Mittwoch, 25. Dezember 2019

Die schlechtesten Filme 2019 (Teil I)

Vor allem im englischsprachigen Diskurs haben "Worst of"-Listen mittlerweile einen schlechten Ruf. Ich möchte aber für Floplisten eine Lanze brechen: Sie sind die beste Möglichkeit, die sich mir als Kritiker bietet, um in einem Meer aus Lob, Geheimtipps, "Ach, das und das kann gefallen" und "Naja, geht so" auch daran zu erinnern, dass ich etwas schlecht finden kann. Das stärkt die Glaubwürdigkeit. Und es sorgt für Perspektive. Während die einen schimpfen, Star Wars - Der Aufstieg Skywalkers sei ja der schlechteste Film des Jahres, weil ihre Lieblingsfigur zu wenige Sätze hatte oder es einen Kontinuitätsfehler zum restlichen Star Wars-Universum aufweist, sind das hier die Filme, die mich am meisten ärgerten. So anders können Ansätze sein.

Wie jedes Jahr gilt auch dieses Mal an dieser Stelle: Ich habe mit "Die schlechtesten Filme" eine zwar aufmerksamkeitserregende, allerdings reißerische Überschrift gewählt. Mir fällt nur leider nichts besseres ein. Schließlich klingt "Hassfilme" leider noch aggressiver. Selbst wenn es treffender wäre, denn hier geht es nicht ausschließlich um handwerkliche Rohrkrepierer, sondern um Filme, die bei mir auf höchst persönlicher Ebene große Antipathiepunkte sammeln. Filme, die mich wütend gemacht haben, mich frustrieren und nerven oder auf ätzende Weise langweilen. Anders gesagt: Während in der noch kommenden Liste meiner Lieblingsfilme die Filme gefeiert werden, die mein Filmliebhaberherz haben höher schlagen lassen, stelle ich euch nun die vor, bei denen es sich vor Antipathie zusammengezogen hat. Los geht es mit ...

Platz 20: Holmes & Watson (Regie: Etan Cohen)

Diese gähnend langweilige Sherlock Holmes-Parodie hat ihre Momente. Die generieren sich aber leider zumeist aus den weiblichen Nebendarstellerinnen, statt aus den Hauptfiguren, die nun einmal den Großteil des Films beschreiten. Wenn Rebecca Hall trocken über den Stand der Frau scherzt, Kelly Macdonald sich süffisant durch ihre paar Szenen scherzt oder Lauren Lapkus den Will-Ferrell-Schrägheit-Nerv besser trifft als es dieses Mal Will Ferrell tut, muss ich tatsächlich schmunzeln. Und Alan Menken hat eine herrlich überzogene Musicaleinlage verfasst. Aber davon abgesehen wird der "Was, wenn Holmes und Watson dumm wären?"-Gag sehr schnell sehr alt: Überdehnte, tumbe Gags und viel Grimassen schneiden. Gähn.

Platz 19: Friedhof der Kuscheltiere (Regie: Kevin Kölsch und Dennis Widmyer)

Diese Neuverfilmung des Stephen-King-Klassikers Friedhof der Kuscheltiere hat die tollste Filmkatze, die es dieses Jahr im Kino zu sehen gab. Das ist ein gigantischer Pluspunkt. Aber sonst? Die Figuren sind ungeheuerlich dünn skizziert, womit mir die tragischen Entscheidungen des Protagonisten ebenso sehr am Allerwertesten vorbeigehen, wie mir ihr Schicksal egal ist, wenn die Figuren von Horrorereignissen heimgesucht werden. Der Look ist, von ein paar Szenen mit kreativen Schneid abgesehen, völlig uninteressant und selbst die üblichen Billig-Schrecksequenzen mit aufgedrehter Tonspur fallen flach. Dieser Film ist völlig leblos. Hier könnt ihr nun ein Wortspiel eurer Wahl einsetzen.

Platz 18: Raus! (Regie: Philipp Hirsch)

Aus der Kategorie "Filme, bei denen es mir leid tut, dass ich sie nervig und enttäuschend finde", präsentiere ich euch dieses Mal: Die politisch angehauchte Aussteiger-Wander-Jugendramödie Raus! mit Milena Tscharntke, Tom Gronau, Matti Schmidt-Schaller und vielen anderen. Der Film zeigt einen Linksaktivisten, der nicht hinter der Sache steht, sondern damit nur Frauen beeindrucken will, und sich nach einer superpeinlichen Aktion verschanzt. Er stolpert über einen Aufruf, sich aus der Gesellschaft auszuklinken. Diesem Aufruf folgen auch ein Reichensöhnchen, eine frühere Rechtsradikale, eine Sex-Influencerin mit antikapitalistischer Weltsicht und ein abenteuerlustiger Typ, der einfach nur was erleben will. Was folgt, verwässert seinen Gesellschaftskommentar bis zur Unkenntlichkeit, setzt auf ultradünn geschriebene Figuren und erinnert mehr an KiKA-Wanderabenteuer, als an Teenager-Problemauseinandersetzung. Naja, bis Psychoterror und Gewaltspitzen auch die Ausrede "Es ist halt Babys erster Film über Gesellschaftsausstieg" kaputt machen. Raus! hat einen guten Cast und Philipp Hirsch hat ein inszenatorisches Auge, doch der Film findet partout nicht zusammen.

Platz 17: Green Book (Regie: Peter Farrelly)

Todd Phillips jammerte während der Promo-Phase für seine Comicadaption Joker, dass er das Komödienfeld vorzeitig verlassen hat und sich neuen Genres zuwendete, weil es unmöglich geworden sei, heute noch Komödien zu drehen. Die müssten ja nun alle gesellschaftlich aufgeklärt sein, und wo bliebe da der Witz? Mal davon abgesehen, dass Phillips irrt und es sehr wohl großartige Komödien gibt, die nicht weiter nachtreten, wenn Leute schon am Boden liegen, frage ich mich, was er gemacht hat, während Green Book seinen Erfolgszug erlebt hat. Denn Green Book beweist mit seinem Einspielergebnis von 323,5 Millionen Dollar (bei einem Budget von 23 Millionen) sowie mit drei Oscar-Siegen (darunter als bester Film), dass auch 2019 noch immer unsensible Komödien riesigen Anklang finden können.

Jede Oscar-Saison bringt einen Film mit, den ich überhaupt nicht leiden kann, doch dass er zum großen Abräumer der Saison wird, ist mir bisher nur sehr, sehr, sehr selten passiert. Aber Green Book ist für mich wirklich der mieseste Oscar-Gewinner dieser Dekade, wenn nicht sogar seit noch längerer Zeit. Ja, Mahershala Ali spielt großartig und dank ihm hat der Film seine gefälligen Momente. Doch eine Komödie über einen Pizza mampfenden Italiener, der einem Schwarzen beibringt, dass seinesgleichen doch Brathähnchen lecker finden muss, und dass er den Stock aus dem Hintern nehmen und einfach nur Spaß haben sollte, ist schon eine ziemlich fragwürdige Angelegenheit. Und wenn der Film dann noch Szenen beinhaltet wie "Du bist selber Schuld, wenn du von Rassisten verprügelt wirst", dann kann ich nur sagen: Willkommen in den Flops des Jahres, Leute! Und kommt mir nicht mit "Nun stell dich nicht so an", denn zuckrige Grütze, die sich nicht wirklich für das Leid ihrer Figuren interessiert, ist Green Book auch im luftleeren, apolitischen Raum.

Platz 16: Nightmare Cinema (Regie: Alejandro Brugués, Joe Dante, Mick Garris, Ryūhei Kitamura und David Slade)

Was habe ich mich auf den Film gefreut, ich als alter Liebhaber von Horror-Episodenfilmen. Und dann spielt die Rahmenhandlung auch noch in einem Kino, in dem ein seltsamer Kerl (Mickey Rourke) die Filme zum Publikum passend aussucht! Doch leider ist Nightmare Cinema ein Gemischtwarenladen, in dem man Qualität mühevoll suchen muss, zwischen all den Resterampe-Produkten. Der Film beginnt solide mit einem postmodernen Slasherkommentar, der seine Idee schlicht etwas überreizt, doch dann folgt eine sehr behäbige, witzig gemeinte, doch sehr hohle Episode über Schönheitsoperationen, bevor eine völlig lächerliche Dämonengeschichte in einer katholischen Schule das Niveau noch weiter herunterreißt. Ergänzt wird das Elend durch eine pseudo-intellektuelle, schnell durchschaubare Schwarz-Weiß-Episode über einen albtraumhaften Arztbesuch und letztlich durch eine Episode, die so abläuft, wie Shyamalan-Hater denken, dass all seine Filme so ablaufen. Was für ein Schrott.

Platz 15: Feedback (Regie: Pedro C. Alonso)

Dieser Kammerspielthriller zeigt einen beliebten, aber auch umstrittenen Radiomoderator (Eddie Marsan), wie er während einer Livesendung von Eindringlingen bedroht wird. Sie erpressen ihn und verlangen, dass er seinem Gast des Abends schreckliche Wahrheiten entlockt. Klingt nach genau meinem Geschmack, war aber eine unfassbare Geduldsprobe: Regisseur Pedro C. Alonso lässt seine Low-Budget-Produktion echt edel aussehen, leider ist die Soundabmischung eine unfassbare Katastrophe und die Dialoge sind klobig, unnatürlich und nervig. In einem dialoglastigen Film ist das ein extremes Minus, und dann schlägt die Story auch noch Haken, die es mir völlig unmöglich machen, mitzufiebern: Es gibt keine Sympathieträger, aber Alonso inszeniert diesen Thriller so, dass sich Spannung aus der empatischen Frage "Wie kommt X nur aus der Lage wieder heraus?" generieren soll. Und wenn man auch nur eine Sekunde zu lang über die politische Massage des Films nachdenkt (und die trägt Feedback gegen Ende mit naivem Stolz vor sich her), wird erst deutlich, wie sich der Film mehrmals ins eigene Knie schießt. Aber, hey, ein paar gute Gewaltspitzen hat er.

Platz 14: Godzilla II: King of the Monsters (Regie: Michael Dougherty)

Nach Gareth Edwards packendem Godzilla wird Warner Bros. westliche Godzilla-Saga einfach mal mit voller Macht gegen die Wand gefahren: Weg mit der langsam brodelnden, intensiven Spannung, her mit chaotischer digitaler Zerstörungswut. Und statt diese Megamonster-Klopperei wenigstens auf die sich kloppenden Megamonster zu fokussieren, zeigt Michael Dougherty bevorzugt digitalen Rauch, computeranimierten Schotter und fliegende Funken aus dem Computer. Kombiniert mit ziellosen, widersprüchlichen, schleppenden Szenen rund um dünn skizzierte, menschliche Figuren, die sich saudumm anstellen und dem Film jegliche Energie rauben, ergibt Godzilla II Popcornkino der hirnlosen Kopfweh-Kajüte.

Platz 13: Cats (Regie: Tom Hooper)

Ein abartig hässlicher Film mit dem Spannungsbogen einer geraden, horizontalen Linie und einem Übermaß an unangenehm nahen Nahaufnahmen. Aber der Cast hängt sich voll rein und es ist wenigstens ein Film wie keiner zuvor. Grausig, aber denkwürdig.

Platz 12: Murder Mystery (Regie: Kyle Newacheck)

Ein durchschaubarer Krimiplot, eine lange Parade an mäßig witzigen Witzen und ein Plot, der mit zehn, 15 Minuten weniger vielleicht noch ganz süffig hätte geraten können: Adam Sandlers Netflix-Filme sind für ihn nichts anderes als Ausreden, schöne Orte zu bereisen und für Netflix sind sie Content, der aus irgendwelchen Gründen zieht. Murder Mystery hat wenigstens einen sympathischen Cast, der sich bemüht, was aus dem Material zu machen. Es gibt viel zu wenig Filme mit Luke Evans und Gemma Arterton!

Platz 11: Belleville Cop (Regie: Rachid Bouchareb)

Was für ein elend langweiliger Film: Der bequemliche Cop Baaba Keita (Omar Sy) schlägt eine Beförderung nach der anderen aus. Doch seine Freundin will hinaus in die weite Welt, weg von den Fängen Baabas dominanter Mutter, die sich in alles einmischt. Als eines Tages ein Freund Baabas getötet wird, bricht er doch auf in neue Gefilde: Er zieht mit seiner Mutter nach Miami, wo er sich mit dem amerikanischen Polizisten Ricardo (Luis Guzman) zusammentut, um den Mord an seinem Freund aufzuklären. Belleville Cop klaut sich Versatzstücke aus den Beverly Hills Cop-Filmen, Lethal Weapon und Red Heat zusammen, ohne sie irgendwie zu kommentieren oder sehenswert abzuwandeln, und ist dann auch noch mit witzfreien Dialogen gesegnet, einem Erzähltempo, bei dem einem fließender Honig rasant vorkommt und der Krimiplot lebt von Zufällen und noch mehr Zufällen. Was für ein Elend.


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