Posts mit dem Label Shia LaBeouf werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Shia LaBeouf werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 2. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil II)

zurück zu Teil I

2019 war nicht bloß ein sehr gutes Filmjahr, in dem ich mich stressen musste, meine Hitliste auf 50 Ränge zu kürzen. Es war auch ein gelungenes Jahr für Animationsfilme. Neben den Titeln, die wir hier schon gesehen haben, und jenen, die noch folgen werden, gab es drei weitere Animationsfilme, die denkbar kurz davor standen, sich noch in mein Ranking zu mogeln. Bevor es mit den Lieblingsfilmen 2019 auf Platz 40 bis 39 weitergeht, möchte ich daher diese animierten Ehrennennungen vorstellen. Da wäre DreamWorks Animations Trilogiefinale Drachenzähmen leicht gemacht 3 - Die geheime Welt, ein überaus schön animiertes Wikingerabenteuer mit satten Wiesen, atmosphärischen Schatten, einladend lodernden Feuern und einem ebenso rührenden wie konsequenten Ende. Dann wäre da The LEGO Movie 2, der mir viel besser gefällt als das Original. Herrlich-ironische Songs und eine clevere Story über Gendergleichberechtigung und Vorurteile machen die Komödie zu einem großen Vergnügen, das mit jedem weiteren Rewatch noch steigen könnte - aber ich will diese Liste nicht erst 2030 veröffentlichen. Und einfach bezirzend-charmant: Shaun das Schaf - UFO-Alarm, ein wirklich liebenswerter Film. Weniger herzlich, sondern spannend, ist die Doku des Filmjahres und daher ist sie ebenfalls eine Ehrennennung wert: Free Solo, die Geschichte eines wahnsinnigen Kletterversuches und einer Beziehung, die nur die zweite Geige spielt.

Nun genug der Vorrede. Hier sind die nächsten Einträge in meine Herzensliste des Filmjahres 2019:

Platz 40: Alita: Battle Angel (Regie: Robert Rodriguez)

So sieht es also aus, wenn Robert Rodriguez ein für seine Verhältnisse saftiges Budget erhält und es nicht komplett für die Gagen seines Casts verpulvern muss! Alita: Battle Angel ist eine mit Witz und Persönlichkeit erzählte Sci-Fi-Actiongeschichte, deren Actionszenen flott geraten sind, deren Design hübsch-markant-seltsam ist (vor allem das Figurendesign!) und die mit Rosa Salazar eine sehr engagierte Hauptdarstellerin hat. Christoph Waltz gefällt als kauziger, aber auch ernster Cyber-Arzt und das 3D gehört zu den besten des Filmjahres. Wäre da nur nicht dieser extrem offensichtliche Sequel-Hook, bei dem ich leider anzweifle, dass er noch aufgelöst wird ...

Platz 39: Parasite (Regie: Bong Joon-ho)

Es ist nunmehr jahrzehntealte Tradition: Jede Oscar-Saison gibt es eigentlich einen Anwärter auf den Academy Award in der Kategorie "Bester Film", den ich geradezu verabscheue. Es ist der Extrem laut und unglaublich nah-Gedenkpreis, wenn man so will. Im Rennen zum 92. Academy Award ist mir das erspart geblieben - dafür gibt es aber sogleich zwei Filme in der Spitzensparte, die sehr anstrengende Fans zu Tage gebracht haben. Da wäre einerseits Joker, der einige sehr ätzende Verteidiger im internationalen Filmdiskurs hat, die so tun, als sei es der härteste, mutigste, intelligenteste, komplexeste Film, den es je gegeben hat. Und alle, die ihn nicht mindestens super finden, sind in den Augen dieser Leute jämmerliche Babys. Und dann ist da Parasite, dessen wohlverdientes Lob sich in der Blase internationaler Filmportale und (semi-)professioneller Schreiberlinge zum Thema Film sukzessive in eine Wahnvorstellung hineingesteigert hat, laut der Bong Joon-ho mit diesem Film die Konzepte "Kapitalismussatire" und "Genrewechsel innerhalb einer Erzählung" praktisch erfunden hat. Was totaler Murks ist (selbst wenn man ausschließlich auf Bong Joon-hos Schaffen blickt, gibt es schon frühere Beispiele dafür). Aber ich will in meinen Jahrescharts Filme nicht für lästigen Diskurs um sie herum bestrafen oder für die seltsamsten Auswüchse ihres Fandoms.

Zumal sich diese lange Hinleitung ironischerweise thematisch sehr schlüssig in diesen südkoreanischen Satire-Thriller fügt, erzählt er doch von einer Familie der Unterschicht, die sich mit pfiffigen Tricks gut bezahlte Jobs beschafft - woraufhin sich irgendwann die Frage stellt, ob nach dem findigen Trickzug nicht irgendwann eine Grenze überschritten und alles übertrieben wurde. Mit eindrucksvollem Produktionsdesign versehen und mühelos zwischen Witz und Ernst wechseln, ist Parasite ein wenig so etwas wie der zahmere, aber ambitionierter in Szene gesetzte, südkoreanische Cousin von HERRliche Zeiten. Die Wirtschaftskritik fällt mir etwas zu sanft aus, doch schon der Look allein hebt Parasite dennoch in meine Top 40.

Platz 38: Can You Ever Forgive Me? (Regie: Marielle Heller)

Hallo nochmal, Marielle Heller: Die Regisseurin befand sich schon mit ihrem Debüt The Diary of a Teenage Girl in meinen Jahrescharts. 2019 platzierte sie sich mit ihrem zweiten Film erneut in meinem Ranking der Filme, die mich besonders angesprochen haben. Diese auf wahren Begebenheiten basierende Dramödie handelt von einer Schriftstellerin, die nach früheren Erfolgen als ausgebrannt gilt und nun mit gefälschten Briefen großer Persönlichkeiten ihren Unterhalt ermogelt. Einfühlsam erzählt, mit Witz und dennoch mit kritischer Distanz, ist dies ein wunderbarer "Showcase" für Melissa McCarthys darstellerisches Talent - und Richard E. Grant ist als Komplize und seelische Teilzeitstütze einfach eine Wonne!

Platz 37: Captain Marvel (Regie: Ryan Fleck & Anna Boden)

Während Alita: Battle Angel eine der besten 3D-Versionen des Jahres hat, ist Captain Marvel ein Anwärter auf den 3D-Negativpreis. Vor allem das erste Drittel gerät in 3D (zumindest meiner Auffassung nach) geradezu irritierend - also noch irritierender, als es sein sollte. Denn Ryan Fleck und Anna Boden haben mit Captain Marvel einen Film erschaffen, der sehr eng an seiner Hauptfigur orientiert ist. Wir begegnen Vers, einer fähigen Kämpferin mit einem gesunden, zurückhaltenden, trockenen Sinn für Humor, die gemeinhin aber eine sehr ruhige, vernunftbetonte Person ist. Und dennoch erzählen ihr andauernd alle um sie herum, sie sei eine emotionale, unberechenbare Frau, die sich endlich mal einkriegen soll. Und dann erfährt sie auch noch, dass ihre vermeintliche Heimat und ihre vermeintlichen Verbündeten womöglich über ihre Intentionen und Vers Vergangenheit gelogen haben. Es folgt ein schmissiger Mix aus Selbstfindungstrip, Empowerment (oder im Falle unserer Heldin wohl eher Re-Powerment) und Buddy-Cop-Movie mit einer ausdrucksstarken, dennoch subtilen Brie Larson und einem digital beeindruckend gut verjüngtem Samuel L. Jackson. Captain Marvel ist definitiv ein Film, der mit einem Rewatch gewachsen ist, da sich das etwas ziehende erste Drittel rückblickend viel besser in den Rest des Films fügt. Und zumindest in diesem Film haben die Marvel Studios mein "Superman-Problem" (actionbasierte Filme, deren Hauptfiguren extrem stark sind, sind für mich eher öde, da es den Kämpfen an Spannung mangelt), als dass es hier gar nicht primär um "Wer wird gewinnen?" geht, sondern darum, ob sich unsere Heldin selber findet und lernt, ihre Kräfte auszubauen. Ähnlich wie in Man of Steel, wenn man so will! Dann hoffen wir mal, dass Captain Marvel eine Justice League-Blamage erspart bleibt.

Platz 36: Vox Lux (Regie: Brady Corbet)

Als hätte Lars von Trier A Star Is Born gemacht.

Platz 35: Jumanji: The Next Level (Regie: Jake Kasdan)

Sony Pictures brachte 2019 sogleich zwei Popcorn-Actionkomödien heraus, die nicht nur temporeich, witzig und überaus gefällig sind, sondern unter ihrer äußerst vergnüglichen Oberfläche auch erstaunlich clever. Das hier ist die nach Starttermin betrachtet zweite von ihnen, in diesem Ranking ist sie derweil die erste: Jumanji: The Next Level verbildlicht das Konzept des Code Switchings sowie das Gefühl, durch sich verändernde Umstände nicht mehr dieselbe Person wie früher zu sein, in Form einer Abenteuerhandlung. Die bunt gemischte Heldentruppe landet in einem Videospiel (viele von ihnen erneut), doch die wenigsten von ihnen spielen die Figuren, die sie schon einmal gespielt haben. Und so müssen sie nicht nur in den Schuhen Anderer durch diverse Herausforderungen wandeln, sondern in völlig ungewohnten Schuhen Anderer. Und dann gibt es auch noch die Möglichkeit/Notwendigkeit weiterer Persönlichkeitswechsel ... Sehr pointiert gespielt, mit einem bestens aufgelegten Cast und mit videospielesk eskalierenden Actionszenen ist Jumanji: The Next Level sehr flottes, vergnügliches Popcornkino. Doch dadurch, wie das Dilemma der zentralen Figuren auf oberflächlich-konzeptueller als auch auf herzlich-emotionaler, tiefer gehender Ebene konsequent durchgezogen wird, ist Jumanji: The Next Level obendrein auch noch ein geistreicher, herzlicher Film. Jedenfalls meiner Meinung nach - man muss diesen Aspekt am Film halt einfach erstmal sehen ...

Platz 34: Hotel Mumbai (Regie: Anthony Maras)

Anthony Maras widmet sich in seinem Regiedebüt einem verheerenden Terroranschlag, der hierzulande erschreckend wenig behandelt wurde. Maras nimmt die zahlreichen Hürden, die sich bei Katastrophenfilmen über reale Attentate stellen, mit scheinbarer Leichtigkeit und liefert ein packendes, niederschmetterndes Thrillerdrama ab, das frei von falschem Pathos oder gefährlichem Voyeurismus ist. Stattdessen ist Hotel Mumbai geradliniges, handwerklich beeindruckendes Spannungskino, das sich wiederholt behände in die richtige Richtung lenkt, wann immer es droht, abzudriften. Angesichts dessen, wie sehr dieser Film unterging: Absolute Geheimtipp-Sehempfehlung!

Platz 33: The Peanut Butter Falcon (Regie: Tyler Nilson & Michael Schwartz)

Ich mag Shia LaBeouf. Das filmvernarrte Internet hat ihm jahrelang Unrecht getan. Aber sowas kann es ja gut. Auch Dakota Johnson ist eine ganz Tolle, die von manchen Dödeln als unfähig abgetan wird, weil sie es sich erdreistet hat, bei einem sicheren Gehaltsscheck namens Fifty Shades of Grey zuzusagen. Ein Film, der diese beiden Leutchen, die ich liebend gerne in Schutz nehme, vereint, hat bei mir eh schon Punkte gut. Wenn sie dann auch noch ihre Stärken ausspielen können (Shia als verletztes Hündchen von einem Mann, das sich eine harte Schale angeeignet hat, Dakota mit viel beiläufigem Witz), hat der Film noch mehr Punkte bei mir gut. Und dann ist The Peanut Butter Falcon auch noch mit dem talentierten Newcomer Zack Gottsagen und einer Bluegrass-Märchenstimmung gesegnet, mit der diese Road-Trip-Tragikomödie von Selbstvertrauen, Akzeptanz und Lebensträumen erzählt. Hach!

Platz 32: Leid und Herrlichkeit (Regie: Pedro Almodóvar)

In diesem autobiografisch angehauchten Drama (oder ist es schon autobiografisch durchsetzt?) von Pedro Almodóvar spielt Antonio Banderas in einer potentiellen Karrierebestleistung einen alternden Regisseur, der aufgrund der digitalen Restauration und der folgenden Wiederaufführung eines seiner gefeierten Frühwerke ins Grübeln gerät. Darauf folgt ein stilles, zerbrechliches Sinnieren über das Altern, vertane Chancen, Ehrlichkeit gegenüber sich und seinen Liebsten und über Liebe, die man nicht zugelassen hat. Einfach schön.

Platz 31: Brittany Runs a Marathon (Regie: Paul Downs Colaizzo)

Comedy-Nebenrollen-Wunder Jillian Bell (u.a.: 22 Jump Street, Girls' Night Out, G.änsehaut, Fist Fight) bekommt ihre erste Film-Hauptrolle und spielt in Brittany Runs a Marathon die schnippische, sich durch ihr Leben mogelnde Brittany, die es sich in einer ganz bestimmten Nische in ihrem beruflichen und privaten Gefüge bequem gemacht hat: Sie ist die fröhliche, lustige Pummelige. Als ihr Arzt sie warnend zur Seite nimmt, sie sei nunmehr ungesund rund, will sie es zunächst nicht wahrhaben. Dann folgt eine Phase der völligen Desillusionierung und Verzweiflung. Als sie sich einer Laufgruppe anschließt, findet sie neue Freunde und steht für ihre alten Freunde nicht mehr durchweg zur Verfügung, was Brittany (und ihr Selbstbild) mehr verändert als der schlichte Akt des Laufens und Abnehmens ... Paul Downs Colaizzo schafft mit Brittany Runs a Marathon eine unbequem-schöne, frech-ehrlich-aufmunternde Geschichte über ungesunde Bequemlichkeit, sei sie in Sachen Sport, Selfcare, Freundschaftspflege oder kritischem Hinterfragen des eigenen Umgangs, und darüber, wie man diese Faulheit bezwingt. Fein beobachtet werden alltägliche Gemeinheiten analysiert und abgebildet, der Film hütet sich vor vorschnellen Urteilen, Brittanys charakterlicher Wandel ist genauso witzig wie berührend und Jillian Bell wächst mit ihren neuen schauspielerischen Aufgaben. 

Freitag, 2. September 2011

Noch VIEL mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt

Publikumsmagnete, bei denen ich mich wundere, wo genau ihre anziehende Kraft herrührt. Darum geht es in der sporadisch auftauchenden Artikelreihe der Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt. Neben einem Blick auf überraschende Kassenschlager in deutschen Landen ging es mir bereits zwei Mal um weltweite Kinophänomene, die genauso gut Blockbuster-Randnotizen hätten sein können. Nicht immer sind es unverdiente Erfolge. Es sind lediglich Filme, die entweder rückblickend weniger wie massive Hits wirken (etwa, weil sie mehr in Vergessenheit gerieten, als vergleichbare Filme) oder die noch recht aktuell sind - und sich ganz klammheimlich in der ewigen Kinohitliste nach oben schlichen.

Diese Ausgabe konzentriert sich auf den zweiten Fall. Die letzten Kinomonate waren voll mit Großproduktionen, denen man zwar stets den Blockbuster-Status zutraute, aber dass sie dann so erfolgreich wurden, das überraschte dann doch...

Kampf der Titanen (2010)
Weltweites Einspielergebnis: 493,2 Millionen Dollar

Als ich davon gelesen habe, dass ein Kampf der Titanen 2 in Arbeit ist, habe ich nicht schlecht gestaunt. Kampf der Titanen, ehrlich? Von allen Filmen, die sich fortsetzen lassen, wird ausgerechnet dieser in Angriff genommen? Ist sich die Welt nicht einig, dass dieses gebündelte Stück Langeweile Schuld daran ist, dass der Durchschnittskinogänger den Glauben an das 3D-Kino verlor? Ja, Kampf der Titanen gewinnt so schnell weder bei den Zuschauern (5,8 Punkte bei IMDb), noch bei den Kinokritikern (28% bei Rottentomatoes) einen Blumentopf für große Popularität. Naja, wenigstens die Filmbewertungsstelle Wiesbaden fand ihn gut...
Aber ein Blick auf die weltweiten Einnahmen mach schnell klar, woher das Fortsetzungsstreben stammt: 493, 2 Millionen Dollar hat dieses saudämliche Sandalenepos eingenommen. Halt, was bitte schön?
Weltweit gehört Kampf der Titanen derzeit zu den 100 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten, während Prince of Persia: Der Sand der Zeit mit seinen 335 Millionen Dollar nichtmal in den Top 200 residiert. Dabei ist es, wie ich finde, so eine schöne Vergleichsgröße. Beides sind mit fantastischen Elementen versehene, in der alten (antiken) Welt spielende Abenteuer-Epen. Mit Gemma Arterton in der Rolle der mythologischen Expositionsgeberin, einer gewissen Tendenz, das Visuelle über den Inhalt zu stellen und einer bereits bekannten Vorlage. Der Unterschied: Das Original zu Kampf der Titanen dürfte nicht einmal halb so bekannt sein, wie die Ubisoft-Games rund um den persischen Prinzen. Erst recht außerhalb der USA. Auch die Disney-Bruckheimer-Marketing-Power sollte abseits der Staaten ordentlich gewirkt haben, während über die Kampf der Titanen-Trailer nur in englischsprachigen Ländern groß diskutiert wurde. Denn die Tagline war preiswürdig: Clash of the Titans - Titans! Will! Clash! Tja, und wo nahm Kampf der Titanen einen Großteil seiner Gewinne ein? Richtig... abseits der USA. 66,9% der Einnahmen kommen vom internationalen Markt, wo weder Sam Worthington große Starpower haben dürfte ("Ach, das in dem Film war der Avatar-Kerl? Wen hat der nochmal gespielt?") und die 3D-Leinwände erst langsam wieder von Alice im Wunderland freigegeben wurden. War es echt allein der 3D-Bonus (und der seinerzeit noch recht unverbrauchte Hype), der Kampf der Titanen in die Kino-Top-100 schummelte? Das kann nicht sein, so groß war sein 3D-Publikum nämlich eigentlich nicht. Kampf der Titanen - keine sonderlich bekannte Geschichte, kein Sensationsmarketing, kein Hype um den Film. Ein Sensationserfolg. Warum auch immer...

Fast & Furious Five (2011)
Weltweites Einspielergebnis: 607,1 Millionen Dollar

Hier hätten wir dann wieder einen Film, bei dem ich zumindest nachvollziehen kann, weshalb er überhaupt erfolgreich war. Fast & Furious Five (oder Fast Five, wie er in den USA betitelt wurde) ist die Fortführung einer Filmreihe mit einer durchaus treuen Fangemeinde. Die erreicht zwar nicht die Größe oder die Euphorie eines Herr der Ringe-, Harry Potter-, Transformers- oder Pirates of the Caribbean-Fanzirkels, dürfte aber auch deutlich leichter zu mobilisieren sein, als etwa die von Narnia, Rush Hour oder Nicolas Cages Vermächtnis-Filmen. Der Haupt-Trailer war zwar einen Tacken zu lang, vermittelte aber ein Gefühl von Endgültigkeit (sie haben gelogen) und versprühte Energie und Spaß. Die Kinokritiker mochten ihn mehr, als alle anderen Teile der Reihe (allein schon, dass sie ihn mochten, ist schon eine kleine Sensation) und der Starttermin erwies sich als ganz klug gewählt. Es war das Vorglühen für einen kommerziell saumäßig erfolgreichen Sommer, im Nacken hatte er nur den Trickspaß Rio, der eine ganz andere Zielgruppe ansprach.
Aber trotzdem: 607, 1 Millionen Dollar für den fünften Teil einer Filmreihe über illegale Autorennen (und nicht-ganz-so-cleveren Diebstahl)? Nein, ich will hier nicht über persönlichen Geschmack argumentieren. Sondern darüber, dass es keine Indizien für solch einen Erfolg gab. Zunächst: Fast & Furious Five tendierte schon in Richtung "Ocean's Eleven, nur simpler und dafür mit schnellen Karren", eine Tendenz, die Teil 6 fortführen will. Der erfolgreichste Teil der Ocean's-Trilogie nahm weltweit 450 Millionen Dollar ein - und hatte die deutlich größere Star-Power als Fast & Furious Five. Dieser Stilwechsel war also nicht der große kommerzielle Megawurf. Und die Fast & Furious-Filmserie war zuvor auch kein Mitglied der großen A-Liste an Hollywood-Franchises. Es war mehr das stylische, flotte Pendant zu Horror-Franchises wie Saw: Konstant erfolgreich, es bedient einen gewissen Nischenmarkt neben den Weltblockbustern, die aber sehr gut. Der komerziell erfolgreichste Teil der Reihe war der direkte Vorgänger Fast & Furious (ja, das ist Teil 4!) - und der nahm insgesamt 363 Millionen ein! Ja, zwischen Teil 4 (!) und Teil 5 (!!) fand mal so eben ein Sprung von 235 Millionen (!!!) statt. Nach oben! Kein Wunder, dass Regisseur Justin Lin plötzlich zu den gefragtesten Action-Regisseuren gehört. Und irgendein Universal-Marketingchef dürfte sich damit auch einen schönen, bezahlten Urlaub verdient haben. Woher genau diese enorme Steigerung kommt... das bleibt mir unklar.

Inception (2010)
Weltweites Einspielergebnis: 840,8 Millionen

Und jetzt sollte wirklich jeder verstehen, dass dies nicht die Artikelreihe "Erfolge, die es nicht verdient haben", sondern "Erfolge, die mich verwundern" ist. Denn ich liebe Inception! Hans Zimmers so massiven, zugleich so gefühlvollen Score. Wally Pfisters sensationelle, hypnotische Kameraarbeit. Das Konzept, das Drehbuch, die Ausführung. Wäre aber jemand am Tag des Kinostarts auf mich zugekommen und hätte gesagt, dass Inception beinahe 850 Millionen Dollar einnimmt, ich hätte müde gesagt: "Schön wär's! Wird aber nichts!"
Und wieso? Weil ich nach The Dark Knight nicht geglaubt hätte, dass die Allgemeinheit Christopher Nolan in das selbe Paket packt wie Steven Spielberg, Peter Jackson, Michael Bay, Roland Emmerich oder James Cameron, dass er zu einem Regisseur wird, dessen Name hängen bleibt. Gore Verbinski, Chris Columbus und Andrew Adamson waren kommerziell erfolgreicher, und die sagen dem Durchschnittskinogänger auch nichts. Ja, Christopher Nolan baute sich eine sehr große Fangemeinde unter Filmliebhabern auf, und das völlig zu recht, aber dass er zu einem Massenmagnet wurde, erstaunte mich dessen ungeachtet. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen "The Dark Knight hat die Milliarde nur gepackt, weil Heath Ledgers Tod so einen Medienrummel nach sich zog", trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass Nolan mit Inception in die Nähe seines Mega-Über-Blockbusters kommt. 500 Millionen waren meine großzügigen Erwartungen, da das Marketing zwar für den geneigten Filmfan perfekt war (Wuhu, ich bin nicht gespoilert!), aber auf jeden, der nichts über einen Film wissen möchte, kommen üblicherweise zehn die sagen "Äh, und worum geht's nun? Warum soll ich das gucken?" Die Stimmung von Inception schreit auch nicht "Super-Sommer-Spaß", der Film ist komplizierter, als die Blockbuster-Normware, es fehlt einfach alles, was ein Studio davon überzeugen würde, einem Newcomer das für die Umsetzung nötige Geld zu geben. Inception konnte nur verwirklicht werden, weil Warner Vertrauen in Nolan hatte. Was für ein Glück, denn es bescherte uns einen Ausnahme-Blockbuster, der den Zyniker in mir und ganz Hollywood vorführte: Kluge, durchaus deprimierende Filme, die auf neuen Ideen basieren können sehr wohl erfolgreich sein. Vielleicht sollte man den Intellekt des Publikums einfach nicht mehr unterschätzen...

Transformers 3 (2011)
Weltweites Einspielergebnis: 1,107 Milliarden Dollar (Einnahmen weiter steigend)

...oder doch. Jaaaaa, bevor ich mich an die Regeln dieser Artikelreihe halte, und mich darüber auslasse, weshalb dieser Megaerfolg eine Überraschung darstellt, werde ich erstmal rumzetern und erklären, wieso ich auf diese Überraschung verzichten könnte. Transformers-Fans überspringen bitte die nächsten Zeilen, bis sie etwas fettgeschriebenes entdecken. So, nach dieser kleinen Vorwarnung: Beim heiligen Soundchip von WALL•E, wie bitte? Transformers 3 durchbrach nicht nur die Milliarden-Dollar-Grenze, sondern bombardierte sich rücksichtlos an The Dark Knight, den zwei erfolgreichsten Pirates of the Caribbean-Teilen, Toy Story 3 und aller Voraussicht nach sehr bald auch an Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs vorbei! Ja, sag mal, Kinouniversum, geht es dir noch gut?! Dass Harry Potter im achten Anlauf nicht nur die Milliarde knackt, sondern (wenn ich den Fans glauben darf) von der Qualität des letzten Teils beflügelt, auch mal so eben an Frodo, Gollum und Konsorten vorbeifliegt, kann ich verstehen. Harry Potter war ein konstantes Kino-Wunder, war ein Kulturphänomen einer ganzen Generation, die mit den Filmen (und natürlich auch den Büchern) aufwuchs, und selbst wenn im Adaptionsprozess von Buchseite auf Zelluloid nicht alles so lief, wie es sich jeder gewünscht hätte, so wurden die Filme wenigstens mit Liebe zur Vorlage gemacht. All das, was Harry Potter hatte, hat Transformers nicht! Und während ich dem Potter, selbst wenn ich mich mit seiner Zauberwelt einfach nicht verbinden kann, zumindest Respekt entgegenbringe, bringen mich die Transformer-Filme auf die Palme.
Ich find Michael Bay toll. Immer wieder versuche ich mich, unter Filmliebhabern stark zu machen, da er ein wirklich talentierter Krawall-Choreograph ist. Aber die Transformers-Filme sind für mich das, was Bays größten Kritiker schon in seinen guten Filmen sehen: Vollkommen unüberschaubare Action, eine saublöde Story und mieses, die Geschichte untergrabendes Comic Relief. Sind Bays Filme vor Transformers hohler, auf Hochglanz polierter Eskapismus, erreichte er mit seiner zweiten Spielberg-Produktion (wo ist deine blinde Anerkennung von Cineasten jetzt, hä?!) den Punkt der reinsten Idotie.
Aber gut, lassen wir das mal bei Seite. Wie viele Internet-Kritiker schon vor mir sagten: Manche Leute haben so viel Spaß an sich kloppenden Robotern, dass sie die Filme auch so mögen. Nur... genau das ist es... Die Transformers-Realfilme werden vielleicht gemocht, doch werden sie auch geliebt? Fans der Originalserie (und wir können diesbezüglich fast nur über den US-Markt sprechen, wo sie immerhin eine große popkulturelle Rolle spielte) gehören zu den lautesten Kritikern von Bays Filmen. Von den interessanten Figuren wäre kaum etwas übrig, während die menschlichen Rollen allesamt unausstehlich sind. Und von denen, die das Original nicht kennen, ist keine sonderliche Bindung zu überhaupt irgendjemanden in der Filmreihe zu erwarten. Nun, irgendwie hat wohl das schiere Spektakel von Teil 1 die Leute in Teil 2 reingedrängt. Na, meinetwegen. Doch der Film war so verhasst, dass Shia LaBeouf und Michael Bay letztlich in die Öffentlichkeit gingen und sich für den Film entschuldigte. Sowas passiert nur bei Katastrophen wie Batman & Robin. Nun ist nach einem starken ersten Teil üblicherweise ein Anstieg, nach einem schwachen zweiten Teil in der Finanzwelt Hollywoods normalerweise ein Einnahmen-Einbruch zu erwarten. Nicht so bei Transformers 3: Der schafft mal eben ein sein Budget übersteigendes Plus gegenüber seinem Vorläufer. Wieso? War es das 3D, und nur das 3D allein? Ist Rosie Huntington-Witheley ein so viel besserer Testosteron-Magnet als Megan Fox? Sind alle auf Michael Bays "Nein, also, dieses Mal respektiere ich die Vorlage, echt jetzt!" reingefallen? Was, wo, wie? Warum? Transformers 3 hätte ich ohne 3D klar unter Teil 2 erwartet, mit 3D ungefähr auf seinem Niveau... Aber... höööööäääh?!

Das waren also ein paar aktuelle Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt. Ich versuche, schon recht bald einen weiteren Artikel über solche Filme online zu stellen. Und dann gehen wir zeitlich ein paar Jahre zurück.

Weiterführende Artikel:

Donnerstag, 27. Mai 2010

Noch mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt

Manchen Filmen gönnt man Erfolg, weiß allerdings ganz genau, weshalb sie nur ein begrenztes Publikum ansprechen. Anderen Filmen wünscht man kommerzielles Versagen an den Hals, obwohl man sichergehen kann, dass sie aufgrund gewisser Elemente sehr gut bei der breiten Masse ankommen werden. Und in wieder anderen Fällen kann man sich einen Flop beim besten Willen nicht erklären. Dieser Artikel handelt nicht von ihnen. Hier geht es zum dritten Mal um EiKduhEmubs, soll heißen: Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt. Es müssen nicht Filme sein, die in meinen Augen zu viel einspielten - es geht ausschließlich darum, dass mich ihr Siegeszug an den Kinokassen überrascht.

Nachdem der letzte Artikel dieser Reihe überraschende Kassenschlager auf dem deutschen Markt beleuchtete, möchte ich dieses Mal wieder das Scheinwerferlicht auf den weltweiten Kinomarkt richten. Welche weltweiten Hits sind einfach erstaunlich und schwer zu erklären? Hier eine feine Auswahl:

Alvin und die Chipmunks 2 (2009)
Weltweites Einspielergebnis: 442,9 Millionen Dollar

Bei anspruchslosen Familienkomödien mit computeranimierten, sprechenden Tieren braucht man als Maßstab die Akzeptanz bei Kritikern gar nicht erst herausholen. Selbstverständlich überraschen die fast 443 Millionen Dollar, die Alvin und die Chipmunks 2 weltweit einnahm, wenn man sich seine Kritiken anschaut. Doch Filmkritiken haben bei diesen Filmen nichts zu sagen. Und dennoch verwundert mich das gute Einspiel dieser Komödie mit quiekend singenden Streifenhörnchen. Bereits Teil 1 nahm mit 361,3 Millionen Dollar weltweit mehr ein, als ich erwartet hätte. Dass die Fortsetzung allerdings nochmal ein nettes Stückchen mehr einspielte, ist mir vollkommen unerklärlich. Unter den heutigen Kindern dürfte Alvin abseits dieser Realfilme kaum jemandem ein Begriff sein und für Nostalgiker ist diese Neuinterpretation eigentlich zu infantil, laut und flippig. Ein Vergleich mit den Garfield-Filmen liegt nahe, nur nahmen die Filme mit dem mürrischen, Lasagne liebenden Kater wesentlich weniger Geld ein, obwohl ich Garfield eine größere Fangemeinde zugerechnet hätte, die sich auch im höheren Alter noch ins Kino schleift. Was die Verwunderung über den Erfolg der Alvin-Filme noch vergrößert: Der Familienfilm steckt seit einigen Jahren angeblich in einer Krise. Pixar- und Dreamworks-Filme ergattern ihre stattliche Einnahmen dadurch, dass sie nachmittags das Familienpublikum und abends Erwachsene und Jugendliche anlocken. Filme, die nicht auf mehreren Schienen funktionieren (wollen), leiden dagegen an den immer höheren Eintritts- und Popcornpreisen, die den gestiegenen Lebenserhaltungskosten nicht gerade entgegenkommen. Eine vierköpfige Familie, die ins Kino will ist schnell eine richtige Unumme los, schließlich wollen die Kinder gesättigt werden, der Durst gestillt und der Parkplatz bezahlt. Genügend Marktforscher beschwören, dass deswegen die letzten Disney-Animationsfilme im Kino an den gesetzten Erwartungen scheiterten. Disney kann ohne den Pixar-Namen nicht die Jugendlichen und Erwachsenen anlocken, die Familien warten währenddessen auf die DVD. Aber wie hat Alvin und die Chipmunks 2 seine Kohle gescheffelt? Und wie konnten Eltern, denen nach Teil 1 sicherlich schon die Ohren bluteten sich ein zweites Mal in einen Alvin-Film schleppen lassen?

I Am Legend (2007)
Weltweites Einspielergebnis: 582,3 Millionen Dollar

Spielt Publikumsliebling Will Smith die Hauptrolle, kann man bei der Erfolgsprognise seines Films direkt einige Millionen drauf schlagen. Will Smith verhilft auch einem saccharinsaurem Aufstiegsdrama mit bestensfalls Durchschnittsqualität wie Das Streben nach Glück zu einem Einspielergebnis von 307 Millionen Dollar. Allerdings ist Will Smith nicht allmächtig, wie etwa Sieben Leben zeigt, Will Smiths überaus verzweifelter Versuch, sich betrüblich-bedächtig einen Oscar zu erspielen. Okay, mit Hans Wessengesicht in der Hauptrolle könnte der Film sicherlich nur von seinen 168 Millionen Dollar weltweit träumen, trotzdem zeigt sich, dass Will Smith allein nicht reicht. Oder doch? I Am Legend setzt nämlich sensationelle 582 Millionen Dollar gegen diese Behauptung. Doch wie hat I Am Legend diese Summe einnehmen können? Für die Box-Office-Weihen eines vergnüglichen Actionblockbuster ist I Am Legend nämlich nicht nur zu deprimierend, sondern hat auch zu starke Horroranleihen. Die grimme Atmosphäre, die unschönen Storytwists, die durch den Personalmangel bedingte Dialogarmut, das alles sind Elemente, aus denen üblicherweise Genretipps gestrickt werden, keine Kassenschlager. Waren es allein die frühen, mysteriösen Trailer, die I Am Legend zu so einem Erfolg machten? Oder ist war das Kinopublikum Ende 2007 einfach mal wieder dazu reif, sich entgegen der üblichen Erwartung zu verhalten?

Shrek der Dritte (2007)
Weltweites Einspielergebnis: 798,9 Millionen Dollar

Es gilt ja die Faustregel, dass eine Fortsetzung oftmals die Beliebtheit des Vorgängers widerspiegelt. Deswegen überrascht es nicht unbedingt, dass Shrek der Dritte mehr einnahm als der Original-Shrek. Sehr viele Kinobesucher fanden die Fortsetzung des Dreamworks-Erfolges besser als das ebenfalls sehr beliebte Original. Ich selbst ziehe den ersten Teil vor, kann aber mit der Meinung, der zweite Teil sei besser, durchaus leben. Den Erfolg der Shrek-Fortsetzungen finde ich allerdings fast schon unverschähmt. Und auch wenn das Besucher-Minus gegenüber Teil 2 bereits der geringeren Qualität von Shrek der Dritte Rechnung trägt, sind die beinahe 800 Millionen US-Dollar immer noch erschreckend viel. Ein sensationelles Startwochenende ist ja aufgrund der Popularität von Teil 2 noch erklärbar, doch wie konnte Shrek der Dritte mit seiner überaus negativen Mundpropaganda so viel drauflegen? Ich kenne wirklich niemanden, der eine positive Gesamtmeinung zu Shrek der Dritte hat, der Film ist zu zahm und fast schon disneyhaft gegenüber seinen Vorgängern und somit eigentlich ein No-Go für die coolen Teenager, die Dreamworks so gerne anvisiert, aber noch immer zu frech für übervorsichtige Mütter, die ihre Kinder am liebsten für ewig im Glauben lassen würden, dass nichts eine doppelte Bedeutung haben könnte. Auf dem Papier müssten somit also zwei große Zuschauergruppen weggebrochen sein. Wer hat dann bitteschön Shreks dritten Leinwandausflug in die Top 25 der Welt-Kinocharts gehoben?

Transformers - Die Rache (2009)
Weltweites Einspielergebnis: 836,3 Mio. Dollar

Wieso ist das Transformers-Realfilmfranchise so erfolgreich? Wieso? Weshalb? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht, ich verstehe es einfach nicht! Ja, Krawall-Krachbumm-Maestro Michael Bay war schon vor den Roboterspektakeln nicht gerade unerfahren darin, in den glühenden Sommermonaten die Massen ins Kino zu locken, um sich dort von bombastischen Explosionen berieseln zu lassen. Allerdings erreichte Bays erfolgreichster Film, der nicht mit Shia "Ich bin viel besser, als meine Blockbusterrollen vermuten lassen, ehrlich!" LaBeouf, Megan "Ich habe nur einen Gesichtsausdruck... und jetzt nimm' mich endlich!" Fox und Optimus "Wie konnte dieses Ars*hl*ch von Nostalgia Critic meinen Tod nicht in die Liste der traurigsten nostalgischen Momente aufnehmen?" Prime besetzt wurde, gerade einmal die 550-Millionen Marke. Und das war immerhin der mit Bruce Willis und Ben Affleck ausgestattete, von Testosteronkönig Jerry Bruckheimer produzierte und massiv beworbene Armageddon, ein Film, der das Kino beherrschte und sich in das popkulturelle Kollektivgedächtnis brannte. Außerdem hatte Armageddon eine gewaltige Hit-Single, die ihm den Rücken stärkte. So sehr ich auch Linkin Parks Transformers-Songs liebe, Aerosmith regierte mit Don't Wanna Miss a Thing monatelang die Radiostationen. Das kann Linkin Park, wenn überhaupt, (leider) nur bedingt von sich behaupten. Womit konnte Sommeractionhirnausblockbusterkönig Michael Bay sein goldenes Händchen in ein Platinhändchen verwandeln und die Transformers-Filme zu weltweiten Krachern machen? Und noch dringender brennt mir die Frage auf den Nägeln, wie Teil 2 den Erfolg von Teil 1 vergrößern konnte.

Ich versuche kurz, meine Abneigung gegen die Transformers bei Seite zu stellen und zunächst ganz besonnen rationale Gründe aufzulisten, die eigentlich dagegensprechen müssten, dass Transformers 2 über 800 Millionen Dollar einbrachte. Ja, wir alle wissen, dass Michael Bays ästhetisierte Darstellung von Zerstörung und Pathos getränkte Erzählweise einen Nerv beim Sommerblockbusterpublikum getroffen hat. Und ich möchte hier wieder einmal eine Lanze für ihn brechen. All die versnobten, selbst ernannten Cineasten sollen damit aufhören, Bay als den personifizierten Untergang des Kinos zu bezeichnen. Zunächst einmal muss nicht jeder Film Tiefgang und künstlerische Relevanz inne haben. Und so weit reine Unterhaltungsfilme mit gewaltigem Actionanteil und aufpolierten Schauwerten gehen, ist Michael Bay in meinen Augen sogar einer der besseren. Er hat ein sehr gutes Gespür für Timing, seine Filme vor Transformers haben allesamt einen menschlichen Kern und Michael Bay hat seinen eigenen visuellen Stil entwickelt. Viele andere reine Unterhaltungsregisseure haben das nicht zu bieten. Man kann Bays Stil meinetwegen nicht mögen (ich persönlich fühle mich von Bad Boys I & II, Armageddon, The Rock und Die Insel sehr gut unterhalten), doch man kann ihn nicht unter gesichts- und kantenlose Durchschnittsactionregisseure stellen.
Aber genau hier beginnt schon meine Verwunderung über den Erfolg von Transformers: Die menschliche Basis von Bays vorherigen Filmen geht zwischen den ganzen Megamonsterriesenrobtoeraliens und der selbst für Bay absurd übertriebene Action vollkommen verloren. Die Bad Boys-Filme lebten von der Chemie zwischen Smith und Lawrence, der ansteckenden Freundschaft zwischen ihren Figuren. Armageddon verpackt seine irrsinnige Prämisse in menschliche Beziehungen, The Rock hat drei markante Charaktere in seinem Handlungszentrum. Transformers 1 & 2 haben zwar Menschen, die zwischen den kämpfenden Robotern hin und her hüpfen, doch die emotionale Bindung fehlt völlig. Absolut sinnlose, laute und explosive Action, die nicht menschelt mag manchmal ansprechend sein, doch sie ist nicht der Stoff, aus dem Megahits gebastelt werden. Nicht umsonst sinkt mit der Bedeutung der Figuren eines Films üblicherweise auch das Budget, während A-Actioner auf die bewährten Hollywood-Standards eines emotionalen (oder "emotionalen") Grundplots zurückgreifen.
Transformers lebt auch nicht von großen Stars. Und auch wenn die Transformers-Zeichentrickserie und -Spielzeuge recht beliebt waren (vor allem in den USA und einigen asiatischen Ländern), will mit der Erfolg nicht so recht in den Kopf. Trotz allem war die Reihe eher ein "Nerd"-Ding und Bays Umsetzung hat sie in meinen Augen nicht sonderlich attraktiver gemacht. Mit der Unübersichtlichkeit der Actionszenen wäre eigentlich der letzte Sargnagel eingeschlagen, spätestens die Fortsetzung hätte einen Besucherknick verzeichnen müssen. Stattdessen lief sie und lief sie und lief sie. In manchen Ländern war sie zwischenzeitlich sogar der erfolgreichste Film aller Zeiten.

Meine einzige Erklärung: Michael Bay hat sich beim Bezelbub das Junior-James-Cameron-Paket gesichert.

Alice im Wunderland (2010)
Weltweites Einspielergebnis: 1 Milliarde Dollar

Hinterher ist man immer schlauer: Ein gefeierter Kultregisseur, ein stattliches Ensemble, mehr oder minder angeführt von Superstar Johnny Depp, eine beliebte und ungeheuerlich bekannte Vorlage, die übermächtigen Marketingmonster vom Disney-Konzern standen hinter dem Streifen und als zusätzlicher Publikumsmagnet lockte der 3D-Faktor.
Ich könnte euch vorschwindeln, ich hätte es bereits geahnt. Schließlich nannte ich Alice im Wunderland in meinem Artikel über Filme, die möglicherweise die Milliardengrenze überschreiten. Und das hätte ich ja wohl nicht getan, wenn ich es als völlig unmöglich erachtet hätte. Das stimmt auch, wäre mir dieser Gedanke vollkommen abstrus vorgekommen, dann hätte ich diesen Film in dieser Liste vollkommen übergangen. Dennoch muss ich eingestehen, dass ich hier gerade ordentlich heuchle, schließlich traute ich Alice im Wunderland die Milliarde mit einer Erfolgschance von 8% zu. Das ist verflucht wenig.
Ja, man könnte mit den ganzen geifernden Depp-Fangirls ankommen, der eingeschworenen Anhängerschaft Tim Burtons, dem Disney-Faktor, der Familientauglichkeit und yada, yada!
Aber wenn man ehrlich ist, konnte man diesen wansinnigen Erflg nicht absehen. Der vor Start von Alice im Wunderland komerziell erfolgreichste Tim-Burton-Film, Charlie und die Schokoladenfabrik, nahm weltweit 475 Millionen Dollar ein. Diese Burton/Depp-Kollaboration war ebenfalls familientauglich (in einigen Ländern, darunter Deutschland, hatte er auch eine niedrigere Freigabe), Depp spielte eine bedeutsamere Rolle, war weniger verunstaltet und der durch Pirates of the Caribbean entstandende Hype um ihn herum war noch deutlich frischer als zu Zeiten von Alice im Wunderland. Und ob die Disney-Studios weiterhin die überfähigen Vermarktungskönige sind, die sie einst waren, bleibt nach Bolt (309 Mio.), Küss den Frosch (266 Mio.) und Eine Weihnachtsgeschichte (325 Mio.) zu bezweifeln. Und geht man nach Seiten wie Rotten Tomatoes oder Metacritic, dann erhielt Charlie auch deutlich bessere Filmkritiken. Und auch das "normale" Publikum kam mir nicht ganz so begeistert vor: Nicht nur, dass ich selbst von ihm für einen Depp/Burton-Film recht kühl gelassen wurde, die Mundpropaganda war generell etwas zahm. Okay, dafür gingen die Fans wieder doppelt und dreifach rein. Wie allerdings schon gesagt, überschätzt man die Burton-Kinogänger gerne Mal.
Bleiben für Alice im Wunderland als zusätzliche Erfolgsfaktoren allein der 3D-Faktor und die höhere Bekanntheit der Vorlage, wobei anzumerken ist, dass kein einziger Alice-Film ein richtiger Kassenschlager war. Die Karten für Alice im Wunderland standen bei weitem nicht so gut, wie man es sich rückblickend einbilden mag. Und so sehr ich den Disney-Studios ihren zweiten Milliardenerfolg gönne, bin ich vollkommen baff, dass es ausgerechnet Alice im Wunderland wurde. Um Burton/Depp-Filme wurde stets ein großer Hype gemacht, und das nicht gerade zu Unrecht, aber sie waren niemals ein Massenphänomen. Und jetzt schleicht sich einer ihrer Filme heimlich still und leise in den exklusiven Milliardärsclub. Man muss das nur mal mit The Dark Knight vergleichen, der mit einem bedeutsam größeren Medieninteresse startete, bessere Mundpropaganda hatte und dennoch nur mit Müh, Not und einem IMAX-Neustart im vorfeld der Oscar-Verleihung die Millardengrenze knackte (*mehr dazu*). Der Fairness halber sei natürlich angemerkt, dass Alice im Wunderland von den höheren Eintrittspreisen für 3D-Filme profitierte, aber dennoch bleibt sein Erfolg für mich erstaunlich.

Weiterführende Artikel:

Sonntag, 16. Mai 2010

Disturbia

Selbst wenn Hollywood es in den vergangenen Jahren maßlos übertrieben hat: Remakes sind par Definition nicht schlechtes. Man darf nicht vergessen, dass einige der größten Kinoklassiker Remakes sind, wie etwa Ben Hur mit Charlton Heston. Für die Literatur und Theater gelten das selbe. Auch im Bereich dieser wohl geschätztesten und als künstlerisch wertvollsten geachteten Medien sind einige der beliebtesten und gepriesensten Klassiker nur Wiedererzählungen. Oder denkt ihr wirklich, dass Romeo und Julia allein Shakespeare zu verdanken ist?

Es bietet sich bei zahlreichen Stoffen einfach an, sie mit modernen Mitteln oder zeitgemäßeren dramaturgischen und inhaltlichen Sensibilitäten neu zu erzählen. Oder sie einfach seinem eigenen Stil anzupassen und somit anders zu verpacken. Wäre es verboten, ein und die selbe Geschichte zweimal zu erzählen, dann wäre es ganz schön still auf unserer Welt.

Allerdings sollte es im Remake-Wahn auch Grenzen geben. Darf man beispielsweise einen Hitchcock-Film einfach so neu drehen? Spätestens seit Gus Van Sants Psycho sollte es als künstlerische Todsünde gelten. Andererseits inspirierte Hitchock einige der kultigsten Episoden verschiedener Sitcoms oder Zeichentrickserien. Allein Das Fenster zum Hof stand Pate für je eine großartige Folge von ALF (Lookin' Through the Windows) und Die Simpsons (Bart of Darkness). Möglicherweise läge deswegen der Kompromiss nahe, dass man Hitchock-Filme in eine andere Form übertragen darf. Man kann sie etwa ins Theater bringen oder sie als Vorlage für eine Serienepisode verwenden, nicht aber für ein Kino-Remake verwenden. Doch ausgerechnet besagter Hitchock-Thriller diente als Inspiration für einen Kinofilm, der seine Vorlage erfolgreich umformte: Disturbia mit Shia LaBeouf.

Die Macher von Disturbia behaupten eisern, ihr Film wäre bestenfalls von Das Fenster zum Hof inspiriert, aber keinesfalls ein Remake, weshalb sie sich auch nicht die Rechte an der heimlichen Vorlage oder deren Vorlage (die Kurzgeschichte It Had to Be Murder) sicherten. Das mündete letztlich in eine Klage des Sheldon Abend Revocable Trust gegen die Produktionsfirma DreamWorks, Viacom und Universal Pictures. Ehrlich gesagt ein berechtigter rechtlicher Schritt, da die Parallelen zu frappierend sind, als dass sich die Autoren Christopher B. Landon und Carls Ellsworth mit der "wir wurden lediglich inspiriert"-Masche rausreden könnten. Die Angst davor, sich offen als Hitchcock-Remake (oder Neuverfilmung der gleichen Kurzgeschichte) zu bekennen, war allerdings ebenfalls begründet, schließlich wären dann die meisten Zuschauer und sämtliche Kritiker von vornherein anders an Disturbia herangegangen und es mit dem Hitchock-Maßstab im Hinterkopf vorverurteilt. Doch Disturbia möchte nicht in Hitchocks Gebiet wildern oder sich am Meister des Suspense messen. Stattdessen nimmt der Film die gleiche Prämisse und überträgt sie in ein anderes Thriller-Subgenre, füllt sie mit einer anderen Mentalität und einer ganz eigenen inneren Antriebskraft.

Es ist vornehmlich der Grundplot von Disturbia, der Parallelen zu Hitchcocks Klassiker aufweist, auch wenn bereits hier im Detail andere Gewichtungen vorgenommen werden, die von den Autoren und Regisseur D. J. Caruso in der filmischen Ausführung dieses Basiskonzepts verstärkt umgesetzt werden: Der Jugendliche Kale Brecht (Shia LaBeouf) verliert seinen Vater während eines gemeinsamen Angelausflugs bei einem Autounfall. Kale kann dieses tragische Ereignis nur schwer verarbeiten und greift ein Jahr nach dem Unfall seinen Spanischlehrer an, weil er ihn unangemessen auf den Verlust seines Vaters anspricht. Für diese Körperverletzung auf eine Autoritätsperson wird Kale für drei Monate Hausarrest während der Sommermonate verurteilt, wobei eine elektronische Fußfessel die Einhaltung dieses Urteils gewährleisten soll. Als ihm seine Mutter (Carrie-Anne Moss) verärgert Videospiele und das Fernsehen verbietet, fängt Kale zunächst an seine Zeit mit Nonsens totzuschlagen und seine Nachbarn zu beobachten. Aus der anfänglich unschuldigen Beschäftigung entwickelt sich langsam gezielter und ambitioniert durchgeführter Voyeurismus. Insbesondere die Tochter der neuen Nachbarn, Ashley (Sarah Roemer), hat es ihm angetan. Nur von einigen Metern Luftlinie und einem Fernglas getrennt schwärmt er für sie und zeigt sie auch seinem besten Freund Ronnie (Aaron Yoo). Eines Tages hört Kale in den Nachrichten von einem aus Texas stammenden Serienmörder, den die Polizei erfolglos sucht. Durch das ständige Beobachten fremder Leute, den Mangel an Ablenkung und den Wohnungskoller in eine kleine Paranoia getrieben, kommt Kale auf die Theorie, dass der ruhige und unauffällige Nachbar Robert Turner (David Morse) eben jener gesuchter Verbrecher sein könnte...

Der Tonfall und die Dramaturgie von Disturbia wurde von manchen Filmkritikern als "Genre-Zapping" beschrieben. Diese Bezeichnung trifft jedoch nur bedingt zu, da Disturbia nicht aus inhaltlich locker verbundenen Episoden aus unterschiedlichen Filmbereichen besteht, sondern einen gesunden und durchdachten Genrecocktail darstellt, dessen Mixtur sich fortlaufend entwickelt. Gibt er sich nach einem kurzen Prolog, der den tragischen Angelausflug zeigt, wie eine überaus gelungene und keineswegs auf den Kopf gefallene, komödiantische Teenagergeschichte mit romantischem Kern und zugesetzten Thriller-Anteilen, wandelt er sich stets weiter. Zum Schluss kippt die Zusammensetzung und der Zuschauer erlebt mit Disturbia einen spannenden Thriller, der Teeniekomödien-Elemente enthält. Aufgrund des straffen Drehbuchs, das abgesehen vom überdeutlich umgesetzten und somit misslungenen Prolog keine überflüssigen Elemente enthält, der selbstsicheren Regieführung und den ansprechend agierenden Darstellern wirkt diese Genrereise wie aus einem Guss. Auch der rührselig-dramatische Prolog hätte gut hineingepasst, wäre er nicht zu melodramatisch geraten. Er ist nicht schlecht, fällt aber zum restlichen Film stark ab und ist auch inhaltlich verzichtbar. Zwar ist es lobenswert, dass man der Maxime "Show, don't tell" folgen wollte, bloß räumte man der Vorgeschichte etwas zu viel Zeit ein. Immerhin kann man dem Prolog ein Bild entnehmen, dass für den ganzen Film gilt, da das gemeinsame Angeln zwischen Vater und Sohn sehr gut vorführt, wie Caruso in den kommenden knapp 100 Minuten mit dem Publikum umspringen wird. Disturbia verzichtet auf die von vielen modernen Horrorfilmen und Teeniethrillern überreizten "Jump Scares", Schrecksekunden die allein von plötzlich auftauchenden, lauten Geräuschen leben, oder auf billige Ekeleffekte, sondern zieht mit gezielt eingesetzten Spannungsmomenten den Zuschauer an den Rand seines Sessels, bloß um ihn dann kurz wieder locker zu lassen. Für kurze Augenblicke scheint alles in die Brüche zu gehen, woraufhin sich zunächst erstmal alles wieder beruhigt. Und letzten Endes ist der Zuschauer von Disturbia völlig gepackt. Es herrscht nicht die Subtilität aus Filmen der zeitlosen Suspensemeister vor, dennoch arbeitet Disturbia sehr erfolgreich mit wesentlich unaufdringlicheren Mitteln als die meisten zeitgenössischen Konkurrenzproduktionen. Der vornehmliche Spannungsauslöser ist die wie ein Damoklesschwert über Kale und die Zuschauer schwebende Angst, beim Beobachten erwischt zu werden. Egal, ob es sich um unschuldig-neugieriges Spannen beim Workout der attraktiven Nachbarin handelt, oder um das Verfolgen der trotz ihrer vermeintlichen alltäglichkeit unheimlich-undurschschaubaren Aktivitäten des seltsamen Nachbars. Dank der von Shia LaBeouf sehr glaubwürdig nachgestellten Verquickung aus Angst und Neugierde sowie aus akuter Langeweile geborener, spielerischen Verdächtigung und steigernder Überzeugung erreicht Disturbia sein Ziel mit Bravour und lässt den Zuschauer die nachvollziehbare Anspannung beim Voyeurismus spüren. Auch David Morses mit geringen Mitteln erzeugte, einschüchternde Ausstrahlung trägt einen wertvollen Teil dazu bei.


Während David Morse als vermeintlicher Serienmörder die Spannungskurve in die Höhe treibt, ist es die von Sarah Roemer verkörperte neue Nachbarin, durch die Disturbia seine gelungene filmische Umsetzung des heimlichen Beobachtens und der dabei verströmenden Nervosität geglückt einführen kann. Mit der Beschattung eines etwaigen, blutrünstigen Killers werden die Zuschauer erst zu Disturbia gelockt, doch meines Erachtens nach ist der Handlungsstrang um Ashley das Herz dieses Films, schließlich ist der Teenagerkömodienpart von Disturbia deutlich amüsanter und fassbarer, als es die meisten "echten" Teeniekomödien sind. Ashley und Kale werden vom unterschätzten LaBeouf und der bezaubernden sowie einvernehmenden Roemer glaubwürdig und komplex angelegt und sind wesentlich näher an einer authentischen Darstellung der 00er-Jugendgeneration, als die meisten versuchten Darstellungen in den üblichen High-School-Klamotten. Ihre Figuren werden nicht im zickig-knalligen American Pie-Stil charakterisiert, sondern sind um cineastisch reizvolle Komponenten überhöhte (und um für diesen Genremix uninteressante Elemente runtergekürzte) Leinwandadaptionen echter Jugendlicher. Dadurch entwickelt ihre sich langsam entfaltende Beziehung zueinander eine packende Dynamik.

LaBeoufs durchschnittlicher Jedermann, der trotzdem einen eigenen Charakter mit definierten Ecken und kanten aufweisen kann, wird unterstützt von seinem flippigen Freund Ronnie, der als prägnantes Comic Relief dient. In den meisten Thrillern wäre Ronnie zu dick aufgetragen, im Genrecocktail von Disturbia kann ich persönlich diese schrille Karikatur als hineingeschmuggeltes Relikt einer typischeren US-Teeniekomödie hingegen fröhlich akzeptieren, zumal Aaron Yoo ihn trotz seiner eindimensionalen Art charismatisch rüberbringt.

Disturbia, zu dessen Inspirationen Shia LaBeouf neben Das Fenster zum Hof auch Wer Gewalt sät, Der Dialog und Teen Lover zählt, ist ein durchweg unterhaltsamer und spannender Thriller, der ältere Teenager und junge Erwachsene anvisiert und mit einem schwer vergleichlichen atmosphärischen Stimmungsangebot lockt und mit seinen sympatischen Figuren sowie fein eingestreutem Witz aus einer altbackenen Idee viel originelles rauszuholen vermag. Bloß während des Finales rennt Disturbia in zu viele Genrekonventionen hinein und wird für knapp zehn Minuten zu überdurchschnittlicher Teenthrillerkost, wenngleich zu einem Exemplar der spannenderen Sorte.

Siehe auch folgende Rezensionen:

Sonntag, 10. Januar 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil XIX)

zurück zu Teil XIX

Die musikalische Bandbreite Disneys ist mitunter erstaunlich. Man muss seinen Blick bloß etwas weiter als gewohnt schweifen lassen und damit aufhören sich auf die vier großen Musicals der vergangenen Disney-Renaissance zu konzentrieren. Abseits der bereits unterschiedlich gestalteten Arielle, die Meerjungfrau, Die Schöne und das Biest, Aladdin und Der König der Löwen zeigt sich, dass Disneykomponisten in den verschiedensten musikalischen Gebieten wilderten und dass es zwar so etwas ähnliches wie eine Disney-Konvention gibt, diese allerdings keinesfalls einefestgelegte, unumstößliche Norm darstellt.
Schon innerhalb des Meisterwerk-Kanons begegnen dem Zuschauer (oder viel mehr Zuhörer) neben den distinktiven Ohrwürmern im Disney/Broadway-Stil schwungvoller, souliger Motown-Sound, heiße Latino-Rhythmen, kernige Country-Klänge und jazzige Gelassenheit.
Wer zusätzlich zu den Disney-Meisterwerken die anderen, mannigfaltigen Bereiche des Disney-Schaffens berücksichtigt, kommt außerdem in den Genuss von rebellischem Rock, sonniger Surfermusik oder nostalgischem Barbershop.

Allein in diesem Block behandeln wir unter anderem Lieder im "Gilbert & Sullivan"-Stil, Rap, afrikanischen Jagdgesang, Pop, Western-Folk und Jazz. Wenn euch also das nächste Mal jemand die Behauptung entgegenschleudert, Disney mache das immergleiche, dann drückt ihm diese Liste ins Gesicht.

(Foto von Joan Marcus)
Platz 224: Der Morgenreport ("The Morning Report") aus Der König der Löwen - Das Broadway Musical
Musik von Elton John, Text von Tim Rice (dt. Fassung von Michael Kunze)

Der Morgenreport wurde genauso wie Der Wahnsinn von König Scar (Platz 260) im Auftrag Julie Taymors von Elton John und Tim Rice geschrieben, um die Anzahl an Gesangseinlagen in Der König der Löwen zu erhöhen - schließlich dauert ein stattliches Bühnenmusical ein gutes Stückchen länger als Disneys Zeichentrickfilm rund um Simba. Anders als der Schurken-Szenensong hat dieses britisch-noble, mit Wortwitzen überladene "Gilbert & Sullivan"-Liedchen von Zazu ein direktes Vorbild in der Filmfassung von Der König der Löwen. Der allmorgendliche Statusreport über die Lage im geweihten Land, den Simba mit einer seiner ersten Jagdübungen jäh unterbricht, wurde lediglich ein wenig gestreckt und mit einer feinen Melodie versehen. Das Endergebnis ist sympatisch, sehr kurzweilig und ein galanter, stilvoller Farbtupfer in diesem musikalischen Schmelztiegel. Alles könnte so friedlich sein, wenn Disney nicht auf die Idee gekommen wäre, diesen Song in die "Special Extended Edition" von Der König der Löwen einzubauen. Hardcore-Fans hatten ja bereits mit der DVD-Fassung von Die Schöne & das Biest Probleme (veränderte Farben, aufgeräumte Hintergründe), doch die meisten Fans kamen sehr gut mit der DVD zu Recht. Mensch wieder sein ist ja leicht überspringbar. Der Morgenreport eignete sich deutlich weniger für eine solche Behandlung wie der alte, "neue" Song im romantischen Märchen von 1991. Zum einen handelt es sich hierbei ja, wie gesagt, um eine Abwandlung einer bereits bekannten Szene, und nicht um eine zusätzliche, die ganz problemlos übersprungen werden kann. Deshalb lässt sich diese Einlage nicht so nahtlos überspringen, wie Mensch wieder sein - und dass man die Fassung ohne Zazus Gesang obendrein umständlich tief im Menü versteckte (und man sogar nach Anwahl noch immer per Fernbedienung den Audiokommentar abschalten muss), dürfte dem Ansehen des Morgenreports bei Disney-Fans weiter geschadet haben. Solche Kleinigkeiten wie "war auch anders als Mensch wieder sein nie für den Film gedacht" oder "es gäbe viel schönere Lieder, die man hätte wählen können" wollen wir gar nicht erst ansprechen. Fakt ist jedenfalls, dass Der Morgenreport dank der Platinum-Edition-DVD des erfolgreichsten Zeichentrickfilms aller Zeiten bei zahlreichen Disneyfans gehörig in Ungnade gefallen ist, und seither immer wieder unfair angegiftet wird. Es ist ein unterhaltsames, nettes Lied, dass im Bühnenmusical, also dort, wo es hingehört, sehr gut funktioniert. Mehr will es nicht, mehr soll es nicht.

Platz 223: Warum ist die Rothaut rot? ("What Makes the Red Man Red?") aus Peter Pan
Musik von Sammy Fain, Text von Sammy Cahn (dt. Fassung von Christine Lembach)

Langsam wird's schon dünn mit den mir zusagenden Liedern aus Peter Pan - aber wenigstens mag ich Warum ist die Rothaut rot? anders als Geh'n wir auf den Kriegspfad (Platz 304) auch innerhalb des Films, und nicht bloß als völlig umgemodelte Neuaufnahme.
Dass Warum ist die Rothaut rot? zu Zeiten, in denen Leonard Maltin vor Micky-Maus-Cartoons vor rassistischen italienischen Dialekten warnt und ein Film über einen freundlichen Märchenonkel, der von einer miesen, reichen Trulla gepiesackt wird, weil sie die Macht des Geschichtenerzählens nicht kennt und solcherlei Dinge für Schwachsinn hält, als rassistisches Horrorwerk beäugt wird, keinerlei Aufruhr innerhalb des Disney-Konzerns verursacht, ist schon ein kleines Wunder. Schließlich ist der trommellastige Song über die rote Haut von Indianern nicht gerade etwas, das Disney heutzutage noch lässig lächelnd in neue Zeichentrickfilme reinklatschen würde. Aber Peter Pan hat eine unbestechliche Ausrede parat: Es handelt sich hierbei nicht um amerikanische Ureinwohner, sondern um Nimmerland-Indianer. Alles nur halb so wild!

Platz 222: Die Ballade von Davy Crockett ("The Ballad of Davy Crockett") aus der Disneyland-Miniserie Davy Crockett
Musik von George Bruns, Text von Tom W. Blackburn

Die Fernsehreihe Davy Crockett war einer der größten Erfolge Walt Disneys. Und wie es einige der überragendsten Hits nunmal so an sich haben, kam auch der Erfolg von Davy Crockett, der Serie über den legendären Westernhelden, vollkommen überraschend. Davy Crockett packte Amerika im Sturm - und der Song war daran nicht gerade unbeteiligt: Für die ursprünglich drei Filme andauernde Reihe innerhalb seiner Show Disneyland orderte Walt Disney bei George Bruns einen kleinen "throwaway tune", der als Brücke über die Zeitsprünge innerhalb der Serienhandlung hinweghilft. Bruns komponierte Melodie und Refrain in rund 30 Minuten und Drehbuchautor Blackburn verfasste bei seiner ersten Arbeit als Songtexter zwanzig Strophen á sechs Zeilen. Noch bevor die Serie ausgestrahlt wurde, veröffentlichte Disney das Lied als Schallplatte - und der Rest ist Geschichte. Während der ersten sechs Monate verkaufte sich das Lied nahezu sieben Millionen Mal, was The Ballad of Davy Crockett damals zur schnellstverkauften Platte aller Zeiten machte. Auf die berühmteste Version des Songs mit Bill Hayes als Sänger folgten Cover von Fess Parker (dem Darsteller von Davy Crockett in Disneys Serie), Tennessee Ernie Ford, Eddie Arnold, Fred Waring, Steve Allen, Mitch Miller, Burl Ives, The Surpremes, Mannheim Steamroller, Tim Curry (!) und vielen anderen.
Aber zurück ins Jahre 1954: Davy Crockett entwickelte sich zum nationalen Phänomen, nicht nur die Platte verkaufte sich wie geschnitten Brot, sondern auch Trapper-Mützen im Waschbären-Look, Davy Crockett-Kaugummisammelkarten und, und, und... Mit einem solchen Erfolg hatte niemand gerechnet, nicht einmal Walt Disney, der später folgendes dazu sagte: "Wir hatten keine Ahnung, was mit Crockett passierne wird. Zu der Zeit, als die [erste] Show endlich auf Sendung ging, filmten wir bereits den dritten Teil und töteten Davy in aller Seelenruhe bei der Schlacht um Alamo. Die Show wurde über Nacht einer der größten Erolge in der Fernsehgeschichte, und da standen wir mit bloß drei Filmen und einem toten Helden."
Aber Disney wäre nicht Disney, wenn ihm keine Lösung eingefallen wäre, wie man den Erfolg weiter ausschlachten könnte, und so wurde die Geschichte des realen Davy Crocketts einfach fortgesetzt - der legendäre Nationalheld überstand den Kampf bei Alamo überraschenderweise und trieb sich zwei weitere Fernsehfilme lang in den USA herum.
Ginge es hier um den längsten Titel, hätte The Ballad of Davy Crockett übrigens ein leichtes Spiel. Eigentlich sollte der Song The Ballad of Davy Crockett: His Early Life, Hunting Adventures, Services Under General Jackson in the Creek War, Electioneering Speeches, Career in Congress, Triumphal Tour in the Northern States, and Services in the Texas War heißen, jedoch stellte sich dann heraus, dass es problematisch sei, einen so langen Titel auf eine 78.r.p.m. Platte zu drucken, weshalb man sich entschloss den Untertitel komplett zu entfernen.
The Ballad of Davy Crockett ist ein simpler Song mit sehr authentischem Western-Feeling, sogar dermaßen authentisch, dass seinerzeit der populäre Irrtum grasierte, dass der Disney-Konzern ein verstaubtes, traditionelles Volkslied rauskramte und neu einspielte.
Obwohl ich mit Country und Western nicht ganz so viel anfangen kann, gefällt mir The Ballad of Davy Crockett richtig gut. Die Stimmung passt optimal zu den Filmen und dank all seiner Einfachkeit hat es etwas unbesorgtes an sich. Außerdem merkt man, neben all der Folk-Klasse, dem Lied auch seine Disney-Herkunft an. Bruns' Handschrift ist halt doch unverkennbar und macht dieses Lied für mich zu einem waschechten Disney-Klassiker, der zur Historie des Konzerns dazugehört wie Goofy, Dornröschen oder Herbie.

Platz 221: Need magic? aus Disneyland Paris
Musik von Vasile Sirli, Text von Jay Smith

Need magic? ist ein seltsames Lied. Das "offizielle Lied" der Cast Member des Pariser Disney-Resorts hat einen energetisch-verspielten Eurodance-Beat, über den jedoch nicht die typischen Rapeinlagen und ein rhytmisch-melodiös gesungener Refrain gelegt wurden, sondern ein großer, poppiger Chor. Nach ca. 2/3 beschwört uns eine dunkle, volumenreiche Männerstimme, der daran anschließende letzte Einsatz des Refrains wirkt in seiner Losgelöstheit und dem harmonischen Chaos verschieden stark rausgestellter Einzelstimmen wie ein Gospelchor, der einem 90er-Dance-Produzenten in die Hände fiel... Und irgendwie weiß dieses kuriose Ergebnis zu gefallen. Wohl nur was für europäische Ohren, die die 90er Jahre gut überstanden, aber irgendwie muss sich unser Resort ja von den anderen Unterscheiden, nachdem sich sogar die Amis ganz vorsichtig für den Ausschank von Alkohol erwärmen können.

Platz 220: Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt ("A Girl Worth Fighting For") aus Mulan
Musik von Matthew Wilder, Text von David Zippel (dt. Fassung von Helmut Frey und Leslie Mandoki)

Stück für Stück haken wir hier die großen Disney-Meisterwerke ab. Jetzt begegnen wir also zum ersten Mal im Rahmen dieser Hitliste also erstmals Mulan, dem ersten musikalischen Schritt Disneys raus aus der Musical-Formel der erfolgreichen 90er. Während Hercules-Texter Zippel an Bord blieb, wurde der Disney stark prägende Komponist Alan Menken bei den Songs durch den poppigeren Matthew Wilder ersetzt, während Filmmusiklegende Jerry Goldsmith für den elektrisierenden Score zuständig war. Im Jahr darauf stellte Tarzan schließlich das Bindeglied zwischen den für Disney so charakteristischen 90ern und den abwechslungsreicheren, steinigen 00ern dar. Dem Song Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt aus Mulan merkt man den Komponistenwechsel jedoch nicht an - und das ist völlig wertungsfrei gemeint. Natürlich wäre es etwas gutes, wenn ein neues Team seinen eigenen Stil durchscheinen ließe, andererseits gibt es wohl schlimmere Urteile, als dass man eine Menken-Nummer komponiert habe.
So oder so, Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt ist ein frohgemutes, leichte Marschqualitäten aufzeigendes Lied, das vor einer dramatischeren Wende in Mulan nochmal die Stimmung aufhellt - und so die stimmungstechnische Fallhöhe vergrößert. Nicht mein liebstes Lied aus Mulan, aber auch längst nicht das für mich schwächste.

Platz 219: Dig it aus Das Geheimnis von Green Lake
Musik & Text von Mickey Petralia, Michael Fitzpatrick, Doug E. Fresh, Byron Cotton, Brenden Jefferson, Max Kasch, Shia LaBeouf & Khleo Thomas

Einer der zahlreichen Gründe, weshalb Das Geheimnis von Green Lake meiner Meinung nach zu den besten Disney-Filmen der Dekade gehört, ist die große Spielfreude der Darsteller, die de Film sehr viel Charisma und Energie verleiht. Der Spaß, den die Schauspieler beim Dreh hatten, überträgt sich verlustlos auf den Zuschauer und hebt die Adaption des Jugendbuchs Löcher aus dem üblichen Familienfilm einerlei heraus (wobei dies ja bereits schon vom intelligenten Drehbuch erledigt wurde, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein).
Weil die Jugenddarsteller so viel Vergnügen bei den Dreharbeiten hatten, verfassten sie sogar gemeinsam einen kurzen Rapsong, bei dem sie in ihren Filmrollen bleiben und der in seinem monotonen, unterdrückten Refrain wie ein Knastbrüder/Zwangsarbeitkanon wirkt, was ja sehr gut zum Inhalt des Films passt. Obendrein spiegelt sich auch in diesem Song die jugendliche Energie und die Passion der Jungdarsteller wieder, was den Ohrwurm Dig it zu einem sehr netten Song für nebenher macht und ideal in den Abspann des Films passt.

Platz 218: Time of your Life aus Das große Krabbeln
Musik und Text von Randy Newman

Randy Newman und sein Beitrag zu den frühsten Pixarwerken... Ich bin mir weiterhin nicht so wirklich sicher, wie ich dazu stehen soll. Fest steht, dass sich die Pixar Animation Studios seit den 90er Jahren enorm weiterentwickelten. Die verspielten und aufgedrehten Animatoren, Autoren und Regisseure aus der kleinen Animations-Traumfabrik in Emeryville reiften handwerklich und künstlerisch heran und ließen auf ihre unschuldig-süßen Filme mit Kniff (Toy Story, Das große Krabbeln, Toy Story 2 und das Bindeglied Die Monster AG) ambitioniertere, anspruchsvollere Inhalte folgen und verhalfen dem Animationsfilm mit Findet Nemo, Die Unglaublichen, Ratatouille, Wall•E und Oben zu verstärkter künstlerischer Anerkennung als Erwachsenenunterhaltung. Daneben wirkt das altmodische und auf Understatement setzende Liedgut von Randy Newman fast schon altbacken und verstaubt. Und so unpassend Randy Newman bei den letztgenannten Filmen auch geklungen hätte, zum "alten" Pixar passt er irgendwie dann doch wie die Faust auf's Auge. Selbst wenn seine ganz eigene Sangsstimme und die nostalgisch-frohen Kompositionen bei Toy Story naheliegender als bei Das große Krabbeln sind, der inhaltlich und stimmungstechnisch keinerlei Anlässe zeigt mit einem Song wie Time of your Life zu enden, so hat es durchaus seinen Charme und rundet das in Pixar-Diskussionen gerne unter den Tisch fallende Abenteuer rund ab.

Platz 217: Digga-Digga-Dog aus 102 Dalmatiner
Musik und Text von Pamela Phillips Oland and Mark Brymer

Und nun für alle zukünftigen Filmmusikschaffenden eine kleine Lektion in Sachen "Titel- vs. Abspannsong": Als Songwriterin Pamela Phillips Oland gebeten wurde, den Abspannsong für den Disney-Spielfilm 102 Dalmatiner zu schreiben, notierte sie sich bei einer halbstündigen Aufführung mehrerer Szenen des Films und anschließender Lektüre des Skripts, welche das Gesehehene zusammenfassenden Bilder ihr in den Sinn kamen, um darauf aufbauend ein Lied zu komponieren, das für den Zuschauer exakt dies übernehmen soll. Der Abspannsong sollte die Lektion des Films behandeln und das Kinoerlebnis abschließend bearbeiten. Schnell hatte sie eine Idee für den Refrain (welcher wie folgt lautet: "Digga-Digga-Dog, Digga-Digga-Dog, Digga-Digga-Dog, Digga-Digga-Dog, Digga-Digga-Dog, Digga-Digga-Dog, Dog-Dog You Dawg, You!") Sie bat ihren Mitarbeiter Mark Brymer mit ihr zusammen an diesem Projekt zu arbeiten, und über's Wochenende verfassten sie eine erste Fassung des Songs, von der sie sofort ein Demo aufnahmen. Regisseur Kevin Lima mochte den Song so sehr, dass er damit, anders als zuvor vorhergesehen, seinen Film eröffnen möchte, was allerdings überraschenderweise nicht so sehr funktionierte, wie zuvor gedacht. Wie die Songschreiberin sofort bemerkte, und später in ihrem Buch "The Art of Writing Great Lyrics" schrieb, lag dies daran, dass ein Vorspann eine andere Art Songtext benötigt als ein Abspann. Ein Lied im Vorspann muss auf das kommende neugierig machen und vorbereiten - der von ihr geschriebene Song Digga-Digga-Dog dagegen fasste den Film zusammen. Deshalb entwarf Pamela Phillips Oland nach dem Treffen mit Kevin Lima (der zuvor für Tarzan und später für Verwünscht verantwortlich war) allerhand mögliche neue Eröffnungsstrophen, geistreiche, seriöse, obskure und "doggy", woraufhin Lima die Strophen wählte, die nichts über den Inhalt des Films, dafür über seine Attitüde preis gaben, da sie in seinen Augen den hündischen Charme und Einfallsreichtum widerspiegelten.

Was man nicht alles anhand eines Songs namens Digga-Digga-Dog lernen kann... Dessen ungeachtet ist Digga-Digga-Dog richtig funkiger, musikalischer Spaß mit disneytauglichem Sprechgesang und jeder Menge Gute-Laune-Style.

Platz 216: Jagd der Löwinnen ("The Lioness Hunt") aus Der König der Löwen - Das Broadway Musical
Musik und Text von Lebo M

Und schon sind wir beim letzten rein afrikanischen Stück aus dem Broadwaymusical zu Der König der Löwen angelangt, welches es in diese Hitliste schaffte. Rafikis Totenklage funktioniert auf der Bühne zwar sehr gut und drückt die in dieser Szene liegenden Gefühle sehr bewegend aus und kann sich dank seiner Sprache auch einer exotischen Würde und Stärke nicht verwehren, einfach so kann ich das Lied trotzdem nicht hören. Da muss ich schon die komplette Musicalaufnahme aufmerksam am Stück hören oder tatsächlich im Theater sitzen (was zwei Mal der Fall war). Und die Stücke Die Schlacht und Kampf um den Königsfelsen habe ich nie als eigenständige Lieder wahrgenommen, sondern stets als Hintergrundmusik der dazugehörigen Szenen, weshalb ich keine wirkliche Bindung zu diesen Songs aufgebaut habe.
Jagd der Löwinnen hingegen mag ich sehr und kann es mir auch einfach so zwischendurch zu Gemüte führen. Dieses Lied schmeckt fast schon nach der afrikanischen Steppe, der glühenden Sonne und dem Adrenalinschuss einer gemeinsamen Jagd, außerdem wohnt ihm eine ursprüngliche, reine Lebensfreude inne. Hinzu kommt, dass es sich ganz natürlich ins restliche Musical einfügt. Während Grasland Chant (Platz 225) letztlich in seiner vollen Gewalt durchaus unterschwellig etwas langgezogen und von Julie Taymor des Anspruchs wegen hineingezwungen wirkt, ist Jagd der Löwinnen gänzlich in das Löwenkönigerlebnis integriert.

Platz 215: Caroline ("Eglantine") aus Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman (dt. Fassung von Eberhard Cronshagen)

Der charismatische Disney-Veteran David Tomlinson macht in Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett als Emilius Browne der Lehrlingshexe Caroline (bzw. im Original Eglantine) Price warme, gesungene Worte, um sie dazu zu bewegen sich mit ihm zu verbünden. Und wie könnte sie ihm widerstehen? Schließlich kommt zu der schwer vergleichlichen Ausstrahlung Tomlinsons noch die leichte, locker-elegante und Ohren schmeichelnde Melodie dieses lieblichen Liedes hinzu, die seine überzeugenden Worte unwiderlegbar verstärkt. Und dennoch lässt sich Caroline nicht beirren - was für eine Standfestigkeit...
Wie der gute Edi Grieg in seinem Disney-Synchron-Archiv (Pflichtlektüre!) schreibt, fand dieser Song sogar Eingang in die deutsche Erstveröffentlichung, und es muss eine Wohltat gewesen sein, den vorzüglichen Friedrich Schoenfelder mit seiner wunderbaren Stimme dieses feine Liedchen singen zu hören. Leider fiel Eglantine vor der Wiederaufführung der Schere zum Opfer, um den Mischfilm in ein überschaubareres Format zu zwängen (Familienfilme dürfen ja keinesfalls eine dreistellige Laufzeit in Minuten haben, nicht wahr?). Die "Nazi-Thematik"-Ausrede zieht übrigens nicht, da sich "der Feind" in dieser Szene nicht blicken lässt oder auch nur erwähnt wird.

Platz 214: Castle in Spain aus Aufruhr im Spielzeugland
basierend auf Musik von Victor Herbert, adaptiert von George Bruns, Text von Mel Leven

Basierend auf Victor Herberts Operette von Victor Herbert, welche 1934 mit Stan Laurel und Oliver Hardy in den Hauptrollen verfilmt wurde, produzierte Walt Disney Anfang der 60er sein erstes Realfilmmusical. Das stark besetzte Musical brachte unter anderem Komiker Ed Wynn, Mousketeer Annette Funicello (die hiermit ihren persönlichen Lieblingsfilm unter ihrer Beteiligung fand) und Ray Bolger (die Vogelscheuche aus Der Zauberer von Oz bzw. Das zauberhafte Land) zusammen und wurde von Disney sehr stark beworben, da er sich einen überragenden Erfolg versprach. Unter anderem wurde die Drehschlussparty geskriptet, gefilmt und in der Show Walt Disney's Wonderful World of Color auf NBC ausgestrahlt. Dennoch blieb Aufruhr im Spielzeugland weit hinter den Erwartungen zurück, weshalb Disney auf eine Wiederaufführung dieses Probelaufs für Mary Poppins verzichtete (für einen Film dieser Größenordnung sehr ungewöhnlich). Der wohl wertvollste Beitrag für das Disney-Vermächtnis waren die Nussknacker-Spielzeugsoldaten aus dem Film, die zum Pflichtbestandteil einer ordentlichen Disneypark-Weihnachtsparade geworden sind. Und natürlich dieses Lied, welches mit seiner Symbiose aus feurigen Temperament und klassischen Boblesse sowie dank der überragenden Performance von Ray Bolger zu einem kleinen Kultklassiker unter spielfilmaffinen Disneyfans wurde.

Platz 213: Once Upon a Time in New York City aus Oliver & Co.
Musik von Howard Ashman, Text von Barry Mann

Exakt 100 Lieder ist es her, dass wir das letzte Lebenszeichen des mittlerweile zum Stiefkind der Disney-Renaissance verkommenen Zeichentrickfilm Oliver & Co. vernahmen (Schön sein). Hier haben wir sie also wieder, die ins Tierreich sowie ins New York der 80er verlagerte Neuerzählung von Charles Dickens Klassiker Oliver Twist. Und so viel möchte ich verraten, dies wird nicht das letzte Mal sein, dass uns diese (in die Jahre gekommene) einstmal erfolgreiche Frischzellenkur der Disney-Trickstudios in diesem Coundtdown begegnet.
Ich erwähnte ja bereits, dass Oliver & Co. von zahlreichen Disneyfans und Filmhistorikern nicht mehr die Anerkennung erhält, die ihm gebührt. Als dieser freche, quicklebendige Film 1988 zusammen mit Falsches Spiel mit Roger Rabbit bewies, dass der Zeichentrick nicht an Alterskrankheit verkümmerte, gewannen Michael Eisner, Jeffrey Katzenberg und Frank Wells erst wieder Vertrauen in diese Kunstform. Ohne Oliver & Co. keine Arielle...
Aber nicht nur der finanzielle Erfolg des Films ist bedeutsam für die Disneyhistorie, sondern auch ein kleiner Name... Der Eröffnungssong Once Upon a Time in New York City ist nämlich der erste Song, den Howard Ashman für die Disneystudios schrieb. Der junge Komponist von Showmusik wurde nach seinem Einstand zusammen mit seinem Arbeitspartner Alan Menken (der mit ihm das erfolgreiche Off-Broadway-Stück Der kleine Horrorladen verfasste) gleichmal für den nächsten Disney-Zeichentrickfilm verpflichtet, die Geschichte einer kleinen Meerjungfrau, die ihre Stimme gegen ein Paar Füße eintauschte...
Da ich mich an dieser Stelle nicht in die endlose Schar derer einreihen möchte, die Oliver & Co. aufgrund seines Nachfolgers übergeht, sie dies nun bei Seite geschoben. Konzentrieren wir uns lieber auf den Song selbst: Once Upon a Time in New York ist ein, wie ich finde, gelungener Einstieg in Oliver & Co., da er kontemporären Flair, etwas popballadesques mit märchenhafter Disney-Rührseligkeit vereint und somit direkt klar macht, als was Oliver & Co. verstanden werden möchte, nämlich als ein moderner Film mit den altbekannten, geliebten Disneyqualitäten. Dass der großartige Huey Lewis (der mit seiner Band Huey Lewis and the News das absolut geniale Album Sports farbizierte, in das jeder, der es nicht kennt, gefälligst reinhören sollte!) hebt den Song noch weiter hervor. Ein wenig mehr Pepp, und es wäre weiter oben in dieser Rangliste gelandet...