Sonntag, 23. November 2014

Schneewittchens Erstsynchro: Ein Mysterium deutscher Kinogeschichte


Walt Disneys Meisterwerk Schneewittchen und die sieben Zwerge gibt Filmhistorikern seit Jahrzehnten Rätsel auf: Der Meilenstein der Zeichentrickgeschichte wurde, so ist es verbucht, drei Mal für den deutschsprachigen Markt vertont. Das Kuriosum ist, dass die Erstfassung 1938 entstanden sein soll, also zu einer Zeit, in der Deutschland bereits unter die Nazis fiel. Wer die Vertonung betreut hat, wo, und wieso, ist ein Rätsel, das Filmhistoriker plagt.

Disney-, Synchron- und Musik-Experte EdiGrieg hat sich in die Untiefen dieses Mysteriums gewagt. Und seine ersten Erkenntnisse sind überaus lesenswert. Also, liebe Disney-Freunde, lasst alles stehen und liegen, um euch erstmal diesem Artikel zu widmen:

Samstag, 22. November 2014

Brick Mansions


2004 nahm sich der französische Actionfilm Banlieue 13 auf exzentrische, unterhaltsame Weise dem sozialen Gefälle zwischen dem Pariser Zentrum und den direkten Vororten an. Der mit rasanten Parcours-Szenen gespickte, mit Gewalt und dunklem Humor nicht geizende Streifen erhielt fünf Jahre später eine an den heimischen Kinokassen noch erfolgreichere Fortsetzung. Beide Teile kamen auch international bei Genrefans, die den Blick über den Hollywood-Tellerrand hinaus wagen, sehr gut an. Dem Ko-Autoren und Produzenten Luc Besson war dies jedoch nicht genug, weshalb er mit Brick Mansions den Stoff für ein internationales Massenpublikum neu auflegt. Die Handlung wurde dafür in eine nahe Zukunftsversion der wirtschaftlich geplagten US-Stadt Detroit verfrachtet. Mit Fast & Furious-Star Paul Walker und Rapper RZA angelte sich Besson zudem zwei weltweit bekannte Aushängeschilder für das Remake, das um einige der rauen Ecken und Kanten der Originalfilme erleichtert wurde.

Aber der Reihe nach: Die Regierung will sich nicht länger mit der wachsenden Kriminalitätsrate der finstersten Ecken Detroits auseinandersetzen und beschließt kurzerhand, eine gewaltige Mauer rund um die Problemviertel zu errichten. Die Ein- und Ausreise wird an der Grenze zur „Brick Mansions“ getauften Ganovenenklave streng kontrolliert. Während sich die Wirtschaft außerhalb des Armenviertels erholt, nehmen innerhalb der Mauern Gewalt, Erpressung und Drogenhandel nie geahnte Ausmaße an. Zu den wenigen Menschen, die noch daran glauben, dass Brick Mansions nicht völlig verloren ist, zählt der exzellente Undercover-Cop Damien Collier (Paul Walker), der einen Drogenboss nach dem anderen stellt. Sein lang ersehntes Ziel ist Tremaine Alexander (RZA), der ruchlose Machthaber in Brick Mansions. Gegen diesen führt der Idealist Lino (David Belle) einen erbitterten Kleinkrieg, weshalb Damiens Vorgesetzte eine Kooperation zwischen dem Cop und dem sportlichen Kriminellen vorschlagen. Doch so sehr Linos Feldzug gegen Tremaines Drogenimperium von einem Ordnungsdrang getrieben sein mag: Einst ermordete Lino einen Polizisten und auch heute sind seine Methoden fragwürdig. Kann Damien ihm also wirklich vertrauen?

Brick Mansions ist, wie in der Presse intensiv besprochen, der letzte Film, den Paul Walker vor seinem tödlichen Unfall komplett abdrehen konnte. Aufgrund einiger Mängel, die Inszenierung und Drehbuch des Films aufweisen, stellt dieses Projekt zwar keinen denkwürdigen Abschied dar, Walkers Performance aber lässt zumindest für seine Fans keine Wünsche offen. Er fühlt sich in seiner Rolle als energisch arbeitender, menschlich zurückhaltender Undercover-Polizist sichtbar wohl und füllt sie mit sympathischer Bodenständigkeit aus. Walkers Jedermann bleibt im direkten Vergleich zu seinem Mitstreiter Lino dennoch relativ profilarm. David Belle, der diese Rolle bereits im französischen Original spielte, bekommt als flinker, wendiger Kleinkrimineller mit komplexen Moralvorstellungen schlicht die interessantere Figur zugeteilt, obendrein ist er Dreh- und Angelpunkt der visuell aufregendsten Actionmomente des Films. Belle ist Miterfinder der Sportart Parcours und noch heute einer der Besten seiner Zunft, was seine erstaunlichen Sprungstunts in Brick Mansions mehrmals unter Beweis stellen.

Wenn Belle nicht gerade über Dächer, durch Fenster hindurch oder an Wänden entlang springt oder er und Walker wild zankend eine chaotische Autoverfolgungsjagd bestreiten, verliert dieser Streifen allerdings rasch an Reiz. Regisseur Camille Delamarre (Cutter von Transporter 3) spult ein Gros der Actionszenen zu schnell herunter, setzt zu oft die Schere an und lässt die Kamera zu sehr wackeln, weshalb nicht einmal jede der Parcours-Einlagen richtig sitzen will. Was nutzen handgemachte Stunts, wenn man ihre Gefährlichkeit nur erahnen kann? Einige Actionmomente sind daher weitestgehend spannungsarm und ohne Biss.

Ähnlich stark runter gebrochen wirkt die Erzählweise: Nach einem packenden Intro verliert Brick Mansions für eine längere Strecke an Stimmung und Rasanz, nur um dafür gegen Ende mit eiligen Entwicklungen und plötzlichen Twists zum Finale zu hechten. Der zynische Realitätssubtext macht immer wieder Platz für klischeehafte, dick aufgetragene Figurenzeichnungen, die sich mit dem urban-realistischen Look des Schauplatzes beißen. Mit einem Minimum an pointierten Wortgefechten und sonstigen Schnörkeln verspricht dieses Remake, ein geradliniger Actionstreifen zu werden – dann jedoch tauchen Figuren wie die von Ayisha Issa verkörperte SM-Kampflesbe Rayzah auf, die viel mehr in ein überdreht-augenzwinkerndes Genrekonzentrat wie Crank 2: High Voltage gehören als in die sonst so stringente Produktion Brick Mansions.

Solch unpassender Farbkleckse zum Trotz ist Camille Delamarres Actionstück austauschbarer geraten als die Ghettogangz-Originale, die mit kompromissloseren Gewaltspitzen, einem höheren Maß an furios choreographierten Parcours-Sequenzen und rauerem Humor aus der Masse herausstechen. Was Brick Mansions dafür sehr wohl mit dem ersten Ghettogangz gemein hat: Die finale Storyentwicklung rund um eine zu entschärfende Bombe im Armenviertel – und diese erscheint in beiden Filmen tonal unpassend. Während das französische Original diesen Twist jedoch dank seines satirischen, auf die Banlieuekämpfe reagierenden Humors als Persiflage auf radikale politische Ideen abtun kann, geht dem Remake diese Ausrede abhanden. Dass Brick Mansions daraufhin sogar vielen seiner Figuren frei nach dem Motto „Nun, da ich weiß, dass es größere Übel als dich gibt, habe ich dich plötzlich lieb“ ein Gute-Laune-Ende beschert, lässt den Schluss gar ins Lächerliche abdriften.


In Nordamerika nahm die französisch-kanadische Gemeinschaftsproduktion trotz einer sehr hohen Kopienzahl von mehr als 2.600 Kinos zum Start nur maue 9,5 Millionen Dollar ein, insgesamt standen enttäuschende 20 Millionen Dollar zu Buche. Und dies trotz des vermeintlichen Neugierde-Bonus, wie sich Paul Walker in seiner letzten, komplett gefilmten Rolle schlägt. Auch in Deutschland wurde der Streifen nicht gerade zum Kassenerfolg, was angesichts der gebotenen Qualität auch keinen Beinbruch darstellt. Mit Fast & Furious 7 werden Walker-Fans kommendes Jahr einen wesentlich spektakuläreren Abschied vom zu früh verstorbenen Darsteller nehmen können als nun mit Brick Mansions. Und Actionfreunde, die das Konzept dieser 28-Millionen-Dollar-Produktion interessant finden, können das feschere, kurzweilige Original Ghettogangz mittlerweile zum halben Preis einer Brick Mansions- DVD auf Blu-ray erstehen. Und zwar im Doppelpack mit dem Sequel!

Dieser Artikel basiert auf meiner Filmkritik, die ich bei Quotenmeter zum Kinostart veröffentlicht habe.

Donnerstag, 20. November 2014

Oscar 2015: Erste Prognose in der Sparte "Bester Kurzfilm"


In einer der schwierigsten Oscar-Kategorien hat sich der Nebel ein Stück weit gelichtet: Die Academy of Motion Picture Arts & Sciences gab heute die zehn Filme umfassende Shortlist an möglichen Nominierungen in der Kategorie "Bester Kurzfilm" bekannt. Somit ist es zwar weiterhin möglich, nicht eine einzige Nominierung richtig zu tippen, jedoch wurden 141 Kurzfilme für die nächste Verleihung des begehrten Goldjungen eingereicht. Aus diesem Pool die korrekten Oscar-Anwärter vorherzusagen, dürfte selbst großen Oscar-Experten viel zu schwer fallen. Insofern sollten wir froh über diese Shortlist sein.

Die zehn möglichen Nominierten sind:

Aya, inszeniert von Oded Binnun und Mihal Brezis: Eine 40-minütige, sehr aufwändige Gemeinschaftsproduktion aus Israel und Frankreich. Das musikalische Romantikdrama handelt von einem Mann, der eine Fremde für seine auf ihn wartende Chauffeurin hält. Sie hält ihr Gegenüber trotz (oder gerade wegen) dieses Missverständnisses für liebenswert und denkt daher nicht dran, die Sache aufzuklären. Prämiert mit dem Preis der israelischen Filmakademie sowie dem Jurypreis für den besten ausländischen Kurzfilm beim Filmfestival Fort Lauderdale.

Baghdad Messi, inszeniert von Sahim Omar Kalifa: 19-minütiger Kurzfilm über einen 10-jährigen Iraker, der vollkommen fußballbesessen ist und sich gewaltig auf das anstehende Champions-League-Finale 2009 freut. Kurz vor der Partie zwischen dem FC Barcelona und Manchester United geht jedoch der Fernseher kaputt ... Preisgekrönt auf den Kurzfilmfestivals in Bermuda und Tampere.

Boogaloo and Graham, inszeniert von Michael Lennox: 14-minütiger, in den 70ern spielender, humoriger Kurzfilm über zwei Jungen, die von ihrem sanftmütigen Vater mit der Betreuung zweier Küken beauftragt werden. Vollmundig versprechen sie einander, Vegetarier zu werden. Wurde unter anderem auf dem Filmfestival TIFF sehr warm aufgenommen.

Ein Bild für die Ewigkeit (Originaltitel: La Lampe Au Beurre De Yak), inszeniert von Hu Wei: 15-minütige Gemeinschaftsproduktion aus China und Frankreich, Unter anderem nominiert für den Europäischen Filmpreis und prämiert mit dem Publikumspreis bei den Festspielen von Glasgow, Hong Kong und Regensburg: Am tibetanischen Neujahrstag machen sich zwei Fotografen auf, um die Bewohner eines abgelegenen Dorfs in Porträts festzuhalten. Währenddessen lernen sie die Menschen, von denen viele noch nie eine Kamera gesehen haben, und ihre Weltsicht kennen.

Carry On, inszeniert von Yatao Li: Auf dem angesehenen Kurzfilmfestival von Palm Springs prämiertes Drama über einen chinesischen Vater, der während des Zweiten Weltkriegs seine Familie vor den brutalen japanischen Besatzern beschützen will. Laufzeit: 16 Minuten.

My Father’s Truck, inszeniert von Maurício Osaki: 15-minütiges Coming-of-Age-Road-Movie über eine 10-Jährige, die die Schule schwänzt, um ihrem Vater bei seinem Taxidienst auszuhelfen. Lief im Wettbewerb der Berlinale, erhielt den Jurypreis beim Bermuda-Filmfest sowie den Preis für den besten Studentenfilm in Palm Springs.

Parvaneh, inszeniert von Talkhon Hamzavi: 25-minütiges Sozialdrama, das die Geschichte einer jungen afghanische Migrantin erzählt, die in der Schweiz auf dem Land lebt. Eines Tages erfährt sie, dass ihr Vater schwer erkrankt ist, weshalb sie sich vornimmt, nach Zürich zu fahren. Dort will sie ihr gesamtes Erspartes an ihren Vater schicken. Dort angekommen wird sie von der Hektik der Großstadt überwältigt und allein eine Punkerin ist bereit, ihr zu helfen. Wenngleich nur für eine Gegenleistung ...

The Phone Call, inszeniert von Mat Kirkby: In Kennerkreisen bereits enorm gefeierter Kurzfilm mit Sally Hawkins und Jim Broadbent. Die ebenso deprimierende wie inspirierende Geschichte handelt von einer Mitarbeiterin der Telefonseelsorge, die den Anruf eines verzweifelten Witwers annimmt, der ohne seine Frau nicht mehr leben will. Da der Film dies schafft, ohne die üblichen Klischees zu bedienen, erhielt er unter anderem den Preis für den besten Kurzfilm beim Tribeca Filmfestival sowie den Silbernen Drachen in Krakau und den Publikumspreis bei den Kurzfilmfestspielen von Aspen.

SLR, inszeniert von Stephen Fingleton: 23-minütiger Thriller rund um einen älteren Herren, dessen große Passion es ist, heimlich pornografische Fotos zu schießen. Der mit den Game of Thrones-Akteuren Liam Cunningham und Richard Dormer besetzte Film orientiert sich an Genreklassikern wie Blow Up und macht seinen moralisch korrumpierten Protagonisten durch eine Kette dunkler Enthüllungen zum Anti-Helden.

Summer Vacation, inszeniert von Tal Granit und Sharon Maymon: Drama aus Israel, das in 22 Minuten die Geschichte eines Familienvaters erzählt, der während eines scheinbar perfekten Urlaubstages am Strand zufällig seinem ehemaligen Lebensgefährten begegnet. Großer Publikumsrenner bei Sundance, ausgezeichnet beim Flickerfest und den Filmfestspielen Rochester ImageOut.

Meine Prognose, wer es in die Endauswahl schafft, lautet:

  • Aya
  • Ein Bild für die Ewigkeit
  • Carry On
  • Parvaneh
  • The Phone Call
Letzterer hat den wie mir scheint größten Buzz sowie Promibonus, bei Aya könnten die Produktionswerte einiges reißen und bei den drei restlichen sprechen die Mixtur aus Thema und bereits gewonnen Preisen für eine Nominierung.

Was glaubt ihr?

Dienstag, 18. November 2014

Oscar 2015: Erste Prognose in der Sparte "Beste Dokumentation"


Sage und schreibe 134 Dokumenationen sind für die nächsten Academy Awards vornominiert und müssen von den Experten der Dokusparte in der Academy of Motion Picture Arts & Sciences beäugt werden. Ich selbst konnte bislang leider nur einen Bruchteil der Filme auf dieser Liste gesehen. Aber basierend auf den Publikums-, Branchen- und Kritikerreaktionen sowie der Themen der Filmen und der generellen "Vorlieben" der Academy wage ich dennoch eine erste Vorhersage.
Ehe ich einen Pool möglicher Nominierten zusammenstelle, sei hier der Vollständigkeit halber aber die komplette Liste der Dokus genannt, die sich für die nächsten Oscars qualifizierten:

  • Afternoon of a Faun: Tanaquil Le Clercq
  • Ai Weiwei: The Fake Case
  • Algorithms
  • Alive Inside
  • All You Need Is Love
  • Altina
  • America: Imagine the World without Her
  • American Revolutionary: The Evolution of Grace Lee Boggs
  • Anita
  • Antarctica: A Year on Ice
  • Art and Craft
  • Awake: The Life of Yogananda
  • The Barefoot Artist
  • The Battered Bastards of Baseball
  • Before You Know It
  • Bitter Honey
  • Born to Fly: Elizabeth Streb vs. Gravity
  • Botso The Teacher from Tbilisi
  • Captivated The Trials of Pamela Smart
  • The Case against 8
  • Cesar’s Last Fast
  • Citizen Koch
  • CitizenFour
  • Code Black
  • Concerning Violence
  • The Culture High
  • Cyber-Seniors
  • DamNation
  • Dancing in Jaffa
  • Death Metal Angola
  • The Decent One
  • Dinosaur 13
  • Do You Know What My Name Is?
  • Documented
  • The Dog
  • E-Team
  • Elaine Stritch: Shoot Me
  • Elena
  • Evolution of a Criminal
  • Fed Up
  • Finding Fela
  • Finding Vivian Maier
  • Food Chains
  • The Galapagos Affair: Satan Came to Eden
  • Getting to the Nutcracker
  • Glen Campbell…I’ll Be Me
  • Gore Vidal: The United States of Amnesia
  • The Great Flood
  • The Great Invisible
  • The Green Prince
  • The Hacker Wars
  • The Hadza: Last of the First
  • Hanna Ranch
  • Happy Valley
  • The Hornet’s Nest
  • I Am Ali
  • If You Build It
  • The Immortalists
  • The Internet’s Own Boy
  • Ivory Tower
  • James Cameron’s Deepsea Challenge
  • Jodorowsky’s Dune
  • Journey of a Female Comic
  • Keep On Keepin’ On
  • Kids for Cash
  • The Kill Team
  • Korengal
  • La Bare
  • Last Days in Vietnam
  • Last Hijack
  • The Last Patrol
  • Levitated Mass
  • Life Itself
  • Little White Lie
  • Llyn Foulkes One Man Band
  • Magician: The Astonishing Life and Work of Orson Welles
  • Manakamana
  • Merchants of Doubt
  • Mission Blue
  • Mistaken for Strangers
  • Mitt
  • Monk with a Camera
  • Nas: Time Is Illmatic
  • National Gallery
  • Next Goal Wins
  • Next Year Jerusalem
  • Night Will Fall
  • No Cameras Allowed
  • Now: In the Wings on a World Stage
  • Occupy the Farm
  • The Only Real Game
  • The Overnighters
  • Particle Fever
  • Pay 2 Play: Democracy’s High Stakes
  • Pelican Dreams
  • The Pleasures of Being Out of Step
  • Plot for Peace
  • Point and Shoot
  • Poverty Inc.
  • Print the Legend
  • Private Violence
  • Pump
  • Rabindranath Tagore – The Poet of Eternity
  • Red Army
  • Remote Area Medical
  • Rich Hill
  • The Rule
  • The Salt of the Earth
  • Shadows from My Past
  • She’s Beautiful When She’s Angry
  • A Small Section of the World
  • Smiling through the Apocalypse – Esquire in the 60s
  • Supermensch: The Legend of Shep Gordon
  • The Supreme Price
  • Tales of the Grim Sleeper
  • Tanzania: A Journey Within
  • This Is Not a Ball
  • Thomas Keating: A Rising Tide of Silence
  • Through a Lens Darkly: Black Photographers and the Emergence of a People
  • True Son
  • 20,000 Days on Earth
  • Unclaimed
  • Under the Electric Sky
  • Underwater Dreams
  • Virunga
  • Waiting for August
  • Walking the Camino: Six Ways to Santiago
  • Warsaw Uprising
  • Watchers of the Sky
  • Watermark
  • We Are the Giant
  • We Could Be King
  • Whitey: United States of America v. James J. Bulger
  • A World Not Ours
Aus diesen 134 Dokus sind, sofern ich es korrekt überblicke, folgende von besonderem Interesse:
Sehr gute Tipps:
Merchants of Doubt: Robert Kenner blickt auf den Beruf "professioneller Skeptiker", die im Namen ihrer Auftraggeber öffentlich den wissenschaftlichen Konsens als unsinnig deklarieren und so das politische Klima ändern. Einer der Favoriten auf dem Filmfest in Toronto, Kritikerliebling und zudem ein Film, der sehr nachhaltige Diskussionen auslöste
Life Itself: Bewegende, intelligente Dokumentation über den passionierten Filmkritiker Roger Ebert und seinen Einfluss auf die Achtung hoher Filmkunst beim breiten Publikum sowie die Wechselwirkung zwischen ihm und Hollywood. Darüber hinaus ist dieser Film ein Loblied auf den Willen, trotz Erkrankung am Leben festzuhalten, so lang es geht
Citizen Four: Viel diskutierte Reportage über Edward Snowden

Weitere nicht zu verachtende Kandidaten:
Finding Vivian Mayer: Erhellende, preisgekrönte Doku des jungen Fotografieinteressierten John Maloof, der auf großartige Schwarzweißfotografien stößt, deren bis dahin unentdeckte und bereits verstorbene Urheberin daraufhin als enormes Talent erachtet wird. Maloof macht es sich also zur Aufgabe, sämtliche Fotografien der rätselhaften Vivan Mayer aufzutun und zugleich das große Rätsel zu knacken, wer diese Frau war. Spannend, clever und teils auch ergreifend.
Red Army: Doku über das Eishockeyteam der Roten Armee, die darauf eingeht, wie sich die Sportwelt und die soziale Situation eines Landes gleichen können. Seit der euphorischen Reaktion auf den Film beim Filmfest in Telluride ein großer Oscarfavorit, es fehlt aber bislang der Rückhalt großer Meinungsträger.
The Overnighters: Mehrfach prämierte, in Sundance umjubelte Dokumentation rund um eine Kleinstadt in North Dakota, in der ein Priester bis zu 1.000 finanziell gebeutelten Menschen gestattet, in der Kirche zu nächtigen, um sich von harter, schlecht bezahlter Arbeit auszuruhen. Inspirierend, relevant für unsere wirtschaftliche Lage, harsch.
Keep On Keepin' On: Kritikerliebling, Debütfilm, vertrieben von der Weinstein Company: Ehrfürchtiges Porträt der lebenden Jazzlegende Clark Terry.
The Case Against 8: Auf Sundance achtvoll gestartete sowie prämierte Doku, die sich mit dem Justizkampf gegenden kalifornischen Volksentscheid 'Proposition 8' (ein Gesetzentwurf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe) befasst.
The Salt of Earth: Wim Wenders blickt in starken Bildern auf das Leben und Schaffen des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.
20,000 Days on Earth: Polarisierende Mischung aus Doku und Fiktion rund um Nick Cave
Fed Up: Filmischer Enthüllungsbericht über den versteckten Zuckeranteil in Lebensmitteln, der schwere Auswirkungen auf die US-Bevölkerung hat
Tales of the Grim Sleeper:  Als berührend und schockierende Reportage beschriebener Tatsachenbericht über den als "Grim Sleeper" in die Medien gelangten Serienmörder, der Los Angeles rund 20 Jahre lang in Atem hielt

Generell lassen erste Stimmen mutmaßen, dass 2014 als sehr gutes Dokujahr in die Filmgeschichte eingeht und auch ich finde allein in dieser Liste zahlreiche Filme, die mich ansprechen. Das macht die Auswahl einer Top Five für die Oscarprognose nicht gerade leichter. Im Dezember kommt eine Shortlist heraus, die vielleicht etwas mehr Übersicht erlaubt, dennoch springe ich schon jetzt ins kalte Wasser und tippe auf:

  • Merchants of Doubt
  • Citizen Four
  • Life Itself
  • Keep On Keepin' On
  • The Overnighters
Es tut mir dabei sehr, sehr leid um Finding Vivan Mayer, den ich wirklich stark finde, aber im Moment erachte ich diese fünf als die durchsetzungsfähigeren Kandidaten. Und ihr?

Montag, 17. November 2014

Phineas und Ferb: Star Wars


"Keine Sorge, gehört nicht zum Kanon. Also macht euch locker!"

Phineas und Ferb ist eine durch und durch seltsame, seltsame und faszinierende Serie! Ich kann nur mutmaßen, wie sie auf ihre jüngsten Zuschauer wirkt. Wahrscheinlich werden die grellen Farben, der optimistische Grundton, die seltsam-stilisierten Formen und das regelmäßige Singen eine erheiternde Wirkung haben. Hinzu kommt das hohe Tempo und alles paletti. Keine Ahnung. Viel interessanter ist, was die Serienerfinder Dan Povenmire und Jeff Marsh alles hineinpacken, um auch ältere Kinder und kindgebliebene Erwachsene anzusprechen. Eine Serie voller Running Gags zu erschaffen, ist eine Sache. Running Gags zu persiflieren eine andere. Bei Phineas und  Ferb aber ist man längst dabei angelangt, auf der Metaebene zu kommentieren, dass Running Gags in diesem Format öfters parodiert werden. Darüber hinaus umfasst die Serie Tonnen an mal subtilen, mal tolldreist offensichtlichen Popkulturreferenzen, eine ansteckende Freude am formelhaften Erzählen (mit postmodernem Beigeschmack), eine kleine Prise Absurdität und sehr viel Kreativität. Kurzum: Es ist eine Serie, die mit der Zeit immer besser wird. Daher hat sie auch eine konstant wachsende Fanbase abseits des Kinderpublikums und scheint auch frei vom einstigen Disney-Fluch "Wenn wir genügend Episoden haben, um die Serie in attraktive Lizenzpakete zu packen, stellen wir sie ein" zu sein. Stattdessen formt sie sich sogar langsam zu so etwas wie einer "Willkommen im Disney-Konzern"-Tradition: Nach dem sehr, sehr lustigen Crossover zwischen Phineas und Ferb und Marvel folgt dieses Jahr nämlich das Aufeinandertreffen zwischen den Cartoonhelden aus Danville und dem Star Wars-Mythos.

Im Gegensatz zum Marvel-Special, das wohl mehr oder minder im Phineas und  Ferb-Universum spielt und auch ähnlich wie eine normale Episode der kultigen, coolen Trickserie abläuft (bloß halt mit dem Extraspaß an Marvel-Anspielungen sowie einigen Helden und Schurken der Comic-Marke als handelnden Figuren), versteht sich Phineas und Ferb: Star Wars als direkte Parodie des Originalfilms aus dem Jahre 1977. Wie aber noch während der obligatorischen Texteinblendung zu Beginn erklärt wird, ist das Special keineswegs Teil des Kanons (egal welchen Franchises). Und daher darf es gern als schlichter Spaß von Fans für Fans betrachtet werden. Ähnlich wie Starballs, nur mit dem offiziellen Star Wars-Namen im Titel und auch einigen der Figuren der Sternensaga in kleinen Rollen. Wer die LEGO-Kurzfilmreihe Die Yoda-Chroniken kennt, weiß, was also ungefähr ihn erwartet. Bloß, dass ich das Phineas und Ferb-Special viel gewitzter finde.

Die Grundidee hinter Phineas und Ferb: Star Wars erinnert somit nicht von ungefähr an Rosenkrantz und Güldenstern sind tot, dem mittlerweile selbst zum Klassiker gewordenen Theaterstück, das die Ereignisse aus Hamlet nacherzählt, indem es von zwei Randfiguren und ihrer Sicht der Dinge erzählt: Glaubt man diesem Special, so sind während Episode IV allerhand weitere interessante Geschehnisse vonstatten gegangen, die hier nun beleuchtet werden. So wohnen auf Tattooine nicht unweit von Luke Skywalker die Stiefbrüder Phineas und Ferb, die im Gegensatz zu ihrem Nachbarn das Leben auf dem Wüstenplaneten lieben und daher nie etwas an ihrem Leben verändern wollen. Als aber das zu den Rebellen gehörende Schnabeltier Perry auf Tattooine bruchlandet und verzweifelt versucht, R2-D2 die Disc mit dem Bauplänen des Todessterns zu übergeben, löst es eine Ereigniskette aus, die Phineas und Ferb dazu bringt, sich den Rebellen anzuschließen – und unentwegt hinter der "echten" Rebellentruppe um Han Solo hinterher zu rennen. Hinzu kommt je ein Subplot über den verpeilten Schurken Darthenschmirtz (den wahren Erfinder des Todessterns, der vergeblich versucht, von den Sith ernst genommen zu werden), drei niedere Sturmtruppler, die Darth Vader neue Socken besorgen sollen, und Han Solos ewige Konkurrentin Isabella, die das Kesselrennen beinahe in elf Parsecs geschafft hätte, wäre sie von Solo nicht geschnitten worden. (Je mehr ich drüber nachdenke, hat das Special also auch etwas von Das Leben des Brian ...)

Allein schon zu sehen, wie sich in Phineas und Ferb: Star Wars die Plots dieses Specials und die im Hintergrund ablaufende Story des Originalfilms immer wieder überschneiden, ist überraschend unterhaltsam und macht somit bereits einen gewissen Reiz dieser George Lucas' Weltalloper zelebrierenden Parodie aus. Die Seitenhiebe auf die Vorlage sind genauso gerissen wie augenzwinkernd. So streuen die Autoren eine ironische Erklärung für die offensichtliche Sicherheitslücke des Todessterns ein, zeigen in kleinen, pointierten Einsprengseln den Arbeitsalltag auf besagter Zerstörungsmaschine und suhlen sich – ohne zu gehässig gegenüber Star Wars zu werden – in der Vorstellung, dass weite Teile des imperialen Militärapparats unfähig sind, weil sie sich auf irrelevante Dinge versteifen.

Die spritzigen Dialoge sind derweil mit diversen Star Wars-Vokabeln bereichert, was auch zu einigen witzigen Interjektionen und Schimpfwörtern führt, darüber hinaus aber auch paradoxerweise unterstreicht dass dieses Special auch eigenständig funktionieren will: Es ist keine schale Parodie, die einzig aufgrund dessen funktioniert, dass sie Schwächen der Vorlage auf den Arm nimmt. Stattdessen kreiert Phineas und Ferb: Star Wars eine eigene, kleine Zeichentrickwelt, eine lockerere Form des LucasFilm-Universums, in der eine etwas, sagen wir mal, freimütiger-albernere Sprache gesprochen wird.

Die bei Phineas und Ferb unerlässlichen Lieder sind im Star Wars-Special leider etwas bemühter als etwa im Marvel-Crossover, wo sie gar zu den humorvollsten Momenten gehören. Dennoch lässt sich dank der eingängigen Melodien und soliden Texte auch hier während der Songs ein Schmunzeln schwer verkneifen. Der musikalische Ausrutscher nach oben findet sich hier (Überraschung, Überraschung!) in der Cantina-Sequenz, in der eine Kreuzung aus der heimlichen Phineas und Ferb-Fanfavoritin Vanessa und der öfters sexualisierten Star Wars-Randfigur Aayla Secura eine swingende Bluesnummer von sich gibt. Inklusive Erwachsenenbonus für jene, die auf das Reimschema achten. Da gibt es dann solche Liedtexte wie: „Du hast das Kabek durchgebissen … Und jetzt geht es mir / nicht so gut!“

Hinzu kommt eine aufwändigere Produktionsqualität als sonst von der Serie gewohnt, und schon mischt Phineas und Ferb: Star Wars ganz weit oben mit in der Riege der Star Wars-Persiflagen. Vielleicht ist es sogar die beste – Rohrkrepierer und Durststrecken sind hier nahezu nonexistent, gewitzte Volltreffer dafür zuhauf.

Phineas und Ferb: Star Wars ist ab dem 20. November 2014 auf DVD erhältlich.

Sonntag, 16. November 2014

10 Dinge, die man während der letzten "Schlag den Raab"-Sendung hätte tun können ...

Die Schlag den Raab-Folge vom 15. November 2014 war eine der spannendsten in der Showgeschichte. Sie war aber auch die längste. Aufgrund eines ausgedehnten Baseballspiels und des Finalspiels "Ringing the Bull", das aufgrund unzähliger Fehlversuche viel, viel Zeit in Anspruch nahm und letztlich sogar ausgetauscht wurde, ging die Ausgabe erst um 2.27 Uhr zu Ende.

Das bedeutet, dass Schlag den Raab 372 Minuten lief. Ich bereue es kein Stück, mir das angesehen zu haben. Dafür war es zu unterhaltsam und packend. Dennoch: Um es in Relation zu setzen, hier eine Liste von zehn Dingen, die man in derselben Zeitspanne geschafft hätte ...

  1. Der Herr der Ringe: Die Gefährten oder Der Herr der Ringe: Die zwei Türme zusammen mit Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs schauen (jeweils in der Kinofassung, man muss wohl während des letzten Abspanns abbrechen, um nicht zu überziehen)
  2. 2,28 mal Richard Linklaters Boyhood gucken
  3. Die ersten beiden Hobbit-Filme von Peter Jackson in der Kinofassung gucken plus zwei Folgen Die Simpsons und einmal entspannt Pinkelpause einlegen
  4. Die Extended Edition der ersten beiden Hobbit-Teile gucken und Too Many Cooks. Ohne Pinkelpause (es sei denn, man geht während der Abspannsequenzen der Mittelerde-Epen)
  5. Die beiden von Gore Verbinski inszenierten Fluch der Karibik-Fortsetzungen schauen, das Soundtrackalbum des ersten Teils sowie die Tracks Angelica, Mutiny, Palm Tree Escape und Blackbeard aus dem Album zu Part vier hören
  6. Casino Royale, Skyfall und zwei Mal die Doku Bond Girls Are Forever schauen.
  7. Himmel und Huhn, Triff die Robinsons, Bolt und Rapunzel schauen. Man kommt bei exakt 372 Minuten aus
  8. Dumbo, Rapunzel, Ralph reicht's, Die Eiskönigin und Pixars Kurzfilm Presto schauen
  9. Alle drei Toy Story-Kinofilme, das TV-Special Toy Story of Terror, die drei Toy Story Toons gucken, den Soundtrack zu Teil eins hören und die Kurzfilme Tin Toy und Geri's Game schauen.
  10. Zwei Mal The Wolf of Wall Street gucken und einmal Telegraph Road von Dire Straits hören.

Donnerstag, 13. November 2014

James Bond 007 – Casino Royale


Bond-Darstellerwechsel markieren stets einen Umbruch im großen, Jahrzehnte umspannenden 007-Franchise. Sowohl vor der Kamera, insbesondere hinsichtlich des Tonfalls der Filme, als auch hinter der Kamera. Doch die vier Jahre zwischen Stirb an einem anderen Tag und Casino Royale dürften die turbulentesten in der filmischen Bond-Geschichte sein. Allein schon aus wirtschaftlicher Sicht: Da Eons Geschäftspartner United Artists, beziehungsweise dessen Mutterfirma MGM, nach Stirb an einem anderen Tag in stetig größere finanzielle Sorgen geriet, verzögerte sich die Finanzierungsphase. Kurze Zeit nach Ankündigung des Films erwarb dann schließlich Sony das ins Trudeln geratene Studio mit Löwen-Logo. Ironie des Schicksals: Noch 1999 tauschte MGM seine Filmrechte an Spider-Man mit Sony gegen die Lizenz zu Ian Flemmings erstem Bond-Roman ein. MGM blieb vorerst noch auf Casino Royale sitzen, um erstmal Stirb an einem anderen Tag zu verwirklichen, während Sony sich mit dem Spinnenhelden ein goldenes Näschen verdiente. Fast parallel zum Lizenztausch kam es zu einer weiteren rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Sony und MGM/Eon Productions: Sony setzte sich mit Kevin McClory zusammen, der ein weiteres Mal ein Feuerball-Remake in Angriff nehmen und so ein alternatives Bond-Franchise starten wollte. Warhead 2000, dessen Hauptdarsteller McClorys Wünschen nach Timothy Dalton hätte werden sollen (auch wenn dieser sich nie zum Projekt bekannte), wurde 1999 gestoppt, McClory versuchte es im Jahr darauf jedoch erneut und 2001 wurde rechtlich endgültig geklärt, dass McClory kein Anrecht mehr habe, einen semi-offiziellen Bond-Film zu drehen. Sony gab sich nach dem Justizstreit 007-müde. Ein Anwalt verkündete im Namen des Studios: "Wir haben jeglichen Anspruch aufgegeben, einen Bond-Film zu machen." Tja, fünf Jahre später war Sony dann doch mit dem Vertrieb der Bond-Reihe beauftragt ...

Bekanntlich kam es trotz McClorys Niederlage zu einer neuen Bond-Kontinuität, wenngleich diese im offiziellen Eon-Kanon verortet ist. Und der Legende nach dürfen sich alle Gegner des Neustarts bei Jinx bedanken. Denn das geplante Spin-Off über Halle Berrys Figur aus Stirb an einem anderen Tag sollte eine Ursprungsgeschichte werden. Während der Arbeit daran wurde den Verantwortlichen bewusst, wie reizvoll die Thematik ist. Und da Jinx bei den Fans nicht gut ankam, wollte man diese Idee nicht für sie verschwenden. Bond selbst sollte seine erste Mission erleben: Casino Royale.

Somit war klar, dass ein neuer Bond-Darsteller her muss, selbst wenn Quentin Tarantino sich selbst ins Gespräch für den Regieposten brachte und die Bedingung stellte, dass Pierce Brosnan die Hauptrolle spielt. Im Februar 2005 erhielt aber GoldenEye-Regisseur Martin Campbell den Zuschlag, wenige Monate später wurde Daniel Craig der Welt als neuer 007 vorgestellt. Und bei diesem Event machte er sich gleich Feinde: Zu blond sei er, zu hässlich und darüber hinaus trägt er auf einem Speedboat eine Rettungsweste! Was für ein Weicheibond! Dass das Studio ihn aus versicherungstechnischen Gründen dazu zwang, interessierte nahezu niemanden ...

Aber nicht nur das Aussehen und die vermeintliche Weichlichkeit Craigs sorgte vorab für medial geführte Debatten. Denn die Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli sahen im inhaltlichen Neustart die perfekte Gelegenheit, die vorherrschenden Kritikpunkte an Bonds zwanzigster Kinomission zu berücksichtigen und gleichzeitig intensiv auf die Konkurrenz zu schielen. 2002 glich der Kinostart des Thrillers Die Bourne Identität als Revolution des Agentenkinos. Realer, härter, pessimistischer. Zwei Jahre später unterstrich die von Matt Damon verkörperte Figur unter der Regie Paul Greengrass' diese Wahrnehmung: Agenten leben nicht weiter in einer von Abenteuerromantik und wiederkehrenden, sich selbst zelebrierenden filmischen Merkmalen geprägten Welt. Sie leben in einer paranoiden, abgebrühten, verzweifelten Welt, die sich des gewandelten politischen Klimas nach dem 11. September 2001 bewusst ist. Und dies galt es in den Augen Wilsons und Broccolis, mit Casino Royale zu reflektieren. Was vor allem vor Kinostart die Geister schied: Kann das noch Bond sein? Nach Kinostart glätteten sich die Wogen weitestgehend. Zwar halten seither hartgesottene Liebhaber der früheren Bonds an ihrer Abneigung gegenüber dieser Neuausrichtung fest, jedoch konnte Casino Royale auch massives Lob von Filmfreunden, Gelegenheitsguckern und Kritikern einheimsen. Und genauso, wie ich dem bitteren Konsens bezüglich Brosnans Abgesang zustimme, stimme ich auch in den Lobgesang auf Craigs Anfänge als 007 mit ein.


Eines der überraschenden Elemente an Casino Royale, erst recht wenn man ihn mit etwas Abstand zur damaligen "Dieser Bond schert sich einen Dreck um die 007-Wahrzeichen"-Diskussion betrachtet, ist die clevere Weise, mit der dieser Agententhriller mit seinem filmischen Erbe umgeht. Statt sämtliche Bond-Tropoi über den Haufen zu werfen, schlicht Jason Bourne in einen schmuckeren Anzug zu stecken und ihn dann als MI6-Agenten zu bezeichnen, nehmen Martin Campbell und die Drehbuchautoren Neal Purvis, Robert Wade und Paul Haggis die zentralen Bond-Elemente der Filmreihe und mischen sie mit Bedacht in die neue Kinoidentität des Geheimagenten. Dadurch klopfen sie den metaphorischen Staub von der Reihe, was nicht nur die Reboot-Absichten unterstreicht, sondern zudem neuen Interessenten den Zugang erleichtert. Darüber hinaus sorgen sie dafür, dass die bekannten Bond-Markenzeichen nicht wieder zum Grundgerüst werden, an das sich die Story anpassen muss. Stattdessen hat die Geschichte nun Vorrang – und die Erkennungsmerkmale ordnen sich ihr als stützender Service für die eingefleischten Fans unter.

Dies wird bereits in der Eröffnungssequenz deutlich. Ohne die berühmte Pistolenlaufszene direkt nach den Studiologos schmeißt Regisseur Martin Campbell den Betrachter ins karge, schwarz-weiße Geschehen. Bond stellt einen Verräter aus den Riegen des MI6 zur Rede und enthüllt, dass er erst kürzlich seine erste Tötung im Dienste Ihrer Majestät absolvierte. Bonds Gegenüber wähnt sich in Sicherheit, da Bond demnach kein Doppelnull-Agent ist und somit wohl leicht zu bezwingen. Der junge, wilde Bond beweist aber, was er drauf hat und ein kurzer Flashback auf Bonds ersten Tötungsauftrag wird mit dem berühmten Gunbarrel-Intro abgeschlossen. Direkt danach haucht die von Daniel Kleinmann gestaltete Vorspannsequenz dem Film wieder Farbe ein. Angelehnt an die psychadelischen Buchcover der frühen 50er-Jahre und mit einem wiederkehrenden Spielkarten-Motiv versehen, stimmt dieses ungeheuerlich kreative Intro auf den restlichen Film ein: Bond wird morden, sich mit Müh und Not aus brenzligen Situationen befreien und sich an den Pokertisch setzen. Zudem erwartet uns ein rauer, dennoch temporeicher und unterhaltsamer 007-Film, wie der großartige, knallharte und energische Titelsong von Chris Cornell verpricht. Und sogar ein Metakommentar lässt sich im Lied entdecken: Ja, das Gesicht ist neu, die Atmosphäre ist anders, trotzdem erwartet uns das, was dieses Franchise ausmacht, denn das hier ist schließlich und letztendlich ein Bond-Film. Oder anders gesagt: Hey, You Know My Name!

Nach dem Vorspann ist James Bond zwar offiziell der MI6-Agent mit der Kennnummer 007, gleichwohl ist er noch längst nicht der weltmännische, galant-aalglatte Spitzenagent, als der er dem Kinopublikum seit Jahrzehnten bekannt ist. Die nachfolgenden Filmstunden aber zeigen den Fall, der ihm vom engstirnigen, hitzköpfigen Anfänger zum "echten" 007 formte. Ihren Anfang nimmt diese Transformation in Madagaskar, wo Bond einen Auftragsterroristen dingfest machen soll. Stürmisch, wie diese Tötungsmaschine ist, legt er den Bombenleger jedoch um, wenngleich nicht, bevor er sein Moblitelefon sicherstellen kann. Dieses führt Bond zu einem Komplizen des Bombenlegers, welcher wiederum für den schurkischen Börsenspekulanten Le Chiffre (Mads Mikkelsen) arbeitet. Dieser handelt mit Aktien großer Unternehmen und lässt deren Kurse nach seinem Willen zusammenkrachen, indem er zum Beispiel Attentate auf Flugzeuge börsennotierter Airlines verübt. Bond vereitelt Le Chiffres neusten Plan, tötet dabei jedoch einmal mehr den einzigen Verdächtigen, den MI6 hätte verhören können.

So ermöglicht Bond unwissentlich ein Aufeinandertreffen mit Le Chiffre: Dieser verliert durch die Einmischung des Geheimagenten Unsummen an Geld, die er einem Warlord schuldet, der ihm daraufhin im Nacken sitzt. MI6 wiederum setzt Bond unter Druck, sich endlich als Agent zu beweisen, der Befehlen aufs Wort gehorcht. Um schnell wieder an Geld zu kommen, kauft sich Le Chiffre in ein hoch dotiertes Pokerspiel im prunkvollen Casino Royale, und da Bond der beste Kartenspieler des britischen Geheimdienstes ist, soll er ebenfalls bei diesem Turnier mitspielen und Le Chiffre vom Tisch zocken. MI6 hofft, damit Le Chiffre in die Klemme zu treiben: Ohne Geld hätte er die Wahl zwischen der Freiheit, wo ihn seine Auftraggeber töten würden, oder einer Kooperation mit dem MI6, der ihm zusichern würde, sein Leben zu bewahren. Auf dem Weg zum Pokerturnier in Montenegro macht Bond Bekanntschaft mit der belesenen, wortgewandten und scharfsinnigen Schatzbeamtin Vesper Lynd (Eva Green), die mühelos die üblichen Maschen des Doppelnullagenten durchschaut. Vespers Raffinesse ist wohlgemerkt das geringste Problem, das sich Bond in Montenegro stellt. Denn Le Chiffre hat 007s Plan durchschaut und setzt alles daran, den Briten am Pokertisch auszuschalten ...

Nicht nur zu Beginn von Casino Royale wissen Campbell und die Autoren, die üblichen Bond-Tropoi gerissen einzusetzen, sondern auch im weiteren Verlauf des obig geschriebenen Plots. Stets markieren sie in ihren Abwandlungen für den Kenner des Franchises, in welcher inneren oder äußeren Lage sich Bond gerade befindet, ohne Nichtkenner durch aggressive Selbstparodie oder fadenscheinigen Fanservice aus der Story zu reißen. Wie eh und je ist auch Craigs Bond beispielsweise extrem wählerisch, was seinen Martini angeht. Hier dient seiner Sonderbestellung aber der Charakterisierung des Agenten, der einerseits eine effiziente Killermaschine ist, andererseits auch gehörig von sich selbst überzeugt. Da darf man gerne detaillierte Bestellungen aufgeben. Insbesondere, wenn sich damit ganz nebenher die Konkurrenz am Pokertisch ablenken lässt. Wenn Bond später behauptet, ihn würde es nicht interessieren, ob ein Martini geschüttelt oder gerührt wird, dann ist es nicht Craigs Interpretation der Rolle, die auf frühere Bond-Versionen pfeift. Denn 007 grunzt diese Behauptung raus, kurz nachdem er beinahe gestorben ist und schon davor seine ganze Mission in Gefahr brachte. Er ist gestresst, unter Leistungsdruck und verbissen, endlich wieder ins Spiel zu kommen. Was schert ihn da noch ein Martini?


Der wohl wichtigste Punkt, in dem sich Casino Royale enorm von der normalen 007-Ware unterscheidet, ist indes die Stellung, die das Bondgirl einnimmt. Und nein, es ist nicht die Rede von einer Stellung im Sinne einer Sexpraktik. Sondern ihre Bedeutung für den Protagonisten, die Handlung sowie die Stimmung des Films. Denn Eva Green respektive Vesper Lynd prägt "ihren" Bond-Fall stärker als jedes andere Bondgirl zuvor, und allein Tracy Vincenzo aus Im Geheimdienst Ihrer Majestät hatte zuvor einen vergleichbaren Einfluss. Green jedoch spielt deutlich stärker als Tracy-Darstellerin Diana Rigg und hebt jede Szene, in der sie vorkommt, auf ein höheres Niveau. Green vermittelt, scheinbar mühelos, eine schwer durchschaubare Vielschichtigkeit und beherrscht nicht nur schneidenden Witz, sondern kann auch eine eiskalte, überzeugende Fassade aufbauen. Dessen ungeachtet erzeugt sie mit ihren großen, ausdrucksstarken Augen und ihrer wandelbaren Stimme mit jeder Filmminute mehr das Bild einer verletzten Seele, die sich ... Ja, klammert sie sich an Bond oder verfällt sie ihm widerwillig? Wie genau Vesper tickt, bleibt in Casino Royale lange verborgen und obwohl am Ende eine Erläuterung folgt, wird diese durch die in Ein Quantum Trost gestreuten Informationen sogar undeutlicher. Aber ganz egal, wie der Zuschauer Vesper nun einschätzt: Das einnehmende Spiel Greens wärmt nicht nur diesen sonst recht grimmen Film, Vesper taut zudem Craigs stoischen Bond auf – und diese romantische Seite ist so glaubwürdig und mitnehmend, wie in sonst keinem der ersten 23 offiziellen Bond-Filme.

An Stelle der überhöhten Männerfantasie des markanten Baggerns treten in Casino Royale zwei gänzlich andere Darstellungen dessen, wie Agenten lieben. Im ersten Filmdrittel bezirzt Bond, sehr unterkühlt und stets mit seinem eigentlichen Ziel im Auge, die Gespielin eines Ganoven, um an Informationen zu kommen. Dabei bemüht sich 007 gerade so sehr, wie es nötig ist, die Dame reinzulegen, während Craig mit zerknautschtem Gesicht und gelangweilten Augen dem Zuschauer stets deutlich macht, dass sein Bond keinerlei Interesse an der Frau hegt. Sobald Vesper ins Spiel kommt, entwickelt sich hingegen etwas ganz Anderes: Obwohl schon sehr früh die Funken zwischen ihnen fliegen, handeln beide mit angezogener Handbremse, weil für sie die Mission im Vordergrund steht, welche sie nach dem Einsatz auch gänzlich hinter sich lassen wollen. Aber im Verlauf des Falls ändert sich ihre Einstellung, was vor allem vier Szenen unterstreichen, die Green und Craig formidabel spielen. Vom neckischen Kennenlernen im Zug über die urkomische, ein wenig an große Screwball-Filme erinnernde Ankleidungsszene, in der beide ihre Dominanz unterstreichen wollen, indem sie ihrem Gegenüber vorschreiben, was es zu tragen hat, hin zur beinahe wortlosen Duschszene mit einer durch die Geschehnisse am Boden zerschlagenen Vesper. Bis zur großartigen Dinnersequenz, in der Vesper und Bond einander besser kennenzulernen versuchen, Bond aber nicht gänzlich seine Gewohnheit aufgibt, blitzschnell zwischen seinen Gesprächsmodi zu schalten.

Nicht allein das Spiel Greens und Craigs trägt diese Szenen, sondern auch das, erst recht für einen Bond-Film, sehr gute Dialogbuch, welches weiterhin zahlreiche gepfefferte Humorelemente enthält, nicht nur zwischen den tragischen Turteltauben, sondern auch zwischen Bond und M oder auch Bond und dem von Mads Mikkelsen denkwürdig dargebotenen Le Chiffre. Und gerade diese Momente der Leichtigkeit machen den realistischeren Tonfall und die dramatischeren Wenden erst so wirkungsvoll. Sei es all das, was nach dem vermeintlichen Abschluss des Falls geschieht, oder eben die Rückkehr ausgetüftelter, stufenweise voranschreitender Ermittlungsarbeit. Denn bevor das MI6 überhaupt den Plan hat, Le Chiffre beim Pokern auszustechen, bereist Casino Royale zahlreiche Orte und enthüllt den Kern von Le Chiffres Plan erst nach und nach. Dies ist zwar, oberflächlich betrachtet, Standard für einen Bond-Film, doch nur selten geschieht dies so ausgeklügelt wie hier. Üblicherweise tourt 007 um den Globus, um direkt von Information zu Information zu kommen. In Casino Royale mischen sich glückliche Zufälle und mühevoll durch detektivische Arbeit erkämpfte Hinweise durch, so dass sich ein sehr stimmiger, spannender Aufbau ergibt, der die Dramaturgie stützt.

Vereinzelte Schwächen sind auf der Strecke zwischen dem Vorspann und der ungeheuerlich atmosphärisch inszenierten Pokerrunde trotzdem zu vernehmen: Das Bild, wie eine wohlgebaute Frau von Kindern angehimmelt wird, während sie auf einem Prachtpferd einen wunderschönen Sandstrand entlang galoppiert, gehört vielleicht in einen Moore-Bond. Aber nicht hierher. So toll Mikkelsen spielen mag, er kommt nicht genügend vor. Und die Actionszene kurz nach dem Vorspann, in der Bond in Madagaskar einen Kleinganoven verfolgt: Sie ist einmalig in Szene gesetzt. Die Parcours-Stunts sind atemberaubend und zeigen auf, dass Craigs Bond zwar nicht so gelenk und galant wie sein Widersacher ist, aber trotzdem mit Willen und Kraft gewinnt. Das Setting ist toll, der Schnitt dynamisch und gewährt dennoch Übersicht. Aber sie ist schlicht ein paar Minütchen zu lang.

Und selbst das Herzstück des Films ist nicht makellos. Es ist plausibel, dass Le Chiffre 007 ausschalten will und sich nicht allein auf seine Pokerkünste verlässt. Die zahlreichen Actioneinsprengsler wirken in ihrer Quantität zugleich aber so, als hätten die Filmemacher zu wenig Vertrauen in ihr Publikum und fühlten sich gezwungen, das Kartenspiel durch knalligere Spannungselemente aufzulockern. Dies sind jedoch recht kleine Probleme. Auch der "Epilog" nach der Folterszene, der mich bei meiner Erstsichtung noch störte, ist eigentlich ziemlich schnörkellos. Er zeigt, welches Leben sich Bond wünscht, ist traumhaft fotografiert und nimmt dann eine für 007 und Vesper garstige Wende. Inklusive weiterer aufwändig choreographierter Action. Und dann endet der Film mit einem Knall.

Casino Royale ist somit ein klares Meisterwerk unter den Bond-Filmen. Spitze gespielt, musikalisch abwechslungsreich und treffend von David Arnold untermalt, kraftvolle Actionsequenzen, spannend und schön anzusehen. Vielleicht ein winziges Stück zu lang, um das Optimum aus der Story rauszuholen, doch nie schleppend.

Bleibt nur die Beantwortung der ewigen Frage: Ist Daniel Craig ein guter Bond-Darsteller? Schwer zu sagen, denn er ist einerseits ein richtig guter Schauspieler. Er drückt ein breiteres emotionales Spektrum aus als seine Vorgänger, gibt eine runde, glaubwürdige Figur ab und meistert hier das wohl stärkste Skript der Filmreihe. Doch andererseits verschmilzt er in meinen Augen nicht mit der Rolle. Alle anderen Bond-Performer "sind" in ihren Filmen 007. Craig "spielt" Bond, gibt aber eine beeindruckende Leistung ab.

Vielleicht liegt es auch nur an der Art seiner Figur. Connerys, Lazenbys und Moores Bond lieben (zumeist) ihren Job, Daltons Bond ist so angelegt, dass er mal Spaß an ihm hatte, diesen über die Jahre allerdings verlor. Craigs Bond wiederum hatte nie Freude an seinem Tun. Es ist lediglich sein einziges Talent, weshalb er das Agentendasein eifrig verfolgt. Dieser unterschwellige Widerwillen im Charakter ("Ich mach es, weil ich sonst nichts habe!") verhindert womöglich die völlige Verschmelzung zwischen Bond und Craig. Zumindest in diesem Film und seinen zwei direkten Fortsetzungen.

Dennoch: Casino Royale ist eine Wucht. Wie dumm, dass auf diesen Faustschlag von einem Bond-Film eine herbe, herbe Enttäuschung folgt.

L. F. – Lange Filmtitel. Oder: Der Artikel, welcher Beispiele dafür aufzählt, wie es auf den cineastischen Konsumenten wirkt, wenn sich die künstlerischen oder vermarktungstechnischen Verantwortlichen hinter einer Kinoproduktion dazu hinreißen lassen, ihrem Werk einen ausschweifenden Namen zu verpassen



Ich glaub, sowas nennt sich unbeabsichtigte, gegenseitige Inspiration: Bloggerin Asu suchte aus Frust und Wut über den deutschen Filmtitel von Big Hero 6 bei Twitter nach unschönen oder unnötigen deutschen Film-Untertiteln für einen eigenen Blogartikel. Bei meinem Versuch, Asu in ihrem Vorhaben zu unterstützen, habe ich mich aber mehr und mehr vom Überlegen, welch blöde Untertitel es in Filmdeutschland so gibt, entfernt und ließ meine Gedanken verstärkt um lange Filmtitel kreisen.

Lange Filmtitel gelten ja gern als unnötig, unhandlich und oftmals als unwillkommene Nebenwirkung der deutschen Titelgebungspolitik oder alternativ des Franchisedenkens Hollywoods. Denn da Filmreihen immer seltener nur noch auf "Reihentitel + Nummer, die anzeigt, der wievielte Teil vor uns steht" setzen, und vermehrt auf "Reihentitel + Episodentitel", erhalten Produktionen vermehrt ausführliche Namen. Letzteres begrüße ich jedoch von ganzem Herzen. Nummerierte Titel wirken auf mich unkreativ und somit billig, außerdem geben sie dem Publikum keinen sofortigen Eindruck, worum es im Film geht. Titel wie Der Hobbit  – Die Schlacht der fünf Heere haben dagegen Hand und Fuß, fassen ihren Film knapp zusammen und heben die Gattung der Sequels somit empor. Das Gemeckere von Freunden nummerierter Titel, sie bräuchten Nummern im Titel, um die richtige Reihenfolge zu kennen, halte ich für dämlich. Fans der Filmreihen schaffen das ohne Nummern, wer eine Reihe so gar nicht kennt, würde sich dagegen niemals blind einen der Titel auf DVD anschaffen, und hoffen, dass es schon der erste Teil sein wird. Dank des Internets kann jeder ohne jede Mühe nachschlagen, der wie vielte Part einer Reihe vor ihnen steht.

Aber wie ist es um andere, ausschweifende Filmtitel bestellt? Es gibt jene, die allein durch dumme Untertitel für den deutschen Markt zustande kommen. Etwa Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg alias Whip It im Original. Dann jedoch gibt es jene, die ganz kalkuliert sind und durch ihre Länge und den absurden Inhalt Aufsehen erregen wollen. Wie Ben Afflecks Regiedebüt, der Kurzfilm namens I Killed My Lesbian Wife, Hung Her on a Meat Hook, and Now I Have a Three-Picture Deal at Disney.

Also habe ich beschlossen, lange Filmtitel aus drei Kategorien zu sammeln. Gute, schwache und amüsante. Oder: The Good. The Bad. And the Funny.

The Good
Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug (1980)
Mel Brooks' Blazing Saddles or Never Give a Saga an Even Break (1974)
The Englishman Who Went Up a Hill But Came Down a Mountain (1995)
Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (1964)
The Fable of the Girl Who Took Notes and Got Wise and Then Fell Down (1917)
Oh Dad, Poor Dad, Mama's Hung You in the Closet and I'm Feeling So Sad (1967)
Everything You Always Wanted to Know About Sex * But Were Afraid to Ask (1972)
Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit (1998)
Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan (2006)
Easy Riders, Raging Bulls: How the Sex, Drugs and Rock 'N' Roll Generation Saved Hollywood (2003)
Die Geschichte von Herrn Zett, der hinaufstieg sein Leben zu beenden und von Anton, dem Angler (1997)
Fontane - Effi Briest oder: Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen (1974)

The Bad
Die Höhle des gelben Hundes - Eine Geschichte aus der Mongolei (2005)
A Poetic Retelling of the Logic of Love or A Film to Pass the Time (2005)
Wege zu Kraft und Schönheit - Ein Film über moderne Körperkultur (1926)
Maximiliana oder die widerrechtliche Ausübung der Astronomie (1966)
Air Band or How I Hated Being Bobby Manelli's Blonde Headed Friend (2005)
Im Land der Adler und der Kreuze - Bilder aus der deutschen Geschichte (1980)
I Could Never Have Sex with Any Man Who Has So Little Regard for My Husband (1973)
Schwarzhuhnbraunhuhnschwarzhuhnweisshuhnrothuhnweiss oder Put-putt (1967)
Und wenn sie nicht gestorben sind... Die Kinder von Golzow - Das Ende der unendlichen Geschichte (2006)

The Funny
Der Ostfriesen-Report - O mei, haben die Ostfriesen Riesen (1973)
Liebesgrüße aus der Lederhose 6: Eine Mutter namens Waldemar (1982)
The Adventures of Mary-Kate & Ashley: The Case of the Shark Encounter (1996)
The Fearless Vampire Killers or Pardon Me, But Your Teeth Are in My Neck (1967)
Don't Be a Menace to South Central While Drinking Your Juice in the Hood (1996)
Old McDonald or How I Learned to Stop Worrying and Love Being a Scarecrow (1994)
Night of the Day of the Dawn of the Son of the Bride of the Return of the Revenge of the Terror of the Attack of the Evil, Mutant, Alien, Flesh Eating, Hellbound, Zombified Living Dead Part 2: In Shocking 2-D (1991)

Was sind eure Favoriten und Hasstitel?

Dienstag, 11. November 2014

Die Kunst, Filme nicht vorab zu verurteilen


Es müsste für einen Filmliebhaber das Leichteste auf der Welt sein: Erst wird ein Film geguckt, danach kann er gefeiert oder verurteilt werden. Welchen Sinn hat es schon, sich vehement gegen ein Stück Kunst oder Unterhaltung (oder Unterhaltungskunst) auszusprechen, bevor es begutachtet werden konnte? Und was bringt es, Stein und Bein zu schwören, dass ein kommender Film ganz sicher der beste aller Zeiten wird, wenn solche Erwartungen eh bloß jedes Mal aufs Neue enttäuscht werden?

Nun, als Filmfreund ist man zunächst einmal eins: Ein Mensch. Und Menschen haben eine leichte Tendenz dazu, menschlich zu sein. (Schockierend, was?!) Was reine Rationalität ausschließt, erlaubt im Gegenzug aber Emotionen. Und das ist nicht einmal so übel, denn ein überwältigender Großteil des cineastischen Schaffens zielt auf die Gefühle des Publikums. Filmgenuss ist nicht allein eine Frage des Intellekts, sondern auch des Affekts. Gefühle wiederum sind nicht all zu leicht zu kontrollieren, so dass sich Freude und Ärger über einen Film gern auch "zu früh" einstellen kann.

Zudem ist unsere Zeit auf Erden nicht mit offenem Ende gesegnet. Selbst größte Cineasten müssen ihren Filmkonsum daher im Einklang mit anderen Verpflichtungen, Interessen und Bedürfnissen haushalten. Wenn Zeit also knapp ist, die Auswahl an Filmen aber nahezu grenzenlos, und obendrein jeder noch anstehende Film einer gewissen Größe mit aller Macht des PR- und Werbeapparats um Aufmerksamkeit buhlt, dann ist es nur zu menschlich, zu selektieren. Gefühle sind dabei ein hilfreiches Mittel.

Trotzdem: Es ist so unfassbar unfair gegenüber kommenden Filmen, sie anhand irgendwelcher Informationen sogleich abzutun. "Titel doof, Budget zu hoch, Casting passt mir nicht: Ich muss den blöden Streifen schon jetzt in Grund und Boden schreiben!" Wie war das nochmal, liebe Fanboys, als Heath Ledger in The Dark Knight besetzt wurde? Oder Disney Marvel kaufte und damit Avengers garantiert zu einer filmischen Katastrophe wird? Unsere Vorstellungskraft ist mitunter wesentlich übler, als das, was Hollywood sich zusammenzimmern kann. Und nicht nur Hollywood: Auch die deutsche Filmindustrie kann Opfer falscher Eindrücke sein. Der Trailer zu Coming In wirkte so, als steuere ein wahres Schundwerk mit giftiger Aussage auf die Kinos zu. Der eigentliche Film hingegen ist ganz und gar ... nett!

Daher habe ich mir versucht, eine ganz sympathisch klingende Grundregel aufzuerlegen: Vorfreude ist erlaubt. Denn sie ist gut: Wenn mir der Trailer zu Avengers: Age of Ultron den Tag versüßen kann, wieso sollte ich mir Vorschusslorbeeren verbieten? Vorverurteilung dagegen ist böse. Wie mies ein Film wirklich ist, zeigt sich mir erst, wenn ich das komplette Machwerk begutachten konnte. Wieso also zuvor Zeit und Nerven verlieren, über eine unbekannte Größe im unentwegt wachsenden Filmfundus zu zetern? Wenn mir der Trailer zu Honig im Kopf nicht passt, kann ich ja im Kino aufstöhnen, wenn er schon wieder vor dem Film meiner Wahl läuft, da er gerade gewissermaßen den Platz eines besseren Trailers stiehlt. Über das von ihm beworbene Projekt dagegen weiß ich nicht genug, um meinen Blutdruck in Höhen schnellen zu lassen. Filme, die mich nicht ansprechen, kann ich ja auch schlicht mit Gleichgültigkeit strafen.

Obwohl ..! Denn dann kommen wieder solche Berichte wie Disneys und Pixars Ankündigung, Toy Story 4 zu produzieren. Ja, schon Toy Story 3 wurde vorab lautstark kritisiert und stellte sich dann als das bislang letzte Glanzstück in der Pixar-Filmografie heraus. Toy Story 4 könnte also ähnlich überraschen. Könnte. Denn während Toy Story 2 einfach endete, nahm Toy Story 3 Anlauf und vollführte ein wahres Kunststück, um einen hochemotionalen Trilogieabschluss mit Fallhöhe zu bewerkstelligen. Wenn Toy Story 4 scheitert, ist das schwerer abzutun, als ein schwacher Kurzfilm mit der Spielzeugbande.

Und dann gibt es solche Gerüchte wie Sony Pictures' angebliche Verzweiflungstat, sein The Amazing Spider-Man-Franchise mit einem Ableger über Tante May am Leben erhalten zu wollen, der als Spionagegeschichte angedacht ist.

Soll ich bei so etwas wirklich Ruhe bewahren, das Mantra "Im Zweifel für den Angeklagten" so lange wiederholen, bis ich den fertigen Film gesehen habe? Oder darf da allein schon aus Prinzip sehr wohl eine Schimpftirade aus mir (und anderen Filmfans) herausbrechen? Wenn sich niemand über Sonys dämliche Versuche, die Marvel-Studios-Formel zu kopieren, beschwert, wie soll das denn je ein Ende finden? Und während bei Tante May jagt die Superspione schlichter Frust (und auch etwas Häme) regiert, ist es bei Toy Story 4 ehrliche Besorgnis über den großartigen Vorgänger. Sowie die raren Kapazitäten der Pixar Animation Studios.

Andererseits: Comicleser machten sich ja auch "nur" Sorgen um den Joker. Oder etwa nicht?

Es ist doch zum Mäusemelken. Und Prinzipienbrechen. Voreiliges Meckern ist falsch. Aber ein Filmliebhaber muss tun, was ein Filmliebhaber tun muss. Und dieser Filmliebhaber muss so lange ungläubig und wütend gen Emeryville blicken, bis man ihm Anlass gibt, sich zu beruhigen ...

Noch TOTAL SEHR VIEL mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt

Während dieses Kinojahres dürfte man in Deutschland eigentlich nicht über "zu hohe" Einspielergebnisse jammern. Schließlich ist der aktuell besucherstärkste Film des Kalenderjahres die französische Komödie Monsieur Claude und seine Töchter mit gerade einmal 3,45 Millionen verkauften Tickets. Zum Vergleich: 2001 hätte das gerade einmal für Rang elf der Jahrescharts gereicht. Es ist ein trauriges Jahr für deutsche Kinobetreiber, und daher muss jeder Filmfreund einsehen: Es gibt keine Filme, die "zu viel" einspielen. Jede Produktion, die Lichtspielhäuser am Leben hält, ist willkommen.

Dessen ungeachtet sind nicht alle Kassenschlager gleich. Bei manchen wittern selbst Ahnungslose zehn Meilen gegen den Wind, dass sie viele Besucher anlocken. Dass sich vergangenes Jahr Der Hobbit – Smaugs Einöde einen Platz in den Top drei der deutschen Jahrescharts sicherte, war nahe liegend. Andere Filme dagegen kommen aus dem Nichts, übertreffen alle Erwartungen. Oder Hoffnungen. Und manchmal, wenn man eben doch seinen inneren Kulturhüter raushängen lässt, alle Befürchtungen.

Von eben solchen alles überflügelnden Streifen handelt diese Reihe. Von EiKduhEmubs. Also von Erfolgen im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt.

Monsieur Claude und seine Töchter (dt. Start: 2014)
Kinobesucher in Deutschland: 3.448.578

Ja, eben klagte ich noch, dass Monsieur Claude und seine Töchter wenige Besucher zählt. Aber dies gilt nur für seinen Stand als größer Publikumsmagnet des Jahres. Der größte Hit des Filmjahres sollte weit mehr Zuschauer aufweisen können. Doch als Monsieur Claude und seine Töchter hat diese französische Toleranzkomödie mit über drei Millionen Besuchern allerhand verkaufte Tickets auf dem Buckel. Gewiss, schon Ziemlich beste Freunde zeigte, wozu Komödien aus unserer Nachbarnation fähig sind. Jedoch war dies ein wahrer Ausnahmeerfolg. Dass sich dies nun, wenngleich in etwas kleinerem Maßstab, wiederholt, erstaunt mich. Ich hatte den Film aufgrund der Thematik als Überrachungshit auf dem Zettel. Aber als Träger einer goldenen Leinwand? Niemals. So gut waren die Trailer auch nicht, und auch gute Mundpropaganda kann nicht alles sein. Keine Ahnung, wo die vielen Besucher herkommen!

Django Unchained (dt. Start: 2013)
Kinobesucher in Deutschland: 4.492.362

Bitte nicht missverstehen. Ich gönne Tarantino jeden einzelnen Besucher. Meinethalben darf The Hateful Eight acht Millionen Kinogänger in der Bundesrepublik zählen. Ginge es nach mir, hätte Inglourious Basterds so viele Eintrittskarten losschlagen können wie Der Untergang, John Rabe und Operation Walküre zusammen. Dennoch verblüfft mich, was sich Django da zusammengeritten hat. Einerseits, weil Tarantino einfach nicht jedermanns Geschmack ist. Seine Filme haben lange, clevere Dialoge, die anstoßen und unterhalten. Sie sind recht gewalttätig. Sie sind beides zugleich! Und dass weder das eine, noch das andere regelmäßig an der hiesigen Kinokasse einschlägt, beweisen zwei karge Fakten: Django Unchained ist der einzige Film mit einer FSK ab 16 Jahren in den Top 20 der Filmcharts von 2010 bis 2014. Und was anspruchsvolle Dialoge angeht, die mit Hintersinn provozieren? Naja, sowas wie Fack Ju Göthe! fand gerüchteweise etwas ähnliches wie Anklang in den hiesigen Lichtspielhäusern. Nun gut, nun gut, ich steige wieder von meinem hohen Pferd ab. Meine Dandyklamotten behalte ich aber an, und wundere mich: Dass Western (ohne Bully) in Deutschland funktionierten, war vor Django Unchained einige Zeit her, was eigentlich ebenfalls eine Hürde hätte darstellen müssen. Ist Django Unchaineds tolles Abschneiden allein der Verdienst von Inglourious Basterds, der seit seinem Kinoeinsatz genügend Fans generierte, um Leute auf Tarnatinos neue historisch inkorrekte Rachefantasie heiß zu machen? Waltz allein kann es nicht sein, der hat zwar verdientermaßen seine Fans, aber sackte nach den Basterds auch nicht gerade eine goldene Leinwand nach der anderen ein ...

Fack Ju Göthe! (dt. Start: 2013)
Kinobesucher in Deutschland: 7.331.204

Warum, warum, warum nur?! Musste das sein!?

Ich – Einfach unverbesserlich 2 (dt. Start: 2013)
Weltweites Einspielergebnis: 970,76 Millionen Dollar

Der erste Teil holte weltweit 543,11 Millionen Dollar. Die zweite Geschichte rund um Gru, die Minions und das Kiddie-Trio Margo, Agnes und Edith verbesserte sich demnach um sensationelle 427,65 Millionen. Klar, ein großer Teil davon begründet sich einerseits durch den stets wachsenden internationalen Markt für (3D-)Animation, und andererseits aus dem größer gewordenen Publikum für Gru und Co. Denn viele lernten den Originalfilm erst auf DVD, via Video on Demand und im TV kennen. Angesichts der guten Publikumsresonanz (7,7 bei IMDb) ist eine Steigerung beim Sequel nahezu unvermeidlich. Aber dass sich die Einnahmen fast schon verdoppeln? An Happy kann es nicht gelegen haben, denn wer bringt das Lied bitte wirklich mit dem Film in Verbindung? Ich hätte eher mit maximal 780 Millionen Dollar gerechnet. Dass Ich 2 aber fast schon Der König der Löwen überholt und sich gar allen ernstes über Findet Nemo platziert, ist dagegen fast ein Schock.

Mit diesem Quartett an kommerziellen Überraschungen lasse ich euch nun alleine. Erklärungsversuche und eigene Kandidaten für die Riege der EiKduhEmubs sind immer gern gesehen!

Weitere Artikel dieser Reihe:
  • Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt
  • Mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt
  • Noch mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt
  • Noch VIEL mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt
  • Noch SEHR VIEL mehr Erfolge im Kino, deren unglaublich hohes Einspielergebnis mir unerklärlich bleibt
  • Mittwoch, 5. November 2014

    Oscar 2015: Die 20 potentiellen Nominierten in der Kategorie "Bester Animationsfilm"


    Sofern nicht gerade aufgrund einer Europa- oder Weltmeisterschaft im Herrenfußball sämtliche Verleiher so tun, als sei das Kino tot, ist für einen Filmfreund doch eigentlich immer Hochsaison. Im Sommer starten die tollen teuren Filme, sonst kommen die ansehnlichen awardtauglichen Filme in die Lichtspielhäuser. Und natürlich kann man dann, ist man denn gewillt, voller Vorfreude auf die Oscars blicken. Und spätestens, wenn sich die Animationsfilme für ihre Nominierung bereit machen, bin auch ich voll im Oscarfieber.

    Die Academy (nein, nicht die Academy) machte nun bekannt, welche Filme sich für eine Nominierung in der kommenden Oscarsaison qualifizierten. Dieses Mal sind es 20 Stück, die von Blockbuster bis Beinahe-Videoproduktion reichen. Ehe ich meine Prognose abgebe, seien erstmal alle 20 Produktionen genannt:

    • Baymax - Riesiges Robowabohu
    • Manolo und das Buch des Lebens
    • Die Boxtrolls
    • Cheatin'
    • Giovanni's Island
    • Henry and Me
    • The Hero of Color City
    • Drachenzähmen leicht gemacht 2
    • Die Legende der Prinzessin Kaguya
    • Jack and the Cuckoo-Clock Heart
    • Legends of Oz: Dorothy's Return
    • The LEGO Movie
    • Minuscule - Valley of the Lost Ants
    • Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman
    • Die Pinguine aus Madagascar
    • TinkerBell und die Piratenfee
    • Planes 2 : Immer im Einsatz
    • Rio 2
    • Rocks in My Pockets
    • Song of the Sea
    Basierend auf den guten Kritiken und der Historie der Animationsbranche der Academy, Blockbuster-Trickfilme zu achten, wenn sie erzählerisch halbwegs zielstrebig sind, lassen sich drei Filme recht sicher als Nominierte vorhersagen: Baymax, Drachenzähmen leicht gemacht 2 und The LEGO Movie. Da die Academy das Madagascar-Franchise wenig mag, müssten die Pinguine schon eine reine Sensation werden, um Achtung zu erhalten, und die ganzen Heimkinoproduktionen mit Alibikinostart wie Planes 2 (so schockierend toll er auch war) und Co. haben eh keine Chance. Um die üblichen fünf Slots zu füllen, lohnt sich also ein Blick auf die kleineren, kunstvolleren Produktionen.

    Und da stechen folgende Filme ins Auge: Song of the Sea, der neue, kunstvolle Film der Oscar-nominierten Das Geheimnis von Kells-Macher, der von Guillermo del Toro produzierte, fantasiereiche Manolo und das Buch des Lebens, Laikas lauwarm aufgenommener, technisch aber beachtenswerte Die Boxtrolls, die neue Ghibli-Produktion Prinzessin Kaguya, die Kritiker begeistert, aber durch ihr Erzähltempo schwer zugänglich ist und schlussendlich Cheatin', der neue Streifen des durchgeknallten Animators Bill Plympton, in dem sich eine hintergangene Ehefrau eine neue Identität aufbaut, um zur Geliebten ihres Ehemanns zu werden. Ohne Indikatorenpreise ist es hier reines Raten und Bauchgefühlverfolgen, also tippe ich auf folgende Riege aus fünf Nominierungen:
    • Baymax
    • Drachenzähmen leicht gemacht 2
    • The LEGO Movie
    • Song of the Sea
    • Boxtrolls
    Worauf tippt ihr?

    Dienstag, 4. November 2014

    Steve Rogers, Experte in Frauenunterwäsche

    Manche Filmdetails stechen selbst passionierten Fangemeinden erst nach vielen Jahren auf. So etwa ein vermeintlicher Filmfehler in Joe Johnstons höchst amüsantem Marvel-Streifen Captain America - The First Avenger:

     

    Um sich über Details in dieser Szene zu beschweren, benötigt man gewisse Kenntnisse in Frauenmode. So wären diese langen, offenen, lockigen Haare in den 40ern niemals beim Militär erlaubt gewesen. Vor allem aber zeichnet sich durch die weiße Bluse der Krankenschwester das softe Rund eines heutigen Push-up-Bras ab. Stattdessen müssten die Körbchen ihres Büstenhalters eine spitz zulaufende Kegelform haben, denn als Steve Rogers im Eis verschwand war die Kleidungsindustrie nicht fähig, eine andere, natürlichere Form zu produzieren. Ganz davon zu schweigen, dass die SHIELD-Mitarbeiterin eine Herrenkrawatte trägt, im Gegensatz zu den zuvor im Film auftretenden Grazien.

    Hat Regisseur Joe Dante womöglich geschlampt? Oder Kostümschneiderin Anna B. Sheppard? Hm, unwahrscheinlich, bedenkt man, dass die zweifach Oscar-nominierte Designerin auch an historisch akkuraten Filmen wie Schindlers Liste und Der Pianist mitwirkte. Und nicht nur das, auch in Captain America hielt sie sich an die Fakten: Caps alte Flamme Peggy ist hinsichtlich ihrer Kleidung nahezu perfekt, ebenso wie alle anderen Frauen, die vor dem Zeitsprung dieses Films zu sehen sind.

    Also schauen wir uns diese Szene noch einmal genauer an und verfolgen ganz genau, wo Hauptdarsteller Chris Evans mit einen Augen hinwandert ...




    Er blickt ihr verdutzt ins Gesicht, wandert die Krawatte entlang, bleibt an ihrem Busen hängen und schnellt dann mit einem "Das kann doch nicht sein!"-Blick wieder nach oben. Er weiß in genau diesem Moment, dass er sich in keinem Militärkrankenhaus der 40er befinden kann und irgendetwas anderes vor sich gehen muss. Daraufhin stürmt er davon, raus aus der 40er-Kulisse und schließlich mitten ins moderne Manhattan. Es kann also kein Fehler der Filmcrew sein. Es ist, bedenkt man die Reaktion Steve Rogers' / Chris Evans', pure Absicht und lediglich ein innerhalb des Filmuniversums begangener Fehler.

    Oder etwa nicht? Was hätte SHIELD überhaupt davon, Steve Rogers kontant vorzugaukeln, sich in seiner Zeit zu befinden? Auf Tumblr mutmaßen Marvel-Fans daher, das alles von Nick Fury geplant ist: Die durchschaubare Maskerade, die angebliche Radio-Liveübertragung, die zu alt ist ... Es ist ein Test. SHIELD will beobachten, wie Steve reagiert. Ist er wirklich so blitzgescheit, wie die Akten und die Legenden besagen? Ja, das ist er: Er bemerkt die Fehler, ergreift Eigeninitiative. Und ist Steve tatsächlich dieses leuchtende Vorbild an Moral und Anstand? Verflixt, ja! Immerhin behauptet er gegenüber SHIELD, dass er dem Schwindel durch das Baseballspiel auf die Schliche kam. Über den offensichtlichen Fauxpas hinsichtlich der Damenbekleidung verliert dieser Gentleman dagegen kein Wort. Ja, diesen Mann kann man unbesorgt in die Avengers-Initiative aufnehmen ...