Freitag, 27. November 2009

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil XII)

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Nach einer kurzen Phase mit etwas bekannteren Liedern folgt nun wieder eine mehrere Blöcke umfassende Phase mit Disneyliedern, die für viele einen nicht ganz so hohen Wiedererkennungswert haben sollten. Manche populäre Nummer werden sich in den kommenden Blöcken daruntermischen, aber größtenteils dominieren die etwas rareren Lieder.

Freut euch also schonmal auf ein Wiedersehen mit Annette Funicello, Filmen aus Disneys "dunkler Periode" und Titeln aus Direct-to-Video-Produktionen, gewürzt mit einigen Meisterwerk-Liedern.
Keine Sorge - Disneys musikalisches Allgemeingut wird im Rahmen dieser Hitliste ebenfalls wieder besprochen. Es stehen ja weiterhin viele freie Ränge zur Verfügung...

Platz 265: Mr. Piano Man, Please! aus The Golden Horseshoe Revue
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman

Der Golden Horseshoe Saloon im kalifornischen Disneyland war im Laufe seiner Existenz die Spielstätte zahlreicher Aufführungen. Den Anfang machte die sehr zum Western-Saloon-Thema passende The Golden Horseshoe Revue, die von 1955 bis 1982 lief und sich rund um die Saloonbesitzerin Slue Foot Sue und ihre Tänzerinnen dreht. Kleine Sketche über einen Handelsvertreter und ein ins Geschehen platzender, über sich selbst singender Pecos Bill rundeten das Vergnügen ab.
1962 drehte Ron Miller (Walt Disneys Schwiegersohn und späterer Präsident des Disney-Konzerns) für die Fernsehshow Walt Disney's Wonderful World of Color einen gleichnamigen Film, in dem neben Ed Wynn (siehe auch Platz 280) auch Walt Disney höchstpersönlich und "Everybody's Darling" Annette Funicello mitspielten. Funicello spielte eine neue Showdame im berühmten Saloon, die zunächst züchtig gekleidet ein behäbig-gesittenes Liedelein anstimmt. Adie ersten Gäste androhen zu gehen, fordert die Besitzerin Funicello auf, ein aufregenderes, heiteres Lied zu singen. Schwupps, reißt sich Funicello eine Lage Klamotten vom Leib und steht nur noch im Wild-West-Korsettkleidchen dar und tanzt ausgelassen zur frohgestimmten, im Ragtime-Style gehaltenen, Nummer Mr. Piano Man, Please!, in welcher die Sherman-Brüder so einige Doppeldeutigkeiten einbrachten. Oder will mir hier jemand wirklich erklären, dass eine (für Disneyverhältnisse) so offenherzig gekleidete Frau, die den Herren Pianomann darum bittet das "zu tun, was keiner tun kann" und "diese Elfenbeintasten kitzeln" soll, einzig und allein vom Klavierspielen trällert?
Aber auch völlig unabhängig vom sexuellen Subtext ist Mr. Piano Man, Please ein toll geschriebener, von Funicello sehr gut umgesetzter Song, der von Mal zu Mal mehr gefällt und einen in die richtige Frontierland-Laune versetzt. Der nächste Disneyland-Besuch darf kommen!

Platz 264: Uncle Remus Said aus Onkel Remus' Wunderland
Musik & Text von Eliot Daniel, Hy Heath und Johnny Lange

Zu wirklicher Bekanntheit schafften es aus dem Mischfilm von 1946 bloß die Zeichentricksequenzen rund um den gewitzten Meister Lampe, der mit viel Köpfchen immer aus den Klauen von Patzich, dem Fuchs, und Brumm, dem Bären, entwischen kann. Vor allem die munteren Gesangseinlagen aus den Trick- und Mischsequenzen konnten sich zu kleinen Dauerbrennern unter Disneyfans raufarbeiten. Der Rest des Films ist schlichtweg unbekannt und hat - zumindest in den USA - den traurigen Ruf eines rassistischsten Machwerkes an seinen Fersen heften. Kurioswerweise erlebte der Film noch im Januar 1972 eine außerordentlich erfolgreiche Wiederaufführung und selbst 1986 lief er noch verhältnismäßig einträglich in den Kinos, während bloß einige, wenige, leise Kritikerstimmen zu vernehmen waren, dass der Film als "unsensibel" gegenüber den Afro-Amerikanern aufgefasst werden könne. Den überaus negativen Ruf von Onkel Remus' Wunderland hat sich Disney also mit seinem strikten, selbst auferlegten Veröffentlichungsverbot selbst zuzuschreiben. Weil sich kaum jemand in den USA selbst ein Bild vom Film machen kann, erhält er nunmal diese Aura des unheimlichen. In Europa steht der Film nicht so schlecht dar. Oft genug wurde er im Free-TV gezeigt (zuletzt am 9.9. 2001 auf RTL), bislang sind mir keine Beschwerden über diese Ausstrahlungen bekannt, ebenso wenig wie über die VHS-Veröffentlichung in den 90ern.
Hinter all dieser Thematik fallen die weniger heiteren Lieder aus dem Film vollkommen zurück und geraten schnell in Vergessenheit. Da sie keine elementaren Teile des Seherlebnisses sind, ist das auch nicht weiter drastisch. Das eingängige und sehr urbane Lied Uncle Remus Said ist trotzdem sehr gut hörbar, zumindest so lange man Onkel Remus' Wunderland als ein nach dem Ende der Sklaverei angesiedeltes, zuckriges "Musical-Dramödchen" sieht, in dem die einfachen, zufriedenen Menschen als positiv gezeichnet werden, während reiche, eingebildete Fatzkes ihr Fett wegkriegen. Und da ein reicher Schwarzer kurz nach dem Bürgerkrieg sehr unrealistisch ist, nimmt die nervige Mutter eines weißen Kindes die Rolle der reichen Tussi ein. Sieht man den Film so, dann ist an Uncle Remus Said, einer Folklore-Nummer, in der sich Farmarbeiter kurze Fabelgeschichten des stadtbekannten Märchenonkel Remus vorsingen um sich von der Arbeit abzulenken, überhaupt nichts schlimmes zu erkennen.

Platz 264: Winnie der Puuh aus Winnie Puuh und der Honigbaum
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman (dt. Fassung von Eberhard Cronshagen)

Ich habe nichts gegen Winne Puuh... an sich. Aber ich hasse den Grütze-klebrig-süßen-debilen Kinderknuddelwuddelbärenpups, den Disney im Laufe der 90er erschuf und in dieser Dekade zusehends hochstilisierte. Der Winnie Puuh, den wir aus den klassischen Kurzfilmen sowie dem Kompilationsfilm Die vielen Abenteuer von Winnie Puuh kennen, finde ich dagegen ganz gut. Aber selbst da haben es mir der Erzählstil sowie Puuhs Freunde I-Ah und Tigger mehr angetan als der recht fahle Teddybär. Winnie Puuhs Titellied aus der Feder der Sherman-Brüder hat es mir dennoch angetan. Es trifft Puuhs Charakter perfekt: Leicht, simpel, unbeschwert. In Liedform viel eher meine Kragenweite als in Figurenform.

Platz 262: Wir malen die Rosen rot ("Painting the Roses Red") aus Alice im Wunderland
Musik & Text von Bob Hilliard & Sammy Fain (dt. Fassung von ?)

Laufende Spielkarten, die darüber singen, dass sie weiße Rosen rot malen, um ihrer (menschlichen) Königin zu gefallen und dem Tod durch Enthauptung zu entkommen - willkommen in Disneys völlig verrücktem, vor lauter Fantasie fast zerberstendem Meisterwerk Alice im Wunderland von 1951. Wir malen die Rosen rot ist kein emotionaler Song, nichtmal ein sonderlich verrückter. Es ist einfach nur eine musikalische Begleitung für eine kuriose Szene. Aber das Lied hat etwas, das es in meiner Gunst nach oben schmuggelt. Es erfreut mich einfach, die Karten arbeitsam, leich eingeschüchtert, von ihrer Arbeit singen zu hören.

Platz 261: Portobello Road aus Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman (dt. Fassung von Eberhard Cronshagen)

Die überlangen Familienmusicals Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett und Elliot, das Schmunzelmonster fielen sowohl in den USA, als auch in Deutschland einem Kürzungswahn zum Opfer. Irgendwer muss den Verantwortlichen wohl das Märchen aufgetischt haben, dass Familien allergisch auf Filme mit über 100 Minuten Laufzeit reagieren, und so wurden rigoros Szenen und Lieder rausgeschnitten. Im Zuge dessen wurde Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett auch von sämtlichen Anleihen an den zweiten Weltkrieg befreit, die bei der deutschen Erstaufführung gar kein so großes Problem darstellten.
Eines der wenigen Lieder, das zumindest stückchenweise zu einer deutschen Heimkino-Veröffentlichungüberlebte, ist die mit außerordentlich viel britischem Flair aufwartende, zynische Hymne an die Portobello Road. Eine nobel unterkühlte und etwas geheimnisvolle Komposition, hervorragend gesungen von David Tomlinson bzw. seinem deutschen Sprecher Friedrich Schoenfelder, der als sarkastischer Prof. Brown all seine Verachtung auf eine so ehrvolle Weise zum Ausdruck bringt, dass man ob seines Talents fast neidisch werden könnte.
Die ausführliche Tanzsequenz während des Songs, die in Deutschland mittlerweile aus oben genannten Gründen stückchenweise auf dem Flur des Schneideraums verstaubt, stört meiner Meinung nach übrigens die einmalige Stimmung des Liedes, weshalb ich ausnahmsweise Mal gar nicht so traurig über die Kürzung bin. Es bleibt ein Sakrileg, in diesem Fall ist es aber verschmerbar.
Die reale Portobello Road im Londoner Stadteil Notting Hill gleicht dem im Film gezeigten Studioset übrigens kein bisschen und zeigt sich nur samstags als "größter Antiquitätenmarkt der Welt". Montags bis freitags findet dort ein großer Lebensmittelmarkt statt.

Platz 260: Der Wahnsinn von König Scar ("The Madness of King Scar") aus Der König der Löwen - Das Broadway Musical
Musik von Elton John, Text von Tim Rice (dt. Fassung von Michael Kunze)

Mittlerweile wird Der König der Löwen von Kritikern, Musicalfreunden und Disneyfans gleichermaßen als eines der größten und besten Bühnenmusicals unserer Zeit akzeptiert und gefeiert. Dennoch sollte es ein leichtes sein, sich in die Zeit kurz nach dem Kinostart des unvergleichlichen Disneymeisterwerkes von 1994 zurückzuversetzen. Die Regisseure Roger Allers und Rob Minkoff scherzten angesichts der Bühnenfassung von Die Schöne & das Biest bereits intern, dass es ihnen gelang einen Film zu erschaffen, der trotz enormen Erfolgs niemals für die Bühne umgesetzt würde. Wie sähe denn bitte die Bühnenfassung aus? Disney würde doch kein zweites Cats auf die Welt loslassen wollen, oder?
Allers und Minkoff machten die Rechnung ohne einen mächtigen Verrückten, den Mann, der es ebenfalls für eine gute Idee hielt eine Wildwasserbahn auf der Basis eines Mischfilms bauen zu lassen, den Disney vor der Öffentlichkeit verstecken möchte. Sie dachten nicht an den Mann, der sich dafür einsetzte die heiligen Disney-Zeichentrickfilme auf Video zu veröffentlichen, an den Mann, der einen Themenpark über Kalifornien auf den Parkplatz des kalifornischen Disneylands bauen ließ: Michael Eisner. Dieser setzte es sich in den Kopf, aus Der König der Löwen eine Bühnenshow zu machen. Er bekniete die begnadete Regisseurin Julie Taymor - und überzeugte sie. Dennoch hatte sie einige Startschwierigkeiten. So mangelte es ihr an starken Frauenpersönlichkeiten im Zeichentrickfilm (weshalb sie Rafiki einer schnellen Geschlechtsumwandlung unterzog) und für das Musical mussten unbedingt neue Lieder geschaffen werden. Zu diesem Zwecke entlieh sie einige Lieder aus dem Album Rhythm of the Pride Lands und sie beauftragte Elton John und Tim Rice damit, drei weitere Songs zu verfassen. Einer davon ist der "Szenensong" Der Wahnsinn von König Scar, der im Gegensatz zum Großteil des Musicals nicht als klassischer alleinstehender Song (entweder Pop oder afrikanische Folklore - oder eine Mischung aus beidem) verstanden werden kann, sondern aus gesungenem Dialog besteht. Die Musik wandelt sich im Laufe der Szene mit Scars steigendem Wahnsinn und erreicht ihren Höhepunkt in einem kurzen schizophrenen Anfall und Scars anschließender Fantasie Nala zu seiner Königin machen zu können, was mit einem flotten Tango untermalt wird.
Das Lied verleiht dem sowie so großartigem Bösewicht Scar mehr Persönlichkeit und gibt dem Publikum eine weitere Gelegenheit den genussvoll durchtriebenen "bösen Onkel" in größenwahnsinnigen, selbstverliebten Tönen über sich selbst singen zu hören. Kein Wunder, dass dies einer meiner favorisierten Disney-Szenensongs ist. Denn während mir Szenensongs in anderen Musicals gar nichts ausmachen, so finde ich es bei Disney irgendwie schade, wenn die Lieder nicht für sich selbst stehen können / sollen. Gerade Disneylieder stehen für mich ja eigentlich für einen hohen "Wiederholt-Anhörfaktor" - und bei Szenenliedern ist das für mich manchmal was schwierig...

9 Kommentare:

Andi hat gesagt…

Portobello Road gibt's auf deutsch?
Woher weißt du das, bzw. woher hast du es? Habe den Film auf DVD, da fehlt die Szene leider ganz, aber der Songs ist auf jeden Fall wirklich sehr, sehr gut. Einer meiner Favoriten.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Zumindest auf VHS gibt's den Anfang des Songs zu hören - halt wie gesagt ohne die ganzen Tanzeinlagen. Dachte, das hätte es auch auf die neuste DVD geschafft...

Andi hat gesagt…

Die neuste hab ich ja auch nicht.

Mowgli hat gesagt…

Ich habe die Erstveröffentlichung auf DVD und da ist der Song enthalten. Es stimmt also ;)

Andi hat gesagt…

Ist wohl ein Witz?! Auf dieser DVD ist der Song nicht drauf http://home.arcor.de/oscan/W_D/Anga/DieTOLLKUEHNE_a1SC_.htm

Clochette hat gesagt…

Ja; lingt ziemlich witzig:

Auf meiner DVD (die gleiche wie im Link, die SC) ist das Lied drauf, und für mich klingt das auch nicht gekürzt; es folgen mehrere Straßentänze. Das ganze ist vom Beginn der Szene (Portobello Road-Schild) bis zum Ende der Reprise 4:43 Minuten lang.

Vergleiche?

Sir Donnerbold hat gesagt…

In deiner Edition fehlt wohl ein bisschen Spaßgetanze:

http://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=1972

Das wesentliche des Liedes ist aber drin. Wenn Andi die gleiche DVD wie du zu besitzen meint, dann hat seine Disc wohl einen bösen Kratzer, sollte das Lied komplett fehlen.

Andi hat gesagt…

Tatsächlich! Ich war der Auffassung, das Lied wäre mit dem Tanz ganz rausgeschnitten worden.

Wieder wohl Zeit, sich den Film wieder mal anzuschauen ;-)

Sunshine hat gesagt…

Winnie Puuh ist fast komplett an mir vorbeigegangen. Nur Tigger fand ich immer gut, aber ausgerechnet die Hauptfigur hat mich überhaupt nicht angesprochen. Naja.^^

Das Verrückte an den Liedern aus Alice im Wunderland ist, dass ich mich spontan an keins erinnern könnte, aber sobald jemand eine Szene und den Titel des Liedes erwähnt, hab ich gleich die Musik im Ohr. Passt vielleicht auch ein wenig zu dem verrückten Film. :)
Warum mir aber ausgrechnet die Endszene aus "Andorra" bei dem Lied in den Sinn kam, mit dem ständigen "Ich weißle, ich weißle", kann ich nicht so wirklich erklären.^^

Auf CD hab ich mich bisher nicht so wikrlich mit The Lion King anfreunden können; ich denke, dass viele Lieder mit den Geschehnissen auf der Bühne sicherlich sehr viel besser wirken als nur so auf CD (jetzt mal von den bekannten Klassikern abgesehen). Ich sollte die CD vll. nochmal hören; damals fand ich einige Stimmen irgendwie unpassend. Was mich jedoch immer wieder absolut packt, ist "Shadowlands". Bin gespannt, ob das hier auch noch irgendwann kommt. :)

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