Dienstag, 14. Juli 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil X)

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Diese Ausgabe von Musikalisches Immergrün ist voll mit Spoilern für Teen Beach 2, Rapunzel - Die Serie, Once Upon a Time in Hollywood und Ryan Murphys Netflix-Serie Hollywood. Ihr seid gewarnt!



Platz 30: What's My Name aus Descendants 2
Musik: Tom Sturges und Adam Schmalholz, Text: Antonina Armato, Tim James, Thomas Sturges, und Adam Schmalhol

Unter anderem produziert von Rock Mafia, dem Produktions-Duo, das unter anderem mit Eminem, Gwen Stefani, Green Day, Mariah Carey, Justin Bieber, Flo Rida, Ellie Goulding und Tokio Hotel zusammengearbeitet hat und sich in jüngeren Jahren dem Disney Channel und seinen Stars öffnete, präsentiert sich dieser Schurkinnensong als eine wuchtige Mischung aus Electrohop und Pop-Rap. Tja, es ist halt ein modernes Disney-Channel-Musical. Da sind solche Stilmischungen an der Tagesordnung. Und da China Anne McClain alias Ursulas Tochter Uma eine ziemlich voluminöse Stimme mitbringt, die an den ganzen Beats und Soundeffekten vorbeischmettern kann, ist dieser Egoboost-Fieslingssong auch schön kraftvoll geraten. Macht Spaß!


Platz 29: Ich bin Tex Richman ("Let's Talk About Me") aus Die Muppets 
Musik: Bret McKenzie, Text: Ali Dee Theodore (dt. Text von Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)

Einst produzierte Disney einen Film über eine Gruppe filzig-haariger, musikalischer Gestalten, die sich nach einer langen, gefeierten Karriere zerstritten haben. Nun will ein raffgieriger Geldhai die letzte Gedenkstätte an ihr Vermächtnis zerstören. Und zwar aus Gier. Und aus Rache daran, dass sie (in seinen Augen) einst daran Schuld getragen haben, dass er blamiert wurde. Aber genug von Die Country Bears. Lasst uns über Die Muppets reden.

Die Parallelen zwischen den beiden Disney-Musikkomödien mit genialen Puppentricks, die entweder aus Jim Hensons Puppenschmiede stammen oder einst aus ihr stammten, sind frappierend. Auch wenn Die Muppets eine Parallele aus dem Film gekürzt hat: Ursprünglich sollte Tex Richmans albern-selbstsicherer, prahlerischer Song auch von seiner peinlichen Muppet-Begegnung handeln. Das ist im Bonusmaterial der Blu-ray und auf dem Soundtrackalbum noch zu hören. Aber auch in der gestutzten Filmfassung ist diese wunderbar-dämliche Nummer ein großes Vergnügen.


Platz 28: Es ist vorbei ("Crossing the Line") aus Rapunzel - Die Serie
Musik: Alan Menken, Text: Glenn Slater (dt. Text von?)

Rapunzel - Die Serie ist ein wichtiger Baustein in dem Gebilde, das ich "Das neue Goldene Zeitalter der Disney-Serien" nennen möchte. Denn neben den neuen DuckTales, Willkommen in Gravity Falls, Die Legende der Drei Caballeros und Tron - Der Aufstand setzt auch Rapunzel - Die Serie auf eine bestechende Balance zwischen "Jede Episode steht dank eines Gimmicks oder eines klaren, abgeschlossenen Storybogens für sich" und einer horizontalen Erzählweise. Darüber hinaus vertieft die Rapunzel-Serie die Figuren aus dem Originalfilm, statt sie abzuflachen - das ist wahrlich nicht jeder Disney-Trickserie, die auf einem abendfüllenden Trickfilm basiert, vergönnt gewesen. Auch die neuen Figuren sind komplex - mit einer erstaunlichen/verwunderlichen Tendenz dazu, ins Machtgeile zu verfallen. Es ist vorbei ist eine echt starke, mit gesundem Pathos versehene Nummer, die Cassandras Wandlung fesselnd zur Schau stellt. 

Platz 27: That's How We Do aus Teen Beach 2
Musik und Text: Mitch Allan, Dan Book und Nikki Leonti

Es ist drehbuch- und songschreiberisch eine nicht genügend gewürdigte Leistung von Teen Beach 2, dass der Film einen schönen erzählerischen Bogen schlägt: Jeffrey Hornadays Musicalkomödie eröffnet mit einem Song, der gleichzeitig als Opener für Teen Beach 2 funktioniert als auch als Schlusssong des Films-im-Film Wet Side Story glaubwürdig ist. Zum Abschluss von Teen Beach 2 erklingt derweil ein Lied, das sowohl die perfekte Finalnummer dieses Films ist wie auch eine sehr plausible Eröffnungsnummer für den Film-im-Film. Aber damit noch nicht genug, denn Hornaday und die Teen Beach 2-Autoren Matt & Billy Eddy haben sich 2015 mit diesem Disney-Channel-Original-Movie-Streich in filmhistorischem Revisionismus geübt, bevor Quentin Tarantino und Ryan Murphy dafür gesorgt haben, dass es en vogue ist.

Denn dieses ach-so-seicht-wirkende, sommerliche Disney-Channel-Musical haut einen exquisiten, aussagekräftigen Twist heraus, dessen Botschaft zwar bereits 2015 vollauf angebracht war, jedoch erst wenige Jahre später zu einem thematischen Dauerthema im leichtgängigen US-Filmoutput werden sollte: Nachdem die Hauptfiguren des kitschig-stereotypen, aber auch sehr charmanten 1960er-Strandmusicals Wet Side Story einige Zeit in der realen Gegenwart verbracht haben, müssen sie zum Wohle der Existenz ihrer zurückgelassenen Freunde in die moralisch überholten und beengenden Begrenzungen ihres heimeligen Films zurückkehren. So fürchten sie jedenfalls. Aber: In einem sich einen feuchten Kehricht über "So waren solche Filme damals halt!"-Argumentationen kümmernden Twist, bekommt die in Wet Side Story bloß als rebellisch-hübsche, sich dennoch als Grazie in Nähe ihres vom System angestammten Platz fügende Lela, die den sozialen Fortschritt lieben gelernt hat, eine Botschaft von unserer dieserweltlichen Protagonistin Mack gesteckt: "Mach die Geschichte zu deiner eigenen!"

Teen Beach 2 endet damit, dass die Rückkehr der nun aufgeklärten und angespornten Wet Side Story-Nebenfigur nicht nur ihren Film veränderte, sondern somit auch die reale Welt von Teen Beach 2: Aus dem zwar liebenswerten, allerdings auch arg verstaubten und rückständigen Film Wet Side Story wurde durch Lelas neu erworbenes, feministisches Selbstbewusstsein das für seine Zeit revolutionäre Strandmusical Lela - Queen of the Beach mit einer starken, nuancierten, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmenden Protagonistin.

In der Welt von Teen Beach 2 mutierte somit Lelas Film von "einem besonders kurzweiligen von vielen Strandmusicals", das nur ein paar nostalgisch-nerdige Filmfreaks kennen, zu einem aussagekräftigen, inspirierenden Kult-Dauerbrenner der Güte eines Rocky Horror Picture Show oder gar mehr. Das wiederum führt dazu, dass Teen Beach Movie- und Teen Beach 2-Protagonistin Mack den Film nicht mehr bloß halb augenrollend, halb schmunzelnd genießt, weil sie von ihrem Freund mit aller Macht mit der Nase auf ihn gestoßen wird (und sind wir ehrlich: Viele von uns haben geliebte Menschen vehement an alte Filme herangeführt, die uns etwas bedeuten, ihnen aber nichts zu bieten haben), sondern den Film mit ganzem Herzen zelebriert. Und mit ihr feiern auch Dutzende von andere Jugendliche Lelas Leinwandabenteuer auch noch im Heute, weil dieses neue, feministische Strandmusical für die Jugend der Gegenwart mehr Identifikationspotential bietet als der nostalgische Rücksturz Wet Side Story, den wir im Teen Beach-Filmuniversum bis dahin erlebt haben.

Teen Beach 2 schreibt für sein konsequent die Bedürfnisse seiner weiblichen Figuren verfolgendes Happy End also mal eben die Regeln eines spießig-spaßigen Subgenres neu (an dem sich auch Disney-Legende Annette Funicello beteiligte) - und unser Protagonist Brady hat auch etwas davon, weil er nunmehr seine Retrofilm-Begeisterung auf Augenhöhe mit der Frau seiner Träume teilen kann. Die Aussage des Ganzen könnt ihr euch ja wohl selber zusammenreimen.

That's How We Do erzählt all dies in etwa sechs flippigen, flotten, quirligen Minuten, die gespickt sind mit keck-altmodischem 50er/60er-Jugendfilm-Jargon und einer fröhlichen Melodie, während textlich die Logik der Wet Side Story-Songs sinnvoll weitergedacht wird: Während Bradys "Das war doch voll cool, oder?"-esk an Andere herangetragener Lieblingsfilm, der sich der eigenständigen Mack nicht erschlossen hat, mit so seichten, nichts hinterfragenden oder inspirierenden Feststellungen wie Best Summer Ever aufwartet, trällert That's How We Do auf verspielte, überhaupt nicht didaktische, sondern selbstredende Art und Weise daher, dass Mann und Frau gleichermaßen den eigenen Kopf verfolgen kann, und dass etwaige Differenzen bloß zu einem vergnüglichen Miteinander führen, solange wir alle kooperativ-freundlich gestimmt sind. THAT'S How We Do!



Platz 26: Come Dream a Dream aus Disneyland Paris
Musik und Text: Joel McNeely

Im Disney-Themenpark-Sprech ist das große Nachtspektakel der Gutenachtkuss für das Publikum - denkt man das weiter, so ist Come Dream a Dream der wohl zärtlichste Kuss, den Themenpark-Disney seinen Fans je gegeben hat. Denn dieser nach einer kurzen Atempause nach dem betörend schönen Lichter-, Farb-, Musik- und Feuerwerkspektakel Disney Dreams! erklingende Song mit sanftem Gesang von Cara Dillon ist ein liebevolles, beruhigendes, leicht-melancholisches Abschiednehmen hinein in die Nacht, wie es im Buch der Träume steht. Hach.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil IX)

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Platz 35: Schnabeltiertrucker ("Mobile Mammal") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert F. Hughes, Jeff "Swampy" Marsh. Dan Povenmirewiki (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Ein Paradebeispiel für den Phineas & Ferb-Humor: Schnabeltier Perry alias Geheimagent Agent P schnappt sich im Einsatz einen fremden Truck, in dem ZUFÄLLIG ein Demoband eines Hobbymusikers liegt. Und ZUFÄLLIG handelt dieser Song von einem Trucks fahrenden Schnabeltier. Was im Storytelling der Folge genüsslich-beiläufig auf den Arm genommen wird. Und obwohl der Song ein großer, dummer Witz ist, ist diese Hommage an Truck Drivin' Girl griffig komponiert: Diese Nummer im Southern-Country-Stil geht ins Ohr und in den Bleifuß.


Platz 34: Ich warte hier auf dich ("Evermore") aus Die Schöne und das Biest
Musik von Alan Menken, Text von Tim Rice (dt. Fassung von Thomas Amper & Lutz Riedel)

Die Solonummer des unter gebrochenem Herzen leidenden Biests ist meine liebste Originalnummer aus dem Die Schöne und das Biest-Bühnenmusical - wobei das Lied vor allem durch die Einbindung der ominösen Eröffnungsmelodie punktet. Dass Bill Condons Realfilm die Bühnenfassung des Disney-Zeichentrickfilms hinter sich lässt, dabei aber dennoch ein neues Lied kreiert, das nahezu exakt dieselbe Funktion erfüllt wie Wie kann ich sie lieben, sorgte vorab unter Fans für Diskussionen. Und auch hinter den Kulissen unterstützte Alan Menken zunächst den Gedanken, einfach Wie kann ich sie lieben für den Film zu adaptieren. Zunächst 1:1, dann war zwischendurch im Gespräch, den Song dramaturgisch vorzuziehen (zur Stelle, als Belle erstmals fliegt) und umzutexten.

Um aber den Sinneswandel des Biestes stärker auf die Filmstruktur zugeschnitten erzählen zu können, wurde letztlich entschlossen, ein neues Lied zu verfassen. Eine sehr gute Entscheidung: Evermore ist für mich der stärkste neue Song in Die Schöne und das Biest und generell einer der besten Momente im Realfilmremake des Zeichentrickklassikers: Wie sich das Biest in seinem Monolog nach und nach aus seinem Frust und Kummer hin zu einer melancholisch-positiven Erwartungshaltung und Selbsterkenntnis steigert, ist sehr überzeugend geschrieben und wird durch Dan Stevens' Schauspiel sowie Condons Regieführung griffig zur Schau gestellt. Das schleichende Vermenschlichen seiner Stimme ist das Tüpfelchen auf dem i.


Platz 33: Danke, dass ihr bei uns wart ("Curtain Call/Time Spent Together") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert F. Hughes, Jeff "Swampy" Marsh, Dan Povenmire, Madison Scheckel und Martin Olson (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Manche Disney-Trickserien, die eine mehr oder minder fortlaufende Handlung aufweisen, haben ein großes Finale bekommen. Disney-Animationsserien, bei der episodenhafte Comedy zweifelsohne den Schwerpunkt darstellt, enden dagegen normalerweise einfach. Die letzte Folge könnte nahezu immer auch die vorletzte, die vierte oder die 32. sein, das macht keinen Unterschied. Nicht so bei Phineas & Ferb: Nach acht Jahren und einer dreistelligen Anzahl an Episoden sowie mehreren Specials in Filmlänge verabschiedete sich Phineas & Ferb mit einer unmissverständlich als großer Abschluss gemeinten Finalfolge. Und die kulminiert, voll und ganz im Sinne der Serie, in einem Finalsong, der die vierte Wand durchbricht: Die Stiefbrüder Phineas und Ferb, ihre Freunde und sogar der böse Dr. Doofenshmirtz singen hier gemeinsam über die vergangenen Episoden (die Lyrics sind quasi ein codiertes Best-of der Serie) und darüber, wie dankbar sie für ihr Publikum sind. Hier sprechen kaum kaschiert die Serienverantwortlichen durch die Figuren hindurch und verneigen sich vor den Fans, die Phineas & Ferb zu einem der größten Phänomene unter den Disney-Serien gemacht haben. Es ist, ganz nebenher, zudem der längste Phineas & Ferb-Song. Also auch in diesem Sinne ein wahrer, großer Abschluss.


Platz 32: Der Weg des Schnabeltiers ("Way of the Platypus") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert Hughes, Martin Olson und Dan Povenmire (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Üblicherweise werden im Original die härteren, rockigeren Songs in Phineas & Ferb von Robbie Wyckoff eingesungen. Als diese energiereiche Nummer, die eine Trainingsmontage begleitet, aufgenommen werden musste, was Wyckoff jedoch verhindert. Als Ersatz wurde Rick Cowling, der zu dieser Zeit Teil der Art-Rock-Band Ambrosia war, angefragt, von dem die Serienmacher "eine Mischung zwischen AC/DC und Axl Rose" verlangten. Da der Song aber obendrein ähnlich geschrieben ist wie viele Dio-Nummern und Cowling selbst derweil eine Stimmfarbe mitbringt, die leicht in Richtung Sammy Hagar tendiert, haben wir hiermit ein wahres Hard-Rock-Sammelsurium.


Platz 31: Rapunzels Zauberspruch ("Healing Incantation") aus Rapunzel - Neu verföhnt
Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Ein betörendes, ebenso schönes wie bedächtig klingendes, kleines Lied, das im Film mysteriös und zauberhaft ist und später in der Rapunzel-Serie an erzählerischen Wendepunkten behutsam abgewandelt wird. Klein, aber oho!