Sonntag, 19. Oktober 2008

Jack, wir bleiben dir Troy

Ein Bericht über die Lage der nachwachsenden Disneyfan-Generation unter Berücksichtigung der aktuellsten ikonischen Charaktere


Wohl jeder hat im Laufe der Jahre einen Disney-Charakter besonders ins Herz geschlossen. Die Wahl der Lieblingsfigur geschieht unterbewusst und bleibt meistens unverändert. Wenn man erstmal für eine Figur besonders herzliche Gefühle entwickelt hat, sind viele nostalgische Erinnerungen mit ihr verbunden. Und wenn man generell schon Disney-Fan ist, so hängt an diesem Charakter auch oftmals die gesamte Liebe zum Disney-Konzern. Viele wurden durch ihre Lieblingsfigur (wieder) zum Disneyfan, andere wählen die Figur, die ihnen (oder ihrer Wunschvorstellung von sich selbst) am meisten ähnelt, zu ihrem Favoriten. Manchmal fällt sogar alles zusammen.
Der Lieblingscharakter ist eine persönliche, eigenständige Entscheidung, auch wenn die aktuellen Filme des Konzerns sie durchaus beeinflussen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand der mit Arielle aufwuchs sie zur Lieblingsfigur ernennt ist höher als bei jemandem, der in die Erstveröffentlichung des Dschungelbuchs ging.
Wesentlich stärker ist der Einfluss der aktuellen Lage Disneys jedoch auf die Prägung der Disney-Ikonen der eigenen Generation. Die Figuren, die man besonders stark mit Disney identifiziert, eine Mischung aus Maskottchen, Repräsentant und Begleiter durch die magische Welt des Unterhaltungsgiganten. Die absolute Ikonographie Disneys ist natürlich Micky Maus, Disneys allgegenwärtige Cartoon-Schöpfung, die als Geburt der Disney-Erfolgsgeschichte gefeiert wird, als Begrüßungskomitee in den Themenparks fungiert und deren Silhouette immer wieder in Filmen versteckt und in Logos verwendet wird. Nicht zu vergessen die lange Zeit unantastbare Übermacht im Merchandisingmarkt Mickys und die repräsentative Taufpatenschaft vieler Comic-Hefte.

Mickys Status als größter Disney-Star ist allerdings kein Dogma, seit jeher wird an seinem Podest gerüttelt. Bereits bevor Walt Disney begann, abendfüllende Filme zu produzieren erkannte er, dass der gute alte Micky eine Frischzellenkur nötig hatte um populär zu bleiben, weshalb ihm witzige Nebencharaktere zur Seite gestellt wurden. Eine dieser Figuren schaffte es nicht nur aus Mickys Schatten herauszutreten, wie es etwa die tollpatschigen Hunde Pluto und Goofy taten, sondern sich gleich die Spitzenposition im Kurzfilmsegment Disneys an den Nagel zu reißen. Nicht lange nach seinem Leinwanddebüt im Jahre 1934 überflügelte Donald Duck den fallenden Filmstar Micky Maus. Donald war aufgrund seiner Flexilibität bei den Animatoren beliebter, das Publikum feierte den wilden Erpel, weshalb er mehr Kurzfilme spendiert bekam als die zahme Maus. Auch im Comicsektor sollte Donald die Maus in ihre Schranken verweisen, die langen Abenteuer aus der Feder Carl Barks' erreichten eine weitaus höhere Popularität (und später auch künstlerische Beachtung) als Mickys Comics, sogar stärker als die der ebenfalls gelungenen Strips von Floyd Gottfredson.

Dennoch blieb Micky die ikonische Figur. Donald unterhielt die Massen und Kritiker mit seinen turbulenten Abenteuern, während Micky auf Studiologos, Visitenkarten und ähnlichem das Studio repräsentierte. Er blieb eine populäre Merchandising-Figur, die Ingersoll-Uhr mit ihm erreichte Kultstatus und Disneys Kinderfernsehsendung wurde nach ihm benannt, und nicht nach Donald. Der rundlichere, einfacher gezeichnetere und auch freundlichere Micky eignete sich dafür einfach besser, und da er ja auch nicht völlig von der Bildfläche verschwand, lag diese Entscheidung auch nicht allzu fern.
Aber die Zeiten ändern sich. Die Cartoon-Produktion wurde längst eingestellt, und seither stellt sich immer wieder die Frage, ob Micky nicht vom Charakter zum bloßen Maskottchen verkommt.
Zumindest wurden die Classic Cartoons immer wieder im Fernsehen gezeigt, und alle Jahre wieder gab es auch neue Projekte mit Micky, Donald, Goofy und Co. Dies, zusammen mit ihrer historischen Bedeutung für den Trickfilm und ihrem weiterhin aktiven Leben in den Comics sicherte ihre Stellung im Gesamtüberblick auf Disney.

Die einzelnen Generationen von Disney-Fans allerdings werden für sich immer wieder eigene Ikonen gesehen haben. Besonders extrem scheint es bei der jetzt nachwachsenen Generation zu sein, vor allem in den USA, wo sich Disney außerordentlich stark dem Marketing hingibt und der Disney Channel in zahlreichen Haushalten empfangen wird.

Jack, denkst du wirklich, dass sich in diesem Baumstamm das Geheimnis hinter dem Erfolg von High School Musical versteckt?

Die etablierten Disneyikonen, vor allem Micky, haben derzeit keinen guten Stand. In den USA haben die Disney-Comics schon lange keine so große Lobby wie in Europa und statt Kinder und ihre Eltern mit den Classic Cartoons zu unterhalten, werden Micky & Co. als Kleinkind-Erzieher in Micky Maus Wunderhaus zweckentfremdet. Im Merchandisinggeschäft ist der Konkurrenzdruck aus eigenem Hause so groß wie noch nie: Winnie Puuh und die Disney-Prinzessinen sind mittlerweile zu enorm populären Merchandisng-Franchises ausgebaut worden und drängen sich auf den Disneyregalen.

Während sich die altgediegenen Reihen im Spielzeugladen um die Rechte auf die Alterskrone streiten, explodiert die Popularität neu etablierter Franchises, welche im Eiltempo Disneys Image verändern. Die größten Erfolge darunter, die auch die größten Wellen schlagen sind zum einen High School Musical, die spottbillig produzierte und mehrere Millionen scheffelnde Teenager-Musicalreihe, zum anderen das mit gigantischem, rekordbrechenden Riesenbudget auf Hochglanz polierte, weltweite Actionabenteuer-Phänomen Pirates of the Caribbean.
Letzteres Franchise ist natürlich mein geliebtes Kleinod unter den Disneyreihen, und populierte mit seinen großartigen Actionszenen, den beeindruckenden Spezialeffekten und der gelungenen Mischung aus heiterem Seefahrerspaß und düsterer Stimmung endlich beim breiten Publikum den "erwachsenen Disney-Spielfilm". Die Piraten enterten auf Anhieb die Spitzenposition im Realfilmsektor des Konzerns und plötzlich war er der erste, und bei vielen auch der letzte, Disney-Kinospielfilm, der den Zuschauern in den Sinn kam.

High School Musical dagegen markiert nicht etwa ebenfalls Disneys Grenzen für Erwachsene neu, sondern veränderte das Empfinden von Disneys Unterhaltung für jüngere Zuschauer. Die knallbunte, zeitgenössische Teenager-Welt in den HSM-Filmen erzählt kindgerecht von Probleme der Jugendlichen, richtet sich in ihrer Einfachheit und überbohrenden Freude direkt an Kinder, doch die Stars und die Musik sprechen auch Teenager an.

Der immense Erfolg beider Filmreihen sorgt, gepaart mit der heißlaufenden Marketingmaschine Disneys, dafür, dass derzeit eine Generation von Disney-Fans heranwächst, die Disney stärker mit Jack Sparrow und Troy Bolton assoziieren, als mit Micky Maus.
Um es nochmal deutlicher zu formulieren: Die jüngste Generation von Disneyfans wächst mit zwei großen Disney-Ikonen auf, dem versoffenen, durchtriebenen, gerissenen Piratenkapitän Jack Sparrow, der sich bereits durch drei Abenteuer voller Seemonster, wandelnden Toten, Seeschlachten, Mord, Lug, Trug, Alkohol und Schwertergerassel kämpfte, in denen die Grenzen dessen, was Disneyfilme und Produktionen mit der US-Jugendfreigabe ab 13 tun dürfen neu steckten, und dem dümmlichen, freundlichen Basketballspieler und Hobbysänger Troy Bolton, der in einem absolut unschuldigen und reinen Musicalfilmreihe über Freundschaft und seine jugendlich-reine Liebe singt. Das sind die größten Disney-Helden für eine ganze Schar Kinder!

Hätte man das noch vor sieben Jahren zu mir gesagt, hätte ich das nicht geglaubt. Allein schon diese Gegensätzlichkeit!
Vielleicht spricht sie jedoch auch auf faszinierende Art aus, welche Wandlungen die Disneystudios (wieder) durchmachen. Ähnlich wie in den 70er und 80er Jahren versucht man den Spielfilmsektor abwechslungsreicher und erwachsener zu gestalten, nur mischt man derzeit immer wieder "kindischere" Filme unter (Daddy ohne Plan) und hat zugleich mit den "erwachseneren" Filmen unter dem Disney-Logo viel mehr Erfolg als damals.

Zugleich berücksichtigt man (im TV-Sektor) stärker die jüngere Zuschauerschaft und streckenweise auch die Teenager, schneidet Programme genau auf sie zu, ohne andere Zielgruppen im Kopf zu haben. Disney ist abwechslungsreicher, indem die einzelnen Auswüchse des Konzerns spezialisiert werden. Irgendwie spricht es auch für die heutige Gesellschaft, in der aufgrund der Individualisierung immer mehr einzelne Jugendkulturen entstehen, die nebeneinander existieren, ohne sich zu schneiden. Die große Gemeinsamkeit unter den Jugendlichen gibt es nicht mehr, jede einzelne Strömung lebt für sich.

Überträgt man dies wieder zurück auf Disney, bleibt zu hoffen, dass es sich nicht ändert. Auch wenn Gerüchte was anderes besagen: Wie mehrere Quellen gestern berichteten, soll Zac Efron nämlich im vierten Pirates of the Caribbean mitspielen, als Sidekick für Jack Sparrow. Manche sprachen sogar davon, dass Efrons Figur wichtiger werden soll, als Depps legendärer Pirat.
Wie grauenhaft ist denn bitte diese Vorstellung? Efron ist ein enorm blasser Darsteller, der meiner Meinung nach das Potential der HSM-Filme nach unten zerrte. Und der soll nun in PotC mitspielen, nur damit ein paar kreischende Teenies ins Kino kommen? Bitte nein!
Wenn man im vierten Pirates unbedingt einen jungen, bunten und fröhlichen Kerl braucht, den man aus den High School Musical-Filmen kennt, dann nehmt wenigstens Lucas Grabeel, der Ryan Evans verkörperte.

Zum Glück kann ich Entwarnung geben. Das Gerücht entstammt nämlich dem leidlich unglaubwürdigen National Enquirer und wurde laut IMDb bereits von Efron dementiert.
Es hätte mich auch verwundert, wenn Disney tatsächlich ausgerechnet Zac Efron vom einen erfolgreichen Franchise ins nächste zerren möchte. Wie mehrere ältere Insiderberichte, unter anderem von Jim Hill, nämlich besagten, waren die Disneybosse nicht gerade große Anhänger Efrons, der sich auf dem Set von High School Musical 2 ziemlich zickig verhalten haben soll. Kein Wunder, dass man ihn für den Kinoausflug der Reihe noch behielt (man muss seine Fans ja in die Säle locken, um ordentlich zu verdienen), ab dem möglichen vierten Teil aber durchaus auf ihn verzichten könnte.

Hoffentlich hält man an diesem Plan auch fest: Ein High School Musical 4 ohne Efron (aber mit Grabeel und Tisdale) wäre mit spielerischer Leichtigkeit mein persönliches Highlight der Reihe, und nur ein Pirates 4 ohne Efron, wäre auch wirklich ein Pirates 4. Würde man die zwei mischen, wären Jack und Troy längste Zeit Disney-Ikonen gewesen. So einen Super-GAU bestünden beide wohl kaum...

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