Sonntag, 7. Juni 2009

Die große Anschubs-Wackel-Stehenbleib Blamage


Als ProSieben eine Kettenreaktions-Show namens Das große Kipp-Roll-Fall Spektakel [sic!] ankündigte, war es bereits schwer das Grinsen zu verkneifen. Nach mehrmaligem Aufsagen des Titels, war er zwar ehrlich-amüsant und vor allem eine passende Beschreibung des Konzepts, albern blieb er dennoch.

Interesse für die Sendung bekam ich erst später durch clevere Trailer wie diesen:



Die eigentliche Sendung passte sich jedoch wieder der Albernheit des Titels an und vertauschte die im Trailer gezeigten Rollen. Beim Domino Day von RTL kippen die kleinen Steinchen. Die versprochenen, spektakulären Bauten des Kipp-Roll-Fall Spektakels dagegen murrten an allen Ecken und Enden, blieben stehen, verhakten sich, klemmten oder waren gar nicht richtig aufgebaut.

Aber fangen wir ganz am Anfang des Live-Events an, als die ProSieben Comedygala zum Thema unfreiwilligen Humor noch vor hatte ein ernst zu nehmendes, originelles (naja, mehr oder weniger, ein klares Vorbild hat man natürlich schon) TV-Event zu werden. Dabei hätte man schon da skeptisch sein sollen, schließlich handelt es sich um ein ProSieben-Event ohne Raab...

Als schließlich Matthias Opdenhövel auf einer Open-Air-Bühne steht und das Publikum begrüßt, wundere ich mich bereits. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Solche Veranstaltungen auf einem riesigen Gelände, mit einer relativ kleinen Moderationsbühne ganz vorne kannte ich nur noch von den Sonderprogrammierungen der öffentlich-rechtlichen, wenn mal wieder die IFA anstand. Oder von Veranstaltungen wie den Weltkirchentag oder Weltjugendtag. Nach dem passenden Ort für einen Weltrekordversuch für die längste Kettenreaktion schien mir das jedenfalls nicht. Eine Halle bietet wesentlich sichere Bedingungen... (Auch wenn ich später am Abend lernen musste, dass die "Indoor"-Reaktionen nicht viel besser liefen, als die Reaktionen draußen, so muss es in der Theorie mal erwähnt werden)

Eine weitere schlimme Erkenntnis: Hier wurde keine durchgehende Kettentreaktion über Monate hinweg von einem großen team geplant (das wäre ja zu sehr Domino Day und überhaupt nicht extrem), stattdessen planten zehn verschiedene Gruppen wie Sportstudenten, einer Cheerleader-Truppe, einer Bikergang aus Erkelenz oder Kunststudenten je eine lange, eigen thematisierte Kettenreaktion. Verbunden wurden die Stationen mit Sandstein-Dominos.Und natürlich wird man dazu aufgerufen, für die beste Kettenreaktion anzurufen.
Als der Moderator dann noch eine "ausgeliehene", kleine Kettenreaktion in Gang setzt und diese zum stehen kommt, weil irgendwer beim Aufbauen einen Eimer, in den Sand rieseln sollte, einige Zentimeter zu weit rechts hingestellt hatte, war der Grundstein für den restlichen Abend gelegt.

Es ist ja nicht so, dass gar nichts funktionierte, aber wenn die Kettenreaktion(en) länger als eine Minute klappte(n), dann war schon ein Wunder geschehen. Oder aber wir befanden uns gerade an einer von qualvoll vielen Stellen, an denen der Ablauf der Kettenreaktion künstlisch dadurch gestreckt wurde, dass fast zehn Minuten lang Sand aus einem Sack rieseln musste, eine ellenlange Zündschnur abbrannte oder Giulia Siegels engmaschiges Kleid ganz langsam von einem kleinen Auto aufgezwirbelt wurde (weil das Auto zu langsam war, ersetzte man es später durch einen Biker). Aber selbst mit diesen Tricks kam man nicht in die Nähe des Weltrekords von circa 29 Minuten durchlaufender Kettenreaktion. Immer wieder musste "manuell von Hand" nachgeholfen werden, damit die angeblich "total oft" geprobten Konstruktionen wieder in Gang kommen oder (vor dem Fernseher mit bloßem Auge erkennbare) Fehler bei den Aufbauten behoben werden konnten. Wenn dies geschah, wurde "die Uhr auf 0 gesetzt". Damit hatten wir den meist gesagten Satz des Abends.

Natürlich war nicht der ganze Abend solch eine Panne. Die Konstruktion der Insel Juist musste bloß einmal "manuell von Hand" wieder in Betrieb genommen werden, und man dachte bei dieser ersten Kettenreaktion des Abends, dass es ja doch was werden könnte mit dem Weltrekord. Bloß hätte man nichts davon gesehen: Bei den ersten Kettenreaktionen waren die Kameramänner und Regie sowie Schnitt völlig überfordert. Die Kameras wackelten auf der verzweifelten Suche nach dem Geschehen wirr durch die Gegend, zoomten näher ran, zommten wieder raus, und wenn eine Kamera mal die Action fand, schnitt die Regie auf die nächste Kamera. Und die zeigte gerne mal einen zur Station beorderten Feldreporter (dargestellt von so beliebten ProSieben-Gesichtern wie Stefan Gödde oder Sony Kraus), die entweder die "prominenten Paten" jeder Station (eine bunte Mischung aus Leuten wie Wigald Boning, Joey Kelly, Charlotte Engelhardt oder Gaststar Oli P.) oder die Bauer der (gerade ausnahmsweise laufenden) Kettenreaktion. Die Bauer wurden übrigens noch in nichtssagenden, nervigen Einspielfilmen vorgestellt, die überhaupt nicht auf den eingeplanten Leerlauf in den Kettenreaktionen abgestimmt waren.

Solcher Leerlauf wurde, wenn nicht gerade durch Sandsäcke oder langsam tröpfelnde Wasserhähne provoziert, durch so genannte "Zeitmaschinen" ausgelöst. Nein, ProSieben verteilte keine De Loreans auf dem Gelände, es handelte sich dabei um das Roll-Kipp-Fall-Pendant zu den Pendeln des Domino Days, die während der Werbepausen rumpendeln, damit der Zuschauer nichts verpasst. Einziger Unterschied: Die Domino Day-Pendel werden wirklich für Werbepausen verwendet, die "Zeitmaschinen" dagegen um weitere Interviews zu ermöglichen, Zeit für noch mehr Einspieler zu schaffen oder auch einfach mal so.

Und so stürzte die Sendung kontinuierlich ab, von "interessantes Konzept" zu "schlecht umgesetzt" zu "peinlich und lächerlich". Als dann bei der von Cheerleadern umgesetzten Kettenreaktion zum Thema "Männerwelt" eine Schlange von Bierflaschen alle paar Zentimetern zum Halt kommt und ein völlig entnervter ProSieben-Mitarbeiter immer wieder "manuell von Hand" nachhelfen muss, bis er am Ende einfach nur noch wild gegen die Teile pfeffert, dass es nur noch so scheppert, ist der Wendepunkt erreicht: Das Roll-Kipp-Fall Spektakel wird zu einer Sternstunde der kultigen, unfreiwilligen Unterhaltung, von dem man die Augen nicht lassen kann. Es sei denn es passiert etwas so unglaublich blödes, dass man sich in Internetforen darüber das Maul zerreißen musste, wie etwa bei Quotenmeter. Durch dieses kollektive Lästern und Aufregen. etwa über die Bekanntgabe, dass die Kunststudenten für ihre Kettenreaktion NEUN (!!!) Credit Points für ihren Bachelorabschluss erhalten, wurde der Samstagabend letztlich doch sehr amüsant.

Das einzige, was beim Roll-Kipp-Fall Spektakel so zu überzeugen wusste, wie es sich auch gehörte war Moderator Matthias Opdenhövel, der im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht hilflos nach Gesprächsthemen mit seinen Interviewpartnern rang, um eine weitere Programmlücken zu überbrücken. Wo Stefan Gödde verzweifelt dreinblickte und Sonya Kraus wie ein aufgescheuchtes Schulmädchen im Drogenrausch wirres Zeug dahinblubberte, machte Opdenhövel souverän das Beste aus der Sache und überzeugte mit spontanen Neckereien mit den Kunststudenten oder auch der Frage, ob sein Gegenüber auf der Couch gerne noch Gummibärchen habne wolle.
Opdenhövel ist als Moderator wohl an Schlag den Raab gewachsen, auf jeden Fall merkte man ihm seine Erfahrung mit ungeplanten Verzögerungen und Wetten, dass...?-reifer Überziehung an.

Mit 2,28 Millionen Zuschauern (Quelle: Quotenmeter.de) war die Sendung ein akzeptabler Erfolg für ProSieben. Anscheinend greifte bei vielen Zuschauern der "Autounfall"-Effekt: Wenn man einmal hingesehen hatte, konnte man einfach nicht wieder wegschauen. Wie oft bleibt die Kette noch stehen? Welche Ausreden haben die Aufbauer und Kommentator Ron Ringguth noch auf Lager? Welche weiteren ProSieben-"Stars" werden in die Kamera grinsen? Das waren die Fragen, die einen an den Bildschirm fesselten, doch die größten zuschauermagneten waren die gegen Schluss schon völlig aggressiven ProSieben-Mitarbeiter (Kameramänner, Kabelhilfen, Aufnahmeleiter und Co.), denen man beim "entnervt nachhelfen müssen" einfach zu gerne zuguckte.

Sollte es 2010 wegen guter Quoten und trotz Gesichtsverlust ein zweites Roll-Kipp-Fall Spektakel geben, werden die Produzenten allerhand in die Wege leiten müssen, um eine ernstzunehmende Sendung auf die Beine zu stellen.
Bis auf Opdenhövel und die Grundidee "Kettenreaktion" müsste man fast alles austauschen. Es sei denn man verlässt sich darauf, dass das Publikum auch bei einem zweiten "Murphy's Law"-Abend vor Lachen umkippt, auf dem Boden rumrollt und an dem Scheitern Gefallen findet.

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4 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Scheinbar wollen die sich auch noch im Ausland blamieren:

"Weltrekord! ProSieben zeigt die größte Kettenreaktion aller Zeiten
[...]
Auch Holland, Belgien, Schweden und Norwegen zeigen die ProSieben-Show."

www.presseportal.de/pm/25171/1417350/prosieben_television_gmbh

Anonym hat gesagt…

Im tiefsten Westen Deutschlands gibt's richtige Biker-Gangs? Hätt ich dieses TV-Ereignis doch angeschaut, Mist! Da kennt man mal den Ort, aus dem die kommen und verpasst deren großen TV-Auftritt!

Schon allein wegen der genervten Pro7-Mitarbeiter hätte sich das Anschauen sicherlich gelohnt. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass das Ganze so daneben gegangen ist. Opdenhövel find ich mittlerweile richtig gut - bei "Schlag den Raab" ist er immer richtig unterhaltsam. Außerde beim letzten Mal dann um halb 2 nachts, aber da häte ich auch keine Lust mehr gehabt. *g* Und er schlägt sein "Pendant" vom bösen Privatsender-Konkurrenten um Längen - Schreyl und Opdenhövel dürfte man eigentlich gar nicht in einem Atemzug erwähnen. *mit Schrecken an die neue DSDS-Staffel denk, die natürlich wieder voller Grauen geschaut wird*

Sir Donnerbold hat gesagt…

Du magst Schreyl nicht und weißt, von welchen westlich gelegenen Städten hier die Rede war?

Kommentier nur weiter! ;-)

Anonym hat gesagt…

Na hör mal, wie kann man Schreyl denn mögen?! Sowas Aalglattes ist einzigartig und sollte es auch bleiben. Ein bisschen DSDS-Trash schau ich mir gern an, aber dann moderiert der ja immer. Ein unglaublicher Konflikt...

Im eigenen Kreis sollte man sich ein wenig auskennen. ;)

Wie du siehst, mache ich das mit Begeisterung. Hätte ich vorher von deinem Blog erfahren, würdest du jetzt nicht mit Kommentaren überflutet. Ich vermute, du wirst es überleben! ;)

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