Mittwoch, 14. Januar 2009

Die Mehrdeutigkeit der Definition


Achtung, es folgen mittelschwere Spoiler für WALL•E!

WALL•E: Ein Film, über den ich nicht oft genug nachdenken und schreiben kann. Mittlerweile sah ich dieses wundervolle Meisterwerk fünf Mal im Kino, und auf die DVD-Veröffentlichung freue ich mich bereits wie verrückt.

Heute möchte ich euch auf eine Dialogstelle aufmerksam machen, die ich in meiner ausführlichen und analytischen Rezension von WALL•E ausließ. Erstens sollte ja nicht jede einzelne Szene des Films analysiert werden, zweitens musste ich mich erst erkundigen, wie die betroffene Sequenz im Kontext des Originaltons wirkt. Auf Deutsch hatte sie eine ganz bestimmte Bedeutung, doch ich wollte erst wissen, ob es im Englischen ähnlich wirkt und somit keinesfalls Zufall sein kann.
Heute sah ich WALL•E in einer O-Ton-Aufführung und kann mich deshalb endlich mit vollster Überzeugung auf den besagten Moment stürzen.

Ich spreche von der Szene, in welcher der Kapitän der AXIOM den von WALL•E eingeschleppten Dreck scannen lässt und eine Definition verlangt.
Der Computer analysiert den Schmutz, schnell ist der Kapitän gelangweilt, gähnt vor sich hin und starrt wieder auf die Instrumente des riesigen Steuerboards. Dann aber erwähnt der Computer, dass Dreck auch als "Erde" bezeichnet wird. Dies gewinnt die Aufmerksamkeit des Kapitäns wieder zurück, der bislang nur von der Erde als seinem eigentlichen Heimatplaneten hörte. Was ist denn nun Erde, fragt er sich und verlangt eine Definition des Computers.

“Earth” - the surface of the world asdistinct from the sky or sea.

Die Neugier des Kapitäns ist nun vollends geweckt. Ließ er zuvor eher pflichtbewusst den Dreck analysieren, und wurde durch das Schlüsselwort "Erde" hellhörig, fragte zweiflerisch nach, wie Erde definiert wird, hebt sich nun seine Stimme. Ein warmer, wissbegieriger Klang durchdringt die Sprache des eigentlich nicht besonders klugen Kapitäns und neugierig bittet er den Bordcomputer: "Define Sea."

Endlich wird der Kapitän aus seiner Lethargie gerissen, seine Augen öffnen sich in diesem Moment. Er möchte mehr von der Welt begreifen können, Wissen in sich aufsaugen. Seine Augen öffnen sich, und die Signifikanz dieses Moments wird durch die Wortwahl in Andrew Stantons Drehbuch unterstrichen. Der Computer spricht nicht von drei Elementen - Erde, Luft und Wasser - oder von den Kontinenten und Ozeanen, sondern von "Earth" und "Sea"... "Sea", was gesprochen genauso klingt wie die Imperativ- und Infinitvform von "sehen".

Die hervorragende deutsche Synchronfassung, die die wenigen menschlichen Sprechrollen liebevoll besetzte und sich bemühte sämtliche Wortspiele zu übertragen ("At BNL, space is the final fun-tier" / "Mit BNL wird die Raumfahrt zur Traumfahrt"), beachtete diese Mehrdeutigkeit und fand ein deutsches Äquivalent. Ja, eigentlich finde ich die Möglichkeit, die sich in der deutschen Sprache auftut noch besser als die im Original gewählte Doppeldeutigkeit:

Hier spricht der Computer vom Meer, woraufhin der erstaunte und neugierige Kapitän in einem sanften, vom neu gewonnenen Wissen überworfenen, Tonfall verlangt: "Definiere Meer."

Was uns im Publikum suggeriert wird, ist überdeutlich und jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken: Der Kapitän möchte mehr wissen, und schöner kann man dieses Verlangen nicht einfangen.
So klar diese Andeutung auch sein mag, so wenigen Kinobesuchern wird bewusst gewesen sein, was hinter ihr steckt. Wenn überhaupt werden viele einen netten Zufall vermuten, den wir dem deutschen Wortschatz zu verdanken haben. Doch wie uns die Originalfassung zeigt, ist es eine wohlüberlegte Entscheidung des Autors. Der Computer hätte so viele andere Synonyme für Sea/Meer verwenden können, und es wäre ja auch möglich gewesen, dass er gar nicht auf das Element Wasser eingeht, da sich Erde auf so viele Wege definieren lässt. Er hätte von der Erde als einem Planeten sprechen können, woraufhin der Kommandant der AXIOM eine Definiton dieses Wortes verlangt hätte.

Er wäre noch immer neugieriger als zuvor im Film - doch die Wirkung beim Publikum würde der von dem hier genannten, wunderschönen Wortspiel niemals das Wasser reichen können.

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