Sonntag, 27. Dezember 2015

Die schlechtesten Filme 2015 (Teil I)

Es ist wieder so weit: Das Kinojahr 2015 ist (so gut wie) vorbei, und als großer Filmliebhaber nehme ich mir die gemäßigte Zeit zwischen den Jahren, um über die großen Rückschläge nachzudenken. Über Produktionen, die fürstlich langweilen. Über Storys, die verärgern. Und über Werke, bei denen einfach alles schief zu gehen scheint. Vor allem aber geht es darum, welche Filme bei mir große Antipathien wecken.

Daher sei an dieser Stelle, wie schon in den Jahren zuvor, gesagt: Diese Liste müsste ich eigentlich "Meine Hassfilme 2015" betiteln, nur ist das so eine ungelenke und aggressive Überschrift, dass ich mich davor scheue. Zutreffend wäre es aber. Diese Filme sind nicht zwingend die handwerklich schlechtesten des Jahres (dann würden sich hier C-Filme aus der Videotheken-Grabbelkiste tummeln), sondern die Streifen, deren Mängel mich frustrieren, nerven, ärgern oder in Verzweiflung stürzen.

Platz 25: SPECTRE (Regie: Sam Mendes)

Und schon muss ich noch einmal unterstreichen, dass dies eine höchst subjektive Liste ist, die sich darum dreht, wie sehr mich die hier genannten Filme verärgern. Denn in einer rein nach dem Filmlehrbuch gebürsteten Liste handwerklich misslungener Produktionen dürfte SPECTRE nicht zu den 25 schlechtesten Werken des Jahres gehören. Dafür ist die Kameraarbeit von Hoyte van Hoytema zu malerisch und Léa Seydoux macht dafür zu viel aus ihrer unterentwickelten Rolle. Aber: Aufgrund des dramaturgisch fehlgeleiteten Drehbuchs empfiehlt sich SPECTRE durchaus für den einen oder anderen Verriss. Und da mir zudem, von der spektakulären, stimmungsvollen Prolog-Sequenz abgesehen, nicht eine einzige Actionszene in SPECTRE zusagt, drängelt sich Daniel Craigs vierte Bond-Mission leider auch in meine persönliche Filmfrust-Liste 2015. Plottwists, die keine sind, ein verschenkter Christoph Waltz, ein völlig uninteressant eingesetzter Dave Bautista und die erschreckend schale Inszenierung der typischen Bond-Tropoi, nachdem Mendes in Skyfall noch den Nagel auf den Kopf getroffen hat, haben es dann letztlich ermöglicht, SPECTREs Drängelei in meine Flopliste durchgehen zu lassen.

Platz 24: Project Almanac (Regie: Dean Israelite)

Found Footage kann außerhalb des Horrorgenres Wunder wirken. Josh Tranks Debütfilm Chronicle ist für mich ein Paradebeispiel dafür, was der Found-Footage-Überbau leisten kann, wenn er nicht dazu genutzt wird, effizient (oder einfach nur billig) Suspense aufzubauen und kleine Jump Scares zu ermöglichen. Daher habe ich dem Konzept hinter Project Almanac durchaus Potential zugeschrieben: Eine Gruppe Jugendlicher gerät an eine Zeitmaschine und filmt sich dabei, wie sie diese Erfindung nutzen, um Spaß zu haben, Liebesprobleme auszubügeln und ihren Lebensweg auszubessern. Doch diese Michael-Bay-Produktion krankt an einem unausstehlichen Hauptdarsteller, sowie an einem Storytelling, das große Probleme damit hat, so Schwerpunkte zu setzen, dass die Geschichte an Spannung und Flair gewinnt. Hinzu kommen vermeidbare Logikprobleme und dieses schale Gefühl, das nach der Sichtung übrig bleibt: "Wo sind die letzten Minuten Lebenszeit hin, und wie kriege ich sie zurück?"

Platz 23: Chappie (Regie: Neill Blomkamp)

District 9-Regisseur Neill Blomkamp erarbeitet sich eiligen Schrittes den Ruf eines One-Trick-Ponys: Der Genrefilmer hat ein starkes Auge dafür, der ungeordneten, ausgebleichten, schmutzigen Großstadt Johannesburg ein charakterstarkes, faszinierendes Aussehen zu verleihen. Vor diesem Setting, das Blomkamp wie kein Zweiter beherrscht, drei Mal hintereinander eine Klassenkampf-Geschichte zu erzählen, ist trotzdem allein schon aus Prinzip ermüdend. Wäre Chappie allerdings eine clevere Auseinandersetzung mit den von Blomkamp angerissenen Ideen über Künstliche Intelligenz sowie die Frage bezüglich Erziehung versus Herkunft, so ließe sich die Monotonie in Blomkamps Schwerpunktwahl verzeihen. Da Chappie aber als Film genauso tumb ist wie seine Hauptfigur, und obendrein auch in Sachen Action seinen Möglichkeiten hinterherhinkt, bleibt von Blomkamps Sci-Fi-Actionthriller-Pseudodrama nur eins positiv in Erinnerung: Die von Hans Zimmer komponierte Hintergrundmusik, die mit Intensität gegen den schlechten Film anspielt, so als hätte der Oscar-Gewinner mal wieder gesagt: "Ach, was soll's, den Film kann niemand retten, aber wenigstens ich hätte gern Spaß ... Zeit für dröhnende Genialität!"

Platz 22: Zu Ende ist alles erst am Schluss (Regie: Jean-Paul Rouve)

Bevor mein Stammkino Sneak Previews eingeführt hat, war ich dem Konzept der "Überraschungs-Vorpremiere" nicht sonderlich angetan. Mittlerweile bin ich Sneak-Stammbesucher. Doch zwischendrin habe ich vorgeführt bekommen, weshalb ich lange vor dieser Idee zurückgeschreckt habe: Da freut man sich auf einen ungewöhnlichen Kinoabend. Und was bekommt man vorgesetzt? Eine seelenlose Fließband-Tragikomödie, die sich in einer nachdenklich markierten Stimmung suhlt, aber letztlich alle Probleme mit müden, kleinen Witzlein weglacht. Einige der Darsteller haben Charisma und einzelne Running Gags sind ganz süß. Das reicht jedoch nicht, um über die gähnende Langeweile hinwegzutäuschen, die sich hier breit macht.

Platz 21: Self/less - Der Fremde in mir (Regie: Tarsem Singh)

Das passiert wohl, wenn ein Regisseur keinen Mittelweg kennt: Tarsem Singh musste sich in seiner bisherigen Kino-Karriere wiederholt der Kritik aussetzen, seine Regiearbeiten seien zu schräg, zu schrill, zu überdreht. Mit Self/less überkorrigiert Singh den Kurs und driftet ins Beliebige, Nichtssagende ab. Sämtliche philosophischen Fragen dieser Körpertauschgeschichte werden nach wenigen Minuten über Bord geworfen, um einen Thriller von der Stange zu erzählen. Bloß, dass Singh die entstehende Verfolgungsjagd zwischen Ryan Reynolds als wieder jung gewordener Millionär mit der Spannung eines schlaffen Gummibandes übermittelt. Bloß eine Szene sticht aus diesem grau-grauen, drögen Thriller heraus: Eine präzise geschnittene, kreativ vertonte, atmosphärische, belebende Montagesequenz, die den Protagonisten am Startpunkt eines neuen Lebens in New Orleans zeigt. Singh hat den Dreh raus. Nun muss er diesen Dreh nur für eine Laufzeit von mehr als einigen wenigen Minuten durchziehen.

Platz 20: Regression (Regie: Alejandro Amenábar)

Ein Historiendrama über gesellschaftliche und juristische Missstände, dass für rund 80 Minuten seiner Laufzeit so tut, als sei es ein sich langsam entfaltender Psychothriller, der sich wiederum orientierungslos an der Bildsprache und Dramaturgie von Horrorfilmen bedient: Regression könnte mit einem konzentrierten, tief schürfenden Drehbuch vielleicht eine packende Box-in-einer-Box-in-einer-Box darstellen. Aufgrund eines auf der Stelle tretenden, effekthascherischen Skripts und einer mühselig-erzwungenen Regieleistung ist Regression dagegen ein lascher, uninspirierter Film, der weder die grauen Zellen herausfordert, noch Gänsehaut erzeugt. Und Emma Watson wirkt darstellerisch so verloren wie nie zuvor. Sie kann es doch so viel besser!

Platz 19: The Gunman (Regie: Pierre Morel)

Nach einem angestrengten Prolog, der The Gunman so gerne Gewicht verleihen und diesen Actioner zu einem Werk mit Aussagekraft über heutige Kriegsgebiete machen würde, entwickelt sich Pierre Morels 40-Millionen-Dollar-Produktion zu einem vollkommen austauschbaren Stück Fließbandware. Obwohl: Das stimmt nicht. Auf Skriptseite mag dies der Fall sein, doch mit einem stoisch-gelangweilten Sean Penn in der Hauptrolle und Morels schwerfälliger Inszenierung ist The Gunman zu lahm, um als Fließband-Actionfilm durchzugehen. Von zwei lichten Momenten abgesehen (Stichwörter: Flammendes Bad und Duell mit Magazinen) ist The Gunman das, was wohl aus Jason-Statham-Filmen werden würde, wenn man so dumm wäre, sie mit Baldrian, Kamillentee und No-Name-Schlafmitteln außer Gefecht setzen. Und ihnen dann den Humor rausoperiert.

Platz 18: Blackhat (Regie: Michael Mann)

Michael Mann macht mir allmählich Sorgen: Der Thriller-Experte hat seinen letzten brillanten Film vor elf Jahren abgeliefert, und zwar mit dem mörderischen Nacht-Trip Colleteral. Public Enemies war in Ordnung, dafür sind Miami Vice und Blackheat übergroße, in körniger Digitalästhetik gehaltene Schlaftabletten. Zwar ist es löblich, dass Mann versucht, Hacking akkurat darzustellen, statt in typischer Hollywood-Manier. Aber ohne eine zündende Story und mit Figuren, die so flach sind, dass man durch sie hindurch ganz altmodisch eine Tageszeitung lesen könnte, ist authentisches Hacking nicht gerade ein Spitzenargument, um sich so einen undenkwürdigen Film anzuschauen.

Platz 17: Escape From Tomorrow (Regie: Randy Moore)

"Prätentiös" ist ein Begriff, der in Verrissen viel zu häufig genutzt wird. Aber auf Randy Moores mit Guerilla-Filmemachertaktiken in Walt Disney World und Disneyland gedrehter Schwarz-Weiß-Horrorfilm trifft dieses Label makellos zu. Schlechte Computereffekte und billig konzipierte Schreckmomente gehen hier Hand in Hand mit pubertär gedachter Satire, derbem Overacting und einer gehässigen Attitüde, die jedoch unter Konfusion darüber zu leiden scheint, wo eigentlich ihr Ziel liegt. Ich bin offen für gezielte, profunde, einfallsreiche Disney-Parodien und alternativ für Eltern-Horror, der inneren Tumult gegen das äußere Glück anspielen lässt. Escape From Tomorrow ist aber derartiges Kuddelmuddel, dass dieses berüchtigte Projekt bestenfalls als ungewollte Komödie funktioniert.


Platz 16: American Sniper (Regie: Clint Eastwood)

American Sniper ist (abgesehen von einer klar als solche erkennbaren Baby-Puppe, die für ein echtes Kleinkind einspringt) mit Abstand der Film im ersten Teil meiner Flop-Liste 2015, der technisch den größten Eindruck hinterlässt. Joel Cox und Gary D. Roach leisten als Cutter preiswürdige Arbeit: Wann und wie sie schneiden, lässt das Adrenalin hochkochen und wertet auch die Erzählweise enorm auf. Darüber hinaus sind Tonschnitt und -abmischung großartig: Der Kriegslärm rüttelt wach, brennt sich in die Gehörgänge, ist aber dennoch mehr als nur klangliche Dissonanz. Man merkt, dass hier Experten genau darüber nachgedacht haben, wann was wie herumtönt. Bradley Cooper agiert überdurchschnittlich gut als der titelgebende Spitzen-Scharfschütze Chris Kyle und Tom Sterns Kameraarbeit ist versiert - wenngleich im Zusammenspiel mit Eastwoods Regieführung teils arg pathetisch. Und hiermit erreichen wir die kritischen Aspekte dieses Dramas: American Sniper handelt von einer grantigen, vorurteilsbelasteten Persönlichkeit, der durch Pathos, Heldenverehrungskitsch und lasche Argumente der ihr politisch gegenüberstehenden Figuren keine komplexe, differenzierte Betrachtung zugutekommt. Sondern einseitiges Flaggenschwingen. In seinen besten Momenten ist American Sniper nur konservativ geraten, in seinen schlimmsten aber (aufgrund inszenatorischer Ausrutscher in diffizilen Szenen) verlogen und hetzerisch.

Demnächst findet ihr hier bei SDB-Film meine Flop 15 der Kino- und Videotheken-Filme 2015. Seid gespannt!

Samstag, 26. Dezember 2015

Men & Chicken


Na, das hat aber gedauert: Zehn Jahre ließ Anders Thomas Jensen die Filmwelt auf seine neue Regiearbeit warten. Jetzt meldet sich der Däne, der schon Blinkende Lichter, Dänische Delikatessen und Adams Äpfel auf die Leinwand brachte, endlich zurück – und bleibt sich dabei nach all den Jahren in einem nicht unerheblichen Punkt treu. Wieder einmal spielt Mads Mikkelsen eine zentrale Rolle, und das, obwohl der dänische Schauspielgott seit Jensens Regiearbeit aus dem Jahr 2005 einen gehörigen Karriereschub erlebte und neuen internationalen Ruhm genießt. Von Eitelkeit aber keine Spur: Mikkelsen unterwirft sich hier völlig der absurd-boshaften und zugleich aufgeweckten Geschichte, die zwar nicht unbedingt als Jensens mitreißendste Skriptarbeit in Erinnerung bleiben wird, aber sehr wohl eine ganz eigene Faszination entwickelt ...
Die Brüder Gabriel (David Denick) und Elias (Mads Mikkelsen) könnten unterschiedlicher nicht sein – abgesehen von einer mehr (bei Gabriel) oder minder (bei Elias) erfolgreich wegoperierten Hasenscharte. Während der schüchterne, gebildete Evolutionspsychologe und studierte Philosoph Gabriel halbwegs sicher im Leben steht und empathisch ist, mangelt es Elias an Geduld, Zurückhaltung und Bücherwissen. Dass er zudem wie besessen davon ist, mehrmals täglich zu masturbieren, und sein fehlendes Glück bei Frauen mit Prahlerei kompensiert, macht Elias für Gabriel endgültig zu einem anstrengenden Verwandten.
Als die Brüder via Videobotschaft von ihrem Vater erfahren, dass sie nur adoptiert sind und verschiedene Mütter haben, machen sie sich trotzdem gemeinsam auf, ihren leiblichen Vater kennenzulernen. Dieser soll längst biblisches Alter erreicht haben und ein berüchtigter Wissenschaftler sein, der sich auf die schwach besiedelte Insel Ork zurückgezogen hat. Auf der kargen Insel angelangt, bricht eine Überraschung auf Elias und Gabriel herein: Sie haben drei Halbbrüder. Gregor (Nikolaj Lie Kaas), Franz (Søren Malling) und Josef (Nicolas Bro) leben von der restlichen Bevölkerung abgekapselt, sehen schräg aus und haben extreme Launen. Aber wegen seiner Sehnsucht, seinen leiblichen Vater zu treffen, lässt sich Elias nicht verscheuchen …
Das Kinopublikum ist gut beraten, es Elias gleichzutun und dem schweren Einstand zum Trotz eine kleine Portion Geduld mitzubringen. Denn ehe sich Men & Chicken voll entfaltet, mutet diese genussvoll-absonderliche Erwachsenenfabel wie eine stumpfsinnige Hinterwäldlerkomödie an, in der Gabriel als einzig zurechnungsfähige Figur einen dauerwichsenden Bruder, verquere Inselbewohner und seine neu entdeckte, schräge Familie zu erdulden hat. Zwar verkürzt geschliffener Dialogwitz die nicht ganz ausgefeilten ersten Minuten (Elias' Umgang mit seinem Date setzt Maßstäbe für spätere Wortwechsel im Film), dennoch gibt sich Anders Thomas Jensen zum Einstieg von einer arg rüpelnden Humorseite. Nachdem Gabriel und Elias aber eine erste Nacht im gewaltigen, abgeranzten Ex-Sanatorium verbracht haben, das ihre Halbbrüder Heimat nennen (und als Tennisplatz, Käserei sowie Bauernhof nutzen), kommt Men & Chicken aber endlich in Gang.
Nicht, dass diese obskure Geschichte mit einem Schlag zügiger erzählt werden würde – sehr wohl aber mit viel mehr Einfühlungsvermögen. Wobei das vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Viel mehr lebt sich Jensen nach der ersten Übernachtung bei der irren Sippschaft allmählich in deren Gepflogenheiten ein. Und so gewinnt Men & Chicken einerseits an Dimension, was die Charakterzeichnung der drei Ork-Originale anbelangt. Mit Treuseligkeit und Neugierde, umfassendem Bücherwissen und unerwarteter Sportlichkeit oder mit einer tief, tief unter der herrischen Oberfläche versteckten Verletzlichkeit entwickelt jeder im dysfunktionalen Trio einen eigenen Charakter mit reizvollen Widerhaken. Gleichwohl geht mit der voranschreitenden Laufzeit eine wachsende Anzahl an grotesken, teils abscheulichen Details einher. Dass sich die Brüder mit Nudelhölzern und ausgestopften Tieren verprügeln, ist nämlich noch das Normalste an ihnen.
Jensen balanciert seine Zuneigung zu den Außenseitern und seine Faszination fürs Makabere sowie Schräge aus, indem er seiner pechschwarzen, vor Ideen platzenden, gemächlich erzählten Geschichte eine verstört-verträumte Atmosphäre verleiht. Dazu tragen überzeichnete Situationskomik und die unwirkliche Musik ebenso bei wie die abstrus-assoziative Weise, wie Men & Chicken seine Gedanken über Zivilisation, Sozialisation und biologischer Veranlagung anreißt (besonders pfiffig: Jensens Einbindung der Bibel!). Für einen Film, der fast so viel Hintersinn enthält wie amüsanten Irrsinn, ist diese doppelbödige Sippschaft-Chronik ungewohnt leichtgängig und unverkopft erzählt. Damit geht zwar auch einher, dass die zur Verständigung aufrufende Botschaft gen Schluss etwas schwammig wird, jedoch wissen die Albernheit, Bitternis, und Unkorrektheit vermengenden Pointen zweifelsohne dafür zu entschädigen.
Obwohl das ganze Ensemble gute Leistungen abgibt, sind es an vorderster Front die Verantwortlichen für Szenenbild, Produktionsdesign und Kostüme, die eine gesonderte Nennung verdient haben: Beim Anblick der abgeranzten Villa bekommt man glatt Angst, sich Herpes, Tetanus, Typhus und sonstwas einzufangen. Und wenn sie schattig ausgeleuchtet wird, erhält sie zudem eine Ausstrahlung wie ein uriges Horrorfilmhaus. Trotzdem wächst sie einem ans Herz – mit all ihren durchgeknallten Details ist sie zu interessant, als dass man sie in den Szenen an anderen Schauplätzen nicht vermissen würde.
Schlussendlich ist Men & Chicken ein willkommen andersartiges, bizarres Stück dänisches Kino, das in aller Seelenruhe ein schwarzhumoriges Familiendrama erzählt und dieses mit den grotesken Qualitäten einer skurrilen Böse-Nacht-Geschichte anreichert. Das wird vielleicht selbst manchen Jensen-Anhänger verprellen, ist aber vom lahmen Anfang abgesehen so passioniert und besonders geraten, dass es sich lohnt, über seinen Schatten zu springen. Denn dieser Wahn hat Respekt verdient!