Samstag, 18. August 2012

Piraten in der womöglich wichtigsten Filmhitliste; und weitere Bemerkungen zu "Sight & Sound"


Yarr! Jeder sollte seine Lieblingsfilme wertschätzen dürfen, ganz gleich, was andere Menschen denken. Denn nicht immer muss die Weisheit der Vielen auch für einen selbst zutreffend erscheinen. Dennoch ist es immer wieder schön, wenn persönliche Favoriten prominente Anerkennung erfahren. Selbst wenn es längst nicht das Kernziel der einmal alle zehn Jahre stattfindenden Sight & Sound-Umfrage ist, die aus den Top 10 von über 1.000 Filmjournalisten, -akademikern und -kennern die Hitliste der am meisten angesehenen Filme erstellt.

Der Countdown des britischen Filmmagazins gehört aufgrund der Breite an Teilnehmern und der Bedeutung der dahinter stehenden Publikation zu den respektiertesten Film-Ranglisten, und er half auch, Citizen Kane als DIE Antwort schlechthin nach dem besten Film aller Zeiten zu zementieren. Von 1962 bis 2002 führte Orson Welles' Klassiker diesen Countdown an, doch dieses Jahr wurde er von Alfred Hitchcocks Vertigo überholt, was in den vergangenen Wochen bereits munter durch diverse Filmportale getragen wurde.

Nunmehr hat Sight & Sound die Top 250 veröffentlicht, sowie den kompletten Abstimmungsapparat. Und hier kommt die eingangs genannte Zweckeentfremdung der Umfrage zur Geltung: Natürlich kann man die Top 250 abklappern, ungesehene Filme auf seine Einkaufliste setzen und sich in cineastischem Gold suhlen. Das sollte man sogar, wenn man für's Zelluloid etwas übrig hat. Doch es macht auch Spaß, herumzustöbern um herauszufinden, ob ganz persönliche Favoriten von den erlesenen Kritikern ebenfalls geachtet wurden.

Gentlemen, ich wasche mich nicht rein von dererlei Merkwürdigkeiten, denn ich habe mich sofort auf die Liste sämtlicher gewählter Filme mit dem Anfangsbuchstaben P gestürzt, um nachzuschauen, ob irgendeiner der feinen Filmkenner ebenfalls etwas für die von mir so hoch verehrte Pirates of the Caribbean-Reihe übrig hat. Wenn überhaupt, so war mein Gedanke, könnte es Teil 1 geschafft haben, eine Stimme zu erhalten. Aber weit gefehlt. Stattdessen hat sich Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt in der Liste der besten Filme aller Zeiten eingenistet. Muhahahahahaha! Darauf eine Buddel voll Rum!

Ausgerechnet mein Lieblingsteil des Freibeuter-Franchises hat es geschafft. Der britische Filmredakteur Mark Sinker nahm Am Ende der Welt in seine Top 10 auf, und hat ihm somit eine Ehre ermöglicht, die viel konventionelleren Wahlen unter den kontemporären Publikumserfolgen verwehrt blieb. Denn Filme wie Der König der Löwen, Inception, Der Herr der Ringe 3, Forrest Gump oder gar Schindlers Liste sind nicht Teil der Sight & Sound-Hitliste. Auch Kevin Smith, der sich wenigstens mit Clerks gerne in solche Auflistungen einschleicht, ist mit keiner einzigen Nennung bedacht worden.

Wie Sinker bezüglich seiner Wahl anmerkt:
There are films that matter historically. There are films that mark what all the world agrees is greatness. And there are films that do something you hadn’t seen before, that catch at you and divert you and teach you something you didn’t know: a performance, a move, a feel, a sound, a view, a device. It might be small (it may not). Perhaps it eats through expectation at an odd angle, in a film you anticipated nothing from. Glenn Anders, giggly, perverse and sweaty in Shanghai. The vast, grindingly gorgeous whole-cloth mythology in Pirates III, with the franchise figurines chirruping like ghosts in front of it. Milla Jovovich’s breakneck teenage martyrdom in Messenger, and why the hard-bitten French army is captivated by it. In Rawlinson, the treacle-black surreal concentrate of the history of British comic writing and performance. Walken cracking up in Communion, jerkily hallucinating a silly-weird story of alien abduction that his family prefers to the notion of his being badly mad (as in fact do we). The anti-noir daylight ambience of modern evil in The Long Goodbye, and the innocent, incorruptible drift of Elliott Gould’s honesty, his near-passive soft-shoe refusal. Sometimes other people get it (Police Story, Maborosi); sometimes everyone does (Eraserhead, The Thing).
Mister Sinker, Sie haben in zwei Sätzen zusammengefasst, was ich der ganzen Welt über diesen von mir auf Händen getragenen, verehrten, gefeierten und geliebten Film zu sagen versuche. Sollte ich jemals zu bloggen aufhören und mich eine Leserin oder ein Leser anschnauzen, ich hätte vor meinem Abschied wenigstens Am Ende der Welt noch besprechen sollen, so kann ich auf diese Worte verweisen. Es mag kein filmhistorisch überaus relevanter Film sein, doch es ist einer, der auf zermürbend-atemberaubende Weise das Unerwartete wagt und ein Filmuniversum entwirft, ausleuchtet, bevölkert und überhöht, während die vom üblichen Kinogänger ersehnten, altbekannten Figuren geisterhaft vor dieser Bühne herumtänzeln. Das ist Blockbusterkino, wie man es nicht kennt, und es sagt mir in dieser ambitioniert-wahnsinnigen und dennoch kontrollierten Ausführung ungeheuerlich zu.

Während ich mich wie das letzte, volltrunkene Besatzungsmitglied der Black Pearl über die Wahl von Am Ende der Welt freue, werden sich andernorts Fans von Metallica freuen, denn auch Metallica: Some Kind of Monster erhielt eine Stimme. Ebenso wie der Porno Behind the Green Door, die Komödien Office Space und Borat sowie die Game-Verfilmungen Hitman und Dead or Alive 2: Birds. Zoolander erhielt sogar zwei Stimmen. Mache ich mit der Nennung dieser etwas schrilleren Wahlen mein ganzes Lob für Am Ende der Welt kaputt? Nicht doch, denn schlussendlich ist die Sight & Sounds-Liste sehr erlesen, und dennoch kein reiner Klischeeverein. Nicht nur Geschmäcker können verschieden sein, auch Wertungsparameter. Und so lange WALL•E in den Top 250 ist, haben Disney-Fans auch einen etwas typischeren Vorzeigefilm, auf den sie verweisen können.

Weitere Bemerkungen, die mir spontan in den Sinn kommen:
  • Ich bin gespannt, ob Vertigo sich nun so als Spitzenklassiker manifestieren kann, wie Citzen Kane. Die Historie ist ja ähnlich: Seinerzeit zwar nicht missachtet, aber doch bestenfalls nur bemerkt, wurde er von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr respektiert, vom Geheimtipp zum Klassiker zum "offiziell" besten Film aller Zeiten. Aber, was geschieht im Gegenzug mit Wells' Opus? Wird Citizen Kane nun langsam in der Cineastengunst sinken, sich einen Zweikampf mit Vertigo liefern oder sind in 50 Jahren Mark Sinker und ich die lachenden Dritten?
  • Persona ist der bestplatzierte Film von Bergman? Ich hätte mit der vermeintlich populäreren Wahl Das siebente Siegel (Rang 93) gerechnet.
  • Apropos Rang 93: Mit Das siebente Siegel, Ein andalusischer Hund und Intoleranz dürfte es der filmhistorisch kraftvollste, mehrfach besetzte Platz dieser Hitliste sein. Oder gibt es Gegenstimmen?
  • Der Pate ist von Rang 4 der Kritiker-Bestenliste auf (einen geteilten) Platz 21 abgestürzt.
  • Selbstredend ist Mulhollhand Drive mit Rang 28 der stärkste Lynch. Leider. Ich bin für den Elefantenmensch (3 Nennungen, Platz 447), Blue Velvet (Platz 69, höhö) oder The Straight Story (1 Nennung, noch ein Disneyfilm in der Hitliste, yeah!)
  • Psycho kommt erst auf der 34, Das Fenster zum Hof auf der 53!
  • Mich erstaunt es sehr, dass Barry Lyndon der zweitplatzierte Kubrick ist, während Dr. Seltsam auf dem 117. Rang ruht und Shining auf dem 154. Ich will das keinesfalls verurteilen, trotzdem finde ich es bemerkenswert.
  • Texas Chainsaw Massacre auf Platz 183. Wenn Genrefilme so stilisiert und machtvoll sind, dass sie zu Kunst werden ...
  • WALL•E teilt sich Platz 202 unter anderem mit Berlin Alexanderplatz, There Will Be Blood und Videodrome. Die Streifen zusammen, das wäre ein Filmmarathon, den ich mir im Kino geben würde. Andererseits .. Schon Berlin Alexanderplatz allein wäre eine XXL-Kinositzung. Lassen wir das lieber!
  • Jeder der Kritiker, die WALL•E wählten, nannten noch mindestens zwei weitere Filme, die ich sehr gut finde. Cineastischer Konsens lässt sich also finden.
  • Memento ist der einzige Christopher-Nolan-Film in der Liste, Royal Tenenbaums der einzige von Criterion-Favorit Wes Anderson.
  • Weil ich mich erst letztens mit jemandem darüber gestritten habe, welcher Eintrag in die Star Wars-Saga besser ist: Das Imperium schlägt zurück ist Teil der Sight & Sound-Liste, Rückkehr der Jedi-Ritter dagegen nicht!
  • Mehr Disney: Fantasia, Mary Poppins, Pinocchio, Toy Story 1 & 2, Tron und Oben
  • Die freie Journalistin Karen Oughton nannte neben Mary Poppins in ihren Top 10 Die Rocky Horror Picture Show, Vertigo, Die Verurteilten und Das Leben des Brian sowie A Serbian Film. Scheint eine sehr interessante Zeitgenossin zu sein, die Dame.
Wer selber staunen, stöbern, lernen und grübeln sowie seine "To watch"-Liste aufstocken möchte findet hier die vollständige Liste. Viel Spaß und verliert nicht zu viel Zeit beim Lesen. Ihr könntet in der Zwischenzeit sicher auch ein paar Filme schauen.

1 Kommentare:

Bobo hat gesagt…

Was ist das denn für eine furchtbare Liste. Nach welchen Kriterien sind die Kritiker denn vorgegangen? Vielleicht waren die Kritiker ja seit den 70ern nicht mehr im Kino.
Ich kann diese Liste ja nichtmal für Filmempfehlungen für mich nutzen, weil mir die meisten alten Schinken eh nicht so zusagen werden. Von den Top10 kenne ich zwar nur Vertigo, Citizen Kane und 2001, die sind aber alle nicht so dolle, die übrigen kann ich mir dann ja schenken.

Schlimmstenfalls sind die besten Filme diejenigen, welche man im jungen Alter gesehen hat, und die Kritiker sind etwas älter.
Dass würde dann auch bedeuten, dass ich nicht erwarten sollte, mit zunehmenden Alter noch irgendwelche Überfilme zu sehen.

Ich halte mich doch lieber an die IMDb-Liste.

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