Dienstag, 1. Februar 2011

Separate Ways (Worlds Apart)

Das Drehbuch von Tron: Legacy ist nicht dumm. Die zentrale Handlung selbst ist gewiss kein intellektueller Weitwurf, aber sie entspricht eigentlich den Standards für's Massenkino. Sie ist dramaturgisch bloß so holpernd erzählt, dass sie schnell als strunzdumm kategorisiert wird. Und dennoch, selbst wenn Adam Horowitz und Edward Kitsis beim Aufbau ihrer Kinodrehbücher noch dringend etwas Übung benötigen, so darf mir niemand erzählen, in die Gestaltung von Tron: Legacy wäre keinerlei Gedankenarbeit investiert worden. Was dies anbelangt, lässt Disneys Megaspektakel sehr viele Blockbusterkonkurrenten schnell alt aussehen. Sollte ich irgendwann nichts anderes zu tun haben, ich müsste dringend ein subjektiv-wissenschaftliches Essay über die Stärken und Schwächen des Tron: Legacy-Drehbuchs verfassen. (Haltet besser nicht vorfreudig euren Atem an - ich habe immer was zu tun!)

Ein kleines, wenn auch längst nicht weltbewegendes oder sensationelles, Qualitätsmerkmal für durchdachte Filme ist die Liederwahl. Der generelle Konsens scheint: Quentin Tarantino ist der wandelnde Gott, Indie-Dramen haben ebenfalls großes Geschick darin, bereits existierende Songs zu verwenden, die erstaunlich gut zur Handlung und Atmosphäre des Films passen. Hollywood-Blockbuster hingegen tendieren gerne dazu, Lieder unabhängig ihres Textes allein wegen ihrer zu einer einzelnen Sequenz passenden Stimmung auszuwählen. Manchmal trifft selbst das nicht zu. Solche Fälle sind es, die einen vermuten lassen, dass da bloß jemand einen hitverdächtigen Soundtrack-Sampler erstellen wollte. Merchandising - dort liegt das große Geld.

Sogar der für mehrere meiner Lieblingsfilme verantwortliche Überproduzent Jerry Bruckheimer ist nicht frei von eher schalen Songtracks in seinen Produktionen. Dabei erhielten einige seiner Alben ansehnliche Auszeichnungen. So passt Secrets von One Republic von seiner Ausstrahlung her noch gerade so in eine Schlüsselsequenz der gescheiterten Franchise-Hoffnung Duell der Magier. Selbst einige speziell für Bruckheimers Filme geschriebene Songs passen gar nicht in ihre cineastische Heimat. Während How Do I Live aus Con Air auf textueller Ebene tatsächlich Sinn im Kontext des Films ergibt, passt die Countryballade musikalisch so gut in das Actionspektakel, wie ein Tütü zu Arnold Schwarzenegger. Und wer mir glaubwürdig erklären kann, wie sich Painted On My Heart auf die Handlung von Nur noch 60 Sekunden beziehen lässt, darf sich Genie nennen.

Tron: Legacy begeht solche Fehler nicht. Der Score von Daft Punk geht eine unzertrennliche Einheit mit dem Film ein, wurde nicht auf das fertige Bildmaterial zukomponiert, sondern entstand gemeinsam mit ihm. Aber selbst wenn die französische Kombo kurz Pause eine einlegt, passt die Musik äußerst treffend zum Film:
Wenn Sam zu Beginn von Tron: Legacy in die seit Jahrzehnten stillgelegte Arcade seines Vaters schreitet und den Strom wieder anschaltet, verwöhnen authentische Arcade-Soundeffekte das in diesem Bereich bewanderte Zuschauergehör. Unterlegt wird Sams ehrfürchtiges Schreiten durch die blinkende und biepende Arbeitsstätte seines zwanzig Jahre verschollenen Vaters von Separate Ways (Worlds Apart), der 80er-Power-Hardrock-Hymne von der kultigen Band Journey.


Die Betonung liegt auf 80er!

Begleitet von den Arcadeklängen, gewinnt der Beginn von Separate Ways (Worlds Apart) in der Soundabmischung von Tron: Legacy eine glorifizierte Retro-Videospielklangästhetik, die ich für äußerst angemessen halte, schließlich reden wir hier von der seit Ewigkeiten erwarteten Tron-Fortsetzung! Bloß zu Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt hätte dieses Songintro in dieser Abmischung ähnlich gut gepasst.
Der aufgeweckte Filmfreund, schmunzelt ob dieser Songwahl bereits ohne genauer Hinzuhören, immerhin war Journey auch die Band hinter Only Solutions und 1990s Theme aus dem Original-Film von 1982. Ein netter und gleichermaßen authentischer Verweis auf das Original. Separate Ways (Worlds Apart) wäre ein Song, den man in einer hippen Videospielhölle wie Flynn's garantiert öfters gehört hätte.

Dass Separate Ways (Worlds Apart) zudem auf ganz smarte und relativ subtile Weise die Vater-Sohn-Dynamik des Films beziehungsweise Sams Vaterkomplex widerspiegelt, ist da fast schon das Tüpfelchen auf dem i. Gewiss, der Text lässt sich nicht 1:1 auf diesen Handlungsfaden von Tron: Legacy übertragen, solche Kunststückchen bleiben einem Kaliber wie Quentin Tarantino vorbehalten, der aus David Bowies Cat People die perfekte Begleitmusik zu einem Spaghettiwestern-Märchen mit Zweiter-Weltkriegs-Thematik verwandeln kann. Trotzdem, so lange man nicht darauf besteht, dass Separate Ways (Worlds Apart) wie wohl so ziemlich jeder dritte Song nicht von der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau handelt, sondern gewillt ist, das Lied im Kontext der Liebe zwischen Vater und Sohn zu sehen... Ja, dann könnte man schon verwundert darüber sein, dass Separate Ways (Worlds Apart) nicht speziell für Tron: Legacy geschrieben wurde. Naja... Zumindest die Stellen, die im Film zu hören sind:

Here we stand, Worlds apart,
hearts broken in two, two, two 
Sleepless nights, Losing ground 
I'm reaching for you, you, you   
Feelin' that it's gone 
Can change your mind 
If we can't go on 
To survive the tide love divides 
Someday love will find you 
Break those chains that bind you 
One night will remind you 
How we touched And went our separate ways


In Tron: Legacy lassen sich diese klassischen Trennungsmetaphern über Welten, die einen trennen, wörtlicher denn je verstehen. Gewiss - dies ist wahrlich kein Argument dafür, dass Tron: Legacy ein besonders intelligenter Film ist. Doch es ist bereits ein Einwurf gegenüber jene, die denken, das Drehbuch wäre bald dreißig Jahren Wartezeit hingeschludert worden. In Tron: Legacy steckt dank seiner Detailarbeit mehr Respekt vor dem Kinogänger (besonders den Tron-Fans), als man zunächst denken möchte. Wenn bei Teil 3 dann endlich einmal auch die Dramaturgie und Figurenzeichnung klappt, dann dürfen sich der Raster und seine Bewohner auf die digitale Schulter klopfen.

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