Montag, 6. September 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil LX)

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Mittlerweile sind sogar schon die Top Ten dieser Hitliste erreicht. Hier tummelt sich die Quintessenz der Quintessenz meiner liebsten Disneymusik. Ein kunterbuntes musikalisches Allerlei liegt hinter uns, und bevor wir die nächsten Plätze in diesem Block abklappern, möchte ich kurz das Augenmerk auf einige disney'sche Liedzeilen lenken, die hinter ihren ikonischen Vettern Supercalifragilisticexpialigetisch oder "Hakuna Matata, diesen Spruch sag' ich gern" oftmals in Vergessenheit geraten.
An dieser Stelle heißt es also Bitte einrahmen, denn dies sind die originellsten, absurdesten und prickelndsten Disney-Liedtexte, die es meinem Gefühl nach dringend verdient haben, eine kurze Sternstunde im Scheinwerferlicht zu erleben.

Ein relativ klarer Fall ist beispielsweise Der bemerkenswerteste Zungenbrecher, den bekommen wir nämlich zum Schluss des Titellieds von Käpt'n Balu und seine tollkühne Crew (Platz 95) zu hören. Wer hat nicht die kompletten Neunziger über versucht den rasanten Rap über Balus Fliegerverhalten fehlerfrei (und wohlklingend!) aufzusagen? Oder ihn überhaupt zu verstehen... In der deutschen Synchronisation verabschiedet uns das Titellied mit der linguistischen Stolperschwelle "Sie fliegen um zu siegen / fliegen Fracht und fliegen Ziegen / fliegen bis die Fetzen fliegen / sie sind Sieger wenn sie fliegen!" in die Folge des Tages. Da soll mal einer mitkommen! Die englische Ursprungsfassung ist für mein deutsches Sprachgefühl weniger cool, aber auch durchaus ein Stück Zungenakrobatik. Dort heißt es nämlich: "Spin it Let's begin it Bear 'n grin it When you're in it You can win it In a minute When you spin it, spin it, spin it!"

Den Titel für Die (humoresk) redundanteste Textstelle musste ich mir dagegen etwas länger durch den Kopf gehen lassen, denn im gewaltigen Disney-Murikarchiv tummeln sich doch einige Selbstparodien und Lieder überdrehter Figuren, für die es wohl zum Standardrepertoire der Komik gehört, über Dinge zu singen, bei denen man sich (außerhalb des Kontext betrachtet) die brennende Frage stellt, weshalb genau ausgerechnet über diesen unbedeutenden Fakt gesungen wird. Letztlich habe ich mich dazu durchgerungen Disneys liebevoller und ambitionierter Selbstparodie Verwünscht eine würdigen Ehrennennung zu spendieren. In Das flotte Aufräumlied (Platz 155) heißt es nämlich überglücklich: "Der Abfalleimer wird blitzblank, und strahlend die Toilette. Wuuh!"
Eine durchaus gelungene, moderne Brechung der Disney-Aufräumlieder und der naiv-dümmlichen Glückseligkeit der Märchenprinzessinnen, die sich über jeden Pups freuen. Doch ein Lied schlägt diese Stelle um eine Elefantenrüsselslänge: Eine Party steigt in Agrabah (Platz 192) aus Aladdin und der König der Diebe. In diesem Lied beschert uns der Dschinni mit der weltbewegenden Information...
..."Der Parkwächter parkt alles, ganz egal wie fett."

Die sonderbarste Symbolik war dagegen gar nicht so leicht zu finden, weil Disney sich (zumindest für meinen Geschmack) doch noch redliche Mühe darin gibt, seine Lieder nicht mit all zu haarsträubenden Metaphern vollzustopfen. So ein bisschen Qualitätskontrolle sollte es in dieser Traumfabrik dann ja tatsächlich geben. Deswegen war ich kurz davor Bop to the Top (Platz 69) aus High School Musical für seine absichtlich sonderbare, tiefergehende Textebene auszuzeichnen. Ein quietschig-züchtiges Teeniemusical, in dem die glitzernden "Bösewichter" irgendwelchen spanisch angehauchten Pop-Schwachfug von sich geben. Bis man dahinter kommt, dass man in diesem Fall "Pop" lieber mit drei "p" schreiben sollte... Denn für diese Schauspieler führt der Weg nach ganz oben durch die Bettlaken ... Allerdings steckt dermaßen viel dreckig lächelnde Absicht dahinter, dass ich den Sieg (?) in dieser Kategorie Kick it into Gear (Platz 82) aus Die Country Bears zuschreiben muss. Da dieser flotte Musikeinlage stilistisch völlig aus dem Film rausfällt und wirklich keinerlei Relevanz für die Figuren oder die Handlung aufweisen kann, hakt man es heiter mit dem Fuß wippend als reine Spaßnummer ab, doch wenn man auf den (ebenfalls vom Weg zum Erfolg handelnden) Text achtet, bekommt man die abstrusesten Autoreise-Metaphern um die Ohren gepfeffert, die man sich so ausdenken kann. Passt natürlich zum Film und fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht, doch es ist zugleich eine weitere Hürde zur respektvollen Betrachtung für Die Country Bears. Mir egal, der Titel rockt und hat Swing, soll er doch vollkommen dämlich sein. An dieser Stelle tut's niemandem weh.

Die größte Inhalt-/Klangschere war ebenfalls schwer zu finden, jedenfalls so lange man Coverversionen außer Acht lässt, denn unter deren Berücksichtigung kommt ja allerhand an intendierten Brüchen zusammen. Ein paar Text-/Klangscheren lassen sich aber dennoch finden. Ist ja auch ein schönes Stilmittel, wenn die Musik mal so gar nicht zum Thema passt. Der zweite Platz in dieser Kategorie geht für mich an It's Halloween-lo-ween (Platz 36), einem ausgelassenen, partymäßigem Paraden-Popsong über... das schaurige Halloween-Fest. Dass dieses Lied nicht den Hauptpreis erhält, liegt an seinem ambivalenten Text, der gleichermaßen die gruselige Seite Halloweens beleuchtet, wie auch in eine zelebrierende, Halloweenpartys beäugende Richtung schwankt, womit die Musik teilweise wieder genau passt. Deswegen bekommt mein Lieblingslied aus Aida den Zuschlag: Eine Pyramide mehr (Platz 193). Eine entspannte, leicht elektrisierende Reggaenummer mit einem fetzigen letzten Viertel, eine richtig coole Nummer. Aus dem Kontext, ganz nebenher auf CD gehört ein erfreuliches Stück. Dann realisiert man aber, dass der Song vom durch den Sänger Zoster herbeigeführten Tod des Pharos handelt.

Eine überwältigende Schar an verdienten Titelanwärtern gibt es wiederum in der Kategorie Gewaltigste Zuckerüberdosis, denn die von mir so geliebte Disney Company geht nicht gerade geizig mit Kitsch um. Oft wird geklotzt statt gekleckert, und deswegen ist es eine richtige Herausforderung die zuckrigste Zuckerstange in disem Schlaraffenland zu finden. Einige der Prinzessinnen-Liebeslieder qualifizieren sich sicherlich, wobei die meistens sehr gefühlvolle und emotionale Orchestrierung dieser Songs einiges aufhängt. Stellt man nämlich die Liebeslieder aus der High School Musical-Reihe mit ihren klebrigen Kaugummipop-Arrangements daneben, dann sind diese unbestreitbar die schlimmeren Klangkalorienbomben. Aber selbst die kitschig-unschuldigen Kaugummiliebeslieder aus Disneys (oberflächlich) zuüchtigen Teeniemusicals sind harmlos gegen einige der Disney-Paradensongs. Besonders herausstellen möchte ich Just Like We Dreamed It, den Begleitsong der Once Upon a Dream-Parade aus dem Pariser Disneyland Park. Diese anstrengend-glückliche Kreuzung aus High School Musical-Klangbett und Disneyparadenmusik-Mentalität sollte selbst den treusten Bloglesern unbekannt sein, sofern sie vom 31. März 2007 an nicht mehr im europäischen Disneyland waren. An diesem Tag feierte der Ersatz für den Dauerbrenner The Wonderful World of Disney Parade (vgl. Platz 164) nämlich seine Premiere. Während mir die fantasievollen neuen Paradenwagen sehr gut gefallen, finde ich den Song ungeheuerlich anstrengend. Klar, man möchte zum Zeichen der neuen Parade auch ein neues Lied präsentieren, doch mir gefiele die Parade mit einem der alten Songs wesentlich besser. Und dennoch, ein noch zuckrigeres Lied habe ich für euch. Der gewaltigste musikalische Zuckerschock erwartet uns, so wie ich das empfinde, in Mickys großes Weihnachtsfest - Eingeschneit im Haus der Maus zu bewundern. Dort stimmt ein riesiges Geschwader von Disney-Zeichentrickfiguren in Begleitung eines (nicht gezeigten) Kinderchores die keinerlei Anzeichen von Subtilität vorweisende Weihnachtshymne Wie schön, dass es das Weihnachtsfest gibt (Platz 255) an. Zahnschmerzen und ungewollt wohlige Weihnachtsgefühle vorprogrammiert.

Der letzte Ehrenpreis, den ich an dieser Stelle verleihen möchte, geht an Die herrlichste, mich stets zum kichern bringende Textstelle. Man könnte es auch schlicht BESTER... VERS... EVAAAAAR! nennen. Um die Spannung nicht künstlich zu verlängern, nenne ich direkt den Zweitplatzierten: Diese Zeile stammt aus Schaumen, spülen und parier'n (Platz 253) und wird bemerkenswert möchtegerncool rübergebracht, vollkommen gleich wie dämlich sie ist: "Ich mach' mich zum Deppen, ich versuch zu rappen!"  - vollkommen großartig. Aber bis zum absolut besten Liedvers, der je in einer Disneyproduktion gesungen wurde, fehlt noch jede Menge. Man sollte sie sich tatsächlich einrahmen. Nein, man sollte sie in Granit meißeln, den Granit einrahmen und sich dies über das Bett hängen. Es ist gelebte Poesie. Ihr habt es sicher erraten... die beste Liedzeile der Menschheitsgeschichte ist...

 "Ich spucke ganz hemmungslos in die Gegend!"
- Gaston in Gastons Lied (Platz 122)

Die kommenden Songs erreichen nicht ganz diese lyrischen Weihen der Brillianz, allerdings sind sie alles in allem schockierender Weise besser (oder zumindest mir deutlich lieber) als Gastons bescheidenes Ständchen an sich selbst. Manchmal bezwingt die Gesamtheit eines Liedes halt die Sensationalität einer einzelnen, knappen Stelle...
Platz 7: Katzen brauchen furchtbar viel Musik ("Ev'rybody Wants To Be A Cat") aus Aristocats
Musik und Text von Floyd Huddleston und Al Rinker (dt. Fassung von Heinrich Riethmüller)

Das meist zitierte Lied aus Das Dschungelbuch ist zugleich das einzige aus der endgültigen Filmfassung, welches nicht von den Sherman-Brüdern verfasst wurde. Probier's Mal mit Gemütlichkeit (Platz 51) stellt allerdings nicht das letzte Mal dar, dass die Shermans in Sachen Popularität von jemand anderem ausgestochen wurden. Das als Aristokraten der Disney-Musikgeschichte betitelte Duo verfasste auch für den ersten in Produktion gegebenen Disney-Zeichentrickfilm nach Walts Tod alle Lieder, bis auf eins. Ihre Jazz-Einlage für eine Bande musikbegeisteter Straßenkatze Le Jazz Hot wurde verworfen und durch eine Komposition von Floyd Huddleston und Al Rinker ersetzt: Katzen brauchen furchtbar viel Musik. Die fetzige Jazzeinlage hat wenig Bedeutung für die eigentliche Filmhandlung, macht aber ungeheuren Spaß und fand somit einen soliden Platz in den Erinnerungen junger und alter Disneyfans. Denkt man an Aristocats, denkt man an diesen Song. Und wieso auch nicht? Auch für mich ist Katzen brauchen furchtbar viel Musik die beste Sequenz in diesem, meiner Ansicht nach recht unterschätzten, Disneyklassiker. Der Song hat jede Menge Pepp und swingt sich so gewitzt ins Herz. Die von der adeligen Hauskatze Duchesse eingearbeitete, romantische Zäsur verleiht dem Lied inhaltliches Gewicht und sorgt für eine atmosphärische Detour, womit die Rückkehr zum rasanten und mitreißenden Jazz der verrückten Straßenkatzen für ein umso furioseres Finale des Liedes sorgt. Dieses Finale ist es auch, das dieses eingängige, energiereiche Lied in meine persönlichen Disney-Top-Ten katapultiert, statt es bloß als potentiellen Top-Ten-Kandidaten vielleicht knapp am Sprung in diese Spitzengruppe scheitern zu lassen. Katzen brauchen furchtbar viel Musik steht für mich auch als eines der Beispiele dafür, wie die deutsche Synchronisation das Original übertrumpfen kann. Damit rückt Aristocats ein weiteres Stück näher an Das Dschungelbuch, seinen direkten Vorgänger im Meisterwerk-Kanon Disneys. Die Story einer vom raffgierigen Butler ihrer Besitzerin beinahe getötete Katzenfamilie, die einen charismatischen Lebemann-Kater kennen lernt, mutet ja eh wie eine ins Paris des Jahres 1910 verlegte Kreuzung aus Susi & Strolch und 101 Dalmatiner an, der man den musikalischen Schwung des Dschungelbuchs injiziert hat, doch durch die eigenständige Ausstrahlung dieses durchgehend sympatischen Films fällt dies keineswegs negativ auf. Und, insbesondere bei diesem Lied, hilft die Synchronfassung das Charisma des Films zu verstärken. Dass Riethmüller bei der Übersetzung mehr Wert darauf legte, den Geist des Songs einzufangen statt ihn wortwörtlich zu übersetzen, mag zwar wie eine Selbstverständlichkeit klingen, doch das ist sie nicht. Da es inhaltlich gleich ist, ob nun jeder gerne so (musikalisch) wie eine Katze wäre, oder ob Katzen furchtbar viel Musik zum Überleben brauchen, fiel die Wahl auf die wohlklingendere Alternative. Die katzenhafte Selbstüberzeugung blieb ja bestehen, mehr aber noch die Klangästhetik des Liedtextes. Und durch die deutsche Stimmbesetzung konnte man diese, meiner Meinung nach, sogar noch weiter verbessern. Sicherlich ist es schade, dass uns Jazzmusiker Scatman Crothers (der für den einst anvisierten Louis Armstrong einsprang) abhanden geht, doch Edgar Ott und die anderen Straßenkazen klingen mangels übertriebener Akzente fiel angenehmer im Ohr, wodurch der Drive der Melodie ungefiltert den Körper durchdringen kann. Wenn ich das Original höre, schaudert es mich doch an ein paar (wenngleich sehr kurzen) Stellen. Nicht aufgrund irgendwelcher etwaig politisch inkorrekten Überspitzungen gewisser Akzente, sondern einfach, weil der Gesang hinter dem versuchten Witz untergeht. In der französischen Fassung behalten die internationalen Straßenkatzen ihren heftigen Akzent übrigens bei, allerdings haben sie dessen vollkommen ungeachtet einen schöneren Klang, fügen sich besser in das restliche Lied ein. Zudem gönnte man sich in der französischen Fassung eine ganz clevere Unterscheidung zwischen "Cat" (englisch ausgesprochen) und "Chat" (französisch ausgesprochen). "Chat" steht einfach bloß für vollkommen normale (sozusagen stinklangweilige) Katzen, "Cat" dagegen ist hier dem Jazzslang entlehnt. Die Dänen hatten derweil ein tolles Armstrong-Double hinter das Mikrofon bekommen...
Phil Harris, die englische Originalstimme von Straßenkater Thomas O'Malley, nahm übrigens eine mittlerweile rare Version des Liedes auf, in der auf seine cartooniger klingenden Co-Stars verzichtet wurde. Dennoch bleibt mir die deutsche Fassung am liebsten - übrigens bitte inklusive Duchesses langsameren Part, der auf manchen Disneyalben leider der Schere zum Opfer fällt.

Platz 6: Seid bereit ("Be Prepared") aus Der König der Löwen
Musik von Elton John, Text von Tim Rice (dt. Fassung von Frank Lenart)

Je größer und dramatischer die Ausmaße einer Geschichte, desto bedeutungsvoller der Bösewicht. Wenn der Gegenpart des Protagonisten keine Bedrohung darstellt oder selbst als Feind dermaßen unausstehlich ist, dass es zur Tortur verkommt, sich durch seine Szenen zu kämpfen, dann schadet es den Film unermesslich. Ein schwacher Held lässt sich leichter verzeihen, als ein schlecht umgesetzter Schurke. Der König der Löwen, anfangs scherzhaft als "Bambi in Afrika" beschrieben, schickte sich mit seinen Anleihen an Shakespeares Hamlet dazu an, der epischste aller Disney-Trickfilme zu werden. Mit dem dramatischen Leinwandtod Mufasas griff man den in die Filmgeschichte eingegangenen Exitus einer gewissen Ricke, die an dieser Stelle nicht genauer beschrieben werden soll, an und rüttelte an dessen Position als traurigster Disney-Zeichentrickmoment. Die Menge an Stars, die man in Amerika für den Film engagieren konnte, war sensationell. Doch nicht alles an Der König der Löwen war Disney-Superlative. Ob die zentrale Liebesballade Kann es wirklich Liebe sein? (Platz 126) der beste und romantischste Disney-Liebessong ist lässt sich ausführlichst diskutieren (mein persönlicher Liebling ist zwar Bella Notte, bemühe ich mich jedoch um Objektivität, so schicke ich Die Schöne und das Biest ins Rennen um diesen Titel) und Der König der Löwen hat unstreitbar keine reelle Chance auf irgendwelche Auszeichnungen für sein weibliches Figurenraster (ein Element, an dem Theaterregisseurin Julie Taymor für die Bühnenfassung intensiv werkelte). Dies sind allerdings verzeihliche Punkte, deutlich schlimmer wäre es, hätte er bezüglich seines Antagonisten versagt. Glücklicherweise kam es aber ganz anders. Der garstige Scar gehört mit seiner Eitelkeit und seinen blasierten, trockenen Kommentaren zu den besten Disney-Bösewichtern überhaupt. Chefzeichner Andreas Deja schenkte dem diabolischen Löwen eine galante, kultivierte Körpersprache, die seine sharkespearesquen Züge wundervoll unterstreicht. Jeremy Irons verlieh Scar im englischen Original eine britische, unterkühlte Art, die ihn als verkappten Snob zeichnete, ein Egomane der von der Stupidität seines Umfelds zu Tode genervt ist. Die deutsche Fassung steht dem Original in Nichts nach: Der begnadete Thomas Fritsch fing sämtliche Facetten seiner Figur ein und zeigt sich stimmlich von seiner eingebildetesten, berechenend bösartigsten Seite. Scar ist einer der Bösewichter, auf dessen Seite sich wohl kein normal tickender Zuschauer stellen würde, der aber dennoch nicht abscheulich wirkt. Viel mehr ist es eine Wonne diesem Fiesling zuzuschauen und zuzuhören. Ganz klar einer der dunkeln Sterne am Disney-Himmel, die am verführerischsten funkeln und möglicherweise die beste Figur in Disneys genialem Meisterwerk Der König der Löwen. Sein niederträchtig-mondäner Schurkensong Seid bereit trägt natürlich seinen Teil dazu bei, dass mir Scar unter allen Disney-Bösewichtern einer der allerliebsten ist. Seid bereit ist auch einer der Hauptgründe, weshalb ich das König der Löwen-Musical trotz solch großartiger Lieder wie Schattenland und Er lebt in dir  nicht höher schätze als den Zeichentrickfilm. Obwohl Seid bereit in der Bühnenfassung sehr gut umgesetzt wurde, so reicht sie nicht an die Perfektion heran, die im Kinofilm erreicht wurde. Auf der Bühne fehlt der letzte Schliff des boshaften Wahnsinns (sowohl klanglich, als auch inszenatorisch) und die Hyänen-Tanzeinlage wirkt im Musical noch recht beeindruckend, doch der Versuch die verlorene cineastische Visualität durch einen zusätzlichen, akrobatischen Tanz zu kompensieren schadet dem Lied als solches. Nur ein ganz kleines bisschen, aber es reicht um die Sequenz im Kontext stärker wirken zu lassen, als den Song, wenn er auf sich alleine gestellt ist. Die Kinoversion ist dagegen absolut vorbildlich: Bild und Ton bilden hier von der ersten Sekunde an eine unschlagbare Einheit, allein schon wie die Lichtwechsel und die sich verändernde Gestaltung der Szenerie den Inhalt und die sich aufbauschende Stimmung des Liedes reflektieren ist schlichtweg meisterlich. Es beginnt ominös und verschwörerisch, mit einem mysteriös hummendem Chor im Hintergrund,  Achtung gebietenden Trommeln und dezent obskuren Bläsern, die Scars verschwörerischen, selbstverliebten doch zurückhaltenden Gesang komisch unterwandern. In dieser den Zuschauer als heimlichen Mitwisser einweihenden ersten Phase von Seid bereit zeigt sich die im bisherigen Film eingeweihte Arroganz Scars stärker denn je, zugleich wird aber deutlich, dass Scar trotz aller Eingebildetheit sich dessen bewusst ist, dass er nicht allmächtig ist, weshalb er heimtückisch agieren und eine Verschwörung mit den ihm verhassten Hyänen einfädeln muss. Begleitet wird dieser entsprechend zurückhaltende, konspirative Teil von Seid bereit von einer geheimnisvoll grün-schwarz gehaltenen Szenerie, durch die Scar selbstverliebt und aalglatt tänzelt, im nur partiell gelingenden Versuch vornehm und distinguiert zu wirken. Diese Fassade bröckelt endgültig, als es Scar gelingt die Hyänen von seinem Vorhaben zu überzeugen. Seine demagogische Rhetorik wird überdeutlich, seine mit aufgeblasenen Versprechungen gespickte, hetzerische Rede erinnert zunehmend an die eines despotischen Diktators, was in Der König der Löwen auch visuell unterstrichen wird, indem sich Art Director Andy Gaskill zusammen mit den Storyboard-Künstlern dazu entschied den visuellen Aufbau in Seid bereit an dieser Stelle verstärkt an den Stil Leni Riefenstahls anzulehnen, womit Scar implizit mit Hitler gleichgesetzt wird. Zu diesem Punkt imitiert die Musik auch Marschmusik, indem die von Scar eingewickelten Hyänen im Gleichschritt durch die Verschwörerschlucht marschieren und wie aus einem Munde gleichstimmig ihren neuen Herrscher preisen. Dies inszenatorisch derartig zu verstärken war eine heikle Entscheidung, die die Regisseure Rob Minkoff & Roger Allers sowie Produzent Don Hahn gegenüber dem Disney-Vorstand lange rechtfertigen mussten. Ich bin froh, dass sie diesen stilistischen Einschub, in dem die Farbe von Schwarz-Grün mit einem Schlag zu einem an alte Wochenschauen erinnernden Gelbbraun mit schwarzen Streifen (den in die Länge gezogenen Schatten Scars Hyänenarmee) wechselt, beibehielten. Er hat etwas despotisch-majestätisches, was einfach perfekt zu Scar passt und der Szene auf leicht makabere Weise Gewicht durch historische Anspielungen verleiht. Dieser gebieterische und infam erhabene Part von Seid bereit wiederum macht schlagartig für das teuflische Finale Platz, in dem die Szeneriearchitektur jegliche Bindung zur Wirklichkeit verliert. In ein finster feuriges Rot eingetaucht bereitet sich die Bildsprache für den Abschluss von Scars steigenden Größenwahn vor, Flammen zischen auf, Dampf wirbelt in Scars schwarzer Mähne und kantige Felsen ragen blitzartig empor, während die Musik zunehmend energischer und bestimmter wird. In Scars Stimme nimmt die Siegesgewissheit überhand, er feiert bereits mit einem schwungvollen Rhythmus seinen Triumph. Und das alles, ohne dabei völlig seine Contenance zu verlieren und seiner Bösartigkeit zu viel Nachdruck zu verlieren. Das Kühle in seiner Seele bleibt weiterhin unüberhörbar bestehen, er mutiert nicht zu einem feurigen und zornig-lauten Schurken. Scar bleibt seinem Charakter auch im bombastischen Finale treu - und das ist einfach unglaublich cool. Er ragt auf einem rapide in den düsteren Nachthimmel wachsenden Felsen empor und zeigt sich davon vollkommen unbeeindruckt. So böse und von seiner Überlegenheit überzeugt muss man erst sein, dass man dieses höllische Bacchanal gar nicht mehr einer Referenz würdig erachtet!
Ursprünglich war Scars Bösewichtsong nach Mufasas Tod eingeplant. Die Melodie von Seid bereit war in dieser Version bereits vorhanden, allerdings hieß das Lied noch Thanks to me und war eine zynische Selbstzelebration Scars, bis die Filmschaffenden entschieden, dass es an dieser Stelle viel zu spät für einen Schurkensong war, und dass es dramaturgisch klüger wäre, Scar seine Intrige im Planungsstadium besingen zu lassen. Also wurde das Lied umgetextet und vor Mufasas Tod gezogen. Während der Produktion von Der König der Löwen ging der Filmfassung auch Scars Soliloquy darüber, wie ordinär er Hyänen findet und dass er sie unter seiner Führung trotzdem als nützlich betrachtet, abhanden, welches dennoch auf dem Soundtrackalbum zu hören ist und auch im Musical verwendet wird. Selbiges gilt für die Reprise am Königsfelsen nach Mufasas Tod.
Übrigens sind Tim Rice und Elton John nicht die einzigen Musiker, die Seid bereit ihr endgültiges Gewand verliehen. Hans Zimmer, der die großartige Filmmusik schrieb und auch dafür verantwortlich war, dass Lebo M zum Projekt dazustieß und die afrikansichen Chorgesänge beisteuerte, arrangierte Seid bereit und schrieb mit den Anweisungen er solle eine "unheilvolle, komische, Cirque du Soleil-artige" Melodie, etwas in Richtung "zirkus in der Hölle" komponieren auch innerhalb eines einzelnen Wochenendes die Untermalung für die eingeschobenen Dialogstellen dieses furiosen Fieslingsongs. Des Weiteren ist Seid bereit der ultimative Beweis, welches Stimmtalent Jim Cummings besitzt. Cummings "sprach" in Der König der Löwen die dümmliche Hyäne Ed und dürfte außerdem als die amerikanische von Darkwing Duck, Kater Karlo, Winnie Puuh, Tigger, Ray aus Küss den Frosch oder Kugel #2 aus Falsches Spiel mit Roger Rabbit bekannt sein. Da Jermey Irons beim Einsingen von Seid bereit seine Stimme verlor, übernahm Cummings den letzten Part (alles nach "You won't get a sniff without me!") - und niemand kann mir erzählen, dass er den Unterschied bemerkt hätte, bevor man ihn darauf hinwies!
Im internationalen Vergleich zeigt sich Seid bereit als einer der Songs, die zwar nirgends kaputt synchronisiert wurden, sondern immer recht stark sind. Allerdings schwankt die Qualität der lokalisierten Fassungen spürbar, während etwa In Sekunden auf Hundert (Platz 49) überraschenderweise nahezu überall spitzenmäßig klingt. Die finnische Fassung von Seid bereit hat einen herrlich boshaft klingenden Text, Vallan saan hat allerdings einen etwas flachen Sänger auf Scar. Der ungarische Scar hingegen ist viel zu kratzig, während Scar in der niederländischen Lokalisation ganz gute, melodiöse Sprachparts hat und beim Singen des Titels (Sta paraat) und beim Finale richtig aufblüht. Die polnische hat einen schönen Antrieb in ihrer Gesangsmelodie, doch den Stimmen fehlt die gewisse Prise dämonischer Disneymagie. Ähnliches gilt für die griechische Lokalisation, die durchaus sehr eindrucksvoll den erwünschte Gesamteindruck hinterlässt, Scars Stimme kommt mir aber etwas zu alt rüber. Noch schlimmer ist da die arabische Version, die textlich das Zeug dazu hätte sehr harsch zu klingen, aber einen sehr schwächlichen, älterlich klingenden Sänger nimmt. Hinzu kommen einige Melodiebrüche, bei denen der Text nicht mehr zur Komposition passt, und schon ist der ganze Song kaputt. Eine der besten internationalen Fassungen ist derweil meiner Meinung nach die hebräische: Scar klingt in Nitkonen vollkommen durchtrieben und abgebrüht, zugleich liegt eine versnobte, hochnäsige Geisteshaltung in seiner Stimmlage. Absolute klasse. Auch in Zulu ist Seid bereit herausragend. Der König der Löwen war ja der erste Disneyfilm, der in dieser Sprache synchronisiert wurde, und man gab sich hörbar viel Mühe bei der Umsetzung, schließlich sollte gerade dieser Film auf Zulu ein wahres Highlight sein. Scar macht das Böse auf Zulu äußerst attraktiv und die Melodieführung des Gesangs klingt so flüssig, dass man den Eindruck gewinnen könnte, als hätte man das Lied in dieser Sprache geschrieben. Ein Gedanke, den ich nicht bei jeder fremdsprachigen Aufnahme hegen mag. Insbesondere die letzten paar Verse klingen wahnsinnig natürlich, überhaupt nicht so als hätte man etwas für die Übersetzung biegen und brechen müssen, und Scar wirkt im Finale ganz besonders stilvoll und schaurig. Auf koreanisch hingegen setzt mir Scar zu sehr auf's Gruseln. Die Franzosen stattdessen sind wieder sehr vorbildlich, das kultivierte des Originals kommt sehr gut zur Geltung, vielleicht sogar ein bisschen stärker (allein schon aufgrund des Klangbilds der Sprache) und der Gesang ist treffend. Dennoch spürt man hier (als nicht muttersprachlicher Hörer ohne persönliche Bindung zu dieser Fassung), dass es eine Übertragung eines fremdsprachigen Liedes ist. D

Und dann wäre da letzten Endes unsere Fassung. Was soll ich zu ihr noch groß hinzufügen? Wie ich halt schon bei Mein Wiegenlied (Platz 52) sagte: Deutsch ist einfach perfekt für Schurkensongs! Seid bereit ist kraftvoll, verdorben und trotzdem auf finstere Art nobel. Es ist eine schwarzritterliche Feier des Durchtriebenen mit einem wirklich sehr zarten Schmelz des Humorvollen. Thomas Fritsch Stimme ist großartig, er legt Scar genau die richtige Menge an dünkelhaftem Stolz und dekadenter Egomanie in die Stimme, bleibt dabei bedrohlich und herrschaftlich. Mein ewiger Favorit in dieser Rolle! Saucool, überzeugend und mitreißend. So verabscheuungswürdig Scars Vorhaben sein mag, hört man Seid bereit, wie kann man daran zweifeln, dass Scar sämtliche Hyänen der Savanne für sich einnahm?

8 Kommentare:

Mirco hat gesagt…

Respekt für diese lange Reihe. Wie lange hast du denn für die Erstellung deiner Hitliste gebraucht?

Anonym hat gesagt…

Begonnen hat er vor der Veröffentlichung von Küss den Frosch...

Sunshine hat gesagt…

Ja, Gastons Lied ist einfach EPIC!

Und oohhhh, "Katzenbrauchen furchtbar viel Musik" so weit oben! Hatte eigentlich gedacht, das war schon... verdammte Hinhaltetaktik hier! *g* Aber jepp, das Lied ist einfach super, macht total Laune und überhaupt, es swingt!

Deine ewig lange Abhandlung zu "Seid bereit" les ich jetzt grad nicht, aber HA! Da haben wir eins schon mal! *g* Noch zwei... hm, ob ich tippen soll, auf welchen Plätzen die landen?
"Seid bereits" ist jedenfalls toll und Fritsch gefällt mir besser als Irons. :) Oder Cummings (und nein, ich hab den Unterschied auch nicht bemerkt^^).

Ich vermute mal, "Camp Rock" kommt nicht mehr. *issad*

Anonym hat gesagt…

"Just Like We Dreamed It" ist doch voll toll! :-)

Apropos Disneyland: Du weisst nicht zufällig wo es den Song "Happy Happy Halloween" gibt. In Paris haben die totgespielt, nur auf CD war der nicht zu finden. http://www.youtube.com/watch?v=MnmJZv5C6wA

Sir Donnerbold hat gesagt…

Naja, wie gesagt, mir gefiel "Dancin' (A Catchy Rhytm)" oder "All Around The World" deutlich besser, für mich hatte "Just Like We Dreamed It" zu viel "Zucker meets Teeniepop". Deswegen ist es auch nicht in dieser Liste. Aber (!): Anfangs fand ich es richtig nervig, mittlerweile rechne ich ihm einen gewissen Charme an.

Aber gut, Geschmäcker und so, kennt man ja. Ich musste mir hier ja auch schon ein bisschen was anhören... ;-)

Zu deiner Frage: Ich mein nur zu wissen, dass es ein Paradensong aus dem Disneyland Tokyo ist. Ob es eine westliche CD-Veröffentlichung gibt, kann ich nicht sagen.

Wann warst du denn in Paris? Als ich letztes Jahr Halloween dort war, habe ich es eigentlich nur gehört, wenn Süßigkeiten verteilt wurden. Sooo oft war das nicht.

Sir Donnerbold hat gesagt…

@ Sunshine: Wer nicht tippt, kann sich nachher nicht öffentlich in seinem Siegesglanz baden. *g*

Kann ja nachher jeder sagen, dass er "Camp Rock" auf der 3 vorhergesehen hat. Oder so in der Richtung. ;-)

Sunshine hat gesagt…

Hmpf, Taktik.

Okay, also, das eine Lied aus "Camp Rock", von den Jonas Brothers, das ist definitiv die 1!

Dann sehe ich "Feuer der Hölle" ausm Glöckner unter den ersten 3 (ich lehn mich jetzt nicht zu weit ausm Fenster und halt mich mal noch bedeckt, was den Platz angeht). Tja, und "Der ewige Kreis" muss da ja auch noch irgendwo kommen... Platz.. ah Mensch, schwierig.. 3?

Wüsste ich, welche Lieder ich bisher übersehen habe, könnte ich ein wenig sicherer tippen. Aber so hab ich eher das Gefühl, irgendwas ganz Entscheidendes zu übersehen. Und außerdem... hätte ich so manches Lied ja eh ganz woanders platziert, von daher... ;)

Sir Donnerbold hat gesagt…

"Und außerdem... hätte ich so manches Lied ja eh ganz woanders platziert, von daher... ;) "

Ich bin vollkommen offen für eine Antwort-Artikelreihe. Und wenn's nicht so lang sein soll, dann nehme ich auch die 111, 99, 88, [...] oder 50 liebsten Disneysongs. ;-)

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