Mittwoch, 23. Januar 2013

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold

He's not selling out, he's buying in

Werbung umgibt uns nahezu überall, und wer die hiesige Werbeüberfrachtung bereits nervenaufreibend findet, dürfte in den USA rasch durchdrehen. Während in Deutschland nur vereinzelte Crosspromotions zwischen Filmen und Marken ankommen, aktuell etwa eine Werbekooperation zwischen Subway und Stirb langsam: Ein guter Tag zum Sterben, werden im Heimatland modernen Marketings und Hollywoods kostspielige Filme von Promoaktionen in zweistelliger Anzahl begleitet. Der Kinostart von Iron Man zum Beispiel wurde via Kindermenü-Spielzeuge und Aktionsburger bei Burger King, Sammelbecher bei 7 Eleven, spezielle Audi-Werbespots und viele, viele weitere Promodeals beworben. Und während in Deutschland der Medienjournalismus Amok läuft, wenn Thomas Gottschalk sich bei der Beschreibung eines Gewinnspielpreises in Euphorie quatscht, forcieren Firmen in US-Serien Dialoge wie "Tut mir leid, dass ich zu spät komme, aber ich musste mir noch dieses leckere Footlang-Chicken-Teriyaki-Sandwich bei Subway holen!"

Der humorige Dokuessayist Morgan Spurlock, der bereits mit Super Size Me und Where in the World is Osama Bin Laden? die Grenzen zwischen polemischem Comedyexperiment und popkulturell verdaulicher Gesellschaftskritik verwischte, blickt in POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold hinter den Vorhang der viel besungenen, wenig im Detail abgebildeten Crosspromotion, Markeeingdeals und Product-Placement-Abmachungen – wie der Titel suggeriert, indem er sich daran beteiligt. Aber, dass will uns die Tagline der Dokumentation versichern: Morgan Spurlock verhurt sich nicht, er steigt bloß ins Geschäft ein.

In einem Paradebeispiel für Transparenz handelt Spurlocks dritte abendfüllende Dokumentation davon, wie Spurlock bei Werbeagenturen und potentiellen Sponsoren Klinken putzt, um das gesamte, 1,5 Millionen Dollar hohe Budget für seine Dokumentation darüber aufzutreiben, wie er bei Werbeagenturen und potentiellen Sponsoren Klinken putzt, um seine Dokumentation zu finanzieren. Richtig gelesen: POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold ist der womöglich einzige Film der Kinogeschichte, der im Grunde genommen allein aus seinem eigenen Making-of besteht. Damit hat sich Morgan Spurlocks dokumentarische Werbesatire neben Adaptation, 8½ und Exit Through The Gift Shop einen Ehrenplatz in den Annalen des Metafilms verdient.

Spurlocks Reise durch die Werbewelt beginnt, als er beschließt, den "Iron Man der Dokumentarfilme" zu verwirklichen. Wozu es, was ihm die Filmwelt der vergangenen Jahre lehrte, die Unterstützung von Werbepartnern benötigte. Also besucht er diverse Werbeagenturen, denen er die Filmidee vorschlägt, mindestens eine zweistellige Summe an Promotionpartnern aufzutreiben. Diese Suche wolle er filmen und dann, durch Unterstützung der Geschäftsdeals, ins Kino bringen. Sämtliche namenhafte Agenturen schütteln ob dieser transparenten Idee den Kopf, haben Angst, dass sie und ihre Klienten von Spurlock in den Dreck gezogen werden. Doch eine kleine, für verrückte Ideen offene Agentur sieht in Spurlocks Vorhaben eine attraktive, aneckende Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und so beginnt für Spurlock die Suche nach Marken, die zu ihm passen und ihm vertrauen, eine Reise die ihn zu zahlreiche Konferenzsälen führt, in denen Werbeideen ausgebrütet werden. Zwischendurch sucht Spurlock auch Marketing- und Medienexperten sowie bekannte Filmemacher auf, um sich beraten zu lassen: Kann man seine Integrität behalten, wenn man sich auf solche Machenschaften einlässt?

Gegner von Spurlocks Herangehensweise werfen ihm vor, seine Dokumentationen drehten sich um schale Weisheiten, denen man sich bereits vor dem Film gewiss sein konnte. McDonald's macht fett, der Nahe Osten ist nicht die vereinte Terroristengruppe, die von den Fox News beschrieen wird, und übermäßige Werbung ist lästig. "Wow, wer hätte das gedacht?", lästern Spurlocks Kritiker. Seltsam, dass diese Argumentation nicht bei weiteren Dokus angewendet wird. Nazis waren böse, dass Menschen an Krebs sterben ist traurig, dass in Afrika Kinder verhungern ist ärgerlich und von Drogen wird man high. Na sowas!

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold geht selbstredend thematisch tiefer als bloß darauf hinzuweisen, dass Filmwerbedeals existieren. Einen so offenen und ehrlichen, dank Spurlocks lockere Art zudem noch dermaßen kurzweilig vermittelten, Blick auf die Maschinerie hinter Crosspromos erhält der gewöhnliche Kinogänger so schnell nämlich nicht. Zu den Höhepunkten zählen Spurlocks Besuch bei einer Agentur, die ihm nach einer ausführlichen Befragung erklärt, welche Art Marke er repräsentiert, sein Vorsprechen bei einem aufstrebenden Deo-Hersteller, der selber keinerlei Plan hat, wie er sein Produkt bewerben soll, sowie seine Verhandlungen mit Vertretern einer äußerst seltsamen Shampoo-Marke. Die versteckte Vielschichtigkeit der Doku kommt wiederum am Besten zur Geltung, als Spurlock seinen ersten großen Deal abschließt: Derart aggressive Werbekampagnen sind uns Kinogängern üblicherweise lästig, aber wir kommen nicht umher, Spurlock für seinen Erfolg zu beglückwünschen und dem Safthersteller für seinen Mut, an einer kritischen Dokumentation mitzuwirken, unseren Respekt zu zollen. Spurlock zieht in Momenten wie diesen meisterlich die Strippen der Medienwirkung und hält uns somit den Spiegel vor: Wir sind längst nicht so immun gegen Werbung, wie wir es uns erhoffen. Zum Glück holt uns Spurlock kurz darauf mit einem sarkastisch übertriebenen Spot für seine neuen Werbekumpanen wieder auf den Teppich zurück.

In vereinzelten Vignetten verlässt Spurlock seine immer abstrusere Werbeknechtschaft, aufrund derer er nur an bestimmten Orten Interviews führt, bloß ausgewählte Lebensmittel zu sich nimmt und schwört, Deutschland nicht zu diffamieren, um andere Aspekte des Themas aufzuzeigen: Er besucht die werbefreie (und dadurch erschreckend leer wirkende) Stadt Sao Paulo und eine Schule, die ohne den Verkauf von Werbeflächen schließen müsste. Diese Detouren lockern die Doku auf und bieten weitere amüsante wie erschreckende Fakten zur Werbewirtschaft.

Nach einem sich in seinem Metahumor eskalierenden Spurt zur Ziellinie geht Spurlock leider plötzlich die Puste aus und er entlässt den Zuschauer mit einer halbherzigen, pointenlosen Schlussbotschaft in den Abspann. Es ist klar, dass gerade ein Film wie POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold während der Produktionsschlussphase erst sein Ende findet und im Schneideraum hektisch abgerundet werden muss, weshalb man Spurlock die lahme Schlussminuten nicht zu sehr vorhalten kann. Dennoch wäre ein großer Tusch zum Ende oder eine etwas komplexere, ehrlichere abschließende Anekdote willkommen, um POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold den letzten Schliff zu verleihen.

Dennoch: Wer Super Size Me und Metafilme magt oder sich für Crosspromo interessiert, wird POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold gewiss lieben. Auf viele weitere kecke Dokuessays von Morgan Spurlock (der mit diesem Film nicht die vertraglich festgesetzte Mindesteinnahme erreichte und somit wohl eine persona non grata in der Markenwelt wurde),

Montag, 21. Januar 2013

Disneyland°2 - World of Color & Disney Dreams!


Welcome, foolish mortals!

Disneyland Paris feiert sein 20-jähriges Jubiläum, und für mich ist dies die ideale Gelegenheit, den hiesigen Park mit dem Anaheimer Original zu vergleichen.




So, hiermit bin ich beim Finale meiner Vergleichsreihe angekommen - die beiden Shows, die in Anaheim und in Paris nun täglich den Abendhimmel erleuchten.
Dabei kommt beiden Präsentationen eine enorme Bedeutung in ihren jeweiligen Parks zu. Als World of Color im Sommer 2010 eröffnet wurde, gelang es der Show praktisch im Alleingang, California Adventures zu neuem Ruhm zu verhelfen und den schlechten Ruf des Parks zu heben. Die Show ist so erfolgreich, dass man sich als Zuschauer für die (enorm große) Tribünenfläche Tickets besorgen muss, die täglich bis zum Mittag vergriffen sind. Disney Dreams! stellte für 2012 dagegen die große Neuerung in Paris dar, die den 20. Geburtstag von Disneyland attraktionsmäßig erfolgreich alleine bestreiten konnte.

Anaheim

Natürlich ist mir bewusst, dass mein Gastgeber sich schon längst um einen Vergleich der beiden Shows gekümmert hat, doch es gibt genug Gründe, warum ich nun trotzdem nicht zurückstecken will - zum einen wäre es eine Schande, dieses Glanzstück meines Park-Vergleiches auslassen zu müssen, außerdem kann es zu diesen zwei großartigen Präsentationen kaum je zu viele Begutachtungen geben, und schließlich habe ich das Glück gehabt, beide Shows live erleben zu können. Dazu kommt, dass ich zu der eher objektiv-rationalen Sichtweise von Sir Donnerbold nur zu gerne mein persönliches, subjektives Empfinden hinzufügen möchte.

Paris

Gerade weil es sich in beiden Fällen um Vorführungen handelt, die ihre Zuschauer auf möglichst vielen Ebenen bewegen, aber auch beeindrucken wollen - anders gesagt, es geht nicht zuletzt um den „Wow-Effekt“ - macht es, denke ich, einen großen Unterschied, ob man die Show wirklich direkt erleben konnte. Und das fängt schon bei der jeweiligen Umgebung an. Anders als bei einer Videopräsentation stehen die Shows in Wirklichkeit ja nicht im luftleeren Raum; sie beide sind von Stimmung und Thematik her fest in ihr Umfeld eingegliedert.

Paris
Disney Dreams! kann in Paris mit der Kulisse des Dornröschenschlosses nicht nur den geographischen Mittelpunkt des Parks für sich verbuchen, sondern vor allem den thematischen - ein phantastischeres Umfeld als dieses ist kaum vorstellbar. Damit erhebt die Show schon von vornherein den klaren Anspruch, der zauberhafte Mittelpunkt des Abends zu sein, und dazu ein würdiger Ersatz für das frühere Feuerwerk. In Anaheim hat Disneyland dagegen ein eigenes Schloss-Feuerwerk; hier geht es bei World of Color wirklich um eine Alternative zu der um das Dornröschenschloss flatternden Tinker Bell. Damit muss und will die Show nicht wie in Paris alle erwünschten Aspekte vereinen.
Anaheim
Nicht umsonst befindet sich World of Color nicht in Disneyland, sondern in California Adventure. Natürlich handelt es sich dabei auch um einen Disneypark, aber der Fokus ist unübersehbar anders gesetzt - es geht bei dem Park weit weniger um Zauber und Disneymagie, sondern um Abenteuer und grandiose Erlebnisse. In diesem Sinne ist auch die gesamte Umgebung gestaltet; die Zuschauer betrachten die Show vor der Kulisse des Paradise Pier, der nicht etwa von einem Schloss, sondern von Mickeys Riesenrad dominiert wird. Damit herrschen von Anfang an völlig andere Erwartung an die Show, und auch wenn die glamouröse Cony-Island-Stimmung Paris‘ traumartige Schlosskulisse kaum übertreffen kann, so macht sie ihr durch ein völlig anderes Feeling doch gewaltige Konkurrenz.
Aber es gibt von der Umgebung her noch einen anderen, nicht unerheblichen Unterschied: Statt der kleinen Schlossfläche steht hier ein riesiges Becken zur Verfügung, das Platz für eine wahre Unmenge an Wassergeräten gibt. Alleine technisch hat World of Color dadurch einen Riesenvorsprung.


Anaheim
Eigentlich sagen diese Vorbedingungen schon alles über das Wesen der beiden Shows aus: Disney Dreams! bietet eine magische Präsentation, während World of Color zuallererst spektakulär sein will. In diesem Sinne bemüht man sich in Anaheim gar nicht erst darum, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen; es geht um das Erlebnis, um die grandiosen Effekte, auf die sich die Show denn auch voll und ganz konzentriert. Das Ergebnis ist schier überwältigend; riesige Wasserfontänen und gewaltige Feuereffekte erfüllen immer wieder die gesamte Sichtweite der Zuschauer. Hier ist definitiv das Wasser selbst die Hauptsache, auf die jede Einzelheit der Show voll und ganz ausgerichtet ist.
Paris
Disney Dreams! ist alleine von seinen Ausmaßen sehr viel kleiner gestaltet, doch dafür ist es den Künstlern gelungen, den vorhandenen Platz auf völlig andere Weise zu nutzen. Hier bekommt der Zuschauer eine eigene Geschichte um Peter Pan und seinen widerspenstigen Schatten erzählt, und die Effekte sind hauptsächlich dafür da, diese Handlung zu unterstreichen, statt die eigene Hauptattraktion zu sein. Außerdem kann die Show zusätzlich auf die Macht von Feuerwerk, Schlosskulisse und vor allem den grandiosen Projektionen zählen - und sie nutzt diese Mittel mit beeindruckender Effizienz. Das Wasser ist schließlich kaum mehr als ein schönes Beiwerk, während das Schloss selbst sicher den ersten Rang einnimmt, weshalb ich das Ganze auch eher als Projektions-, denn als Wassershow bezeichnen würde.
Die Show will berühren und auf künstlerischer Ebene beeindrucken, wie wenn das Schloss kurzfristig zu Notre-Dame wird, oder auch zu einer Steampunkversion seiner selbst, die, begleitet von düsterster Musik, wirklich beeindruckend wirkt. World of Color beruft sich dagegen ganz auf die überwältigende Wirkung, die schon alleine aus der genutzten Größe entsteht. So hat das Bösewicht-Segment in Anaheim eine vollkommen andere Wucht; die Musik aus Fluch der Karibik geht über in den Feuervogel und die Nacht auf dem kahlen Berg, ehe schließlich während Das Feuer der Hölle der gesamte Horizont buchstäblich in Flammen steht. Es handelt sich für den Zuschauer um ein wahres Erlebnis, wohingegen Disney Dreams! eher eine theaterartige Präsentation sein will.

Anaheim
Wie schon zu Beginn festgestellt, muss meine eigene Beurteilung gerade in diesem Falle höchst subjektiv ausfallen. Auch wenn zugeben muss, dass Disney Dreams! wohl realistisch betrachtet die durchdachtere, „bessere“ Show sein mag, so war das Liveerlebnis von World of Color doch eine einmalige Erfahrung, die in seiner überwältigenden Wirkung von nichts zu übertreffen ist.

Ananke Ro gibt‘s jetzt auch auf einer eigenen Seite: Besucht mich auf www.AnankeRo.com!