Donnerstag, 22. Mai 2008

Indiana Jones und das Königreich der Kristallschädel


Ich sollte anfangen mir besonders entscheidende, aber nicht populäre, Zitate über das Filmedrehen aufzuschreiben.
Denn es gab mal zwei treffende Aussagen von Filmemachern, die über das zeitliche Setting von fantastischen Filmen philosophierten.
Ich glaube das eine stammte von Peter Jackson, der in Zusammenhang mit seinem King Kong-Remake sagte, dass die 30er Jahre das letzte Jahrzehnt sind, in dem man mit fantastischem arbeiten konnte. Die Welt war noch nicht völlig erkundet und aufgeklärt, die Telekommunikation war noch in den Kindessschuhen. Damals gab es noch Mysterien in unserer Welt, etwas, das es heute nicht mehr gibt. Und deshalb seien die 30er Jahre ein Wendepunkt. Hier könnte man noch einen Film wie King Kong drehen, einen Film über Riesenaffen und Dinosaurier.

Das andere Zitat, an das ich mich wage erinnern kann, stammt (vermute ich) von den Regisseuren von Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt. Sie siedelten die Geschichte des Streifens vor den Weltkriegen an, weil die Welt hier noch vor einem Scheidepunkt stand und geheimnisvoll war.

An diese Zitate musste ich denken, bevor ich gestern in Indiana Jones und das Königreich der Kristallschädel ging. Denn, das dürfte man wohl verraten, dieser spielt nicht mehr wie die ersten drei Filme in den 30er Jahren, sondern in den 50er Jahren.
Näher an unserer Zeit, in einer Zeit, in der große und sonderbare Ereignisse nicht mehr so gut geheim gehalten werden konnten. In einer Zeit, in der die Welt mehr oder weniger als endgültig technisiert, erforscht und aufgeklärt angesehen werden kann.
Es ist nicht mehr die unerfahrene, ahnungslose Welt vor dem zweiten Weltkrieg.

Kann Indiana Jones auch in den 50er Jahren funktionieren?

Die Frage wird wohl jeder für sich selbst beantworten müssen, aber ich stürme nun einfach mal vorran und behaupte: Ja, die Figur des Indiana Jones funktioniert auch in einem 50er Jahre-Setting.

Dieses wird übrigens auch schnell und gekonnt eingeführt:
Noch während der Vorspann läuft, wird der Zuschauer in diese Ära gestürzt. Es läuft Rock'n'Roll, die Teenager haben interessante Frisuren und tragen College-Jacken, Ledermonturen oder Blümchenkleider.
Es ist die Zeit der Milchshakes, Motorräder, Schmalzfrisuren und des kalten Krieges.
Denn mit der Zeit haben sich nicht nur Kleidung und Musik verändert, sondern auch die Gegner. Anstelle der Nazis sind nun die Russen der allgegenwärtige Feind Amerikas - und auch von Indiana Jones, der sich zu Beginn des Films in deren Gewalt befindet und ihnen helfen soll einen geheimnisvollen Gegenstand zu besorgen.

Indiana Jones erledigt dies natürlich wieder auf gewohnte Art - doch während man ihm in den 30ern dafür noch auf die Schultern klopfte, sind einige US-Agenten der 50er Jahre weniger vertrauensvoll. Jemand der mit Russen "verkehrt" könnte ein Kommunist sein. Und in dem Moment, in dem Jones mit der gesamten Geschichte abschließen will, weil ihm die Hexenjagd zu bunt wird, tritt niemand geringeres als der in Marlon-Brando-Outfit gehaltene, rebellische Teenager Mutt Williams auf.

Dieser wird von Shia LaBeouf verkörpert, was uns zum ersten Streitpunkt in diesem Film bringt. Im Vorfeld des Kinostarts wurde LaBeouf nämlich zur Zielscheibe zahlreicher Indy-Fans, die LaBeouf als Darsteller und/oder seine Figur als völlig unpassend deklarierten und einen förmlichen Aufschrei auslösten, sich über jede Kleinigkeit, die man über LaBeouf hörte aufregten, als sei es der größte Frevel der Kinogeschichte.

Woher all der Hass kam, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht befürchte man, dass Indiana Jones wieder einen lauten, schrillen und ach-so-witzigen Sidekick abbekommt, wie damals mit "Mister" Short Round in Indiana Jones und der Tempel des Todes.

Doch all das Gezetere wegen Shia LaBeouf war - mich überrascht es nicht - völlig umsonst. LaBeouf beweist sich erneut als charmanter, gewitzter und guter Darsteller, und da auch sein Charakter Mutt Williams gut gestaltet wurde, muss er nichtmal gegen eine miese Rolle ankämpfen. Stattdessen bringt der draufgängerische, aber zu Beginn noch ahnungslose Motorrad-Rebell einen frischen Wind in den Film und entwickelt eine gute On-Screen-Dynamik mit dem peitschenschwingenden Archäologen.
Über den gibt es übrigens nicht viel zu sagen: Harrison Ford verkörperte Indiana Jones wie eh und je: Zerknautscht, mit Makeln, aber übercool und "einfach nur Indy".

Weniger ideal auf der Rolle saß Cate Blanchett als Agentin Irina Spalko, kommunistische Osteuropäerin und Schurkin des Abenteuers. Die Australierin wirkt in ihren schlechtesten Szenen einfach nur deplatziert und desorientiert, gibt in ihren besten Stellen immerhin ein nettes Abbild der Klischee beladenen Version einer völlig unterkühlten russischen Agentin der 50er Jahre. Beeindruckend oder gar beängstigend wird sie nie, dafür ist ihr Spiel zu blass und ihre Rolle viel zu klein.
Was Blachett rettet ist ihre Synchronsprecherin: Arianne Borbach gibt ihr bestes und gibt der Figur mit ihrem Akzent und feinen Nuancen ein bisschen von der Bösartigkeit, die Blanchett im ungewohnt armen Spiel unter den Tisch fallen ließ.

Lobenswert sind die Actionsequenzen, die man in die übliche Indiana-Jones-Handlung (Geheimnisvolles Artefakt finden, Gegnern entkommen, Artefakt verlieren, Gegnern das Artefakt wieder entnehmen, düstere Katakomben durchsuchen, Gegnern entkommen, Rätsel lösen,...) eingebettet hat. Hier findet der geneigte Zuschauer wirklich alles, was er nur suchen konnte: Spannende und ausgedehnte Verfolgungsjagden durch interessante Settings, Schießereien und lange Faustkämpfe, wie man sie in heutigen Actionfilmen lange nicht mehr gesehen hat.

[Spoiler] Besondere Highlights gehen hier auf Shia LaBeoufs Konto: Zum einen die Verfolgungsjagd auf dem Motorrad quer über den Uni-Campus, zum anderen die originelle Fechtsequenz gegen Cate Blanchetts Charakter. Schade nur, dass Spielberg es sich im Laufe des Films aber auch unnötig schwer macht und gerade Shias Charakter in eine Tarzan-Anspielung steckt. Wäre die Szene mit Indiana Jones ein Brüller geworden, so werden sich bei Shias Figur manche Kritiker nur den Kopf raufen. Es ist dumm, überzogene, unnötige, aber witzige Szenen gerade den Figuren zu geben, die von vornherein am meisten (unverdiente) Kritik einstecken müssen. Das ist wie Öl ins zu löschende Feuer gießen. [/Spoiler]

Dank einiger Szenen, in denen Indiana Jones wieder erforschen und Rätsel knacken darf, kommt die Spannung auch nicht zu kurz. Die Balance zwischen Spannung und Humor ist übrigens hervorragend, und so darf es neben einigen Schmunzlern auch wieder herrliche Lacher geben.

[Spoiler]
Unter anderem: Die Running Gags über Mutt Williams Haare, die Präriehunde und Indianas Schlangenphobie[/Spoiler]

Doch leider läuft nicht überall die Balance so geglückt. Während Humor und Spannung gekonnt Hand in Hand gehen, so ist die Mischung aus altem Indy und neuen Mysterien ein wenig unausgegoren.

Wie eingangs beschrieben, sind die 30er Jahre für das Fantastische das angeblich letzte Jahrzehnt, in dem es gekonnt wirken kann. Nun spielt der neue Indiana Jones aber in den 50er Jahren. Und da solche Dinge wie der heilige Gral und schaurige Tempel dort vermeintlich nicht mehr funktionieren, änderte man nicht nur das zeitliche Setting, sondern auch die Art des Mysteriums. Das Feeling des Films, der Aufbau und auch die Art der Charaktere jedoch blieb gleich. Und auch wenn diese Mischung keineswegs grauenhaft ist, so hinterlässt sie einen schalen Nachgeschmack.
[Spoiler]
Denn die Titel gebenden Kristallschädel sind, wie sich für den Zuschauer schon früh im Film herausstellt, außerirdischer Natur. Von dem Roswell-Vorfall ist die Sprache, das Design der Schädel erinnert an den typischen Alien-Schädel mit langem Hinterkopf und kleinem, bedrohlichen Kiefer... Werden die Alien-Schädel lange Zeit im Film jedoch genauso behandelt wie etwa auch die Bundeslade in Teil 1 (als sagenumwobenes Artefakt, dem einige übernatürliche Kräfte zuschreiben), und fungiert nur als bloßer MacGuffin, als Gegenstand den die Charaktere jagen, so wird seine Natur im Finale des Films von größerer Bedeutung. Und so bekommen unsere Helden letzten Endes einen leibhaftigen Außerirdischen zu Gesicht, sowie dessen fliegende Untertasse. Hier überspannt Spielberg den Bogen deutlich und macht aus einem 30er-Jahre-Feeling-Abenteuerfilm über echte Kerle, Schätze, exotische Schauplätze und die kaltblütigen Feinde der USA einen 50er-Jahre-Sci-Fi-Streifen. Entweder hätte man den ganzen Film dann wie einen 50er-Jahre-Film spielen lassen sollen und von Anfang an dem Sci-Fi Tür und Tor öffnen, oder man hätte bis zum Schluss das 30er Jahre Feeling mit 30er-Jahre-Abenteuerstreifen-Aufbau durchziehen sollen. Denn, wie gesagt, die Figur des Indiana Jones schafft es auch in einem 50er Jahre-Setting. Aber die Filmreihe "Indiana Jones" kann nicht 20 Minuten vor Schluss des letzten Films die Art der B-Movies ändern, auf denen sie basiert. Man hätte lediglich die Begegnung mit dem Alien rauslassen sollen. So einfach wäre es gewesen...
[/Spoiler]

Davon abgesehen, dass das Finale etwas unausgegoren wirkt und Cate Blanchett (sowie ihre Figur) hätten besser sein können, ist Indiana Jones und das Königreich der Kristallschädel aber ein herrlicher Fun-Ride durch die 50er-Jahre und eine Hülle von kleinen Abenteuern - ganz in der Tradition der Vorgängerfilme.

Und auch wenn der beste Teil der Reihe (Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, bei dem die Mischung einfach durchgehend stimmte) unerreicht bleibt, so kann sich Teil 4 dank der flotten Inszenierung, der tollen On-Screen-Dynamik zwischen Ford und LaBeouf und originellen Actionsequenzen über den im Vergleich streckenweise etwas trockenen ersten Teil hinweg setzen.
Rundum ein Heidenspaß halt, der nicht zu albern wird, aber keineswegs ernst genommen werden sollte.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich stimme dir im Wesentlichen völlig zu. Da ich die Originalfassung in der Vorpremiere gesehen habe, möchte ich nur noch hinzufügen, dass man Cate Blanchett zumindest dafür loben kann, dass sie den russischen Akzent doch sehr gut hinbekommen hat. Trotzdem war sie viel zu blass und hat auch nicht wirklich in die ganze Umgebung des Filmes gepasst. Dennoch: Wer sich den Film im Kino anguckt wirft sein Geld definitiv nicht aus dem Fenster. Ich hatte richtig guten Popcorn-Indy-Spaß!

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