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Sonntag, 3. März 2013
Disney plant zeitgemäßes Shakespeare-Musical
Manchmal treffen Filmmeldungen ein, über die ich mich zunächst sehr freue, bei denen ich mich kurz darauf aber noch mehr freue, die Reaktion eines Mitmenschen zu erfahren. Diese Meldung ist eine solche, denn auch wenn sie in mein Interessengebiet fällt, so bin ich noch viel, viel gespannter, was nun durch den Kopf meiner lieben Zeitgenossin Ananke Ro geht.
Wie Deadline berichtet, arbeiten die Walt Disney Studios derzeit an einem noch titellosen Musicalfilm, der eine kontemporäre Nacherzählung eines Shakespeare-Stücks darstellt. Da Disney sich noch darüber ausschweigt, welches Stück umgemodelt wird, wage ich mich Mal voraus und behaupte, dass es weder Hamlet noch Romeo & Julia sein wird, denn mit diesen beiden Stoffen geht Hollywood bekanntlich bei der erstbesten Gelegenheit hausieren. Aber lassen wir uns überraschen ...
Auf jeden Fall wird das noch zu enthüllende Shakespeare-Stück in sicheren Händen sein, denn die Regie wird Alex Timbers führen, der zweifach Tony-nominierte Kopf hinter Disneys Peter and the Starcatcher, der im Juli außerdem Shakespeares Verlorene Liebesmüh für Shakespeare in the Park auf die Bühne bringt. Timbers wird die Musicaladaption gemeinsam mit Amy Talkington verfassen, die bislang eher im Kurzfilmsektor aktiv war, aber auch schon einen WGA-Award für das Skript zum Disney-Channel-Film Die Tochter von Avalon erhielt.
Produziert wird der Film von Adam Shankman, Jennifer Gibgot, Jon Chu und Matt Smith, wobei letzterer bei der Arbeit an MGMs Remake zu Valley Girl gemeinsam mit Talkington die Idee zum Realfilm entwickelte. Timbers wiederum verspricht: "Das Skript übersteigt die Grenzen des Filmmusicals und verlangt die Art überraschender Bilder und des berauschenden Spektakels, wie ich es in meinen eigenen Bühnenmusicals gerne erschaffe."
Es wird längst nicht das erste Shakespeare-Projekt aus dem Disney-Konzern, aber bislang ist man Shakespeare eher von den Erwachsenenlabels des Konzerns gewohnt. Miramax adaptierte, als es noch zu Disney gehörte, sowohl The Temptest als auch Othello (unter dem Titel O) und spinnte auch die Geschichte von Shakespeare in Love. Touchstone Pictures bescherte uns derweil mit 10 Dinge, die ich an dir hasse eine moderne Neuerzählung von Der Widerspsenstigen Zähmung, außerdem durften wir uns durch Gnomeo & Julia kämpfen. Unter dem Disney-Markennamen gab es neben der Hamlet-Anleihen in Der König der Löwen auch einen Sommernachtstraum in Neue Micky Maus Geschichten.
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Donnerstag, 17. Mai 2012
Shakespeare & Fluch der Karibik
Willkommen auf der Black Pearl, Master Shakespeare!
Eine Reflexion über zwei Kulturphänomene unterschiedlicher JahrhunderteIn der darauffolgenden allgemeinen Heiterkeit wurde ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte und er wandte sich beleidigt ab. Ich musste ihm schnell erklären, dass wir nicht ihn auslachen, und dabei stellte sich die Frage: Warum ist diese spezielle Fehlannahme so amüsant?
Die offensichtliche Antwort ist einfach. Shakespeare ist Hochkultur, Stoff für den Englischunterricht und so alt, dass er schon ein Klassiker war, als andere heutige Klassiker erst geschrieben wurden. Fluch der Karibik dagegen - ist Blockbuster-Unterhaltung. Soweit der erste Gedankengang, aber denkt man nur ein wenig weiter, so ist die Assoziation meines Bruders alles andere als albern.Worin besteht denn der unvergängliche Reiz der Werke von Shakespeare? Sie sind großangelegte Spektakel, die mit einer Mischung aus Herz, Komik, Dramatik und Spannung ihre Zuschauer seit Jahrhunderten begeistern. Dass das quasi für alle Schichten gleichermaßen gilt, liegt daran, dass es höchst intelligente Unterhaltung ist, die aber in einen allgemeingefälligen Mantel gepackt ist - genauso wie die PotC-Filme für ein heutiges Publikum. Und wirft man den Filmen vor, sie würden sich zu sehr dem Massengeschmack anbiedern, so will ich nur daran erinnern, dass es ein Shakespeare-Stück gibt namens „Wie es euch gefällt“ - und ja, der Name ist hierbei Programm. Aber es ist nicht nötig, nach Schwachstellen in Shakespeares Werk zu suchen. Der Sommernachtstraum und der Sturm, zwei seiner meistgefeierten Komödien, sind wunderbare Fantasy-Stücke, die in ihrer Figurenkonstellation nur zu sehr an die Piratensaga erinnern.
Fluch der Karibik hat alles, was den Inhalt einer guten Shakespeare-Komödie ausmacht: Einen den äußeren Rahmen absteckenden Krieg zwischen Piraten und Navy, darin verfangen das heldenhafte Liebespaar, ein paar närrische Nebenfiguren, die für simplen Humor sorgen - und insbesondere diese eine Figur, die mit Wortspielen und genialer Selbstinszenierung allen anderen Personen rücksichtslos die Show stiehlt.
Yep, Jack Sparrow ist definitiv eine Rolle, die in die Stücke des Barden gepasst hätte. Er erinnert an einige der genialsten Shakespeare-Figuren, schlagfertig, hintertrieben und fähig, jeden um den Finger zu wickeln. Ebenso wie Mercutio überstrahlt er das Hauptliebespaar in sämtlichen seiner Auftritte und bewahrt Coolness und Witz noch in der Sterbeszene.
„Ich? Ich bin unehrlich! Und bei einem unehrlichen Mann kannst du darauf vertrauen, dass er unehrlich ist. Ehrlich! Die Ehrlichen, vor denen musst du dich in acht nehmen. Weil du nie vorhersehen kannst, wann sie etwas wirklich unglaublich Blödes machen!“ So definiert Jack selbst seinen Charakter und damit erinnert er mich an Antonio, der im Sturm auf die Frage nach seinem Gewissen antwortet: „Ei, Herr, wo sitzt das? Wär‘s der Frost im Fuß, müsst ich in Socken gehn; allein ich fühle die Gottheit nicht im Busen. Zehn Gewissen, die zwischen mir und Mailand stehn, sie möchten gefroren sein und auftaun, eh sie mir beschwerlich fielen.“
Auch die Fortsetzungen stehen ganz in der ehrwürdigen Tradition: Die Meerjungfrauen werden ebenso berückend neu definiert wie einstmals im Sommernachtstraum die Elfen; die Einbringung einer mythischen Gestalt wie Davy Jones passt zu dem altenglischen Robin Goodfellow (besser bekannt als Puck), und spätestens, wenn die weibliche Hauptfigur Männerkleidung anlegt, um unbemerkt zu ihrem Liebsten zu gelangen, befinden wir uns zweifellos auf Shakespear‘schem Terrain.
Spinnt man diesen Gedankengang weiter, so ergibt sich schnell die Frage, was in einigen hundert Jahren von unserer heutigen Kultur überleben wird. Fluch der Karibik nimmt trotz großer Beliebtheit heute nicht den Kultstatus ein wie vielleicht Star Wars oder der Herr der Ringe - von der pseudokulturellen Anhängerschaft eines Kubrick ganz zu schweigen - aber wer kann schon sagen, was das für die zukünftige Entwicklung heißt? Shakespeare hätte sich sicher nicht vorgestellt, dass er einmal auf einer kulturellen Stufe mit Homer stehen würde, wenn nicht gar darüber.
Und weiter gedacht bezieht sich diese Überlegung auf das gesamte Filmgenre, das im heutigen öffentlichen Bewusstsein noch nicht wirklich den Status einer kulturellen Kunstrichtung innehat, obwohl es sicherlich einen Löwenanteil der Kunst unseres Jahrhunderts darstellt. Für mich hat die Vorstellung einen ganz eigenen Reiz, wie die Popcorn-Unterhaltung unserer Tage in einigen hundert Jahren zur umjubelten Hochkultur erklärt werden wird.
Mittwoch, 20. Juli 2011
Vergessene Schätze
Lord, what fools these mortals be!
Von vielen Filmen heißt es, sie seinen vollkommen unterschätzt und hätten einen unverdient schlechten Ruf. Doch das setzt voraus, dass sie überhaupt im allgemeinen Bewusstsein angekommen sind. Was ich für sehr viel tragischer halte, sind grandiose Filme, die einfach kein Mensch zu kennen scheint und zu denen es teilweise noch nicht einmal eine deutsche DVD gibt.
Den größten Juwelen unter diesen vergessenen Schätzen sei diese Liste gewidmet.
Den größten Juwelen unter diesen vergessenen Schätzen sei diese Liste gewidmet.
Ehrennennung: REPO! The Genetic Opera
Dieses einmalig seltsame Machwerk hätte definitiv eine Nennung verdient, aber durch Sir Donnerbolds Bemühungen dürfte der Film zumindest im Rahmen dieses Blogs alles andere als unbekannt sein. Daher belasse ich es dabei, allen, die sich diesen Film noch nicht angesehen haben, kräftig auf die Finger zu hauen.
DVD besorgen. Sofort!
Platz 5: Momo
Ein kleines Mädchen, das mit ihren Freunden am Rande einer großen Stadt lebt, muss gegen die Grauen Herren antreten, um den Menschen ihre gestohlene Zeit wiederzubeschaffen.
Dieses Werk ist zugegebenermaßen bei uns nicht allzu unbekannt - in Deutschland dürfte die Verfilmung von Michael Endes Roman doch einigermaßen zum allgemeinen Kulturgut zählen. Ich führe den Film dennoch aus zwei Gründen an: Erstens bezieht sich diese Bekanntheit wirklich nur auf den deutschen Markt und bisher ist noch in keinem anderen Land eine DVD erschienen (weshalb auch niemand so genau weiß, in welchen Sprachen der Film gedreht wurde). Und zum Zweiten haben zwar viele von dem Film gehört, doch wahrgenommen wird er meist nur als „dieser Kinderfilm“.
Ich würde dem gerne widersprechen: Mit dem Film verhält es sich wie mit dem zugrundeliegenden Buch, das man meiner Meinung nach nicht in Schubladen wie „Kinderliteratur“ oder „Erwachsenes Märchen“ schieben kann. Michael Ende hat außerhalb solcher Kategorien geschrieben und seine Werke - vor allem „Momo“ und „Die Unendliche Geschichte“ - beinhalten eine allumfassende Gültigkeit und eine tiefe Poesie, die jeden Menschen gleichermaßen anspricht.
Und im Gegensatz zu der Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ hat sich dieser Zauber bei „Momo“ ungebrochen auf den Film übertragen.
Platz 4: Zug des Lebens
Ein polnisches Dorf voller Juden will den Konzentrationslagern der Nazis entkommen, und so besorgen sie sich einen Zug, in dem sie ihre Deportation vortäuschen, um so in die Freiheit zu entkommen.
Der Film, der fast zeitgleich mit „Das Leben ist schön“ herausgekommen ist, teilt eine Menge der Charakterzüge, die diesen zu etwas Besonderen gemacht haben. Beide Filme handeln von Juden, die sich dem Schrecken des Nationalsozialismus mit Witz und Chuzpe entgegenstellen; beide Filme schaffen es, aus dieser schwierigen Thematik eine freche Komödie zu erschaffen, ohne jemals ins Pietätslose abzugleiten.
Ich habe keine Ahnung, warum diese Filme bei uns so unterschiedlich bekannt sind - wahrscheinlich hat der Oscargewinn Roberto Benigni doch einen großen Vorsprung verschafft. Meiner Meinung nach ist „Zug des Lebens“ auf jeden Fall mindestens genauso gut. Der Film ist erfrischend, lustig, rührend und alles in allem eine wunderbare Groteske.
Da ein nicht unerheblicher Teil des Films darin besteht, wie einige der Juden versuchen, Hochdeutsch ohne jiddische Einsprengsel zu reden, ist der Film auch einer der seltenen Fälle, in dem die Synchro besser ist - oder mit Sicherheit mehr Sinn macht - als das Original.
„Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig. Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen, hat jedoch obendrein Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch sprechen wollen ohne eine Spur von jiddischem Akzent, den Humor wegzulassen, sonst nichts.“ - „Wissen die Deutschen, dass wir ihre Sprache parodieren? Vielleicht ist das der Grund vom Krieg.“
Platz 3: Ein Sommernachtstraum
Shakespeare‘sche Irrungen und Wirrungen dreier Paare im Athener Wald - veredelt mit einer großen Prise Feenzauber.
Der Platz ist wieder etwas geschummelt, denn anno 1935 war dieser Film ein großer Hollywood-Erfolg, der zu einigen größeren Shakespeare-Verfilmungen geführt hat. Heute allerdings ist er völlig in der Versenkung verschwunden - die wunderbare deutsche Synchro ist noch nicht einmal auf DVD erhältlich.
Das dürfte wohl zum einen daran liegen, dass man dem schwarz-weißen Film mit der ruhigen Kameraführung und dem teilweise etwas dick aufgetragenen Schauspiel seine Jahre eindeutig anmerkt, vor allem aber auch an dem neueren Sommernachtstraum-Blockbuster von 1999, der mit Hollywood-Größen gespickt ist, die noch leben ...
Dabei wirkt die ältere Verfilmung keineswegs altbacken: Die Effekte sind simpel, aber immer noch überzeugend, die Komik sitzt perfekt und der Soundtrack von Mendelsson-Bartoldy ist sowieso zeitlos genial. Und ein Plus gibt‘s dafür, dass der seitdem tausendfach verwendete Hochzeitsmarsch hier zu der Szene kommt, für die er geschrieben wurde ...
Gerade im Vergleich mit der neueren Version fällt mir auf, dass die Feen in diesem Film einen viel mächtigeren, unnahbaren Eindruck machen. Es mangelt nicht an der nötigen Komik, aber hier kommt in dem Spiel von Titania und Oberon noch eine wilde, düstere Note dazu, die den Gesamteindruck perfekt ausbalanciert. Wahrscheinlich liegt das zu einem großen Teil auch an dem fast surrealen, schwarz-weiß funkelnden Zauberwald und den mystisch anmutenden Kostümen - es ist beindruckend, wie sehr man das Auge auch mit einem Szenario ohne Farben verwöhnen kann.
Und zum Abschluss noch etwas zu meiner Lieblingsfigur: Für mich ist und bleibt Puck eine Rolle, die von einem Jungen gespielt werden muss. Und der kleine Kerl mit seinem teuflisch-bezaubernden Charme ist einfach unwiderstehlich!
Platz 2: Neverland
Ein fremdartiger Junge mit seiner Feen-Freundin besuch drei Geschwister und nimmt sie mit in ein unwirkliches Zauberland - einen abgehalfterten Vergnügungspark namens „Neverland“. Dort können die Jugendlichen sich zwischen transsexuellen Indianern und falschen Meerjungfrauen nach Herzenslust austoben und die einzige Gefahr besteht in dem düsteren Hausmeister, der es mit seinem - ähm - „Haken“ auf die Jungen abgesehen hat.
Als großer Fan des Buches „Peter und Wendy“ habe ich mir diesen Film mit einiger Erwartung und viel Skeptik angesehen: „Neverland“ ist eine düstere Verfilmung des „Peter Pan“-Mythos, die aus den Kindern Jugendliche macht und den Zauber des Originals durch Kirmes-Glitter und jugendliche Rebellion ersetzt.
Das für mich Überraschende war jedoch, dass das stark veränderte Setting für die Geschichte wenig Unterschied macht. Es geht nicht um Provokation oder um einen „Twist“, sondern um eine folgerichtig weitergedachte Realisierung der bekannten Geschichte - und man kann sicher sein, dass sexuelle Untertöne, die im Original vielleicht unterschwellig zu spüren sind, hier brutal ausgereizt werden.
Insgesamt ist dieser Film eine der werkgetreuesten „Peter Pan“-Verfilmungen (ganz im Gegensatz zu dem Disney-Film). Der Text ist durchgehend fast wörtlich aus dem Buch übernommen - auch wenn Ausdrücke wie „Feenglanz“ und „Fliegen“ im Zusammenhang mit Tinks weißem Pülverchen eine etwas andere Bedeutung annehmen. Aber vor allem bleibt der Film dem Buch wirklich treu: Die Gefühle stimmen und der Charakter der Figuren wird schmerzlich real dargestellt.
Auch wenn Peter hier etwa 17 ist und seine Tage zwischen alten Kulissen und Kirmes-Bahnen verbringt, er bleibt ein Kind, das sich weigert, erwachsen zu werden und sein Traumland zu verlassen, und gerade bei dem Kontrast zu Wendys langweilig-peniblen und gefühlskalten Zuhause kann man ihm diesen Wunsch kaum verdenken.
Mein einziges Problem mit dem Film ist die weibliche Hauptfigur; Wendy ist durchweg langweilig und ihr Genörgel geht auf die Nerven - dies ist die erste „Peter Pan“-Verfilmung, bei der ich sie absolut unerträglich finde. Wahrscheinlich soll sie einen deutlichen Kontrast zu der farbenfrohen, verspielten Tinkerbell darstellen, aber für mich führt das vor allem dazu, dass ich am Ende nur heilfroh bin, wenn Wendy wieder nach Hause geht.
Gleichzeitig hat sie aber sehr viel mehr Berechtigung in ihrem Versuch, Peter „erwachsen werden“ zu lassen. Auch wenn er es nicht einsieht, ist dem Zuschauer klar, dass die selbstgewählte Kindheit so kein ewiger Zustand bleiben kann. Und damit wird das Ende erstmals so bittersüß dargestellt, wie ich es immer schon empfunden habe: Keine triumphale Endmusik oder romantische Schlusschöre, die vergessen lassen wollen, dass es hier immerhin um das Zurücklassen der Jugend und das Loslassen - oder Festklammern - der eigenen Kindheitsträume geht.
Platz 1: Die kleine Meerjungfrau
Eine kleine Meerjungfrau träumt vom Leben an Land und ihrer großen Liebe ...
Andersens wohl berühmtestes Märchen wurde in den letzten Jahrzehnten wieder und wieder verfilmt. Es gibt viele Zeichentrickfilme (einer etwas bekannter als der Rest), die die Geschichte quasi alle zu einem Happyend führen und es gibt den ein oder anderen Spielfilm, der sich mit den Unterwasserszenen dann meist etwas schwerer tut und sie dementsprechend abkürzt.
Die meiner Meinung nach mit Abstand beste Verfilmung (und generell einer meiner fünf liebsten Filme überhaupt) stammt aus dem tschechischen Filmstudio, das wohl einigen durch den von der Stimmung her ähnlichen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ein Begriff sein sollte.
Dieser Film war nicht bereit, auf die für die Charakterentwicklung unerlässlichen Szenen im Meer zu verzichten, und so wurde eine von blauem Licht durchflutete und von hohen Felsen umgebene Meereswelt „nachgestellt“. Doch die Unterwasserwelt wird nicht nur einfach umgesetzt, sie wird real. Durch die fließenden Gewänder, die aufwendigen Haarbauten und nicht zuletzt die atmosphärisch-unterirdische Musik entsteht eine traumartige Szenerie, bei der ich mir immer noch nicht vorstellen kann, dass sie wirklich im Trockenen gedreht wurde.
Die Musik verdient auf jeden Fall besondere Würdigung: Vom überwältigenden orchestralen Wellenklang über berückenden Sirenengesang bis zu fast experimentellen Höhlengeräuschen ist alles dabei, um eine wirklich einzigartige Welt unter der Meeresoberfläche zu erschaffen. Gleichzeitig wird so der Kontrast zu der gefälligen, aber braveren Hofmusik im Schloss des Prinzen unterstrichen und die kleine Nixe bleibt allein durch ihr musikalisches Thema ein Fremdkörper in dieser Welt.
Auffallend finde ich auch den Vergleich des gewaltigen Hauptthemas mit den sanften Anfangstönen des Themas von „Arielle die Meerjungfrau“: Beide ahmen den Fluss der Wellen nach, doch während das eine an zarte karibische Strömungen denken lässt, spiegelt das andere alle Gewalt der Nordsee wider.
Und dann ist da ja noch der Gesang der kleinen Meerjungfrau selbst (etwa bei 4:30):
Es ist ein betörender Gesang in griechischer Sirenen-Tradition, der die Seefahrer um den Verstand bringt und das Herz des Prinzen umgarnt. Warum muss ich nur gerade an den neuesten „Fluch der Karibik“-Film denken?
Aber der Film hat weit mehr zu bieten, als Atmosphäre und Musik. Die relativ kompakte Geschichte wird nicht, wie in vielen simplen Märchenfilmen, einfach wiedergegeben; die Figuren haben alle ihren einzigartigen Charakter und viele Handlungsmotive, die weit über die Vorlage hinausgehen. Die Tatsache, dass - wie auch bei Andersen - niemand einen Namen trägt, scheint die Intensität der Charaktere dabei fast noch zu vertiefen.
So wird zum Beispiel aus verschiedenen Andeutungen klar, warum der Meereskönig seine Töchter alleine erziehen muss: Offensichtlich hatte sich seine Frau vor vielen Jahren in einen Fischer verliebt und hat - mit Hilfe derselben Hexe, an die sich ihre Tochter wendet - Mann und Kinder für ein Leben an Land verlassen. Dass die kleine Meerjungfrau ihrer Mutter nun so ähnlich ist, erklärt auch ihren Status als Lieblingstochter und die vergeblichen Versuche ihres Vaters, sie zu schützen.
Ein anderer zusätzlicher Einschub ist der, dass der Gesang der Meerjungfrau es war, der den Prinzen und sein Schiff erst zu ihr gelockt hat - und die Macht ihres Vaters hat den Sturm gerufen, um das Schiff und alles, was darauf ist als „Geburtstagsgeschenk“ unter Wasser zu holen. Nach dieser Logik war der Prinz von Anfang an ihr Eigentum und ihre Entscheidung, ihm sein Leben zu schenken wird zu einem Akt der Gnade.
Und dann – das Ende.
Was soll ich dazu schreiben? Ein Tip: Der Film endet anders als „Arielle“. Es ist eines der wenigen Enden, die es schaffen, mich tränenüberströmt und gleichzeitig lächelnd zurückzulassen.
Mit einem Wort: Perfekt.
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Donnerstag, 19. Mai 2011
Mehr Starpower live aus Amerika: Kenneth Branagh in Hamlet
Alas poor Yorick!Ich bin zwar mittlerweile schon seit einigen Tagen wieder in good old Europe angekommen, doch wie kann man besser in schönen Erinnerungen schwelgen als durch einen nachträglichen Reisebericht?
Hiermit kommt also die nächste Ausgabe meiner glamourösen Los Angeles-Ausflüge.
Wie ich am Ende meines letzten Artikels angedeutet hatte, ließ das nächste Event nicht lange auf sich warten. Nach dem bombastischen Disneyland-Kinoereignis machte ich mich am nächsten Abend auf den Weg nach Hollywood, um dort in einem altmodischen Kino Hamlet zu sehen. Das vierstündige, vollständige Meisterwerk in 70 mm auf der großen Leinwand - das alleine wäre es sicher wert gewesen. Aber anschließend sollte tatsächlich eine Podiumsdiskusion mit Kenneth Branagh, dem Hauptarsteller und Regisseur stattfinden!
Also, Schlaf ade und auf gen Nordwesten.
Kenneth Branaghs Hamlet-Version war meine erste Begegnung mit Shakespeares Kronjuwel und ich muss sagen, das Stück hat seinen Platz am Theater-Olymp wirklich verdient. Als ich den Film das erste Mal sah, saß ich die gesamte Zeit mit offenem Mund da und habe mich gefragt, wie es möglich ist, gewöhnliche Worte so zusammenzufügen, dass sie so grandios schmecken wie eine Mozart-Arie. Und gleichzeitig besitzt der Text eine Tiefe, wie sie selbst Mozart (und auch Shakespeare) nur selten erreicht.
Was mich an Kenneth Branaghs Darstellung mit am meisten beeindruckt, ist, dass ich ihn vorher nur als ausgeblasenen Professor Lockhart kannte - und während des Stückes nicht einmal grinsend daran denken musste. Gleichzeitig schafft er es scheinbar mühelos, selbst die ikonischsten Szenen wirkungsvoll, doch ohne Patina oder Klischee zu präsentieren.
Wow.
Und dann kam, nach einem äußerst harsch abgewürgten Abspann, Kenneth Branagh persönlich auf die Bühne. Er wurde von tosendem Beifall empfangen, den es hier laut dem Gastgeber so noch nicht gegeben hatte.

Ich muss zugeben, mein erster Gedanke war, dass die letzten 15 Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind; der Unterschied zu dem gerade verstorbenen „sweet prince“ waren zu offensichtlich. Aber nach wenigen Worten wurde klar, dass Kenneth Branagh in dieser Zeit nichts an Bühnenpräsenz verloren hat, ich habe wohl noch nie ein so interessantes und gleichzeitig so lustiges Interview gehört.
Als erstes beglückwünschte er uns zu unserer Geduld und gab zu, dass er beim Anschauen seines vierstündigen Werkes auch selbst schon unter einen gewissen Duck geraten sei - er meinte, ein paar Klopausen würde wohl auch Shakespeare verzeihen.
Generell verlor er einige Worte zu der einigermaßen modernen Inszenierung des Stückes und erklärte dabei auch, wie er versucht habe, die Shakespeare‘sche Intention auf unsere Bühne, sprich die Kinoleinwand, zu übertragen und auch die Intensität mancher Szenen durch Kamerafahrten, Flashbacks und ähnliche Stilmittel zu verstärken.
Dann erzählte er ein paar Anekdoten zu den Schauspielern, wie der Morgen, als eine völlig aufgelöste Kate Winslet hereinstürmte und rief: „Ich, ich - ich hab gerade die Rolle in Titanic bekommen!“, worauf er zu ihrem großen Unmut nur meinte: „Was ist das? Irgendein neuer Film?“
Oder seine farbenfrohe Charakterisierung der „majestätischen“ Julie Christie und Derek Jakobis: Wenn er Derek Jacobi bäte, eine lange Shakespeare-Rede zu halten, währenddessen mit der linken Hand zu jonglieren und dabei auf einem Fuß stehend das Times-Kreuzworträtsel zu lösen, sei dessen Antwort: „Klar, kann ich sonst noch was für dich tun?“
Julie Christie sei dagegen etwas schwieriger zu gängeln gewesen. So bat er sie bei einer Szene, während der die Kamera um die Schauspieler fuhr: „Ich traue mich kaum zu fragen, aber könntest du deinen Körper vom rechten auf den linken Fuß verlagern, wenn die Kamera hinter dir vorbeifährt?“
„Was meinst du?“„Naja, könntest du einfach dein Gewicht verlagern?“
„Während ich rede?“
„Ja, du redest dabei.“
„Nein, das kann ich nicht machen. Warum sollte ich das an der Stelle überhaupt tun?“
„Weil hier die Kamera ist.“
„Die was?“
„Hier steht die Kamera.“„Wann?“
„Während du redest.“
„Die habe ich gar nicht gesehen, ich rede doch mit ihm. Kannst der das nicht tun?“
Und Derek Jacobi begeistert: „Ja, lass mich das machen!“
Besonders nett fand ich auch die Erwähnung von Gertruds Schoßhund Amazement - Ihr wisst schon, der, von dem Hamlet sagt: „Look, amazement on my mother sits.“
Dann erzählte Kenneth Branagh, der Hamlet vor dem Film schon viele hundert Male live gespielt hat, von den Schwierigkeiten, den wohl berühmtesten Monolog der westlichen Kultur aufzunehmen. Neben den Problemen mit den vielen Spiegeln in der Szene und dem Kameramann, der ihm befehlen wollte, wie er sich zu bewegen habe (und wie nicht), sei sein Acting Coach wieder und wieder nicht zufrieden gewesen. Nach dem siebten Take meinte der dann schließlich: „Du sprichst das wunderbar, einfach perfekt, ich glaube nur kein Wort von dem, was du sagst. Du hast abolut kein Gefühl für den Mann, das ist alles.“
Nun, das Ergebnis des elften Takes überzeugt (mich zumindest) vollkommen.

Zum Schluss kamen noch einige Publikumsfragen, die sich zum Teil mehr mit Gegenwart und Zukunft beschäftigten, wie die Frage, mit wem schwerer umzugehen sei - Shakespeare- oder Comic-Puristen. Ihm zufolge lieferten die beiden Gruppen sich, was Leidenschaft und Überzeugung angeht ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Er erwähnte auch, wie begeistert er gewesen sei, als nach elf Tagen der Anruf kam, Thor habe 242 Millionen Dollar verdient. Bei Hamlet habe es nach dieser Zeit geheißen, naja, er läuft noch.
Auf die unumgängliche Frage, ob wir in nächster Zeit wohl noch mehr Shakespeare-Adaptionen von ihm erwarten dürften - vielleicht ein schottisches Stück? - meinte er, er hoffe doch.
Allerdings müsse man für jedes der unendlich vielen Themen den richtigen Moment abwarten, an dem einem die innere Stimme Bescheid gibt.
Nun, das ist doch erstmal verheißungsvoll genug.

Ach ja, und Kenneth Branagh ist übrigens überzeugt, Hamlet sei bis zum Schluss definitiv nicht verrückt sondern täusche alles nur vor. Für mich reicht das, um die Diskussion endgültig abzuschließen. ;-)
Samstag, 14. Februar 2009
William Shakespeares Romeo + Julia
Achtung, dieser Artikel enthält etwas mehr als vierhundert Jahre alte Spoiler. Wer noch nie von Romeo & Julia gehört hat, soll nicht rummeckern, wenn ich ihm hier das Ende verrate.So, jetzt hätten wir die obligatorische, aber hoffentlich völlig sinnlose, Spoilerwarnung hinter uns gebracht. Es soll ja Menschen geben, die niemals mit diesem Stoff in Berührung kamen, und denen wollen wir ja nicht verraten, dass sich Julia auf dem Kostümball als Engel verkleidete. Äh, neee, das ist natürlich nicht der Grund für die Spoilerwarnung. Wer das wirklich geglaubt hat, darf gerne aufhören, diese Rezension hier zu lesen.
Aber genug gescherzt. Die Spoilerwarnung ist natürlich völlig unsinnig, aber wenn auch nur einer meiner Leser wirklich als unbeschriebenes Blatt gegenüber Shakespeares Drama sitzt und vorhat, es demnächst zu lesen (oder eine der gefühlten 1703 Adaptionen sehen oder hören möchte), dann will ich nicht daran Schuld sein, wenn er es doch nicht tut, weil er nun von mir erfährt, dass es mit dem Tod der beiden Hauptfiguren endet.
Da Romeo & Julia ein weltberühmter Stoff ist, ist eine Inhaltsangabe wohl überflüssig, doch für die wenigen, die es nicht kennen (und die Spoilerwarnung ignorieren) und Leute mit löchrigem Gedächtnis sei der Inhalt hier dennoch zusammengefasst: Die zwei wohlhabenden Familien Montague und Capulet sind seit Jahren in eine Fehde verwickelt, immer wenn sich Mitglieder dieser zwei Familien begegnen entstehen erbitterte Gefechte.
Einer der Montagues, Romeo, denkt jedoch nicht ans Kämpfen mit den Capulets, sein Tag ist erfüllt mir der (sich selbst eingeredeten) Liebe zu einer gewissen Rosalinde, die er auf dem Kostümball der Capulets treffen möchte.
Stattdessen begegnet er dort aber der schönen Julia, in die er sich sogleich unsterblich verliebt. Sie wissen, dass sie ihre Liebe geheim halten müssen, hoffen aber durch eine heimlich durchgeführte Heirat den Zwist zwischen ihren Familien für immer begraben zu können.
Doch Julias Vetter Tybalt tötet während eines Streits mit dem sich um Frieden bemühenden Romeo dessen besten Freund Mercutio, woraufhin Romeo Blutrache erübt und Tybalt des nächtens ermordet.
Romeo flieht nach einer letzten Nacht mit Julia in die Verbannung, woraufhin Julia den Pater Laurence, der sie traute, um Mithilfe bittet. Sie möchte wieder mit Romeo vereint sein und der Zwangsheirat mit Paris entkommen. Der Pater schlägt vor, mit einem Gift den Tod Julias vorzutäuschen. Romeo soll eine Nachricht bekommen, der ihn über den Plan Julias informiert - doch diese Nachricht erreicht Romeo nicht. So erfährt er von seinem Diener Balthasar, dass Julia tot sei. Ungläubig kehrt er zurück in seine Heimatdstadt Verona, nicht ohne sich vorher ein schnellwirkendes Gift zu besorgen, welches er auch schluckt, als er seine geliebte Julia scheinbar tot daliegen sieht. Julia, die in dem Moment erwacht, in welchem sich Romeo selbst vergiftet, begeht daraufhin Selbstmord.
Luhrmanns Inszenierungsstil erregte seinerzeit viel Aufsehen und ist unbestreitbar der Grund dafür, dass seine Fassung von Romeo & Julia so populär wurde. Die Teeniemädels mögen wegen Leonardo DiCaprio reingerannt sein, doch dass auch andere Zielgruppen auf den Film aufmerksam wurden und er noch immer bekannt ist liegt ganz klar an der genussvoll übertriebenen Visualität. Schnelle Schnitte für die MTV-Generation, eine Bildgewalt, die wie eine Kreuzung aus Videoclipästhetik und rasantem Actionkracher scheint und über allem schwebt eine fein anzusehende, verkünstelte Theatralik. Wer bei der Versprechung einer authentischen Shakespeare-Adaption auf ruhige Bilder in einer unauffälligen Dekoration wartete, erlebt zu Beginn von Romeo + Julia einen brutalen Kulturschock, als in hyper-stylischen Kamerafahrten die fiktive amerikanische Strandmetropole Verona Beach eingefangen wird und die schmierige, in Angeberlimosinen herumkutschierenden, an Latinogangs angelehnten Capulets auf die chaotischen, lauten und knallbunten Jungspunde aus dem Montague-Clan treffen und mit gebrüllten, dramatischen Proklamationen einen Schusswechsel entfachen, der in hipper Musikvideo-Bildsprache präsentiert wird.
Die Umsiedelung in die heutige Zeit (beziehungsweise die späten 90er) mitsamt ihren Folgen (aus Schwertern werden z.B. Pistolen) ist zugleich Modernisierung beziehungsweise Attraktivisierung für das jüngere Publikum, als auch Grundlage für die fast schon rauschartige Bildfolge. Ein schnell geschnittener, lauter, dick aufgetragener und bunter Romeo & Julia-Film könnte sicherlich auch zu Zeiten Shakespeares spielen, doch es würde ungleich unnatürlicher wirken. In der Moderne dagegen ist Luhrmanns Inszenierung zwar weiterhin auffällig, doch nach dem Paukenschlag zu Beginn gewöhnt sich das Auge an das Leinwandgeschehen.
Dadurch fällt nicht jedem Zuschauer auf, dass die Bildkompositionen stets durchdacht sind und die im Dialog ausgesprochenen Gefühle verstärken. Luhrmann ist jedoch kein Regisseur, bei dem man während des Zuschauens bereits interpretieren muss. Obwohl sozusagen hinter dem Bild viel Arbeit steckt, so kann sich das Publikum von ihm einfach berieseln lassen und die förmlich aus ihm heraustriefenden Emotionen aufsaugen.
Und trotz aller - wohl überlegten - Übertreibungen in der Inszenierung: In Romeo + Julia gestaltet Luhrmann durch sie, ohne dass er den Originaltext mehr als nötig anfasst und lediglich an manchen Stellen die Schere ansetzt, sorgsam und allein auf der visuellen Ebene seine eigene Interpretation der Tragödie.

Romeo + Julia begleitete eine ganze Generation in die Pubertät, der Film war allgegenwärtig. Zahllose aufblühende Mädchen, die sich in junge Damen verwandelten schwärmten von Leonardo DiCaprio, fanden plötzlich für ganz kurze Zeit altmodische Sprache "voll romantisch" und wollten auch eine "so süße", aufopferungsvolle Liebe erfahren. Und die Jungs heuchelten Interesse an dem Film, um im Ansehen der Mädchen zu steigen. Oder sie heuchelten Desinteresse für den Film, um von männlichen Mitschülern nicht ausgegrinst zu werden, obwohl sie tief im Inneren wussten, dass ihr Gegenüber die Videoclipästhetik des Films unheimlich stylisch fanden.
Und jetzt hört auf, es abzustreiten, auf die ganzen Anfang-bis-Mitt-Zwanziger da draußen trifft das doch zu... Ihr könnt es euch ruhig zugestehen.
Eigentlich ist es ja ein Wunder, dass es überhaupt noch so viele Leute in diesem Alter gibt. Es wäre durchaus nachvollziehbar, wenn der Welt eine halbe Generation abhanden gekommen wäre, schließlich war Romeo + Julia nicht der einzige Film, der während der Pubertät dieser Generation erschien, großen Erfolg feierte und tragisch endete.
Da wäre es schon plausibel, wenn der eine oder die andere mit dem Leben Schluss gemacht hätte. Ich mein, so mitten in der Pubertät sind doch viele eh schon manisch-depressiv. Da fehlt nicht mehr viel, und schon drehen sie völlig am Rad - und dann kommt da gleich ein ganzer Haufen von Filmen an, der einem eine enge Verknüpfung zwischen Liebe und Tod aufzeigt.
[Spoiler für Filme, die ihr höchst wahrscheinlich eh schon gesehen habt] Titanic, Moulin Rouge, Eiskalte Engel [/Spoiler Ende]
Gute Güte, Teenager drohen schon wegen weniger mit Selbstmord. Spätestens nach dem vierten Film dieser Art war es schon erstaunlich, dass nicht alle mit verheulten, nass-roten Augen vor dem Spiegel standen und klagend die von Hollywood gelernte Erkenntnis hinausbrüllten: "Waaas? Es gibt sie, die Wahre Liebe?! Die einzige, die richtige Person für mich? Und wenn wir trotz aller Widerstände zusammenkommen wird es auch ganz toll und wunderschön und so? Aber nur für kurze Zeit? Das Glück ist nur von kurzfristiger Dauer, weil bald darauf einer von uns beiden umkommt?!!! Buhuhuhuhuuuuuhaaawääääääääheheheeeääö!"
Und zack, schon klebt die Pistole an der Schläfe.
Noch erstaunlicher als der (glückliche) Umstand, dass sich nicht eine von vermeintlichen "Teenagerstreifen" geschädigte Generation die Hirnmasse aus dem Kopf pustete ist wohl nur, dass es trotz allem noch immer Leute gibt, die bei der bloßen Erwähung von Romeo + Julia schreiend Amok laufen und von einem Zuckerschock sprechen. Natürlich ist es völlig in Ordnung Baz Luhrmanns Adaption des Stoffes nicht zu mögen, und es gibt genügend handfeste Argumente, die man anbringen könnte, wenn man sich gegen den Film aussprechen möchte. Sei es das für manche Gemüter vielleicht all zu überreizte, wiederkehrende visuelle Element von Heiligenbildern und Kreuzen (ein Motiv, dass sich sogar bis in den Filmtitel erstreckt), seien es für Puristen ärgerliche Veränderungen (man könnte ja sagen, dass ein authentischer Film bitte auch ganz authentisch sein soll) oder die eine oder andere Darstellerleistung (ich gehöre z.B. zu den wenigen, die Claire Danes Leistung als Julia nur suboptimal finden, in den tragischen Szenen wird sie, wie ich finde, allein vom Text gerettet). Oder sei es der Vorwurf, Luhrmann würde sich auf Kosten traditionellerer Shakespeare-Adaptionen beim jugendlichen Publikum anbiedern. Ich teile diese Meinung nicht, könnte sie aber verstehen.
Doch was ich nicht nachvollziehen kann ist die "Kitsch! Oberflächliche Romanze, die so gerne komplex wäre! Überschnulziges Teeniemädel-Umgarne! Pappsüßes Heiteiteigedudel!"-Tirade, die immer wieder im Zusammenhang mit Romeo + Julia zu hören ist.
Baz Luhrmanns Version der wohl bekanntesten Liebedgeschichte aller Zeiten fühlt sich an wie eine ultrahochkonzentrierte, in einer Überdosis verabreichte Essenz der vom Originaltext beabsichtigten Gefühlsachterbahn, und da gehört es auch dazu, dass die unschuldigen, überglücklichen und einfach nur völlig in die Liebe und die Liebste / den Liebsten vernarrten Momente noch mehr von einer verliebten Freudseligkeit und Romantik geprägt sind, als in anderen Verfilmungen. Doch dadurch verstärkt sich auch die Fallhöhe - der tragische Schlag am Ende (so sehr man auch schon im Vorraus von ihm Wissen mag) wird bei Luhrmann nicht weichgespült. So verliebt und glücklich das Paar in seinen kurzen frohen Momenten gewesen sein mag - gut geht es immer noch nicht aus. Und bei Luhrmann tut es, wenn man den Film denn wirklich guckt, ja wohl mehr weh als bei einer "entschnulzten", modernisierten, "es ist keine große Liebe, ich find mein Gegenüber einfach nur steil"-Fassung.
Wobei dieses "Im Tode vereint" natürlich schon was tragisch-romantisches an sich hat. Ja, definitiv. Eine schmalzige Liebesschnulze ohne Sinn und Verstand wird es dadurch aber noch lange nicht - eher ganz im Gegenteil, weil es hier (natürlich auch Dank des Originaltextes) komplex und anspruchsvoll zur Sache geht. Und Luhrmanns Inszenierung fügt eine ungewöhnliche, zugleich verzerrende und vertiefende, Dimension hinzu.
Wer anderes behauptet und hier nur eine klebrige, knallbunt gedrehte Romantic-Comedy ohne Comedy und mit gestalztem Sprachverhalten sieht, muss wohl erst noch lernen, es den Figuren gleichzufühlen.
Man muss sich dafür ja nicht gleich umbringen...
Aber genug gescherzt. Die Spoilerwarnung ist natürlich völlig unsinnig, aber wenn auch nur einer meiner Leser wirklich als unbeschriebenes Blatt gegenüber Shakespeares Drama sitzt und vorhat, es demnächst zu lesen (oder eine der gefühlten 1703 Adaptionen sehen oder hören möchte), dann will ich nicht daran Schuld sein, wenn er es doch nicht tut, weil er nun von mir erfährt, dass es mit dem Tod der beiden Hauptfiguren endet.
Da Romeo & Julia ein weltberühmter Stoff ist, ist eine Inhaltsangabe wohl überflüssig, doch für die wenigen, die es nicht kennen (und die Spoilerwarnung ignorieren) und Leute mit löchrigem Gedächtnis sei der Inhalt hier dennoch zusammengefasst: Die zwei wohlhabenden Familien Montague und Capulet sind seit Jahren in eine Fehde verwickelt, immer wenn sich Mitglieder dieser zwei Familien begegnen entstehen erbitterte Gefechte.
Einer der Montagues, Romeo, denkt jedoch nicht ans Kämpfen mit den Capulets, sein Tag ist erfüllt mir der (sich selbst eingeredeten) Liebe zu einer gewissen Rosalinde, die er auf dem Kostümball der Capulets treffen möchte.
Stattdessen begegnet er dort aber der schönen Julia, in die er sich sogleich unsterblich verliebt. Sie wissen, dass sie ihre Liebe geheim halten müssen, hoffen aber durch eine heimlich durchgeführte Heirat den Zwist zwischen ihren Familien für immer begraben zu können.
Doch Julias Vetter Tybalt tötet während eines Streits mit dem sich um Frieden bemühenden Romeo dessen besten Freund Mercutio, woraufhin Romeo Blutrache erübt und Tybalt des nächtens ermordet.
Romeo flieht nach einer letzten Nacht mit Julia in die Verbannung, woraufhin Julia den Pater Laurence, der sie traute, um Mithilfe bittet. Sie möchte wieder mit Romeo vereint sein und der Zwangsheirat mit Paris entkommen. Der Pater schlägt vor, mit einem Gift den Tod Julias vorzutäuschen. Romeo soll eine Nachricht bekommen, der ihn über den Plan Julias informiert - doch diese Nachricht erreicht Romeo nicht. So erfährt er von seinem Diener Balthasar, dass Julia tot sei. Ungläubig kehrt er zurück in seine Heimatdstadt Verona, nicht ohne sich vorher ein schnellwirkendes Gift zu besorgen, welches er auch schluckt, als er seine geliebte Julia scheinbar tot daliegen sieht. Julia, die in dem Moment erwacht, in welchem sich Romeo selbst vergiftet, begeht daraufhin Selbstmord.
Luhrmanns Inszenierungsstil erregte seinerzeit viel Aufsehen und ist unbestreitbar der Grund dafür, dass seine Fassung von Romeo & Julia so populär wurde. Die Teeniemädels mögen wegen Leonardo DiCaprio reingerannt sein, doch dass auch andere Zielgruppen auf den Film aufmerksam wurden und er noch immer bekannt ist liegt ganz klar an der genussvoll übertriebenen Visualität. Schnelle Schnitte für die MTV-Generation, eine Bildgewalt, die wie eine Kreuzung aus Videoclipästhetik und rasantem Actionkracher scheint und über allem schwebt eine fein anzusehende, verkünstelte Theatralik. Wer bei der Versprechung einer authentischen Shakespeare-Adaption auf ruhige Bilder in einer unauffälligen Dekoration wartete, erlebt zu Beginn von Romeo + Julia einen brutalen Kulturschock, als in hyper-stylischen Kamerafahrten die fiktive amerikanische Strandmetropole Verona Beach eingefangen wird und die schmierige, in Angeberlimosinen herumkutschierenden, an Latinogangs angelehnten Capulets auf die chaotischen, lauten und knallbunten Jungspunde aus dem Montague-Clan treffen und mit gebrüllten, dramatischen Proklamationen einen Schusswechsel entfachen, der in hipper Musikvideo-Bildsprache präsentiert wird.
Die Umsiedelung in die heutige Zeit (beziehungsweise die späten 90er) mitsamt ihren Folgen (aus Schwertern werden z.B. Pistolen) ist zugleich Modernisierung beziehungsweise Attraktivisierung für das jüngere Publikum, als auch Grundlage für die fast schon rauschartige Bildfolge. Ein schnell geschnittener, lauter, dick aufgetragener und bunter Romeo & Julia-Film könnte sicherlich auch zu Zeiten Shakespeares spielen, doch es würde ungleich unnatürlicher wirken. In der Moderne dagegen ist Luhrmanns Inszenierung zwar weiterhin auffällig, doch nach dem Paukenschlag zu Beginn gewöhnt sich das Auge an das Leinwandgeschehen.
Dadurch fällt nicht jedem Zuschauer auf, dass die Bildkompositionen stets durchdacht sind und die im Dialog ausgesprochenen Gefühle verstärken. Luhrmann ist jedoch kein Regisseur, bei dem man während des Zuschauens bereits interpretieren muss. Obwohl sozusagen hinter dem Bild viel Arbeit steckt, so kann sich das Publikum von ihm einfach berieseln lassen und die förmlich aus ihm heraustriefenden Emotionen aufsaugen.
Und trotz aller - wohl überlegten - Übertreibungen in der Inszenierung: In Romeo + Julia gestaltet Luhrmann durch sie, ohne dass er den Originaltext mehr als nötig anfasst und lediglich an manchen Stellen die Schere ansetzt, sorgsam und allein auf der visuellen Ebene seine eigene Interpretation der Tragödie.

Romeo + Julia begleitete eine ganze Generation in die Pubertät, der Film war allgegenwärtig. Zahllose aufblühende Mädchen, die sich in junge Damen verwandelten schwärmten von Leonardo DiCaprio, fanden plötzlich für ganz kurze Zeit altmodische Sprache "voll romantisch" und wollten auch eine "so süße", aufopferungsvolle Liebe erfahren. Und die Jungs heuchelten Interesse an dem Film, um im Ansehen der Mädchen zu steigen. Oder sie heuchelten Desinteresse für den Film, um von männlichen Mitschülern nicht ausgegrinst zu werden, obwohl sie tief im Inneren wussten, dass ihr Gegenüber die Videoclipästhetik des Films unheimlich stylisch fanden.
Und jetzt hört auf, es abzustreiten, auf die ganzen Anfang-bis-Mitt-Zwanziger da draußen trifft das doch zu... Ihr könnt es euch ruhig zugestehen.
Eigentlich ist es ja ein Wunder, dass es überhaupt noch so viele Leute in diesem Alter gibt. Es wäre durchaus nachvollziehbar, wenn der Welt eine halbe Generation abhanden gekommen wäre, schließlich war Romeo + Julia nicht der einzige Film, der während der Pubertät dieser Generation erschien, großen Erfolg feierte und tragisch endete.
Da wäre es schon plausibel, wenn der eine oder die andere mit dem Leben Schluss gemacht hätte. Ich mein, so mitten in der Pubertät sind doch viele eh schon manisch-depressiv. Da fehlt nicht mehr viel, und schon drehen sie völlig am Rad - und dann kommt da gleich ein ganzer Haufen von Filmen an, der einem eine enge Verknüpfung zwischen Liebe und Tod aufzeigt.
[Spoiler für Filme, die ihr höchst wahrscheinlich eh schon gesehen habt] Titanic, Moulin Rouge, Eiskalte Engel [/Spoiler Ende]
Gute Güte, Teenager drohen schon wegen weniger mit Selbstmord. Spätestens nach dem vierten Film dieser Art war es schon erstaunlich, dass nicht alle mit verheulten, nass-roten Augen vor dem Spiegel standen und klagend die von Hollywood gelernte Erkenntnis hinausbrüllten: "Waaas? Es gibt sie, die Wahre Liebe?! Die einzige, die richtige Person für mich? Und wenn wir trotz aller Widerstände zusammenkommen wird es auch ganz toll und wunderschön und so? Aber nur für kurze Zeit? Das Glück ist nur von kurzfristiger Dauer, weil bald darauf einer von uns beiden umkommt?!!! Buhuhuhuhuuuuuhaaawääääääääheheheeeääö!"
Und zack, schon klebt die Pistole an der Schläfe.
Noch erstaunlicher als der (glückliche) Umstand, dass sich nicht eine von vermeintlichen "Teenagerstreifen" geschädigte Generation die Hirnmasse aus dem Kopf pustete ist wohl nur, dass es trotz allem noch immer Leute gibt, die bei der bloßen Erwähung von Romeo + Julia schreiend Amok laufen und von einem Zuckerschock sprechen. Natürlich ist es völlig in Ordnung Baz Luhrmanns Adaption des Stoffes nicht zu mögen, und es gibt genügend handfeste Argumente, die man anbringen könnte, wenn man sich gegen den Film aussprechen möchte. Sei es das für manche Gemüter vielleicht all zu überreizte, wiederkehrende visuelle Element von Heiligenbildern und Kreuzen (ein Motiv, dass sich sogar bis in den Filmtitel erstreckt), seien es für Puristen ärgerliche Veränderungen (man könnte ja sagen, dass ein authentischer Film bitte auch ganz authentisch sein soll) oder die eine oder andere Darstellerleistung (ich gehöre z.B. zu den wenigen, die Claire Danes Leistung als Julia nur suboptimal finden, in den tragischen Szenen wird sie, wie ich finde, allein vom Text gerettet). Oder sei es der Vorwurf, Luhrmann würde sich auf Kosten traditionellerer Shakespeare-Adaptionen beim jugendlichen Publikum anbiedern. Ich teile diese Meinung nicht, könnte sie aber verstehen.
Doch was ich nicht nachvollziehen kann ist die "Kitsch! Oberflächliche Romanze, die so gerne komplex wäre! Überschnulziges Teeniemädel-Umgarne! Pappsüßes Heiteiteigedudel!"-Tirade, die immer wieder im Zusammenhang mit Romeo + Julia zu hören ist.
Baz Luhrmanns Version der wohl bekanntesten Liebedgeschichte aller Zeiten fühlt sich an wie eine ultrahochkonzentrierte, in einer Überdosis verabreichte Essenz der vom Originaltext beabsichtigten Gefühlsachterbahn, und da gehört es auch dazu, dass die unschuldigen, überglücklichen und einfach nur völlig in die Liebe und die Liebste / den Liebsten vernarrten Momente noch mehr von einer verliebten Freudseligkeit und Romantik geprägt sind, als in anderen Verfilmungen. Doch dadurch verstärkt sich auch die Fallhöhe - der tragische Schlag am Ende (so sehr man auch schon im Vorraus von ihm Wissen mag) wird bei Luhrmann nicht weichgespült. So verliebt und glücklich das Paar in seinen kurzen frohen Momenten gewesen sein mag - gut geht es immer noch nicht aus. Und bei Luhrmann tut es, wenn man den Film denn wirklich guckt, ja wohl mehr weh als bei einer "entschnulzten", modernisierten, "es ist keine große Liebe, ich find mein Gegenüber einfach nur steil"-Fassung.
Wobei dieses "Im Tode vereint" natürlich schon was tragisch-romantisches an sich hat. Ja, definitiv. Eine schmalzige Liebesschnulze ohne Sinn und Verstand wird es dadurch aber noch lange nicht - eher ganz im Gegenteil, weil es hier (natürlich auch Dank des Originaltextes) komplex und anspruchsvoll zur Sache geht. Und Luhrmanns Inszenierung fügt eine ungewöhnliche, zugleich verzerrende und vertiefende, Dimension hinzu.
Wer anderes behauptet und hier nur eine klebrige, knallbunt gedrehte Romantic-Comedy ohne Comedy und mit gestalztem Sprachverhalten sieht, muss wohl erst noch lernen, es den Figuren gleichzufühlen.
Man muss sich dafür ja nicht gleich umbringen...
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