Mittwoch, 8. April 2009

(Ab)Gebildet: ...und eine Ziege

Die Ausstattung in der Pirates of the Caribbean-Trilogie ist imposant, für praktische Effekte wurden immense Unkosten in Kauf genommen und selbst wenn eine Szene im Drehbuch bloß aus einem Dialog zwischen zwei Charakteren besteht, findet sich im endgültigen Film eine lebhafte Szenerie.
Eines meiner Lieblingsbeispiele ist etwa die Anlegedock-Szene in Die Truhe des Todes ("Pirates of the Caribbean - Dead Man's Chest"). Diese bös unterschätzte Szene ist nicht bloß vollgestopft mit einigen der besten Zitaten der gesamten Trilogie ("Ich fühle mich zutiefst geschmeichelt mein Sohn, aber meine erste und einzige Liebe ist die See!", "Versteckt den Rum!", "Diese Kleidung schmeichelt Ihnen nicht wirklich. Es sollte ein Kleid sein oder nichts. Leider habe ich kein Kleid in meiner Kajüte."), Exposition (Wie funktioniert Jacks Kompass?) und rasant abgehandelten, dabei stets realistischen, Zusammenführungen der Charaktere, sondern war auch relativ schwer zu drehen, da sie nachts an einem echten Dock gedreht wurde, der mit vielen Figuren bevölkert ist. Und dennoch war es Verbinski nicht genug, weshalb wir im Hintergrund ein knutschendes Pärchen und die frisch angeheuerte Crew der Black Pearl bestaunen dürfen, die das Schiff belädt.

Ted Elliott und Terry Rossio fanden im Audiokommentar zu Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 (um den deutschen Originaltitel doch noch genannt zu haben) ein sehr originelles Merkmal für Gore Verbinskis Inszenierungsstil, insbesondere für seinen Hang zur opulenten und detaillierten Bildgestaltung: "...und eine Ziege", auch genannt "der Ziegen-Effekt".

Leicht scherzhaft erklären die Autoren, dass im Drehbuch simpel erscheinende Szenen plötzlich mit wankenden Statisten, Feuer, Spezialeffekten und (besonders erwähnenswert) Ziegen belebt werden. Warum? Weil Gore Verbinski es halt so will. Das Bild braucht halt Statisten... Feuer... und... Ziegen!

Wenn man sich dies im Hinterkopf behält, dann erlebt man die Pirates of the Caribbean-Trilogie bei erneuten Sichtungen plötzlich ganz anders. Man entdeckt im Hintergrund eine Ziege und denkt sich: Hey. Die steht nicht im Drehbuch. Sie ist völlig unwichtig. Aber Gore Verbinski fand bei der Planung der Szene, dass sie eine Ziege bräuchte... Irre...

Und schon findet man die eine oder andere Ziege an ganz unerwarteten Orten...

Fluch der Karibik

Die erste Ziege der Trilogie erwartet uns während Jack Sparrows ikonischer Einfahrt nach Port Royal. In einem Umschnitt sehen wir irritierd blickende Handelsfahrer, die ihr Schiff gerade mit einer Ziege beladen. Noch ganz normal...

Dass Will Turner am Morgen nach dem Angriff der Black Pearl seine angeschlagene Heimatstadt sieht und ein paar Hühner sowie eine Ziege frei in der Gegend herumlaufen ist ebenfalls noch zu verkraften...

Aber das?! Äh, was bitte?! Was macht diese Ziege ganz allein in diesem winzig-kleinen Boot? Ist sie der Jack Sparrow der Ziegenwelt und spielt Jacks erste Szene nach?

Dagegen sind die Gassi gehenden Ziegen auf Tortuga wieder völlig normal. Außerdem fallen sie aufgrund der Beleuchtung nicht ganz so sehr auf...

Die Truhe des Todes

Dass Gore Verbinski sich wirklich einen Spaß daraus macht, Ziegen in die Szenerie einzubauen, wird spätestens hier klar: Es ist regnerisch, eine Hochzeit fiel ins Wasser, die East India Trading Company überfällt Port Royal, ein ganzer Trupp Soldaten rennt zu Wills Schmiede... Vorbei an einer Ziege. Und kommt nicht mit "Es belebt das Bild, man würde es ohne sie irritierend leer empfinden"... Dieses Bild ist nur für wenige Sekunden (wenn überhaupt!) zu sehen... Niemand würde es bemerken, wäre hinter den Kerlen nix los...
(Es sei noch angemerkt, dass dies eine der wenigen stummen Ziegen ist. Die meisten machen noch laut
Mää-ääh! wenn sie zu sehen sind)

Unter Deck ist die Black Pearl sehr mies beleuchtet. Wir sehen ganz klar ein Schaf und ein Huhn. In der Mitte bewegt sich irgendetwas, und hinter dem Schaf steht auch irgendein Tier... Eine Ziege etwa? Dem lauten Ziegengemecker während des Bildes nach zu urteilen schon... Vielleicht ist das Schaf aber auch nur im Stimmbruch...
Wohl meine Lieblingsziege in der Trilogie: Will Turner befragt Leute, ob sie wissen wo Jack Sparrow ist. Während der Mann hier Wills Frage beantwortet, wird das Schiff im Hintergrund beladen. Eine Ziege wird durch das Bild gezogen, und unüberhörbar ertönt ein "Mää-äääh-äh!" In Bewegung ist das ganze noch viel lustiger...

Um der eingangs bereits gelobten Dock-Szene den letzten Touch zu geben und sie endgültig zu einem Juwel der Trilogie zu machen, ließ Verbinski dem ehemaligen Commodre eine Ziege in die Hand drücken... die beim Meckern die Zunge rausstreckt.

Am Ende der Welt

Zu Beginn von Am Ende der Welt lässt es Verbinski wieder subtiler angehen. Zwar hört man die Ziege am Anfang der Singapur-Sequenz überdeutlich, doch um sie auch zu erkennen, muss man schon was genauer hinschauen. Vielleicht will der gute Gore das Ziegen-Gassi-Führen auch bloß nicht zu offensichtlich bewerben - unterschwellige Botschaften bleiben ja besser haften...

Die Krönung des Ziegen-Effekts. Wie mag das nur in der Drehbuchbesprechung ausgesehen haben? "Also, das Schiff wird von ganz vielen Jack Sparrows bevölkert. Und einer rutscht lüstern ins Leere - links im Bild ist niemand, aber es sieht so aus, als wäre da eine Frau, an die Jack sich ranmacht..." -"Nee, leer gefällt mir nicht. Packt da 'ne Ziege hin."



Seltsamerweise verzichtete Gore Verbinski im aufwändigsten der drei Pirates-Filme darauf, weitere Ziegen einzubauen. War er etwa mit den vielen Massenszenen überfordert? Oder war er mit den Bildern so zufrieden, dass sie in seinen Augen keine weiteres "Ziegen-Plussings" benötigten?

So oder so... Eins vermisse ich in Pirates 4 bereits jetzt: Die versteckten Ziegen.

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1 Kommentare:

Green Ninja hat gesagt…

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ein leidenschaftlicher Film-Fan wie du es bist, hin und wieder auf Filme im Original schaust. Auf englisch hat dieses Zitat:
"Diese Kleidung schmeichelt Ihnen nicht wirklich. Es sollte ein Kleid sein oder nichts. Leider habe ich kein Kleid in meiner Kajüte."
Nämlich einen leicht anderen Ton:
"It should be a dress or nothing at all. I happen to have no dress in my quarters."

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