Montag, 31. August 2009

Oscars 2010 - Meine zweite Prognose

Meine erste Oscar-Prognose (*klick*) für das Jahr 2010 ist bereits ein wenig in die Tage gekommen und seither wurde auch bekannt, dass uns nächstes Jahr ein breiteres Feld in der Kategorie "Bester Film" erwartet (*klick-klick*). Es ist also an der Zeit, sich wieder dranzusetzen und zu überlegen, wer sich in rund einem halben Jahr Hoffnungen auf eine Oscar-Nominierung machen darf.

Dieses Mal möchte ich nach dem selben Verfahren vorgehen, da es noch zu schwierig ist, sich über die im Spätherbst und Sommer startenden Filme ein gutes Bild zu machen. Dies jedoch ist unerlässlich, wenn man sämtliche Nominierungen in einer Kategorie hervorsagen möchte (abseits von "Bester Animationsfilm", da ist es im Grunde jetzt schon möglich).

Wie immer gilt: Ich mische hier Bauchgefühl mit Erfahrungen über den Geschmack der Academy sowie bereits etablierten "Oscar-Buzz" für Filme. Denn wenn über eine Leistung besonders viel gesprochen wird sind die Chancen auf eine Nominierung größer, als wenn eine große Leistung aus irgendwelchen Gründen untergeht.

Veränderte Chancen

Die nachfolgenden Filme waren bereits Teil meiner letzten Oscar-Prognose 2010, jedoch sehe ich ihre Nominierungswahrscheinlichkeit mittlerweile etwas anders. Einigen Chancen sind meines Ermessens nach gestiegen (scheitern von offensichtlicher Konkurrenz, überraschend hohe Qualität des Films...), andere gesunken (schlechte Kritiken, stärkere Konkurrenz, kein Oscar-Talk trotz hoher Qualität...). Und bei wieder anderen spielen neu entdeckte eigene Wünsche eine kleine Rolle.

Wie das Leben so spielt
Funny People (so der Originaltitel) war einer der frühsten Filme, die dieses Jahr von glaubwürdigen Hollywoodkennern ernstgemeinten Oscarhype verliehen bekam. Judd Apatows Tragikomödie wäre ein Spitzenkandidat für Nominierungen in den Kategorien "Bestes Original-Drehbuch" und "Bester Hauptdarsteller". Mittlerweile startete der Film in den USA, und der Hype reicht an den um Beim ersten Mal längst nicht heran. Deshalb schätze ich eine Nominierung für das beste Original-Drehbuch nur noch für eher unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen und dass Adam Sandler als bester Hauptdarsteller nominiert wird ist für mich mittlerweile sehr unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie... Bei den Komödien gegenüber aufgeschlosseneren Golden Globes hat der Film aber bestimmt ganz passable Chancen.

Coraline
Eine Nominierung in der Kategorie Bester Animationsfilm halte ich weiterhin für nahezu garantiert. Coraline ist ein fantastischer Stop-Motion-Film und die Kritiker stimmen da gemeinhin mit meiner persönlichen Meinung (siehe meine Kritik) überein. Nachdem ich den Film aber gesehen habe, halte ich auch eine Nominierung für Bruno Coulais' düster-malerischen Score nicht für ausgeschlossen. Aufgrund des frühen Starttermin des Films fürchte ich ein wenig, dass die Musik bei den Stimmberechtigten wieder in Vergessenheit geriet, doch mit der richtigen Kampagne ist eine Nominierung in der Kategorie Beste Musik gut möglich.

Wo die wilden Kerle wohnen
Dank des erweiterten Feldes in der Kategorie Bester Film halte ich eine Nominierung für diesen bereits jetzt enorm gehypten Spike-Jonze-Films mittlerweile für gut möglich, ebenso wie eine Nominierung für das beste adaptierte Drehbuch. Eine Nominierung für die beste Regie ist in meinen Augen Dank der Popularität von Jonze bei gehobeneren Filmfreunden durchaus möglich, jedoch könnte er an seinen Werbefilmerwurzeln scheitern. (Diese Prognose gilt natürlich nur, so lange der Film hält, was er bislang verspricht)

Public Enemies
Public Enemies fiel hinter den Erwartungen des einen oder anderen passionierten Oscar-Tippers (darunter zähle ich mich jetzt einfach auch) ein bisschen zurück. In den Kategorien Bester Ton & Bester Tonschnitt traue ich dem Film noch immer extrem gute Karten zu, und eine Nominierung für die beste Kamera halte ich für sehr wahrscheinlich. Die Academy liebt Wackelkamera (Das Bourne Ultimatum und Slumdog Millionär gewannen beide den Oscar) und da hier der zweifach Oscar nominierte Dante Spinotti die Kamera wackeln ließ, traue ich dem Film eine Nominierung zu. Für den besten Schnitt sehe ich mittlerweile schlechtere Karten als noch bei meiner ersten Prognose. Ein bisschen zu chaotisch sind sie geraten, die Actionmomente. Durchaus möglich, lautet mein Urteil.
In Sachen Schauspielleistung muss ich meine Prognosen aber stark zurückschrauben. Christian Bale wird garantiert nicht als bester Nebendarsteller nominiert, und Johnny Depp kann immerhin damit rechnen, dass eine Nominierung als bester Hauptdarsteller durchaus möglich ist. Die Rolle gibt ihm in der ersten Hälfte zu wenig Spielraum um zu brillieren, aber später im Film hat er wieder Gelegenheit um zu begeistern. Da die Academy Depp seit Fluch der Karibik plötzlich die Aufmerksamkeit schenkt, die er zuvor bereits verdient hatte und Depp eine reale Person spielt, könnte das für eine Nominierung genügen.

In einem normalen Jahr würde ich eine Beste Nebendarstellerin-Nominierung für Marion Cotillard als "sehr wahrscheinlich" einschätzen. Da uns diese Oscar-Saison mit Nine geballte Frauenpower erwartet, sind die Plätze in dieser Kategorie 2010 sehr stark beschränkt. Gut möglich ist es in meinen Augen trotzdem. Und wenn's nicht klappt, winkt ja noch die zweite Chance für sie (nämlich mit Nine).
Für "Beste Regie" und "Bester Film" sehe ich dagegen mittlerweile schwarz. Dank der zehn Nominierungen in der Hauptkategorie, müsste Public Enemies eigentlich bessere Karten haben als zunächst vermutet, doch selbst bei diesem breiten Feld wird es nicht für eine Nominierung reichen (siehe meine Rezension des Films).

Oben
Wenn ein Film verdientermaßen von der Neuregelung der Bester Film-Kategorie profitiert, dann ist es Oben. Eigentlich ist Pixar generell nun der große Gewinner. Lang genug wurde von allen Seiten gewimmert, dass Pixar aus dem Animationsghetto befreit werden sollte, die Rufe aus Hollywood, Pixar habe eine Nominierung in der Königskategorie verdient wurden von Jahr zu Jahr lauter (mit einer kleinen Pause, als Cars rauskam). Jetzt stehen die Chancen gut wie nie. Eine Nominierung ist extrem wahrscheinlich. Noch sicherer dürfen wir uns nur bei der Kategorie als bester Animationsfilm sein. Logisch. Wenn man ihn als besten Film sieht, muss er ja auch der beste Animationsfilm sein. Diese Nominierung ist nahezu garantiert.

Spannender wird's dann, wenn es um die tatsächliche Auszeichnung geht und sich die Stimmen schlecht verteilen. Dann bekommt er keinen von beiden Oscars, obwohl ja logisch gesehen wenigstens der Animationsoscar ihm gehören sollte...

Ansonsten bleibt alles beim Alten. Eine Beste Musik-Nominierung für Giacchinos hochgelobten Score ist sehr wahrscheinlich, Bester Ton & Bester Tonschnitt sind bei Pixar mittlerweile fast standesgemäß und deshalb gut möglich, und eine Nominierung für das beste Original-Drehbuch ist durchaus möglich. Drücken wir die Daumen...

Inglourious Basterds
Bezüglich Inglourious Basterds ist seit meiner ersten Prognose wirklich sehr viel passiert. Die Reaktionen auf den Cannes-Rohschnitt schienen sämtliche Hoffnungen auf Oscarnominierungen zunächst zu zerstören, dann kamen langsam wieder ein paar positive Reaktionen und Christoph Waltz wurde mit einem Schlag zum ersten Schauspieler dieser Saison, dem Journalisten bereits Oscargold zuschreiben. Die Kritiken für die endgültige Fassung von Inglourious Basterds (eine Szene mehr plus Feinschliff in der Schnittarbeit) überschlagen sich schließlich für Lob und ich selbst bin ebenfalls vollkommen von den Socken (*zu meiner Filmkritik*). Da klopft das Herz des Oscarbloggers.
Christoph Waltz' Oscarnominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller scheint vom jetzigen Zeitpunkt her jedenfalls nahezu garantiert. Eine Nominierung des von zahlreichen Kritikern als dramaturgischen Geniestreich mit hervorragenden Dialogen gelobte Original-Drehbuch, welches die Hollywoodnormen auf den Kopf stellt (Basterds hat bei einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden sechszehn klassische Szenen, empfohlene Norm bei einem Hollywoodfilm dieser Länge sind vierzig bis sechszig) halte ich für sehr wahrscheinlich, denn Erzählexperimente werden gerne mal entlohnt (Pulp Fiction, Memento). Eine Nominierung für Quentin Tarantino in der Kategorie Beste Regie halte ich für gut möglich, da Tarantino hier einige Schauspieler zu Höchstleistungen anstachelte und eine klare, eigene Vision erweist. Ebenfalls für gut möglich halte ich Nominierungen in den Kategorien Bestes Szenenbild und Beste Kostüme, da Hollywoods Topkritiker diesen Leistungen bereits große Lobeyhymnen widmeten und das Branchenblatt Variety einen Artikel über die Intention hinter der Gestaltung von Sets und Kostümen in Inglourious Basterds veröffentlichte. Außerdem war die Kostümbildnerin bereits für Schindlers Liste nominiert...
Eine Nominierung für Mélanie Laurent als beste Nebendarstellerin ist in meinen Augen durchaus machbar, ebenso wie eine Nominierung des Gesamtwerks als bester Film. Hier schadet ein wenig der frühe Kinostart - man wird mit gelungenen Kampagnen den Film Ende des Jahres wieder in das Gedächtnis der Academymitglieder rufen müssen, und vor allem für Laurent sind prägnante Oscaranzeigen nötig, da sie bislang bei Kritiken des Films zwar extrem gut abschneidet, aber in weiterführenden Diskussionen von Waltz wieder thematisch an den Rand gedrängt wird.
Laurent könnte sich technisch gesehen auch als Hauptdarstellerin qualifizieren, jedoch denke ich, dass Universal und die Weinstein Company sie lieber in der Nebenkategorie sehen würden. Und möglicherweise ist das eine kluge Idee: Als Nebendarstellerin hätte sie eine breite Auswahl an Nine-Nebendarstellerinnen als Konkurentinnen und deren Stimmen könnten sich unglücklich verteilen, so dass Laurent am Ende eine Nominierung erhält, die eine oder andere Dame aus Nine dagegen nicht...

Dass Brad Pitt als bester Hauptdarsteller nominiert wird ist dagegen eher unwahrscheinlich. Zwar trifft er den Nagel auf den Kopf, aber er hat zu wenig Screentime für diese Kategorie (und zu viel Glanz und Gloria für die Nebenkategorie), und generell ist seine spaßige Darstellung von Lt. Aldo Raine eher etwas aus der Kategorie "kultig", und weniger etwas für eine Oscarverleihung.

Keine Veränderungen

Bei den nachfolgenden Filmen hat sich seit meiner letzten Prognose nichts geändert. Weder verbesserte, noch verschlechterte sich der Oscar-Buzz, und es kamen keine Filme auf den Radar, die ihnen ihre Oscarchancen madig machen würden. Deshalb erspare ich mir hier langes Lamentieren, verweise nochmal auf die letzte Prognose und fasse die Ergebnisse kurz zusammen.

The Imaginarium of Doctor Parnassus
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Bestes Original-Drehbuch (Gut möglich) und Beste Regie (Durchaus möglich).

Star Trek
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Beste Effekte (Sehr wahrscheinlich), Bester Ton & Bester Tonschnitt (Gut möglich).

Transformers: Die Rache
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Beste Effekte, Bester Ton & Bester Tonschnitt (Sehr wahrscheinlich).
Küss den Frosch
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Bester Animationsfilm (Nahezu garantiert), Bester Song & Beste Musik (Sehr wahrscheinlich).

Avatar
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Beste Effekte (Nahezu garantiert), Bester Ton & Bester Tonschnitt (Sehr wahrscheinlich), Bester Schnitt & Beste Regie (Durchaus möglich), Bester Film (Eher unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar).

Nine
Chancen auf eine Nominierung in den Kategorien Beste Kostüme, Bestes Szenenbild, Bester Ton, Beste Musik, Bester Song, Beste Hauptdarstellerin, Beste Regie & Bester Film (Nahezu garantiert), Bester Hauptdarsteller , Beste Kamera & Beste Nebendarstellerin (Sehr wahrscheinlich), Bestes adaptiertes Drehbuch & Bester Schnitt (Gut möglich).

Neu auf meinem Oscar-Radar

Ponyo, das verzauberte Goldfischmädchen
Der neue Film von Hayao Miyazaki erhielt hervorragende Kritiken und wurde in den USA dieses Mal von seinem Verleih, dem Disney-Konzern, fair behandelt. Das wandelnde Schloss wurde für einen Oscar nominiert, Chihiros Reise ins Zauberland gewann seinerzeit den Goldjungen. Was spräche also gegen eine Nominierung als bester Animationsfilm? Nun, Disney hat mit Oben und Küss den Frosch dieses Jahr bereits zwei ernst zu nehmende Kandidaten für diese Kategorie. Wird man wirklich drei Filme in der gleichen Katehorie promoten wollen? Ich denke, dass es gut möglich ist, aber meine Hand würde ich (momentan) dafür nicht ins Feuer legen.

Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte
Michael Moore ist, da können sich seine Gegner, politischen Widersacher und Neider zehnmal auf den Kopf stellen, der König des kontemporären nonfiktiven Films. Bowling for Columbine, Sicko und Fahrenheit 9/11 gehören zu den kommerziell erfolgreichsten Dokumentarfilmen aller Zeiten, für Bowling for Columbine erhielt Moore einen Oscar, für Sicko wurde er ein zweites Mal nominiert. Die Kritiken für seine Filme sind im rechtskonservativen politischen Lager zumeist desaströs, dafür überschlagen sich die restlichen Filmkritiker regelmäßig mit Lob für Moores filmgewordenen Politessays. Und mit Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte (seht euch hier den Trailer an) nimmt sich Michael Moore einem brisanten und hochaktuellen Thema an, das man im Tagesgeschehen kaum umgehen kann: Der Wirtschaftskrise. Eine Oscarnominierung in der Kategorie Beste Dokumentation ist (sofern keine politischen Wunder geschehen oder Moore in diesem Film alles falsch macht, was er bislang richtig machte) nahezu garantiert.

Invictus
Invictus ist nach Nine dieses Jahr der Film, der Oscarbloggern das Herz in die Höhe schlagen lässt. Clint Eastwood führt in diesem Drama über das Leben von Nelson Mandela nach Ende der Apartheid Regie, Morgan Freeman spielt Mandela, Matt Damon verkörpert Francois Pienaar. Der Hype ist bereits ziemlich stark - Nominierungen in den Kategorien Bester Film, Bester Hauptdarsteller, Bester Nebendarsteller und Beste Regie sind von daher sehr wahrscheinlich.

So viel vorerst zur Oscarverleihung 2010. Die nächste Prognose kommt bestimmt. Der Herbst rückt ja unaufhaltsam immer näher, und somit auch die Saison der preisverdächtigen Hollywoddramen. Das erleichtert den nebeligen Blick in die Zukunft.
Bis dahin: Drückt Oben und Inglourious Basterds die Daumen, dass sie ihren Oscarbuzz beibehalten!

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