Sonntag, 26. Mai 2013

James Bond 007 – Leben und sterben lassen


Es wäre nicht einmal sonderlich übertrieben, wenn man urteilt, dass die James Bond-Reihe in den 60er-Jahren den Tonfall des modernen Action-Blockbusters erfunden hat. Um frisch zu bleiben, musste sich der Agent mit der Lizenz zum Töten bereits vor Roger Moores Einstand mehrmals neu erfinden. Mal wurde der Humor aufgedreht (zu unterschiedlichen Ergebnissen), mit Lazenby wurde das dramatische Element stärker betont (zu einem großartigen Ergebnis).

Zwei Jahre nach Connerys letztem offiziellen Bond nahmen sich die Köpfe hinter der 007-Marke erstmals dem aktuellen Trend in Sachen Action-Unterhaltungskino ein und spendierten Roger Moore 1973 einen Rahmen, wie er nie zuvor bei Bond zu sehen war: Um mit dem aufkeimenden Blaxploitation-Kino mitzuhalten, pflanzten die Produzenten Saltzmann & Broccoli den britischen Spitzenagenten mitten in einen für jene Zeit typischen, mit Humor und ironisch aufgeladenen Figuren gespickten Thriller über Drogenhandel und afro-amerikanische Subkultur. Bond spaziert durch das New Yorker Schwarzenviertel Harlem, sein CIA-Kollege Felix Leiter ordert ein "Pimpmobil", in New Orleans dienen jazzige Beerdigungen für die Schurken als Ablenkungsmanöver und um das Paket noch absurder zu machen, wird in einem fiktiven karibischen Inselstaat Voodoo betrieben. Auf dem Papier klingt das alles ungeheuerlich seltsam und nach Diamantenfieber hat man gutes Recht, besorgt zu sein. Doch der engagierte neue Hauptdarsteller und ein den Tonfall recht gekonnt ausbalancierender Guy Hamilton auf dem Regiestuhl machen Leben und sterben lassen zu einem Kuriosum der Bond-Reihe, das man problemlos goutieren kann.

Die Handlung setzt nach einem der raren Bond-Openings an, in denen 007 nicht zu sehen ist. Stattdessen bekommt das Publikum drei kreative Morde an MI6-Agenten zu Gesicht, mit deren Aufklärung Bond beauftragt wird. Die Spur weist auf den afroamerikanischen Gangsterboss Mr. Big hin, der in Verbindung mit dem dubiosen Diplomaten Dr. Kananga steht. Der Drogenbaron Mr. Big schüchtert Bond mit seinen Handlangern, darunter den mit einer Kralle als Armprothese ausgestatteten Tee Hee, ein, allerdings weckt Mr. Bigs privates Medium Solitaire das Interesse Bonds. Der Spitzenagent setzt es sich zum Ziel, die grazile Hellseherin näher kennenzulernen, was sich aber als schwierig erweist, denn nicht nur ist Solitaire dem Agenten abgeneigt, Mr. Bigs Assistenten versuchen auch mit allerlei Tricks, 007 umzulegen. Die nervöse CIA-Agentin Rosie Carver ist Bond auch eher eine Last als eine Hilfe. Dennoch kommt Bond dem Vorhaben Mr. Bigs näher: Er stößt auf die riesigen Mohnfelder Bigs, die vom Voodoopriester Baron Samedi bewacht werden und dem Überganoven helfen sollen, die Konkurrenz vom Markt zu fegen ...

Die Anpassung Bonds zum 70er-Actionhelden in einem zeitgemäßen Film voller kurzer Thrills, kecker Karikaturen und feschem Humor beginnt schon mit dem Titelsong: Statt einer großen, blechbläserlastigen, sinnlich geschmetterten Powerballade ist die von Linda & Paul McCartney geschriebene Nummer Live and Let Die ein eingängiger, dunkler Rocksong mit frenetischen Instrumentalparts und mitreißenden Tempowechseln. Spätestens sobald Bond durch Harlem stapft und lässig redenden Afro-Amerikanern begegnet, die ihre flotten, stylischen Schlitten fahren und in dubiosen, mit Neon beleuchteten Bars und Clubs arbeiten, ist Leben und sterben lassen völlig zur Antwort auf das Blaxpolitation-Genre mutiert. Die charismatisch gespielten Schurken und das grundlegende Komplott könnten 1:1 aus einem Shaft-Trittbrettfahrer stammen, nur dass hier halt ein Weißer den Fall löst. Die Gefahr, einen unbeabsichtigt rassistischen Film zu produzieren, wenn man ein Genre der filmischen Schwarzenbewegung nimmt und einen blassen Briten in die Hauptrolle packt, haben die Filmemacher vergleichsweise gut gelöst. Heutzutage kämen solch ein Drehbuch und solche Besetzungsentscheidungen zwar gewiss an keinen Major-Studioboss vorbei, in den weniger paranoiden 70ern sind die Entscheidungen der Bond-Macher dagegen annehmbar: Zwar sind nahezu alle gezeigten Ganoven schwarz, jedoch lässt sich dies mit dem Setting (Harlems Untergrund, eine fiktive karibische Insel) erklären, zudem sind Mr. Big, Dr. Kananga und Baron Samedi alle eloquent und Bond zumeist einen Schritt voraus und keine ungebildeten Tölpel, was ja ein Stereotyp manch anderer weißer Antworten auf das Blaxploitation-Genre ist. Man spürt dem Film einfach durch solche und ähnliche Elemente an, dass er kein Widerwort auf  Blaxploitation-Werke ist, sondern er deren Format übernimmt, um 007 relevant und aktuell zu halten.

Damit verhalfen die Filmemacher auch ihrem neuen Hauptdarsteller zu einem Schnellstart, sich von Connery zu differenzieren und dennoch beim zeitgenössischen Publikum zu landen. Dabei hat Moore diese Starthilfe gar nicht nötig. Moores Bond ist zugleich gesottener und längst nicht so raubeinig wie Connerys, gleichwohl ist er auch kühler, was aber durch den süffisanteren Humor ausgeglichen wird, der ihn umgibt. Es ist ein spaßigerer Bond, obwohl er sich um mehr Contenance bemüht, was eine ansprechende Mischung ist, die Moore in seinem Debüt auch mit viel Charisma und Spielfreude aufgehen lässt.

Oberschurke Yaphet Kotto und Jane Seymour als grazile, zerbrechliche Solitaire spielen ebenfalls toll, während Gloria Hendry als unfähige CIA-Agentin sehr hölzern spielt und schnell nervt. Clifton James, der einen lahmen, genervten Südstaaten-Sherrif spielt, bietet während des größten Actionmoment des Films willkommene humorige Abwechslung und hat in meinen Augen den ganzen Hass, den er von Bond-Fans erhält, nicht verdient. Mir scheint, dass sein längerer Auftritt im nächsten Bond rückwirkend auch sein erstes Erscheinen abgewertet hat. Heimlicher Star des Films ist jedoch eh Geoffrey Holder als der furiose Baron Samedi, der sicherlich auch eines der Vorbilder für Doktor Facilier in Küss den Frosch war.

Was die Actionszenen angeht, ist Leben und sterben lassen ein massiver Aufstieg von den steifen und uninteressanten Actioneinlagen aus Diamantenfieber. Es gibt sehr ausführliche, dynamische und einfallsreiche Verfolgungsjagden zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die Fahrzeuge reichen vom Doppeldeckerbus hin zu schnellen Motorbooten, die munter auch an Land für Chaos sorgen. Diese Szenen sind alle dynamisch inszeniert und sind spannend sowie amüsant, eine weitere denkwürdige Szene ist ein Stunt, bei dem Bond (von einem Krokodilzüchter gedoublet) über die gefräßigen Reptilien hinüberstapft.
Zwischen den Actionszenen kommt auch nie Trägheit auf, allerdings ist der Spannungsbogen dennoch nicht all zu straff, dafür sind die Übergänge zwischen den Actionmomenten im zweiten und letzten Drittel zu lose und die Pläne der Schurken zu durchschaubar.

Das ungewöhnliche Setting und die vielen Blaxploitation-Elemente lassen bei Leben und sterben lassen das Bond-Feeling stärker in den Hintergrund treten als etwa beim sehr hitchcockhaften Liebesgrüße aus Moskau, auch die fehlende Enttarnung der Voodoomagie als Humbug lässt Moores Erstling etwas seltsam aus dem restlichen Bond-Franchise herausstechen. Auch die Instrumentalmusik ist etwas ungewöhnlich: John Barry wird hier durch Beatles-Produzent George Martin ersetzt, der eine rockigere, leicht düsterere Mentalität mitbringt, die aber super zum Geschehen anpasst.

Kurzum: Leben und sterben lassen ist zwar ein atypischer Bond-Film, der minimal gestrafft werden könnte, alles in allem ist er aber auch ein spaßiger und toll inszenierter Start für Roger Moores 007-Karriere.

3 Kommentare:

Lutz hat gesagt…

Im Gegensatz zu dir empfinde ich den Film schon als leicht rassistisch.
Hier tun die Produzenten zum ersten Mal das, was sie in den kommenden Jahren immer wieder und wieder tun werden: Ohne nachzudenken auf einen Genrezug springen und wahllos irgendwelche Elemente herauspicken, die ihnen in den Kram passen.

Ich finde durchaus, dass das einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, dass das geplünderte Genre in diesem Fall Black-Pride.Cinema darstellt und wir in diesem Film durchgehend negative farbige Figuren haben.

Es geht ja nicht nur um die schwarzen Schurken.... Rosie Carver ist dazu auch das (zumindest bis dahin) nervigste und dümmste Bond-Girl aller Zeiten, so, dass sogar Bond versucht, sie loszuwerden.

Es gibt in diesem Film keine einzige wirklich sympatisch besetzte schwarze Figur. Hinzu kommt noch, dass in mehreren Szenen (Beerdigungsmarsch, Voodoo-Zeremonie) suggerriert wird, dass der Bösewicht nicht nur, wie in anderen Bond-Filmen, einen Haufen namenloser Helfer hat, sondern dass ganze farbige Communities voll ergeben hinter ihm stehen.

Und selbst wenn viele Figuren ihre Vorlage im Roman haben, ist das für mich kein Argument, da die Bond-Filme sich zu diesem Zeitpunkt schon lange von ihre Vorlagen entfernt hatten. Hätten die Produzenten einen kleinen Augenblick lang wirklich mal darüber nachgedacht, was sie da tun, hätten sie problemlos eine sympatische farbige Figur aus dem Ärmel zaubern können.

Meiner Meinung nach hinterlässt dieser Film einen wirklich unangenehmen Nachgeschmack. Darüber hinaus finde ich ihn allerdings auch einfach nur erschreckend langweilig. :-)

papene hat gesagt…

Eure Bagatellen hier schätze ich ja besonders wegen der konsequent kontinuierlichen Langzeitbetrachtung weniger, aber 'wirkmächtiger Filmwelten' (Lieblingsvokabel meines Profs ;).

Und weil 'Bond' immer öfter auftaucht, bin ich versucht, einen gewissen Sidney Schering (wink) zu zitieren, der eben an anderer Stelle völlig zutreffend über den aktuellen, notorisch werdenden 'Fast & Furious ... ähm ... Stuss' grübelt.

Diesen Ausgeburten im Kern nicht unähnlich, kann ich über das Bond-Zeug leider auch nur "verzweifelt in die Welt hinein stammeln: '"Diese Filme sind ... doof. Nichtmal unterhaltsam doof, einfach nur doof.“'

Und seine nachfolgende Begründung für 'F&F' kann ich prima für meinen eingebremsten Bond-Rant übernehmen.

Von der Kloppe, die ich dieser Haltung wegen schon mein ganzen langes (Film)Leben lang bezogen habe, will ich gar nicht anfangen.

Aber da muss man durch.

DMJ hat gesagt…

Ah, Rassismus-Debatte, da bin ich natürlich wieder dabei. ;)

Zum Film vermag ich nichts zu sagen, da er bei mir einfach zu lange her ist, aber den Roman habe ich erst Anfang des Jahres gelesen. Der ist diesbezüglich recht faszinierend, weil Flemming "die Neger" zwar etwas von oben herab, aber doch sympathich und mit grundsätzlicher Achtung schildert. Er spricht zwar offen davon, dass diese noch hinter dem Weißen zurück geblieben seien, erklärt es aber rein zu einer soziologischen Sache - an sich sind sie nicht irgendwie minder befähigt. Dass es nun einen schwarzen Superverbrecher gibt (Mr. Big wird durchgehend respektvoll geschildert) sieht er als Zeichen, dass sie aufholen und es bald auch schwarze Genies auf anderen Gebieten gibt.

Ein diesbezüglicher Minuspunkt der Verfilmung ist, dass man die Drogensache eingebracht hat, die es im Buch nicht gab. Das wirkte auf mich, als wenn da beiden Machern die Assoziationen "schwarz" und "Drogen" unangenehm nah beieinander lagen.

Kommentar posten