Montag, 24. November 2008

"Bolt" enttäuscht doch: Aber an den Kinokassen

"Und ihr wisst wirklich nicht, wo mein Publikum hin ist?"

Die Kritiker mögen Bolt. Einige lieben ihn sogar, sorgen für eine Wertung von 84% bei Rottentomatoes. Die amerikanischen Disney-Blogs und -Foren loben Disneys drittes CGI-Meisterwerk. Endlich habe Disney seine Magie zurück.

Dennoch nahm der erste komplett unter John Lasseters Regentschaft bei Disney entwickelte Trickfilm lediglich circa 27 Millionen Dollar an seinem gestern beendeten Startwochenende ein, womit er um bloß 2 Millionen das bereits enttäuschende Startwochenende vom ungleich weniger überzeugenden Triff die Robinsons überbot. Ein Vergleich mit dem wesentlich misslungeneren Himel und Huhn lässt einen fast in Verzweiflung ausbrechen: 40 Millionen brachte die überdrehte und in sich nicht wirklich zusammenhängende Hühnerkomödie seinerzeit in den ersten drei Tagen ein.

Gehässige Naturen und Gegner Lasseters und der Pixar-Übernahme reihen sich bereits auf um die nahezu obligatorische Schelte auszuteilen. "WALL•E und Ratatouille spielen weniger ein als Findet Nemo, weshalb Pixar eh nichts mehr wert ist" hat als Gegenargument endgültig ausgesorgt. Stattdessen bietet sich den Gegner Lasseters ein Argument an, welches auf weniger lautstarke Gegenreaktionen stpßen wird. WALL•E schlecht zu reden ist ein Wagnis, doch dass Bolt Disneys Animationssparte nicht retten konnte scheint den Zahlen nach zu urteilen offensichtlich.

Weshalb aber scheiterte Bolt?
Zum einen genügt ein scheuer Blick über den Tellerrand: Am selben Wochenende platzierte sich Twilight mit 70 Millionen Einnahmen in der ewigen Bestenliste der erfolgreichsten Nicht-Sommer-Starts und löste bei (weiblichen) Jugendlichen einen Hype aus, der seinesgleichen sucht. Wie Star Wars-Fans kampierten sie vor den Kinos um die erste Vorführung sehen zu können.
Das Geld (und die Zeit für den Kinobesuch) muss ja irgendwo herkommen - und ganz offensichtlich hat Twilight dem neuen Disneyfilm etwas vom Publikum abgezwackt. Für Disney- und Medienblogger Jim Hill sind die von Twilight begeisterten Teenagermädels der Hauptgrund für den Beinahe-Flop von Bolt.

Allerdings sehe ich den Erfolg der Vampirromanze bloß als Teilelement. Mindestens ebenso entscheidend ist Disneys Versäumnis eine lang gehegte und ausführliche Werbestrategie für Bolt aufzutischen. Während Pixar seine kommenden Produktionen traditionell bereits im Vorfeld seiner aktuellen Kinofilme bewirbt und somit einem breiten Publikum (genauer gesagt sogar der Zielgruppe) vorstellt, brachte Disney nur schleppend Trailer für Bolt raus.
Das erste Mal, dass der durchschnittliche Kinogänger und die typische amerikanische Familie aussagekräftige Bilder von Bolt präsentiert bekam war vor WALL•E, gegen den im direkten Vergleich nahezu alle anderen Animationsfilme verjährt und infantil aussehen. Bolt, dessen Story eh keine Innovationspreise gewinnen wird, konnte einfach nicht glänzen.

Der beste Trailer war der auf High School Musical 3: Senior Year zugeschnittene (und vor ihm gezeigte) Sondertrailer, doch ein Großteil dessen Publikums sah sich dieses Wochenende ja Twilight an. Und der ähnlich überzeugende, kaum umgewandelte letzte Bolt-Trailer erschien vor gerade Mal zwei Wochen im Internet. Zusammen mit den sehr generischen und unspektakulären Postern sind das nicht gerade erfolgsversprechende Aussichten.

Am besten kümmerte sich Disney, überraschenderweise, um seine erwachsenen Fans. John Lasseter rührte in seiner herrlich geekigen Art die Werbetrommel für Bolt und sprach damit gezielt die Leute an, die sich in Disneyforen rumtreiben oder hyperaktive Filmblogs mit Schwerpunkt Disney durchlesen.
Fast könnte man meinen, Disney wolle damit Schadensbegrenzung betreiben, schließlich ist gerade diese Zielgruppe Bolt gegnüber besonders schlecht eingestimmt. Von der kompletten Umstrukturierung des Films und Chris Sanders dadurch ausgelöste Kündigung bis hin zu sämtlichen frühen Bildmaterialien: Viele Disneyfans hassten Bolt. Nicht, dass ich da eine Ausnahme gebildet habe. Jedoch lebe ich in Deutschland und konnte deshalb lange genug vor Kinostart umgestimmt werden und gehe bei Disneyfilmen selbst in Fällen von eher kleinen Hoffnungen auf gelungene Unterhaltung ins Kino.
Amerikanische Disneyfans dagegen wurden erst in den letzten Wochen vor Kinostart mit überzeugendem Material gelockt. Viele werden das wohl erst noch sacken lassen müssen und in den kommenden Tagen ins Kino gehen.

Abschreiben dürfen wir Bolt genau deshalb noch nicht. Es folgt noch der Thanksgiving-Kinoboom und es bleibt abzuwarten, ob die Teenies nochmal in Twilight gehen, oder jetzt Zeit für Bolt finden.

Und 2009 dürfen wir deutschen Fans uns endlich selbst ein Bild von Bolt machen.

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