Der Piratenkapitän namens Piratenkapitän hat eine aus obskuren Gestalten zusammengewürfelte, ihn bedingungslos verehrende Mannschaft hinter sich stehen. Nicht aber Fortuna: Seit Jahren begehrt er erfolglos den prestigeträchtigen Preis "Pirat des Jahres", doch mit seinen eintragslosen Beutezügen bleibt der Piratenkapitän in den höheren Seeräuberkreisen eine Lachnummer. Auch dieses Jahr hat er nicht einmal Außenseiterchancen auf diesen Titel, denn die energische Enteroffensive führt nur von einem frachtlosen Schiff zum nächsten. Als die merkwürdige Piratenbande allerdings ein Forscherschiff einnimmt, scheint die große Stunde des glücklosen Kapitäns gekommen: Auf dem Schiff befindet sich auch Charles Darwin, der sich gerade nach einer misslungene Expedition auf dem Rückweg nach London befindet.
Der bei Frauen alles andere als ein gutes Händchen beweisende Wissenschaftler bemerkt, dass der vermeintliche Papagei des Piratenkapitäns in Wahrheit ein seltener Vogel ist und wittert mit ihm den Gewinn des Preises für den "Wissenschaftler des Jahres". Während sich der Piratenkapitän von dieser Auszeichnung reichlich Gold verspricht, hofft Darwin, durch diese Ehrung endlich auf Frauen attraktiv zu wirken. Die Wissenschaftlermesse findet jedoch in London statt, dem Machtzentrum der erbarmungslosen Piratenjägerin Queen Victoria ...
Peter Lord (Chicken Run) und Co-Regisseur Jeff Newitt füllten ihren Stop-Motion-Film entgegenfrüherer Traditionen mit einigen computeranimierten Elementen. Doch das CGI-Wasser und der Pixelhimmel fügen sich aufgrund der gänzlich im typischen Aardmanstil gehaltenen Optik nahtlos in das Plastilinuniversum der Aardman Studios. Diese warten mit einem fast 400 kg schweren Piratenschiff, das in rund 5.000 Arbeitsstunden geplant und handgefertigt wurde, über 400.000 Goldmünzen, 220.000 weiteren Gegenständen und natürlich auch liebevollen, durch und durch einzigartigen Figuren auf, deren Design an das von Wallace & Gromit erinnern und für die 6.800 Puppenmünder angefertigt wurden, wovon allein 1.300 für den besonders ausdrucksfähigen Piratenkapitän bestimmt waren.
Die liebevolle Handarbeit macht einen großen Teil des schwer widerstehlichen Charmes von Die Piraten! aus, und das sowohl für ein kindliches (oder kindgebliebenes) Publikum, als auch für ein erwachsenes. Ersteres erfreut sich an den außergewöhnlichen Figuren, vom "überraschend kurvenreichen Piraten" bis zum bald nur noch aus Ersatzteilen bestehenden Crewmitglied, letzteres an der kunstvollen Handwerkskraft der passionierten Trickfilmer aus Großbritannien. Diese haben auch zahllose verrückte Details in den Film eingebaut, die am Kinderpublikum vorbeisausen dürften und Lust auf eine DVD/Blu-ray-Neusichtung machen. Wobei ich glaube, in meiner Privatvorstellung dank mangelnder Ablenkung auch sehr viel entdeckt zu haben. Da lesen Figuren im Hintergrund eine Piraten-Depesche, in der Blackbeard seine tolle Strandfigur vorführt und betrauert der Piratenkapitän in einem Ölgemälde einen Schwanentod – es gibt kaum eine Szene und kein Set, wo es nicht etwas zu entdecken gibt. Sogar TARDIS soll es in den Film geschafft haben, wobei ich Doctor Whos Raum- und Zeitmaschine nicht ausmachen konnte.
Folgendes mag nun zu harsch klingen, soll es aber nicht sein: Die zahlreichen Randentdeckungen braucht's in Die Piraten! auch, denn der Plot ist ebenso routiniert-durchschnittlich, wie er auch flott erzählt wird. Die Story ist schnell durchschaut, und auf Spannung wird eh kaum gesetzt. Was begeistern soll, sind die amüsanten, teils neurotischen Figuren sowie das Gagfeuerwerk. Der Slapstick ist gut abgestimmt, manchmal auch einfallsreich, immer wieder furios sind aber die toll eingebundenen Anachronismen sowie Filmanspielungen. In einem Film, in dem der Begründer der Evolutionstheorie und ein Schimpanse vorkommen, sind Referenzen auf ein gewisses Science-Fiction-Meisterwerk unvermeidlich, und genau an der Stelle hat es mich im Kino auch völlig zerrissen.
Die Synchronarbeit fand ich recht akzeptabel. Die auf dem Plakat angekündigten Promis haben allesamt eher überschaubare Rollen. Bettina Zimmermann gibt verrucht eine Piratenamazone, der aber das exotische Flair einer Selma Hayek fehlt, Joko Winterscheidt klingt als prahlerischer Überpirat in manchen Szenen wie Dietmar Wunder, Klaas Heufer-Umlauf ist nicht wiederzuerkennen und somit wohl nur im Film, damit er mit Joko & Klaas werben kann. Etwas enttäuscht bin ich von Patrick Winczewski (unter anderem Stammstimme von Hugh Grant) der in der Hauptrolle (im Original: Hugh Grant) eher farblos bleibt.
Fazit: Die Handlung hätte meiner Ansicht nach mehr Pfeffer vertragen können oder alternativ den verrücktesten Piraten im Portfolio des Films mehr Aufmerksamkeit schenken dürfen. Aber die liebevoll-geniale Trick- und Setarbeit sowie zahlreiche Anachronismen und Randgags machen Die Piraten! zu einem turbulenten Knetabenteuer mit britischer Attitüde, das dem geneigten Piraten- oder Aardman-Liebhaber ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird.