Donnerstag, 26. Dezember 2019

Die schlechtesten Filme 2019 (Teil II)

Es tat weh, aber es wird noch mehr schmerzen: Nach den Plätzen 20 bis 11 meiner Flopliste 2019 präsentiere ich euch nun die unerbittlichen, die ätzenden, die schmerzvollen, die dämlichen, die nervenzersägenden Ränge 10 bis 1. Die üblichen, ehrenlosen Nennungen von Filmen, die es nur knapp nicht in die Flop 20 verschlagen hat, erspare ich uns dieses Mal dagegen. Es hat mich im Filmjahr 2019 nicht genug geärgert, um diesen Bonus zu bieten.

Platz 10: Und wer nimmt den Hund? (Regie: Rainer Kaufmann)

Eine Streitkomödie! Eines meiner Lieblingsgenres! Aber das heißt nicht, dass man das nicht verbocken kann: In Und wer nimmt den Hund? sehen wir ein jahrzehntelanges Ehepaar, wie es sich auseinanderlebt und letztlich trennen will. Es besucht dennoch eine Paartherapeutin (damit wir simpel in die Story forcierte Expositionsdialoge erhalten) und ... Joah, viel mehr steckt da nicht hinter: Die Figuren sind unsympathische, biedere und kleinliche Nervensägen, und ihre Wortgefechte sind so schlagfertig wie eine zu lange gekochte Nudel. Martina Gedeck ist selbst in Szenen, die spürbar als "So, wir müssen die Frau mal positiv darstellen, sonst gibt das Ärger"-Passagen geschrieben wurden, kratzbürstig, Ulrich Tukur gibt sich Mühe, hat aber mit dem laschen Skript zu kämpfen, und es wirkt einfach alles wie ein 30-minütiges TV-Special, das im Schnitt übergequillt ist und dann im Kino geparkt wurde.

Platz 9: Oh, Ramona (Regie: Cristina Jacob)

Netflix, Retter des Kinos™ und Beschützer der Filmkunst®, belästigte sein Publikum dieses Jahr mit einer rumänischen Teeniekomödie, bei der sich einem durchaus die Haare sträuben können. Der Film beginnt ja noch so, als könnte er auf schlichte Art gefällig sein. So durchbricht der Protagonist und Erzähler, Vollversager Andrei (Bogdan Iancu), mehrmals die vierte Wand und zensiert etwa die Drogen auf einer Party, indem er sie durch Obst ersetzt. Er scherzt darüber, dass man bei Netflix ja nie weiß, ob Kinder zuschauen, Nacktheit wird mit gewollt schlechten Grafikeinblendungen zensiert und Sexszenen werden durch visuelle Doppeldeutigkeiten ersetzt. Das ist ja alles ganz amüsant.

Doch die Figurenzeichnungen in der Filmadaption eines osteuropäischen Bestsellers ist selbst an den Maßstäben von Teenie-Sexkomödien gemessen platt und fahrig: Andrei ist ein Vollnerd, der sich in das schönste und populärste Mädchen der Schule verliebt hat - Titelfigur Ramona. Als Ramona ihn unerwartet von der Party weg- und in ein Schlafzimmer lockt, schmettert er ihre Avancen ab, weil er eine echte Beziehung, keinen schnellen Fick will. Daraufhin vergisst das Drehbuch völlig, wie es bis dahin diese Figuren gezeichnet hat, und macht Andrei zum unerklärlichen Frauenhelden und Superstecher, während Ramona zur sonderbaren Stalkerin mutiert, die ihm Hals über Kopf verfallen ist. Es sei denn, eine Sequenz verlangt für einen schnellen Gag erneut veränderte Persönlichkeitszüge. Der Film hätte mit seinem unglaubwürdigen Erzähler eine Ausrede für solches Hin und Her, doch diese Steilvorlage nutzt er nicht. Stattdessen skizziert Oh, Ramona Frauen als hohl und einen starken Mann an der Seite benötigend, misst den Wert eines Mannes an den sexuellen Eroberungen, die er hat, und verrennt sich in ein Liebesdreieck, in dem eine Option gleichgültiger ist als die andere.

Und nimmt man die ganzen Derbheiten bei Seite, die halt irgendwie zum Genre gehören, hier aber verkrampft-kopflos daherkommen, statt als "So sind notgeile Teenies halt"-Kolorit, ist ein völlig unverantwortlich behandelter Subplot, in dem Ramona behauptet, von ihrem Freund geschlagen zu werden, nur eine sonderbare Kleinigkeit in diesem Turm aus "Was zur Hölle?!"-Entscheidungen. Denn wenn die Liebesgeschichte auserzählt scheint und man denkt "Naja, da war viel Schrott bei, aber auch manch kreativer Einfall und Aggy Adams hat sich mit aller Macht bemüht, aus der lahmen Titelfigur was rauszuholen" kommt ein elendig langer, zäher, möchtegerndramatischer Nachklapp, der den Protagonisten endgültig zum verkommenen, sich selbst vollwinselnden Hasssubjekt macht und den Film über Gebühr ausdehnt. Es ist ein dämlicher, nerviger Schluss und der hat dann noch einen Nachklapp. Selten sitze ich vorm Bildschirm und schreie einen Film an: "Jetzt hör doch endlich auf!" Oh, Ramona ist einer dieser Filme.

Platz 8: Im Netz der Versuchung (Regie: Steven Knight)

Dafür, dass dieser "Es sollte ein Prestigeprojekt werden, wurde aber Edeltrash"-Film mit Matthew McConaughey und Anne Hathaway einen der, ähm, ambitionierteren (?) Twists der Dekade hat, ist Im Netz der Versuchung trotzdem einfach nur träge und öde: Der WTF?!-Faktor versackt völlig in Knights lebloser Inszenierung und die schleppenden Dialoge helfen auch nicht. Aber ich bin auch nach wenigen Minuten schon auf den Twist gekommen - wenn ihr ihn nicht kennt, sehr neugierig seid und Zeit totzuschlagen habt, könnt ihr euch mal an diesen Streifen wagen. Vielleicht reicht es bei euch für ein "Es ist mies, aber faszinierend."

Platz 7: Hellboy - Call of Darkness (Regie: Neil Marshall)

Meine Fresse, war das ein ätzender Film: Das Hellboy-Reboot ist einer dieser Filme, die einem die "Ich wurde in der Postproduktion zerschnitten"-Warnsignale ins Gesicht reibt. Abrupte Szenenwechsel, im Off vermittelte Figurenmotivation und mehrere hintereinander geklatschte Enden sind nur ein paar Beispiele dafür. Nicht, dass da viel war, das man hätte retten können, denn das Drehbuch spurtet ohne jegliches Gespür dafür, was die Titelfigur ausmacht, durch mehrere Hellboy-Comicstorylines und die Dialoge sind ohne jegliches Flair geschriebene Ansammlungen von Schimpfwörtern, Exposition und vulgärer Exposition. Die Actionszenen leiden unter einer steifen Inszenierung und schäbigen Effekten und der Sound ist extrem schrammelig abgemischt. David Harbour spielt die Ausgeburt der Hölle gut und mitten im Film gibt es eine storytechnisch völlig überflüssige Szene über die Sagengestalt Baba Jaga, in der plötzlich mit haptischen Effekten schaurige Stimmung erzeugt wird. Aber das hilft alles nichts.

Platz 6: Iron Sky: The Coming Race (Regie: Timo Vuorensola)

Ich mag den ersten Iron Sky, sehr sogar: Er ist eine irre, spritzige Mischung zwischen Nazisploitation-Persiflage, knalliger Sci-Fi-Komödie und tagespolitischen Sketchen. Iron Sky: The Coming Race dagegen ist eine viel zu spät nachgereichte Fortsetzung mit verstaubten Gags (Haha! Apple-Fans sind wie Sektenanhänger!), Effekten, die weit unter dem Niveau des charmanten Originals liegen, konfusem Storytelling und viel, viel, viel Leerlauf. Ein paar gute Gags hat er ja, wie etwa einen verflucht unkaputtbaren Mechaniker, aber alles in allem ist Iron Sky 2 ein Sketch, der einfach nicht enden will, obwohl der Gag schon lange durch ist.

Platz 5: Maleficent: Mächte der Finsternis (Regie: Joachim Rønning)

Wo wir bei Fortsetzungen sind, die es nicht braucht: Maleficent war ein ungeheuerlich mieser Disney-Film, das Produkt eines grausigen Produktionsprozesses und ein Meisterstück in Sachen "Wir haben überhaupt keine Ahnung, wovon genau wir jetzt erzählen wollen". Als dieses Elend 2014 unverdienterweise dennoch über 758 Millionen Dollar einnahm, hätte das Haus der Maus sich auf die Schulter klopfen können und sagen: "Wow, wie wir das nur überstanden haben?! Glück gehabt!" Aber: Nein, ein zweiter Teil musste her. Und der ist narrativ genauso halbgar: Erneut erzählt Linda Woolverton von der Fee Maleficent, die eigentlich eine Gute ist, nein, eine Gute, die schnell an die Decke geht, nein, eine Gute, die einfach alle falsch verstehen, nein, eine Gute, die zur Bösen wird, nein, eine Böse, die sich lange gut verhalten hat, nein, eine Gute ist.

Angelina Jolie stolziert so selbstverliebt durch den Film, dass sich nie die Möglichkeit gibt, Maleficent stimmig als Figur aufzubauen, und dieser Film hat ungeheuerliche Angst vor Konsequenzen: Unentwegt wird zurückgerudert, weggeschnitten oder Figurenentwicklung rückgängig gemacht, wenn sich was schlimmes andeutet. Was ziemlich peinlich ist, wenn man gleichzeitig versucht, ein düsteres Fantasyepos zu sein. Joachim Rønning ringt dem Material zwei, drei hübsche Bilder ab, doch es überwiegt das Gefühl, riesiger Zeitverschwendung beizuwohnen. Für einen Film, der einen Genozid-Subplot anreißt (und natürlich zu buntem Fluff degradiert) ganz schön dämlich.

Platz 4: Head Full of Honey (Regie: Til Schweiger)

Überflüssiges Nahezu-1:1-Remake, das jeglichen künstlerischen Impuls missen lässt, Teil I: Til Schweiger hat seinen gigantischen Kassenschlager Honig im Kopf noch einmal gedreht, nun aber in englischer Sprache. Doof nur, dass Til Schweiger in der Zwischenzeit als Regisseur und Cutter nachgelassen hat: Head Full of Honey sieht noch mehr nach Aufbackbrötchenwerbespot aus, womit die Emotion der Geschichte noch schlechter rüberkommt, und das Remake ist ein noch grausigeres Schnittgewitter, bei dem ruhige Gespräche mehr Cuts aufweisen als eine Michael-Bay-Actionszene. Immerhin, unpopuläre Meinung meinerseits: Nick Nolte spielt den rauen Großvater, der durch seine zunehmende Demenz aufweicht, besser als Dieter Hallervorden, der von Schweiger im Original in ein paar grobe Gags mehr reingequatscht wurde. Hilft diesem Film aber nur unwesentlich.

Platz 3: Monsieur Claude 2 (Regie: Philippe de Chauveron)

Ein spießiger Mistkerl rennt pampig dreinblickend durch die Gegend und beleidigt alles und jeden, was nicht ist wie er. Und wir sollen gehörig mit ihm mitlachen, weil er noch sagt, was sich sonst keiner traut. Nur ab und zu sollen wir schockiert lachen und dann sympathisch grinsen, "Ach, Monsieur Claude, du meinst es sicher nicht so!" Dann wendet sich das Blatt und er inszeniert eine riesige Lügennummer, um seine Schwiegersöhne vom Auswandern abzubringen. Nicht, weil er sie nun mag, sondern nur, weil er die Idee abscheulich findet, dass man sein geliebtes Frankreich doof finden könnte. Monsieur Claude 2 ist eine Reihe an Parolen und Witzen, wie sie der AfD gefallen könnten, dargeboten mit holperndem Timing und einem selbstgefällige Grimassen schneidendem Christian Clavier. Im Frühling 2019 in der Sneak gesehen, war Monsieur Claude 2 eines der unangenehmsten, elendsten Kinoerlebnisse, die ich seit längerem hatte. Und dieses Grauen wurde 2019 noch zwei Mal überboten. Seufz.

Platz 2: Das perfekte Geheimnis (Regie: Bora Dagtekin)

Überflüssiges Remake mit wenigen, aber sehr schädlichen kreativen Impulsen: Fack Ju Göhte-Macher Bora Dagtekin hat sich das Drehbuch zur italienischen Dramödie Perfect Strangers genommen, den Look des französischen Perfect Strangers-Remakes Le Jeu übernommen, ein paar charakteristische Ecken und Kanten abgefeilt und ein identitätsloses Remake rausgerotzt. Wobei, das stimmt nicht: Es ist ein lange Zeit identitätsloses Remake, das (anders als Sönke Wortmanns tolle Komödie Der Vorname) ohne Verve und Schwung die Pointen der Vorlage durchnudelt. Und dann wirft der Film gegen Schluss einfach mal jegliches Feingefühl sowie die Vorlage aus dem Fenster und wird zu einer grobschlächtigen, dummen Lachnummer, die ein regressives Weltbild hochleben lässt und homophoben Scheiß freundlich weggrinst, frei nach dem Motto: "Ja, ach, komm, hab dich nicht so!" Eine geschmacklose, dumme, Produktion, in der zu keinem einzigen Zeitpunkt Passion seitens des Filmemachers zur Geltung kommt - alles, was diesen Film anzutreiben scheint, sind die Erwartungen klingender Kinokassen. Dieser Film hat meinem wunderbaren Kollegen Dominik Porschen weh getan, wie könnte ich diesen Streifen guten Gewissens durchwinken?

Platz 1: Der König der Löwen (Regie: Jon Favreau)

Überflüssiges Nahezu-1:1-Remake, das jeglichen künstlerischen Impuls missen lässt, Teil II: Das perfekte Geheimnis hat wenigstens eine goldig aufspielende, sympathische Jella Haase auf der Pro-Seite. Was dagegen hat Der König der Löwen? Diese 250-Millionen-Dollar-Tech-Demo saugt sämtliches Leben, jegliche Emotion, alle künstlerische Brillanz aus der wunderschönen Zeichentrickvorlage und hinterlässt ein Grau-in-Grau-in-Sandbraun, durch das Tiere spazieren, deren Münder leblos auf- und zuklappen. Ja, das hier sind sensationell fotorealistische Animationen. Doch als ausgedehnte Der König der Löwen-Nacherzählung, die wahlweise das Original 1:1 kopiert oder aber dessen Sequenzen langsamer und steifer neu interpretiert, ist Jon Favreaus Der König der Löwen eine künstlerische Bankrotterklärung, ein kreatives Schwarzes Loch und der dreisteste, uninspirierste, eiskalt kalkulierteste Wirtschaftsschachzug, der behauptet, ein Film zu sein, den Disney in diesem Jahrzehnt abgezogen hat. Und dann vollführt diese Tech-Demo nicht einmal ihren Zweck, denn das Effektstudio, das diese Bilder gestemmt hat, ist mittlerweile pleite. Na, das hat sich ja mal gelohnt!

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