Donnerstag, 24. Mai 2012

Moonrise Kingdom


Fünf Jahre sind ins Land gezogen, seit der meisterliche Autor und mit einer durchweg individuellen Bildästhetik glänzende Regisseur Wes Anderson mit Darjeeling Limited zuletzt einen Realfilm in die Kinos brachte. 2009 startete noch der Trickfilm Der fantastische Mr. Fox, der Andersons typischen Inszenierungsstil mit der fransigen Optik früherer Stop-Motion-Fernsehproduktionen verband und verdientes, in seiner Beständigkeit meiner Ansicht nach allerdings auch etwas zu euphorisches Kritikerlob erhielt. Der fantastische Mr. Fox war zwar clever, dennoch kam er nicht an die spröde Quirligkeit von Andersons besten Realfilmen heran.

Wes Anderson genießt die überaus rare Ehre, ein produktiver Regisseur zu sein, dessen Werk nahezu komplett in die prestigeträchtige Criterion Collection aufgenommen wurde. Angesichts dessen, dass der talentierte Tragikomödien-Schöpfer zu den individuellsten Stimmen Hollywoods gehört und es versteht, auf einem gehobenen, ausdifferenzierten Niveau zu unterhalten, überrascht dies nur wenig. Mit Moonrise Kingdom eröffnete dieses Jahr nun sein neustes Werk auch die 65. Filmfestspiele in Cannes – außerdem ist es im Gegensatz zu manch anderen Eröffnungsfilmen auch Teil des hoch angesehenen Wettbewerbs. An Respekt unter den intellektuellen Filmliebhabern mangelt es Wes Anderson also keinesfalls, und dass sich diese Ausnahmeerscheinung diese Anerkennung vollauf verdient hat, stellt der Texaner mit Moonrise Kingdom eindrucksvoll unter Beweis. Und mit diesem filmgewordenen, durch Wes Andersons Weltsicht gefilterten Jugendbuch könnte er sich auch einige neue Fans sichern.

Eine Story, wie aus einem seltsam erwachsenen Kinder-Abenteuerbuch
Es ist der Sommer des Jahres 1965: In drei Tagen wird ein Sturm von historischer Macht die Inseln an der Küste Neuenglands heimsuchen. Doch davon ahnen die Anwohner das Island of New Penzance bislang nicht das geringste. Trubel äußert sich bei ihnen derzeit ganz anders: Der desorientierte, aber passionierte Oberpfadfinder Ward (Edward Norton) muss beim morgendlichen Appell feststellen, dass über Nacht der zwölfjährige Sam Shakusky (Jared Gilman) aus dem Trupp der Kahki Scouts getürmt ist. Seine Pfadfindergruppe nimmt sofort die Verfolgung auf, um den Fahnenflüchtling und Außenseiter wieder an seinen geordneten Platz zu zerren, doch vorsichtshalber informiert der Truppenführer auch den Inselpolizisten Captain Sharp (Bruce Willis). Dem gutmütigen, aber auch etwas einfältigen Polizisten wird alsbald eine weitere Aufgabe zugeteilt: Suzy (Kara Hayward), die älteste Tochter der exzentrischen Anwälte Mr. und Mrs. Bishop (Bill Murray und Frances McDormand) ist aus dem alten, prachtvollen Familienanwesen verschwunden. Mit ihr eine Handvoll Bücher und der geliebte Plattenspieler eines ihrer Brüder. 

Es beginnt eine abenteuerliche, mit skurrilen Situationen gespickte Suche nach den entfleuchten Kindern, die an der nasskalten, doch irgendwie auch romantischen Küste Neuenglands einen denkwürdigen Spätsommer erleben. Alles, während sich derunaufhaltsame Sturm zusammenbraut ...


Neue Facetten in Wes Andersons Welt
Moonrise Kingdom enthält all jene Zutaten, die in ihrer perfektionistischen Umsetzung bereits Wes Andersons andere Regiearbeiten ausmachten und vom Autorenfilmer mit großer, unverfälschter Hingabe für eine authentische Charakteristik seiner Werke sorgen. Kinder, die sich wie Erwachsene verhalten, Erwachsene, die sich wie Kinder aufführen. Extreme Weitwinkelaufnahmen von akkurat vollgestopften Sets mit zentral und frontal zur Kamera ausgerichteten Darstellern, weshalb es so erscheinet, als spiele der Film in einer Setzkastenwelt. Präzise geplante Kamerafahrten in Zeitlupe und ein melancholisch-optimistischer Soundtrack. Aber Wes Anderson setzt nicht auf diesen überdeutlichen Stil, um über mangelnde Originalität oder gar schwachen Inhalt hinwegzutäuschen. Die in seinen Filmen ruhenden Gefühle resonieren auf einer sehr persönlich-emotionalen Ebene mit dem intellektuellen Gewand, in dem sie gekleidet sind, wodurch sie alle auch ihre Eigenheiten haben. Moonrise Kingdom raut Wes Andersons Puppenhausaufbauten mit spröder Natur auf. Ganz gemäß des Settings eines Sechziger-Jahre-Sommercamps. Es ist ein spießiges Bild der Wildnis, wie von Pfadfindern in einem militärisch anmutenden Sommerlager wohl zu erwarten ist, doch gerade durch diese bürgerliche Borniertheit bestechen die sommerliche Abenteuerromantik dieses Films und der gebotene Witz umso mehr.

Moonrise Kingdom ist humoristisch und atmosphärisch, selbst für Wes Anderson, ein wirklich absonderlicher Film: Mehrere ausführliche Szenen sprühen vor einer genialen Skurrilität, die aber stets mit einem distinguiertem Understatement rübergebracht wird. Wes Anderson schreckt nicht davor zurück, herumzublödeln, und dennoch behält der Film stets eine intellektuelle Aura. Der Film hat eine sehr naive, unschuldige Sicht vieler Dinge, bettet sie aber in einen reifen, in den Kernszenen nahezu poetischen Kontext ein. Weniger begabte Regisseure würden ihren Film bei diesem tonalen Spreizakt zerbrechen lassen, doch unter dem versierten, mit fester Hand inszenierenden Wes Anderson entfaltet Moonrise Kingdom gerade deshalb eine atemberaubende Wirkung. Moonrise Kingdom fühlt sich zeitlos an, die 16mm-Fotografie sorgt mit einer ausgewaschenen Farbästhetik für einen in seiner Ungepflegtheit so vortrefflich vielsagenden Look. Die Handlung wird von Anderson und Co-Autor Roman Coppola mit feinem Sinn auf einer leicht magischen, und dennoch weiterhin weltnahen Art und Weise erzählt. Moonrise Kingdom ist kein realistischer, sondern ein naturalistischer Film, der zwar seine Absurditäten stets mit einem Hauch Ironie versieht, seine wahren Gefühle aber niemals verhehlt. Die erwachsenen Schauspieler gehen in ihren liebevoll umrissenen Karikaturen auf und die beiden zentralen Jungschauspieler sind wahrlich beeindruckend. Und Alexandre Desplat untermalt ihre Leistungen mit einem vor Persönlichkeit trotzenden, unwiderstehlich eigenartigen Score, der vorrangig die Klangwelt Benjamin Brittens adaptiert, in dessen Schaffenswerk Wes Anderson für Moonrise Kingdom genüsslich plünderte.

An den von mir so sehr geliebten The Royal Tenenbaums reicht Wes Andersons jüngstes Werk für mich nicht ganz heran, zumindest nicht nach einmaliger Sichtung. Aber ich spüre, dass mit Moonrise Kingdom ein neuer Klassiker geboren ist, und er liegt in meiner Gunst auch nur hauchdünn hinter der Geschichte der dysfunktionalen Tenenbaums. Moonrise Kingdom verläuft durch deutlicher humoresque Einlagen lange Zeit klar leichtfüßiger, hat auch eine stärkere in sich brodelnde Gefühlswelt, aber in den Tenenbaum-Charakteren steckte mehr Unerwartetes und in der verkopften Weltsicht des Films eine verschrobene Attraktivität, die ich in dieser Intensität in Moonrise Kingdom nicht ausgemacht habe. Aber dies ist Haarspalterei, die niemanden nur halbwegs Interessierten von einem Kinobesuch abhalten sollte.

4 Kommentare:

Alice hat gesagt…

Wir gehen heute Abend rein und ich bin so gespannt... es gibt keinen zweiten wie Wes Anderson. Reale Märchen. Hast du auch mal was über "Die Tiefseetaucher" geschrieben? Muss mal gucken :)

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ne, bislang sind Kritiken zu Wes Andersons Filmen hier Mangelware, da ich irgendwie nie den Anlass dazu finde. Mal schauen, nach "Moonrise Kingdom" hatte ich bereits Lust, alle nochmal zu gucken. Vielleicht finde ich dann auch die Zeit, endlich die entsprechenden Kritiken zu schreiben.

Bis dahin: Ich finde "Die Tiefseetaucher" sehr amüsant und magisch, die Vater-Sohn-Geschichte hinterließ aber vergleichweise wenig Eindruck bei mir. Ein toller Film, aber mMn schwächer als "Darjeeling Limited".

maloney hat gesagt…

Einfach ein toller toller Film...obwohl er ja (für einen Anderson Film) erstaunlich viel Drama enthält...aber der Cast, die Szenerie, die Figuren und natürlich der geniale Soundtrakc machen es wirklich shcwer diesen Film nicht zu lieben!

Sir Donnerbold hat gesagt…

So unterschiedlich können die Empfindungen sein. Mir scheint "Moonrise Kingdom" stärker auf den skurrilen Humor gebürstet. *g*

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