Sonntag, 1. Juli 2012

Passen Disney und Marvel zusammen?


Aus wirtschaftlicher Sicht dürfte Disneys 4,24 Milliarden Dollar teure Übernahme des Comicgiganten Marvel wohl keineswegs mehr angezweifelt werden. Allein schon Marvel's The Avengers, der erste Marvel-Kinofilm, den Disney in die Lichtspielhäuser entließ, überschritt kürzlich in den USA erst als dritter Film in der Geschichte die 600-Millionen-Dollar-Marke. Weltweit beziffert sich das Kinoergebnis des Superhelden-Stelldicheins auf über 1.441.231.000 Dollar, was derzeit den dritten Rang in der ewigen Bestenliste bedeutet. Und in all das sind die Unmengen von Merchandising, der Verkauf der TV-Ausstrahlungsrechte und die noch anstehende Heimkinoauswertung nicht eingerechnet.

Für den Disney-Konzern ist Marvel, das sollte eindeutig sein, eine Goldgrube. Aber die spannendere Frage ist: Lassen sich die Markennamen Marvels und Walt Disneys vereinen? Wäre es klüger für Disney, weiterhin eine klare Linie zwischen Marvel-Kinofilmen und Walt Disney Pictures zu ziehen, so wie es bei Miramax der Fall war? Oder versäumte Disney bereits eine Chance, als man sich entschloss, The Avengers ohne Disney-Logo zum Filmbeginn zu veröffentlichen? Sollten sich die Marvel-Helden, von den Unmengen Merchandising, die es bereits überall zu kaufen gibt, aus den Themenparks fernhalten? Und wie ist es um den Meisterwerke-Kanon Disneys bestellt? Haben Marvel-Fans eigentlich von Disney etwas zu befürchten oder sind die steten Unkenrufe des despotischen Großkonzerns mit raffgierigem Drang zur Kontrolle unbegründet?

Kinofilme, die den Disney-Namen tragen könnten
Mit der Zeit haben sich auf einige dieser Fragen klarere Antworten herauskristallisiert. Noch vor zwei Jahren hielt ich die Idee eines Disney-Marvelparks im französischen Disney-Resort für abwegig, sowohl, weil er sich kaum rentieren dürfte, als auch aus einer künstlerischen/Disney-Fan-orientierten Betrachtungsweise. Der erste Punkt dürfte nach dem weltweiten Erfolg von The Avengers in Frage stehen – die Marvelhelden sind eindeutig kein rein amerikanisches Phänomen mehr. Bloß uns Deutsche dürfte Euro Disney SCA mit den Marvel-Helden kaum anlocken können, doch wir sind eh ein wirres Völkchen, wenn es um den Besuch von Disney-Parks oder Superhelden-Kinofilmen (ohne Batman oder Spider-Man) geht.

Was die Vereinbarkeit der Marvel- und Disney-Welten anbelangt, so mag ich nicht über die Themenparks in diese Debatte einsteigen, sondern über die Kinofilme: Ganz banal gesagt, habe ich mir lange keinerlei Gedanken darüber gemacht. Nach der Übernahme im Jahr 2009 grübelte ich nicht, ob Iron Man nun ein Disney- oder ein Touchstone-Film hätte werden sollen. Oder ob Disney besser beraten wäre, Marvel (im Gegensatz zu den bislang stets unter Disney agierenden Pixar Animation Studios) keines seiner Labels aufzudrücken. Doch dann kam Captain America: The First Avenger ...

... ja, es mag der letzte Film aus dem Marvel Cinematic Universe gewesen sein, an dem Paramount Pictures die Vertriebsrechte hielt, jedoch legte schon dieser Film mir eine eindeutige Antwort in den Mund: Marvel und Disney, das kann funktionieren! Joe Johnstons vergnügliches Superhelden-Weltkriegsabenteuer, in dem ein Supersoldat auf übernatürliche Nazi-Hatz geht, wäre geradezu perfekt für Walt Disney Pictures gewesen. Und das verkünde ich ohne einen Hauch von Ironie. Der liebevoll augenzwinkernde Tonfall dieses Filmes mit einem zwischen comichaft und authentisch verorteten 40er-Jahre-Settings hätte problemlos Schulter an Schulter zwischen den Pirates of the Caribbean-Filmen und John Carter als disneyhafter Actionfilm mit PG-13-Rating stehen können. All diese Filme sind nicht pure, stereotypische Disney-Produktionen, doch sie alle wecken die kindliche Begeisterungsfähigkeit in ihrem jugendlichen Zielpublikum, versprühen etwas, das ich als Disney-tauglich empfinde. Noch enger als mit den genannten Werken ist Captain America aber mit Rocketeer verwandt, der schon in den 90ern im Namen Disneys Nazis bekämpfte – und der ebenfalls von Joe Johnston gedreht wurde. Beide Filme sind stylische und spritzig Abenteuerproduktionen, die etwas von der Indiana Jones-Attitüde aufweisen: Sie sind modernisierte Serials, die brenzlige Abenteuerplots nehmen und mit einem Hauch Ironie und dennoch stets aufrechter Würde modern aufbereiten. Und auch Indiana Jones kann ich mir problemlos als Teil der Disney-Filmographie vorstellen.

Aus nicht völlig unähnlichen Gründen finde ich auch, dass es tatsächlich angebracht gewesen wäre, im Vorspann von The Avengers das Disney-Logo zu zeigen. Der Film ist ein E-Ticket-Disney-Ride von einem Superhelden-Actioner, ein hochvergnügliches und mit klar umrissenen Charakteren vollgestopftes Gemisch aus Adrenalin und Endorphin. Ob nun verrückte Piraten oder diese turbulente Ansammlung von Superhelden, es beißt sich nicht mit dem Disney-Markennamen. Die offizielle Erklärung, weshalb Disney seinen Namen aus der Geschichte herausgehalten hat (abgesehen von der den Abspann abschließenden Einblendung, dass der Vertrieb durch Walt Disney Studios Motion Pictures erfolgte), lautet ja, dass Disney damit die Marke Marvel stärken wollte, indem neben dem Paramount-Logo (zu dem man sich vertraglich verpflichtete, nachdem man dem Studio die aus einem früheren Vertrag stammenden Vertriebsrechte abwarb) keine weiteren Studiologos gezeigt werden. Doch die Theorie, dass Disney einfach aus Angst vor intoleranten Teenie-Kinogängern klein beigab (ähnlich wie bei Fluch der Karibik anno 2003), liegt sehr komfortabel auf der Zunge ... Eine, wie ich finde, unbegründete Furcht, denn den Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen hat das Disney-Logo bekanntlich auch nicht geschadet. Und bei The Avengers habe ich im Abspann auch nur vereinzelte "Was? Wusste ich gar nicht! Ist ja ein Ding ..."-Ausrufe vernommen, als was von Disney zu lesen war. Was durch die Bank weg als Werbung für Disney aufzunehmen war.

Weshalb es vielleicht weise ist, Marvels Kinoproduktionen ohne jegliche weiteren Studiologos in die Kinos zu entlassen, ist die Frage der Kontinuität. Denn irgendwie wäre es schon etwas schizophren, wenn ein Marvel-Film per Disney und der nächste via Touchstone Pictures in die Kinos kommt. Besonders, wenn bei manchen Filmen beides gleichermaßen naheliegend wäre. Eine solche Aufteilung bereits bei den Pre-Avengers-Filmen schwer. Logisch wäre es natürlich, alle unter einer Marke zu vereinen. Aber während ich bei Captain America, Hercules ... ähhh ... Thor und The Avengers klar für Disney plädiere, erscheint mir dies bei Iron Man 1 & 2 bereits als weitaus weniger selbstredend. Ist es vielleicht das Fehlen eines Fantasy-Elements? Oder das undisneyhafte Verhalten der Hauptfigur? Obwohl, viele meiner liebsten Disney-Helden benehmen sich ganz und gar nicht disneymäßig ...

Insofern ist es wohl wirklich gut, dass Disney Marvel Studios als alleinstehende Marke etabliert, nicht unähnlich Miramax Films. Und die operierten ja in Sachen Filmproduktion vergleichbar unabhängig – auch wenn Marvel wesentlich mehr marketingtechnische Unterstützung von der Konzernmutter erhält.

Marvel und die "Bedrohung" durch Disney
Der Vergleich zu Miramax darf auch Marvel-Fans beruhigen. In die Filminhalte hat der Disney-Konzern dem früheren Independent-Giganten meines Wissens nach niemals reingeredet. Zu Auseinandersetzungen zwischen Disney und Miramax kam es nur in Form von Ego-Clashs zwischen den Weinsteins und dem damaligen Disney-Boss Michael Eisner, in deren Folge Disney den Vertrieb von Fahrenheit 9/11 verweigerte (der Film kam dann dank eines anderen Studios in die Kinos).

Dass Marvel von Disney nicht unterdrückt wird, werden manche, besonders gern meckernde Fans sicherlich niemals glauben. Wenn ein mieser Comic erscheint, ist selbstredend Disney Schuld, weil die Geschäftsleitung sich das ursprüngliche Skript durchlas, beschloss, dass es "mehr Disney-Magie braucht" und dann eine grauenvolle, neue Handlung durchprügelte. Denn wie wir alle wissen, hat Marvel ohne Disneys Einfluss niemals Mist gebaut (*hust*One More Day*hust*).

Lassen wir also die Verschwörungstheorien bei Seite, so wird es momentan wirklich schwer, Schattenseiten der Disney-Marvel-Vereinigung zu finden. Wie Jeph Loeb, ausführender Vize-Präsident von Marvel Television, auf einer Presseveranstaltung erklärte: "[Unsere Fans] waren besorgt, dass der Punisher plötzlich mit Micky abhängt. Und sowas würde niemals funktionieren. Bereits am ersten Tag kam direkt von der [Disney-]Spitze, von Bog Iger höchstpersönlich, die Aussage: 'Wir haben euch nicht hierher geholt, um euch in etwas anderes zu verformen. Wir wollen, dass Marvel Marvel bleibt. Ihr Jungs wisst, was ihr tut, und wir wollen, dass ihr dazu fähig seid und es gut macht.'" Wie Loeb weiter ausführt, kann Marvel seit der Übernahme auf die Disney-Ressourcen zurückgreifen, welche alles übersteigen, was Marvel jemals zuvor zur Verfügung stand. Nur durch die Disney-Übernahme hat Marvel die nötigen Verbindungen und die nötigen Finanzen, um ein unabhängiges Realfilmstudio zu gründen und selbstständig Zeichentrickserien direkt für den ausstrahlenden Sender zu verantworten, statt nur als Coproduzent zu fungieren oder gar nur Lizenzgeber zu spielen. Die alleinige Kontrolle über Ultimate Spider-Man hat demnach Marvel. Wer mit der Serie unzufrieden ist, darf also nicht Disney die Schuld in die Schuhe geben, sondern findet bei Marvel den Schuldigen.

Und auch wenn die Meinungen über besagte Serie weit auseinandergehen, so bewiesen ja die Marvel-Kinofilme, dass der Unterhaltungsgigant hochkarätige Produktionen auf die Beine stellen kann. In den Augen von Comicautor Joe Quesada, eröffnet Disney mit seiner Finanzmacht und Marketinggewalt diesen Eigenproduktionen Marvels zuvor verschlossene Türen und Tore: "Das ist das großartige an der Fusion mit Disney. Wenn ich früher in Interviews gefragt wurde, was meine Zukunftspläne mit Marvel sind, habe ich stets gescherzt, dass ich die absolute Weltherrschaft anstrebe. Nun, jetzt, da wir zu Disney gehören, ist das kein Scherz mehr. Jetzt sind wir Teil eines Konzerns, der uns das tatsächlich erlauben würde ..."

Der Film, der alles verändert?
Aber inwiefern lässt sich all dies von der Fernsehproduktion und Kino-Realfilmen auf das Allerheiligste des Disney-Konzerns übertragen, den Meisterwerke-Kanon? Am Donnerstag lüftete sich das zuvor wohl gehütete Geheimnis um den abendfüllenden Animationsfilm, der auf die Schneekönigin-Adaption Frozen folgen soll: Für das Jahr 2014 ist der Kinostart einer Trickverfilmung einer Marvel-Lizenz geplant, und zwar der kaum bekannten Comicreihe Big Hero 6. Es ist ein Wunschprojekt von Don Hall (Autor von Tarzan, Küss den Frosch und Winnie Puuh), der seit Monaten John Lasseter von dieser Idee vorschwärmte und damit sein Regiedebüt feiern würde. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Storyboardphase, wurde studiointern aber als sehr stark beurteilt, weshalb es kurz davor steht, grünes Licht zu erhalten.

Wo sich in der Welt Disneys etwas ungewohntes findet, finden sich auch heulende und meckernde Disney-Fans. Sowie begeisterte Jubelsschreie. Nun, es gibt Geschichten, die ich mir mit größerer Dringlichkeit von Disney wünsche oder bei denen es nach einer überraschenden Ankündigung einfach lauter KLICK macht (etwa Gevatter Tod ... RIP, liebe Filmidee!). Aber: Es ist erfreulich zu hören, dass Passionsprojekte von Disney-Künstlern auf Zustimmung stoßen. Und, mal ehrlich, wieso ist die Adaption eines Marvel-Comics ein Verstoß gegen die Disney-Ethik? Disneys Trickkanon fußt zu großen Teilen auf bereits bekannten Stoffen, und von denen sind längst nicht alle in der Märchen-Ecke beheimatet. Wenn Disney Der Glöckner von Notre Dame, Tarzan und Das Dschungelbuch verfilmen kann, dann auch eine Comic-Miniserie über eine von der japanischen Regierung zusammengewürfelte Heldentruppe, die das Land vor Monsterangriffen beschützt.

Der große Unterschied zwischen den genannten Beispielen ist nur, dass in diesem Fall zwei moderne Markennamen aufeinanderprallen: Der Disney-Kanon und Marvel. Aber das ist nun wirklich kein einschneidendes Problem, oder? Ich kenne die Comics um die Big Hero 6 nicht, also werde ich das bis 2014 entweder nachholen oder mich in einen Bunker verkriechen, damit ich die Reihe durch die Disney-Variante kennenlerne. Das bisschen an Infos, das ich mir eingeholt habe, schreit weder nach Disney, noch schreit es "Bitte, nicht von Disney verfilmen lassen!" und steht somit auch nicht auf einer anderen Ebene als etwa Hercules.

Wenn Marvel nun also in den Kanon Einzug hält, sind natürlich die Freizeitparks nicht fern. Und unwillkommen ist mir Marvel dort längst nicht mehr. Man muss sich nur von den unpassendsten Vorstellungen lösen. Wolverine, der neben Micky die Disney-Parade anführt und Black Widow, die im Prinzessinnen-Pavillion Autogramme gibt, wenn Rapunzel gerade frei hat, wären selbstredend unpassende Schreckensvisionen. Doch auch wenn die Disney Imagineers ab und an patzen, so achten sie noch immer mehr auf die thematische Integrität ihrer Parks, als alle anderen Freizeitpark-Gestalter. Nicht alles von Marvel wird in die Parks verfrachtet, und das, was in die Parks gelangt, wird auch nicht wahllos irgendwohin gestopft. Wir werden garantiert niemals Captain America im Frontierland treffen und eine Iron Man-Bahn im Fantasyland erleben. Selbst im Pariser Discoveryland rechne ich nur bedingt mit den Avengers. Da wird schon eher das US-Tomorrowland mal Zuwachs erleben. Derweil ist das Action-orientierte Backlot im Pariser Studio-Park geradezu prädestiniert für neue, explosive Marvel-Action.

Und die Big Hero 6, werden sie als Teil des Disney-Markennamens den Sprung in die Parade schaffen? Hm, ohne den Film gesehen zu haben, möchte ich keine feste Aussage tätigen. Aber ich bezweifle es, denn thematisch passt das Grundkonzept der Comics wohl nur bedingt in die typischen Disney-Traumparaden. Was auch kein Problem ist, denn selbst Disneys Schaffen wird nicht vollständig repräsentiert. Es wäre schlicht absurd, dies zu verlangen. Oder wünscht sich irgendjemand einen Education for Death-Paradenwagen? Dann lieber einen gemeinsamen Auftritt von Pixars Unglaublichen und Disney-Marvels Big Hero 6, oder?

Siehe auch:

3 Kommentare:

maloney hat gesagt…

Ein Argument...AVENGERS IST SEIT GESTERN DER ZWEITERFOLGREICHSTE FILM ALLER ZEITEN!!! Aber ich denke Disney wird von Marvel mehr profitieren als Marvel von Disney und sie werden es nicht wagen sich in die Comics und Storys an sich zu mischen...zu sehr verwurzelt ist das Zeug vor allem in der amerikanischen Gesellschaft aber Disney könnte dadurch durchaus an ernsthaftigkeit gewinnen...just saying

Sir Donnerbold hat gesagt…

Dass Marvel Disney größere Ernsthaftigkeit verleihen soll, kann ich aber nur schwer nachvollziehen. Im Bereich der an Jugendlichen gerichteten Actionfilmen, natürlich, da bringt Marvel ein anderes Grundimage mit, von dem Disney profitiert. Aber sonst?

papene hat gesagt…

In wie weit ausgerechnet eine Horde Spandex-Träger, Hammerwerfer und Gestaltwandler 'größere Ernsthaftigkeit' vermitteln soll, ist mir ein Rätsel.
Aber ein lustiges ;)

Ich denke, Disneys Interesse an Marvel war schlicht der für D sicher verblüffenden Erkenntnis geschuldet, mit vermeintlichen Nischenprodukten für nerdige Geeks eben DOCH einige Fantastilliarden scheffeln zu können.

Da ist man auch auf dem besten Weg.
Und wird (hoffentlich) weiterhin klar und sauber zwischen beiden Marken trennen.
Denn ich (und vielleicht auch nur ich) sehe durchaus Konfliktpotential zwischen den beiden.
Allerdings eher aus der Perspektive des Marvel-Fandoms, wo sich mancher am Kopf kratzen mag ob des familien-orientierten Knuffel-Images der Trick- und Realfilme aus dem Haus der Maus.

Um genau das NICHT haben zu müssen, entfleucht man doch ins Marvel-Universum; so hab' ich zumindest die mir bekannten Adepten verstanden.

Aber wenn's die Portokasse her gibt, ist Diversifikation das Mittel der Wahl.
Wissen auch die Disneyköpfe.
Und wie man ein Marken-Konglomerat führen sollte, können sie bei VW, Nestlé und Procter & Gamble bequem abkupfern ...

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