Mittwoch, 29. Juni 2016
Hail, Caesar!
Vier Filme, vier unterschiedliche Verleiher: Die aktuellsten Einträge in George Clooneys Schauspielvita erfolgten für Universal Pictures, Walt Disney Pictures, Columbia Pictures/20th Century Fox und Warner Brothers. Auch Clooneys Hail, Caesar!-Ensemblekollegin Scarlett Johansson wanderte in jüngster Vergangenheit munter durch Kinofilme verschiedenster Produktionsfirmen. Was in der modernen Medienwelt nicht weiter verwundert, war in einer früheren Phase der Filmgeschichte für Hollywood-Stars nahezu unmöglich. Denn zur Zeit des Studio-Systems standen Schauspielgrößen, Kreativschaffende sowie angesehene Handwerkskünstler üblicherweise bei einem der „Big Five“ unter Vertrag. Jeder Wechsel von einem Studio zum anderen wurde im Filmgeschäft daher als große Umwälzung betrachtet
Da das filmschaffende Personal der großen Hollywood-Studios eine entsprechend hohe Bedeutung für den Ruf der jeweiligen Unternehmen hatte, wurden berühmte Namen ganz anders beschützt als heutzutage. Haben gegenwärtig Stars, gemeinsam mit ihren Agenturen und Publizisten, ihr Image weitestgehend selbst in der Hand (zumindest so sehr, wie es die Klatschpresse erlaubt), achteten in der sogenannten Goldenen Ära Hollywoods die Studios mit Argusaugen auf ihre Schützlinge. Es hielt Skandale aus der Öffentlichkeit und diktierte im Gegenzug, was ein Star zu sagen, zu tragen, zu tun und zu lassen habe. Das Hollywood-Studio, der Polizeistaat.
Hail, Caesar! handelt von einem Mann, der während des Abklingens des güldenen Hollywood-Systems die anstrengende Aufgabe des Studio-Polizisten ausfüllt: Eddie Mannix (Josh Brolin), Produktionsvorsitzender und „Fixer“ von Capitol Pictures. Gefühlt arbeitet Eddie 30 Stunden am Tag, 12 Tage die Woche. Denn er ist es, der dafür sorgt, dass die Studiomaschine läuft wie frisch geschmiert. Wetterprobleme verzögern einen Dreh? Eddie findet eine Lösung. Das Skript zu einem kommenden Capitol-Pictures-Streifen kommt nicht in Schwung? Eddie findet eine Lösung. Das Studio braucht den Segen diverser religiöser Gruppen, um guten Gewissens einen Monumentalfilm mit Glaubensbotschaft ins Kino zu entlassen? Eddie regelt das!
Den Großteil seiner Zeit verbringt Eddie aber damit, für die Stars und Sternchen von Capitol Pictures die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Eddie bewahrt Starlets davor, wegen unsittlichen Verhaltens eingebuchtet zu werden. Er findet rechtliche Schlupflöcher, um pikante Wahrheiten versacken zu lassen. Und er täuscht die Branchen- und Klatschpresse, wo er nur kann. Als Baird Whitlock (George Clooney) spurlos vom Set des Sandalenfilms Hail, Caesar! verschwindet, steht Eddie jedoch vor seiner bislang größten Herausforderung …
Eddie Mannix ist keine aus der Luft gegriffene Erfindung der mehrfach Oscar-prämierten Coen-Brüder, sondern eine dramaturgisch überspitzte Kombination aus dem echten Eddie Mannix und Publicitychef Howard Strickling. Gemeinsam hielten sie jahrzehntelang die MGM-Studios am Laufen und verhalfen deren Stars zu blütenreinen Westen. Wie es sich für die Fargo- und A Serious Man-Macher Joel & Ethan Coen gebührt, widmen sie Mannix und Strickling mit Hail, Caesar! jedoch kein alltägliches, cineastisches Denkmal. Das auf doppelbödige Filme spezialisierte Brüder-Gespann nimmt Mannix‘ Berufung als Ausgangspunkt für eine Ansammlung an leichtfüßig verbundenen, sketchartigen Szenen, die auf das Holllywood-Kino der frühen 50er-Jahre zurückblicken. Und dies in einem Tonfall, der sich irgendwo zwischen neckischer Hommage, humorvoll überbetonter Dramatik und liebevoller Parodie verorten lässt.
Die Einfälle der Coens sind mannigfaltig – und sie alle verneigen sich augenzwinkernd vor den Archetypen, die das Kinogeschäft hervorgebracht hat, sowie vor den Filmgenres, die vorübergehend Hollywood dominiert haben. So spaziert Mannix im Dienste seiner Pflicht am Set eines munteren Musicals vorbei – und schon wird dem Kinopublikum eine ausgedehnte Sequenz kredenzt, in der Magic Mike XXL-Sunnyboy Channing Tatum die Mentalität von Gene-Kelly-Filmen auf die Schippe nimmt. Mit schwungvollen Schritten und einer frivolen, doch unschuldig dargebotenen Choreografie gerät dieser Seitenhieb ebenso spitzbübisch wie ehrfürchtig. Ebenso amüsant sind die Szenen aus dem Film-im-Film namens Hail, Caesar!, welche voller Detailliebe Werke wie Ben Hur durch den Kakao ziehen. Und damit nicht genug: Mit versiertem, achtungsvollem Blick persiflieren die Coens auch simple Western, Bubsy-Berkeley-Wasserballette und galante, den Alltagsproblemen entrückte Dramen.
Diese fiktiven Filmproduktionen, die stets glaubwürdig den Look ihrer Vorbilder nachahmen, gehören zu den Höhepunkten von Hail, Caesar!, allerdings brillieren auch jene Szenen, in denen Mannix hinter den Kulissen seiner Arbeit nachgeht. Dies liegt nicht zuletzt am bestens aufgelegten Ensemble: Tilda Swinton gibt die zickigen Klatschpresse-Schwestern Thora und Thessaly Thacker genauso pointiert wie sich Scarlett Johansson als ungezügelte Filmikone mit Heile-Welt-Image durch ihre Szenen zetert. Und Alden Ehrenreich darf sich als Western-Mime Hobie Doyle, der in das Drama-Genre geschubst wird, in das ruhmreiche Coen-Filmpantheon gutherziger Dummköpfe einreihen. Dort bekommt er Gesellschaft von George Clooney: Der Superstar, den die Coens schon in O Brother, Where Art Thou?, Ein (un)möglicher Härtefall und Burn After Reading goldig herumhampeln ließen, agiert mit genüsslicher Spritzigkeit als verblendeter Spitzenschauspieler, der nach seiner Entführung die politische Welt mit neuen Augen sieht. Was nicht heißt, dass er plötzlich den Durchblick hat …
All dies untermalt Komponist Carter Burwell mit dynamischer, oftmals augenzwinkernd melodramatisch angeschlagener Musik – und somit trifft er genau den richtigen Ton: Die von Kameramann Roger Deakins (Sicario) in kontrastreichen Farben eingefangene Farce akzentuiert zwar in hoher Frequenz, welch teils absurden Eigenheiten das Hollywood der frühen 50er ausgemacht haben. Dennoch fungiert Hail, Caesar! als Liebesbrief an die behandelte Ära, denn die Coens verzichten durchgängig auf gehässige Pointen – viel mehr zeichnen sie die zahlreichen Figuren als quirlige Karikaturen. Wenn Ralph Fiennes als übertrieben höflicher Regisseur selbst die grausigsten Takes als „Sehr gut“ bezeichnet, greifen die Coens nicht etwa andere Filmemacher an, sondern halten lächelnd fest, wie es auf einem Filmset zugehen kann.
Nur eine Rolle weist in dieser Ansammlung an charmanten Witzfiguren so etwas wie Bodenhaftung auf: Josh Brolins Eddie Mannix. Mit energischem Blick und geschliffener Schlagfertigkeit (sei es verbal oder non-verbal) ist der „Fixer“ von Capitol Pictures nicht etwa ein wandelnder, respektvoller Scherz. Sondern ein nachdenklicher, sein Handeln hinterfragender und dennoch liebend gern erledigender Mann, der das Filmgeschäft todernst nimmt – und der beim Streben nach Erfolg mit Erschöpfungserscheinungen kämpft. Das gleicht Eddie Mannix, der liebende sowie gestrenge Freund und Helfer der Stars, aus, indem er mit trockenem Humor glänzt. Höchst kalkuliert, natürlich.
Und das ist wohl der listigste Geniestreich des Autorenfilmer-Duos in Hail, Caesar!: In dieser gewitzten Feier des Filmgeschäfts ist einzig und allein dem Vertreter einer dubiosen, ausgestorbenen Profession eine mehrdimensionale Persönlichkeit gestattet. Damit können sich die Coens ganz klar der Selbstbeweihräucherung freisprechen – immerhin sind alle Professionen, die Hollywood weiterhin anbietet, laut dieser Komödie mit Witzfiguren besetzt. Und Platz für Normale gab es, zumindest stellt es Hail, Caesar! so dar, nur in der Funktion des gerissenen Aufpassers. Das Hollywood-Studio, der Polizeistaat? Eher: Das Hollywood-Studio, der faszinierende, gefährliche Kindergarten!
Fazit: Ein Muss für Filmliebhaber und Freunde kreativer Komödien: Ethan und Joel Coen zünden ein Feuerwerk an ulkigen, neckisch-liebevollen Gags über Hollywood ab!
Dienstag, 28. Juni 2016
Die Wilden Kerle – Die Legende lebt!
Annähernd neun Millionen Kinotickets wurden hierzulande in den Jahren 2003 bis 2008 für Joachim Masanneks Die Wilden Kerle-Saga gelöst. Der vierte Teil der Kinderfilmreihe über ein ungezügeltes, junges Fußballteam holte sich 2007 sogar den Titel der zweiterfolgreichsten deutschen Kinoproduktion – nur Til Schweigers Keinohrhasen lockte mehr Menschen in die Lichtspielhäuser. Es lässt sich also nicht verleugnen, dass die Nachwuchskicker Leon, Marlon, Vanessa, Raban, Joschka, Maxi und Markus ihre Marke in der deutschen Filmlandschaft hinterlassen haben. Frühjahr 2016 war es dann so weit: Acht Jahre nachdem sich die Wilden Kerle hinter den Horizont verabschiedet haben, und 13 Jahre nach dem Anpfiff ihrer tonal variantenreichen Partie in Deutschlands Kinos, meldeten sie sich zurück. Die von den Ochsenknecht-Brüdern Jimi Blue und Wilson Gonzalez angeführten Sportler stehen dieses Mal allerdings nicht im Mittelpunkt des Geschehens. So, wie einst Käpt’n Kirk und in jüngerer Kinovergangenheit auch Rocky und die Star Wars-Veteranen, kommen die Wilden Kerle wieder, um einer neuen Heldengeneration ihren Segen zu geben ...
Die Brüder Leo und Elias spielen mit ihren Freunden Finn, Oskar, Joshua, Müller und Matze liebend gern Fußball und stellen sich dabei vor, die legendären Wilden Kerle zu sein. Ob es die von einem Feuerseifer besessene Mannschaft je wirklich gegeben hat, ist für die Kinder eine unbeantwortete Frage – in ihrer Fantasie zumindest sind die Wilden Kerle echt. Eines Tages werden sie beim Nachspielen einer Wilden-Kerle-Geschichte von einem in schwarz gekleideten Fremden mit Augenklappe beobachtet, der ihnen eine mysteriöse Landkarte überreicht. Diese bildet das Wilde-Kerle-Land ab, inklusive Weg zum sagenumwobenen Teufelstopf. Die Freunde begeben sich zum Bolzplatz ihrer vermeintlich fiktiven Helden – und erkennen, dass es sie wirklich gegeben hat. Sogar dem Wilden-Kerle-Trainer Willi begegnen die Freunde, die nun die Gelegenheit erhalten, in die Fußstapfen ihrer Idole zu treten. Doch sie müssen sich beeilen, wenn sie sich deren Erbe als würdig erweisen wollen. Denn der Erzfeind der Wilden Kerle, der Dicke Michi, ist Abrissunternehmer geworden und bereitet sich vor, die letzten Überreste seiner Gegner zu zerstören. Obendrein muss die Jungstruppe noch einen weiteren Mitstreiter finden (oder eher eine Mitstreiterin?) …
Von diesem Punkt ausgehend entwickelt sich Die Wilden Kerle – Die Legende lebt! zu gleichen Teilen zu einem Remake des Erstlings und zu einem Sequel. Während die neue Generation eine Neuauflage des ersten Trainings und des ersten großen Spiels der Originale durchlebt, sorgt die Präsenz der ursprünglichen Wilden Kerle für neue Elemente: Dadurch, dass die Jungprotagonisten nun angeblich erfundenen Vorbildern nacheifern und sich letztlich auf dem besten Weg befinden, ihren Platz einzunehmen, wird der sechste Wilde Kerle-Film zu einer Geschichte über kindlich-unschuldige Heldenverehrung. Die Botschaft „Mit einer Prise Selbstbewusstsein kannst du genauso wie deine Lieblingsfiguren sein!“ schwingt daher wiederholt zwischen den Zeilen dieses Kinderabenteuers mit. Da Kinder gerne Comic-, Roman-, TV- und/oder Film-Helden nacheifern, ist es eine erbauliche, kleine und dennoch feine Message, die in den heutigen Tagen vorgefertigter Franchise-Kinderabenteuer vielleicht sogar aktueller ist denn je.
Das ältere Publikum wiederum gewinnt durch das Aufeinandertreffen der Generationen einige respektable Meta-Spielereien: So darf Daniel Zillmann im Finale sein herrlich ironisches Timbre nutzen, um die dramaturgischen Wiederholungen innerhalb der Filmreihe zu kommentieren. Und die leisen Anklänge von narrativer Selbstreflexion, wenn die innere Logik der Geschichte auf die realen Hintergründe der Produktion treffen, sind ebenfalls amüsant zu verfolgen. Immerhin lassen sich sowohl Story als auch Produktionshintergrund mit „Kinder spielen trotz eines Mangels an neuen Abenteuern die Wilden Kerle nach, und um ihre Passion anzufeuern, kehren die Originale zurück“ zusammenfassen. Regisseur und Autor Masannek schröpft aus diesem Spiel mit Fiktion und Realität zwar nicht das Maximum (dafür nehmen die Slapstickspäße der neuen Wilden Kerle zu großen Raum ein), jedoch ist es ein ansprechender Bonus in einem Film, der auch ein reines Remake hätte darstellen können.
Das Auftauchen sogleich zweier Wilde-Kerle-Generationen ermöglicht es Die Wilden Kerle – Die Legende lebt! zudem, den potentiellen Neustart der Reihe zwischen den beiden stilistischen Eckpunkten der ersten fünf Filme einzuordnen: Die neuen Kinder sind mit ihrer Verspieltheit und ihren aus Erwachsenensicht simplen Sorgen (‚Sind Mädchen uncool?‘, ‚Kann man Verwandten von Feinden trauen?‘, ‚Was, wenn jemand unseren Lieblingsplatz zerstören will?‘) so geraten wie die Kids im allerersten Film. Die Original-Kerle dagegen sind mit ihrer stylischen, schwarzen Kluft und ihren inszenatorisch überhöhten Auftritten aus demselben Holz geschnitzt, aus dem Part vier und fünf der Die Wilden Kerle-Reihe gemacht wurden. Der Film selbst spielt stilistisch gesehen konsequenterweise irgendwo in der Mitte – er ist exzentrisch, aber auf kindliche Weise. Stellenweise ist der daraus resultierende Humor leider arg naiv-grell geraten, beispielsweise wenn der Dicke Michi selbst während einer Schimpftirade weiterfuttert und sich mit Senf beschmiert oder wenn Trainer Willi unentwegt über etwas stolpert oder sich an etwas stößt. Und die hölzern vorgetragenen, extralangen Flüche der neuen Kerle wirken eher bemüht als gewitzt, stellen somit eine Verschlechterung eines Elements dar, das schon in der Originalreihe störte.
Selbiges gilt für die teils unnatürlichen Atempausen der Kinderdarsteller, wann immer sie längere Dialogpassagen zu bewältigen haben. Hier hätte ein strengerer Schnitt mehr aus den generell sonst soliden Performances rausholen können. Masanneks Herangehensweise macht sich dafür auf der inszenatorischen Ebene bezahlt: Die neue Generation findet die Erfüllung ihrer Träume nicht in einer glatten, klinisch sauberen Kicker-Welt, sondern in den staubigen, rostigen Überresten dessen, was ihre Vorgänger hinterlassen haben. Mit verwittertem Holz und jeder Menge Dreck hat der Teufelstopf, wie sich der Bolzplatz der Wilden Kerle nennt, eine abenteuerliche Atmosphäre zu bieten, die Masannek und Kameramann Benjamin Dernbecher in Western-Manier einzufangen wissen: Sie setzen intensiv auf Totale und Halbtotale, die Kinder reihen sich in den Leinwandbildern nebeneinander auf und reden dann oftmals miteinander, ohne sich anzuschauen. Wie die Protagonisten diverser Westernklassiker halt … Auf ein hohes Maß an direkten Filmreferenzen verzichtet Masannek, der auch die Buchvorlagen sowie alle bisherigen Filme verantwortete, dieses Mal hingegen. Vielleicht bleibt das ja, wie bei den ersten Kerlen, den späteren Abenteuern der Kickergruppe überlassen.
Fazit: Die Wilden Kerle – Die Legende lebt! ist eine gut aussehende, stellenweise in ihrer Komik anstrengend-grell geratene Kinder-Sportkomödie mit dem extra Schuss an Exzentrik und Fanservice.
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