Freitag, 13. Juni 2008

From Dusk Till Dawn


Die 90er Jahre: Als man das Wort "Bandsalat" noch öfter gebrauchte, Filmfans bei sich zu Hause Videokassetten ansammelten, Fortsetzungen eher die Ausnahme denn die Regel waren und sich Quentin Tarantino auf dem Höhepunkt seiner Produktivität befand.

Der Kultregisseur lieferte in den 90er Jahren vier Regiearbeiten ab (darunter einen Episodenfilm mit drei anderen Regisseuren), sowie drei Drehbücher, die von anderen verfilmt wurden. Außerdem polierte er die Scripts zu The Rock und Crimson Tide auf und verhalf außerdem Robert Rodriguez - mit dem er eng befreundet ist - zu mehr Aufmerksamkeit und Popularität.

Quentin Tarantino spielte zum Beispiel eine kleine Rolle in Rodriguez' Desperado, doch viel entscheidender war, dass er seinem texanischen Kumpel das Drehbuch zu From Dusk Till Dawn gab. Mit diesem Film sollte Rodriguez letztlich seinen endgültigen Durchbruch zur breiten Kinomasse schaffen - waren seine vorherigen Werke El Mariachi und Desperado große Independent-Erfolge (vor allem wenn man die wahrlich lächerlich kleinen Budgets bedenkt), so sollte Robert Rodriguez von nun an auch in der oberen Hollywood-Riege von sich reden machen.

In From Dusk Till Dawn, seinem bislang wohl populärsten Film, zeigt Rodriguez die Geschichte zweier Gangster-Gebrüder namens Seth (gespielt von George Clooney) und Richie Gecko (gespielt von Quentin Tarantino). Nachdem Richie seinen Bruder aus dem Gefängnis befreit hat, ziehen sie gen Süden, um die mexikanische Grenze zu erreichen, wo sie die Freiheit und ihr Partner Carlos erwarten.

Auf dem Weg dahin sorgen sie nicht nur für Chaos, Angst und Zerstörung (wie sich in der von Rodriguez zum knistern spannend gefilmten und schonungslosen Eröffnungsszene zeigt), sondern treffen auch auf die mit dem Wohnwagen durchs Land fahrende Familie Fuller. Diese besteht aus dem ehemaligen Pfarrer Jakob und seine im Teenageralter befindlichen Kinder Kate und Scott, die derzeit den Tod ihrer Mutter sowie den Glaubensverlust ihres Vaters zu überwinden versuchen.

Um die sie verfolgende Polizei auszutricksen, erpressen Seth und Richie Gecko die Fullers und zwingen sie, sie in ihrem Wohnwagen über die Grenze zu schmuggeln und zum Treffpunkt mit Carlos zu bringen, den Titty Twister.

Dort angelangt nimmt das knisternde, mehr oder weniger realistische und psychisch intensive Gangster-Roadmovie eine drastische Wende und wandelt sich zur Splatter-Groteske: Die Bar stellt sich als Wohnort blutdurstiger Vampire heraus, und um aus dieser hinterhältigen Falle lebendig herauszukommen müssen die Geckos und die Fullers zusammenarbeiten.



Diese 180°-Wende macht aus From Dusk Till Dawn die perfekte Steilvorlage für die erste waschechte Kooperation zwischen den Kult-Regisseuren Tarantino und Rodriguez. Die erste Hälfte bietet Raum für Tarantinos ausschweifenden Gangster-Dialoge, die in Rodriguez' Texas- und Mexiko-Atmosphäre a la El Mariachi eingebettet wurden. So lassen sich diese Dialoge erstmals in einer wirklich ernsten und intensiven Stimmung entdecken, was eine interessante Mischung ergibt.

In der zweiten Hälfte dagegen leben die beiden ihren Hang zum Trash aus, Tarantinos Kernigkeit trifft auf Rodriguez' dynamisches Gespür für episch inszenierte Actionszenen.

Diese Kombination aus schonungsloser und durchdringender Gewalt zu Beginn des Films und übertriebener, witziger und nicht enden wollender Gewalt in der zweiten Hälfte des Films sorgte jedoch dafür, dass From Dusk Till Dawn in Deutschland indiziert wurde. Über Sinn und Unsinn von Indizierungen im Allgemeinen und dieser im Speziellen lässt sich lange streiten, unbestritten sollte dagegen sein, dass die Indizierung des Films seinen Kultstatus in Deutschland entscheidend förderte. Es ist halt dieser Reiz des der vermeintlichen Härte, die viele Jugendliche und so genannte Gorehounds auf diesen Film ansetzte. Dabei ist es nicht die Gewalt an sich, die hier zu faszinieren weiß, sondern die Art und Weise, wie sie im Kontext wirkt und wie es Tarantino und Rodriguez verstehen durch sie die Gangart des Films zu verändern.
Dadurch zeigt sich auch, dass die Gewalt hier kein Selbstzweck ist und auch nicht verherrlicht wird, auch wenn die FSK dies anscheinend anders sah.

Zimperlich geht es bei From Dusk Till Dawn jedoch keineswegs zu, was aber nicht nur auf die Gewalt zutrifft, sondern auch für die kultigen Dialoge. Wie schon bei Tarantinos vorherigen Filmen Reservoir Dogs und Pulp Fiction nehmen die Gangster kein Blatt vor dem Mund - doch auch die Fullers achten nicht auf jugendfreie Wortwahl.
Aber seien wir ehrlich: Wer würde bei einer Begegnung mit Vampiren schon auf eine gesittete Sprache achten? Insofern verdankt der Film seine Dialogen auch eine Spur Authentizität - nur dass die Gespräche in From Dusk Till Dawn lässiger sind, als alles, was man spontan in der Realität vom Stapel lassen würde.

Neben den Action- und Splatterszenen und den herrlichen Sprüchen machte vor allem jedoch auch eine Szene den Film so populär, machte ihn zu einem Pflichtfilm für viele Jugendliche und Film-Geeks: Salma Hayeks Auftritt, bei dem sie als exotische Tänzerin Santanico Pandemonium zur außerordentlich entspannten, aber auch lasziven Musikuntermalung After Dark von Titu & Tarantula einen betörenden Tanz aufführt. Diese Szene wird des öfteren als Hayeks Durchbruch in Hollywood bezeichnet und ist in die Filmgeschichte eingegangen.

Ich selbst jedoch finde diese Szene überbewertet. Zwar kann sie sich einer gewissen Coolness nicht entbehren, abseits dessen bietet sie meiner Meinung nach jedoch keine nennenswerten Qualitäten. Weder ist der Tanz Hayeks besonders aufwändig oder kompliziert, so dass er sich als erinnerungswürdig behaupten könnte, noch zeigt Rodriguez hier sein inszenatorisches Talent, um den Tanz irgendwie herausstechen zu lassen. Jessica Albas Tanzszenen in Sin City hat Rodriguez Jahre später wesentlich selbstbewusster auf's Zelluloid gebannt und gekonnt mit Slow-Motion-Effekten, Kameraperspektiven und Windeffekten gearbeitet.

Und auch die so oft zitierte Sexiness dieser Tanzsequenz in From Dusk Till Dawn kann ich auch beim besten Willen nicht ausfindig machen. Sicherlich werden mich nun böse Schelten meiner männlichen Leser erwarten, aber ich finde den Auftritt Hayeks hier tatsächlich keineswegs sinnlich, erotisch oder sexy. Da könnt ihr noch so empört sein, wie ich es gerade vermute. Sorry, aber hier hat es einfach nicht gefunkt.

Von dieser Ausnahme abgesehen hat From Dusk Till Dawn allerdings meine völlige Unterstützung. Der Kultstatus und der ganze Hype sind meiner Meinung nach völlig gerechtfertigt und heben den Film keinesfalls auf ein Podest, auf das er nicht gehört.
Sogar Tarantinos oft gescholtene Darstellung als der psychopatische der Gecko-Gebrüder weiß mir zu gefallen, und das nicht nur, weil man so Tarantino ausnahmsweise mal verhältnismäßig ruhig sieht (auch wenn diese von ihm ungewohnte Ruhe zum Teil den Reiz dieser Rolle ausmacht).

Es stimmt allerdings, dass die anderen Hauptcharaktere (also Seth Gecko und die Fullers) etwas trittsicherere Darsteller gegönnt sind, allen voran der unerwartet agierende Harvey Keitel als selbst zweifelnder Pfarrer und George Clooney in seiner obercoolen Rolle.
Schauspielerische Glanzleistungen darf man bei From Dusk Till Dawn allerdings trotzdem nicht erwarten, dafür ist die Geschichte zu flach und all zu sehr auf ihren Coolness-Faktor gestrichen. Der Zuschauer verzeiht Tarantino und Rodriguez diesen Umstand jedoch sehr schnell, denn From Dusk Till Dawn ist ein bis ins Detail stimmiges Gesamtkunstwerk im Schmuddelbereich der jüngeren Kinogeschichte.


Zwar ist From Dusk Till Dawn nicht ganz so flott und schreiend komisch wie der später gedrehte, vom ironischen Trash-Faktor vergleichbare Planet Terror, aber dafür ist From Dusk Till Dawn selbstständiger und kann auch ohne jegliche Vorkenntnisse und feinjustierte Ironie-Antennen begutachtet werden.
From Dusk Till Dawn ist für mich zwar nicht Tarantinos oder Rodriguez' bestes Werk, aber ganz klar ein stolzes Stück in deren Filmographie, wenn auch nicht gerade das massenkompatibelste. Aber auf das breite Publikum haben die zwei ja noch nie sonderlich geachtet. Zum Glück - sonst wären uns viele geniale Filme entgangen.

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