Mittwoch, 31. Oktober 2012

Sleepy Hollow


Drei Jahre nach dem blödelkomischen Mars Attacks! und fünf Jahre nach seinem Biopic über B-Movie-Filmer Ed Wood kehrte Tim Burton 1999 mit Sleepy Hollow zu seinen atmosphärisch-schaurigen Wurzeln zurück. Die lose Adaption der Erzählung von Washington Irving rund um ein verschlafenes Dorf und einen kopflosen Reiter schüttelte den verschrobenen Burton-Humor jedoch nicht völlig ab, was sie zu einer kuriosen Mischung aus Schauermär und leicht grotesker Komödie werden ließ. Eine Mixtur, die wohl nicht jedem Zuschauer gefällt, jedoch durchaus ihre Ausstrahlung hat.

New York City im Jahre 1799: Police Constable Ichabod Crane fällt mit seinen fortschrittlichen forensischen Methoden seinen Vorgesetzten gehörig auf den Wecker. Als er sich obendrein gegen die Folter und für Strafverteidigung ausspricht, haben sie endgültig genug von dem intelligenten und chaotischen Sonderling. Um  Crane loszuwerden, bedenkt ihn sein Vorgesetzter damit, eine mysteriöse Mordserie im abgeschiedenen Dörflein Sleepy Hollow aufzuklären. Dort angekommen erläutern ihm die Anwohner, dass es sich beim Täter um einen untoten, kopflosen Reiter handeln würde, der jedem, der ihm über den Weg läuft, den Kopf abschlägt. Crane hält dies für unsinnigen Hokuspokus, aber er beginnt an seiner rationalen Denkweise zu zweifeln, als ihm die zierliche Katrina van Tassel schöne Augen macht und dabei voller Überzeugung von ihrem Glauben ans Übernatürliche berichtet ...

Sleepy Hollow hält im Tim-Burton-Kanon eine sonderbare Position inne: Einerseits ist diese Produktion aufgrund Cast & Crew, der mit Ironie gebrochenen, schaurigen Atmosphäre und des gothischen, in ausgewählten Szenen auch poetischen Looks so etwas wie "Das große Tim-Burton-Einmaleins". Der Film ist das Bindeglied zwischen dem frühen Tim Burton, der nur zwei Mal mit Johnny Depp zusammenarbeitete und sich bevorzugt originalem Material annahm, und dem "modernen" Tim Burton, der Depp stets in seiner Nähe braucht und bevorzugt bekanntes Material neu interpretiert. Und dennoch würde ich ihn nur in der zweiten Reihe der Burton-Werke vermuten. Er hat nicht die eingeschworene Kultgemeinde eines Nightmare before Christmas (wo Burton nicht als Regisseur tätig war, trotzdem darf man den Film wohl seiner Vita zuschreiben) oder Sweeney Todd, es ist kein solcher Kritikerfavorit wie Edward mit den Scherenhänden oder Big Fish und auch nicht solch ein kommerzieller Großerfolg wie Charlie und die Schokoladenfabrik oder Alice im Wunderland. Ebenso wird Sleepy Hollow nicht so gehasst wie besagtes Alice-Remake/Sequel, Dark Shadows oder Planet der Affen. Sleepy Hollow, so könnte man sagen, ist einfach da. Der Film existiert, gefällt oder missfällt, reizt aber nicht zu so starken Reaktionen wie viele andere Burton-Projekte.

Dass Sleepy Hollow sich in der Betrachtung Tim Burtons Schaffenswerk nicht dermaßen aufdrängt wie die genannten Beispiele, dürfte daran liegen, dass diese augenzwinkernde, und dennoch auch ernstlich gruselige, Schauermär zwischen den Fronten steht. Burtons freie Nacherzählung der Geschichte vom kopflosen Reiter hat von allem etwas, geht aber nie aufs Ganze. Er ist zu schaurig, um als Komödie durchzugehen, zu komödiantisch, um durchweg zu beklemmen, zu burtonhaft-quirlig, um die konventionellen Genrefans zu begeistern, wer aber den puren Burton-Wahnsinn erwartet, wird durch eine unerwartet große Bodenhaftung zurückgehalten.

All das führt dazu, dass Sleepy Hollow leicht als Film der Qualitätsgüte ''recht gut, aber ...'' aufgenommen werden kann. Jedoch jongliert Burton so gut mit seinen ungleichen Zutaten, dass seine dritte Kollaboration mit Johnny Depp trotzdem keinen unausgegorenen Mischmasch darstellt. Wenn man sich mit der sonderbaren Grundstimmung von Sleepy Hollow arrangiert hat, entfaltet diese einen eigenwilligen Charme. Es ist so, als würde man einen nostalgischen Rückwurf zu den Glanzzeiten der Hammer-Horrorfilme, eine opulentere und durchdachtere Hommage an die kultige Horrormarke und eine liebevolle Parodie gleichzeitig sehen, ohne dass sich die drei Elemente gegenseitig in ihrer Wirkung verhindern. Wenn etwas witzig sein soll, ist es zumeist auch witzig, und die Schreckmomente sitzen ebenfalls. Bloß im Gesamtbild erschwert Burtons Mischung das Ziehen eines handfesten Fazits – was schließlich die eher zweitrangige Position von Sleepy Hollow im Burton-Kanon bedingt.


Die tragenden Elemente von Sleepy Hollow sind, über jegliche tonale Schwankungen hinweg, Hauptdarsteller Johnny Depp, die Darstellung des kopflosen Reiters und die düster-melancholische Optik des Films. Depps Ichabod Crane hat, von seiner Tollpatschigkeit abgesehen, nur noch den Namen mit der ursprünglichen Figur gemeinsam. War Crane im Original eine einfältige, abergläubische Vogelscheuche von einem Mann, ist Depps Ichabod ein liebenswert-verpeilter Schussel mit hoher Kombinationsgabe und von störrischer Rationalität. Somit konnten Burton und die Autoren dieser Schauermär einen neuen Charakterbogen spannen: In diesem Film muss Ichabod seine Rationalität überkommen, um mit der geheimnisvollen, zierlichen Katrina van Tassel (eine sympathische, doch etwas zu zurückhaltende Christina Ricci) dem Gehemnis des Reiters auf die Spur zu kommen. Früh wird klar, dass dieser in Burtons Version der Geschichte zweifelsohne ein übernatürliches Ungetüm ist (wortkarg und einschüchternd, aber auch mit kurzen Prisen Humors von Christopher Walken dargestellt) – jedoch ist die Kriminalgeschichte, die den Überbau von Sleepy Hollow darstellt, damit noch nicht zu Ende erzählt. Denn hier vermengen sich nicht nur filmische Klangfarben, sondern alte Flüche, monströser Blutdurst und ganz weltliche Mordmotive miteinander.

Das Rätsel ist aufgrund der leicht als Ablenkungen erkennbaren erzählerischen Irreführungen und den zu dick aufspielenden Verschwörern zwar schnell gelöst (zumindest die Frage nach de Täter, das Motiv wiederum ist überraschend verworren), allerdings ist in dieser Gruselgeschichte der Weg das Ziel. Und diesen beschreitet Burton mit denkwürdiger Ikonografie: Kameramann Emmanuel Lubezki und Produktionsdesigner Rick Heinrichs schaffen eine lebensnah detaillierte, doch unwirklich ausgeleuchtete Bühne für Burtons Erzählung, verleihen den Schauplätzen ein unwohles Gefühl und berücken mit wuchtigen Monumenten wie dem Baum des Todes.

Sleepy Hollow zeigt Tim Burton in seinem Element. Jedoch ist es ein Tim Burton, der sich der Atmosphäre seiner Vorlage anpasst, statt sie sich zurechtzubiegen. Je nach Sichtweise gab es das zuletzt bei Sweeney Todd, an dessen nachhallende Ausstrahlung Sleepy Hollow nicht heranreichen mag, doch es genügt für eine visuell stimmige, inhaltlich reizvoll-verschrobene Gruselstunde.

4 Kommentare:

Constable hat gesagt…

Nenenenene,
ich finde Sleepy Hollow ist der beste Film, bei dem Tim Burton Regie geführt hat.
Nur Nightmare before Christmas ist noch besser, wobei ich nicht weiß, wieviel Burton dazu beigetragen hat.
Sweeney Todd hingegen hat mir trotz ähnlicher Stimmung gar nicht gefallen, er war zu wenig Fantasy und die Lieder haben mir nicht gefallen.

Andere gute Burton-Filme sind Ed Wood und Corpse Bride.
Die größten Gurken sind hingegen Mars Attacks und Planet der Affen.

Herbert von Vaucanson hat gesagt…

Auch für mich ist Sleepy Hollow ob seiner herrlich skuril schaurigen Stimmung einer der besten Filme von Burton.
Was mir am Plot besonders gefallen hat, ist, dass Ichabod seine Rationalität gerade nicht(!) über Bord wirft. Er akzeptiert nur ein für ihn neues Weltbild ("es gibt Geister") und zieht dann aufgrund dieser neuen Annahmen seine (rationalen) Schlüsse. Sehr schön stimmig ausgedacht.

deranderenilo hat gesagt…

Jajaja, kurz nachdem das Nostalgia Chick ihr Review rausgehauen hat. *I see what you did here* xD Nichtsdestotrotz, auch mal wieder hübsch.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ich wollte den Halloween-Monat mit zwei thematisch passenden Tim-Burton-Filmen einrahmen, das Chick kam dazwischen und ich hatte keine Lust, deshalb von meinem Plan abzuweichen. ;-)

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