Samstag, 30. April 2011

Quentin Tarantino kettet Django los!

Bevor die große Mai-Sause losgeht, hier noch schnell ein Quentin-Tarantino-Update!
Ende Februar machte das Gerücht die Runde, dass der Kult-Filmemacher als nächstes endlich seine lang gehegten Westernwünsche wahr macht und nach ganz eigener Art einen Spaghetti-Western in Angriff nimmt. Unter den Stars des Films sei auch Christoph Waltz, der in Inglourious Basterds eine schlechthin göttliche Performance abgab.

Vor einigen Stunden kam das Gerücht auf, dass dieser Western Django Unchained heißen wird, und mittlerweile wurde diese Meldung offiziell bestätigt. Der Genre-Kenner findet schon hier in bestem Inglourious Basterds eine Verneigung vor einem Klassiker des Kinos mit Exploitation-Wurzeln. Django, der berüchtigte, keine Gefangenen machende Westernheld... Und wie schon Inglourious Basterds wird auch Django Unchained kein Remake sondern... Naja, "gänzlich original" kann man bei Tarantino kaum sagen, jedoch bestimmt "durch und durch originell"... Jedenfalls ist dies der offizielle Plot-Anriss:
“Django is a freed slave, who, under the tutelage of a German bounty hunter (played by Christoph Waltz) becomes a bad-ass bounty hunter himself, and after assisting Waltz in taking down some bad guys for profit, is helped by Waltz in tracking down his slave wife and liberating her from an evil plantation owner.”
Schonmal eine Sensationsrolle für Waltz, die da wartet. Im Tarantino-Universum kann bewährtes allerdings wirklich großartiges bedeuten, und sind wir ehrlich, wir wollen Waltz eh alle nur noch als Schurken sehen, also meckern wir nicht über Klischeebesetzungen. So gehört's halt!

Deadline kündigte an, dass Tarantino ein erstklassiges Ensemble im Kopf habe, je nachdem, ob er es zusammenkriegt, könnte schon diesen Sommer der Dreh starten. Das bewährte Joint Venture zwischen der Weinstein Company und Universal wird Tarantino vom Zweiten Weltkrieg ins Western/Southern-Genre verfolgen, wer den Schnitt übernimmt, ist bislang nicht bekannt.

Newsies

Zahllose Zeichentrickfilme, Mary Poppins, Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett, Die Muppets-Weihnachtsgeschichte und, ja, selbst die High School Musical-Teile: Wenn der Disney-Konzern ein Musical rausbringt, dann ist ihm ein beachtlicher Erfolg gewiss. Schließlich ist der einprägsame Einsatz von Musik die Spezialität Disneys, nicht wahr?

Trotzdem sind Musikeinlagen keine garantierte Erfolgsformel für Disney. Manche Musicals scheitern daran, sich große Publikumsresonanz zu erarbeiten. Wer kennt schon Der glücklichste Millionär? Die Produktion von 1967 geriet rasch in Vergessenheit und lebt nur noch als Hintergrundmusik in der Main Street U.S.A. der Disneyparks weiter. Der glücklichste Millionär beweist allerdings auch: Ab einer gewissen Produktionsgröße ist es eigentlich nahezu unmöglich, dass Disneyfilme komplett untergehen. Irgendwie finden sie immer einen Zufluchtsort, an dem sie weiterleben. So erging es auch einem weiteren erfolglosen Disney-Musical: Newsies.

Der auf wahren Begebenheiten basierende Realfilm kam 1992 auf den Schwingen der Disney-Trickrenaisssance in die US-Kinos, und das wohl nicht gerade von tiefstapelnden Erwartungen begleitet. Ursprünglich war es geplant, die Ereignisse des Zeitungsjungenstreiks anno 1899 als Drama zu verfilmen, aber da sich Disney mit Arielle, die Meerjungfrau wieder auf sein musikalisches Geschick zurückbesinnte, wurde Komponist Alan Menken herbeigeordert und Newsies zum Musical umfunktioniert. Für den Score engagierte Disney allerdings den unterschätzten Studioveteranen J.A.C. Redford, der bereits den Score zu Oliver & Co. schrieb und in den Folgejahren auch an Mighty Ducks 2 & 3, Mein großer Freund Joe oder WALL•E mitarbeiten sollte. Die Regie und Chroegraphie übernahm derweil Kenny Ortega, der zuvor die Tanzschritte des Welterfolgs Dirty Dancing erdachte und später mit Hokus Pokus einen Disney-Kulthit schaffen sollte. Und wieder einige Jahre darauf fand er auf dem Regiestuhl der High School Musical-Trilogie Platz.

Disney wünschte sich für Newsies zunächst den Oscar-prämierten Texter Howard Ashman, welcher allerdings schon zu Produktionsbeginn von seiner AIDS-Erkankung stark geschwächt war und die Federführung deswegen an Jack Feldman (Oliver & Co.) abgeben musste. Einige Monate vor Kinostart verstarb Ashman bekanntlich und hinterließ in der Musikwelt und den Disney-Studios eine große Lücke.

Newsies wurde ein bitterer Kinoflop für die Disney-Studios: In den USA nahm das Musical gerade einmal 2,8 Millionen Dollar ein, die internationale Auswertung fiel ebenfalls sehr klein aus - in manchen Ländern wurde Newsies zur bloßen Videopremiere degradiert. Wie jedoch erwähnt, leben gerade bei Disney öfters mal Totgesagte länger. Als Leihkassette und mittels zahlreicher Wiederholungen im Disney Channel wurde Newsies in den USA ein Achtungserfolg, der sich eine eingeschworene Kult-Fangemeinschaft aufbauen konnte. Diese konnte mittels Petitionen eine DVD-Veröffentlichung erbetteln und ist generell recht lautstark. Wie Hauptdarsteller Christian Bale anmerkte, der sich lange Zeit von Newsies distanzierte und erst jüngst wieder mit dem Film wärmer geworden ist: Sagst du etwas schlechtes über Newsies, sind sofort seine Verteidiger da und ermahnen dich.

Möglicherweise ist es auch die Chance, einen jungen Christian Bale singen und tanzen zu sehen, die den Kult um Newsies immer weiter anfacht. Mittlerweile ist Newsies nämlich vom Schandfleck zu einem respektierten Katalogtitel Disneys geworden - schon länger wurde laut über eine Broadway-Adaption nachgegrübelt und seit letztem Jahr arbeitet Alan Menken tatsächlich an Variationen seiner alten Songs sowie neuen Melodien für das Bühnenstück. Nicht schlecht für einen mehrfach Razzie-nominierten Kinoflop, der Menken die berühmt-berüchtigte Goldene Himbeere einbrachte...

Kommen wir endlich mal zur Story des Films: Joseph Pulitzer beschäftigt 1899 für seine Zeitung New York World zahllose heimatlose, arme und verwaiste Jungen als Zeitungsverkäufer. Unter den sich in feinster Charles-Dickens-Manier durchschlagenden Buben befindet sich auch der 17-jährige Jack "Cowboy" Kelly, der mit seinen hochtrabend klingenden Geschichten über seine Vergangenheit sowie seiner Gewitztheit eine Führungsperson für die Zeitungsjungen-Bande darstellt. Als der Satz, den Zeitungsjungs für die Ausgaben bezahlen müssen erhöht wird, nicht aber der Endpreis, beschließen Jack und sein enger Freund David, dass es an der Zeit ist, einen Streik anzuzetteln. Dabei erhalten sie Hilfe vom Reporter Bryan Denton und dem Veudeville-Star Medda "Swedish Meadowlark" Larkson. Für den von der Polizei verfolgten Jack entsteht so ein Dilemma, da er seinen neu gewonnenen Freunden zur Seite stehen, aber auch gerne sämtliche Brücken abfackeln und nach Santa Fe fliehen möchte...

Dass Newsies seinerzeit von vielen Kritikern verrissen wurde, erstaunt nicht wirklich. Die größte Sünde dieser Disney-Produktion ist ihre Unbeständigkeit im Tonfall. Die meisten Gesangseinlagen versprühen den klassischen Disney-Musical-Kitsch oder -Pathos, sie sind über-lebensgroß, bunt, spaßig. Der Kern der Handlung wird hingegen für die meiste Zeit viel seriöser genommen. Newsies versteht sich nicht als die verrückte, aber wahre Geschichte eines Zeitungsjungen-Streiks, sondern als ein echtes Drama. Selbstverständlich nicht als ein bitteres, schwerfüßiges Drama... Newsies möchte eines dieses inspirierenden Dramen für die ganze Familie sein, das für jeden leisen Schluchzer später eine Freudenträne einlösen möchte. Und dann kommen wieder diese Momente, in denen Newsies wieder wie eine Disney-Familienkomödie wirkt. Das sind zwar alles keine krassen Gegensätze, und in den Händen eines erfahrenen Regisseurs könnten diese Elemente garantiert auch fließend ineinander übergehen, Debütant Kenny Ortega lieferte aber einen Film ab, der den Eindruck erweckt, dass nach Drehschluss das Studio die abgelieferte Version nicht mochte und von einem zweiten Regisseur unter großem Zeitdruck einige Nachdrehs forderte. Missionsziel: Den Tonfall ändern. "Wir wollen alles genauso... nur anders!" Newsies ist für Disney-Musicals insofern ungefähr das, was Hancock für das Superheldengenre darstellt.

Damit erklärt sich jedoch auch ein sicherlich nicht unerheblicher Teil des Kultfaktors von Newsies. Während Hancock als großes, ambitioniertes Experiment scheiterte und somit zwar unterhält, aber auch deprimiert, nahm sich Newsies ja keine Revolution der Musicalwelt vor. Es waren wesentlich kleinere Brötchen, die gebacken werden sollten, und dass sie nun nicht wirklich rund geworden sind, stört mit etwas Abstand zum Werk überhaupt nicht. Für Kinder ist Newsies vielleicht passagenweise etwas langatmig, aber auch ein ganz süßer Spaß, für den erwachsenen Zuschauer gehen mittelmäßige bis gute Musicaleinlagen Hand in Hand mit dieser typischen Kult-Wirkung... Newsies hat aufgrund der Divergenz zwischen seinen Kern-Sequenzen einen leicht campigen Touch, ohne dabei derart schrill wie High School Musical zu werden. Newsies ist eher "Annie für Jungen... mit dem Versuch, etwas Kitsch durch Anspruch zu ersetzen, wobei allerdings Camp entstand".

Stellt euch vor, im Hintergrund hinge ein roter Vorhang... "Zeitungs... Jungen... Musical...!"

Darstellerisch ist Newsies recht durchwachsen: Die meisten der Kinder- und Jugenddarsteller sind hauptsächlich als Tänzer und Sänger ausgebildet, weshalb das Schauspiel zwar unaffektiert, nicht aber besonders tiefgreifend ist. Christian Bale macht seine Sache gut und gibt dem Film einen emotionalen Bezugspunkt. Die Erwachsenen hingegen sind entweder blass (etwa Bill Pullman), oder sie übertreiben in ihrer Darstellung maßlos, wie etwa im Fall von Robert Duvall als Joseph Pulitzer. Gerade die Nebendarsteller Duvall und Ann-Margret tun den Film mit ihren Leistungen aus künstlerischer Sicht überhaupt nicht gut, verstärken aber enorm den Spaßfaktor.

Bei einem Musical ist es natürlich immer besonders wichtig, wie gut die Musik denn nun abschneidet. Newsies ist in diesem Belang recht unauffällig. Der generelle Stil der Lieder ist sehr familiär, erinnert an kleinere, dramatische Musicals aus der Zeit zwischen dem Glamour-Boom und der Renaissance zu Beginn der 90er Jahre und bricht selten aus diesem Klangschema aus. Mit Alan Menken als Komponisten kann man sich jedoch gewohntermaßen auf einige hartknäckige Ohrwürmer einstellen. Die Szenenstücke, wie das Eröffnungslied Carrying the Banner oder den wiederkehrenden Titel The World Will Know finde ich recht blass, während das "Ich will"-Lied Santa Fe, welches die Abenteuerlust und das Fernweh von Bales Figur mit seiner Klangverschmelzung von Western-Versatzstücken und klassischem Broadway-Sehnsuchtsballadenschmalz besingt, eines der interessanteren und originelleren Lieder aus Newsies ist. Die mit der Goldenen Himbeere prämierte, eingeschobene Vaudeville-Nummer High Times, Hard Times wiederum ist eigentlich recht kurzweilig, jedoch ziemlich überflüssig und auch klischeebeladen. Der Anti-Preis ist dennoch unverdient, selbst wenn der bei Disney fast schon unverzichtbare Slot des Spaßsongs viel erfrischender und kecker durch King of New York erfüllt wird, einer augenzwinkernden Feiernummer der Zeitungsjungen, in der sie nach einem Zwischensieg davon träumen, was sie sich alles gönnen können. Wie etwa Havannas für einen Vierteldollar. King of New York, Alan Menkens Lieblingsnummer aus Newsies, ist auch in exakt dem Tonfall gehalten, der diesem Musical konstant gut getan hätte. Es hat eine grundlegende Ehrlichkeit in sich, aber auch ein verschmitztes Lächeln.

Mein Lieblingsstück aus Newsies ist dennoch das als Protestlied der Zeitungsjungen eingeführte Seize the Day. Es ist eine dieser typischen Musical-Massennummern, inklusive dem markanten Disney-Touch und amüsantem, noch knapp vor dem Overkill eingesetztem Pathos. Der dezente irische Flair bringt Schwung rein, gleichzeitig setzt man mit unisono gesungenen, langgezogenen Textpassagen auf Gänsehaut-Wirkung. Es ist schwer, es im Gesamtkontext des Musicals komplett ernst zu nehmen, doch ein schönes Lied.

Dies bringt mich auch zur Choreographie in Newsies: Kenny Ortega muss man es einfach lassen, dass er wirklich viel von diesem Geschäft versteht. Nicht umsonst war er einer der Vertrauensmänner Michael Jacksons und was man auch von der High School Musical-Musik halten mag, die Tanzschritte waren eine großartige Mischung aus jung und frisch sowie ehrwürdigen Hommagen. Auch Newsies versteckt ein paar Verbeugungen vor großen Meistern mit aufwändigen, eigenen Tanzschritten, die auch allesamt von der Kamera gut eingefangen werden. An Produktionswerten hat Disney bei Newsies sowieso nicht gespart... Jedoch hat Ortega gerade bei der wohl sehr ergreifend und inspirierend wirken wollenden Reprise von Seize the Day ein weeeeenig zu mordern gedacht, weshalb man sich das Grinsen in der Sequenz kaum verkneifen kann. Aber seht selbst:



Da respektiert man Leute wie Gore Verbinski sogleich um ein vielfaches mehr. Denn so hätte die Eröffnungssequenz von Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt bestimmt ebenfalls aussehen können... Im großen Finale von Newsies passiert ein ähnlicher Patzer. Das eh schon recht kitschige Ende wird von einem lachhaften Mini-Auftritt böse untergraben... Auch wenn man ihn sich bestimmt denken kann, will ich ihn hier nicht verraten. Doch ich habe keine Hemmungen zu sagen, dass es nicht so aussieht, als wäre da am Rande des Bildes ein Schauspieler, sondern ein ausrangierter Audio-Animatronic, den man aus dem Disneyland geklaut und auf's Set verfrachtet hat. Und ja... auch sowas vergrößert nur den Kultfaktor von Newsies.

Kurzum: Newsies ist ein sehr gut gemeintes Musical-Drama, das ganz nüchtern betrachtet schlicht ein mittelmäßiger Disney-Realfilm unter vielen ist, aber diesen altbekannten, ungewollten Charme hat, der viele Kultfilme ausmacht. Nicht, dass er so schlecht ist, dass er wieder gut wird... Nein. Newsies ist einfach nur so anders als von seinen Machern geplant, dass er unversehens vergnüglich wird.

Weitere Kritiken:

Affleck verzichtet auf die Wiederholung



Vor einigen Monaten gab es einige aufgeladene Diskussionen darüber, welchen Film Regisseur Ben Affleck als nächstes anpacken soll. Nach The Town waren Studios und Zuschauer gleichermaßen gespannt auf Afflecks nächsten Schritt, und zwischenzeitlich sah es so aus, als verfilme Affleck den Thriller Replay. Dieser Roman handelt davon, dass ein Radiojournalist eines Tages aufwacht und sich wieder in seiner Jugend befindet. War die Zukunft, sein gesamtes Erwachsenwerden nur ein Traum? Oder kennt er die Zukunft? Und... wie nutzt er dieses Wissen aus?
Die Vorstellung, dass Affleck einen solchen Film dreht, fand ich sehr spannend (da ich Affleck den richtigen Tonfall für so eine Idee zutraue), aber auch etwas enttäuschend, weil mir die Idee bekannt vorkam. Einige Leser erinnern sich zurück, andere klicken hier.

Wie Collider jetzt berichtet, ist Affleck nicht mehr an Replay interessiert. Dafür befindet sich ein anderer bekannter Regisseur in Verhandlungen um das Projekt: Zeitreise-Experte Robert Zemeckis. Was angesichts solcher Filme wie Zurück in die Zukunft 1 - 3, Forrest Gump und Falsches Spiel mit Roger Rabbit vor zehn Jahren noch für Jubelschreie gesorgt hätte, löst nun bestenfalls ein vorsichtiges Bangen um den Film aus. Zemeckis hat längst sein sicheres Händchen verloren - natürlich kann man hoffen, dass er es im Realfilmsektor wiederfindet, aber Affleck wäre mir wirklich viel lieber.

Wir dürfen nun alle Wetten abschließen, ob Tom Hanks in der Hauptrolle besetzt wird.

Donnerstag, 28. April 2011

LEGO - Am Ende der Welt

Die LEGO-Piraten arbeiten in ihren Trailern nun auch den zuletzt veröffentlichten Pirates of the Caribbean-Film ab. Die Parodien von Am Ende der Welt finde ich jetzt nicht ganz so gelungen, wie die von Die Truhe des Todes, aber dafür sieht man, dass die Entwickler sich intensiv mit dem Stoff auseinandersetzten: Es gibt eine Parodie einer "Deleted Scene"!

Wer Material zu Fremde Gezeiten wünscht, darf sich ebenfalls freuen: Amazon hat mittlerweile Hörproben des Soundtracks! Die ganzen Remixe können mir gestohlen bleiben, aber der echte Score klingt schonmal interessant. Das wird ein heiteres Melodienraten, sobald die komplette Filmmusik auf uns losgelassen wird. Sollten die Hörproben ein repräsentativer Indikator sein, wird insbesondere die erste Actionsequenz wohl ein gigantisches Musikquiz für Fans der genialen Piraten. Wenn schon in einem kurzen Hörschnipsel bis zu drei bekannte Melodien übereinandergelegt werden, dann erwarte ich eine echte Herausforderung, das gesamte Stück zu entschlüsseln...

Update: Etwas längere Hörproben sind aufgetaucht.

Siehe auch:

"The Lone Ranger" hat einen neuen Star

Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, aber jetzt könnte The Lone Ranger endlich vorankommen. Die von Jerry Bruckheimer und Walt Disney Pictures geplante Kinoadaption des Texas Rangers aus einer klassischen Radio-Hörspielreihe hatte lange Zeit keinen Hauptdarsteller und auch die Suche nach einem Regisseur gestaltete sich schwierig. Nachdem laut über Mike Newell nachgedacht wurde, engagierte man im September letzten Jahres Gore Verbinski. Interessanterweise nur wenige Wochen, nachdem Disney Mewells Prince of Persia als einen Film zu den Akten legen musste, der weniger als erhofft einnahm...

Auch die Autorenfrage ist verworren: Bruckheimer holte seine Lieblinge Ted Elliott und Terry Rossio zum Projekt, aber die Disney-Studios schuldeten einem weiteren Autoren einen Gefallen, so dass das Drehbuch nochmal überarbeitet wurde.

Eigentlich gab's bislang nur folgende feste Infos: Johnny Depp übernimmt die Nebenrolle des Sidekicks Tonto, wird aber sicherlich jede Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Bruckheimer produziert, Verbinski woll Regie führen. Vor einigen Tagen schien es dann, dass man sich mit Ryan Gosling einigen konnte. Anscheinend sind die Verhandlungen gescheitert, denn nun berichtet Deadline, dass stattdessen Armie Hammer die Titelrolle übernehmen könnte. Hammer spielte die Winklevoss-Zwillinge in The Social Network und ist seither in Hollywood auf dem aufsteigenden Ast. Ein großer Blockbuster fehlt ihm aber noch. Bislang. Vielleicht kommt The Lone Ranger jetzt endlich in Produktion...?

Dienstag, 26. April 2011

Eurovision 2011: Das erste Halbfinale (Teil I)

Kaum zu glauben, aber wahr: Rund ein Jahr ist es mittlerweile her, dass das letzte Mal das große Eurovision-Fieber ausbrach. Damals schwamm fast ganz Deutschland auf einer von Raabs Qualitäts-Casting Unser Star für Oslo auf einer Euphoriewelle - wie ironisch, dass die gefühlte Moral ausgerechnet bei der "Europameisterschaft im Singen" im eigenen Land wieder Richtung Süden geht. Die Apathie eines Alex Swings, Oscar Sings-Jahres ist dennoch glücklicherweise in weiter Ferne und es sind ja noch ein paar Tage bis zum 56. Eurovision Song Contest. Da kann sich das Eurovision-Fieber noch um einiges steigern.

Der Eurovision Song Contest 2011 sieht die Rückkehr alter Nationen wie Österreich und Italien - plötzlich wittern sie für Westeuropa wieder Siegeschancen, schon sind sie wieder mit von der Partie. Dennoch hat sich am Modus nichts geändert. Zwei Halbfinals, fünf gesetzte Finalteilnehmer. Am 10., 12. und 14. Mai heißt es dann, frei nach Daniel Küblböck: Feel your heart beat!

Auf dem Weg dorthin möchte ich euch, wie in den vergangenen Jahren, die diesjährigen Eurovision-Beiträge einen nach dem anderen vorstellen. So als kleine Vorbereitung, denn so wird's tatsächlich nochmal um einiges spannender. Man kann sich schon im Vorfeld Favoriten rauspicken und ihre Entwicklung miterleben. Außerdem ist diese ganze Eurovision-Berichterstattung ein toller Lückenfüller zwischen zwei Pirates of the Caribbean-Beiträgen...

Kommen wir also endlich zum ersten Beitrag des ersten Halbfinales...

Startnummer 1: Polen - Jestem (Magdalena Tul)


Unsere polnischen Nachbarn starteten mit einem Knall in ihre Eurovision-Geschichte: 1994 schaffte es der Beitrag To Nie Ja! auf den zweiten Platz. Seither hat es nur noch ein weiteres Mal für die Top Ten gereicht, nämlich 2003 mit dem mehrsprachigen Titel Keine Grenzen - Zadnych Granic. Die international verständliche Karte wird dieses Jahr nicht gespielt: Jestem, zu deutsch "Ich bin", wird komplett in polnischer Sprache gesungen, selbst wenn man es im dem westlichen Musikgeschmack um mindestens ein halbes Jahrzehnt hinterherhinkenden Discopop-Beat-Refrain kaum noch bemerkt. Nach einem Tower Bier klingen englische Lieder aus Dorfdisco-Boxen auch nicht groß anders als Jestem. Das klingt mal wieder enorm schnippisch von mir, aber ich mein's gar nicht sooo böse. Zwar klingt Jestem für all seine aufgelegte Zeitgemäßigkeit halt doch etwas unmodern, aber es ist ein eingängiges, frisches Lied, das keinem weh tut. Mit einer Bühnenshow, die hilft, diesem "zu einem Ohr rein, schön die Beine in Bewegung gesetzt und wieder zu einem Ohr raus"-Song irgendein Bild zuzuordnen, sehe ich es im Finale.

Startnummer 2: Norwegen - Haba Haba (Stella Mwangi)


Vor zwei Jahren stellte Nowegen den Siegertitel. Einen historischen obendrein: Mehr Punkte gab's bislang noch nie für den Gewinner. Vergangenes Jahr schwänzelte Strahle-Geiger Aleksander Rybak dann erstaunlich oft um unsere Lena herum - sehr zum Vergnügen der TV Total-Zuschauer, die Rybak und Lena sei dank eine der besten Wochen in der Geschichte von Raabs Show erleben konnten. Zwei Jahre nachdem sich Norwegen musikalisch als Irland ausgab, wirft das wohlhabende Land nun einen erschreckend sommerlichen Song nach, der so klingt, als hätten sich ein paar Brasilianer zusammengetan, um den Ballermann zu erobern. Haba Haba ist in Norwegen ein kommerzieller Sensationserfolg, der die Interpretin Stella Mwangi vom Niemanden zum Supertar machte. Ich wittere ein (Sommer-Hit-typisches) One-Hit-Wonder, welches sich obendrein nicht europaweit durchsetzen wird. Irisch angehauchten Pop gibt's selten, aber Sommergefühl bekommt man beim Eurovision Song Contest auch authentischer und mit dem bei diesem Wettbewerb manchmal so entscheidenden Lokalkolorit geliefert...

Startnummer 3: Albanien - Feel The Passion (Aurela Gaçe)


Aber doch nicht so! Feel The Passion ist ein anstrengender, musikalischer Gemischtwarenladen aus Ethnopop, Powerballade, Esoterikgesülz und einigen undefinierbaren Füllseln. Albanien hat keine glückliche Eurovision-Statistik, und auch dieses Jahr sehe ich keine nennenswerten Chancen. Bis ins Finale wird es dieses Stück wohl kaum schaffen.

Startnummer 4: Armenien - Boom Boom (Emmy)


Armenien nahm fünf Mal am Eurovision Song Contest teil, und noch nie landete die Kaukasus-Republik außerhalb der Top Ten. Aber einmal ist immer das erste Mal, und nach den massentauglichen Stücken der verganenen Jahren ist Emmys angestrangt fröhliches Stück Boom Boom ein echter Tiefschlag. Das Lied schwankt zwischen mies kalkuliertem Ethno-Pop und Kaugummi-Radiopop, wie ihn meine Mitschüler in der Mittelstufe hörten. Und es bereits Monate später vehement leugneten. Fast könnte man denken, Boom Boom sei eine Parodie, doch dafür fehlen Witz und Cleverness.

Startnummer 5: Türkei - Live It Up (Yüksek Sadakat)


Vergangenes Jahr schaffte es die Türkei mit der an Linkin Park erinnernden Band maNga auf Platz 2. Und somit überrascht es nicht all zu sehr, dass auch dieses Jahr unsere südlichen Freunde weiter Abstand von ihrer einst so erfolgreichen Ethnopop-Marke nehmen und erneut auf rockiges setzen. Live It Up fehlt etwas von der Griffigkeit und dem Knall, durch den maNga auf den zweiten Rang rockten, aber all zu schlecht dürfte es die Türkei wohl auch dieses Mal nicht treffen. Die Band Yüksek Sadakat hat ein Stück geschaffen, dass eine sehr weitreichende, allgemeine Attraktivität aussrahlt. Mir sind die Gesangsstimme und das Haupt-Gitarrenriff etwas zu beliebig, aber trotzdem ist das Lied ganz annehmbar und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einigen Eurovision-Zuschauern gut genug gefallen wird, um ein paar Mal zum Handy zu greifen. Wirklich kein 12-Punkte-Kandidat, doch es wird sich was zusammenläppern.

Und mit dem türkischen Beitrag setze ich einen Schnitt. Eurovision-Ignoranten können aufatmen und sich auf ein paar anders thematiserte Artikel freuen, Eurovision-Fans müssen wiederum nicht zu lange warten. Natürlich werde ich bald auch auf die anderen Songs aus dem 1. Halbfinale des Eurovision Song Contests blicken. Die musikalische Europareise und qualitative Achterbahnfahrt geht weiter...

Mehr Eurovision 2011:

Und nochmal Fremde Gezeiten: Featurette über Jack und Angelica

Ahhh, musikalisch ist das hier schon eher das, was ich mir von Pirates-Promotion erhoffe. Und auch inhaltlich gefällt's: Die Dynamik zwischen Jack und Angelica verspricht sehr viel Spaß, und so lange man es vermeidet, Angelica zu einer überfähigen Alleswisserin zu machen, dürfte ich mich auch mit ihr anfreunden können... Und hey, die Schnipsel vom neusten Schwertkampf sehen wirklich klasse choreographiert aus. Fremde Gezeiten - der Swashbuckler unter den Pirates of the Caribbean-Filmen?

Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten: Neuer US-Fernsehspot

Coming Soon präsentiert einen neuen TV-Spot zur dritten Fortsetzung von Fluch der Karibik. Und, oh Hans Zimmer und Christopher Nolan, was habt ihr nur getan? Seit Inception ist es wohl Pflicht, zu jedem potentiellen Blockbuster mindestens einen "BrrrrrrAAAmmm!"-Spot oder -Trailer zu schneiden... Mir wäre eine Hörprobe aus dem Soundtrack von Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten viel lieber gewesen, diese Musik passt doch überhaupt nicht! Zum Ausgleich fordere ich, dass im The Dark Knight Rises-Trailer He's a Pirate läuft!

Ansonsten ist der TV-Spot so, wie sie halt sind: Schnell, wuchtig, actionreich. Trotzdem, ich bleib dabei: Hübsch fotografiert ist der Film obendrein auch!



Siehe auch:

Montag, 25. April 2011

The Medallion Calls


Ein von Jerry Bruckheimer produzierter Piratenfilm aus den Disney-Studios, der mit Orlando Bloom und Johnny Depp eine Freizeitparkwasserbahn adaptiert? Ob das gut gehen kann, überprüften im Sommer 2003 unzählige neugierige und zu einem nicht unwesentlichen Teil auch zweiflerische Kinogänger. Als es dann endlich so weit war, präfentierte sich ihnen zunächst einmal etwas Seefahrer-Geschwätz in Mitten einer Nebelbank. Die Gouverneurstochter singt ein Piratenlied und sorgt so für Missmütigkeit an Deck, ein brennendes Schiffswrack wird entdeckt, ein kleiner Junge gerettet. Der Junge wächst zu einem schüchternen und die Standesgrenzen achtenden Waffenschmied heran, auf den die wesentlich aufgeschlossenere Gouverneurstochter offensichtlich ein Auge geworfen hat. Aber die Förmlichkeit und ihm so aufdiktierte zurückhaltende Art verärgern die sich über ihr die Luft zuschnürende Korsetts beschwerende Gouverneurstochter. So weit lief Fluch der Karibik, so normal war Fluch der Karibik in seinen ersten Minuten.

Bis zu diesem Zeitpunkt weckt Fluch der Karibik Erinnerungen an klassische, genretypische Abenteuerfilme. Möglicherweise ist es Zufall, eventuell war es sogar Absicht, aber die Kostüme und Kulissen, ja, auch der Tonfall der ersten Filmminuten beschwört besonders stark den Geist früherer Abenteuerfilme der Disney-Studios herauf. Insbesondere die in Großbritannien gedrehten Produktionen wie Die Schatzinsel kommen in den Sinn, wenn man den Alltag von Port Royal erlebt. Die Farben sind nur kräftiger, und mit Elizabeths schnippischen Kommentar, dass die Frauen in der Korsett-Modestadt London wohl gelernt haben, nicht zu atmen, wird äußerst behutsam eine modernere Sensibilität in den Film eingefuhrt. Will Turners ungeschicktes Zerstören der Dekoration im Gouverneursanwesen hingegen könnte in seiner ruhigen Slapstick-Art auch 1: 1 aus einem Disney-Realfilmklassiker der 50er stammen.

Dies ändert sich schlagartig, nachdem Will Turner mit treuem Dackelblick und von schwelgenden Geigen begleitet der in einer Kutsche beleidigt davonfahrenden Gouvernerustochter hinterherrennt und sie mit einem befreiten Lächeln auf dem Gesicht erstmals, wenn auch ungehört, nicht mehr Ms. Swann, sondern Elizabeth nennt. Die Musik schwenkt um, militärische Trommeln kündigen einen imposanten Einmarsch an und die Szenerie wechselt zu einem in selbstbewusster, martialischer Pose auf dem Mast seines Schiffes stehenden Piratenkapitäns. Der Wind umschmeichelt sein Gesicht und fast könnte man schwören, dass er der schwelenden, kräftigen und dynamisch wummernden Musik zunickt, die dem Kinogänger entgegendröhnt. Er seilt sich schwungvoll vom Mast herunter und landet in Mitten einer durch ein Leck entstandenen Pfütze. Es ist der erste kleine Bruch dieses epochalen Auftritts, und der zweite folgt sogleich: Dieser so imposant auftretende Pirat befindet sich ganz allein auf einem winzigen, schnuckeligen kleinen Dingi. So viel zum sich anbahnenden Auftritt eines Legendenhaftigkeit ausstrahlenden, einvernehmenden und bei aller Coolness sicherlich auch bedrohlichen Piraten... Mit dieser Figur scheint offensichtlich längst nicht alles so zu laufen, wie wir es uns als erstmalige Betrachter so denken. Während sich der Piratenkapitän die Zähne ob dieser haarigen Situation fletschend an die Arbeit macht und mit einem Eimer das Wasser aus seinem Boot zu schaufeln versucht, lässt sich die Musik nicht beirren und behält ihren kraftvollen, sich im Rhythmus modernen Sensibilitäten bedienenden, Duktus bei. Erst als der Pirat in nicht zu weiter Ferne drei gehängte Skellette und einen freien Galgenstrick sieht, nimmt die Musik kurz einen besinnlicheren Ton an, jedoch ohne ihre ganz und gar ironisch-bombastische Stimmung runterzuschrauben. Als letzte Ehrerbietung gegenüber seinen verblichenenen Piratenkameraden zieht der Pirat seinen Hut. Es folgt ein Umschnitt auf Handelsschiffer und deren Belegschaft, die im Hafen Port Royals ihrem Tagewerk nachgehen... bis sie sich staunend und verwundert umdrehen. Der Pirat hat den Kampf gegen das Leck längst verloren, und als wäre es eine Selbstverständlichkeit, floh er mit stolzer Pose zurück auf den Mast. Mast und Segel befinden sich nahezu komplett unter Wasser, aber dem nicht mit der Wimper zuckenden Piraten gelingen auch die letzten Meter und er läuft auf einen großen Ausfallschritt genau am Pier ein.


Es war die erste Begegnung, die das Kinopublikum mit Captain Jack Sparrow hatte, und sofort wusste es alles, was es über diese Figur wissen musste. Und sämtliche Sympathien hatte er natürlich auch direkt auf seiner Seite, schließlich offenbart sich während dieser ikonischen Einführung, das Sparrow es zwar wirklich drauf hat, das Piraten-Dasein zu telebrieren, aber dennoch auch zwischenzeitlich zu den Verlierern gehört. Er ist also sowohl bewunderns-, wie bemitleidenswert, man kann sich in sein Leben hineinträumen und dennoch gebannt mit ihm mitfiebern. Es ist eine der Sachen, die selbst die größten Piraten-Allergiker Fluch der Karibik zuschreiben müssen: Jack Sparrow ist eine der populärsten und unvergesslichsten Kinofiguren der Gegenwart, und der Grundstein dazu wurde in dieser genial geschriebenen, ikonischen Einführungssequenz gelegt

Wie im Autoren-Audiokommentar zu Fluch der Karibik aufgezählt wird, wird Jack Sparrow dem Zuschauer im Verlauf seiner ersten Sequenz sogleich vier Mal vorgestellt. Das erste Mal lernt man die Figur des Jack Sparrow kennen, als er stolz auf dem Mast steht. Dann wird er einem vorgestellt, als er vor den gehängten Piratenskeletten salutiert, wodurch sich zeigt, dass er noch immer ein Pirat mit innerem moralischen Kompass ist und es für den Zuschauer vollkommen akzeptabel ist, sich in den kommenden Filmstunden auf seine Seite zu stellen. In diesem Moment wird also bereits der für solche Abenteuer-Blockbuster relativ komplexe moralsiche Horizont abgesteckt, der etwa Will Turner und Elizabeth als gute Vertreter des Rechts, Norrington als einen antagonistischen Verteter des Rechts, Jack Sparrow als guten Piraten, Barbossa und seine Mannen wiederum als ruchlosere Piraten und somit als Bösewichter darstellt. Wobei sich diese Parameter im Laufe der Fortsetzungen ja mehrfach verschieben sollten...

Das dritte Mal dass das Kinopublikum Jack Sparrow kennenlernt, ist, wenn er mit einem großen Schritt auf's Dock tritt und somit die Verlierer-Mentalität wieder etwas relativiert wird, die der Anblick von Jack in seinem kleinen, untergehenden Schiff auslöste. Und zum vierten Mal wird dem Zuschauer Jack Sparrow vorgestellt, wenn er den Schiffsmeister über's Ohr haut: Erst bietet er ihm mehr Geld an, wenn er seine Pflichten vernachlässigt und keinen echten Namen für den Neuankömmling in Port Royal einträgt, aber dann stiehlt er das Geldsäckchen des frisch gewonnenen Komplizen. In diesem Moment offenbart sich der, insbesondere in den Fortsetzungen an Wert gewinnende, Charakterzug Sparrows, dass er stets davon ausgeht, dass sich das Schicksalsrad irgendwann wieder zu seinen Gunsten drehen wird. Egal wie grauenvoll die Situation für ihn aussieht, hält er nur lange genug durch, kommt er wieder mit Profit aus der Situation. So jedenfalls Jacks Weltsicht - und drei Filme später können wir dem nicht mit voller Überzeugung widersprechen.

Mit Jack Sparrows Einführungssequenz ist aber nicht nur die beliebteste Figur von Fluch der Karibik im Film angelangt, es offenbart sich auch das wahre Naturell der Bruckheimer-Produktion. Nach dem eher klassisch gehaltenen Anfang zeigt sich nun eindrucksvoll die in sich mehrfach gebrochene, teils postmoderne Art von Fluch der Karibik. Eine solche Sequenz wie Jack Sparrows Einfahrt in Port Royal käme in einem ganz nüchternen, trockenen Piraten-Abenteuer niemals vor, aber so tickt dieser Film nunmal nicht, er geht an das totgesagte Genre mit einem augenzwinkernden, frechen Vorhaben heran, ohne diese Anarchie aber vollkommen zu überziehen. Fluch der Karibik will schneller und verrückter als der klassische Piratenfilm sein, hat aber dennoch beide Beine fest im Boot. Oder dem, was vom Boot noch übrig ist...

Insofern spiegelt Jack Sparrows Intro in jedem Teil der Pirates of the Caribbean-Saga auch die Stimmung des jeweiligen Films wider. In Fluch der Karibik ist Jacks Einmarsch der eines legendären, stolzen Piraten, die Musik ist größer und bombastischer als die eines klassischen Piratenstreifens, zugleich ist Jacks erster Auftritt ironisch gebrochen. Es ist ein witziges Spiel mit den Erwartungen, jedoch weiterhin an bodenständigen Korsarenabenteuern orientiert.


Konsequenterweise lassen sich die Unterschiede zwischen Fluch der Karibik und seiner Fortsetzung Die Truhe des Todes schon anhand Jack Sparrows erstem Auftritt in seinem neusten Kinoabenteuer ablesen. In tiefster Nacht ruht die Black Pearl in sicherem Abstand zu einem türkischen Gefängnis, welches sich an einer unheilvollen Klippe befindet. Dunkle Schatten werfen einen Sarg nach dem anderen ins Wasser und auf einem dieser Särge findet eine Krähe ihre Rast. Sie pickt auf dem Sargdeckel herum und mit einem lauten Knall wird sie ins Jenseits befördert. Jack Sparrows Einmarschmelodie ertönt und nachdem Sparrow seine Feuerbüchse aus dem Schussloch ragt und in Erwartung weiteres Gewehrkugelfutters umherschwenkt, baut sich der Kapitän auf, macht sich fein, reißt der in seinem Sarg liegenden Leiche ein Bein aus und scherzt mit ihr sogar ein wenig. Er bittet seinen Kumpanen um Verzeihung, fragt ob er nichts gegen einen kleinen Abstecher hätte. Mangels Erwiderung rudert Sparrow in seinem improvisiertem Boot mit seinem improvisierten Paddel in Richtung Pearl...

Jack Sparrows Einführungssequenz in Die Truhe des Todes ist von einem vehement schwärzeren Humor geprägt als ihr Pendant aus Fluch der Karibik, und somit fungiert sie als Vorzeichen dessen, welchen tonalen Pfad der zweite Part der Pirates of the Caribbean-Saga einschlagen wird. Visuell und inhaltlich ist diese Sequenz düsterer und morbider, was auch auf die Kernprobleme verweist, denen die Hauptfiguren entgegenstehen. Jack Sparrow wollte in Fluch der Karibik einfach nur sein Schiff wiederhaben (und im Idealfall Blutrache an seinem meuternden ersten Maat Barbossa üben), in Die Truhe des Todes hingegen versucht er, dem beinahe sicheren Tod durch den übermächtigen und herzlosen Davy Jones zu entkommen. Nicht nur Sparrows Problem, auch sein Widersacher ist gefährlicher: Barbossa und seine Crew hatten noch Humor sowie Geduld, Davy Jones hingegen kennt kein Erbarmen. Und auch für Will Turner und Elizabeth steht bedeutsam mehr auf dem Spiel, als in Fluch der Karibik. Jack Sparrows erste Szene in Die Truhe des Todes verweist auf Tod, Verderben und aussichtslos scheinende Situationen. In Fluch der Karibik ließ Jack Sparrow ein peinliches Missgeschick wie einen stolzen Moment im Leben eines Piraten aussehen, in Die Truhe des Todes hingegen nimmt er den letzten denkbar Ausweg und trügt mit Galgenhumor darüber hinweg. Es ist ein Vorbote dessen, was für ihn noch alles folgen wird.

Gleichzeitig setzt Jack Sparrows erste Sequenz in Die Truhe des Todes auch auf Slapstick (die ganze Geschichte mit der "weggesprengten" Krähe), wo in Fluch der Karibik noch ironische Brechungen vorherrschten. Auch diese Tendenz zum Slapstick lässt sich im restlichen Film wiederfinden, insbesondere in der ausführlichen Sequenz auf der Kannibaleninsel sowie später auf der Isla Cruces, wo sich ein erbitterter Schwertkampf zwischen Jack Sparrow, Will Turner und James Norrington zu einem abgedrehten Spektakel entwickelt. Ein düsterer Grundton, prekärere Situationen und mehr Slapstick - das was Die Truhe des Todes von Fluch der Karibik abhebt, ist allesamt schon in Jack Sparrows Auftritt enthalten.

Aufgrund der zwei originellen Auftritte Jack Sparrows in den ersten beiden Pirates of the Caribbean-Teilen (und der spannenden Frage darüber, wie es nach Die Truhe des Todes denn generell so weitergeht), war die Wartezeit auf Am Ende der Welt natürlich mit Fan-Spekulationen überfüllt. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich mit meinem engeren und auch meinem erweiterten Piraten-Fanzirkel munter und trotzdem engagiert-tiefsinnig darüber nachgrübelte, wie Jack Sparrow in Am Ende der Welt auftreten wird. Dass die Tradition ungebrochen weiterläuft, war uns allen stillschweigend klar. Nach Die Truhe des Todes wird Jack nicht einfach während einer laufenden Dialogsequenz von hinten heran ins Bild treten, und alle tun so, als sei nichts besonderes geschehen. Nein, Jack Sparrows Auftritt wird auch in Am Ende der Welt besonders zelebriert, das war keine Frage. Und für uns war auch irgendwie sofort klar, dass es wohl "größer, schneller, lauter, wilder" sein muss. Es ist das Finale der Trilogie, verdammt, da muss was bombastisches her. Vielleicht ein martialisches Bild, wie sich Captain Jack Sparrow brutal durch seinen bislang größten und erbittertsten Feind schlachtet? Disney scheint bei den Piraten eh Narrenfreiheit gelten zu lassen und in Die Truhe des Todes hat man wahrlich gespürt, wie Depp, Verbinski, Bruckheimer und das Autoren-Duo Ted Elliott & Terry Rossio diese Freiheiten genossen... Wir trauten es ihnen zu, Jack für den Abschluss der Trilogie einen wahrhaft mörderischen ersten Eindruck zu gönnen.


Was die Macher von Am Ende der Welt stattdessen auf die Kinowelt losließen, war jenseits wohl sämtlicher Fan-Spekulationen. Man trieb fröhliches Schindluder mit den Erwartungen - was sinnbildlich für den kompletten Film steht. Und wie es nunmal so ist, wenn ein Film jenseits der Erwartungen wildert: Das unerwartete wird nicht ausschließlich entlohnt, sondern scheidet auch die Geister. Nun, mit einem IMDb-Wert von 7,0 und einem weltweiten Einspielergebnis von über 900 Millionen Dollar, muss Am Ende der Welt wohl viel mehr Leuten gefallen haben, als der Status "kontrovers diskutiert" vermuten lässt, aber dennoch lässt es sich wohl nicht ausblenden, dass die mutige Anderartigkeit von Am Ende der Welt nicht nur Freunde fand. Schließlich kraxelte das Franchise mit dem Film auf eine gewisse Meta-Ebene des Piratenfilms: Fluch der Karibik war anders und verschrobener, als der normale Piratenfilm, ohne sich den Stempel der Parodie aufzudrücken. Am Ende der Welt war die verschrobene Version von Fluch der Karibik, aber weiterhin keine Parodie. Da soll mal einer mitziehen... Und so kam es, dass sich manche Am Ende der Welt als ihren Lieblingsteil der Reihe aussuchten, und wieder andere nicht. Generell ist Am Ende der Welt vom Herzen aus ein Produkt für die Fans: Man wollte ihnen etwas zum weiterspekulieren geben, sie überraschen und trotzdem in manchen Hoffnungen und Wünschen glücklich stellen. Den normalen Kinogänger hatte man, wie mir scheint, eher als sekundäre Zielgruppe im Blick. Nicht, dass dies in ein Desaster mündete, mir sind Nicht-Fans bekannt, die trotzdem den dritten Teil am besten fanden, aber selbst ich komme nicht umher zu bemerken, dass es auch Leute wie Filmbrain gibt. Ich könnte jetzt darüber meckern, dass jemand, der sich darüber aufregt, dass sich ein Disney-Film mal etwas wagemutiges und blutiges traut, eh nichts zu melden hat, weil es eben diese Leute sind, die sich dann über Disneys Familienimage mokieren, aber schweifen wir nicht ab... Am Ende der Welt wollte neue Seewege auftun, Erwartungen zerbersten und mit dem Publikum spielen, und das ist ihm gelungen, wie sich halt schon allein an Jacks Einführung zeigte. Etwas Schwund ist immer, aber die Faustregel zeigte, dass jemand, der sich auch vermehrt um die zwei Vorgängerfilme kümmerte, auch stärker entlohnt wurde.

Bereits die ersten Sekunden boten gewaltigen Grund zur Überraschung. Statt der typischen Jack-Sparrow-Einmarschmelodie erklingt ein desorientiertes, ungestimmtes Gitarrengezupfe, begleitet von ungebügeltem atmospährischem Gesumme, so als sei die Soundanlage nicht richtig gestimmt worden. Das gleißend weiße Bild wird plötzlich von Jack Sparrows überdimensional erscheinenden Nase erfüllt, die sich entlangs des Bildes schiebt und vor einer einzelnen Erdnuss Halt macht. Bereits über Fluch der Karibik sagten die Filmemacher, dass sie mit ihrem Werk (stellenweise) einen Monty-Python-Piratenfilm entwarfen, aber erst mit dieser Sequenz ist es ihnen überdeutlich gelungen. Die Impression einer leinwandfüllend eingefangenen Nase, die sich auf eine winzige Erdnuss zubewegt könnte genauso gut aus Terry Gilliams berühmt-berüchtigten, surrealistischen Tricksequenzen stammen, die einzelne Segmente des Flying Circus überbrückte. Es ist ein verrückter, unwirklicher Filmmoment und es ist die erste von vier Vorstellungsritualen, die der Kinozuschauer und Jack Sparrow in Am Ende der Welt gemeinsam durchmachen. Denn im Finale der originalen Pirates of the Caribbean-Trilogie griffen die Autoren auf den Beginn der Saga zurück und setzten die Idee der vierfachen Einführung der Figur des Jack Sparrows mit einem lauteren Paukenschlag neu um. Auf fast schon wortwörtliche Art und Weise.


Dass die gigantische Nase wohl Jack Sparrow gehört, wurde wohl jedem fix klar, und wenige Sekunden später macht sich eben dieser bereit, das winzige Nüsslein wie ein Festmahl zu verspeisen. Bevor er die Erdnuss aber genießen kann, zerschneidet ein Schuss die verstimmte Beinahestille in Davy Jones' Reich und der sich auf den Genuss einer Erdnuss freuende Jack Sparrow fällt zu Boden. Umschnitt auf Jack Sparrow. Mitsamt Hund, Mantel, ernstem Blick und frisch abgefeuertem Eisen. Das war seine Nuss!
In diesen Sekunden offenbart sich dem erstmaligen Betrachter der absurden Szene, dass wohl noch mehr seltsam läuft, als er es sich zunächst dachte. Wie sich rasch zeigt, befinden sich an Bord der mitten im absoluten Nirgendwo eines Jenseits Dutzende Jack Sparrows befinden - und der schießfreudige in Mantel und Hut ist das Original, der einzig wahre, einmalige Captain Jack Sparrow. Dies wird allerspätestens nach einem Umschnitt klar, der enthüllt, dass sich Jack in Wahrheit vollkommen allein auf seinem geliebten Schiff befindet. Dies ist die dritte Einführung Jack Sparrows in Am Ende der Welt, die Sekunde, die verdeutlicht, dass Jack in Davy Jones teuflischem Reich nicht dazu verdammt ist, mit nervigen, übernatürlich erschaffenen Kopien seiner Selbst die Ewigkeit zu verbringen, sondern ein Schicksal erleiden muss, dass wohl noch viel schlimmer ist. Die Strafe, die härter sein soll, als der Tod, ist es, ewig mit sich selbst leben zu müssen, obwohl er (momentan?) nicht dazu fähig ist. Seine inneren Dämonen sind dafür zu mächtig, selbst wenn er beschließt, sich von dererlei Merkwürdigkeiten reinzuwaschen.

Letztlich kann Jack Sparrow, mit etwas Hilfe von Tia Dalma, der die Sinne zerfressenden Wüste von Davy Jones entkommen. Und somit kann sich Jack Sparrow ein viertes Mal im Laufe von Am Ende der Welt präsentieren, nun während er mit Schwung die wüste Hölle hinter sich lässt und auf den Strand von Davy Jones' Reich zusteuert, wo sich einige geduldete und weniger erduldete Weggefährten seines Lebens aufhalten. Es ist die einmalige Gelegenheit für Jack Sparrow, aus der teuflischen Situation eine Tugend zu machen und weiter an seinem Status als wandelnde Legende zu arbeiten.


Jack Sparrow steht ganz oben am Mast seiner geliebten Black Pearl, mit stolz durchgedrücktem Körper und selbstverständlichem, siegessicherem Blick in die Ferne. Genau so muss sich Jack in seinem Kopf die Ankunft in Port Royal vorgestellt haben, beeindruckend und stolz. Es ertönt auch wieder die bereits aus Fluch der Karibik bekannte Melodie, nur mit einem viel wuchtigeren, epochaleren Sound. Mehr Streicher, kräftigere Trommeln, ein lauterer, erhabener Chor... Und obendrein segelt Jacks geliebte Pearl nicht einfach so durch die Gegend, sie fährt eine verfluchte Sanddüne hinab! Dies ist ein übermenschlicher Auftritt ganz so, wie ihn sich der selbstüberschätzende Captain Jack Sparrow wünscht - natürlich ohne auch nur ein sein ungeheures Glück anlachende Miene zu verziehen.

Dieser Auftritt Jacks in Am Ende der Welt ist höchst angemessen, nicht nur dafür, dass dieser Film das große Finale der Trilogie darstellt und somit absolute Superlativen und Rückgriffe auf den Anfang der Saga einfach dazugehören, sondern auch, weil wir uns noch wenige Minuten vorher in Sparrows durchdrehenden Verstand befanden. Es ist nur passend, dass wir dann endlich einmal einen Einblick erhalten, wie die Realität nach seinen Wünschen auszusehen hat.
Wie Jack Sparrows Einführung in Am Ende der Welt den Tonfall des Films widerspiegelt, muss ich höchst wahrscheinlich gar nicht mehr ausführen: Das gesamte Kapitel um Jack Sparrow in Davy Jones' Reich ist überdrehter, unwirklicher, fantastischer und gigantischer, als das, was man in Fluch der Karibik und Die Truhe des Todes zu sehen bekam. Genauso, wie auch Am Ende der Welt imposanter, durchgeknallter und selbstbewusst-wagemutiger als seine Vorgängerfilme ist. Die übernatürlichen Elemente nehmen größeren Raum in der Geschichte ein, die anstehenden Schicksalsschläge sind verheerender - schließlich sind auch die Bedrohungen ernster und globaler als bisher. Und atmosphärisch werfen Regisseur Gore Verbinski und die Autoren Elliott & Rossio zur übersteigerten Dramatik auch verschrobeneren, teils surrealeren Humor in die Waagschale. Am Ende der Welt ist komplexer - narrativ, wie atmosphärisch. Die Fallhöhe für die Figuren sowie das Werk als solches nimmt durch die stark vergrößerte Divergenz drastisch zu. Wahrlich überwältigend - aber das Spiel kann man nicht ewig weiterspielen.


Würde die Pirates of the Caribbean-Saga mit einer solchen Rasanz weiter an Bombast gewinnen, so müsste man beim vierten Teil nicht nur um die finanzielle Stabilität der Walt Disney Company fürchten (Fluch der Karibik kostete noch ca. 140 Millionen Dollar, Am Ende der Welt verschlangen die Piraten 300 Millionen), sondern auch um die Sicherheit der Kinogänger auf diesem Globus. Im 3D-Zeitalter einen vierten Film mit Jack Sparrow zu veröffentlichen, der um das x-fache pompöser ist als Am Ende der Welt könnte, so einige streng wissenschaftliche und garantiert ernstzunehmenden Forschungen, zu explodierenden Kinoleinwänden führen. Und wenn nicht das, so dürfte das gleichzeitige Wachstum von Komplexizität der Geschichte und ablenkenden Explosionen und hämmernder Filmmusik zu explodierenden Köpfen beim Durchschnittskinobesucher sorgen. Auch keine appettitliche Vorstellung.

Das drang wohl auch bis in die Geschäftsführung des Disney-Konzerns vor. Als klar wurde, dass Jack Sparrow auch ein viertes Mal in See stechen wird, machte man sehr schnell klar, dass der vierte Teil der Saga simpler und bodenständiger wird. Nun, was "simpler" für Ted Elliott und Terry Rossio bedeutet, lässt sich bislang nur spekulieren, aber was "bodenständiger" heißt, das wissen wir schon: Fremde Gezeiten kostete geschätzt 200 Millionen Dollar. Die Truhe des Todes kostete vermutete 25 Millionen Dollar mehr, also ist der vierte Teil der zweitkleinste der Kinoreihe. Jedoch dürfte man ihn wohl noch immer als Abenteuerepos einschätzen...

Trotzdem: Kleiner, feiner, geerdeter soll es sein, auf den fremden Gezeiten. Das wird uns seit Monaten in Interviews gepredigt und auch die Trailer versprühen weniger von diesem Gefühl des ultimativen und gigantomagischen, den Die Truhe des Todes und insbesondere Am Ende der Welt dem Zuschauer entgegenschleuderten. Und so wird wohl auch Jack Sparrows erster Auftritt nicht ganz so verrückt oder morbide, wie es in den letzten beiden Filmen der Fall war. Wir dürfen aber sicher sein, dass die engen Kontakt zur Fanbase haltenden Autoren die Tradition eines ikonischen Jack-Sparrow-Einmarsches nicht vergessen werden. Und ich bin mir ebenfalls ziemlich sicher, dass sie auch in Jacks ersten Minuten während Fremde Gezeiten wieder ein atmospährisches Spiegelbild des restlichen Films gestalten werden. Oder geht dieser rote Faden, der sich durch die Trilogie zog, mit Regisseur Gore Verbinski von Bord? Wohl kaum... und deswegen werde ich nächsten Monat am Rande meines Kinosessels sitzen und fiebernd abwarten, was mir Jacks erster Auftritt dieses Mal so verspricht. Wir haben schon den "normalen", den "düsteren, aber humoristisch gekonnt albernen" und den "verrückten und gigantischen" Slot für die Saga bereits besetzt... was kann da eigentlich noch folgen?

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Samstag, 23. April 2011

Sanctum

Der Kino-Sommer liegt direkt um die Ecke: Thor, Fast & Furious Five, Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten, Hangover 2... Doch bevor uns Hollywood seine hochpreisige A-Budget-Ware entgegenschleudert, kommen wir Kinogänger nicht um eine Verschnaufpause voller B- und C-Ware herum. New Kids Turbo schickt sich an, die neuste Kino-Nummer-Eins Deutschlands zu werden und ein Thriller aus der zweiten (oder gar dritten) Reihe wird mit viel Webpromotion, James Camerons die Massen hypnotieserenden Namen und 3D-Technik aufgepimpt in die Multiplexe entlassen.

Sanctum ging mir ja schon mit seinem ewig lang wirkenden Kinotrailer auf den Senkel, aber was mich viel mehr verwundert, ist welch ansehnlichen Hype er sich zumindest im englischsprachigen Internet aufbauen konnte. Das wird Sanctum allerdings noch weniger helfen als der penetrant betonte Name des ausführenden Produzenten James Cameron (der kaum etwas mit dem Film zu tun hat) und der freizügig erschwindelten Behauptung, dieser Thriller basiere auf einer wahren Geschichte.

Gut, Ideengeber, Autor und Produzent Andrew Wright ging vor über zwanzig Jahren einmal in einem Höhlensystem tauchen und wurde wegen eines Tropensturms eingeschlossen. Abgesehen davon hat Sanctum aber gar nichts mit den wahren Ereignissen auf denen er basiert gemeinsam. Ich ging auch schonmal bei McDonalds essen, aber darf ich deswegen einen Massenmörder-Erotikthriller schreiben, der im Restaurant zum goldenen Bogen spielt, und behaupten, es sei eine wahre Geschichte?

Wie dem auch sei, Sanctum breitet nach bekanntem Abzählreimschema die Geschichte eines Tauchertrupps, der in einem Grottensystem eingschlossen ist und sich dezimiert. Die Figuren sind flach, die Dialoge brettern dem Publikum unwichtige Exposition entgegen (lassen Taucherlatein dagegen unerklärt... obwohl sich ein Taucherneuling unter den Figuren befindet!), die Handlung bleibt vorhersehbar. Generell fühlt sich ein Kinobesuch von Sanctum so an, als hätte man unter der Woche irgendwann nach 23 Uhr RTL II eingeschaltet. Es ist ein lustloser C-Fernsehthriller, der halt nur zufällig in gutem 3D gefilmt wurde. Und Gelegenheit, die fantastischen Naturwunder in Sanctum zu bestaunen, hat man wegen der störenden Handlung eher selten. Gleichzeitig wird auch die von klaustrophobischen Bildern lebende Story von der 3D-Natur gestört, denn damit der Effekt wirkt, musste die Unterwasserwelt ja besonders gut ausgeleuchtet werden.

Sanctum säuft also auf sämtlichen Ebenen ab, auf denen er funktionieren könnte. Wer eine fiktionalen James-Cameron-Tauchgang in 3D erleben will, sollte besser auf Avatar 2 warten. Allein schon das 3D wird mit Cameron als Regisseur nochmal um einiges besser eingesetzt, und ja, so sehr die Story von Avatar auch geschunden wurde, sie war normales Blockbuster-Maß und Avatar 2 wird sicherlich in einer ähnlichen Liga spielen. Sanctum dagegen dümpelt mehrere Seemeilen tiefer herum.

Freitag, 22. April 2011

Ganz knapp vorbei...

 Es war eben knapp daneben, aber doch mit Vollgas...

Es war ein Meilenstein in der Disney-Filmgeschichte, die erste Produktion ihrer Art. Sie führte die Walt Disney Animation Studios in die Welt der modernen 3D-Technologie. Nach einer nicht enden wollenden Reihe von Flopps brachte dieser Film dem Studio seinen ersten nennenswerten kommerziellen Erfolg: Ein beachtliches US-Startwochenende im Werte von 40 Millionen Dollar, ein weltweites Einspielergebnis von über 314 Millionen. Nach Flopps wie Die Kühe sind los! war das dringend nötig. Endlich fand das Studio wieder Anschluss an die übemächtige Konkurrenz in Form von Dreamworks und auf dem Papier schien Disney wieder gewappnet für Verhandlungen mit den sich in Trennungssehnsucht mit ihrem treuen Vertriebspartner befindlichen Pixar Animation Studios.

Und dennoch: Nach Jahren aggressiver Promotion mit Scharen von Onlinevideos, Trailern und Präsenz in der für die US-Popkultur so bedeutende Macy's Thanksgiving Parade... geriet dieser Film in die Vergessenheit. Wenn Disney nur will, kann dieser Konzern selbst gigantischen Flopps eine beachtliche Langzweitnachwirkung spendieren. Aber manchmal kann Disney auch einen Hit ganz nonchalant unter den Teppich kehren. So wie diesen Film aus dem Jahr 2005. Er kam, sah, siegte an den Kinokassen und verpuffte plötzlich. Es ist zwar keiner meiner fünf meistgehassten Disney-Trickfilme, aber er ist ein stolzer Kandidat auf den Titel des schlechtesten Disney-Meisterwerks.

Ihr habt es sicherlich längst erkannt... sofern ihr den Film überhaupt in eurem Gedächtnis präsent habt... ich spreche von einer CGI-Komödie, die in Deutschland über 400.000 Kinobesucher mehr hatte, als Toy Story 3...

Schwache Gemüter verlassen diesen Blog... jetzt!

Die Handlung ist schnell erzählt und läuft, wie es sich für Disney so gehört, wie frisch geschmiert: Hühnchen junior läutet panisch die Notfall-Alarmglocke seines beschaulichen Städtchens und löst somit ein gewaltiges, zerstörerisches Chaos aus. Als sich die Stadt vor ihm versammelt, stammelt er etwas vom Himmel, der ihm auf den Kopf gefallen sei. Niemand glaubt ihm, und sein verwitweter Vater versucht beschähmt, den Vorfall kleinzureden. Aber die Gesellschaft vergisst ihre Narren nie, und so wird selbst lange Zeit später das Gescheniss kommerziell ausgeschlachtet. Sammelteller, Hörbücher, Filme - das ganze Programm.
In seiner Schule ist Hühnchen junior selbstredend eine der ganz großen Lachnummern. Nichtmal wegen dieser "Der-Himmel-stürzt-ein"-Geschichte, sondern alleinschon aufgrund seiner lachhaften Größe und seiner Freunde: Susi Schnatter, dem hässlichen Entlein, dem überdrehten, sich nur über phantomimische Darstellungen ausdrückenden Austauschschüler Luigi Forello und dem enorm übergewichtigen Ed von Speck. Beim Völkerball gießt der bärige Sportlehrer Öl ins Feuer der zerrissenen gesellschaftlichen Rangordnung unter den Schülern und beordert ständige Kämpfe zwischen den Coolen und den Losern, wobei die Loser immer ordentlich ihre Packung abkriegen. Hühnchen junior beschließt, dass mit diesem ständigen Gepiesacke Schluss sein muss und bettelt darum, in das Baseballteam seiner schule aufgenommen zu werden. Im großen Finalspiel hängen dann Sieg und Niederlage allein von ihm ab - und entgegen aller Chancen und besseren Wissens gelingt Hühnchen junior der alles entscheidende Homerun. Die ganze Stadt feiert den kleinen Racker, er erlangt den Respekt seines ihn liebenden, aber unfähigen Vaters zurück und alles ist wieder paletti. Bis Hühnchen junior erneut mit vollem Karacho der Himmel vor den Latz knallt. Hühnchen junior passt das gar nicht und macht sich drauf und dran, das Geheimnis hinter der Stop-Schild-förmigen Himmelsplatte in seinem Kinderzimmer zu lüften. Dabei verliert er wieder jegliche Achtung, die er sich erarbeitet hat - und erfährt, dass sich Aliens in seinem beschaulichen Ort aufhalten. Nach der Inspektion des schaurigen Raumschiffs schließt sich Hühnchen junior und seinen Freunden ein knuffig-pelziges Alienbaby an. Genau dies wird der Kleinstadt aber zum Verhängnis, denn nun starten die Aliens eine Invasion, um ihren verlorenen Schützling zu retten.

Was.. für'n... Schrott! Selten hat man bei wichtigen Disneyproduktionen ein konfuseres, shizophrenerens Plotkonvolut erlebt, als bei Himmel und Huhn. Adaption der grundlegenden Fabel, klischeehafte Loser-Schulgeschichte und hektische Sci-Fi-Parodie wurden hier wüst in einen Topf geschmissen und zu einem vollkommen unkonzentrierten, unzusammenhängendem Irgendwas gebaut. Himmel und Huhn ändert Genre, emotionalen Kern und Schwerpunkt alle fünfzehn bis zwanzig Minuten, und das selbstrendend nicht in einem genialen, kunstvollen Schachzug, der mit sämtlichen Zuschauererwartungen und Filmgesetzen Schindluder treibt, sondern einfach nur aus totaler Unfähigkeit. Mit entsprechenden Ergebnissen: Es kann sich schlichtweg keine kohärente Geschichte bzw. Atmosphäre bilden und somit weder Spannung, noch eine emotionale Bindung zu den Figuren.

Welcher Teufel Disney geritten hat, so einen unausgegorenen Schwachfug als erstes computeranimiertes Meisterwerk auf die Welt loszulassen? Naja, es war die Ära, als Michael Eisner, einstiger Retter des von Unmengen Fans profitierenden Konzerns, jegliche Bodenhaftung verlor und ein goldenes Huhn nach dem anderen zur Schlachtbank führte. Es war eben jene von vielen Disney-Liebhabern aus der Erinnerung verbannte Phase des Studios, als David Stainton Präsident der Disney-Trickstudios war und die lebende Zeichnerlegende Glen Keane im Anschluss an den desaströsen Kinostart von Der Schatzplanet während einer semi-öffentlichen Studiobesprechung beschimpfte. Als David Stainton die Geldmittel für Walt Disney Animation Studios zusammenkürzte (und trotzdem ein Film nach dem anderen den Budgetplan sprengte) und Überlegungen angestellt wurden, die Grenzen zwischen Fernseh- und Kinoproduktion zu verwischen. Als ein außergewöhnliches Projekt des Kult-Regieduos Ron Clements & John Musker allen Ernstes eingestellt wurde, weil Stainton Angst hatte, es wäre unfähig, Happy Meals zu verkaufen. So kann sich ein Mann wandeln, der während der Blütezeit der Disney-Rennaissance noch auf der Seite der Künstler war.


Himmel und Huhn litt, um das Schauspiel mal abzukürzen, unter einer denkbar schlechten Gemütslage im Disney-Studio, wohl mehr noch als mein stetes Schreckensbeispuel Die Kühe sind los!. Und, was wohl noch schwerer wiegt, so wurde Himmel und Huhn von etwas erdrückt, was man nicht in jedem Filmlernbuch nachlesen kann: Himmel und Huhn wurde mit der falschen Grundmentalität angepackt. So etwas ist nicht immer leicht zu beschreiben, aber wie ich etwa in meinem Kommentar über Rob Marshalls Nine ausführte, spürte man diesem Musical einfach an, dass sich Harvey Weinstein und Marshall nach dem Erfolg von Chicago wieder einen Haufen Oscars und super Kritiken versprachen, wenn sie mit Nine einfach nur die Erfolgsformel wiederholen und stärker in Richtung Kunstfilm feinjustieren.
Ein Film kann auf dem Papier alles haben, einen erfahrenen Regisseur, gute Darsteller, ein tolles Produktionsdesign, wenn die "Absichten" hinter der Gestaltung zu kalkuliert sind, dann verliert er oftmals ein Stückchen seiner "Seele". Das ist zwar viel pseudo-esoterisches Gelaber, aber wenn der Filmliebhaber ehrlich ist, so merkt man einfach, dass viele Filme, von denen man weiß, dass die Beteiligten ihr Herzblut hineinsteckten, einfach generell besser sind als vergleichbare, berechnete Produktionen.

Und Himmel und Huhn dürfte der durchkalkulierteste (und vor allem fehlkalkulierteste) Eintrag in Disneys legendären und begnadeten Meisterwerke-Kanon sein, der uns wohl jemals unterkam. Einen nicht unerlässlichen Anteil daran hatte die sich ständig einmischende Geschäftsleitung. Es fängt schon beim Geschlecht der Hauptrolle an: Eisner beorderte, dass das kleine Hühnchen entgegen Mark Dindals anfänglichen Entwurf männlich sein muss, weil Jungs Filme mit Mädchen in der Hauptrolle angeblich wie die Pest meiden. Ihr wisst schon, das kommt vom Studio, zu dessen beliebtesten Produktionen Arielle, die Meerjungfrau und Die Schöne und das Biest zählen...

Um das chaotische Wesen von Himmel und Huhn zu verstehen, muss man sich also stärker in die damalige Situation des Disney-Konzerns versetzen. Das Durchschnittspublikum schien der traditionellen Zeichentrickkunst den Rücken zugewandt haben (über Sinn und Unsinn dieser Vermutung lässt sich bestimmt an anderer Stelle diskutieren), mit Der Schatzplanet legte Disney eine der kostspieligsten Bruchlandungen seiner Geschichte hin. Dreamworks rüttelte brutal am Thron des Traditionsstudios - sowoh kommerziell, als auch mit aggressivem Anti-Disney-Humor. Pixar wurde bereits als "das neue Disney" umfeiert, was man auch in Emeryville spitz kriegte, wo man aufgrund des Erfolgs und der penetranten, unkooperativen Geisteshaltung Michael Eisners medienwirksam lautstark über eine Abkapselung von Disney nachdachte. Die Walt Disney Animation Studios (damals noch Walt Disney Feature Animation) standen unter gehörigem Zugzwang, und was macht man in Hollywood, wenn man unter Zugzwang steht? Genau: Die Geschäftsführung und Marktforschung reißen den Künstlern die Fäden aus der Hand.

Jo.

Dass Himmel und Huhn die mehr oder minder überstürzte Umkehr vom Zeichentrick zur Computeranimation war, kann ich angesichts der damaligen Marktsituation (und etwas Lob über den Film, das ich später noch loswerden möchte) nachvollziehen. Was den Spaß an Himmel und Huhn aber gehörig verhagelt, ist die krampfhafte und unnatürliche "Ver-Dreamworks-isierung" des Films. Und ja, mir ist klar, wie totgeschlagen das sprichwörtliche Pferd ist, dass sich ein Disneyfan über den Klassenfeind Dreamworks aufregt. Der erste Shrek war ja gut, ebenso wie Shrek 2 (wenngleich er vor allem in den USA zu sehr über den grünen Klee gelobt wurde), bloß ist es die eine Sache, wenn ein Studio sein Ding macht, und die andere, wenn ein zweites, an und für sich vollkommen lebendiges und identitätsstarkes Studio meint, Trittbrettfahrer zu spielen. Und es ist noch schlimmer, wenn dabei weder eine reizvolle Symbiose aus eigener und geliehener Identität oder eine gelungene Kopie entsteht, sondern ein am Kern vorbeipfefferndes Unglück. Himmel und Huhn raubt nicht die Dreamworks-Essenz (sofern es so etwas gibt), sondern erinnert frappierend an den wohl dank einer Abmachung mit Chernabog höchstpersönlich für einen Oscar nominierten Große Haie, kleine Fische. Soll heißen: Statt einer passionierten Genreparodie mit eigenständigen Figuren und einer standfesten Geschichte gibt es bunte Abziehbildchen von Figuren und kopflos in die Laufzeit geschmissene Referenzen auf alles, woran die Filmemacher gerade so dachten. Anders ausgedrückt: Himmel und Huhn enthält Humor der schlechteren Dreamworks-Sorte. Freche, neunmalkluge Nebenfiguren, ein sonnenbebrilltes Stachelschwein, das "Jo!" sagt und als Brüller des Jahrzehnts verkauft wird, Spice Girls-Karaoke und... Tanzeinlagen zum Filmschluss. Denn wie soll ein Trickfilm sonst aufhören?

Aber es ist ja nicht so, als würde Himmel und Huhn durchgehend auf den Dreamworks-Zug aufspringen. Zwischenzeitlich erinnert Mark Dindals Nachfolgewerk auf die durch die Bank weg gelungenere, erfrischendere und herzlichere Zeichentrickkomödie Ein Königreich für ein Lama an einen schwachen Disney-Streifen. Der gesamte Baseball-Subplot weckt Erinnerungen an Sonntag-Nachmittage, wenn die Disney Filmparade einen B-Movie aus dem Disney-Archiv zog und die inspirierende Geschichte eines Underdogs erzählt, der sich Respekt und Liebe erkämpft. Nur halt auf eine Viertelstunde zusammengequetscht, somit abgehetzt und ohne den großen emotionalen "Payoff" eines Disney-Fernseh-Sportfilmchens.
Klingt alles nach mittelschwerer Katatsrophe? Nun, es hat schon einen Grund, weshalb Himmel und Huhn trotz vermeintlichen Erfolgs nicht an das große Pixar- oder Dreamworks-Geld heranreichte und sich Disney (wohl auch aufgrund der schwachen Merchandising-Verkäufe und miesen Kritiken) plötzlich wieder um eine Einigung mit Pixar bemühte.

Trotzdem, es ist nicht alles Scheiße, was von Disney vergessen gemacht wird. Himmel und Huhn enthält tatsächlich einige Ansätze, um ein akzeptabler Film zu werden. Ganz vorne steht die Animation: Die Figuren bewegen sich, als seien sie einem Classic Cartoon entsprungen, biegen und dehnen sich, haben richtigen Schwung. Auch das Figurendesign ist insgesamt recht ansprechend, ebenfalls an frühere Disney-Kurzfilme angelehnt. Knuffig, putzig, effektiv. Blöderweise gibt's bei der Figurengestaltung ein paar Ausrutscher (etwa Ed von Speck), die das Gesamtbild stark herunterziehen, trotzdem gönnt sich der Film mit seiner Weltengestaltung einige nette visuelle Gags, die ihn zumindest punktuell wie eine Meisterwerk-Kanon-Entsprechung der klassischen Disney-Cartoons erscheinen lässt. Etwa während der anfänglichen Massenpanik oder jedes Mal, wenn der hohle Truthahn-Bürgermeister auf seine Hinweiskarten haltenden Bodyguards schielt. Die Hintergründe sind Geschmacksfrage: Die krummen, bunten Häuser in Hühnchens Stadt sind recht treffend in CGI-Welten übertragene Antworten auf den grafischen Stil der "Limited Animation"-Phase der 50er/60er Jahre, was manche schäbig, andere cool finden würden. Retrospektiv leiden die detailarmen und sehr weitflächig ausgeleuchten Hintergründe von Himmel und Huhn leider mehr am Zahn der Zeit, als die lebhaft animierten Figuren, da heutzutage realistischeres und plastischeres Rendering an der Tagesordnung steht. Aber für mich als Classic-Cartoon-Verfechter bleibt die Figurenanimation in Himmel und Huhn nach Rapunzel die beste, da dynamischste in der CGI-Ära der Walt Disney Animation Studios. Da waren Triff die Robinsons und Bolt im Anschluss steifer. Besonders der (leider vollkommen überflüssige) Luigi Forello ist klasse animiert.

Und auch die Popkulturreferenzen und die stete Selbstparodie sind nicht durch die Bank weg nervig. Das selbstparodistische Intro ist, betrachtet man den Film zum ersten Mal, eigentlich ganz humorig. Zwar aggressiver, da offensichtlicher, als die Selbstdekonstruktion in Ein Königreich für ein Lama oder Verwünscht, lachen musste ich trotzdem. Was dem Intro, und eigentlich dem gesamten Film, schadet, ist die Inkonsistenz von Himmel und Huhn. Nach dem parodistischen Anfang kehrt der Film erstmal auf weniger giftiges Terrain seine Heimat. Es ist die Schulkomödien-Phase, wo "zeitgemäßer Humor" (Stchwort: Handys) und die bemühte, möchtegern-herzzerreißende Geschichte des missverstandenen Hühnchens in den Fokus treten. Und je weiter dieser Teil voranschreitet, fühlt sich der Anfang des Films immer deplatzierter an. Bereits wenn das zweite Intro anspringt und zum eingängig-coolen Song One Little Slip (hat nichts mit Damen-Unterwäsche zu tun und heißt auf Deutsch Ganz knapp vorbei) das Gefühlsleben des kleinen Heldens beleuchtet wird, weiß man gar nicht mehr, was der Einstiegsgag überhaupt sollte. Wenn man den Film mit etwas Abstand erneut überdenkt (oder ihn sogar nochmal sieht), irritiert der Anfang umso mehr. Da sind die visuellen Seitenhiebe auf Krieg der Welten und Signs oder Anspielungen auf Disneyland und die Micky-Maus-Armbanduhr von Ingersoll schon flüssiger in den Filmkorpus eingebettet, weshalb ich sie auch mehrere Jahre nach Kinostart ganz amüsant finde. Diese Momente, in denen Himmel und Huhn sich mehr um Hercules-Witz bemüht sind es, die am besten funktionieren. Und ja, auch den Keulenschlag gegen Hollywood zum Schluss finde ich richtig gelungen, ebenso wie fast alles, wo die Aliens im Zentrum des Witzes stehen. Das Gerede von der Cosmopoliente, vergangenen Musikrichtungen oder einfach alles, was sich um Ed "ich bin fett und panisch, also bin ich lustig!" von Speck dreht, ist dagegen anstrengend.


Und das emotionale Zentrum von Himmel und Huhn? Nun, da es vom inkonsequenten Humor des Films und dem runtergeratterten Baseball-Handlungsfaden total zerfressen wird, kann man nicht all zu viel positives sagen. Dennoch: In den Schlüsselszenen haben sich die Drehbuchautoren und Sprecher schon redliche Mühe gegeben, und auch vor dem Hintergrund des Eröffnungssongs One Little Slip (der an meiner Disney-Songhitliste nur ganz knapp vorbei huschte), können Hühnchen junior und sein Vater für wenige Augenblicke wirklich lebendige, nachvollziehbare Figuren werden. Dann bricht wieder alles zusammen...

Und somit komme ich wieder zu einem früheren Gedanken zurück: Himmel und Huhn ist für mich mehr traurig, denn hassenswert. Einige Gags sitzen, manche Sequenzen stehen fest auf zwei Beinen und behaupten Himmel und Huhn als hübsche Disney-Selbstparodie, computeranimierten Cartoon in XL-Länge oder animierten Disney-Realfilm aus einer Zwischen-Güteklasse. Alles recht in Ordnung, und mit mehr Konsistenz sogar mit Potential bedacht, eines dieser kleinen Disney-Meisterwerke der Marke Bernard und Bianca im Känguruhland, Robin Hood oder Basil, der große Mäusedetektiv zu werden. Nur zieht Himmel und Huhn gar nichts, was er anfängt, konsequent durch, ändert unentwegt sein Hauptaugenmerk, verliert seine Identität und huscht wie ein kopfloses Huhn über den Bauernhof der Animationskomödien. Was ihn zu einem 08/15-Zeitvertreib irgendeines Anfängerstudios machen würde. Aber da er in der gigantischen Tradition Disneys steht... Erdrückt ihn die Last seiner Ahnen und Nachfolger. Und all das im Namen erhoffter Gewinnmaximierung. Wirklich traurig.

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Rango

Rango - Gore Verbinskis erste Regiearbeit seit dem megalomanischen Piratenepos Am Ende der Welt habe ich selbstverständlich nicht übersehen! Viel mehr sah ich mir den ersten Animationsfilm aus der Spezialeffektschmiede Industrial Light & Magic bereits am deutschen Starttag an. Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich die Schreiblust über Rango kurz nach dem Verfassen einiger Notizen schlagartig verlor. Und so lag der Echsenwestern bei mir erstmal auf Halde. Denn eine zwischen Mittagessen und Abwasch machen dahingeschriebene Kurzkritik sollte der Film, vollkommen unabhängig von meiner Meinung über ihn, wirklich nicht bekommen.

Im Anschluss an den dritten Teil von Pirates of the Caribbean hatte Gore Verbinski vorerst genug von Piraten und Großprojekten. Also nahm sich der ehemalige Werbefilmer vor, einen Fuß ins Animationsfeld zu setzen, hoffend, dass er sich in diesem Gebiet nach dem von Unwettern, explodierenden Budgets, gewaltigem Erwartungsdruck und einen unaufhaltsam näher rückenden Starttermin geplagten Am Ende der Welt endlich etwas erholen kann. Da zeigte Verbinski wohl das falsche Bild vom Animationsmedium: Selbstverständlich fielen solche Problemfaktoren wie das tückische Wetter aus, dafür musste er sich der nervenaufreibenden Detailarbeit und dem erschöpfend langsamen Produktionsprozess eines Trickfilms aussetzen. Denn wer Qualität wünscht, muss im Animationsbereich außerordentlich hart arbeiten. Kein Wunder, dass Verbinski in jüngeren Interviews seine Einschätzung widerrief: Rango wurde letztlich doch keine kleine, unanstrengende Produktion.

Dafür setzte Gore Verbinski einen seine gesamte Kinolaufbahn durchsetzenden Trend fort, den der unfokussierte Gelegenheitszuschauer spätestens mit Am Ende der Welt recht überdeutlich zu spüren bekommen hat: Verbinski macht Filme, die leicht... daneben sind. Verrückt, verschroben. Sie mischen Konventionalität mit einem gewissen Element der Seltsamkeit und Exzentrik. Das gigantomagische Piratenabenteuer mag eine Jerry-Bruckheimer-Spezialeffekt-Extravaganz mit ausschweifendem Action-Klimax gewesen sein, Verbinski kam nicht umher, sich in absonderliche und surrealistische Momente wie der in Davy Jones Reich zu verlieben. Und eben diese Tendenz zum grotesken im scheinbar Massentauglichen ist es, die Rango über alles andere prägt.


Am überdeutlichsten macht sich Rangos exzentrische Natur am Look des Films bemerkbar: Die Figuren sind grotestke Mischwesen aus fotorealistischen Oberflächen und altmodischen Tierwesen aus Kinderbuchklassikern. Die vertrockneten Reptilienschuppen, die schlaffen Vogelfedern und das dreckige, staubige Fell der mit menschenähnlicher Mimik und überzeichneter Gestik artikulierenden Figuren sind in naturnahen Formen gehalten, stecken allerdings in kleinen Westernkostümchen. Die Welt von Rango ist aufgrund dieser ungewöhnlichen Stilmischung hässlich - gewollt hässlich. Zum Knuddeln lädt von vornherein keines der Tiere ein, und diese unwohle Realitätsnähe gepaart mit unwirklichen Elementen macht die Western-Fauna in diesem Streifen noch grotesker. Aber es ist, anders als bei Robert Zemeckis Motion-Capturing-Versuchen, kein ungewollter Uncanny-Valley-Effekt, sondern ein bewusst gewählter Balanceakt zwischen abstoßend und fazinierender Quirligkeit.

Somit spiegelt das Figurendesign das Wesen des Protagonisten von Rango wider: Unser "Held" ist nämlich ein vollkommen wirr gewordenes Haustier-Chamäleon, das in seiner Isolation jegliche Spur zu seiner eigentlichen Persönlichkeit verlor. Als es durch einen Unfall in der Freiheit landet und in der aufgrund Wassermangels dahinsiechenden (und von Tieren bewohnten) Westernstadt Dreck angelangt, nimmt es die Identität eines verwegenen Westernhelden auf, der ohne mit der Wimper zu zucken sieben auf einen Streich killen kann. Unter dem Namen "Rango" wird der wandelnde Haufen heißer Luft zum Sherrif der Stadt ernannt, der die knapp werdenden Wassereserven Drecks bewachen soll. Aber da Rango halt mehr armes Würstchen, als echter Held ist, geht einiges schief - und Rango muss zum Wohle der ihn ans Herzen wachsenden Stadt (sowie seiner eigenen Haut) das werden, was er zu sein behauptet.

Die Figur des Rango ist eine exzentrische, verlogene und prahlerische Gestalt, die schlacksig umherstackst und oftmals panisch vor sich herquietscht. Nicht gerade der prototypische Star für ein ausgewachsenes Westernabenteuer. Und seine Neurosen sowie sein mal verpeiltes, mal selbstgefälliges Getue macht ihn nicht gerade zur Durchschnitts-Vorbildfigur, die man in einem Animationsfilm mit familientauglicher Altersfreigabe erwartet. Dies ist für Rango Fluch und Segen zugleich. Gore Verbinskis Trickwestern erhält dadurch eine angenehme Frische, stellt sich als verschrobener Außenseiter in die stetig wachsende Riege der Hollywood-Animationsproduktionen. Aber da man sich, vor allem anfangs, wirklich enorm darauf versteifte, die Hauptfigur anders und atypisch zu gestalten, scheint man irgendwann die Sympathie aus den Augen verloren zu haben. Die Figuren in Rango sind einem zwar nicht egal, so richtig ans Herz wachsen konnte mir jedoch auch keines der Tierchen. Wodurch die Schwächen in der Story stärker ins Auge stechen.


Denn so verschroben der Humor, so ausgefallen der Verlauf einiger Szenen, so ungewöhnlich der generelle Tonfall von Rango sein mag, der eigentliche, grundlegende Plot ist ein überaus konventionelles Sammelsurium aus Desperado, Chinatown und Westernklischees. Der Drahtzieher hinter der Wasserverschwörung ist schnell durchschaut, die Irrführungen kommen auch sehr deutlich als eben solche rüber und generell mag Rango auf narrativer Ebene nie so richtig eine Eigendynamik entwickeln oder Fahrt aufnehmen. Die Geschichte besteht aus sehr viel Hin- und Hergerenne und kurzen Wegzweigungen, weil man noch Drehbuchautor John Logan (Sweeney Todd) noch diese oder jene archetypische Westernsequenz verarbeiten wollte.

Bloß, weil sich Logan in Rango nicht als meisterlicher Geschichtenerzähler zeigt, soll dies nicht bedeuten, dass er und Gore Verbinski in ihrem Animationsabenteuer generell schlechte Erzähler seien. Ihre Vereinnahmung und Abwandlung von Westernklischees resultiert in wirklich tolle Szenen und der stets präsente Humor ist in dieser Form nahezu einzigartig. Rango ist Sequenz für Sequenz betrachtet durchaus ansprechend und einfallsreich erzählt. Es kommt halt nur nicht zu einem makellosen Erzählfluss - das ist für mich das größte Manko. Teilschuld an diesem stockenden Erzählfluss könnte der in sich etwas unausgegorene Tonfall sein. Gore Verbinski erwies sich ja bereits als sehr guter Strippenzieher einer sich ständig wandelnder Atmosphäre, und deswegen will ich ihn bezüglich Rango nicht zu lautstark anklagen - andere Regisseure hätten ein ganz und gar in sich unstimmiges Werk abgeliefert. Das blieb Rango erspart. Trotzdem verläuft der Zick-Zack-Kurs zwischen Verballhornung, Hommage und Aneignung typischer Westernelemente, um etwas vollkommen eigenes, exzentrisches zu gestalten, zwischen ernsthaft spannend gemeint und kurios nicht so harmonisch und packend, wie in Die Truhe des Todes oder Am Ende der Welt. An manchen tonalen Wende- und Knotenpunkten fehlte mir in Verbinskis Trickfilmdebüt der Feinschliff.

Dessen ungeachtet muss man Gore Verbinski gratulieren, dass er sich (wenigstens meiner Ansicht nach) immer besser in die kultigen Riegen solcher Leute wie Robert Rodriguez und Quentin Tarantino einreiht. Nicht nur, dass er ihnen in Sachen "Projekte ankündigen und dann doch nicht abliefern" in nichts mehr nachsteht, Rango zeigt auch überdeutlich, dass er das Dasein als Genreversatzstück-DJ ähnlich gut beherrscht. Dem Drehbuch von Rango fehlt zwar die Genialität eines Quentin Tarantino, aber das kann man nicht allein Verbinski anlasten, schließlich schreibt er seine Filme (noch?) nicht selbst. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ein Animationsfilm von Robert Rodriguez nicht groß anders aussähe, als das, was Verbinski letztlich abgeliefert hat. Spaghetti-Western trifft groteske Komik trifft Mariachi-Feeling. Rodriguez wäre wohl etwas überdrehter und weniger surrealistisch an den Stoff herangegangen - und natürlich wäre die Selbstreferentialität anders ausgefallen, schließlich bedient sich Verbinski eines anderen selbstgeschaffenen Kosmos als Rodriguez.


Denn die Verweise auf die eigene Vergangenheit hat Gore Verbinski nun wohl ähnlich heraus, wie schon Tarantino und Rodriguez. Neben den zahlreichen Western-Verweisen und ebenfalls recht deutlichen Fingerzeigen auf Fear and Loathing in Las Vegas gibt es einige klare Rückgriffe auf die Pirates of the Caribbean-Trilogie, insbesondere auf Am Ende der Welt. Die Gestaltung der Traumwelten Rangos erinnert stark an das ebenfalls sehr monochrom-weiße Reich Davy Jones' in Am Ende der Welt, bloß mit einem etwas stärkeren Salvador-Dali-Touch. Wenn Rango eilig rennt, sind die Bewegungen fast haargenau die, des fliehenden Jack Sparrow und beim großen Western-Showdown mischt Komponist Hans Zimmer munter das Rango-Leitmotiv mit seiner Ennio-Morricone-Hommage Parley aus dem dritten PotC-Teil. Somit hat es das in Cowboystiefeln gesteckte Liebesthema von Am Ende der Welt also in einen weiteren Film geschafft...

Appropos Hans Zimmer: Rango gehört wieder Mal zu seinen exzentrischeren und originelleren Arbeiten. Anders als bei The Dark Knight, Sherlock Holmes oder Am Ende der Welt geht er zwar nicht ganz so mutig mit der Instrumentenwahl um, aber die Hauptmelodien in Rango sind eingängige, verschrobene Abwandlungen der Genrestandards - ganz so, wie es der Film auch verlangt. Zimmer mischt Verschrobenheit mit Western- und Mariachi-Klängen und während einer herrlichen Verfolgungsjagd vereint er seine Rango-Hauptkomposition mit dem Walkürenritt und An der schönen blauen Donau. Und weil's halt Spaß macht, setzt er beim Arrangement auf E-Gitarren und Banjos. Genial. Und im Abspann lehnt sich Zimmer sogar in Tarantino-Gefilde, mischt Mariachi-Western mit dem aus Pulp Fiction bekannten Surferrock-Gitarrenriff. Wieso? Ähm... wieso nicht? Es ist cool...!

Neben Depp und Bill Nighy unter den Darstellern sowie Komponist Hans Zimmer hat Gore Verbinski noch weitere alte Bekannte in die Welt von Rango eingeladen: Der Schnitt stammt, wie eh und je bei Verbinski, von Craig Wood, das Figurendesign stammt von Crash McCreery (der die Pirates-Filme mitgestaltete) und Verbinskis Effektspezialist seines Vertrauens, John Knoll, überwachte auch bei Rango die Spezialeffekte.
Für die Kameraarbeit holte sich Verbinski dagegen jemanden, der sich nicht nur mit Western und verschrobenem Humor, sondern auch mit Animationsfilmen auskennt: Kameralegende Roger Deakins, der nahezu alle Coen-Filme drehte und schon bei WALL•E und Drachenzähmen leicht gemacht für greifbarere digitale Landschaften sorgte, half auch diesem Film auf die Sprünge. Und das Engagement Deakins' hat sich bezahlt gemacht: Die Landschaften in Rango sind hyperrealistisch, obwohl Verbinski bewusst auf 3D verzichtete, scheinen die Bilder der staubigen Wüste schier unendlich zu sein. Der Licht- und Schattenwurf von Rango unterstützt den realistischen Einschlag der Texturen, spielt aber gleichzeitig mit der typischen Western-Lichtdramaturgie. Einfach super - und mir auch einen Tacken lieber als das doch sehr gewöhnungsbedürftige Figurendesign.


Auch wenn mir Rango aufgrund der Story und den zwar erfrischend andersartig, nicht aber sonderlich rund entwickelten Figuren weniger gefällt, als The Weather Man (geschweige denn die PotC-Filme), war es ein richtiger und wichtiger Schritt für Gore Verbinski. Er macht seinen eigenen, kleinen Wahnsinn immer mehr zu einer durchdachten Methode und sein Genre- und Stimmungsmix kristallisiert sich immer stärker zu seiner eigenen Handschrift heraus. Und da er fremde Versatzstücke, etwas neues und eigene Rückverweise recht gut miteinander jongliert, könnte sich Verbinski bei Bedarf weiter in dieser Stilschule aufhalten und wie Rodriguez, Kevin Smith, Quentin Tarantino und einige andere einen eigenen Subkosmos aufbauen. Oder aber Verbinski macht als nächstes was normales, wir werden sehen.

Was ich an Rango jedoch schade finde, ist dass der Film wieder die Doppelzüngigkeit des Kritkerkonsens aufzeigt. Rango wurde für seine Intelligenz, Andersartigkeit und liebenswürdige Derbheit gelobt. Am Ende der Welt galt als verworren, übertrieben kompliziert, verrückt und dass der Film für seine Jugendfreigabe so hart war, kam auch nicht überall an. Schon seltsam - und dabei finde ich sogar, dass etwa die Traumsequenzen in Rango weniger gut in die Narrative eingebaut wurden, als die Verrücktheiten in Jack Sparrows vergangenem Kinoabenteuer. Die Erkenntnisse der surrealen Szenen in Am Ende der Welt kann man kaum anders einbauen, in Rango schien dagegen der Gedanke zu sein: "Wir brauchen eine Ephphanie... ähm... vielleicht via Traumsequenz?" Rango ist da meiner Ansicht nach der "faulere" Streifen - aber teure Blockbusterfortsetzungen sind halt die bessere Zielscheibe, als die durch Pixar plötzlich wieder als anspruchsvoll akzeptieren Animationsfilme dieser Welt. Oder anders gesagt: Ulkig, wie sich die Perspektiven verschieben können, wenn der eine Film eine teure Fortsetzung ist, und der andere ein "frischer und innovativer" Animationsfilm.

Wie dem auch sei: Rango ist in Anbetracht dessen, dass von Pixar dieses Jahr keine Revolution zu erwarten ist, ein guter Anwärter auf den nächsten Animations-Oscar. Einfallsreich, verrückt, ausdrucksstark animiert und trotz narrativer Schwächen unterhaltsam. Längst nicht die Weltsensation, die aus ihm gemacht wurde, aber für jeden Depp-, Western-, Verbinski- oder Animations-Fan einen Blick wert. Und ja, auch Robert-Rodriguez-Fans sollten reingucken, selbst wenn er nichts mit Rango zu tun hat.

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