Sonntag, 18. April 2021

Hamad und die Piraten

Der Fernsehfilm Hamad und die Piraten handelt vom Waisenjungen Hamad aus Bahrain, der kein Interesse daran hat, mit Gleichaltrigen zu spielen. Stattdessen lässt er sich von Perlentauchern anlernen, wie sie ihre Arbeit im Persischen Golf verrichten. Doch als an Bord des kleinen Segelboots Chaos ausbricht, geht Hamad über Bord. Als er von Piraten (nicht von der romantischen Abenteuerromansorte, sondern moderne Piraten mit motorisiertem Boot und Maschinengewehren) aufgelesen wird, wähnt er sein Leben in Sicherheit. Aber nur für kurze Zeit, denn die schmuggelnden Piraten stehen unter dem Kommando eines keinerlei Rücksicht kennenden Kapitäns, so dass Hamad auf den richtigen Moment wartet, zu fliehen ... 

Dieser Disney-Abenteuerfilm aus dem Jahr 1971, geschrieben und inszeniert von Richard Lyford (Island of Allah), beginnt geradezu dokumentarisch: Lyford zeigt detailliert und akkurat die Arbeitsvorgänge einer Gruppe von Perlentauchern aus Bahrain. Dabei blickt Lyford nicht nur auf die Handgriffe bei dieser Tätigkeit, sondern lässt einen Erzähler aus dem Off auch die interpersonellen Gepflogenheiten an Bord erklären.

Illustriert wird dies in Sequenzen ohne gekünstelte Action oder Dramatik, die Kamera ist bei den Arbeitsabläufen mittendrin dabei – wenn sie nicht gerade in ansehnlichen Unterwasseraufnahmen zeigt, was sich im Golf abspielt, wann immer die Seefahrer ihrer Dinge nachgehen. Eine sehr einnehmend fotografierte Szene zeigt beispielsweise, wie Hamad beigebracht wird, sich auf hoher See Süßwasser zu besorgen: In der Nähe Bahrains gibt es am Meeresgrund eine sprudelnde Süßwasserquelle, an die man nur nah genug ran muss, um mit gezielten Handgriffen ein Behältnis zu befüllen, ohne dass Salzwasser das erfrischende Nass beeinträchtigt.

Sobald Hamad über Bord geht, entwickelt sich Hamad und die Piraten aber zu dem familienfreundlichen Abenteuer, das man wohl von einem Disney-Fernsehfilm jener Zeit erwarten würde. Jedenfalls, wenn man sich vor Augen hält, dass "Kind geht in der Wildnis verloren und kämpft sich daraufhin nach Hause" in jener Disney-Ära so etwas wie ein Stützpfeiler Disneys war. Es gibt in Hamad und die Piraten keine lustigen Sidekicks, keinen feschen Dialogwitz, sondern schlicht und unverfälscht die Irrreisen eines Jungen, der auf hoher See von Piraten vorm Ertrinken gerettet wird, bei erstbester Gelegenheit flieht und sich dann fernab seiner Heimat durch Dubai und Saudi-Arabien schlägt, um zurückzufinden. Dabei stapft er durch leerstehende Paläste, macht Gelegenheitsbekanntschaften, und durchkreuzt die Wüste – und muss sich hin und wieder vor den Piraten verstecken, die ihm wieder über den Weg laufen.


Was Lyfords Film, abgesehen von den nun 50 Jahre später zunehmend interessanteren Aufnahmen der Architektur und Natur von Bahrain, Dubai und Saudi-Arabien in den frühen 1970ern, herausstechen lässt: Hamad und die Piraten wurde konsequent mit lokalen Personen besetzt, die auch zumeist ihre Sprache sprechen. Nur ein paar zentrale Dialogzeilen sind in englischer Sprache (oder halt auf Deutsch, wenn man den Film in der Synchro schaut). Leider muss man zum Ausgleich mit einem nahezu ununterbrochenen Erzählerkommentar auskommen (im Original: Michael Ansara), dessen Duktus und Vokabular den dokumentarischen Charakter bis zum Schluss beibehält. Sehr löblich ist aber, dass der Erzähler alle möglichen Klischees bestmöglich vermeidet, die ich bei einem US-Film aus den 1970ern befürchtet habe, der von dieser Region berichtet. 

Er ordnet das Geschehen nüchtern ein, schließt etwaige Wissenslücken, die durch kulturelle Unterschiede zwischen Zielpublikum und Figuren/Schauplätzen entstehen könnten, und fasst die unübersetzten Dialoge zusammen. Es gibt keine mir negativ auffallende Romantisierung des "Exotischen", keine Geringschätzung  – stattdessen einen mit Bedauern gesprochenen Kommentar, in dem der Erzähler befürchtet, dass die Hamad helfenden Beduinen um ihren Lebensraum und ihre Traditionen fürchten müssen, sollten Turbokapitalisierung, asphaltierte Straßen und motorisierter Verkehr dramatisch expandieren.

Hamads Abenteuerreise wird von Khalik Marshad mit großer Authentizität gespielt: Es wirkt durchweg so, als würde der Junge das alles auch wirklich erleben. Das hat mich mit Hamad richtig mitleiden lassen: Wenn er nach langem Dursten endlich Wasser findet und sich hineinstürzt, habe ich mich direkt auch erfrischt gefühlt, so nah war ich an Hamads Leiden zuvor.

Ich hoffe sehr, dass Disney sich erbarmt, den Film endlich bei Disney+ zu veröffentlichen. Nicht nur, weil es mit seinem Setting und seinen Figuren ein außergewöhnlicher Disney-Fernsehfilm ist, sondern auch, weil Richard Lyfords Landschaftspanoramen und Unterwasseraufnahmen zu schön gestaged und ausgeleuchtet sind, als dass es duldbar wäre, sie weiterhin bloß als ranzige VHS-Fernsehaufnahme zu sehen.

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