Donnerstag, 25. Juni 2009

Die Nolan-Garde

Regisseur Christopher Nolan erarbeitete sich innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit jede Menge Respekt bei Filmfreunden in aller Welt. Vor elf Jahren lief sein Debütfilm Following auf mehreren Filmfestivals und legte den finanziellen Grundstein für den weiterhin als Independentfilm zu bezeichnenden, aber schon wesentlich großflächiger (und unabhängig von Festivals) gestarteten Memento, der zu einem Überraschungserfolg wurde und weltweit für Aufmerksamkeit sorgte. Nolan war von nun an dem bewanderten Cineasten ein Begriff und mittlerweile führt nahezu kein Weg mehr an ihm vorbei. Seine Batman-Filme, vor allem der unvergleichliche Erfolg von The Dark Knight, katapultierten ihn vom respektierten Genrefilmer in Hollywoods Topriege.
Dass er jetzt allerdings nicht sofort einen dritten Batman nachreicht, sondern wieder sein eigenes Ding dreht, hängt von seiner Selbsttreue und Integrität ab. Er dreht die Filme, die er drehen möchte. Wie er sie möchte. Und er hetzt keine halbgaren Ideen in die Produktionsphase. Das Drehbuch muss wohlüberlegt sein. Darauf beruht sein hoher Qualitätsstandard - weder sein billig produzierter, mit Freunden und Verwandten besetzter Debütfilm Following, noch seine hoch budgetierte Studioarbeit The Dark Knight (noch dazu eine Fortsetzung und somit gerne Mal Opfer von sich einmischenden Studiobossen) enttäuschten. Und in den Welten dazwischen kam er ebenso gut zu Recht.

Nolan ist einer der wenigen Regisseure, die bislang eine (meinem Geschmack nach) makellose Karriere hinter sich haben. Aber welcher von Nolans sechs bisherigen Filmen überzeugte mich am meisten? Und wie weit vom Rest ist sein schwächstes Werk abgeschlagen?

Erfahrt es jetzt in meiner rein subjektiven, und sicherlich nicht dem generellen Konsens entsprechenden Christopher-Nolan-Hitliste. Nicht nach der am Ende des Absatzes folgenden Benotung, sondern chronologisch sortiert. Wie gut das zu Nolan passt, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Following (1998)
Drehbuch: Christopher Nolan
Produzenten: Emma Thomson, Jeremy Theobald, Peter Broderick
Länge: 70 Minuten

Nolans Erstlingswerk beginnt damit, dass ein junger, erfolgloser Schriftsteller zur Inspiration Menschen beobachtet und verfolgt. Eines Tages begegnet er einem Mann namens Cobb, der den Schriftsteller dabei erwischt, dass er ihn beobachtet. Die zwei kommen ins Gespräch und Cobb nimmt seine neue Bekanntschaft mit zu seiner ungewöhnlichen Freizeittätigkeit: Er bricht bei fremden Leuten ein, wühlt ein wenig durch ihre Sachen, macht sich seine Gedanken über diese Personen und bringt ihren Haushalt ein kleines bisschen durcheinander. Cobb stiehlt, wenn überhaupt, nur wenige (meist eher wertlose) Gegenstände, und der Schriftsteller Bill ist von dieser Form des Einbruchs fasziniert und wird zum Wiederholungstäter.

Bereits in Following offenbaren sich dem Zuschauer Nolans markante Umgehensweise mit der Erzählstruktur sowie sein Talent für spannende Geschichten mit vielschichtigen Charakteren im Mittelpunkt. Und sogar ein Querverweis auf Batman hat sich bereits in Following eingeschlichen.
Following ist, mit Blick auf die Produktionsgeschichte, eigentlich bloß ein ambitionierter Amateurfilm: Über Monate hinweg drehte Nolan den Film nach Feierabend mit Bekannten, Freunden und Verwandten als Darstellerriege, das Budget war mickrig. Dennoch sieht der Film so gut aus, wie er aussehen muss. Er hat einen rauen Film-noir-Charme, der sich sehr gut dem Inhalt anpasst. Auf dieser Ebene trifft mich schließlich der einzige Punkt, der mich während des Anschauens ein klein wenig enttäuschte: Following verwendet zu Beginn in seinen Dialogen einige hervorragende Beobachtungen über Menschen, der ganze Ansatz an der Wohnung einer Person seinen Charakter abzulesen ist super und wird für einige mich begeisternde Szenen genutzt. Danach beschleunigt die eigentliche Geschichte und drängt sich nach vorne. Und das ist zwar eine sehr spannende (und ungewöhnlich erzählte) Noir- bzw. Kriminalhandlung, jedoch bei weitem nicht so einzigartig und beispiellos, wie der Anfang antäuscht.
Natürlich ist gegen eine spannende, vertrackte Geschichte über Einbruch, Lug und Trug nichts einzuwenden, aber es fehlt hier der letzte Funken Genialität und Unvergleichlichkeit, die den anderen Nolan-Streichen innewohnt. Selbiges gilt auch für die Erzählstruktur: Man muss Nolan dafür loben, dass er es vollbringt seine aufmerksamkeitfordernden Geschichten unchronologisch zu erzählen, ohne dabei dem Publikum unfair zu werden. Wer aufpasst, wird bei Nolan immer genügend folgen können.
Aber bei Following ist die ungewöhnliche Erzählstruktur nicht wesentlich mehr als ein Trick, um die Spannung zu erhöhen. In Memento und Prestige (und zu gewissem Grad in Batman Begins und Insomnia) bindet er sie dagegen in die Geschichte ein, es besteht eine Einigkeit zwischen Form und Inhalt. Das ist selbstverständlich keine Grundvorraussetzung, die ich von jedem Film verlange, doch es führt zweifelsohne zu einigen Bonuspunkten.

Following hat jeglichen Respekt verdient, besonders wenn man bedenkt, unter welchen Verhältnissen er gedreht wurde. Technisch dürfte man niemals den selben Anspruch wie an Nolans Hollywoodfilme stellen. Trotzdem ist er (ganz knapp) für mich Nolans schwächster Film. Er ist sehr gut, keine Frage, nur gefallen mir Nolans andere Filme besser. Dessen ungeachtet sollte man als Noir-, Nolan- oder Independentfan Following unbedingt mal gesehen haben, erst Recht wenn man Nolans übrige Filmographie kennt.


Memento (2000)
Drehbuch: Christopher Nolan, basierend auf einer Kurzgeschichte von Jonathan Nolan
Produzenten: Jennifer Todd, Suzanne Todd
Länge: 113 Minuten

Ich muss zugeben, dass ich erst ziemlich spät in den Bann von Memento gezogen wurde.
Nicht, weil ich am Film kein Interesse hatte. Ganz im Gegenteil, ich war mir im Vorraus so sicher an ihm Gefallen zu finden, dass ich ihn mir als 2-Disc-DVD holen wollte, anstatt in der Single-Edition. Die Doppel-DVD konnte sich allerdings lange Zeit nicht in meinen Finanzhaushalt fügen, so dass es zu meinem Unmut recht lange dauerte, bis ich sie mir endlich gönnen konnte. Dann war jedoch sofort klar, welcher Film ganz oben auf meiner "Noch zu gucken"-Prioritätenliste aufgeführt werden musste. Und ich wurde in keinster Weise enttäuscht.

Denjenigen unter euch, die Memento bislang nicht gesehen haben tu ich an dieser Stelle den Gefallen, und halte meine Beschreibung besonders kryptisch: Der Film beginnt mit einem Mord, und läuft zur Hälfte in rückwärts arrangierten Szenen ab. Jede zweite Szene endet mit dem Anfang der vorletzten vorangegangenen Szene. Dazwischen läuft der Film chronologisch korrekt ab und liefert uns einen Monolog beziehungsweise Dialog in feinstem Film noir-Stil, der uns die Hauptfigur, den unter einer Gedächtnisstörung leidenden Leonard, näher bringt.
Klingt möglicherweise verwirrend, entwickelt sich für den aufmerksamen und miträtselnden Zuschauer zu einem unglaublich spannenden, das Publikum in eine tiefergehende psychologische Abwärtsspirale mitreißenden Thriller, in dem man nie weiß, was als nächstes geschieht zuvor geschah und wie man die vorkommenden Figuren einschätzen sollte. Wer ist vertrauenswürdig, wer schmiedet seine eigenen Pläne, wer hetzt wem wen auf den Hals? Und wie konnte es nur zum Ende dieser Geschichte, also zum Anfang dieses Films kommen?

Memento hat neben seiner spannenden Geschichte, die packend, originell und unglaublich fesselnd erzählt wird (und, um das nochmal anzubringen, trotz allen Anspruchs in ihrer Vertracktheit stets fair gegenüber dem Publikum bleibt) zwei technisch-künstlerische Aspekte aufzuweisen, die für ihn bestechender Wirkung sind. So ist Memento Christopher Nolans erste Zusammenarbeit mit seinem Stamm-Kameramann Wally Pfister, der (so zumindest meine Vermutung) ursprünglicherweise hauptberuflich Hypnotiseur werden wollte.
Anderweitig ist es mir jedenfalls nahezu unerklärlich, wie Pfister es immer und immer wieder vermag Nolans packende Storys, die eigentlich keines optischen Schmankerls bedürfen, in solch grimmen, den Zuschauer in die Geschichte involvierenden und dennoch unwirklich wirkenden Bilder zu packen.
Die Oscar nominierte Leistung des Schnitts ist ebenfalls herauszustellen, da sie Nolans Erzählabsicht, das Publikum in die Welt des unter einem Kurzzeitgedächtnisschaden leidende Figur einzubeziehen, dieses unbehagliche Gefühl der Ahnungslosigkeit zu simulieren.

Die Darstellerriege ist ebenfalls großartig und schafft es, die steten Zweifel die Nolans Drehbuch in ihren Figuren sät gekonnt umzusetzen und dabei trotzdem eine ihnen angemessene Bindung zwischen Figur und Publikum zu ermöglichen. Besonders Guy Pearce als kühler, mit seinem Zustand umzugehen versuchender und von seinem Ziel getriebener Leonard und Joe Pantoliano als der schwer einzuschätzende Teddy sind großartig.

Memento ist intelligent, jedoch nicht selbstverliebt verkopft, hoch spannend, kühn durchdacht und hat eine nachhaltige Sogwirkung. Zusammen mit einem späteren Nolan-Film glasklar der Gewinner meiner persönlichen Silbermedaille und ein wahres Must-See für jeden Filmfan.

Insomnia (2002)
Drehbuch: Hilary Seitz, basierend auf dem norwegischen Film Todesschlaf
Produzenten: Broderick Johnson, George Clooney
Länge: 118 Minuten

Insomnia ist in vielerlei Hinsicht der bislang ungewöhnlichste Film von Christopher Nolan. Im Gegensatz zu Nolans anderen Regiearbeiten, war Nolan hier nicht zusätzlich als (Co-)Autor tätig. Nolan war nicht einmal immer als Regisseur dieses Remakes geplant, man könnte ihn sozusagen als "Auftragsarbeit" bezeichnen, nicht als eigenes Wunschprojekt. Außerdem muss man herausstellen, dass Insomnia von wenigen, sehr kurzen Flashbacks abgesehen, linear abläuft, wie kein weiterer von Nolans Filmen vor The Dark Knight.
Trotzdem ist Insomnia ein bedeutender Teil von Nolans Filmographie: Es ist sein erster Film mit einer hochkarätigen Darstellerriege (ich krieg jetzt bestimmt wieder von einigen Ärger dafür, dass ich Al Pacino und Robin Williams eher als Hochkaräter ansehe als Carrie-Anne Moss), Nolan konnte sich in Insomnia im Inszenieren von Actionszenen einüben, genauso wie im adaptieren und seinem Stil anpassen von bereits (mehr oder minder) bekanntem Material. Außerdem wurde Nolan nach Insomnia (sozusagen seiner Feuerprobe, ob er denn überhaupt mit Budget umgehen kann) für den nächsten Batman-Film angeheuert.

Während bei Following und Memento die Inszenierung und Geschichte die Topstars waren, sind für mich bei Insomnia in erster Linie die darstellerischen Leistungen von Altmeister Al Pacino und von Robin Williams noch vor Nolans hier besonders subtiler Regieführung die denkwürdigsten Elemente des Films. Pacino ist in dieser Geschichte über einen Cop, der zur Zeit während der Mitternachtssonne in Alaska einen Mordfall aufklären soll und sich vergebens von den gegen ihn gerichteten internen Ermittlungen abzulenken versucht, gut wie eh und je und spielt den innerlichen Verfall seiner Figur großartig, während Robin Williams als Hauptverdächtiger eine wahre Glanzleistung abliefert. 2002 war für ihn das Jahr seiner düsteren Rollen, ein klarer Versuch sich in ein abwechslungsreicheres Licht zu rücken und vielfältigere Rollenangebote zu erhalten. Leider gelang ihm das nicht so ganz, was angesichts Insomnia wahrlich verwundert und mich sogar verärgert. Williams zeigte im Laufe seiner Karriere öfters, dass er ein begnadeter Schauspieler sein kann, ob in Insomnia, Good Will Hunting oder in seinen Touchstone-Tragikomödien Good Morning, Vietnam oder Der Club der toten Dichter.

Nolans Stil ist, trotz der Linearität der Geschichte, weiterhin spürbar. Die Charaktere sind komplex und schwer zu durchschauen (auch wenn vor allem die Hauptfigur im norwegischen Original wesentlich dunklere Züge hat), Nolan legt das Hauptaugenmerk auf die Geschichte und liefert im erneut von Wally Pfister in hypnotische, uns in den psychischen Zustand des Protagonisten versetzende, Bilder gepackten Psychothriller genügend Ansätze für tiefergehende Charakterpsychogramme. Und genau wie bei Memento ist nicht so bedeutend, wer den Mord am Anfang begann, sondern wieso, weshalb, warum. Der Unterschied ist nur, dass sich der Zuschauer jetzt fragt, wie es ausgeht, und nicht, wie es anfängt.

Allerdings gibt es bei Insomnia auch ein paar kleinere Gründe zum Meckern: Hilary Swank agiert als vorbildliche Jungpolizistin etwas zu blass, gegen Mitte des Films gibt es ein paar zähe Stellen und irgendwie bin ich mir sicher, dass Nolan das Gefühl der Schlaflosigkeit und innerlichen Zerissenheit etwas stärker und mit nachhaltigeren Mitteln nachstellen kann, als er es hier tat.
Trotzdem ist Insomnia auf Platz Vier meiner Nolan-Bestenliste anzusiedeln. Ein großartig abartig spielender Robin Williams und Pfisters Kameraarbeit heben ihn ganz knapp über Following. Zur Erinnerung sei übrigens nochmal erwähnt: Es gibt zwar bislang sechs Regiarbeiten, doch aufgrund eines Unentschiedens vergebe ich hier bloß fünf Ränge.

Batman Begins (2005)
Drehbuch: Christopher Nolan, David S. Goyer, Story von David S. Goyer, basierend auf Charakteren von DC Comics
Produzenten: Emma Thomas, Larry J. Franco, Charles Rouven
Länge: 140 Minuten

Wer zuvor noch nichts von Christopher Nolan gehört hat, der musste sich nach Kinostart von Batman Begins so langsam tüchtig anstrengen, um diesem Namen weiterhin entgehen zu können. Deutschland erreichte das Fieber rund um den Kinoneustart der Batman-Reihe zwar etwas zeitversetzt und breitete sich erst nach DVD-Beröffentlichung so richtig aus, während der Film in den USA über 205 Mio. Dollar einspielte, doch die Meinung unter denjenigen, die sich Batman Begins angesehen haben war nahezu einhellig: Wow!

Nolan schaffte den Sprung ins Mainstreamkino, ohne sich selbst auf irgendeine Weise untreu zu werden. Einzig und allein der Name Batman genügte, um das Durchschnittspublikum (in Comicfilm affinieren Ländern als Deutschland) wieder anzulocken - und Nolans konsequent düstere Atmosphäre, sein einzigartiger Erzählstil und der dazu passende realistische sowie nachdenkliche Ansatz dieser Neuinterpretierung sorgten generell für Begeisterungsstürme. Bloß ein paar Fans der vorhergegangenen Batman-Filme sprachen von "pseudointellektuell" und einer Entmystifizierung. Bei einer so oft so unterschiedlich gestalteten Figur wie Batman kann man halt nicht jeden glücklich machen.

Wirklich fantastisch ist, welche Darstellerriege sich Nolan hier zusammenstellen konnte: Christian Bale gibt eine intensive Leistung als Bruce Wayne und Batman ab, Gary Oldman schaffte es trotz seiner geringen Screentime Jim Gordon zu einer erinnerungswürdigen Figur zu verwandeln, Morgan Freeman ist sympatisch wie es sich für ihn auch gehört und Michael Caine ist ein witziger, weiser und charmanter Butler Alfred. Auch Cillian Murphy und Liam Neeson sind sehr gut aufgelegt und Katie Holmes ist ebenfalls gar nicht mal so schlecht.

Was mir ebenfalls besonders an Batman Begins gefällt ist seine Bildästhetik. Nolan ist kein "Style over Substance"-Regisseur und an früheren Batmanadaptionen kritisierte er, dass sie zu sehr visuelle Stilistikübungen und zu wenig handlungsorientiert waren (was er ändern wollte), aber das heißt längst nicht, dass Nolan völlig auf die Optik pfeift. Batman Begins ist ganz konsequent in einem Braunschimmer gehalten, der dabei hilft die Düsternis der Geschichte und Zurückgezogenheit der Hauptfigur visuell zu unterstützen ohne dabei auf die übliche Farbklischees dunklerer Filme zurückzugreifen. Außerdem passt sich das rotbraun des Films sehr gut an seine Comicwurzeln an.
Die weitschweifigen Kamerafahrten sind atemberaubend und verleihen Batmans Herkunftsgeschichte ein zeitlos episches Gefühl, vor allem die Kamerafahrten über den zugefrorenen See während des Rückblicks auf Batmans Lehrjahre im fernen Osten sind malerisch, ohne von der Handlung abzulenken.

Die realistische und psychologische Herangehensweise an Batman weiß mir zu gefallen und ich finde Scarecrow einen sehr guten ersten Gegner für diesen Batman. Das Leitthema Angst wird konsequent verfolgt ohne dabei aufgesetzt zu wirken und die Actionszenen sind kurz, aber intensiv. Das Finale kommt mir mittlerweile ein klein wenig zu plötzlich, nachdem ich beim ersten Ansehen noch gegen Ende des zweiten Akts ein paar Längen ausfindig machte. So kann sich die Art und Weise, einen Film zu sehen, ändern. Außerdem ist Batman Begins in manchen Momenten doch etwas zu trocken - der insgesamt nicht minder ernsthafte The Dark Knight konnte seine kleinen Humorspritzen gleichmäßiger verteilen.

Batman Begins belegt in meiner Favoritenliste einen klaren dritten Platz, weniger aufgrund seiner kleinen Schwächen, sondern mehr wegen der schwer bestechlichen Stärken der höher platzierten Nolan-Filme.

Prestige (2006)
Drehbuch: Christopher Nolan, Jonathan Nolan, basierend auf dem Roman von Christopher Priest
Produzenten: Christopher Nolan, Emma Thomas
Länge: 130 Minuten

Prestige... Über dieses schwer in Worte zu fassende Meisterwerk von einem Film könnte ich viel öfter lamentieren. Im Grunde könnte ich so viele Worte über Prestige verlieren, dass ich genauso gut gar nichts sagen könnte. Weder weiß ich, wo ich anfangen soll, noch würde ich, wenn ich erstmal in Schwung komme, zum Punkt kommen. Versuchen wir's trotzdem:
Ich schwärme für diesen erstaunlichen, filmgewordenen Zaubertrick und er hat sich einen wohl bewachten Ehrenplatz in meinem Filmfanherzen verdient.

An Prestige gibt es gar nichts zu mäkeln. Der Film ist hochintelligent und hat eine unglaublich dichte Atmosphäre. Die hypnotische Aura dieses Meisterwerks übertrifft alle anderen Filme Nolans, was wirklich etwas heißen will, schließlich ist Nolan darin begnadet, seinen Filmen eine stimmige, einvernehmende Stimmung zu verleihen.
Prestige ist extrem spannend, ohne dabei auch nur irgendwie ins Thriller-artige abzugleiten. Die Spannung in Prestige entsteht daraus, dass man mehr sehen möchte, sich verzaubern lassen will, vom trüben Rivalitätskampf zweier ungleicher Illusionisten mitgerissen wird und wissen möchte, wer was als nächstes tun wird. Und wie. Bei alledem schaffen es die Dialoge in Prestige hin und wieder einen zum Lachen zu bringen, ohne die mühevoll aufgebaute Aura des Films anzugreifen. Die genialen Pointen in den Dialogen sind rar, aber zielgenau gesetzt.

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen mit Überraschungen gespickten Filmen (und zahlreichen normalen Zaubertricks) verliert Prestige bei wiederholtem Ansehen nichts von seiner Faszination, sattdessen gewinnt er sogar dazu. Mehr noch als Memento. Mit jeder einzelnen Sichtung entdeckt man weitere Details, die an Bedeutung gewinnen, wenn man die ganze Geschichte kennt. Vor allem aber kann man von Prestige immer wieder neu zum Rätseln gebracht werden, da Nolan manche Einzelheiten bewusst im Unklaren lässt und verschiedene Deutungen zulässt. Deshalb ist Prestige ein fantastischer Film, um Kommunikation anzuregen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich Prestige mit lieb gewonnenen Personen anzusehen, allein schon um danach die Geschichte diskutieren zu können. Oder auch die Bedeutung des Films: Prestige liefert nicht nur mit manchen Überraschungen und mehrdeutigen Momenten jede Menge Zündstoff, man kann auch sehr viel in ihn hineininterpretieren und anhand der Geschichte viel über moralische, philosophische und emotionale Streitpunkte grübeln. Zumindest meiner Meinung nach ist Prestige Christopher Nolans bislang tiefsinnigstes Werk - wobei man ihn sogar noch weniger als "Kopffilm" bezeichnen könnte, als Memento, da Prestige dafür zu stark an einen großartigen Zaubertrick erinnert und den Zuschauer für seine Laufzeit in seine eigene, betrüblich-magische Welt entführt.
Wer sich Prestige lieber alleine anschauen möchte, ist übrigens nicht aufgeschmissen: Mit seiner einzigartigen Atmosphäre und dem ungewöhnlichen Gefühl, dass er bei einem hinterlässt, ist Prestige genauso wie Memento ein ebenso guter Kandidat für eine einsame Sichtung in einem dunklem Zimmer, wie für ein kollektives Seherlebnis.

Was an Prestige ebenfalls begeistert, sind die Schauspieler: Christian Bale und Hugh Jackman sind perfekt als Illusionisten-Rivalen und spielen ihre Rollen sehr feinfühlig, schaffen es zugleich die extrovertiertere Bühnenpesönlichkeit ihrer Figur und die besesseneren Züge in das zum Tempo des Films passende ruhige Spiel einfließen zu lassen. In den Nebenrollen überzeugen Scarlett Johansson, Michael Caine und vor allem David Bowie in einer kleinen, aber einschneidenden Rolle.
Wie auch bei Nolans anderen Filmen seit Memento, komme ich nicht umher, seinen Stamm-Kameramann Wally Pfister zu loben, der in Prestige meiner Meinung nach seine bislang mystischsten und wirkungsvollsten, stimmungshaftesten Bilder seiner Karriere machte. Durch Nolans Inszenierung und Pfisters Kameraarbeit erhält auch die realistisch-verfallene Ausstattung von Prestige ihre ganz eigene Sogwirkung. Man fühlt sich förmlich mitten im viktorianischen London, hinter den Kulissen einer Zaubershow.

Was Prestige allerdings den letzten Schliff verleiht und mit dickem Abstand auf Platz Eins meiner Nolan-Hitliste katapultiert ist das Paradox, dass sich dieser Film wie eine Ewigkeit anfühlt, ohne dass während ihm auch nur eine Spur von Langeweile aufkommt oder Szenen vorkommen, die langatmig sind. Prestige ist einfach so reich an Handlung und Themen ausgestattet, dass man nicht glauben kann, dass das alles in nur 130 Minuten abgewickelt wird. Dennoch wundert man sich nach Prestige gleichzeitig, dass so viel Zeit vergangen ist, weil während des Films die Zeit wie im Fluge vergang. Klingt perplex? Ja, richtig. Und das macht Prestige so einzigartig.

The Dark Knight (2008)
Drehbuch: Christopher Nolan, Jonathan Nolan, Story von Christopher Nolan und David S. Goyer, basierend auf Charakteren von DC Comics
Produzenten: Christopher Nolan, Charles Roven, Emma Thomas
Länge: 152 Minuten

Am 20. August 2008 saß ich, wie einige andere, in der Vorpremiere zu The Dark Knight und war wie gebannt von diesem intelligenten, hochspannenden und zuweilen tragischen Musterbeispiel für einen Thriller, ich fand es einfach außerordentlich, wie Christopher Nolan es schaffte seinem zweiten Batman-Film ein Gefühl von Tiefe zu verleihen. Während dieser Kinovorstellung spielte sich das Geschehen nicht einfach auf der Kinoleinwand ab, das korrupte, im dunkelblauen Nichts zwischen rettungslos verloren und Wiederaufkeimen versinkende Gotham verschlung das Kinopublikum, die Themen von Anarchie und Chaos waren greifbar, ja sogar spürbar, und der Schrecken der unvermeidlichen Eskalation saß einem im Nacken.
Es war ein besonders intensiver Kinobesuch und danach konnte ich nur noch nach Hause fahren und wie in einem Schokzustand meine komplette Filmrezension in einem Rutsch runterschreiben.

Wie sehr mich die geballte Gewalt von Vigilantismus, moderner griechischer Trägodie und purer Zerstörungswut, die sich in The Dark Knight mannifestierte, überwältigte lässt sich wohl am besten daran aufzeigen, dass mich der Film völlig vereinnahmte, obwohl ich an diesem Abend einem besonders nervigen Kinobuplikum ausgesetzt war, welches sich auf Platz 7 der größten Assis in meinem bisherigen Leben als Kinobesucher katapultierte und mich ein paar Tage nach Kinobesuch zu einer Schimpftirade über nervige Kleinigkeiten während des Kinogangs inspirierte. Trotz einer solchen Beschallung konnte sich an diesem Abend bei mir die volle Wirkung von The Dark Knight entfalten - und das muss ein Film erst einmal schaffen.

Nolans The Dark Knight ist ein Glücksfall in der Geschichte der Comicadaptionen. Hier kamen die richtigen Leute mit der richtigen Einstellung zum richtigen Zeitpunkt zusammen. Außerdem ist The Dark Knight eine weitere Leuchtgestalt in der Historie von Hollywoodfortsetzungen. Ohne die inhaltlichen Vorlagen von Batman Begins, hätte Christopher Nolan wohl kaum ein solches Bild von Gotham zeichnen können und Batman in dieser psychologischen Lage porträtiert. Ohne die Fingerspitzenübung namens Batman Begins hätte er wohl kaum solch faszinierenden Actionszenen auf die Beine stellen können, sie so fulminant in die Handlung eingewoben und vor allem hätte kaum ein Filmstudio der Welt ihn das alles genau so machen lassen. Doch man ließ Nolan seine Visionen umsetzen, und es machte sich bezahlt, sowohl für die Filmfans (die ein gewaltiges Meisterwerk geschenkt bekamen), als auch für das Studio (zweiterfolgreichster Film aller Zeiten in den USA, über eine Milliarde weltweites Gesamteinspiel).

Erneut muss man Wally Pfisters meisterliche Kameraarbeit loben. Die dramatischen, rauen und realen Bilder sind ein unersetzlicher Teil der Sogwirkung von The Dark Knight. Nolans Wunsch, den Film zum Teil mit IMAX-Kameras zu drehen war ein echter Volltreffer, die überwältigenden IMAX-Bilder bleiben lange vor dem inneren Auge des Zuschauers haften. Ebenfalls jede Lobpreisung verdient haben sich die Komponisten Hans Zimmer und James Newton Howard, deren Musikuntermalung anarchisch ist und wie ein tollwütiger Hund auf einen hereinbricht. Der Soundtrack ist kühl, düster und bombastisch, jedoch ist er all dies in keinerlei konventionellem Sinne. Der Score zu The Dark Knight ist still, leise, angespannt und einschüchternd, ganz und gar untypisch, ohne dem Zuhörer vor den Kopf zu stoßen.

Natürlich kann man The Dark Knight nicht bejubeln, ohne Heath Ledgers phänomenale Leistung zu erwähnen. Sein Joker ist Anarchie, Chaos, eine Verkörperung des absolut Bösen. Und trotz seiner Abartigkeit hat er eine einvernehmende und wahnsinnig komische Art. Unumstritten ein Stück Schauspielkunst, das verdienterweise in die Geschichte eingehen wird und die Zeit überdauert. Unabhängig von den tragischen Umständen.

Im Vergleich zu Nolans anderen Filmen belegt The Dark Knight auf meiner persönlichen Hitliste gemeinsam mit Memento den zweiten Platz, und irgendwie gehören die zwei Filme auch zusammen. Memento ist ein Paradebeispiel für einen "attraktiven" anspruchsvollen Film, The Dark Knight ist ein Paradebeispiel für anspruchsvolle Unterhaltungsfilme. Beide tragen ganz klar Christopher Nolans Handschrift und sind dennoch grundverschieden. Sie bringen komplexeres Kino und weniger gradlinige, eben nicht nach Hollywoodart gedrehte Thriller einer größeren Masse näher.
Von diesen zwei Filmen ist The Dark Knight natürlich der mit den meisten Schauwerten, aber Memento ist noch einen kleinen Tick hypnotischer. Ich möchte diese zwei brillanten Filme einfach nicht gegeneinander ausspielen - und deshalb bleibe ich bei meiner Entscheidung
(weitere Ausführungen zu The Dark Knight und einige analytische Ansätze findet ihr in meiner Rezension des Films).

Das ist also meine Nolan-Hitliste. Wer ebenfalls alle Filme dieses meisterlichen Regisseurs sah, und eine andere Meinung hat, darf sie gerne in den Kommentaren hinterlassen. Alle anderen füllen bitte ihre Wissenslücken auf. Ihr werdet es mir danken.

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2 Kommentare:

Lutz hat gesagt…

"Following" und "Insomnia" habe ich noch nicht gesehen. Bei den anderen Filmen bin ich weitestgehend deiner Meinung.

Ich finde es klasse, dass du "The Prestige" so sehr hervorhebst. Einige meiner Freunde haben den Fehler gemacht, den Film zu schnell abzuschreiben, weil das, was sie als den Twist sehen, zu schnell zu erraten ist. Dabei fängt der Spaß bei "The Prestige" erst wirklich an, wenn man den Film öfter sieht, eben, weil man auf einmal mehr sieht, anders sieht und sieht, dass es hier mehr als nur eine Deutung geben kann.

Ich halte das Drehbuch zu "The Prestige" für eines der größten Meisterwerke in der Filmgeschichte. Ich kenne keinen anderen Film, der derart durchkomponiert ist und trotzdem so spielerisch daherkommt. Es gibt KEINE einzige Szene in diesem Film, die nicht irgendwie auf die Grundthemen oder die Auflösung oder sogar beides hindeutet. Ich habe Spaßeshalber vor einiger Zeit einmal begonnen, eine Szenenanalyse zu schreiben, komme allerdings wenig voran, weil ich jede Menge andere Sachen zu machen habe. Aber einges Tages werde ich das nochmal fertigstellen. Mein kleines Hobby nebenbei :-D

beetFreeQ hat gesagt…

Ich bin ja auch ein großer Fan von Christopher Nolan und kenne alle seine Filme. Allerdings sieht die Rangfolge bei mir etwas anders aus:

1. Memento
2. The Dark Knight
3. Prestige
4. Insomnia
5. Following
6. Batman Begins

Trotzdem ist selbst der sechste Platz immer noch ein sehr toller Film ;)

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