Freitag, 19. November 2010

Machete

1997 nahm sich Kultregisseur Quentin Tarantino der Blaxploitation an. Drei Jahre nach seinem Welterfolg Pulp Fiction reichte er mit Jackie Brown einen um zwei Jahrzehnte verspäteten, kunstvolleren Beitrag zur Welle des "schwarzen Kinos", der Antwort auf das weißere und saubere Hollywoodkino nach.
Wenn sich Tarantinos texanischer Kumpel Robert Rodriguez dem ethnisch eingefärbten Exploitationkino widmet, sieht das Produkt vollkommen anders aus. Statt eines Rachefilms für Afro-Amerikaner dreht er (wen überrascht's?) einen an der US-mexikanischen Grenze spielenden Actioner. Und wo Quentin Tarantino den Schundfilm durch smarte Dialoge, markanter Ästhetik und verwobene Erzähldramaturgie ins Kunstkino hievt, nimmt sich Rodriguez das neu geschaffene Genre des Mexploitation-Movies und dreht sämtliche Mäkel, Geschmacklosigkeiten und politische Inkorrektheiten um zehn Stufen höher. Rodriguez kleckert nicht, er klotzt. Schließlich ist sein Machete die Verwirklichung eines Fake-Trailers aus Grindhouse - da geht es nicht um Niveau und Anspruch, sondern um die unheilige Dreifaltigkeit des Parodierens, Glorifizierens und Imitierens von bluttriefenden C-Filmen.
Dadurch zeigt Machete, wie unterschiedlich Rodriguez und Tarantino ticken. Das ist aber vollkommen nebensächlich. Stattdessen heißt es Hirn aus, zurückgelehnt, Nachos gemampft und derbe über sinnbefreite Gewalt gelacht. Die sich ihrer Herkunft als Schundfilm gewiss ist und deswegen mit selbstironischer Übertreibung glänzt. Denn Rodriguez ist nicht irgendein Gewaltregisseur, er ist ein Künstler des Kunstlosen. Auch wenn Machete das nicht ganz so sehr rauskehrt wie sein indirekter Vorgänger Planet Terror.


Die Handlung von Machete ist, genregemäß, schnell erzählt. Machete (Danny Trejo) ist ein Ex-Bundesagent und illegaler Einwanderer, der von einem sinistren Kerl mit zurückgegeltem Haar (Jeff Fahey) angeheuert wird, den für eine radikale Anti-Einwanderungspolitik stehenden texanischen Senator (Robert DeNiro) umzulegen. Dies stellt sich als Spiel mit doppeltem Boden heraus: Machete wird hintergangen und bekommt ein Beinaheattentat am Senator angekreidet. Also nimmt er sich vor, die bis zum Drogenboss Torrez (Steven Seagal)  und dem Ultrakonservativen Von Jackson (Don Johnson) reichende Verschwörung aufzudecken und an seinen hinterlistigen Auftraggebern Rache zu nehmen. Während dieses vom örtlichen Pfarrer (Cheech Marin) unterstützten Feldzugs gerät er an eine Agentin der Einwanderungsbehörde (Jessica Alba), die burschikose Taco-Verkäuferin Luz (Michelle Rodriguez) und Drogenkind April (Lindsay Lohan). Lasst die Fetzen fliegen und die trockenen Sprüche kommen!

Einen Preis für die Story wird Machete wohl kaum gewinnen - aber das hat Rodriguez auch nicht vor. Sein Mexploitation-Streifen hakt viel lieber voller Genuss sämtliche Gemeinplätze des Rachegenres ab, lässt einen dabei jedoch stets spüren, dass es nicht ernst gemeint ist. Mal lauert die Selbstironie versteckt im Detail und lässt sich schwer genau benennen, andere Male holt Rodriguez hämisch den Hammer raus und lässt dumme Nebencharaktere ihre genrebedingte Blindheit gegenüber C-Actionfilmklischees launisch kommentieren. Meistens aber bedient er sich dem klassischsten aller parodistischen Stilmittel: Der (in diesem Fall gut getimten) Übertreibung. Machete ist der trockenste aller kernigen Rachehelden und da er der Held ist, sind die Waffen seiner Wahl (vorzugsweise die Machete) selbstverständlich die mächtigsten im gesamten Filminventar. Wie ein Onlinespiel auf der Film-Website auf herrliche Weise vorführt: Während andere scherzen "Blöd, wer mit einem Messer zur Schießerei kommt", gilt bei Machete die Maxime "Ohne Hand lässt sich der Abzug schlecht drücken, nicht wahr?"

Wenn Machete seine Vorbilder gerade Mal nicht parodiert oder auf extremere Weise imitiert, dann bedient sich die Ein-Mann-Filmcrew Robert Rodriguez tatsächlich einiger Seiten des Tarantino-Lehrbuchs und hebt den Exploitationfilm auf ein kunstvolleres Level. In Machete beschränkt sich Rodriguez' Elevation des Schundkinos auf eine markantere, durchdachtere audiovisuelle Ästhetik, während etwa sein From Dusk Till Dawn oder Tarantinos Regiearbeiten dem Schundkino mehr Flair und Kunstniveau verleihen. Aber es genügt längst, um mir Machete viel schmackhafter als den archetypischen Van-Damme- oder Bronson-Film zu machen.
Die für mich herausstechendste Szene ist Rodriguez' sinnästhetisch skizzierte Schießerei in der Kirche, die mit  Ave Maria unterlegt nicht bloß zum Bersten ironisch ist, sondern im Gegensatz zu den oft eher komischen, manchmal auch leicht ekligen Metzeleien im Gros der Machete-Actionszenen die Poetik in der Zerstörung findet. Sie stellt sich als Moment der Legendenbildung dar - und trifft somit (obwohl die Titelfigur gerade nicht zu gegen ist) das heimliche Kernthema des Films.

Im Mittelpunkt steht klar Machete, der Mann, der mehr Legende als ein Mann ist. Ihm gelingt während seines Rachefeldzuges alles, und das auf denkwürdige Weise. Entweder besonders blutig oder überraschend locker. Doch wie es sich für eine Legende gehört: Eine große Niederlage musste er mitnehmen. Diese wird im Intro des Films gezeigt - die ultrakondensierte Form eines weiteren Rachefilms, dem lediglich das Finale fehlt in dem Machete zur Legende aufsteigt. Nach dem Vorspann erleben wir gewissermaßen die Fortsezung dieses ersten Films. Der Vorspann schreckt übrigens (in bester Grindhouse-Manier) nicht vor Spoilern zurück. Betrachtet man Machete klassisch. Doch er besitzt ja diese zweite Ebene, auf der die Spoiler dazugehören. Da sie zum Exploitationflair dazugehören. Und sie uns in die Legendenhaftigkeit der Figuren einführt. Figuren, die erst später im Film von der flachen Actionfilm-Person zur stilisierten Exploitation-Übermenschfigur aufsteigen (oder diese versteckte Seite wieder ans Tageslicht bringen), sind uns so duchweg als solche Figuren bewusst. Dass einige von ihnen aber erst spät im Film dieses Gesicht zeigen, kann beim für solche Spielereien mit der Erwartungshaltung unempfindliche oder schlicht unvorbereitete Zuschauer frustrierend wirken. Der (nun nicht mehr ganz so) Fake-Trailer lässt ein gewaltiges Nonstopfeuerwerk erwarten. Stattdessen ist Machete, wenn auch frei von Durchhängern, nicht in vollstem Planet Terror-Berserker-Modus. Die im Vorspann als Mega-Badass-Motherfucker-Revoluzzer-Braut vorgestellte Michelle Rodriguez hält erstmal bloß rotzige Reden, schwingt Eier durch die Gegend und verkauft Tacos. Und Rodriguez (die mir in Machete erst zum zweiten Mal sympatisch ist) ist von den zahlreichen Nebendarstellern rund um Machete in ihrem Auftritt noch die Grindhouse-igste. Dicht gefolgt wird sie von Cheech Marin und Tom Savini, die ihre üblichen Rodriguez-Paraderollen mit jede Menge Witz (und zu wenig Screentime) rüberbringen. Daraufhin sind Jeff Fahey als Überoberduperschmierlappen und DeNiro als George W. Bush texanischer Ultrakonservativer Opportunist mit brüllend komischen Werbespots. Lindsay Lohan gibt eine tolle Selbstparodie, ihrer Rolle fehlt allerdings der letzte Knall, ähnlich wie Jessica Alba zwar hübsch aus der Wäsche guckt und zwar durchaus in den Mix passen will, aber letztlich zu zahm für einen Film wie Machete bleibt. Von Steven Seagal bin ich ehrlich eher enttäuscht, er hinterlässt keinen großen Eindruck und die ironische Prise seiner Rolle stammt allein aus dem Drehbuch. Er selbst steuert als Darsteller nichts weiteres zur Wirkung bei.

Ein letztes besonders Element von Machete ist, wie flapsig, effekthascherisch und aufgetragen er die Immigrationsthematik behandelt, die in den vergangenen Monaten in den USA wieder heiß diskutiert wird. Bemerkenswert ist dies einerseits, weil es wieder als Rückgriff auf B-Movies mit angeblich tiefgehender Botschaft zwischen ihrem Schund zu deuten ist, und andererseits, weil Machete abgedreht war, bevor sein Thema wieder auf der tagesaktuellen Agenda stand. Durch Rodriguez' Timing und Augenzwinkerei bringen die "politischen" Elemente weitere Lacher mit sich und könnten fast als Politsatire durchgehen, wären sie nicht viel deutlicher eine Parodie auf "Politploixtation".

Auf seine Einzelteile reduziert ist Machete wahrlich gelungenes, selbstbewusstes und -ironisches Schund-Männerkino, dem einzig eine größere Note Sexiness abhanden ging. Ich will keinesfalls chauvinistisch klingen, aber für einen Film, der sich als kerniges Männer-Mexploitation-Kino mit dem postmodernen Metatwist verkauft und in Sachen Gewalt, Oneliner und Heroik klotzt statt kleckert, gibt es doch recht wenig nacktes weibliches Fleisch zu sehen.
Nimmt man alles zusammen, begeistert Machete etwas weniger. Er ist ungeheuer unterhaltsam, sofern man bei Gewalt nicht zu zimperlich reagiert und den richtigen Humor hat (was sich leicht testen lässt: Wer beim Fake-Trailer nicht lacht, lacht auch hier nicht), und gut inszeniert. Für sein Genre sogar herausragend. Aber mir fehlte noch ein Schuss mehr Selbstironie oder Genredekonstruktion. Machete muss nicht gleich dermaßen um sich schlagen wie Planet Terror, aber zwischendurch hält er doch zu sehr an (minimal aufgedrehten) Konventionen fest, statt sie (liebevoll) zum Bersten zu bringen. Andere Zuschauer hingegen würden ihn wohl etwas dreckiger sehen wollen, andere könnten auf die (Spannung ins Spiel bringende) Story verzichten um das Tempo weiter aufzudrehen und die Actionkonzentration zu erhöhen.

Für Fans von Robert oder Michelle Rodriguez, Exploitation, Danny Trejo, Grindhouse, Macheten oder machomäßigen Männerrachefilmen ist Machete ein klarer Kinotipp. Große Gruppe, Nachos mit Käse und/oder Salsa, dazu ein Tequillabier(-Sixpack) und abgelacht. Wer Grindhouse allein aufgrund seiner Metaebene mochte, der sollte sich Machete nur an einem richtig guten Tag in der richtigen Stimmung mit den richtigen Leuten ansehen. Und Moralapostel... äh, wieso denkt ihr überhaupt über einen Kinogang nach?

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7 Kommentare:

Cooper hat gesagt…

Ich hab mir wirklich Gedanken gemacht, wie der Film wohl werden könnte (Spekulationen über deine Rezension habe ich tunlichst vermieden! ;-) ). Nicht, das ich unabdingbarer Rodriguez Fan bin, das auf keinen Fall. So sehr die Fans des Meisters der "Mexploitation" auch bei "Planet Terror" jubilieren mögen, vermute ich bei mir schon jetzt gegensätzliches. Ich glaube tatsächlich, dass ich bei einem guten Vorrat Salitos und dementsprechend Buritos verschlingendem, Tortillas knabberndem Saalpublikum ganz sicher auf meine Kosten kommen werde. Immerhin ist 'Machete' ja der erste (möglicherweise einzige je gedrehte) Vertreter seines Genres. So wunderbar abgedreht Planet Terror in seinem exzessivem Stil auch sein mag, ich hab was gegen Untote (erste Ausnahme seit vielen Jahren: "Zombieland". Der werte Sir D. könnte erraten weshalb. ;) ) und die verdarben mir den Film.
Da "Machete" zu keinem Zeitpunkt Gefahr läuft dahingehend abzudriften bin ich mir zumindest was mich betrifft sicher: ""Mexploitation" schlägt Zombie-"Exploitation"!



@den Erpel mit verdächtig-unverschämt, ungesund-hohem Cholesterinwert alias den Meister der unverschämt langen Schachtelsätze (die zum überwiegenden Teil mehr als gelungen sind, der Rest ist schlicht "mindblowing"!). *g*:

Zuwenig 'sexiness' ist natürlich bei einem solchen Film ein Manko, aber hey - wir können ja nicht alles haben. Sollte es Rodriguez etwa vergönnt sein den 'ultimativen Männerfilm' zu drehen? Ich sehe das als Teil, der den charme eines gewollt-unperfekten Films ausmacht. Der braucht Ecken und Mängel - wenn´s mal an exotisch-erotischer Note fehlt, dann lässt sich damit durchaus leben. ^_^ Das bessert der Meister des Kunstlosen, was er zur Kunstform erhebt, ganz bestimmt mit dem nächsten Werk wieder aus!
Ach ja, dein "Ploitploixtation" hat mich die allmächtige Suchmaschine befragen lassen, denn dieses "Subgenre" hiel ich für durchaus möglich - Unwissender, der ich bin. Wer weiß, vllt. begründet Rodriguez ja genau in besagtem Genre ja mit einem weiteren Machwerk ein Highlight, das alles hat und den 'ultimativen Männerfilm' versinnbildlicht (selbstredend bekäme er zig Academy-Award-Ehren und stelte evtl sogar Avatar in den Schatten weil die Männerwelt geschlossen für Wochen im Kino haust!!!). Dann hätten wir endlich unser männliches Gegenstück zu "Titanic"!
Bis dahin verursacht der Begriff aber noch ein winziges Fünkchen an Unwissenheit. War vllt dann doch "Exploitation" gemeint? *grübel*

Soviel von mir! Hasta Luego amigos! Yiiieeeeha! Cooper

Sir Donnerbold hat gesagt…

Upps, ich wollte die "POLITploixtation" erschaffen. ;-) Ansonsten: Ja, wenn du eine Untoten-"Allerige" hast aber dennoch neugierig bist, empfehle ich in richtiger Truppe einen Besuch am Kinotag. Oscarerwartungen sind aber natürlich etwas... ähm... *g*

Cooper hat gesagt…

@Den leicht amüsiert wirkenden Erpel:

OK, ein "Politploixtation"-Movie hat da genausowenig Chancen der "ulltimative Männerfilm" zu werden, wie es 'Machete' vergönnt sein wird. *sfz*
Das mit den Oscar-Ehren galt ja nur für den Fall, dass dein neues Genre absolut überwältigend und Rodriguez' - bis hierhin völlig fiktionaler Film - damit ein ungekannt geniales Werk darstellt, an dem Mann nicht vorbei kommt.^_^
Aber man stelle sich einen solchen Film mal vor! Ein Werk, dass 'Titanic' (alias 'die Eisberg-Katastrophen-Lobhudelei') ganz offen deklassiert und das völlig ohne Klasse! Das wär ein ziemlich grandioser Tag für die "Ich kann 'Titanic' nicht ausstehen und hab gute Gründe dafür!"-Fraktion, zu der ich mich selbstredend mitzähle.

So long Cowboy.

Tht´s all for today folks,
your Cooper

Green Ninja hat gesagt…

Ich hatte am Anfang Spaß, aber irgendwie zieht sich der Film dann zu sehr in die Länge. Und ein paar Szenen sind halt einfach direkt aus dem Trailer gerissen ohne wirklich reinzupassen.

Ich hatte Spaß, war aber auch enttäuscht.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Dafür fand ich "Predators" sterbenslangweilig und zäh wie Kaugummi unter'm Schuh. Ausgleichende Gerechtigkeit? *g*

Dass manche Szenen mit dem Brecheisen in den Film gehämmert wurden, fand ich übrigens gut. Zu aalglatt hätte das alles nicht laufen dürfen, das hätte den Exploitation-Charme zerstört. Diese typischen "Made for Trailer"-Momente müssen irgendwie dabei sein.

Anonym hat gesagt…

Mother knows best.
Take it from your mumsy.
On your own, you won't have fun in this movie!

classless hat gesagt…

Robert Rodriguez ist Fachmann für blutige Vergeltung und (Alt-)Männerphantasien. Insofern ist “Machete” eine doppelte Überraschung. Zum einen war eine solch mitreißende Revolutionspropaganda, die auch noch auf ein ganz konkretes, aktuelles politisches Szenario - den elenden und blutigen Irrsinn des “War on Drugs” und des Grenzregimes zwischen Mexico und den USA - abzielt, seit langem nicht mehr im Kino zu sehen. Zum andern verwendet Rodriguez seine überdrehten classless Action- und Macho-Bilder offenbar eher aus Versehen als Verpackung für eine von einer Frau organisierte revolutionäre proletarische Bewegung...

Machete - die Waffe in deiner Hand.

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