Donnerstag, 17. Juni 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil XLV)

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Wir erreichen die Königsliga meiner ausführlichen Disneylieder-Hitliste. Nachdem vor wenigen Plätzen die Phase eingeleitet wurde, in der nicht weiter sündhafte Vergnügen, objektiv betrachtet gelungene Lieder und nostalgische Lieblinge neben charmanten Begleitern für Zwischendurch ein wildes Durcheinander ergeben, sondern schlichtweg die für mich ganz persönlich das Disney-Musikspektrum definierenden Songs den Ton angeben, betreten wir nun einen weiteren, neuen Abschnitt: Denn die Top 50 schrieben sich von selbst. Nicht zwangsweise die Rangfolge, in der sie stehen. Doch während es für mich mitunter ungeheuerlich schwer war, zu entscheiden, welche Lieder ins untere Drittel, ins Mittelfeld oder "absolut super, aber ganz knapp vorbei an größeren Ehren"-Feld gehören, standen meine fünfzig liebsten Disneylieder sehr früh fest. Es sind die für mich spaßigsten der beschwingten Disneylieder, die Balladen, die mich am meisten berühren und die einige Leser sicherlich besonders stark verwundernden Exemplare der obskuren Kleinode des Disneyliedguts. Drückt euren bislang ungenannten Favoriten die Daumen, lehnt euch zurück und betrachtet dieses Schauspiel oder macht was auch immer euch beliebt... Viel Spaß mit den kommenden Liedern aus diesem Artikel und den nächsten Blöcken!

Platz 52: Mein Wiegenlied ("My Lullaby") aus Der König der Löwen 2: Simbas Königreich
Musik von Scott Warrender, Text von Joss Whedon (dt. Fassung von Frank Lenart)

Die auf Rache an Scars Tod sinnende Löwin Zira züchtet mit ihrem Ziehkind Kovu eine Tötungsmaschine heran, die eines Tages den König des geweihten Landes stürzen soll, um eine ihrer Ansicht nach gerechtere Herrschaft aufzubauen, die dem aufgrund ihrer Treue zum verräterischen Scar verbannten Clan um Zira die Rückkehr zum Königsfelsen ermöglicht. Wie es sich für eine besessene Bösewichtin in einem modernen Disneyzeichentrickfilm gehört, bekommt Zira im Laufe von Der König der Löwen 2: Simbas Königreich auch eine Gelegenheit spendiert, ihre bösen Absichten in einem Lied zu beschreiben. Doch Zira begnügt sich nicht damit, ihren Untergebenen vorzuführen, welche diabolischen Pläne sie schmiedet. Nein, sie singt ihren manischen Schurkensong als Gute-Nacht-Lied für den noch kleinen Kovu! So garstig muss man erstmal sein, dass man seinem kleinen Ziehkind vorm Einschlafen ein hasserfülltes Lied mit blutigen, hetzerischen Textzeilen vorsingt. Scott Warrenders bedrohliche Melodie, die sich mit Ziras Wahnsinn steigernde Intensität dieser niederträchtigen Komposition, der regelmäßig wämmernde, beklemmende Bass... Hinzu noch eine herrlich finster-intrigante, nicht über das Ziel hinausschießende Stimme und eine bedrohliche Phonetik wie etwa in der englischen Fassung, selbstverständlich der allen anderen überlegenen deutschen (es ist schlicht eine perfekte Sprache für Bösewichtsongs) oder überraschenderweise auch in der französischen Synchronfassung, und wir haben einen furios dämonischen Disneysong. Der Originalliedtext stammt übrigens von niemand geringerem als Buffy-Erfinder Joss Whedon, der Mitte der 90er als "Script Doctor" für Disney tätig war und so auch an Toy Story mitwirkte, wodurch er eine Oscar-Nominierung erhielt, und die Gelegenheit erhielt am anfänglichen Storyentwurf zu Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt mitzuwirken.

Platz 51: Probier's Mal mit Gemütlichkeit ("The Bare Necessities") aus Das Dschungelbuch
Musik und Text von Terry Gilkyson (dt. Fassung von Heinrich Riethmüller)

Ausgerechnet der berühmteste und (womöglich) beliebteste Song aus des Deutschen Lieblingsfilm Das Dschungelbuch stammt im Gegensatz zu allen anderen nicht aus der Feder der Sherman-Brüder. Terry Gilkysons Probier's Mal mit Gemütlichkeit stammt noch aus einer früheren, vorlagengetreueren und grimmigeren Adaption von Rudyard Kiplings bekanntem Werk. Der späte Walt Disney, der trotz seiner Arbeit für's Fernsehen, das Disneyland und den Plänen für Disney World während der Produktion zum Dschungelbuch wieder Zeit fand, Einfluss auf die Produktion seiner Filme zu nehmen, mochte diese Fassung jedoch gar nicht. Sie sollte komplett im Müllkorb landen, bis auf einen Song, den er als "recht gut" betitelte. Die Aussagen, wer der Retter von Balus Mantra war, widersprechen sich. Entweder soll es Onkel Walt höchstpersönlich, oder es waren die von Disney herbeizitierten Sherman-Brüder, die Das Dschungelbuch auf den Weg bringen sollten und großen Gefallen an Gilkysons Song fanden. Für das neue, leichtherzigere und mit Sherman-Musik ausgeschmückte Dschungelbuch wurde auch wieder die ursprüngliche Version des Songs herbeigeholt, nachdem das Lied eine Zeit lang abgedumpft wurde, um mit dem restlichen, düsteren Film im Einklang zu sein.
Als großer Klassiker und unwiderstehlicher Ohrwurm aus Walt Disneys letztem Zeichentrickfilm, wurde Das Dschungelbuch selbstverständlich immer wieder von Künstlern aus den verschiedensten Musikreichtungen neu eingespielt. Mir persönlich sind allerdings fast alle Coverversionen entweder zu lässig (Balu ist vielleicht ein fauler und bequemer Bär, dennoch hat er Musik in den Beinen) oder zu vital (Balu hat vielleicht Musik in den Beinen, dennoch ist er ein fauler und bequemer Bär). Deshalb ist meine mit riesigem Abstand favorisierte Version dieses Liedes, die nicht seit 1968 immer wieder in den deutschsprachigen Kinos zu hören war, die Stefan Raab 1997 für die kurzlebige Serie Die Dschungelbuch-Kids aufnahm. Auch bei diesem sogar als Single veröffentlichten Lied muss man jedoch ausdifferenzieren, da neben der kurzen Schnittfassung, die als Titellied diente, auch noch ein paar weitere Edits existieren. Ich meine zumindest wahlweise die auf dem Soundtrack von Das Dschungelbuch 2 veröffentlichte Extended Version oder den Radio Edit, zu dem es auf dem Dschungelbuch-Kids-Video auch einen Musikclip zu sehen gibt, den ich mir wesentlich häufiger als das restliche Material der Kassette ansah. Raabs Probier's Mal mit Gemütlichkeit (schön locker) verwendet Samples aus dem Film und einem Hörspiel (eine wunderbar nostalgische Ankündigung von "Balu, der Bär"), die typischen Discjockey-Soundeffekte und Raabs markanten Spaß-Funkstil, und erzeugt somit auf Basis der hier im Refrain genutzten Melodie des Originals eine herrliche Hommage an den unsterblichen Faulenz- und -Freundschaftssong, die Raabs andere Familienprogrammhommage Hier kommt die Musik ganz, ganz locker links liegen lässt. Vor allem treffen Raabs neue Strophen perfekt Balus Laissez-faire-Einstellung und sind somit trotz des überdeutlichen Raab-Flairs einem Disneylied würdig.
Dennoch kommt natürlich nichts an Edgar Otts warmen und liebenswürdigen Balu heran. Der begnadete und im besten Sinne bärige Ott überflügelt ohne jeden Zweifel den ebenfalls guten Originalsprecher und -sänger Balus, Phil Harris. Dieser trat im Cocoanut Grove-Nightclub in Hollywood auf, als die Disneystudios an ihn herantraten. Ganze drei Male sagte er ab, bevor er schon ganz erbittert meinte: "Hört Mal, ich kann die Rolle nicht so spielen, wie sie geschrieben ist. Lasst es mich auf meine Art versuchen und wir schauen was ihr davon haltet."
Sie hielten viel davon. Balu wuchs von einer Nebenrolle zum Star des Films heran und Harris wurde, genau wie Ott, zu einem Disney-Stammsprecher. Und, ganz ehrlich: Ott wurde zusammen mit Heinrich Riethmüller zum Hauptgrund für den hiesigen Riesenerfolg dieses Disneydauerbrenners.

Platz 50: Grimmige Geister grummeln dir was vor ("Grim Grinning Ghosts") aus Haunted Mansion
Musik von Buddy Baker, Text von X. Atencio (dt. Fassung von ?)

Die unter anderem von Marc Davis, einem der legendären "Nine Old Men" der Disney-Zeichenstudios, konzipierte Geisterbahn Haunted Mansion dürfte zusammen mit der Wasserfahrt Pirates of the Caribbean die meist verehrteste Disney-Vergnügungsfahrt sein. Die beiden Attraktionen wurden leider erst nach Walt Disneys Tod fertiggestellt, beide wurden im Laufe ihrer ausführlichen Konzeptionsphase mehrfach komplett umgestaltet, beide sind Thema mannigfaltiger urbaner Legenden - und sie sind das absolute Pflichtprogramm für Disneypark-Aficionados. Und es gibt eine weitere Parallele zwischen diesen Attraktionen: Sie sind Heimat jeweils eines unvergesslichen Ohrwurms, der sich vor allem in der US-amerikanischen Disneyfangemeinde zu einer der ganz großen Hymnen Disneys hocharbeitete. Geschrieben wurde Grim Grinning Ghosts, eine der markantesten Themenparkkompositionen überhaupt, von Komponist Buddy Baker, der von seinem Freund George Bruns als Komponist für eine Davy Crockett-Folge hinzugeholt wurde und somit eine langwährige Disneykarriere einschlug, die ihm auch eine Oscar-Nominierung für Flucht in die Wildnis einbrachte, und Disney-Legende X. Atencio. Das Lied zieht sich wie ein roter Faden durch die von Geistern bewohnte Haunted Mansion und ist auch in der stark umgewandelten, mit Western- und Zombiethematik versehenen Pariser Version Phantom Manor zu hören, selbstverständlich vorgetragen von den legendären, singenden Büsten inklusive Leadsinger Thurl Ravenscroft.
Für die sehr schwache Kinoadaption der Geisterbahn namen The Barenaked Ladies eine gelungene, stilistisch treue (nur weniger schaurige) Coverversion auf und im HalloWishes-Feuerwerkspektakel wurde Grim Grinning Ghosts, wen könnte das auch überraschen, zusammen mit Hier in Halloween zum musikalischen Hauptthema. Die im für den Pariser Park mehrfach wiederverwerteten HalloWishes-Megamedley zu hörende Version des Songs ist voller Energie und hat einen tollen Drive, der super für muntere Halloweenpartys ist. Die Musik zu HalloWishes höre ich mir deshalb immer wieder gerne an. Erwähnenswert ist auch, nicht nur um wieder Mal auf Covering the Mouse zu verlinken, die im exklusiven Club 33 zu hörende, schaurig-atmosphärische, unheimlich schöne Instrumentalversion des Songs. Dennoch reicht nichts an das Original heran, selbst wenn die deutsche Fassung auf der Sing mit uns-Kassette Eine musikalische Reise ins Euro-Disney Resort mit ihrem herrlich mysteriösem, dunkel intonierenden Sänger extrem nahe an den Klang von Ravenscroft kommt.

Platz 49: In Sekunden auf Hundert ("Zero to Hero") aus Hercules
Musik von Alan Menken, Text von David Zippel (dt. Fassung von Frank Lenart)

Und wir dünnen das Feld der noch nicht komplett abgegrasten Filme weiter aus: Jetzt geht sogar dem schwungvollen, komödiantischen Meisterwerk von 1997 die Puste aus. Allerdings sind die Top 50 kein schlechtes Umfeld für meinen allerliebsten Hercules-Song. Der Begleitsong zur für Karrierefilme obligatorischen Aufstiegsmontage lässt die Musen endgültig heißlaufen und eine rasante, Motown-Lobeshymne auf Hercules anstimmen. In Sekunden auf Hundert ist pures, hochkonzentrierte Energie, die direkt in die Beine geht. Der mitreißende Showstopper (in stilistischer Sicht- streng genommen ist er ja ein Show-Beschleuniger) ist die denkwürdigste Nummer aus Hercules und begründet schon ganz allein die Entscheidung, bei Hercules in einer 70er-Uptempo- und Gospelrichtung zu steuern. Der flotte, großartige Ohrwurm hat zudem das Glück, international trotz des nicht immer übertragbaren Titels im Grunde weltübergreifend wunderbar lokalisiert worden zu sein. Die deutsche Synchronarbeit gilt ja generell als eine der besten, so wundert es nicht, dass man diesen Song hierzulande sehr gut übertrug, obwohl der Spruch Zero to Hero ja schon eine kleine Herausforderung darstellte. Besonders toll finde ich außerdem die französische und die sehrbeflügelt dargebotene italienische Version, insgesamt muss mir aber erst noch eine schlechte oder mittelmäßige Filmversion dieses Songs präsentiert werden. Die letzten knapp fünfzig Sekunden, in denen der treibende Motown-Stil mit stärkeren und spielerischen Gospelelementen versetzt wird, sind ein ungewohnter Bruch innerhalb eines Menken-Liedes und verleihen In Sekunden auf Hundert einen besonderen Schliff. Dieser Teil wurde leicht abgewandelt auch als Titellied der fantastischen Hercules-Zeichentrickserie verwendet, die bei Disneyfans besonders guten Ruf genießt und zuweilen sogar besser abschneidet, als der ihr zu Grunde liegende Film.

3 Kommentare:

Boris hat gesagt…

In Sekunden auf hundert war auch mein Lieblingssong aus Hercules. Deine Beschreibung, "hochkonzentrierte Energie" trifft es perfekt.

Andi hat gesagt…

Schöne Beschreibung bei den "bare Necessities". Die Raab-Version gefällt mir allerdings nicht besser als andere Cover.
"Zero to hero" ist auch richtig klasse!

Sunshine hat gesagt…

"König der Löwen 2" hat ja allgemein wirklich gute Lieder und Cornelia Froboess ist einfach wunderbar als Zira. Das Lied war eins von denen, die ich mir damals auch ständig angehört hab (Video vorspulen, anhören, mitsingen^^)... Und ich stelle fest, ich kann den dt. Text immer noch. *g*

Edgar Ott ist einer DER Disney-Sprecher überhaupt und Balu ist wirklich seine Paraderolle (ein gewisses Faible für Bären bzw. eher gemütliche Charaktere lässt sich bei ihm ja eh nicht absprechen. *g*). "Probier's mal mit Gemütlichkeit" kann jeder mitsingen, ein echter Evergreen. Dabei zählt das "Dschungelbuch" nicht mal zu meinen Lieblingen.

"In Sekunden auf 100" macht einfach Spaß, super Montage mit vielen visuellen Gags. :) Hm... von den von dir genannten find ich die französische und die deutsche Version ziemlich auf einer Ebene. Englisch und italienisch gefallen mir sogar noch besser (da sind die Stimmen "gospeliger"^^). Aber wie gesagt, um das Lied zu versauen, muss man sich schon gewaltig anstrengen...

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