Mittwoch, 13. Februar 2019

Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil III)

Der zweite Part meiner Lieblingsfilmliste 2018 liegt schon hinter uns, und nun ist es an der Zeit, euch den dritten Teil zu präsentieren. Erneut möchte ich euch ein wenig auf die Folter spannen und zunächst ein paar Ehrennennungen loswerden, also auf Filme verweisen, die bei einem etwas anderen Feld an Mitbewerbern wohl im Ranking gelandet wären. Da hätten wir Mandy, das surreale und blutige Andrea-Riseborough-und-Nicolas-Cage-Vehikel mit einem Bombenscore von Jóhann Jóhannsson. Der erste Akt vernachlässigt in meinen Augen die dichte Atmosphäre und die eigenwillige Stilistik, die später wichtig werden, leider für figurenbasiertes Fundament, das es nicht bräuchte, aber der Rest des Films ist unvergesslich! Abgeschnitten ist unterdessen ein eisiger, dreckiger deutscher Thriller mit Selbstironie, der einen schneidigen Spagat zwischen Pulp und Suspense wagt, Terminal ist ein von Margot Robbie angeführtes Alice im Wunderland-Delirium von einem Female-Empowerment-Fiebertraum, dessen hypnotischen Szenen fast den zähen Übergang von Akt eins zu Akt zwei vergessen lassen, A Beautiful Day ist eine smarte, schön gefilmte Action-Dekonstruktion, die aber gerne noch etwas mehr kritischen Biss hätte haben dürfen, und Aufbruch zum Mond ist ein sehr gutes, ruhiges Drama mit einem minimalistischen Ryan Gosling, dem für diese Liste einfach ein paar Tropfen Herzblut meinerseits fehlen.

Aber genug der Vorrede, hier sind sie, die Plätze 30 bis 21 in meiner Favoritenliste 2018!

Platz 30: Bad Times at the El Royale (Regie: Drew Goddard)

Drew Goddards stilvoll-eleganter, dennoch auch gewalthaltiger Mix aus Crime, Comedy, Thriller, Action und Drama ist eine gelungene Stilübung darin, tarantinoesk zu sein, ohne einen Tarantino-Trittbrettfahrer abzugeben. Besetzt mit einem starken Ensemble, das unter anderem Chris Hemsworth als "sexy Manson", einen sarkastischen Jon Hamm, eine einmal mehr ihr komödiantisches Geschick ausspielende Dakota Johnson, einen coolen Jeff Bridges und die bislang wenig beachtete, doch sehr talentierte Cynthia Erivo umfasst, scherzt, beißt und grübelt sich Bad Times at the El Royale in einem Edel-Pulp-Tonfall durch gesellschaftliche Probleme der 60er und 70er, die heute wieder an Aktualität gewinnen. Ein großes, stilsicheres, spannendes Vergnügen, erzählt in einer Cliffhanger liebenden Episodenstruktur.

Platz 29: Christopher Robin (Regie: Marc Forster)

Was für ein schöner, herzerwärmender Film: Christopher Robin malt sich aus, was passiert, wenn der menschliche Freund von Winnie Puuh, I-Ah, Tigger, Ferkel und Konsorten erwachsen wird. Angesiedelt im London nach dem Zweiten Weltkrieg treffen wir Christopher Robin als Kriegsveteran wieder, der sich in einer Firma zerschleißt, in der sein Vorgesetzter denkbar wenig an Arbeit interessiert ist, geschweige denn am Wohlsein des Kollegiums. Ewan McGregor spielt den überarbeiteten, freundlichen Ehemann und Familienvater, der aufgrund eines dringenden Arbeitsengpasses zähneknirschend seine Liebsten hinten anstellen muss, mit Feingefühl und verborgenem Witz. Als sich seine Vorstellungskraft nach vorne kämpft und seine imaginären Spielgefährten versuchen, ihn in ihre Welt zurückzuholen oder alternativ in seiner Welt für mehr Freude zu sorgen, ist natürlich Chaos vorprogrammiert. Doch es sind die bittersüßen, nuancierten Noten, in denen Marc Forsters Film so richtig glänzt. Als Bonus für Disney-Fans gibt es neue Sherman-Musik. Hach.

Platz 28: Die dunkelste Stunde (Regie: Joe Wright)

Nach dem kommerziellen Misserfolg und den brutalen Verrissen seines Fantasyfilms Pan war Regisseur Joe Wright nach eigenen Aussagen am Boden und überlegte, ob er seine Karriere an den Nagel hängen sollte. Als ihm die Regie bei Die dunkelste Stunde angeboten wurde, war er jedoch Feuer und Flamme für den Stoff, da er sich irgendwie in Winston Churchill wiedersah, der für den Löwenteil der Handlung damit zu kämpfen hatte, dass ihn niemand auf seinem Posten sehen wollte. Also nahm Wright den Job an - und Wrights Passion ist dem Film durchweg anzumerken. Gary Oldman gibt eine intensive, aber auch kurzweilige Darbietung ab, Bruno Delbonnels sanfte Lichtgebung und Dario Marianellis sehr emotionale, aber nie in Kitsch abgleitende Filmmusik geben der Nacherzählung der ersten Wochen Churchills im Amt des Premierministers die nötige Gravitas und das Drehbuch von Anthony McCarten ist nicht bloß eine große Verneigung vor der Macht des Wortes, sondern zudem eine leider extrem mit unserer Zeit resonierende, flammende Ansprache darüber, dass mit faschistischen Kräften nicht zu verhandeln ist und man den Kampf gegen sie niemals aufgeben sollte. Hinzu kommt ein punktgenau gewählter Schluss und, tja, hier sind wir. Ein Film, der in der Oscar-Saison Anfang 2018 von vielen als 08/15-Laberdrama abgetan wurde, sitzt hier bequem und stolz in meinen Jahrescharts.

Platz 27: Auslöschung (Regie: Alex Garland)

Alex Garlands erstes Projekt nach dem hervorragenden Ex_Machina ist, in meinen Augen, nicht ganz so prägnant wie das packende Kammerspiel, doch das macht es nicht minder faszinierend: Der Sci-Fi-Thriller mit einer kühl-eindringlichen Natalie Portman in der Hauptrolle ist eine filmische Allegorie auf Depression (oder darauf, wie verschieden der Umgang mit unaufhaltsamem Wandel ausfallen kann, je nach interpretatorischem Ansatz, wenngleich der Depressionsansatz in meinen Augen stärker in der Figurenzeichnung verankert ist), die sich mit Bildgewalt und atonaler, Gänsehaut erregender Musik ins Gedächtnis brennt. Was der Beginn von Akt zwei meiner Meinung nach an atmosphärischer Dichte missen lässt, macht das intensive Finale wieder wett. Tragisch, dass wir in Deutschland diesen Film nicht im Kino sehen durften. Danke, Paramount. Danke, Netflix ...

Platz 26: No Way Out - Gegen die Flammen (Regie: Joseph Kosinski)

Tron: Legacy- und Oblivion-Regisseur Joseph Kosinski verlässt die Welt des Sci-Fi-Kinos, um sich stattdessen dem Katastrophendrama zu widmen - und auch in diesem Genre weiß der Mann zu überzeugen: No Way Out erzählt von einer Feuerwehrtruppe, angeführt von einem bärigen Josh Brolin, die den unzuverlässig vor sich hinlebenden Miles Teller in ihrer Mitte aufnimmt und ihm eine Umgebung gibt, in der er charakterlich wachsen kann. Gefilmt in starken, einprägsamen Bildern, entsteht so eine konsequent falschen Pathos vermeidende Heldengeschichte über Waldbrandbekämpfung, das Geradebiegen kaputter Biografien und die Angst vor dem Alleinsein. No Way Out ist einer der am sträflichsten unterschätzten Filme des Jahres 2018.

Platz 25: Black Panther (Regie: Ryan Coogler)

Nachdem sich 2017 nicht einen einzigen Marvel-Film in meinen Jahrescharts finden ließ, eröffnete das Marvel-Jahr 2018 direkt mit einem Kracher: Black Panther hat ein farbenfrohes, kreatives Produktionsdesign, eine starke, percussionlastige Musikuntermalung und einen genial gespielten Schurken in Form von Michael B. Jordans determiniertem Killmonger - einem Extremisten, dessen Anliegen aus einem erschreckend-profunden Keim entwächst. Hinzu kommen tolle weibliche Nebenfiguren wie Letitia Wright als Technikass Shuri sowie ein dramatischer Familienkonflikt, der diesem Film eine höhere emotionale Fallhöhe gibt als im Marvel Cinematic Universe gewohnt. Ja, die Digitaltricks sind teilweise grausig, aber die Balance aus Witz und Dramatik, Eskapismus und Gesellschaftskommentar lässt mich das weitestgehend vergessen.

Platz 24: Werk ohne Autor (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck)

Da bringt Walt Disney Motion Pictures Germany mal endlich wieder eine einheimische Produktion auf den Markt, die dann ein paar Monate später obendrein nicht nur eine, sondern sogleich zwei Oscar-Nominierungen einheimst. Und wie danken deutsche Kritiker das? Gar nicht. Denn Werk ohne Autor kommt im deutschsprachigen Raum eher so lala an. Unverständlich, wenn man mich fragt: Werk ohne Autor ist zweifelsohne nicht frei von Schönheitsfehlern - von Donnersmarcks Inszenierung ist im ersten Akt teils krampfhaft, vor allem in den Szenen zwischen rund um die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Aber dem stehen allerhand Argumente entgegen, weshalb dieser Film meiner Ansicht nach mehr Anerkennung verdient hätte: In atmosphärisch dichten Bildern eingefangen und von Tom Schilling, Sebastian Koch sowie Paula Beer facettenreich gespielt, ist Werk ohne Autor eine Verneigung vor der Macht der Kunst, ein malerisches, trotzdem mahnendes Soziogramm über die mangelnde Empathie im Nachkriegsdeutschland sowie ein stilistisch spannender Hybrid aus Fakt und Fiktion. Werk ohne Autor hat das Potential, mit der Zeit sogar weiter zu wachsen, vielleicht würde er in drei, vier Jahren höher in diesem Ranking stehen - denn nach und nach stören mich die Problemchen weniger, während ich die Glanzmomente mehr mag. Aber im Moment darf sich dieser Mammutfilm auf Rang 24 gehuldigt fühlen.

Platz 23: Call Me By Your Name (Regie: Luca Guadagnino)

Das "Bester Film"-Line-up bei den 90. Academy Awards hat mir nicht sonderlich zugesagt, aber neben Die dunkelste Stunde hat mich ein weiterer Nominierter gepackt - und zwar Luca Guadagninos gefühlvolles, mit großer Selbstverständlichkeit gespieltes Liebesdrama Camm Me By Your Name. Ein Film voller Italien-Urlaubsflair, wunderschönen Bildern, melancholisch-romantischer Musik und eloquenten Figuren. In dieses wohlige Drumherum bettet Guadagnino fantastische Performances von Armie Hammer und Timothée Chalamet ein - viel mehr braucht es manchmal nicht für einen filmischen Triumph.

Platz 22: Zwei im falschen Film (Regie: Laura Lackmann)

Laura Lackmanns Zwei im falschen Film ist ein reiner Konzeptfilm, doch ein äußerst cleverer: Ein unscheinbares Pärchen mosert über einen kitschigen, weltfremden Liebesfilm und verlässt lästernd während des Abspanns das Kino. Daraufhin begleiten wir Laura (Laura Tonke) und Hans (Marc Hosemann) durch ihren lahmen Alltag. Schluderig gefilmt, ein akustischer Albtraum und mit banalen, unterkühlten Beinahestreitigkeiten gefüllt, ist dieser zwar wie 1:1 aus dem wahren Leben gerissen - nur wer will sich das schon antun? Das erkennen auch Laura und Hans, weshalb sie sich vornehmen, ihre Beziehung aufzuhübschen, ohne dabei in Filmkitsch abzugleiten. Doch inszenatorisch hat Regisseurin Laura Lackmann andere Pläne, wie sich auch an der Dramaturgie der Gespräche ablesen lässt ... Zwei im falschen Film besteht quasi aus zwei Filmen, bei denen allerhand schief läuft, die gemeinsam aber ein geistreiches, stilistisch durchdachtes, kinopassioniertes Gesamtwerk ergeben. Super!

Platz 21: Das schönste Mädchen der Welt (Regie: Aron Lehmann)

Rücksturz in die Teeniefilmära während der unter anderem 10 Dinge, die ich an dir hasse entstanden ist: Das schönste Mädchen der Welt nimmt Elemente aus der Weltliteratur (namentlich Cyrano de Bergerac) und modernisiert sie charmant, leicht augenzwinkernd und mit einem goldigen Mix aus Frechheit und Herzlichkeit. Nach der räudigen, rüpelnden, Gemeinheiten glorifizierten Fack Ju Göhte-Trilogie hebt hier endlich wieder ein deutscher Jugendfilm Freundlichkeit und Belesenheit empor und distanziert sich von den "Tzäck zis auhs"-Kids, die die Fack Ju Göhte-Helden unironisch verehren. Prägnante Raps sowie die tolle Chemie zwischen Aaron Hilmer und Luna Wedler machen Das schönste Mädchen der Welt dem etwas staubigen Titel zum Trotz zu einem Glanzlicht im Jugendkino dieses Jahrzehnts. Holt diesen Film nach! Bitte!

Fortsetzung folgt ...

Freitag, 1. Februar 2019

Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil II)

Heiter geht es weiter mit meiner erstmals 50-teiligen Hitliste der Filme, die mich im Laufe des deutschen Filmstartjahres am meisten erfreut haben. Bevor ich die nächsten Plätze vorstelle, spanne ich euch aber noch ein bisschen auf die Folter und reiße ein paar Ehrennennungen an, also Filme, die es fast in die Favoritenliste geschafft hätten.

Da wären Isabel Prahls reduziertes, deutsches Drama 1.000 Arten, Regen zu beschreiben, das von einer zerrissenen Familie handelt, die sich wundert, weshalb einer von ihnen sein Zimmer nicht mehr verlassen möchte. Gut gespielt und einfühlsam, ist es ein sehr empfehlenswerter Film für alle, die sich nochmal vor Augen führen wollen, wie vielseitig das deutsche Kino sein kann. Paul Feigs Nur ein kleiner Gefallen ist unterdessen eine von Blake Lively und Anna Kendrick pointiert gespielte, parodistische Thrillerkomödie mit umwerfend schönen Kostümen und boshaft-gerissenen Dialogen sowie völlig abstrusen Twists. Ant-Man and the Wasp ist feiner Marvel-Spaß mit tollem Tempo, Ghost Stories ist eine doppelbödige Horror-Hommage mit einem genialen Martin Freeman und The Florida Project ist eine grandiose Sozialstudie über Sozialschwache, die in der Nähe von Walt Disney World leben und wäre wohl für einen der vordersten Plätze in meiner Jahreslieblingsliste prädestiniert gewesen - doch leider verzeihe ich dem Film seine grobschlächtigen letzten paar Sekunden nicht. Es ist, rein mit dem Kopf argumentiert, einer der besten, denkwürdigsten Filme des Jahres, aber diese Rangliste wird von meinem Herzen bestimmt.

Da ihr nun vorgeführt bekommt habt, mit wem (und welcher Methodik) ihr es hier zu tun habt, folgt nun der zweite Part meiner Jahreslieblingsliste ...

Platz 40: The Night Comes for Us (Regie: Timo Tjahjanto)

Während ich zu den wenigen Meckerfritzen gehören, die dem indonesischen Actionspektakel The Raid seinen Kultstatus nicht so wirklich gönnen, oder ihn zumindest überhaupt nicht nachvollziehen können, bin ich ein Fan seiner wesentlich ambitionierteren und kreativeren Fortsetzung The Raid 2. Und so war ich dann auch richtig gespannt auf The Night Comes for Us, das neuste Projekt zahlreicher The Raid/The Raid 2-Veteranen, weshalb es mir ziemlich auf den Keks ging, als diese Schlachtplatte von einem Actionspektakel exklusiv zu Netflix ging. Aber da ließ sich leider nichts machen: Ich musste mir das brutale Niederstrecken von Handlangern, Schurken, Anti-Helden und Opportunisten in einem Club, einer nicht gerade hygienischen Metzgerei, diversen Treppenhäusern und einer Lagerhalle dann halt in den heimischen vier Wänden anschauen. Ein paar Längen im Mittelteil hat der Film bedauerlicherweise, da er zwischendurch von seiner schnurgeraden Methodik abweicht, seinen Plot ganz offen und ehrlich nur als schales Alibi zu behandeln. Aber wenn The Night Comes for Us austeilt, dann teilt The Night Comes for Us aus! Atemberaubende Stunts, wildes Gesplatter und praktische Effekte, die mich wundern lassen: "Wie zum Henker haben die das gemacht, ohne Stuntleute zu töten?" Highlight des Films: Der galant-widerliche Wettkampf dreier erbitterter Kämpferinnen.


Platz 39: Molly's Game (Regie: Aaron Sorkin)

Nenn' sie nicht Pokerprinzessin! Jessica Chastain spielt in diesem flotten Biopic voller Spannung, Glanz, Humor und charakterbezogener Spannung die gewiefte Molly Brown, die den größten illegalen Pokerring der USA oder gar der Welt aufgezogen hat, ohne dabei auf ruchlose Gangstermethoden zurückzugreifen. Chastain gibt eine kraftvolle, smarte, mehrschichtige Performance, Aaron Sorkin inszeniert mit Pepp und Daniel Pemberton untermalt diese launige, trotzdem auch dramatische Ganovinnenposse mit einem verspielten, coolen Score.

Platz 38: Searching (Regie: Aneesh Chaganty)

Eine Jugendliche verschwindet, und ihr besorgter Vater durchstöbert ihren Laptop nach Hinweisen, wo sie nun stecken könnte, woraufhin er feststellen muss, dass er seine Tochter gar nicht richtig gekannt hat. Komplett via Bildschirmaufnahmen erzählt, ist Searching eine immens spannende, aber auch stellenweise sehr gewitzt aufgezogene Geschichte über Elternliebe, digitale Kommunikation und Geheimnisse, die aus ihrem Gimmick ein erfrischendes Stilmittel formt.

Platz 37: Cam (Regie: Daniel Goldhaber)

Ich rege mich ja oft über den Netflix-Original-Content auf, finde beispielsweise die meisten Staffeln der Netflix-Marvel-Serien ermüdend langwierig erzählt und was auf Netflix aus Arrested Development geworden ist, ist einfach erschütternd. Aber eines klappt beim Video-on-Demand-Dienst auf wundersame Weise, und das ist die komplexe, auf respektvolle Augenhöhe erfolgende Auseinandersetzung mit allem, was irgendwie unter den groben Sammelbegriff "Sexarbeit" fällt. Neben Rashida Jones' unabhängig finanzierter, letztlich bei Netflix veröffentlichter Dokumentation Hot Girls Wanted sowie der von Netflix in Auftrag gegebenen und äußerst gelungenen Nachfolge-Dokuserie Hot Girls Wanted: Turned On zählt auch dieser Psychothriller/Mysteryhorror dazu: Aus dem Hause Blumhouse Pictures stammend, handelt Cam von einem kreativen Camgirl, das sich eigene, feste Regeln für ihre Online-Persönlichkeit gesetzt hat. Doch eines Tages sieht sie, wie eine andere Person auf ihrem Channel live streamt, ihr Äußeres perfekt imitiert und diese Regeln bricht ... Madeline Brewer spielt die Haupt(doppel)rolle mit Verve und Charisma, Regisseur Daniel Goldhaber inszeniert das Geschehen mit simplen, doch effektiven Mitteln und vor allem auf sehr selbstredende, statt geifernde Weise und Isa Mazzeis Skript gewährt nicht nur facettenreiche Einblicke in die Arbeitskultur der Camgirls, sondern lässt sich obendrein auf mehreren Ebenen lesen, sei es als reiner Horror, als nachdenkliche Moral über unser aller Onlineverhalten oder als erschreckende Parabel über Persönlichkeitsverlust ...

Platz 36: Reise nach Jerusalem (Regie: Lucia Chiarla)

Langzeitarbeitslose werden in unserer Gesellschaft enorm stigmatisiert. An Stelle von Empathie und Hilfsbereitschaft treten oftmals Unverständnis, Verachtung und Herabwürdigung - und so lange es voyeuristische, die Betroffenen kleinmachende Sozialreportagen im Fernsehen sowie reißerische Schlagzeilen des größten Schundblatts der Nation gibt, wird sich das wohl auch nicht ändern. Regisseurin und Autorin Lucia Chiarla springt da in die Bresche und zeichnet mit ihrer Dramödie Reise nach Jerusalem voller Verständnis ein komplexeres, menschlicheres Bild. Unsere Protagonistin (grandios: Eva Löbau) kommt aus der Warterei nicht heraus, wird unentwegt vertröstet, aus fehlgeleitetem Mitgefühl abgelehnt ("Aber Sie sind für die Stelle doch völlig überqualifiziert") oder für absolut dumm verkauft ("Grün! Grün ist eine schöne Farbe für eine Bewerbungsmappe!", lernt sie am x-ten Tag einer Zwangsschulung), was nachvollziehbar an ihr nagt. Gepaart mit ein paar eigenen Fehlentscheidungen und der ständigen Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung entsteht so eine Situation, in der ihr Leben zum endlosen Stuhltanz wird ...

Platz 35: Hereditary - Das Vermächtnis (Regie: Ari Aster)

Ari Asters Langfilm-Regiedebüt verfrachtet den Filmemacher aus dem Stand heraus auf meine Liste der Filmschaffenden, bei denen ich völlig unabhängig von Story und Cast auf ihre nächsten Werke gespannt bin. Aster nutzt in Hereditary eine entrückte, detailreiche Bildsprache, mit der er auf die Figuren herabblickt, als seien sie Figürchen in einem Puppentheater. Nicht etwa eines im Wes-Anderson-Zuckerbäckerstil, sondern eine im Sinne von dem, was John Cusacks Rolle in Being John Malkovich so treibt. So distanziert Asters Inszenierung sein mag, gestattet er seinen Figuren mehrschichtige Charakterisierungen, die wir im Laufe des horrenden, dramatischen Storyverlaufes genauer kennenlernen. Toni Collettes Spiel geht unter die Haut, die stillen Schrecken sind minutiös konstruiert (während die grelleren Schocks nach meinem Gefühl dem Familiendrama-Aspekt des Films ein Beinchen stellen), und das Skript ist dicht an dicht mit Vorausdeutungen und Metaphern bestickt. Ein Film, den ich im Kopf stärker achte als im Herzen, wo der gefühlte Eindruck seit meinem Kinobesuch etwas verblasste - dennoch für mich ein Muss in der Jahreslieblingsliste!

Platz 34: Der Nussknacker und die vier Reiche (Regie: Lasse Hallström & Joe Johnston)

Obwohl Der Nussknacker und die vier Reiche im Rest der Welt zumeist scheiterte, traf Disney mit seiner winterlichen, märchenhaften Geschichte in Deutschland den Nerv des Publikums: Hierzulande lockte die ungeplante Zusammenarbeit zwischen Lasse Hallström und Joe Johnston immerhin über eine Millionen Menschen in die Kinos. Und ich freue mich ungeheuerlich, dass das deutsche Kinopublikum in diesem Fall gegen den globalen Konsens schwimmt. Denn ich finde den Film trotz kleiner Schönheitsfehler (wie manchen Randfiguren und ein paar dick auftragenden Dialogzeilen) bezaubernd. Mackenzie Foy gefällt mir sehr in der Hauptrolle einer smarten Jugendlichen, die mit ihrem Kummer nicht umzugehen weiß, Keira Knightley brilliert mit ihrer vergnüglichen "Nachdem Johnny Depp und Orlando Bloom so ihre völlig durchgeknallten Performances abgeben durften, bin ich jetzt endlich am Drücker!"-Darbietung, die Kostüme sind bildhübsch, die animierten Mäuse sind knuffig, das Vergnügungsland ist ein besserer abgegrabbelter Tim-Burton-Albtraum als die letzten paar Kinderalbträume Tim Burtons, die Ballettszenen sind richtig schön, genauso wie James Newton Howards Instrumentalmusik, und das satirisch angehauchte Finale zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Oh, und: Der Nussknacker und die vier Reiche ist mein Kandidat für das beste Synchron-Dialogbuch 2018, denn während im englischsprachigen Original ein vergleichsweise generisches Vokabular vorherrscht, wird in der von Axel Malzacher verfassten deutschen Synchro ein entzückend-altmodisches Deutsch gesprochen, dass die Atmosphäre des Films intensiviert.

Platz 33: Nach dem Urteil (Regie: Xavier Legrand)

Das französische Drama Nach dem Urteil zeigt in einer semi-dokumentarischen Haltung den tristen Alltag eines ehemaligen Paares, nachdem das Familiengericht die Sorgerechtsfrage geklärt hat. Mittels filigranen Darbietungen ohne Schaueffekte lassen Léa Drucker und Denis Ménochet das ohne Vorgeschichte in das Leben des Paares geworfene Publikum lange im Unklaren: Ist der Vater das cholerische Arschloch, für das er gehalten wird, oder wird er stigmatisiert und so ungerechtfertigt an die Grenzen seiner Nerven gebracht? Nach und nach tröpfeln Hinweise, Warnsignale, aber auch Gegenargumente hinein, bis der Film in ein Ende mündet, bei dem es einem gerne die Sprache verschlagen kann. Xavier Legrand inszeniert punktgenau, die Dialoge sind wie aus dem Leben gegriffen und für den in der exakt richtigen Sekunde einsetzenden Abspann gibt es von mir zusätzliche Respektpunkte!

Platz 32: Thelma (Regie: Joachim Trier)

2017 unter großem Kritikerjubel in Norwegen gestartet, gelang Thelma 2018 auch in die deutschen Kinos, wo Joachim Triers Genremischmasch aus Drama, Coming-of-Age-Geschichte, Thriller, Mystery und Psychohorror zwar leider an den Kassen scheiterte, wohl aber völlig verdientes, sehr positives Presseecho erntete: Eine junge Studentin vom Land und mit konservativem Elternhaus zieht in die Großstadt und entwickelt nicht nur verwirrende romantische Gefühle, sondern erleidet auch seltsame Anfälle. Trier lässt in seinem kühl inszenierten, eiserne Anspannung erzeugenden Film lange offen, ob wir das Geschehen quasi aus der Perspektive einer jungen Frau verfolgen, die an psychischen Problemen leidet oder ob wir uns in einem übernatürlichen Horrorfilm befinden. Ebenso unklar ist eingangs, wo "in der Filmwelt passiert das wirklich" aufhört und rein metaphorisches Erzählen ohne werkimmanente Gesetze anfängt. Verankert von sehr plausiblen, allen den gebotenen leisen Schrecken zum Trotz außerdem sehr unaufgeregten Darbietungen, ist Thelma ein schön-schaurig-nachdenklich-beklemmend-anspornend-sinnlicher Film voller Wendungen, ohne dass er sich über diese Twists definiert.

Platz 31: Christine (Regie: Antônio Campos)

Nach einem Drehbuch des Autoren Craig Shilowich, der Anfang des Jahrtausends in eine Depression verfiel und seither mit dem entsprechenden Problemen zu kämpfen hat, inszeniert Regisseur Antônio Campos (Simon Killer) dieses Drama mit immensem Feingefühl: Christine handelt von einer Fernsehjournalistin, die Mitte der 1970er-Jahre mit allerlei Tücken zu kämpfen hat: Sie will mehr menschelnden Qualitätsjournalismus, der Chef will sie wahlweise auf schneller heruntergerissene Themen ansetzen oder doch lieber reißerische Geschichten von ihr haben. Am Arbeitsplatz wird sie aufgrund ihres Geschlechts nicht für voll genommen, als Dauersingle, der auf die 30 zugeht und obendrein mit Frau Mutter zusammenlebt, gilt sie sowieso als seltsam, und dann nähert sich obendrein im TV-Geschäft eine technologische Veränderung, die es zu begreifen gilt. Statt durch den Stress an die Decke zu gehen, entwickelt Christine schweren Trübsinn - aber sie nimmt sich fest vor, sich beruflich und privat neu aufzustellen ... Rebecca Hall erfüllt die Hauptrolle mit viel Gefühl, lässt sie berührendzwischen "Lasst mich alle in Ruhe"-Entnervtheit und "Wieso ist niemand auf meiner Seite"-Kummer gleiten, die Seitenhiebe auf das Journalismusgeschäft sind zeitlos und die karge, ausgebleichte Ästhetik des Films passt zum Setting (70er-Lokalfernsehen) sowie zu Christines Seelenleben. Stark.

Fortsetzung folgt ...