Montag, 5. August 2024

Trap


Cooper Adams (Josh Hartnett) begleitet seine Teenie-Tochter Riley (Ariel Donoghue) auf ein Konzert der neuen Pop-Sensation Lady Raven (denkt weniger an Taylor Swifts Eras Tour und mehr an Martina Stoessel zu Beginn ihrer Solo-Karriere, gespielt von Saleka Shyamalan). Vor Ort irritieren ihn die absurd hohen Sicherheitsvorkehrungen. Dann erfährt er, dass seine größte Sorge wahr geworden ist: Das FBI steht kurz davor, ihm auf die Schliche zu kommen. Denn er ist der gefürchtete Serienkiller The Butcher...

Mit Trap kehrt M. Night Shyamalan wieder zu einer seiner liebsten tonalen Inspirationsquellen zurück: Alfred Hitchcock. Allerdings ist Trap keine Rückbesinnung auf den "Der Saal schreit am Spieß"-Hitchcock, sondern auf den neckischen "Ich hab Spaß daran, vom Bösen zu erzählen"-Hitchcock aus Filmen wie Ein Cocktail für eine Leiche: Wir heften uns wie eine Klette an einen amoralischen Protagonisten, der sich mit einer faszinierenden Mischung aus Charisma, Eloquenz und völligem Unvermögen, normal zu wirken, an seine gemeinen Taten dransetzt. Und dadurch, dass er seine brillanten Momente hat, aber ebenso oft einfach nur dummdreistes Glück hat, reitet Autor und Regisseur M. Night Shyamalan genüsslich einen stürmischen, tonalen Wellengang:

Wir fiebern aus Bewunderung für seine Improvisations- und Kombinationsgabe (sowie aus schlichter, dramaturgischer Gewohnheit) mit Cooper mit, aus moralischen Gründen (und aus Missgunst angesichts seines unverschämten Glücks) freuen wir uns über ihn ereilenden Rückschläge. Hartnett als sozial ungelenker, unheimlicher, schmieriger Charmebolzen die Zeit seines Lebens und die Kameraarbeit des auf 35mm filmenden Sayombhu Mukdeeprom klebt nicht nur wie in Hypnose an seinem aufgesetzten, faszinierenden Lächeln, sondern verleiht den Schauplätzen auch eine atmosphärische Patina.

Trap wirkt ein wenig so, als wäre er von De Palma - wäre er nicht so sexbesessen und vernarrt in Splitscreens: Es ist ein thematisch geradliniger, dennoch ständig in Bewegung befindlicher Thrillerspaß, der sich an "Hitchcock, der spaßige Genrefilmer" orientiert und weiß, dass er heuer keine Tabus bricht, das aber durch feisteren Humor kompensiert. Es ist ein "Ich grins mir im Sessel was zusammen"-Nervenkitzler, kein Schocker oder Thriller-Reißer. Und Shyamalans stilisierten Dialoge klangen nie zuvor nach der Kadenz, wie sie häufig durch Giorgos Lanthimos' Schaffen hallt:

In diesem Film beherrscht niemand die Kunst des Smalltalks - und der Cast (darunter Disney-Legende Hayley Mills) kostet es aus, auf dieser distanzierten Wellenlänge zu liegen. Denn Shyamalan kreiert hier eine Versuchsanordnung über Menschen, die ihre Gefühle nicht auszudrücken vermögen, geschweige denn fähig sind, ihre verschiedenen Rollen im Leben unter einem Hut zu bringen. Das mündet in fesselnde Setpieces und viel, viel dunklen Humor. Um kurz polemisch zu werden: Wer über diesen Film lacht, hat ihn nicht verstanden. Denn dies ist ein Film, mit dem man lacht. Funktioniert super im Doppel mit The Visit (Shyamalan mischt Humor und Suspense, blickt auf Familiendynamiken), Spiel auf Zeit (süffisante Hitchcock-Hommage bei einer Großveranstaltung) oder Killing of a Sacred Deer (entrückte Dialoge, Vater in Nöten).

Donnerstag, 1. August 2024

Mediatheken-Tipps (1. August 2024)

Die Eröffnungsfeier im Re-Live (Olympische Eröffnungszeremonie, 2024) Thomas Jollys wilde, bunte, ambitionierte Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Paris. Mit viel Tanz, herausragender Musik vom Band sowie zwei internationalen Pop-Ikonen und einer französischen Pop-Größe live vor Ort ebenso wie der Metal-Band Gojira inklusive vielen geköpften Marie Antoinettes. Und die Minions, Jacques-Tati-Referenzen sowie Bacchus sind auch dabei, all das mitten in der wunderschönen Seinestadt Paris. (Viel Erfolg beim Versuch, sich durch die lange Zeit viel zu redseligen ARD-Stimmen aus dem Off durchzubeißen.) ARD-Mediathek, abrufbar bis zum bis 2. August 2024 um 23.30 Uhr

Concert de Paris (Konzert, 2024) Bereits kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele wurden mitten in Paris Lebensfreude, Kunst und Völkerverbundenheit zelebriert. Unter anderem mit Lang Lang und Khatia Buniatishvili am Klavier, dem schwedischen Star-Geiger Daniel Lozakovich sowie großen Opern-Stimmen. Gute Musikauswahl vor hervorragender Kulisse. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 18. November 2024

Breaking - Dream of Paris (Dokuserie, 2024) Die Olympischen Spiele haben eine neue Disziplin: Breaking mischt das Sportfest auf, und das ZDF hat die deutschen Hoffnungen Jilou, Melina, Pauline, Chao-Lin, Said und M17 in einer sechsteiligen Doku-Serie begleitet. Persönliche wie sportliche Höhen und Tiefen, hautnah und respektvoll aufbereitet - und es weckt Faszination für den so halsbrecherisch aussehenden, musikalischen Sport. ZDF-Mediathek, abrufbar bis zum 31. Dezember 2024

Olympia 2024: Krieg und Spiele (Dokumentation, 2024) Ein kompakter, ausdifferenzierter und keine leichten Antworten bietender Blick entlang der harschen Fragen, wie sehr die Olympischen Spiele nicht nur dem internationalen Verständnis füreinander, sondern auch dem Krieg und der Unterdrückung in die Karten spielen. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 23. Juli 2025

Paris - Die Stadt und die Spiele (Weltspiegel-Dokumentation, 2024) Was machen die aufwändigen Vorbereitungen auf das gigantische Sportspektakel eigentlich mit Paris? ARD-Korrespondentin Sabine Rau hat dies ein Jahr lang beobachtet und spricht mit Olympiabeauftragten, der Bevölkerung vor Ort und schaut auf die vieldiskutierte Wasserqualität in der Seine. Freud und Frust, informativ komprimiert. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 18. Juli 2026 um 14.08 Uhr (ja, wirklich!)

Warum Mediatheken-Tipps? Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind ein unablässig sprudelnder Quell an sehenswerten Produktionen. Ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Reportage, Konzertfilm, Serie, oder oder oder. Doch nicht nur, dass man da leicht den Überblick verlieren kann: Ich kenne einige Menschen, die den Mediatheken kaum oder gar keine Beachtung schenken. Mit dieser Artikelreihe möchte ich Orientierung bieten, ebenso wie Anreiz, sich vermehrt mit den Mediatheken zu befassen.

Wieso fünf Tipps? Ich möchte, dass diese Artikelreihe händelbar bleibt. Für mich, damit ich sie neben meinen anderweitigen Verpflichtungen verfassen kann. Und für euch: Ich will euch nicht mit Anschautipps erschlagen. Sechs Tipps halte ich indes für umsetzbar: Selbst, wer alle Tipps ansprechend findet, kann sich täglich einen davon angucken, und hat dennoch bis zur nächsten Ausgabe der Reihe auch einen Tag "mediathekenfrei". Weil die Eröffnungszeremonie aus Lizenzgründen aber bald aus der ARD-Mediathek fliegt, heute mal ein kleinerer Tipphappen für zwischendurch.

Die Mediatheken-Tipps erheben selbstredend keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt viel mehr zu sehen, als ich hier Woche für Woche nennen könnte.