Freitag, 6. Oktober 2017

Das Cabinet des Dr. Caligari


Das Cabinet des Dr. Caligari ist nicht einfach irgendein Horrorfilm, sondern in den Augen mancher Filmhistoriker sogar der Horrorfilm schlechthin – oder zumindest der Film, der das ganze Genre begründet hat. In keinem vor diesem Meilenstein von 1920 entstandenen Film zielen es die generelle Bildästhetik, die übernatürliche Handlung und die für ihre Zeit revolutionären Effekte dermaßen darauf ab, dem Publikum eine Gänsehaut einzujagen. Zudem greift Das Cabinet des Dr. Caligari einem in späteren Dekaden wiederkehrenden roten Faden im Horrorgenre vorweg: Die vom Ersten Weltkrieg erschütterten Drehbuchautoren Hans Janowitz und Carl Mayer verarbeiteten in ihrem Skript auf andersweltliche Weise ihre Abscheu vor Autorität. Selbst wenn manche Filmhistoriker in jüngerer Vergangenheit darüber streiten, wie konkret Janowitz und Mayer die politische Entwicklung hin zum Nationalsozialismus prognostiziert haben, und ob die Rahmenhandlung diesen Aspekt unterwandert oder gar unterstreicht, so teilt sich Das Cabinet des Dr. Caligari seinen Hang dazu, mörderisch auf den Zeitgeist einzugehen, mit zahllosen auf ihn folgenden Horrorfilmen.

Die Handlung ist dessen ungeachtet sehr leicht zusammengefasst und ebenso schlicht: Zwei Männer erzählen sich schaurige Anekdoten. Der Ältere wurde nach eigener Angabe von Geistern aus seinem Haus vertrieben. Der Jüngere entgegnet mit einer weitaus seltsameren Geschichte: In seiner alten Heimatstadt trieb sich der wahnsinnige Dr. Caligari um, der tagsüber einen groß gewachsenen, blassen Mann auf dem Jahrmarkt als Wahrsager vorführte. Nachts jedoch nutzte Dr. Caligari seinen hypnotischen Einfluss auf den Schlafwandler namens Cesare aus, um ihn dazu zu bringen, brutale Morde zu begehen. Als Francis dies in Erfahrung brachte, begab er sich durch seine Ahnung selber in Lebensgefahr …

Dieser von zahlreichen Filmhistorikern aufgrund seines Einflusses auf das Medium neben solche Klassiker wie Citizen Kane oder Panzerkreuzer Potemkin gestellte Stummfilm gilt nicht nur als Ur-Horrorfilm, sondern als Begründer einer kurzlebigen, rückblickend aber hoch geachteten Stilrichtung: Dem Deutschen Expressionismus. Sämtliche Kulissen in sind Das Cabinet des Dr. Caligari bewusst stilisiert und wären praktisch kaum umsetzbar. Es sind viel ehr kunstvolle, skurrile Bauten und Malereien, die mit verwinkelten Linien, scharfen Schattenwürfen und zackigen Kanten ausgestattet sind, die der steifen Bühnenhaftigkeit sonstiger Studiokulissen der frühen Filmära entgegenwirken. Statt beim Versuch, mit geringen Mitteln und noch unerprobter Technologie Realismus zu erzeugen, zu scheitern, entscheidet sich Regisseur Robert Wiene für eine auffällig künstliche Welt, die seinen Regeln gehorcht. Jahrzehnte später sollten Regisseure wie Tim Burton diesen Stil nostalgisch wiederbeleben …

Somit ist Das Cabinet des Dr. Caligari ein bahnbrechender Schritt für die Filmkunst: So vehement und effektiv hat bis dahin kein anderer Film eine eigene Fantasiewelt erschaffen, die das Publikum gewissermaßen in den Kopf der Figuren versetzt. Die jegliches perspektivisches Empfinden herausfordernden Kulissen, die zahlreichen Spiralformen, die der Regisseur ins Bild nimmt, sowie die dominierenden, aufeinander zulaufenden Schwarzflächen erzeugen ein Gefühl der steten Bedrohung und Verfolgung. Insofern operiert Das Cabinet des Dr. Caligari nach einer nebulösen Traumlogik, wodurch die wenigen Szenen der Geborgenheit so berückend, und die für die Figuren gefährlichsten Momente besonders beengend vermittelt werden – dies hebt den auf der Handlungsebene zugänglich strukturierten Horrorstoff zu einem Gesamtkunstwerk empor.

Dies intensiviert sich dadurch, dass selbst die Zwischentitel in diesem Stummfilm kunstvoll gestaltet sind, wodurch sie als Ergänzung der düster-hypnotischen Erzählung fungieren, statt als funktionales, unvermeidliches Übel. Diese für längere Zeit unberechenbare Geschichte über die Verführungskraft skrupelloser Menschen, die ihrer offensichtlichen Gefährlichkeit zum Trotz ihr Umfeld in ihren Bann ziehen, könnte nicht ohne Werner Krauss‘ manische Performance aufgehen: Der Caligari-Darsteller nutzt sein schauriges Auftreten, um eine expressionistische, getragene Schauspielleistung abzuliefern, die schrill und gerade daher überwältigend ist. Diese Darstellung gewinnt dadurch, dass einige, prägnant gewählte Szenen in Grün-, Blau- und Brauntönen erstrahlen zusätzlich an magnetischer, albtraumhafter Wirkung – womit Das Cabinet des Dr. Caligari für aufgeschlossene Filmfreunde auch über die historische Relevanz hinweg überaus sehenswert ist.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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