kaum sein: Christopher Crumpet ist ein sehr simpler, familienorientierter Cartoon, der ebenfalls von einem fantasievollen Jungen handelt. The Tell-Tale Heart, der andere nominierte Film, dagegen wurde von der britischen Freigabebehörde als erster Cartoon der Geschichte mit einem X-Rating versehen und somit nur für erwachsenes Publikum empfohlen. Der Cartoon ist eine Adaption von Edgar Allen Poes Das verräterische Herz und vermittelt via zunehmend surrealistischer Bilder die Transzendenz des Ich-Erzählers in den Wahnsinn. Seit 2001 ist dieser Kurzfilm Teil des National Film Registry der USA, und somit ein schützenswertes Kulturgut, zuvor wurde er von Animationshistorikern zu einem der 50 besten Cartoons der Geschichte gewählt. In dieser Abstimmung platzierte er sich auf Rang 24 – fünf Slots besser als Toot, Whistle, Plunk and Boom.

Die durch Verwendung von CinemaScope und dem studioeigenen Pomp auf einem Aufsehen erregenden Niveau verwirklichte Antwort Disneys auf den stilisierten UPA-Look behielt bei den Academy Awards allerdings die Überhand. Dank der jahrzehntelangen Verwendung von Toot, Whistle, Plunk and Boom als Lehrfilm im Musikunterricht dürfte Disneys Konter auf UPAs rasanten Aufstieg auch der bekanntere Cartoon sein. Sicherlich sehr zum Unmut von Jules Engel, der in Disneys einzigem Oscar-prämierten Cartoon der 50er (und dem letzten während Walts Lebzeiten) eine miese, uninspirierte Kopie der vorrangig von ihm geprägten UPA-Ästhetik sah.


Das Team hinter Rugged Bear hatte derweil nicht im Traum mit dem enormen Publikumszuspruch für seinen Cartoon gerechnet, der eigentlich nur etwas Abwechslung bringen sollte: "Um etwas neues zu machen, probierten wir die Ente im Zusammenspiel mit einem Bären aus", erklärte Jack Hannah in einem Interview mit Disney-Historiker Jim Korkis, "und es schien ein unmittelbarer Erfolg zu sein." Aufgrund dessen planten sie einen neuen Film mit dem noch namenlosen Bären, "und es erschien uns nahe liegend, ihn in einem Nationalpark spielen zu lassen." Das Ergebnis war Grin and Bear It von 1954, Humphrey erhielt nun offiziell seinen Namen, und auch eine neue Nebenfigur wurde darin eingeführt: Ein kleiner, dicklicher Ranger (später J. Audubon Woodlore benannt).

Beide sollten die letzten Shooting Stars der Disney-Cartoon-Ära werden: Der Ranger versuchte den chaotischen Touristen Donald noch 1954 im Cartoon Grand Canyonscope versuchen, in Schach zu halten, und im Jahr 1955 trat Humphrey noch zwei weitere Male mit Donald auf. Die Biene Spike brachte es zwar auf mehr Auftritte, erreichte allerdings nicht die gleiche Popularität, für die Humphrey 1956 mit seiner eigenen, von Jack Hannah geleiteten Kurzfilmreihe entlohnt wurde. In dieser war er der Protagonist, der sich mit dem ordnungsliebenden Ranger J. Audubon Woodlore rumschlagen musste. Einer dieser Cartoons, In the Bag, inspirierte sogar eine recht erfolgreiche Schallplatte.

Der Aufstieg des Fernsehens und der Untergang der Kurzfilm-Tradition würgte Humphreys und J. Audubon Woodlores Aufstieg zum Ruhm allerdings abrupt ab, denn die Disney-Studios wollten sich vor diesem Hintergrund nicht intensiv um Newcomer-Figuren kümmern. J. Audubon Woodlore war in der Funktion eines kurzweiligen Lehrers zum Thema Umwelt eine kurze Karriere in The Wonderful World of Disney beschieden, während Humphrey kurzfristig als Comicfigur ausgetestet wurde. Allerdings konnte er in diesem Medium keinen Fuß fassen, daie Comicautoren nicht genug mit ihm anzufangen wussten. So reihten sich Bär und Ranger beide in die lange Liste vergessener Disney-Randfiguren ein, wie zuvor schon Klara Kluck, Rudi Ross oder Toby Tortoise.

Erst Jahrzehnte später fand Humphrey, und in einer wesentlich kleineren Rolle auch Ranger J. Audubon Woodlore, als ein Stück Disney-Nostalgie neue Beachtung. In Form von kleinen Insidergags beziehungsweise bewussten Rückgriffen auf frühere Tage, nutzten Serienautoren Humphrey in Campingfolgen von Chip und Chap: Die Ritter des Rechts, Goofy & Max und zusammen mit dem Ranger auch von Neue Micky Maus Geschichten. Es folgten Cameos in Micky Maus Wunderhaus und Mickey Epic.

oben: Humphrey und J. Audubon Woodlore weisen auf ein Pin-Trading-Event im kalifornischen Disneyland hin. Die Silhouette in ihrer Mitte dürfte das einzige sein, das Durchschnittsbesuchern etwas sagt; unten: Humphrey und drei dezent populärere Disney-Stars in der Wilderness Lodge (Bildquelle: Main Street Gazette)

Und auch in den Disney-Parks, die mit ihrer für echte Disney-Fans gedachten Detailarbeit immer wieder erstaunen, kann man Humphrey vereinzelt sichten: Er ist eine der auf Merchandising der Wilderness Lodge wiederholt vorkommenden Disney-Figuren, ist auf einem Walt-Disney-World-Straßenschild für dieses Hotel zu sehen und wurde zudem in die Hoteldekoration eingearbeitet – wobei sich Disney-Kenner und -Angestellte sehr häufig die Frage "Wer ist der Bär auf dem Totem?" anhören müssen. Im California Adventure Park, zu guter Letzt, informieren Humphrey und der Ranger über die aktuelle Wahrscheinlichkeit eines Waldbrandes.

Um aber in die 50er zurückzukehren: Dass die Lebensdauer der Donald-Cartoonreihe überhaupt in die Wirkzeit des Fernsehens verlängert werden konnte, durfte neben Humphreys Popularität vor allem von einem technisch-künstlerischen Formatwechsel beeinflusst sein. Und darauf gehe ich im nächsten Teil von Entengold genauer ein ...

Sonntag, 19. Februar 2012

Toy Tinkers

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

Im achten Teil dieser Reihe begegnet Donald erneut seinen ärgsten Widersachern aus späten Kinojahren. Diese erleben magische Minuten in einer Spielzeugwelt, bevor zwischen ihnen und Donald während der besinnlichen Weihnachtszeit ein Kleinkrieg losbricht. Es geht um den in einigen Ländern zu einer alljährlichen Tradition gewordenen Cartoon Toy Tinkers.

Die Titelkarte zum Oscar-nominierten Kurzfilm

1947 trafen Donald und Chip & Chap in einem winterlichen Cartoon erstmals aufeinander, nachdem Donald beim Feuerholz hacken ausgerechnet den Heimatbaum der zwei Streifenhörnchen fällte. Zwei Jahre später, genauer gesagt am 16. Dezember 1949, kam erneut ein Winterkurzfilm mit diesen drei Disney-Stars in die Kinos. Jedoch zeugt dies nicht davon, dass dem Team rund um Jack Hannah bereits innerhalb so kurzer Zeit die Ideen für diese Figurenkonstellation ausgingen. Viel eher stehen die zwei Oscar-nominierten Cartoons Chip an' Dale und Toy Tinkers exemplarisch dafür, wie sich die Cartoonduelle zwischen Ente und Nagetier weiterentwickelten. Sie nahmen ihren Anfang als Disneys ganz eigene Antwort auf den Trend der Jäger-und-Gejagter-Dynamik in animierten Kurzfilmen und waren zunächst noch vom eher besonnenen Nachkriegs-Charakter Donalds geprägt.

Doch schnell schliffen Jack Hannah und sein Team von Enten-Autoren und -Zeichnern, darunter vor allem Bill Justice, der die Auftritte der Streifenhörnchen enorm beeinflusste, ihre neue Cartoonformel ein. Sie formten aus ihr etwas neues, indem sie Donalds Zorn wieder stärker betonten und eine dynamischere, schnellere Inszenierung sowie Gagfolge etablieren. Es passte definitiv auch zum Publikumsgeschmack der Zeit, dass die Cartoongewalt größere Ausnahme annahm, aber es blieb dem Titelhelden dieser Filme treu.

Toy Tinkers sticht zugleich dadurch hervor, dass er das Weihnachtsfest ungewöhnlich thematisiert. Dass dieses besinnliche Fest als Hintergrund immer weiter eskalierender Cartoongewalt dient, was damals nicht nur für Disney-, sondern auch für Zeichentrickfilme generell noch nahezu unbeackertes Gebiet. Zu den raren Ausnahmen gehörte etwa der Tom-und-Jerry-Cartoon The Night Before Christmas, in dem sich allerdings keine Zeit für weihnachtliche Festlichkeit genommen wird. In Toy Tinkers dagegen wird dieser weite Bogen geschlagen, selbst wenn die stilistische Präferenz überdeutlich ist:


Donald schmückt seinen Weihnachtsbaum in einer der detailreicheren Einstellungen des Kurzfilms (und dennoch sah das Storyboard noch mehr Details vor)

Zur Weihnachtszeit fällt Donald im Wald seinen Weihnachtsbaum. Durch seinen Lärm weckt er Chip und Chap (oder nunmal Ahörnchen und Behörnchen) auf, die es sich in ihrem Winterversteck gemütlich machten. Neugierig folgen sie Donald in sein Haus, das bis zum Bersten mit Spielzeug gefüllt ist. Verspielt, wie er ist, streunt Chap die Rolle eines Gentleman verkörpernd durch Donalds Spielzeuge, doch Chip ruft ihn alsbald zur Vernunft zurück. Sie machen sich auf, Donalds Nussvorrat zu stehlen, und zwar unter Verwendung eines Spielzeuglasters. Donald beobachtet dieses Schauspiel, und gönnt sich den Spaß, ebenfalls mit Spielzeug und Fantasie zurückzuschlagen. Dies misslingt, und die Zankerei um die Nüsse eskaliert, bis sich beide Parteien in Schützengräben verschanzen und zu den Waffen (sowie List und Tücke) greifen ...

Stellt man Chip an' Dale und Toy Tinkers direkt nebeneinander, verdeutlicht sich, welche Entwicklung Jack Hannah als Haupt-Regisseur der Donald-Cartoonreihe durchmachte. Das erste Aufeinandertreffen von Donald und seinen pelzigen, kleinen Widersachern war eher von der durch treffende Charakteranimation ausgeformten Situationskomik bestimmt, wie die Gegner oftmals verdutzt aufeinander reagieren. Das Tempo dieses Kurzfilms war nicht sonderlich rasant und die Action noch eher gedrosselt. Auch andere frühe Regiearbeiten Jack Hannahs verfügten über einen vergleichbaren Stil: In Daddy Duck übt sich Donald, so weit es ihm mit seinem Nervenkostüm gestattet ist, in Geduld mit seinem Känguru-Pflegekind, in Inferior Decorator versucht er die ihm lästige Biene mit kleineren Streichen loszuwerden. Und selbstredend weckt es auch Erinnerungen an Tea for Two Hundred. Jack Hannah verwirklichte allerdings auch temporeichere Cartoons, in denen Donalds Cholerik und die freche Natur seiner Quälgeister zu cartoonhafter Slapstickgewalt führte, die mit zunehmendem Tempo inszeniert wurde. Zu nennen wären etwa Three for Breakfast, in dem Donald zahlreiche Küchenutensilien gegen Chip und Chap einsetzt, oder das ewige Hin und Her zwischen den drei Trickhelden in All in a Nutshell. Diese Seite des späten Donald-Stammregisseurs gewann schnell Überhand.


Das Ende von Toy Tinkers unterstreicht diese Entwicklung. Gab es in Chip an' Dale nur wenig Schlagabtausch, besteht die zweite Hälfte dieses Weihnachts-Kurzfilms aus fantasievollem sowie zunehmend gewalttätigem Einsatz von Spielzeug und Sprengstoff. Die Kriegs-Analogien sind gewitzt, und die Auseinandersetzung zwischen Donald und den Streifenhörnchen eskaliert ganz und gar konsequent. Noch folgende Kurzfilme mit Chip & Chap, wie Crazy Over Daisy, Trailer Horn oder Out on a Limb, sollten sogar ein noch stärkeres Augenmerk auf diese Ente-und-Streifenhörnchen-Jagd legen und das Slapstick-Timing der neuen Donald-Zeichner und ihres Regisseurs Hannah als ihre sprichwörtliche Visitenkarte verwenden. Somit entfernten sich die actionreichen, frenetischen Donald-Cartoons noch weiter von den ruhigeren Micky- und Pluto-Cartoons sowie Goofys eher auf Situationskomik basierendem Sport-Slapstick sowie seiner sich in den 50ern entwickelnden Durchschnittsamerikaner-Attitüde, welche Jahre zuvor unter Jack King vielleicht noch Donald zugekommen wäre.

Die makellose, fließende Dynamik von Toy Tinkers und der einfallsreiche wie auch pointierte, nicht ermüdende Einsatz der Jack-Hannah-Trickgewalt dürften einen großen Teil zur Oscar-Nominierung dieses Kurzfilms beigetragen haben. Tricktechnisch ist dieser Donald-Klassiker zumindest kein Beispiel aus der allerersten Reihe der Disney-Kurzfilmproduktion. Donald ist in mehreren Einstellungen kurz "Off model", hat etwa plötzlich Pausbäckchen oder zu dünne Ärmlein. Und während Hintergrundmalerin Thelma Witmer in den Oscar-Kandidaten der zwei letzten Vorjahre Glanzleistungen vollbrachte, ist Donalds Blockhütte in Toy Tinkers ein Opfer von Sparzwang und Cartoon-Physik: Es besteht aus einem gräulichen Teppich und einer detaillosen, blauen Wand, die Dimensionen des Hauses wechseln ununterbrochen. Die Charakteranimation von Chip und Chap sowie die liebevolle Ausarbeitung der Spielzeuge heben Toy Tinkers rein visuell allerdings noch auf den damaligen Disney-Durchschnitt.


Ein weiteres Herausstellungsmerkmal dieses Cartoons ist Chaps kurzer Streifzug durch die Unmengen an Spielzeug, die Donald in seinem Häuslein hortet. Wie er von jazziger Musik begleitet an Püppchen und Teddybären vorbeischlendert und ein Duell zweier Aufziehfiguren betrachtet, weckt den Geist früher Silly Symphonies. Zusammen mit der letzten Szene des Films, in der Chip und Chap mitsamt einem stattlichen Nussvorrat und Donalds Aufziehspielzeug Archibald Willards Ölgemälde The Spirit of '76 nachstellen, hat diese Spielzeugparade auch etwas vom ersten großen Disney-Weihnachtscartoon Santa's Workshop, der ebenfalls Charme und Witz aus seinen animierten Aufziehfiguren gewan. Die Gegenüberstellung von Spielzeugzauber und -gewalt entwickelt sich somit zum inszenatorischen Clou von Toy Tinkers; lässt sich dieses anarchische Finale zunächst doch gar nicht absehen.

Begleitet wird die eben genannte Schlussszene von einer Adaption Franz Schuberts Militärmarsch, den Beginn des Cartoons untermalte dagegen ein die für Disney-Kurzfilme übliche Leichtigkeit versprühendes Arrangement von Jingle Bells. Chaps Erkundungsreise durch die Spielzeugsammlung Donalds wird hingenen von einer freien Jazz-Variations von Tchaikovskys Waltz of the Flowers unterstrichen. Verantwortlich für die wandlungsfähige und stimmige Musik dieses Cartoons war nicht Stammkomponist Oliver Wallace, sondern Oscar-Preisträger Paul J. Smith, der unter anderem Pinocchio, Drei Caballeros und Die Wüste lebt zu ihrem Klang verhalf.


Willards Ölgemälde wurde von einer Feiertagsparade inspiriert und wurde durch seine Museumsausstellung im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung zu einem US-patriotischen Symbol

Am 23. März 1950 fand die 22. Oscar-Verleihung statt, bei welcher Toy Tinkers gegen drei weitere Cartoons in der Kategorie "Bester animierter Kurzfilm" antrat. Ursprünglich waren wie nunmehr üblich fünf Produktionen nominiert, jedoch zog Edward Selzer den von ihm produzierten Canary Row mit Sylvester & Tweety nach Bekanntgabe der Nominierungen aus dem Oscar-Rennen zurück. Die Gründe für diese Entscheidung sind nicht bekannt.

Somit bestand Disneys Konkurrenz zum einen aus jazzigen The Magic Fluke, dem vorletzten Cartoon der nunmehr nahezu vergessenen Figuren Fox & Crow. Grund dafür war, dass die Columbia Studios ihre Trickfilmproduktion nicht mehr zur vollen Zufriedenheit regeln konnten. Auf Anfrage des aufstrebenden Produzenten Steven Bosustow lagerten sie die Animationsarbeiten zu Bosustows kleinen Trickstudio UPA aus. Dieses brauchte damals dringend eine Vertragspartnerschaft mit einem großen Studio und willigte deshalb in Columbias Forderung ein, die etablierten Reihen fortzuführen und an anthropomorphen, komödiantischen Tieren festzuhalten. Die Künstler bei UPA waren jedoch weniger konformistisch als ihre Vorgesetzten und lieferten unter der Regie John Hubleys zwei nahezu avantgardistische Fox-and-Crow-Filme ab. Diese stießen bei Columbia auf arge Zweifel, welche jedoch durch die Oscar-Nominierung beider Cartoons plötzlich vergessen waren. Nun gaben die Columbia Studios UPA freies Geleit, weshalb sie nach einem dritten Cartoon mit dem tierischen Duo, Punchy de Leon, die Reihe fallen ließen. Der neue Star von Columbia/UPA wurde bald darauf ein gewisser, blinder, älterer Herr namens Mister Magoo ...

Zum anderen wurde neben Toy Tinkers der mittlerweile 41. Kurzfilm mit Tom & Jerry nominiert, Hatch Up Your Troubles. In diesem fällt Jerry unversehens ein Spechtbaby in die Arme, mit dem der Mäuserich es jedoch nicht lange aushält. Als Jerry den kleinen Vogel davon scheucht, gerät dieser ins Visier von Kater Tom, weshalb Jerry sich aufrafft und gemeinsam mit dem Holz zerhämmernden Vogel gegen den hungrigen Samtpföter antritt.

Die begehrte Statuette gewann aber Edward Selzer, der seinen Cartoon For Scent-imental Reasons im Rennen behielt. Es ist der erste und bislang einzige Kurzfilm mit Pepé Le Pew, der mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, sowie Chuck Jones erste mit einem Oscar gekrönte Regiearbeit. In dieser versucht Pepé vergebens der Katze Penelope, die er für ein Stinktier hält, Avancen zu machen. Diese nimmt bei Pepés eigenwilligem Aroma aber ununterbrochen Reißaus.

Drei der vier Oscar-Kandidaten waren also ganz eigendynamische Abwandlungen eines ewigen Katz-und-Maus-Spiels, darunter auch der Gewinner-Cartoon. Es sollte aber das aufblühende Studio UPA sein, das in den Folgejahren das Gesicht der Trickfilmkunst entscheidend mitprägte ...


Disney-intern lässt sich aber auch Toy Tinkers durchaus eine prägende Funktion zusprechen. Die Idee, Chip und Chap als kleine, neugierige und spielfreudige Betrachter in eine bunte Welt zu packen und darauf Slapstick-Action folgen zu lassen, fand sich zwei Jahre später in Out of Scale wieder, in welchem sie in Donalds Modellstadt einziehen, sowie zu gewissem Grade in Test Pilot Donald und Chips Ahoy, in denen sich die Streifenhörnchen als Piloten bzw. Kapitäne von Donalds Modellflugzeug/-schiff behaupten. Ohne Donald wurde das Erfolgsrezept von Toy Tinkers zudem 1952 im Weihnachts-Cartoon Pluto's Christmas Tree wiederholt. Dort wandern die Nager staunend durch einen Weihnachtsbaum und bringen somit ihren allerersten Widersacher Pluto auf die Palme. Toy Tinkers markiert zugleich einen Wendepunkt, ab welchem man auch diskutieren könnte, dass Chip und Chap die Hauptfiguren sind, und Donald ihr Konkurrent. Der Kurzfilm Two Chips and a Miss macht sie 1952 letztlich sogar zu den alleinigen Stars – und auch hier darf Zeichner Bill Justice beweisen, wie lässig und jazzig-stilvoll er die kleinen Tierchen erscheinen lassen kann.

Gemeinsam mit zahlreichen andere Cartoons fand Toy Tinkers zudem Eingang in das TV-Weihnachtsspecial From All of Us to All of You aus dem Jahr 1958, welches in den skandinavischen Ländern bis heute eine Festtagstradition darstellt und durch seine rituelle Ausstrahlung Schuberts Militärmarsch als weihnachtliche Komposition ins kollektive Gedächtnis brannte.

Toy Tinkers inspirierte außerdem eine Comicadaption, die ein Jahr nach seinem Kinostart in Walt Disney's Christmas Parade #2 erschien. Die Zeichnungen stammen von Paul Murray, der jedoch eine drastisch gezähmte Version von Hannahs sich beinahe als Anti-Weihnachtsfilm qualifizierendem Wahnwitz umsetzen musste (mehr dazu bei 2719 Hyperion). Dell bemühte sich gemeinsam mit zahlreichen anderen Verlegern schon zu dieser Zeit um ein betont kinderfreundliches Image, während Kino-Kurzfilme weiterhin als ebenfalls an Erwachsene gerichtete Unterhaltung aufgenommen wurden. So konnten die Disney-Trickstudios, inmitten sentimentaler Weihnachtsfilmchen der Konkurrenz, Weltkriegs-Analogien verwenden, einem im Weihnachtsmann-Kostüm steckenden Donald eine Pistole in die Hand drücken und Chap in eine der Zeit des Ersten Weltkriegs nachempfundene Gasmaske verpassen, während die Disney-Comics stets die Harmlosigkeit der Situation verdeutlichten.

Die Freiheiten, die sich der Cartoon nahm, führten allerdings in den Neunzigern zu heftigen Kürzungen bei US-Fernsehausstrahlungen. Kurioserweise empfand man diese im nächsten Jahrzehnt wieder als harmlos genug, um keinen Warnhinweis von Leonard Maltin auf die Walt Disney Treasures-Veröffentlichung von Toy Tinkers zu pappen.

Im nächsten Teil von Entengold geht es wiederum um einen stilistisch gänzlich anderen Cartoon, in dem Jack Hannah seinem Star Donald Duck erneut eine vergessene Nebenfigur eines anderen Disney-Helden zur Seite stellte.

Samstag, 28. Januar 2012

Tea for Two Hundred

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

Im siebten Teil dieser Reihe zeichnet sich langsam das Schema für Donalds letzte Kinojahre ab. Er zeigt sich wieder verstärkt als Frechdachs, und zugleich brilliert er weiter als Opfer eines ihm feindseligen Umfelds. Diese Auffrischung alter Kurzfilmkonzepte kam so gut an, dass Disneys Vorzeigeerpel drei Jahre hintereinander für den Oscar nominiert wurde. Während der goldenen Mitte dieses Hattricks lädt Donald zum Tea for Two Hundred.


Als Jack Hannah vom Cartoon-Autor zum -Regisseur aufstieg, gab er Donald eine neue Hauptbeschäftigung: Den Kampf gegen kleinere Lebewesen. Dazu kam es zwar auch in den Jahren zuvor immer wieder, aber Hannah machte dies tatkräftig zum Schwerpunkt seiner Donald-Kurzfilme. 1947 wurde die ewige Fehde Donald/Chip & Chap etabliert, im Laufe des Jahres 1948 traf der cholerische Erpel auch erstmals auf die ihm wiederholt Ärger bereitende Biene Spike. Zum Jahresende hin wurde die Größe von Donalds Quälgeistern weiter reduziert: Vom Streifenhörnchen zur Biene, hin zu einer Horde von Ameisen. Diese setzten sich jedoch nicht als neue Erzfeinde durch. Nach dem am 24. Dezember 1948 uraufgeführten Tea for Two Hundred tauchten sie nur noch ein weiteres Mal auf, nämlich knapp dreieinhalb Jahre später in Uncle Donald's Ants.

Während die Ameisen bei ihrer, so manches Stück Animation aus Tea for Two Hundred wieder verwendender, Rückkehr in Donalds Heimat einfallen, überraschen sie ihn im Oscar-nominierten Cartoon beim Picknick. Und erwecken so das Spielkind in Donald: Als eine Gruppe Ameisen Dinge vom x-facher ihrer Größe an ihm vorüberzieht, bemerkt er eine kleinere, dem Rest ihres Stamms hinterherhinkende Ameise. Dieser stellt er, sich dabei köstlich amüsierend, einige Hindernisse in den Weg und packt ihr seinen halben Picknickvorrat auf den Rücken. Als das kleine Tierchen letztlich unter der Last zusammenbricht, bekleckert es sich mit Tortensahne. Von deren Geschmack begeistert, trommelt die Ameise den ganzen Stamm zusammen, der mit vereinten Kräften Donald ausschalten und bestehlen will. Doch dieser versucht sich auf explosive Art zu wehren.

Donald verfolgt wie gebannt jede Begwegung seines kleinen Versuchskanninchens

Es ist nicht das erste Mal, dass Donald vergebens seine Picknickverpflegung vor der Wildnis beschützen will. Beim Betrachten dieses Cartoons werden durchaus grobe Erinnerungen an Beach Picnic aus dem Jahr 1939 und Donald's Vacation von 1940 wach, die ähnliche Situationen nachzeichneten. Was durchaus die Frage nahe legt: Hat das sich nach Barks' Weggang schrittweise etablierte Donald-Autorenduo Bill Berg & Nick George bei diesen früheren Kurzfilmen geklaut? Oder ist Tea for Two Hundred eine eigenständige, humoristische Bearbeitung einer bereits genutzten Ausgangsidee? Es bietet sich nur an, das übliche Format dieser Artikelreihe etwas aufzubrechen und einen Vergleich zwischen dem Oscar-nominierten Cartoon und seinen inoffiziellen Vorgängern anzustellen.

Beach Picnic beginnt mit einem heiter singenden Donald, der sein Strandpicknick aufbaut und dann mit einem Gummi-Seepferdchen ins Meer springt. Da er von seinem Badeutensil runterstürzt, zetert er erstmal herum, bevor er auf die Idee kommt, den am Strand schummernden Pluto damit zu ärgern. Von seiner Aktion als Störenfried abgelenkt, lässt Donald sein reichhaltiges Picknickbuffet unüberwacht, was die Aufmerksamkeit von einem Ameisenstamm auf sich zieht. Dieser fällt auf das Essen ein, treibt seinen Schabernack damit und wird letztlich von einem tobenden Donald in die Flucht geschlagen. Das sicherheitshalber aufgebaute Fliegenpapier führt dann aber zu Chaos mit dem neugierigen Pluto, während weder die Ameisen, noch das Gummi-Reittier erneute Erwähnung finden.

Der Kurzfilm von Clyde Geronomi, der im Cartoon-Sektor vornehmlich bei Pluto-Produktionen Regie führte, weißt tatsächlich ein paar Parallelen mit dem neun Jahre später folgenden Tea for Two Hundred auf. So werden die Ameisen als ein Stamm von stereotypischen Ureinwohnern dargestellt, inklusive musikalischer Anspielungen an Film-Indianer und Marotten wie rituellem Trommeln oder ähnlichem. In beiden Filmen betätigt sich Donald zudem als Störenfried, sei es in Tea for Two Hundred gegenüber der schwächsten Ameise oder in Beach Picnic gegenüber Pluto. Das ist insofern nennenswert, als dass es aufzeigt, dass sich unter Jack Hannahs Regie Donald in den späten 40ern wieder ein wenig zurückorientierte. Anfangs wurde er regelmäßig als kleiner Tunichtgut dargestellt, ganz prominent etwa in Mickys erstem Farbcartoon The Band Concert von 1935, in dem Donald mit der geflöteten Volksweise Turkey in the Straw (die erste Melodie, die der Weltöffentlichkeit aus Mickys pfeifendem Mund präsentiert wurde) ein Konzert der Willhelm Tell-Overtüre unterbrach. Während der 40er verlief sich dieses Naturell Donalds allerdings ein wenig.

Auf ein paar Sekunden wiederverwendeter, neu kolorierter Animation konnte man offenbarnicht verzichten (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

In Cartoons wie Trombone Trouble aus dem Jahr 1944 ist es sogar er, der sich von seinem Umfeld genervt fühlt (in diesem Fall von einem mies Posaune spielenden Kater Karlo). Ganz zu schweigen von all den Cartoons mit Tick, Trick und Track, in denen er das Opfer von Streichen jeglicher Größenordnung wird. Tea for Two Hundred sollte im Jahr 1948 wohlgemerkt keine kurzfristige Rückbesinnung auf Donalds schwer bezwingbare (und teils kuriose Triebe schlagende) Neugier sein. Auch in einigen der Kurzfilme mit Chip und Chap ließen die Autoren Donald wieder auf mitunter recht fiese Weise seine Gegenspieler zu Reaktionen provozieren. In ihrem ersten gemeinsamen Auftritt dagegen wollte Donald bloß Feuerholz sammeln, von seinem manchmal gemeinen Spieltrieb war dort nichts zu spüren.

Die Parallelen von Tea for Two Hundred und Beach Picnic sind allerdings rarer als die Unterschiede zwischen diesen Cartoons. Zu diesen zählt selbst die Gestaltung der Ameisen. In der älteren Produktion floss eher wenig Gedankenspiel in die visuelle Umsetzung der kleinen Tierchen: Sie sind simple, gezeichnete Versionen echter Ameisen, mit einem relativ akkuraten Körper, aber einem schlichten Cartoon-Gesicht mit den typischen Disney-Augen und keinem wirklich auffallendem Mund. Es ist die Gesichtsbemalung und die Musikbegleitung, die sie zu Indianern macht. Für Tea for Two Hundred entwarf Yale Gracey einen individuellen Look der Ameisen, die von den Zeichnern mit einem ganz eigenen Bewegungsschema ausgestattet wurden. Gracey, bestimmte das Gesicht der Nachkriegs-Donald-Cartoons entscheidend mit, ehe Walt Disney den erfinderischen Künstler aus den Trickstudios "abwarb" und die verschiedensten Effekten in Disneyland austüfteln ließ. Zu den legendärsten Arbeiten Graceys sollten die Geisterillusionen in der Haunted Mansion sowie der erstaunliche Nachthimmel in Pirates of the Caribbean zählen.

Den Ameisen in Tea for Two Hundred verlieh Gracey eine klare Persönlichkeit und ein humoristischeres Aussehen, als ihren Artverwandten aus Beach Picnic. Mit ihrem Körperschmuck und Pinto Colvigs unverständlichen Gebrabbel wurden sie zu Karikaturen stereotyper Kannibalen, die zum Standardrepertoire damaliger Abenteuerfilme zählten. Diese deutlich auffälligere und somit denkwürdigere Umsetzung des Gedanken "Wilde Ameisen, haha, machen wir daraus einen Stamm Wilder!" wurde Tea for Two Hundred Jahrzehnte später aber vielleicht sogar zum Verhängnis: In der Kurzfilm-Sammlung The Chronological Donald, Vol. 3 wurde dieser Cartoon aufgrund seines potentiell kontroversen Inhalts in die Sektion From the Vault verbannt, wo Filmhistoriker Leonard Maltin Eltern von diese DVD möglicherweise einlegenden Kindern warnt, dass der Humor in den 40er-Jahren noch deutlich unsensibler war. Beach Picnic konnte dagegen mit seinen Standard-Indianerameisen einem Warnhinweis entgehen, während Donald's Vacation allein für das Einspielen indianischer Musik beim Anblick eines an Häuptlingsschmuck erinnernden Anhängsels wieder den ermahnenden Zeigefinger angepappt bekam.

Das oberste Bild ist Disneys Ansichten nach zu urteilen das am wenigsten rassistische (von oben nach unten: Beach Picnic, Donald's Vacation, Tea for Two Hundred)

Die restlichen Unterschiede zwischen diesen beiden "Donald vs. Ameisen"-Filmen lassen sich direkt im Zusammenhang mit dem offenbar äußerst rassistischen Donald's Vacation aufzeigen. Dieser Cartoon hat mit Tea for Two Hundred nur die Idee gemeinsam, dass Donalds beinahe lächerlich großes Picknick-Schlemmerbuffet kettenartig von Waldtieren weggerollt wird. In diesem Fall sind es übrigens Streifenhörnchen, die Donald zur Last fallen, sieben Jahre bevor er zwei ganz ausgefuchste Vertreter dieser Art kennen lernt. Der Rest des Cartoons zeigt, wie Beach Picnic, einen heiter, melodisch dahinquackenden Donald und dann erstmal seine Probleme, einen Liegestuhl aufzubauen. Zum Schluss eskaliert die Situation durch das Eintreffen eines gewaltigen Bären.

Unter diesen drei Cartoons fällt Donald's Vacation insofern etwas aus dem Rahmen, als dass unser schnatternder Alltagsheld in diesem von Barks/Hannah entworfenen Film deutlich mehr rumzetert und auch einiges an sehr komödiantischen Text in den Schnabel gelegt bekommt. In Tea for Two Hundred dagegen hat er nahezu gar nichts zu sagen.

Den beiden älteren Cartoons ist unterdessen gemein, dass sie rund zwei Minuten länger sind als Tea for Two Hundred. Dieser verzichtet unter anderem darauf, Donalds Genuss an seinem freien Tag durch comichaften Gesang darzustellen, wodurch schon einige Zeit gespart wird. Es ist aber nicht nur eine Zeitsparmaßnahme, sondern obendrein auch ein Zeichen dafür, wie sich innerhalb von weniger als zehn Jahren der Humor änderte. Das schrille Singen von Disney-Cartoonhelden war noch ein Überbleibsel aus den sehr musikalischen Anfängen des animierten Kurzfilms, welches in einigen frühen Produktionen wie Mickey's Grand Opera sogar den ganz großen Aufhänger bildeten. Aber der Humor des Publikums änderte sich, so wurde etwa das Interesse an cartoonigen Verfolgungsjagden größer, und in Disney-Cartoons wurde mit der Zeit immer seltener schrill gesungen. Zu den raren Ausnahmen zählt etwa Zip-A-Dee-Doo-Dah aus dem Disney-Kinoerfolg Onkel Remus' Wunderland, welches Donald 1948 in Soup's On anstimmt. Dies lässt sich aber auch als disneyinterne Anspielung verbuchen und ist zudem deutlich knapper, als sein Geträller in den Cartoons der 30er und frühen 40er.

Tea for Two Hundred ist mit seiner kürzeren Laufzeit zudem geradliniger. Bereits nach wenigen Sekunden werden die Ameisen eingeführt, die Donald zunächst neckt, wodurch er sich dann aber den Kleinkrieg mit ihnen einbrockt, der sich bis zum Gebrauch von Dynamit steigert. Beach Picnic und Donald's Vacation lassen sich hingegen nicht als Cartoons beschreiben, deren Fokus darauf liegt, dass Donald sich mit Tierchen anlegt, sondern folgen eher der Leitfrage "Donald will seine Freizeit genießen, was kann dabei alles schief gehen?" Vergleicht man diese zwei Kurzfilme miteinander, wird einem auch bewusst, weshalb sich in den Disney-Studios üblicherweise feste Gruppen für die einzelnen Cartoonreihen durchsetzten. Geronimis Beach Picnic zerfällt in seine Segmente, vereinzelte Gags treffen zwar, komplett betrachtet ist er allerdings eher zähflüssig.

Jack Kings ein Jahr später gestarteter Donald's Vacation ist zwar ebenfalls ein Sammelsurium an Einfällen, doch ihm gelingt es, sie durch Donalds launenhafte Natur und einem stimmigen Tempo zu vereinen. Natürlich gibt es im riesigen Fundus an Disney-Filmen Beispiele für gelungene "Gastregie" (etwa den an dieser Stelle bereits besprochenen Der Fuehrer's Face), trotzdem erweist sich die Einteilung der Gagschreiber und Cartoon-Regisseure (sowie deren gezeichneten Stars) in feste Gemeinschaften als schlüssiges, fruchtendes System. Eines, aus dem Jack King bei Veröffentlichung von Tea for Two Hundred ausschied: 1948 kamen seine drei letzten Regiearbeiten in die Kinos. Sie alle zeigen Donald in für ihn typischen, tückischen Situationen, die vom Humor her trotzdem ganz anders sind, als die nicht minder zu dieser Figur passenden Jack-Hannah-Filme.


Die späteren Cartoons unterscheiden sich unter anderem auch durch die mit satteren Farben umgesetzten Hintergrundgemälde (etwa von Thelma Witmer) von den frühen Anfängen (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

Wie schon im Jahr zuvor, wurden 1949 bei den 21. Academy Awards gleich zwei Disney-Produktionen als bester animierter Kurzfilm nominiert. Neben Tea for Two Hundred wurde mit Mickey and the Seal diese Ehre auch erstmals nach dem 1941 produzierten Oscar-Gewinner wieder einem Micky-Kurzfilm zu Teil.

Es war zudem das erste Jahr nach der Blütezeit des Stummfilms, in dem ein Darsteller ohne Text mit dem Oscar prämiert wurde. Tja, die Filmgeschichte läuft in Zyklen ab.

In der Kategorie "Bester animierter Kurzfilm" wurde außerdem Robin Hoodlum nominiert, ein Cartoon aus der Screen-Gems-Kurzfilmreihe über eine Krähe und einen Fuchs. Dieser Eintrag in ihre Filmserie ist ein ganz besonderer, da das übliche Schema "Die Krähe ist der Held und muss sich gegen den Fuchs wehren" auf den Kopf gestellt wurde, indem die Krähe als Sherrif engagiert wird und die Zuschauer nun auf der Seite des Fuchs stehen sollen, der vor der übereifrigen Krähe fliehen muss. Mit The Little Orphan wurde zudem ein weiteres Mal ein Tom & Jerry-Cartoon nominiert, der letztlich auch den Oscar gewann und dem Katz-und-Maus-Duo so seinen fünften Goldjungen einbrachte. In diesem Film nimmt Jerry über Thanksgiving ein außerordentlich verfesssenes Mäusewaisenkind unter seine Fittiche und muss deshalb nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Teilzeitschützling gegen Kater Tom verteidigen.

Zu guter letzt wurde auch der Looney Tunes-Kurzfilm Mouse Wreckers von Charles M. Jones nominiert. Dieser hatte das nunmehr größtenteils vergessene, selbst einigen Looney-Fans unbekannte Mäuse-Duo Hubie & Bertie als Star, die in den Jahren zuvor Jones schnelleren Humor etablierten und mit Mouse Wreckes in Form des Katers Claude Cat einen neuen Erzfeind erhielten. Die beiden Mäuse wollen sich in diesem Cartoon ein einladendes Haus zur neuen Heimat machen, müssen dazu jedoch unter Verwendung von Slapstick-Gewalt erstmal die Hauskatze verjagen.

In dieser Artikelreihe bin ich ja bemüht, die Oscar-nominierten Donald-Cartoons historisch einzuorten, wozu auch ab und an ein Blick auf die Qualität gehört. Diese Betrachtungen laufen selbstredend eher Gefahr, vom Objektiven ins Subjektive zu driften. Erwähnt werden sollte er meines Erachtens nach trotzdem: Auch wenn Tea for Two Hundred dank der einprägsameren und vor allem auch mühevollen Animation der Ameisen und einem zu Hochform auflaufenden Oliver Wallace, der den gesamten Cartoon mit wandelbaren Melodien untermalt, es vollauf verdient hat, neben der oben genannten Konkurrenz nominiert zu werden, so zieht er im internen Wettstreit der 1948 veröffentlichen Donald-Kurzfilme leicht den Kürzeren. Jack Kings Drip Drippy Donald lässt einen übermüdeten Donald mit einem enervierenden, tropfenden Wasserhahn aneinander rasseln und lässt Disneys Sound Department mit diesem Konzept freien Lauf, so dass ein Stück Tonfilmgeschichte entsteht. Donald's Dream Voice parodiert gekonnt die Sprachprobleme seines Titelhelden, mit dem Gerichtsdramen originell parodierenden The Trial of Donald Duck verabschiedete sich Jack King mit einem ungewöhnlicheren Cartoon in den Ruhestand, und Jack Hannah fand mit Three for Breakfast die Kernformel für einen schmissigen "Donald vs. Chip & Chap"-Cartoon.

Mein persönlicher Favorit dieses Jahres ist aber Soup's On, Jack Hannahs wild gewordene Variante der "Donald und seine Neffen"-Filme, die er als Autor zusammen mit Carl Barks prägte. Sie alle hätten eine Oscar-Nominierung mindestens genauso sehr verdient, wie Tea for Two Hundred. Neben dem Cartoon mit den Frühstück ruinierenden Chip und Chap passt dieser aber am besten ins damalige Beuteschema dieser Oscar-Kategorie – und damit überlasse ich das restliche Diskussionsfeld euren eigenen Köpfen. Ganz gleich, ob ihr zustimmt oder widerstrebt.


Die tänzelnde Wurstschlange, ein vergessener Klassiker des Disney-Humors (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

1948 war nicht bloß das Jahr, in dem sich Jack King in den Ruhestand verabschiedete und eine kunterbunte Mischung aus atypischen Donald-Cartoons sowie ausgezeichneten Ausformungen klassischer Donald-Formeln in die Kinos kam, sondern auch das Jahr, in dem der gefiederte Disney-Star wieder vermehrt Wutanfälle an den Tag legen durfte. Filme mit den für ihn so markanten Temperamentsausbrüchen waren in den Jahren zuvor noch deutlich in der Unterzahl, irgendwie war Donalds Charakter in den Kriegs- und Nachkriegsjahren etwas besonnener. Aber nun lässt sich langsam erkennen, dass die Donald-Filmreihe wieder einen bestimmten Weg anschlägt: Donald sollte in vielen Cartoons dieser Ära sein Umfeld necken und durchdrehen, sobald seine Einfälle übermäßige Reaktionen auslösen. Donald, der emotionsgeladene Frechdachs, der sich gleichzeitig auch in der Opferrolle befindet.

Dieses Bild zeigte 1948 neben Tea for Two Hundred auch Three for Breakfast, in welchem er Chip und Chap nicht einfach vom Frühstückstisch verjagt, sondern mit Gummi-Pfannkuchen in die Irre führt oder auch entnervt in den Toaster steckt. Was so nonchalant runter geschrieben viel brutaler klingt, als es ist. Denn parallel dazu sollte man als Zuschauer auch Verständnis für Donald haben, der einfach in Ruhe frühstücken will. Andere Cartoonreihen hatten zu dieser Zeit scharf umrissene "Sympathieträger / Antipathieträger"-Grenzen. So wollten die Macher von Sylvester und Tweety angeblich, dass sich das Publikum moralisch mit Tweety verbündet, während ab 1949 beim Road Runner und dem Kojoten die Sympathie dem Jäger gelten sollte.

Wie bereits erwähnt, war Tea for Two Hundred der erste von nur zwei Auftritten der karikaturhaften Ameisen. Für weitere Verwendungen waren sie auch einfach nicht flexibel genug. Chip und Chap hingegen boten sich sehr wohl für etwas Abwechslung an, und so kamen 1949 bereits drei Cartoons mit ihnen heraus. Der andersartigste von ihnen erhielt schließlich auch eine Oscar-Nominierung, und deshalb werden wir den Nagern im nächsten Entengold auch wieder begegnen.