Samstag, 25. Februar 2017

Meine Lieblingsfilme 2016 (Teil III)

Die Academy Awards rücken unaufhaltsam näher – und somit das Event, dass das vergangene Filmjahr endgültig abschließt. Bevor dem so weit ist, möchte ich euch ein weiteres Mal einladen, euch über meine ganz eigenen Favoriten zu freuen, zu ärgern und zu wundern (den vorherigen Teil könnt ihr hier nachholen). Und natürlich auch über meine Ehrennennungen, zu denen etwa Störche – Abenteuer im Anflug gehört, der einfach irrsinnig viel Spaß macht – das Finale ist einen kleinen Hauch zu lang gezogen, weshalb es ganz, ganz knapp nicht für meine Hitliste reichte. Aber ich freue mich schon jetzt auf den Rewatch! Ein weiterer saukomischer Animationsfilm, der hier genannt werden sollte: Sausage Party, der eine alberne, feucht-fröhliche Sause ist, die auch etwas in ihrem zugedröhnten Kopf hat. Hier ist es der mittlere Part, der sich leider etwas verläuft.

Im Realfilmsektor muss ich einfach meinen Hut vor der charmanten Dramödie Florence Foster Jenkins ziehen, die gewitzt ist, und dennoch ihre schrille Hauptfigur respektiert. American Honey wiederum ist ein großartig gefilmtes Porträt einer verlorenen Jugend im mittleren Teil der USA mit starken Performances und Gänsehautschluss – erneut ein Film, bei dem es eine verflixt knappe Angelegenheit war, ob ich den in die Hauptliste aufnehme.

Einen Stein bei mir im Brett hat außerdem Maggies Plan, den besten Woody-Allen-Film der letzten Jahre, den Woody Allen gar nicht gedreht hat. Aus der Sparte "Absolut durchgeknallt und dumm, aber so vergnüglich und zwischendurch in seiner Situationskomik so gut beobachtet, dass ich schlicht aus dem Grinsen nicht rauskam" haben wir die italienische Beamten- und Kulturschockkomödie Der Vollposten, die leider nur an ihrer Rahmenhandlung krankt, als sensible, dramatische und dennoch sehr witzige Geschichte über kulturelle Umgewöhnung wäre wiederum die Flüchtlingsgeschichte Nur wir drei gemeinsam zu nennen. Irgendwo dazwischen: Die Fake-Doku 90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden über das Fußballspiel, das den Nahostkonflikt beenden soll.

So viel also erstmal zu den Ehrennennungen. Nun wird es aber Zeit für die Plätze 25 bis 12!

Platz 25: Spotlight (Regie: Thomas McCarthy)

Verdient mit dem Academy Award für den besten Film prämiert und obendrein eine Produktion, die mein Cineastenherz höher schlagen lässt - wenngleich nicht ganz so hoch wie das der Oscar-Abstimmungsberechtigten: McCarthy nimmt einen wahren Fall über hervorragenden Investigativjournalismus, durch den aufgedeckt wurde, wie abgebrüht die Katholische Kirche ihre schützende Hand über die Kinderschänder in ihrer Mitte hält, und erzählt diesen in nüchterner, bodenständiger Form nach. Der gesamte Cast spielt sehr toll auf und aufgrund der zwar gezielten, jedoch nicht streng fokussierten Erzählweise ist Spotlight ein Drama über Schandtaten, eine spannende Anekdote über vertuschte Angelegenheiten und ein seriöses Vorzeigen dessen, weshalb am Journalismus nicht gespart werden sollte - sowie eine filmische Zeitkapsel, wie der US-Printjournalismus kurz vor/nach dem 11. September 2001 war.

Platz 24: Mikro & Sprit (Regie: Michel Gondry)

Im selben Jahr, in dem Fatih Akin mit Tschick die ungewöhnliche, humorig-verträumte Geschichte zweier Jugendlicher verfilmt hat, die mit einer geklauten Schrottkarre durch die Bundesrepublik fahren, kam mit Mikro & Sprit auch Michel Gondrys skurrile, humorig-verträumt-melancholisch-verspielte Geschichte zweier Jungs auf der Grenze zwischen Kindheit und Jugend, die ein fahrbares Minihaus bauen, um damit durch Frankreich zu kurven. Und, hach, was für ein liebenswerter, selbstironischer, einfallsreicher, ruhiger, überraschender, goldiger Film Mikro & Sprit geworden ist. Mit diesen Buben würde ich gern noch längere Trips unternehmen.

Platz 23: Raum (Regie: Lenny Abrahamson)

Eine begnadete Darstellung von Brie Larson, eine nicht minder beeindruckende von Jacob Tremblay und eine effektiv-gegenintuitive Kameraarbeit: Obwohl sich das Psychodrama Raum auf einem stark beengten Schauplatz abspielt, arbeitet Kameramann Danny Cohen mit ganz breitem Bild - erzeugt aber gerade so, indem er aufzeigt, wie schnell bereits der gesamte Lebensraum der Hauptfiguren überblickt ist, ein beengendes Gefühl. Später vergrößern sich die inhaltliche und visuelle Bandbreite, das Gefühl der Enge bleibt aber bestehen: Raum ist unerwartet humorvoll, aufreibend, düster und dennoch erschreckend aufmunternd.

Platz 22: Doctor Strange (Regie: Scott Derrickson)

Das Grundgerüst des jüngsten Marvel-Superheldenfilms erinnert frappierend an Iron Man und andere Ursprungsgeschichten aus der Welt der Comicheroen. Doch Scott Derrickson verwandelt mit mühelos erscheinender Inszenierung, einer leicht verquarzten Grundstimmung und psychedelischen Effekten Doctor Strange zu einer unterhaltsamen Abwechslung vom Marvel-Alltag. Cumberbatch ist perfekt gecastet, Tilda Swinton hat eine würdevolle Ausstrahlung und dennoch sichtbaren Spaß in der Rolle als mystische Mentorin, Mads Mikkelsen holt viel aus seiner Schurkenrolle heraus und Rachel McAdams transformiert eine nichtige weibliche Nebenrolle zu einer ursympathischen Figur, die eine ganz originelle Dynamik mit dem Titelhelden hat. Leichte Pacingprobleme in der Mitte stören da nur minimal.

Platz 21: Kubo – Der tapfere Samurai (Regie: Travis Knight)

Nachdem ich Die Boxtrolls entgegen des Kritikerkonsens eher grausig fand, haben sich die Laika Studios mit ihrem Samuraiabenteuer wieder nach oben gearbeitet: Die Stop-Motion-Trickstube, die zuvor schon Coraline sowie ParaNorman verantwortete, präsentiert mit Kubo eine wunderschön animierte, atemberaubend gestaltete und tonal bezaubernd vielschichtige Geschichte eines Jungen mit besonderen Kräften, der loszieht, um großes Unrecht gerade zu biegen. Nach dem sinnierenden Anfang und einer humorig-abenteuerlich-düsteren Mitte gerät dieser tolle Film für mich im Finale leider ins Schwanken - durch ein paar deplatzierte Gags und ein Finale, das in meinen Augen dem moralischen Grundtenor des restlichen Films widerspricht. Trotzdem ein sehenswertes, äußerst gelungenes Stück Trickkino. Nur für die Top 20 hat es daher leider, leider ganz knapp nicht gereicht.

Platz 20: Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs (Regie: Detlev Buck)

Ja, ihr habt richtig gelesen! Dies ist kein Irrtum! Detlev Bucks dritter Teil der Bibi & Tina-Reihe hat sich in meiner Jahresbestenliste tatsächlich bis in die Top 20 gekämpft! Das hat sich das überaus gut gelaunte, kunterbunte Musical einfach verdient! Nicht zuletzt, weil Buck (unabsichtlich?) mit diesen Realfilmen ein inoffizielles Remake der High School Musical-Filme abgeliefert hat: Teil eins ist ein recht normaler Genrevertreter, der eine viel betretene Filmstory erzählt, sie aber durch leicht schräge Ideen aufpeppt. Der zweite Teil ist verrückter und hat daher höhere Höhen als der Vorgänger, hat aber durch bemühte Lovestorydramatik, die nicht ganz aufgehen will, auch deutlichere Tiefen. Und der dritte Part? Ein campiges, gesund-bescheuertes Vergnügen mit jeder Menge Erwachsenenbonus, Ohrwurmhits, Selbstironie, Metaeinfällen sowie hohem Tempo - und Mädchen gegen Jungs endet auch noch genauso wie Senior Year, nachdem ja schon der Anfang ähnlich war! Durchgeknallte Spitzenlaune garantiert!

Platz 19: Eddie the Eagle (Regie: Dexter Fletcher)

Und noch ein inoffizielles Disney-Remake: Eddie the Eagle ist quasi "Cool Runnings, nur mit einem britischen Skispringer, statt jamaikanischen Bobfahrern". Das von Matthew Vaughn produzierte Sportkomödien-Biopic atmet das Feeling von Disney-Realfilmen der 90er-Jahre und feiert die titelgebende Sportkultfigur als glühendes Beispiel für eisernen Willen und Personifikation des olympischen Geistes. Das inspiriert, macht gewaltigen Spaß und hat in diesem Fall zudem eine launige 80er-Klangästhetik. Taron Egerton und Hugh Jackman sind zudem ein sehr vergnügliches Duo, das Eddie the Eagle stattlichen Rewatchfaktor verleiht.

Platz 18: Rogue One: A Star Wars Story (Regie: Gareth Edwards)

Der erste fürs Kino konzipierte Star Wars-Realfilm, der die Skywalker-Saga bei Seite legt und sich stattdessen voll und ganz darauf konzentriert, die komplexe Natur des Konflikts Imperium gegen Rebellen darzustellen. Godzilla-Regisseur Gareth Edwards behält seinen markanten, distanzierten Stil bei, was angesichts des fragmentierten Anfangs zunächst etwas zäh ist. Aber sobald Rogue One erst seinen Rhythmus gefunden hat, stürmt dieses Weltall-Kriegsabenteuer so richtig los - mit einem atmosphärischen Mittelteil und einem absoluten Gänsehautfinale. Zudem leistet Michael Giacchino große Leistung als (in fast schon letzter Minute angeheuerter) Komponist - und K-2SO ergänzt die lange Riege an unvergesslichen Star Wars-Droiden auf exzellente Weise. Aber vor allem: Wow, dieses Finale!

Platz 17: Findet Dorie (Regie: Andrew Stanton)

Nach dem ungerechtfertigten Scheitern von John Carter an den Kinokassen ist Andrew Stanton zurück in seinem Heimatmedium - und setzt dort seinen bislang größten Hit Findet Nemo fort. Klingt nach Geldscheffelei, ist aber ein gut erzähltes und konsequentes neues Kapitel in der Geschichte unserer fischigen Freunde. Dories Suche nach ihren Eltern ist (auf sehr gezielt-witzige Weise) haarsträubender und schriller als das Original und zugleich als Skizze dessen, wie es ist, mit einer psychischen Sonderkondition aufzuwachsen beziehungsweise mit so jemandem befreundet zu sein, emotionaler und ernster als Findet Nemo. Nach einem sehr süßen Anfang braucht es etwas, bis sich Findet Dorie von den Parallelen zum Original freischwimmt, ab dann ist es aber ein sehr interessanter Film mit flinken Tonfallwechseln und vielen tollen Figuren!

Platz 16: A War (Regie: Tobias Lindholm)

Dieses dänische Drama ist zur Hälfte unmittelbares, intelligentes Kriegsdrama und zur Hälfte nachdenkliches, komplexes Justizdrama: Tobias Lindholm erzählt von einer militärischen Entscheidung, die einige Menschenleben rettet, ebenso jedoch auch einige kostet. Daraus entfaltet sich eine fesselnde moralisch verworrene Frage sowie ein eindringliches Porträt, wie sich dies auf die Familie des Angeklagten auswirkt. Superb gespielt, distanziert, jedoch detailreich beobachtend inszeniert und so clever geschrieben, dass man A War zwecks Suche nach Antworten sofort noch einmal sehen möchte.

Platz 15: Son of Saul (Regie: László Nemes)

Ich finde, dass das Thema Holocaust im Kino bereits rauf, runter, nochmal rauf, wieder runter behandelt wurde, und das so sehr, dass sich genau die Wirkung einstellen könnte, die es zu vermeiden gilt: Übersättigung und somit Abstumpfung. Nemes' nahezu durchweg in Over-the-Shoulder-Shots gefilmtes, mehrsprachiges Drama Son of Saul allerdings vermag es, die Schrecken der NS-Tötungsmaschinerie auf neue, den Magen verdrehende, direkte Art und Weise zu vermitteln - ohne sich dabei selbstgefällig in realem Elend zu suhlen. In komplex arrangierten Kamerafahrten und mit erschütternder Direktheit führt Son of Saul durch ein Konzentrationslager, während der Protagonist verzweifelt versucht, seinem Sohn die letzte Ehre zu erweisen. Menschlich, schonungslos und zudem eine Glanzleistung im filmischen Erzählen.

Platz 14: Bad Neighbors 2 (Regie: Nicholas Stoller)

"Sidney ... das ... das kannst du nicht machen!"
-"Was?"
"Na, Bad Neighbors 2 über Son of Saul stellen!"
-"Wieso nicht?!"
"Wie soll dich da noch jemand ernst nehmen, wenn du eine Vulgärkomödie über so einen wichtigen, seriösen, erschütternden Film wie Son of Saul packst?"
-"Deiner Logik nach kann ich doch gar keinen Film über Son of Saul stellen, oder? Alle Filme sind im direkten Vergleich zu ihm lapidar, nichtig, trivial. Naja, nicht alle, andere besonders niederschmetternde Holocaustdramen und manche Problemdokumentationen sind neben ihm vielleicht noch zu dulden ..."
"Ja, aber, das hier ist ein besonders krasser Rruch!"
-"Na und? Soll ich Bad Neighbors 2 gegenüber nun unfair sein und ihn schlechter dastehen lassen, nur aufgrund seiner Nachbarschaft in dieser Liste? Wieso ist Humor weniger wert als das Erinnern daran, dass industriell abgefertigter Massenmord zu verurteilen ist?"
"Weil ... das erklärt sich von selbst!"
-"Also darf ich auf Platz 15 meiner eigenen Favoritenliste über das Jahr 2016 keine energiereiche, vor Wortwitz und spaßig glühender Performances Komödie stehen haben, die im Gewand einer Vulgärkomödie nicht nur ihr eigenes Genre demontiert, sondern zudem dem Publikum feministische Positionen erläutert? Ein subversives Spiel mit Konventionen, Publikumserwartungen und Genrepolitik hat sich gefälligst weiter unten wiederzufinden, weil ... das gehört sich so?! Wie faschistisch von dir!"
"Ach, Alter, is' deine Liste ..."

Platz 13: Die Mitte der Welt (Regie: Jakob M. Erwa)

Jakob M. Erwa zauberte mit dieser Romanadaption einen ultraschönen, intensiven Film über die Liebe daher - über jede Liebe, denn jeder, der sich in den frühen Phasen der Liebe befindet, glaubt, er sei anders, überfordert, speziell, dem Untergang geweiht ... oder vielleicht doch dem ewigen Glück nah. Mit geradezu von der Leinwand hüpfenden, glaubwürdigen Schauspielleistungen, einer stylischen Bild- und Klangästhetik sowie einer pubertären Neigung zu Gefühlsschwankungen ist Die Mitte der Welt ein Film, der einen mitten in eine Teenieromanze versetzt und der nebenher noch einen reizvollen Subkosmos erschafft. Atemberaubend.

Fortsetzung folgt, mit dem finalen Dutzend!

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