Montag, 31. Oktober 2016

Rammbock


Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern: Wann immer in einer Pressevorführung im Vorspann eines Filmes zu lesen ist, dass er unter anderem von 'ZDF – Das kleine Fernsehspiel' produziert wurde, kann man sich sicher sein, dass nach der Vorführung irgendwer aus dem Kollegium jammert. „War ja klar, dass der nicht kinoreif ist. Ich mein, hallo? 'Das kleine Fernsehspiel'? Die sollen das nachts im ZDF versenden, aber nicht auf die Leinwand werfen“, heißt es dann. Dabei ist es ganz gleich, wie filmisch das zuvor Gesehene umgesetzt wurde oder wie schlecht und narrativ einfallslos der tags zuvor vorgeführte, aber sehr kinetisch inszenierte Big-Budget-Blockbuster ist. Gewiss, das kleine Fernsehspiel des öffentlich-rechtlichen Senders aus Mainz bringt nicht ausschließlich Kracher mit leinwandtauglicher Klasse raus – dennoch gibt es ausreichend Ausrutscher nach oben. Einer davon: Der 2010 zunächst im Kino gestartete, dann zu später Stunde im Fernsehen gezeigte Zombiehorror Rammbock.

Dieser dreht sich um den Österreicher Michael. Der etwas untersetzte, in Liebesdingen naive Mann hat den weiten Weg nach Berlin auf sich genommen, um seiner Exfreundin Gabi den Wohnungsschlüssel zurückzugeben. Nach außen hin soll es als Geste dienen, dass er mit ihrer Entscheidung einverstanden ist, die Beziehung zu beenden. Insgeheim erhofft er sich jedoch, durch die Begegnung ihre Zuneigung für ihn wieder entfachen zu können. In Gabis Wohnung angelangt, trifft Michael allerdings nur auf zwei Handwerker, die ihm nicht sagen können, wo sich die Mieterin derzeit befindet.

Während sich Michael mit dem Jüngeren der Handwerker, Harper, im Gespräch befindet, bekommt der Andere urplötzlich einen Tobsuchtsanfall und stürzt sich auf die Beiden. Ein Blick auf den Innenhof der Wohnsiedlung verrät Harper und Michael, dass nicht nur Harpers älterer Kollege durchdreht: Mehrere Menschen sind zu blutrünstigen Bestien mutiert, die zu allem Überfluss über ein exzellentes Gehör verfügen. Michael und Harper verschanzen sich in Gabis leerstehender Wohnung, versuchen, so leise zu möglich zu bleiben, und beobachten ebenso gebannt wie eingeschüchtert die Lage im Innenhof …

Was Regisseur Marvin Kren (der später unter anderem den Gemüter spaltenden Blutgletscher verantwortete) hier kreiert, ist in vielerlei Hinsicht ein durch und durch klassischer Zombiehorror nach Vorbild solcher Genreklassiker, wie sie George A. Romero verantwortet hat: Die Spannung dieses Films entsteht vor allem dadurch, dass sich die Protagonisten verschanzen, durch die Medien über den zerfallenen Stand der Außenwelt informieren und in moralische Dilemmata geraten. Gleichwohl wandelt Drehbuchautor Benjamin Hessler den Stil seines Vorbildes dezent ab. Etwa, indem sie die Fähigkeiten der Zombies sowie die nebenläufig durch Fernseh- und Radioansagen erklärten Hintergründe der Zombieseuche anders gestaltet: Die Zombies irren im Normalfall schleichend und widerliche Töne von sich gebend umher – es sei denn, sie werden durch ihren hervorragenden Gehörsinn in Aggressionen versetzt. Dann rasen sie blutrünstig auf einen zu.

Kren und Hessler verschieben den Fokus ihrer Erzählung trotzdem nicht, so wie viele Zombiefilme der späten 2000er- und frühen 2010er-Jahre, gen Action, sondern noch stärker in Richtung einer „Beobachten, abwarten, handeln“-Strategie der Filmhelden.

Insbesondere der Mittelpart gleicht weniger solchen actionreichen Genrekollegen wie 28 Days Later, sondern eher Alfred Hitchcocks suspensereicher Arbeit in Das Fenster zum Hof: Der mit einem sehr spröden, österreichischen Humor ausgestattete Michael Fuith und der die Gefährlichkeit der Situation besser begreifende, von Theo Trebs sympathisch-direkt gespielte Harper richten ihr Handeln zwischenzeitlich komplett danach aus, was sich im Innenhof abspielt. Kren fängt dies in bester Das Fenster zum Hof-Manier so ein, dass man sich selber wie ein Voyeur fühlt, der nur einen fenstergroßen Einblick ins Schicksal seiner Nachbarn erlangt. Dadurch, dass Michael und Harper den Innenhof als Maßstab dafür nehmen, wie ernst die Lage ist, entsteht eine plausible Handlungsdynamik: Teils werden Allianzen geschlossen, teils zanken sich die Protagonisten mit Anliegern darüber, wie vorzugehen ist – und teils bringt man sich durch entstandenen Lärm ungewollt in noch harscheren Ärger.

Dieser Handlungsabschnitt wird von den Filmemachern komplett ausgereizt, woraufhin sie ihre Figuren in neue Problemlagen manövrieren. Somit hat Rammbock weder Längen, noch wirkt er abgehetzt erzählt. In lediglich 63 Minuten Laufzeit werden die handelnden Figuren sowie die leicht abgewandelte Zombieprämisse eingeführt, mehrere spannungsreiche Zwickmühlen erschaffen und letztlich wird ein zügiger, wohl aber dramaturgisch ausgereifter Weg zu einem emotional grau-dunkelgrauen Finale gebahnt. Es gibt keine sich ermüdend wiederholenden Splattersequenzen, keine elendig lange Exposition, kein lästig-ausführliches Actionfinale.

Umso stärker werden hingegen die inneren Konflikte der Protagonisten pointiert abgehandelt: Zwar sind Gewissensbisse, ob zum Zombie mutierte Freunde und Verwandte getötet werden sollen, ein wiederkehrendes Element dieses Genres, allerdings wissen Zyniker sehr wohl, dass das Zaudern vieler Zombiefilmhelden unsinnig ist. Oft genug darf man ausrufen: „Das ist nicht mehr [Name], sondern nur noch ein blutrünstiges Monster, jetzt schieß!“ In Rammbock ist ein friedlicher Umgang mit den Zombies hingegen in Maßen gerechtfertigt, denn eine Radiodurchsage behauptet, dass der Blutdurst dieser Wesen nur bei Adrenalinschüben geweckt wird – und dass nach wenigen Tagen Ruhe die Infektion mit dem Zombievirus wieder abklingt. Somit wird im Kampf mit den Zombies von den Rammbock-Helden deutlich mehr Taktik abverlangt als von den Protagonisten anderer Filme, die ihr Gewissen einfach abschalten könnten. Dessen ungeachtet kommt es in Rammbock genregemäß zu Gewaltspitzen, die allesamt sehr effektiv ausfallen: Die Effekte sind herausragend, erst recht angesichts des geringen Budgets dieses Films – sowohl die wenigen, präzise eingesetzten Splattereffekte als auch das Zombie-Make-up sind sehr überzeugend, generell hat Rammbock eine gelungene Bildsprache. Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß setzen auf eine von Farbe freigewaschene, dreckig-ausgebleichte Bildästhetik, vor allem die Szenen im Innenhof setzen zudem auf flackerndes Licht, das Erinnerungen an die Bildqualität abgenutzter Filmkopien erinnert – all dies, ohne so sehr zu übertreiben, dass es ins Parodistische kippt.

Zu guter Letzt ist die obligatorische, romantisch begründete Motivation der Hauptfigur Michael nachvollziehbar und frei von Kitsch: Michaels Zuneigung zu Gabi wird klar so dargestellt, dass der nervöse Single angesichts der apokalyptischen Umstände Selbsttäuschung betreibt. Die Vorstellung, dass sie zueinander finden werden, ist das einzige, woran er sich in der ihn überfordernden Situation festzuhalten weiß. Im Laufe der einstündigen Story macht Michael trotzdem plausible Stimmungsschwankungen durch, ist mal manischer, mal niedergeschlagen – womit er diesem Spannungsfilm auch eine menschlich-emotionale Note verlieht.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

The Neon Demon



Derart elegant, dass es unnatürlich ist. So schön, dass es weh tut. Dermaßen beeindruckend an der Oberfläche, dass alles hinter der Fassade einfach nicht mithalten kann. Das ist The Neon Demon. Doch das neue Filmerlebnis des Drive-Regisseurs Nicolas Winding Refn hat die ideale Ausrede, weshalb es so ist, wie es nun einmal ist. Denn die Viel-Style-/Verdorbene-Auswüchse-/Kaum-Substanz-Neonfarborgie ist, was sie mit campigen Vergnügen zerfleischt: Der dänische Leinwandprovokateur nimmt in diesem Rausch aus stylischen Bildern und elektrisierender Musik das Wesen auf, das gemeinhin dem Modelgeschäft zugeschrieben wird. Er kocht es hoch. Versetzt es mit dubiosen synthetischen Stoffen und verabreicht es seinem Publikum mit der Nadel direkt in den Blutkreislauf. The Neon Demon ist der groteske Zerrspiegel der Welt der Schönen und Arroganten – und daher ist es absurderweise ein Geniestreich, dass hinter diesem atemberaubenden Anblick wenig Köpfchen, wohl aber niederschmetternd-garstige Entwicklungen warten.

Eine nennenswerte Handlung haben sich das Enfant terrible Refn und seine Ko-Autorinnen Mary Laws & Polly Stenham konsequenter gleich gespart. Stattdessen ergibt ihre wahnhafte Verschmelzung aus Thriller, Drama und bulimischer Satire (sehr bissig, jedoch bleiben nach der Sichtung kaum Nährstoffe über) ein episodenhaftes Branchenpsychogramm. Bloß, dass sich Refn herzlich wenig für eine realistische Betrachtung mit Bodenhaftung interessiert. In zielstrebig-stereotypisierter Modelmanier ist die in The Neon Demon gelieferte Skizze dessen, wie die Modelszene tickt, überzogen, hysterisch, divenhaft-überdramatisierend und mitunter schlecht informiert. Ein Mimosen-Soziopathogramm, sozusagen. Nur, dass es wahrhaftig nicht für Mimosen gemacht ist.

Denn schon im Vorspann gleicht die Instrumentalmusik des Refn-Dauerkollaborateurs Cliff Martinez einem akustischen Damoklesschwert: Den eiskalt pulsierenden Beats haftet in ihrem perfektionistischen Vorwärtsdrang etwas Bedrohliches an. Wenn Protagonistin Jesse (Super 8-Entdeckung Elle Fanning) daraufhin regungslos und blutüberströmt wie der feuchte Lolita-Traum eines makabren Fashionista daliegt, setzt Refn auch visuell ein prophetisches Statement: Gut können die nachfolgenden Filmminuten nicht ausgehen. Blut dürfte fließen, sei es Jesses, oder sei es, dass sie im Blut anderer baden wird. Denn niemand kann ein menschgewordenes Reh-im-Scheinwerferlicht mit großen Modelambitionen nach Los Angeles entlassen und erwarten, dass sich nichts Boshaftes tut.


So theatralisch die Dialoge sein mögen und so sprunghaft die charakterliche Entwicklung, die Jesse vollzieht: Refn muss angerechnet werden, dass er es lange offen lässt, wohin es ihn und seine Figuren letztlich treibt. Dies ist auch zu großen Teilen Elle Fanning zu verdanken, die vor allem in den zahlreichen wortlosen Dialogen eine zwiespältige Lesart ihrer Modelnewcomerin gestattet. Zart genug, mit solch träumerisch-unschuldigen Augen, dass dies eine „Die Schattenwelt des Modebusiness wird sie ohne Gegenwehr zerstören“-Parabel werden könnte. Oder doch verschlagen genug und über-ihr-Alter-hinaus-verführerisch, um anzudeuten, dass innere Dämonen in ihr schlummern, die ihr schales, borniertes Umfeld das Fürchten lehren werden?

Während Fanning dieser Dualität zum Trotz durchweg wahrhaftig und gerade heraus spielt, verstärkt Die Tribute von Panem: Catching Fire-Kämpferin Jena Malone den skurril-neckischen Unterton in Refns Klischees genüsslich verschlingender Regiearbeit. Mit kess-verschmitztem Grinsen gibt sie die erfahrene und etwas selbstgefällige Make-up-Künstlerin Ruby, die immer wieder in platonischen Worten betont, Jesse halt sympathisch zu finden und sie daher zu unterstützen. Dabei trägt Malone gestisch in ihrer Performance unverhohlen-versiert dick auf, dass nur noch ein Augenzwinkern gen Kamera fehlen würde – Ruby ist heiß auf Jesse, und sie gefällt sich darin, das Rehkitz anzugeifern. Die weiteren Nebendarsteller drapiert Refn irgendwo auf einer Skala von Fanning bis Malone: Christina Hendricks mimt würdevoll-stringent die Karikatur einer Modeagentin, Love 3D-Macho Karl Glusman macht recht strikt einen auf blauäugigen Möchtegernlover, Keanu Reeves spielt auf verlorene Weise ein schmieriges Arschloch, Bella Heathcote und Abbey Lee bestechen als pathetische Ultrazicken, die zu gleichen Teilen einer Switch reloaded-Parodie von GNTM und einem Black Swan-artigen Psychothriller entflohen sein könnten.


Refn lässt diese Figuren aneinander rasseln, hinterfotzig-freundschaftlich interagieren und zuweilen auch modisch-hochnäsig nebeneinander vorbeilaufen, wodurch sich galleartig-gemeine (und erkenntnislose) Seitenhiebe sowie aufreibende Suspensesequenzen entwickeln. Teils bauen diese Momente aufeinander auf, etwa wenn sich Rubys und Jesses Beziehung verkompliziert, teils stehen sie auch völlig für sich – wie eine narrativ ins Leere führende, als thematischer Wegweiser interpretierbare Passage über einen Eindringling in Jesses Unterkunft. Atmosphärisch schreitet diese von Kamerafrau Natasha Braier meisterlich in sadistisch phosphoreszierende Farben gehüllte Exploitation-Farce jedoch konsequent ins Extreme: Erin Benachs schmucke Kostümarbeit wird exzentrischer und exzentrischer (sofern die Figuren überhaupt noch Kleidung tragen). Die Monologe werden bedeutungsschwanger (ohne zwangsweise an Aussagekraft zuzulegen – nennt man das dann bedeutungstodgeburtsartig?). Aus ästhetisch-geschmackvollen Abweichungen von der sexuellen Norm (noch im ersten Akt bestaunt Jesse einen im Stroboskoplicht ertrinkenden Bondageakt) werden entfesselte Perversionen. Und ja, Blut wird fließen, als wäre Flut im Roten Meer.

Begleitet durch einen der besten Soundtracks der Dekade orchestriert Refn The Neon Demon gewissermaßen als wenig zärtliche, humorvollere Ecstasy-Junkie-Cousine von Jonathan Glazers Under the Skin: Ein paar Gehirnzellen mag sich Refns Werk weggeätzt haben, aber es teilt sich mit Under the Skin den Sinn für einfallsreiche Bilder und den originellen Blick auf die Waffen der Frau.

Fazit: Kunterbunt, superstylisch und bitter-abgeschmackt: The Neon Demon ist ein geil klingender, fieser Trip ins Es der Modelwelt.