Freitag, 31. Oktober 2014

Erlöse uns von dem Bösen


Obwohl Erlöse uns von dem Bösen bereits in Produktion war, bevor Gore VerbinskisWesternspektakel Lone Ranger in die Kinos kam, wirkt die Veröffentlichung dieses Horrorthrillers wie ein erst kürzlich geplantes Statement der Produzentenlegende Jerry Bruckheimer: In jüngerer Vergangenheit widmete sich der 70-Jährige vor allem Abenteuerfilmen für ein möglichst breit gefächertes Publikum. Mit dieser Taktik feierte Bruckheimer einige der größten Erfolge seiner Karriere (man denke an das Pirates of the Caribbean-Franchise), gleichwohl schnitten Filme wie Duell der Magier weit unter den wirtschaftlichen Erwartungen ab. Nachdem dann obendrein der kostspielige Lone Ranger in den USA nicht einmal 90 Millionen Dollar einnahm, beendete der Disney-Konzern von großem Pressegetöse begleitet seinen langjährigen First-Look-Deal mit dem Vermächtnis der Tempelritter-Produzenten.

Bruckheimer reagierte, zumindest in Pressestatements, gelassen auf das unschöne Ende seiner Kooperation mit Disney. Er habe die Zusammenarbeit sehr genossen, freue sich auf künftige gemeinsame Projekte wie den fünften Pirates of the Caribbean-Teil, und wolle diese Zäsur für eine stilistische Umorientierung nutzen. Kommende Kinoproduktionen Bruckheimers sollen wieder die Mentalität seiner früheren Filme wie The Rock, Con Air oder Beverly Hills Cop versprühen. Nun, etwas mehr als ein Jahr nach Lone Ranger kommt also Erlöse uns von dem Bösen daher, so als sei der Film ein überdeutliches Signal: Der familienunverträgliche Jerry Bruckheimer ist zurück – und mit ihm auch die Optik eines gestandenen 90er-Jahre-Thrillers für ältere Jugendliche und junge Erwachsene.

Erlöse uns von dem Bösen trägt jedoch nicht allein den Bruckheimer-Stempel, sondern ist mindestens ebenso sehr ein Scott-Derrickson-Film. Derrickson machte sich durch seine Regiearbeiten Der Exorzismus von Emily Rose und Sinister einen Namen als Spezialist dafür, archetypische Horroraspekte mit frischen Ansätzen zu versehen. Vor allem letztgenannter Film kokettierte über weite Strecken damit, den Stil genretechnischer Durchschnittsware zu imitieren, nur um dann mit immer ungewöhnlicheren, harscheren Entwicklungen letztlich doch sein ganz eigenes Ding durchzuziehen. Erlöse uns von dem Bösen ist in diesem Hinblick ein indirektes Sinister-Gegenstück: Horrorfans und Anhänger klassischer Copthriller werden einige Versatzstücke von Erlöse uns von dem Bösen aus früheren Filmen wiedererkennen. In dieser Zusammenstellung aber ergeben diese Elemente einen atmosphärisch dichten Spannungsfilm, der durch seinen Mix aus Dämonengrusel und Crimespannung ein fesselndes Konzept kreiert.

Die Grundlage für Bruckheimers Ausflug ins Horrorgenre (beziehungsweise Derricksons Ausflug in die Welt der Jerry-Bruckheimer-Ästhetik) ist das in Zusammenarbeit mit Lisa Collier Cool geschriebene Buch „Beware the Night“ des New Yorker Polizisten Ralph Sarchie. Sarchie behauptet, im Laufe seiner Polizeikarriere in Kontakt mit übernatürlichen Phänomenen gekommen zu sein, woraufhin er sich in die Praktiken des Exorzismus einweihen ließ. Lose an diesem vermeintlichen Sachbuch entlanghangelnd erzählt Erlöse uns von dem Bösen die Geschichte von Sarchies erstem andersweltlichen Fall, wobei Derrickson zu Gunsten des Thrills nach kurzer Eingewöhnungphase jegliche Ambiguität fallen lässt. In seinem Film muss die von Eric Bana verkörperte Leinwandversion Ralph Sarchies schon früh vom unkonventionell agierenden Priester Mendoza (Édgar Ramírez) erlernen, dass es auf der Welt zwei Arten des Bösen gibt: Das durch den Menschen ausgeübte sekundäre Böse und das unbegreifliche primäre Böse.

Und mit genau dieser Form der puren Boshaftigkeit bekommt es Sarchie erstmals tun, als er eines Nachts in einen Zoo gerufen wird, um herauszufinden, wieso eine heruntergekommene Frau urplötzlich ihr Kleinkind in ein Löwengehege geworfen hat. Während seiner Ermittlungen wird er von einem dürren, finster aussehenden Mann angegriffen, der spurlos in den Schatten verschwinden und offenbar Löwen Befehle erteilen kann. Dieser rätselhafte Mann namens Santino (Sean Harris) gibt Sarchie auch in den darauffolgenden Tagen Rätsel auf und mit jedem Auftauchen Santinos muss der ungläubige Sarchie mehr und mehr einsehen, dass er ohne den geistlichen Beistand Mendozas aufgeschmissen ist …

Die größte Stärke dieser Genremischung ist die schneidige Optik, die gekonnt die übliche Horrorfilmdüsternis mit der Videoclip-Dynamik eines jugendorientierten 90er-Thrillers vereint. Wer sich gelegentlich dabei erwischt, den Look größerer Actionthriller besagter Dekade zu vermissen, wird das matte Schwarz und die dunkel glänzenden Großstadtlichter in Erlöse uns von dem Bösen gewiss genießen. Kameramann Scott Kevan (Underworld: Awakening) und Regisseur Derrickson geben ihrem Film mit dieser Ästhetik durchgehend ein zwar aufpoliertes Äußeres, achten gleichwohl aber darauf, die Atmosphäre von Beginn an sehr beklemmend zu halten. Die dunkle Farbpalette, die bedrohlich fallenden Schatten und der elektronische Akzente setzende Score von Christopher Young (Drag Me to Hell) geben selten Gelegenheit zum Aufatmen – und da die audiovisuelle Komponente von Erlöse uns von dem Bösen eben nicht genretypisch dreckig daherkommt, erscheinen auch die üblichen Aufschreckmomente nur in wenigen Fällen klischeehaft.

In der ersten Filmhälfte macht sich Derrickson einen Spaß daraus, an der Spannungsschraube zu drehen und letztlich doch nur Figuren durchs Bild stolpern, Katzen aufschreien oder Stofftiere umfallen zu lassen. Je mehr Glauben der von Eric Bana verbissen gespielte Grobmotoriker Sarchie dem Übernatürlichen schenkt, desto öfter mischt sich jedoch echter Grusel zwischen die falschen Fährten, so dass sich die Spannung des Films zwischenzeitlich daraus generiert, dass man sich als Zuschauer fragt: Legt mich der Streifen nur wieder rein oder passiert gleich tatsächlich etwas Übles?

Obwohl Banas Rolle einen an Genrestandards gemessen plausibel voranschreitenden Glaubenswandel durchmacht und die stückchenweise erfolgenden Enthüllungen über seine inneren (sprichwörtlichen!) Dämonen überzeugend gespielt sind, ist der wahre Frontmann des Films Édgar Ramírez. Als irdisch-sündigen Genüssen nicht abgeneigter Priester mit Rockstaraura verleiht er Erlöse uns von dem Bösen ein Alleinstellungsmerkmal und den Charaktermomenten einen gewissen Pepp. Das Zusammenspiel zwischen Bana und Ramírez tröstet, auch dank einiger thematisch durchdachter Dialogpassagen, obendrein über die schalen Szenen hinweg, die sich um Banas über kurz oder lang in Gefahr geratene Vorzeigefamilie (Olivia Munn und Olivia Horton als Gattin und Tochter) drehen.

Während gerade im ersten Drittel die Versuche, das Dämonische mit dem Irdischen zu verbinden, oftmals flach fallen (so wird der Band 'The Doors' ein fragwürdiger Tribut gezollt), legt Derricksons Regiearbeit exponentiell an Treffsicherheit zu. Die Figuren gewinnen an Kontur, die Dramaturgie wird straffer und sobald Sarchie seinen ersten Exorzismus erlebt, ist Gänsehaut pur garantiert. Die in ausgedehnter Länge gezeigte Teufelsbekämpfung ist für sich betrachtet die wohl beste Dämonenaustreibung seit Der Exorzist. Nach diesem klang- und effektgewaltigen Höhepunkt spurtet Erlöse uns von dem Bösen dann auch rasch zur Ziellinie, so dass die Erinnerungen an die Stärken des Films möglichst präsent bleiben. Es lohnt sich also, nach den vielen ins Leere führenden Schockmomenten zu Beginn nicht den Glauben an Derricksons inszenatorisches Können zu verlieren.

[b]Fazit:[/b] Regisseur Scott Derrickson verzockt sich bei seinen Rückgriffen auf Genreklischees zwar anfangs ein bisschen, doch mit voranschreitender Laufzeit wird Erlöse uns von dem Bösen dank des zentralen Duos und der launigen Vereinigung von Crime- und Horroreementen immer stärker. Schlussendlich ist der Film genau das, was erwartet werden darf, wenn Jerry Bruckheimer mal einen Horrorfilm produziert: Dunkle Edeloptik, rasches Erzähltempo und ein bombastisches Finale.

Entengeschnatter: Found Footage - Filmische Gräueltat oder Kreativer Geniestreich?


Wackelnde Digitalkameras. Andauernd rennende Protagonisten. Und oft viel Rumgeflenne: Das Found-Footage-Genre hat allerlei Klischees zu bieten. Aber auch diverse Stärken. Gemeinsam mit Antje und Jan sprechen die donaldschen Erben ehrenhalber Stephan und Sidney (hey, das bin ich!) pünktlich zum Halloweenfest über Filme, die sich (stilistisch) als real ausgeben. Was sind unsere Favoriten und unsere Hassobjekte aus dieser Gattung?

Samstag, 25. Oktober 2014

Entengeschnatter: Jake Gyllenhaal und noch mehr Kritiker-Talk


In der neuen Ausgabe des Entengeschnatter-Podcasts spreche ich mit Antje Wessels über die mit Jake Gyllenhaal stark besetzten Thriller Enemy und Nightcrawler sowie ein weiteres Mal über das, was unserer Meinung nach eine Filmkritik ausmachen sollte.

Die Quellen der Disneyfilme: Die Abenteuer von Huck Finn

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Auch wenn Die Abenteuer von Tom Sawyer von Anfang an ein großer Erfolg war, so dauerte es doch über acht Jahre, ehe Mark Twain 1884 die langerwartete Fortsetzung Abenteuer von Huckleberry Finn herausbrachte. Und auch wenn dieser Roman in vielem wie ein konsequenter Nachfolger von Tom Sawyer wirkt, so kann diese Einschätzung wirklich nur der oberflächlichsten Betrachtung standhalten.
In Wahrheit beginnen die Unterschiede zwischen den beiden Büchern bereits beim Namen. Während das erste Buch unter dem Namen „The Adventures of Tom Sawyer“ erschien und somit implizit versprach, alle erzählenswerten Anekdoten über den Lausbuben zu vereinen, heißt die Fortsetzung nur „Adventures of Huckleberry Finn“. Twain macht von Anfang an klar, dass dieses Buch einen Ausblick auf Hucks Geschichte bietet, aber gar nicht erst versuchen will, den jungen Lausbuben wirklich auszuloten.
Auch andere Unterschiede der beiden Romane sind direkt offensichtlich. So wird anstelle des allwissenden Erzählers von Tom Sawyer dieses Buch von Huck selbst erzählt, und das in einer ungeschliffenen Umgangssprache, wie sie selten Eingang in die hohe Literatur findet. Wiederum symptomatisch: Dieses Werk will keine „hohe Literatur“ sein, es weigert sich von der ersten Seite an mit Händen und Füßen gegen jeden Interpretationsversuch. „Wer versucht, in dieser Erzählung ein Motiv zu finden, wird gerichtlich verfolgt“ - deutlicher konnte Twain seine Meinung zu diesem Punkt kaum zum Ausdruck bringen. Und doch, ebenso sehr wie Huckleberry selbst, der allen „Sifilisierungs“- und Moralisierungsversuchen entgeht, nur um ganz aus Versehen von alleine ein guter Mensch zu sein, ebenso geht auch das Buch Abenteuer von Huckleberry Finn in den höchsten Kreis der Weltliteratur ein, ohne dieses Ziel je verfolgt zu haben. Oder wie Ernest Hemingway es ausgedrückt hat: „Die ganze moderne amerikanische Literatur stammt von einem einzelnen Buch von Mark Twain namens Huckleberry Finn ab. Die amerikanische Schriftstellerei kommt daher. Vorher gab es nichts. Seitdem hat es nichts Vergleichbares mehr gegeben.“

Huckleberry Finn erzählt die Geschichte des jugendlichen Herumstreuners Huck, einer Figur, die schon im Vorgänger Tom Sawyer drohte, der Hauptfigur das Rampenlicht zu stehlen, und seiner abenteuerlichen Reise auf dem Mississippi. Gemeinsam mit dem entflohenen Sklaven Jim macht sich Huckleberry in einem Floß auf den Weg in die Freiheit - für Jim bedeutet das die Freiheit aus Sklaverei und Knechtschaft, für Huck die Freiheit vor seinem gewalttätigen Vater und der erdrückenden Zivilisation. Auf dieser Reise begegnen ihnen eine Menge Abenteuer, hilfreiche und böswillige Menschen, allen voran die beide Gauner und Trickbetrüger, die sich als „Herzog“ und „Dauphin“ den Zugang auf das Floß erzwingen. Den Abschluss der Geschichte stellt eine längere Episode dar, in der schließlich auch Tom Sawyer auf einigermaßen konstruierte Weise wieder in die Geschichte gebracht wird und sich der Ton des Buches erneut stark dem leichtherzigen Vorgängerroman annähert.
Die gesamte Geschichte wirkt wie ein klassischer Episodenroman, und auf den ersten Blick scheinen die einzelnen Sequenzen beliebig austauschbar. Jedoch weist das Buch einen starken inneren Handlungsfaden auf, und jedes einzelne der vielen Abenteuer spielt eine wichtige Rolle für den inneren Reifeprozess, der den gesamten Roman über in Huck vor sich geht.
Denn das ist das eigentliche Thema, um das es in Huckleberry Finn geht: Hucks steter Kampf mit seinem Gewissen und seinen eigenen Moralvorstellungen. Ein Kampf, bei dem sich Huck wieder und wieder „egoistisch“ gegen sein Gewissen durchsetzt - und bei dem alleine dem Leser klar ist, dass Huckleberrys aufrechtes Handeln erst die wahre moralische Überlegenheit des Jungen belegt. Es ist eine geniale Verdrehung der Ansichtswelten, durch die Twain seine eigene Überzeugung hier ausdrückt, und Hucks Worte „Nun gut, dann fahre ich eben zur Hölle!“ werden zum höchsten Ausdruck ehrenvollen Handelns.



Es ist dieser Aspekt des Buches, der Huckleberry Finn zu seinem Status als unbestreitbarem Literaturklassiker verholfen hat. Das Buch ist einer der großen Meilensteine der amerikanischen Literatur, und so ist es kaum verwunderlich, dass es im Laufe der Jahre die verschiedensten Ansätze gab, Twains Meisterwerk angemessen auf die Leinwand zu bringen. Dabei wechselten sich ernsthafte Romanverfilmungen regelmäßig mit putzigen Kinderfilmen ab - wobei die Versuche, das Ergebnis gesellschaftlich akzeptabel zu halten, teilweise ins Absurde abglitten: Eine der früheren Verfilmungen ging so weit, Jim vollständig aus der Geschichte zu streichen.
Eigentlich ist es geradezu verwunderlich, dass die Disney-Studios bis 1993 warteten, ehe sie sich dem Romanstoff annahmen. Und noch verwunderlicher scheint, dass die Wahl dabei gerade auf dieses Buch fiel, und nicht auf den Disney-tauglicheren Tom Sawyer, der erst 1995 als Tom und Huck verfilmt wurde. Doch gerade im Vergleich zu diesem Sequel/Prequel spürt man bei Die Abenteuer von Huck Finn eine große Liebe zum Ausgangsmaterial und ein Bestreben, dem Buch eine wirklich würdige Verfilmung zu bescheren - freilich in der Ummantelung eines wahren Disney-Familienabenteuers.

Dieser Versuch, den Film so klassisch und originalgetreu wie möglich zu gestalten, zeigt sich bereits von der ersten Filmminute an, wenn in einem sehr traditionell gehaltenen Vorspann die Einblendungen zu altmodischen Holzschnittzeichnungen ablaufen. Und ganz generell ist die Geschichte sehr originalgetreu gehalten. Alle Handlungselemente sind vorhanden, alle wichtigen Episoden werden erzählt - mit der großen Ausnahme von Beginn und Ende des Buches, die im Film einem flüssigeren Handlungsbogen geopfert wurden.
Was den Anfang angeht, so haben diese Änderungen keine größeren Auswirkungen. Huckleberry Finn ist insofern eine direkte Fortsetzung von Tom Sawyer, als die Handlung des Buches nahtlos an den Vorgängerroman anknüpft; das Gold, das Tom und Huck in der Höhle gefunden haben, bildet einen der Handlungsauslöser der Fortsetzung. Dieser Einstieg wurde nun im Film insoweit abgewandelt, dass keine mühsamen Vorerklärungen mehr nötig sind, ansonsten sieht die Grundkonstellation der Geschichte absolut gleich aus.

Etwas anders sieht das beim Ende des Films aus: Der gesamte Schluss des Romans, der den Bogen zurück zu Tom Sawyer schlägt, wurde ersatzlos gestrichen, so dass nun die Exhumierung der Wilks-Brüder und Mary Janes Eingreifen das große Finale bilden. Auch hier ist der Grund zum Teil darin zu finden, dass Die Abenteuer von Huck Finn eben als eigenständiger Film funktionieren sollte, ohne die Anlehnung an den „älteren Bruder“ Tom Sawyer. Aber der eigentliche Grund geht wohl noch etwas tiefer. Das Ende von Huckleberry Finn hat mit seinem Stilbruch seit jeher die Leser gespalten, und es scheint nur allzu offensichtlich, dass Twain selbst große Probleme hatte, seine Romanhandlung stringent abzuschließen. Hemingways Meinung dazu ist eindeutig: „Beim Lesen muss man dort aufhören, wo der Nigger Jim den Jungen weggenommen wird. Der Rest ist gemogelt.“
Daher macht es absolut Sinn, dieses Ende für den Film zu kürzen - umso mehr, als die Episode der Wilks-Brüder sowieso das spannungsgeladene Herzstück der Geschichte ausmacht und die gesamte Nebenhandlung um Herzog und Dauphin auf grausige Weise abschließt.



Die Handlung des Films ist also alles in allem sehr nah an der Buchvorlage, mit dem einen Abstrich des grob gekürzten Endes. Heißt das nun, dass es sich bei Die Abenteuer von Huck Finn um eine wirklich buchgetreue Verfilmung handelt, die den Ton des Originals wiedergibt?
Teils und teils.

Wenn ich schreibe, dass man dem Film seine Disney-Zugehörigkeit anmerkt, so bezieht sich das vor allem auf die Gesamtstimmung des Werkes - und die wiederum hängt fast gänzlich an der Charakterisierung der Hauptfigur, Huck Finn. Ich könnte nun einiges über die Besetzung des jungen Elijah Woods als Huckleberry sagen, und ich weiß, dass dies generell als ein großer Kritikpunkt des Films gilt. Und ja, zweifellos ist die Darstellung von Huck nicht dieselbe wie im Buch. Er ist kein dreckiger Herumtreiber, kein Gossenjunge, sondern ein hübscher, adretter Kerl mit großen blauen Augen. Und so sehr er auch den Lausbuben spielt, sein Auftreten bleibt doch immer zu sauber und zu angenehm, als dass man ihm den verlausten Galgenstrick wirklich abnehmen würde.
Es ist keine originalgetreue Charakterisierung von Huckleberry Finn, und doch - ich finde, dass es eine passende Darbietung ist. Der junge Schauspieler liefert eine herausragende Performance. Seine Darstellung hat Herz, er lässt den Zuschauer Hucks andauernden inneren Kampf mitfühlen, und am Ende ist es genau das, worauf es bei der Geschichte ankommt. Ja, ich hätte gerne eine Verfilmung von Huckleberry Finn, in der der Junge wirklich als der raue Strolch dargestellt wird, der er im Buch zumindest äußerlich ist - aber dann zusätzlich zu diesem Film, nicht anstelle. Elijah Woods Huckleberry mag vielleicht nicht die realistischste Darstellung des Waisenbengels sein, aber von allen Verfilmungen, die ich gesehen habe, ist es doch diejenige, die die Emotionen des Buches am besten widerspiegelt.
Jim, der aus erzählerischer Sicht hauptsächlich als Hucks Kontrapunkt fungiert, ist sehr passend dargestellt. Ihm gelingt die nötige Gratwanderung eines einfach aufgewachsenen, ungebildeten Sklaven, der doch gleichzeitig den Mut und die Energie aufbringt, aus seiner festgelegten Position auszubrechen - und damit auch Huckleberry nachhaltig beeinflusst. Gleichzeitig füllt er auch die Rolle als Hucks Freund und Vertrauter voll aus, auf eine Weise, die sowohl historisch angemessen, als auch aus heutiger Sicht passend erscheint.
Auch die Nebenfiguren sind durchweg gut besetzt, allen voran natürlich das spaßig-finstere Gaunerpärchen von Duke und König. Und wenn all die Gestalten, denen Huck und Jim am Ufer des Mississippi begegnen, auch nicht ganz so denkwürdig verschroben erscheinen wie im Buch, so erfüllen sie ihren Zweck als Kulissenträger für Hucks Reise doch wunderbar.

Eine besondere Erwähnung ist die Tatsache wert, dass der Film für Disney-Verhältnisse ausnehmend wenig Rücksicht auf PC-Verträglichkeit nimmt. Huck greift ohne zu zögern nach dem Gewehr, wenn es um seine Verteidigung geht, und in einer Szene sieht man ihn sogar fröhlich eine Pfeife paffen - eine heutzutage undenkbare und auch für die neunziger Jahre noch bemerkenswerte Entscheidung.
In anderer Hinsicht war man dagegen doch etwas vorsichtiger, was den Umgang mit Sozialtabus angeht. Doch gerade bei den jüngsten Debatten über eine angeblich notwendige Zensur von Twains Roman überrascht es kaum, dass das Wort „Nigger“ im Film nicht ein Mal vorkommt. Wie gesagt, diese Einschränkung war - wenn auch nicht direkt gutzuheißen - bei einem Disney-Mainstream-Film doch zu erwarten.



Generell ist die Frage der Rassenproblematik natürlich ein gewichtiger Punkt in jeder Huckleberry-Finn-Adaption. Dabei lässt sich direkt feststellen, dass auch dieser Film nicht an die Genialität von Twains Vorlage heranreicht - und das ist kaum verwunderlich, denn die brutale Ehrlichkeit des Buches ist auf einen massentauglichen Hollywoodfilm kaum übertragbar. Der Film verfolgt stattdessen einen direkteren, oft auch sentimentaleren Ansatz, um die gleiche Nachricht auf publikumswirksame Weise zu verbreiten, und es ist auf seine Art ein guter Ersatz.
Im Film ist alles ein wenig klarer und für Kinder eingängiger dargestellt. Jim hat mehr eigenen Charakter und seiner Rolle für Huck ist sentimentaler ausgebaut, während er gleichzeitig mit neu hinzugewonnenem Verständnis als direktes Sprachrohr für den Zuschauer fungiert. Dieses Sprachrohr ist im Buch nicht nötig; dort ist es ja gerade die schlichte Unaufdringlichkeit der Botschaft, die sie so eingängig macht. Aber für den Film war es ein praktikables Mittel, um das Publikum ganz direkt erreichen zu können, ohne sich Subtilitäten und unterschwelligen Aussagen zu verlieren.
Manchmal schießt diese Umwandlung freilich gänzlich am Ziel vorbei, wie in der Diskussion, die Huck und Jim über die verschiedenen Sprachen der Menschen führen. Was im Buch nur dazu diente, Jims Unwissenheit komisch darzustellen, wird im Film als Grundsatzgespräch behandelt - eine ungünstige Entscheidung, bedenkt man, dass das Argument, mit dem Jim für eine unabhängige Denkweise wirbt, in sich vollkommen absurd und fehlgeleitet ist.



Aber nichtsdestotrotz, im Prinzip handelt es sich um eine passende Umsetzung einer großen Vorlage. Der Film will nicht die Genialität des Buches wiedergeben, er will nur die Aussage des Werkes kindgerecht darbieten, und das gelingt vollkommen. Natürlich ist Twains Roman auch dieser Verfilmung um Längen überlegen, doch das ist bei dieser Vorlage wahrlich kein Wunder. Das, was der Film sein will, das ist er auch, und ich denke man kann sagen, dass die eigentliche Seele von Huckleberry Finn in dieser Verfilmung gebührend eingefangen wurde.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Starttag, Kino, DVD, Oh je ... : "Avengers: Age of Ultron"

Mittlerweile sollte es jeder halbwegs filminteressierte Internetnutzer mitbekommen haben: Der Teaser Trailer zu Avengers: Age of Ultron wurde veröffentlicht. Und er ist umwerfend! Wie umwerfend? Nun, unterziehen wir ihn doch mal dem Starttag...-Test:

Starttag: Leute, es sind die Avengers! Und noch dazu in einem Film mit großartig aufgebauten Einstellungen. Außerdem will ich wissen, was Banner so fertig macht.

Starttag: Ultron sieht klasse aus!

Starttag: Ein Marvel-Trailer, der als Hintergrundmusik ein schauriges Neuarrangement von I've Got No Strings aus Disneys Pinocchio verwendet? Und es passt thematisch? Ultron referenziert den Songtext im Film?! Also, wenn das hier für Marvel qualitativ und tonal das wird, was Pinocchio für die Disney-Trickstudios darstellt, wow, einfach ... wow!

Starttag: Toll ausgeleuchtet. Man erkennt Black Widows Umriss sofort wieder.

Starttag: Quicksilver war das coolste am letzten X-Men-Film, und dies, obwohl er darin albern aussah. Hier sieht er besser aus. Ob das ein gutes Zeichen ist?

Kino: Ich mag Elizabeth Olsen ja sehr und das Set sieht super aus. Aber ich fürchte, mir angesichts der Kräfte von Scarlett Witch bei so einer dramatischen Geste einiges ausmalen zu können ...


Starttag: Okay, mit Ballerinas hätte ich in diesem Film nicht gerechnet. Und hier zeigt sich wieder: Dieser Film wird von Ben Davis sehr poetisch und zugleich dramatisch ausgeleuchtet. Wird wohl eine Augenweide!

Starttag: Cooles Effektgewitter. Außerdem: Ocker-Farbfilter sind für Blockbuster auch mal was Neues.


Starttag: Ultron hat in Bewegung allein beim finalen Satz in diesem Trailer mehr Charakter und Ausstrahlung als die meisten bisherigen Marvel-Kinoschurken!


Tja, sieht wohl nach einem Film aus, bei dem ich lieber auf die Free-TV-Ausstrahlung warte ... Aber vielleicht entscheide ich mich um, wenn ich den Trailer noch ein paar Mal gesehen habe. Ihr könnt dies auch tun, sofern ihr ihn nicht eh schon in Dauerschleife schaut:

Dienstag, 21. Oktober 2014

Lustiges Taschenbuch Collection 5: Kampf der Zauberer – Rache & Rückkehr


Die ersten vier Bände der Disney-Fantasysaga Kampf der Zauberer habe ich einst hier besprochen. Seither ist viel Wasser den Bach runter geflossen. Nicht nur in der unsrigen Welt, sondern auch im Mittelaltertum, Magie und vereinzelte moderne Technologien vereinenden Universum von Mickymagos Mannen. Die großen Heldentaten des besagten Zauberer-Trios wurden zu Legenden und Gesängen verarbeitet, und die Bedrohungen, die Mickymagos Mannen bezwingen konnten, gerieten in Vergessenheit. Es herrscht, kurzum, Frieden in der Welt. Ein gefährlicher, da trügerischer, das Volk jede Vorsicht aufgeben lassender Frieden. Als zu Beginn der Saga V: Lemuria der reiche König Dagoberthur eines Nachts von einer Gruppe maulwurfsartiger Erdlings-Räuber bestohlen wird, trommelt dessen Neffe Don Uck seine zwei langjährigen Gefährten zusammen, um das Geld des Despoten wieder zurückzuholen. Während des Kampfes gegen die Maulwurfsbande bekommen es Mickymagos Mannen mit einem eisernen Riesen zu tun, der wiederum ein längst vergessenes, dunkles Kapitel in der Geschichte der weisen, mächtigen Drachen wieder aufreißt ...

Mit nur 92 Seiten ist die von Stefano Ambrosio geschriebene fünfte Saga der Kampf der Zauber-Reihe vergleichsweise kurz und unterbietet mit ihrem Umfang locker einige der Storyklassiker, die im normalen Lustigen Taschenbuch veröffentlicht wurden. Dank Lorenzo Pastrovicchios charmanten Zeichnungen, die den typisch italienischen, rundlich-grafischen Disney-Stil bedienen, gleichwohl etwas detailliertere Hintergründe umfassen und so eine ganz eigene Welt aufbauen, findet man als Kenner der ersten Bände sofort in dieses Comicuniversum zurück. Im ersten Kapitel der in drei Teile gestückelten Saga stören leider vereinzelte, zu moderne Elemente die Atmosphäre, insgesamt bemüht sich Ambrosio jedoch, die Stolpersteine der vierten Saga zu umgehen. Die idiotischen, aus Pokémon entliehenen Monster, die in den magischen Diamanten leben, und welche den Zauberern dieser Comicwelt ihre Kräfte verleihen, werden kaum mehr angerissen und sind somit leichter zu verkraften. Auch die als Cliffhanger der vierten Saga geschaffene, neue Zusammenstellung von Mickymagos Mannen wird ratzfatz aufgelöst, dafür arbeiten die Fantasy-Pendants von Micky, Donald und Goofy wieder stärker mit Köpfchen, sie suchen nach cleveren Ansätzen, ihre Gegner zu bezwingen. Vorbei mit der drögen "Ich hab ja noch diese Kräfte!"-Mechanik des vierten Bandes.

Zudem stehen in dieser Saga die Kämpfe nicht im Mittelpunkt. So befasst sich Kapitel zwei ausführlich mit der Vergangenheit der Drachenrasse, was in einige sehr atmosphärische, spannende Leseminuten mündet. Bedauerlich ist bloß, dass in Kapitel zwei und drei vereinzelte Twists zu schnell heruntergebrochen werden. Verräter, geheime Pakte und ähnliches haben hier fast schon etwas von einem "Deus Ex Machina", es wäre daher zu begrüßen gewesen, wenn bei einigen zusätzlichen Seiten diese besser unterfüttert worden wären. Dennoch ist Lemuria eine sehr gelungene, kurzweilige Rückkehr in eine faszinierende Disney-Welt.

Vier nette Einseiter-Spaßcomics später beginnt in diesem Lustiges Taschenbuch-Sonderband bereits Saga VI: Das Vermächtnis, die sich von den narrativ stringenteren Sagen dieser Comicreihe abhebt. Es ist so, als hätte man die serielle Form mit überdeutlichem roten Faden eingetauscht gegen ein Fantasy-Procedural mit dem "Monster of the Week", das Mickymagos Mannen bezwingen müssen. Bloß einige, wenige, vereinzelte Elemente halten diese Geschichten grob zusammen, so dass sie nicht völlig alleine stehen, sondern "nur" eine lose erzählte Saga ergeben. Zu Beginn des Vierteilers verdingen sich Mickymagos Mannen als wanderndes Magiervolk, das in Notsituationen eingreift, und findet alsbald auch eine dringliche Aufgabe: Karlox und andere Kleinganoven finden schwarze Mäntel, die sie stärker machen - aber auch willenlos. Im nächsten Kapitel attackiert Gundella ein friedliches Dorf, der dritte Part dieser Saga handelt von einer giftigen Auseinandersetzung zwischen den "normalen" Drachenclans und dem einst verstoßenen Clan schlangenartiger Feuerechsen. Und im Finale der Saga kommt es zur in dieser Erzählung wiederholt angekündigten Rückkehr eines Superschurken aus der Kampf der Magier-Welt.

Was die sechste Saga anbelangt bin ich zwiegespalten. So finde ich die episodenhaftere Erzählweise nicht all zu berauschend, da sich durch diese Vorgehensweise das Universum dieser Comics nicht mehr so groß und facettenreich anfühlt. Mit jeder Geschichte kommen völlig neue Aspekte, und die vorhergegangenen verschwinden aus dem Blick - dabei bewiesen die ersten drei Sagen ja, dass es möglich ist, mit Vorausdeutungen und Rückgriffen eine in sich geschlossene, packende Disney-Fantasy-Comicwelt aufzubauen. Zudem holt Autor Matteo Venerus die von mir so verhassten Magiamant-Insekten zurück ins Rampenlicht, was meinen Enthusiasmus ziemlich ausbremst. Andererseits finde ich den Zeichnerwechsel hin zu Alessandro Perina sehr sinnig: Es passiert viel mehr in den vier Kapiteln der sechsten (und finalen?) Zauberer-Saga, und daher ist Perinas knautschig-detailreicher Stil perfekt für diese Geschichten.

Außerdem sind die ersten drei einzelnen Storys sehr unterhaltsam und zudem voller origineller Ideen. Mein Highlight ist Kapitel zwei, das mit Gundellas Hintergrundgeschichte und ihrer Attacke auf das Dorf Claxan Setting und Erzählmuster etwas auflockert. Auch Kapitel drei ist weitestgehend spitze, nur werden auch hier erneut Verräter aus dem Hut gezaubert, um das Ende der Story einzuleiten. Das Finale wiederum ist zwar visuell stark und der vorgeführte Zusammenhalt zwischen unseren Protagonisten entlockte mir ein munteres Seufzen ("Awwwww!"), aber was hier mit deren Widersacher angestellt wird, ist ganz schön mau. Hier stand die Aussage mal wieder vor charakterlicher Kontinuität.

Dennoch ist das Lustiges Taschenbuch Collection 5 für jeden Disney-Comicfan ein Muss, erst recht für jeden Liebhaber der Kampf der Zauberer-Reihe. Denn nach der miesen vierten Saga sind die fünfte und sechste Runde wieder außerordentlich kurzweilig und einfallsreich geraten und zudem trotz mancher Schwächen sehr gut erzählt.

Freitag, 17. Oktober 2014

Die besten Suchbegriffe XIII

Etwas Spaß muss sein. Und daher möchte ich mich an dieser Stelle, ehe ich meine James-Bond-Retrospektive beende und die nächste Retrospektive beginne, nach langer Abstinenz wieder den bescheuerten, den absurden, den lustigen, den anstößigen Suchbegriffen widmen, mit denen User via Suchmaschinen auf diese Seite gestoßen sind.

Achtung, schmutzige Wörter und genervte Kommentare in Sicht!

lena meyer landrut heiß
Seit über einem Jahr habe ich keine "Prominame heiß"-Suchanfragen mehr bekommen. Bis auf diese. Heißt das, dass der typische SDB-Film-Leser auf brünette, englisch singende ESC-Gewinnerinnen aus Deutschland steht?

Walt disney kritik pErson
Ich habe ja noch nichtmal Kritiken zu sämtlichen Disney-Filmen geschrieben, wie soll ich da eine zu Walt Disney verfassen? Und wie schreibt man eine Rezension einer Person? Wie wichtig ist da denn das audiovisuelle?

donald duck rosen mit glitzer
Ich wusste nicht, dass es Donald-Duck-Rosen gibt. Geschweige denn welche, die glitzern ...

dämlicher olaf
Stimmt, ich mag den Schneemann auch nicht.

warum rennt rapunzel dauernd barfuß
Weil das einfacher ist, als in Highheels zu rennen?

arielle die meerjungfrau beim sex mit prinz eric myvideo
Auch wenn ich nicht bezweifeln möchte, dass irgendjemand seine absonderlichen Gelüste dadurch befriedigte, Arielle und Eric beim Sex zu zeichnen, so bezweifle ich sehr stark, dass es so etwas bei MyVideo gibt. Und was mich noch mehr wundert: Wenn jemand sowas sucht, wieso landet er dann auf dieser Seite?

geile 13 jährige
Nope. Gibt es hier nicht. Wer immer das gesucht hat: Such bitte nach Hilfe. Vielleicht kann man dich kurieren?

disneys älles im wunderland
Nein, man schreibt den Namen des blonden Mädchens, das ins Wunderland stolpert, anders. Bitte versuche es erneut!

alice liddell creepypasta
Ja. Schon besser. Nun musst du lernen, wie die Discounterkette heißt, die du meinst. Und: Wow, es gab bei Lidl gruselige Alice im Wunderland-Pasta?!

erotik lack und leder
Sollte ich eine Pressevorführung von 50 Shades of Grey erwischen, könnte es passieren, dass ich diese Worte benutze. Ja. Aber bis dahin: Ich glaube, du bist hier falsch.

So. Und nun setze ich mich wieder an vernünftigere Artikel!

Dienstag, 14. Oktober 2014

Drachenzähmen leicht gemacht 2


Fortsetzungen dürften mittlerweile ihr Stigma hinter sich gelassen haben. Zwar gibt es noch immer herzlose, wirtschaftlich kalkulierte Wegwerfware wie Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben, doch im Gegenzug werden Filmfreunde regelmäßig mit Weitererzählungen beschenkt, die ihre Vorgänger weit hinter sich lassen. Ob im Superheldengenre (etwa The Dark Knight), im Bereich der Jugendbuchverfilmungen (zum Beispiel Die Tribute von Panem – Catching Fire) oder in der Welt des Arthouse-Dramas (unter anderem Before Midnight). Unter Animationsfilmen sind sehenswerte Fortsetzungen allerdings weiterhin überaus rar gesät. Zwar wuchs die Toy Story-Trilogie mit jedem neuen Teil über sich hinaus, zumeist aber bieten Trickfilm-Sequels einfach nur eine alberne Variation des Erstlings. Man denke nur an das Madagascar-Franchise, Cars 2, nahezu alle Direct-to-Video-Fortsetzungen aus dem Hause Disney oder den dieses Frühjahr angelaufenen Rio 2 –Dschungelfieber.

Als Dean DeBlois, einer der beiden Regisseure von Drachenzähmen leicht gemacht, von der DreamWorks-Animation-Chefetage mit der Entwicklung eines Sequels beauftragt wurde, machte dieser klar, nicht den typischen Weg für Trickfilmfortsetzungen beschreiten zu wollen. Anstelle eines zweiten Teils, der den herzlichen ersten Film verwässert und allein auf Comedy setzt, schwebte ihm vor, das Franchise zu einer epochalen Fantasy-Trilogie auszuarbeiten. Der zweite Part sollte mehrere Jahre nach dem Original spielen, finstere Wege einschlagen und die Figuren wie auch ihre Welt vorantreiben. Jeffrey Katzenberg, der CEO von DreamWorks Animation, gab dem Regisseur seinen Segen und so verfasste DeBlois ein Drehbuch, mit dem er die Drachenzähmen-Antwort auf Das Imperium schlägt zurück erschaffen wollte. 

Die Story: Fünf Jahre nach den Ereignissen aus Drachenzähmen leicht gemacht hat sich das Wikingerdorf Berk völlig geändert. Die einst Drachen jagenden Einwohner leben nun im friedvollen Einklang mit den schuppigen Feuerspuckern und halten diese als Haustiere. Der ungeschickte Junge Hicks (Originalstimme: Jay Baruchel, in der Synchro: Daniel Axt) wuchs zu einem stattlichen und cleveren Helden heran, der gemeinsam mit seinem Drachen Ohnezahn die Welt erkundet. Doch obwohl sein Vater nunmehr vor Stolz auf ihn platzt, weicht ihm Hicks unentwegt aus, da er sich nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, den väterlichen Wünschen nachzugeben und dessen Aufgaben als Stammesführer zu übernehmen. Als Hicks eines Tages während eines Ausflugs gemeinsam mit seiner Freundin Astrid (America Ferrera bzw. Emilia Schüle) auf eine Gruppe ruchloser Drachenfänger stößt, muss er allerdings lernen, dass es kein Leichtes ist, sich vor den Erwachsenenpflichten zu drücken … 

Hinsichtlich der Tonalität und der inhaltlichen Ambitionen wird Drachenzähmen leicht gemacht 2 ohne Weiteres DeBlois' Ansprüchen gerecht. Wie Das Imperium schlägt zurück führt auch dieser Film sein Publikum zurück in eine aufregende Filmwelt, die sich seit dem vorherigen Teil auf spannende Weise gewandelt hat. Und wie der von Fans vielfach gelobte Mittelteil der Original-Star Wars-Trilogie, schmeißt auch diese 145-Millionen-Dollar-Produktion seinen Protagonisten nicht einfach in ein beliebiges neues Abenteuer. Viel mehr reift unsere Hauptfigur durch diverse Prüfungen und Erkenntnisse zu einem fähigeren Helden und Anführer einer Gruppe ungewöhnlicher Individuen heran. DeBlois lässt diese Aspekte mit sicherer Hand in die Story einfließen: Wie die meisten Teenager sucht Hicks in Drachenzähmen leicht gemacht 2 nach seiner Berufung und hinterfragt die Wünsche seines Vaters. Stets treffen DeBlois' Skript und Hicks' Synchronsprecher (egal ob in der deutschen oder englischen Fassung) genau die richtigen Töne, um diesen Subplot glaubwürdig und herzlich zu gestalten. All dies ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken und Gefahr zu laufen, die Zuschauer zu verprellen, die sich nicht in Hicks' Lage versetzen können

Hicks' Identitätssuche führt ihn nicht nur an neue, visuell beeindruckende Orte, sondern auch gleich mehrmals in zünftigen Trubel. Bei seinem Aufeinandertreffen mit Drachenjägern, die im Auftrag des sagenumwobenen Drago (Djimon Hounsou bzw. Wolfgang Wagner) handeln, provoziert er seine Widersacher mit seiner bemühten Diplomatie – und auch danach muss Hicks noch lernen, wann er seine Überzeugungskünste einzusetzen hat und wann ein taktischer Rückzug Leben retten würde. Dadurch, welche Höhen und Tiefen DeBlois seinen Leinwandhelden durchlaufen lässt, verleiht er Drachenzähmen leicht gemacht 2 eine in DreamWorks-Animationsfilmen ungewohnte emotionale Komplexität. Schon der Vorgänger war vergleichsweise mutig für einen Familientrickfilm, doch Teil zwei ist deutlich rauer und kommt nie auf die Idee, Hicks' Achterbahnfahrt der Gefühle für die jüngsten Kinogänger abzufedern. 

Wenngleich DeBlois stilistisch und atmosphärisch seinen selbst gesteckten Zielen gerecht wurde und die Das Imperium schlägt zurück-Route eines größeren, mutigeren und dunkleren Sequels einschlug, so finden die Vergleiche zwischen dem bisherigen Höhepunkt der Star Wars-Saga und Drachenzähmen leicht gemacht 2 in einer wichtigen Hinsicht ein Ende. Nämlich bei der Qualität. Während Irvin Kershner 1980 das Original in jeglichen Belangen übertraf, muss sich DeBlois' Soloarbeit letztlich dem gemeinsam mit Chris Sanders inszenierten Vorläufer knapp geschlagen geben. Zwar ist die Handlung komplexer, Hicks' Storybogen facettenreicher ausgearbeitet und die Optik noch atemberaubender, jedoch ist Teil eins flüssiger erzählt und versprüht eine unschuldig-schlichte Magie, nach der Drachenzähmen leicht gemacht 2 nicht einmal strebt. Dies ist der weniger zauberhaften Story geschuldet und wäre zu verkraften, könnte die Fortsetzung das liebliche Flair des Erstlings durch neue, ähnlich starke Impulse ersetzen. Doch weder die packenden Actionszenen noch die mit lebensnah wirkenden Dialogmomenten ausgestattete Storyline über Hicks, seinen Vater Haudrauf (Gerard Butler bzw. Dominic Raacke) und die geheimnisvolle Drachenlady Valka (Cate Blanchett / Martina Hill) können solch fulminanten Szenen wie dem Kennenlernen zwischen Hicks und Ohnezahn oder ihrem ersten gemeinsamen Flug das Wasser reichen. Auch dieses Mal gibt es zwar Gänsehautmomente (etwa das Treffen von Valka und Haudrauf sowie eine dramatische Wende für Ohnezahn), Teil eins aber hatte schlicht mehr solcher Höhepunkte zu bieten und war obendrein geradliniger, dynamischer erzählt.

Dies soll bei Weitem nicht bedeuten, dass Drachenzähmen leicht gemacht 2 eine Enttäuschung darstellt. Der Film lenkt die Filmreihe rund um Hicks in eine neue, spannende Richtung, lotet unangenehmere Themen aus und spielt vor einem größeren Hintergrund als Teil eins. Dass er unter anderem aufgrund zäher Übergänge zwischen seinen einzelnen Handlungsfäden und einem mühevoll eingeleiteten, wenngleich befriedigenden Finale nicht an den Vorläufer herankommt macht ihn Gewissermaßen zum Saw 2 unter den Trickfilm-Fortsetzungen. Besagte Horrorfortsetzung eröffnete ebenfalls neue Horizonte für ihr Franchise und schnitt in den Augen vieler Genrefans nur etwas schwächer als ihr simplerer Vorgänger ab.

Angesichts der liebevollen Charakteranimation und der engagierten Performances der Sprecher steht aber kaum zu befürchten, dass sich Drachenzähmen leicht gemacht in eine kalt kalkulierte Filmreihe verwandelt. Teil zwei endet an einem furiosen Punkt und lässt dem dritten Part zahlreiche Möglichkeiten, eine weitere fesselnde Geschichte zu erzählen. Diese darf dann gerne Hicks' und Astrids wundervoll glaubwürdige Beziehung noch intensiver beleuchten, denn diese kommt in Drachenzähmen leicht gemacht 2 viel zu kurz, während sich die restliche Wikinger-Teenagerbande zu oft mit Rüpelhumor und uninteressanten Drei- oder Vierecksbeziehungen in den Vordergrund drängelt. Und auch John Powells Musik darf gern wieder ein größerer Stellenwert eingeräumt werden, denn anders als der preiswürdige Score zum ersten Teil ist die Klangtapete in Part zwei nur atmosphärische Nebensache.

Fazit: Komplexer, mutiger, visuell aufwändiger. Drachenzähmen leicht gemacht 2 ist eine der wenigen Trickfilmfortsetzungen, die ihr Publikum ernst nehmen und eine sehenswerte neue Geschichte erzählen. Leider ist sie dennoch nicht ganz so liebenswert und unvergesslich wie der magische Erstling.
Drachenzähmen leicht gemacht 2 ist ab dem 21. November 2014 auf DVD, Blu-ray und 3D-Blu-ray erhältlich. Diese Kritik ist eine überarbeitete Fassung meiner Kinobesprechung bei Quotenmeter.de

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Need for Speed

Bislang ist es nur einer Videospielverfilmung gelungen, ihrer Vorlage gerecht zu werden und obendrein noch aus filmischer Sicht zu unterhalten: Mike Newells Abenteuer Prince of Persia – Der Sand der Zeit. Diese aufwändige Jerry-Bruckheimer-Produktion verzichtete darauf, all zu sklavisch die auf Interaktion ausgelegte Videospiel-Handlung auf die Leinwand zu bannen, und versuchte sich stattdessen mit großer Liebe zum Detail daran, im Rahmen einer kinoreifen Abenteuer-Story die Stimmung der Vorlage wiederzugeben. Somit bewies der visuell imposante Disney-Film, dass er die Prince of Persia-Spiele respektiert, legte zugleich aber das Fundament für unterhaltsame Kinostunden.

Das Image von Videospieladaptionen ist vier Jahre nach diesem Spektakel weiterhin ziemlich desolat, nicht zuletzt, weil sich noch immer die wenigsten Leinwandausflüge populärer Games ihrer Inspiration mit einer vergleichbaren Herangehensweise nähern. Entweder haben Videospielverfilmungen kaum etwas mit ihrem Namensvetter gemein und verärgern so Fans der Vorlage (siehe Paul W. S. Andersons Resident Evil-Filme), oder aber sie operieren zu sehr im Game-Modus und funktionieren daher nicht als filmisches Erlebnis (siehe etwa Zombie Massacre). Mit der Rennspieladaption Need for Speed gelang dem noch recht unerfahrenen Regisseur Scott Waugh (Act of Valor) hingegen ein oktanschwerer Kinostreifen, der eine ähnliche Methode verfolgt wie Prince of Persia – Der Sand der Zeit: Man nehme die Atmosphäre des beliebten Videospiel-Franchises und erfinde den Rest ganz nach den Bedürfnissen eines schmissigen Actionfilms selbst.

Im Rennspiel-Genre nimmt Need for Speed eine einzigartige Position ein: Setting und Rennpyhsik sind deutlich realitätsnäher als bei reinen Fun-Racern wie Mario Kart, Wipeout, TrackMania oder Burnout, gleichwohl obsiegt das reine Spaßelement ungebrochen gegenüber dem Simulationsaspekt. Dadurch sind die Need for Speed-Spiele rasanter und überdrehter als strenge Rennsimulationen wie Gran Turismo. Diese Mischung aus Bodenständigkeit und Wahnsinn, gepaart mit den Kult gewordenen Polizeiverfolgungsjagden, machte das Franchise mit mehr als 140 Millionen verkauften Einheiten zur bislang erfolgreichsten Rennspiel-Reihe der Videospielgeschichte.

Exakt diese Charakteristika der Vorlage beachtet Scott Waugh in seinem 66 Millionen Dollar teurem Rennfilm: Anders als die Fast & Furious-Reihe verzichtet Need for Speed auf völlig überdrehte, mit Hilfe von Computereffekten umgesetzte Stunts, die einem Cartoon entsprungen sein könnten. Stattdessen setzt Waugh auf zwar waghalsige und mitunter abstruse, stets aber beeindruckende, handgemachte Auto-Stunts. Ebenso versteht sich Need for Speed als reines Benzinvergnügen: Blähen sich die Fast & Furious-Filme mit Raubzügen, Schießereien und allen möglichen Schurkereien zunehmend zu Actionspektakeln auf, in denen rein zufällig Autos eine Rolle spielen, dreht sich in Need for Speed alles einzig und allein um illegale Straßenrennen – die hin und wieder von der Polizei aufgemischt werden.

Als pompöse Gangsteraction mag sich die Saga rund um Vin Diesel, Michelle Rodriguez, den zu früh verstorbenen Paul Walker und Co. aus ominösen Gründen zwar eine treue Fangemeinde aufgebaut haben, doch als verwegener Rennfilm ist Need for Speed um Längen besser als Fast & Furious. Eine bunte Riege schnittiger Autos wird hier vor der Kamera von erfahrenen Stuntmännern sowie den eigens für diesen Film einem harten Training unterzogenen Schauspielern bis an die Grenzen ausgereizt, durch die Luft gewirbelt, gegen andere Wagen gedonnert und genussvoll zu Schrott gefahren. Nur ein absolutes Minimum an digitalen Effekten kam zum Einsatz, dafür zeigen in Manier alter Burt-Reynolds-Streifen in und an die Autos montierte Spezialkameras detailreich die imposanten Kunststücke der todesmutigen Fahrer. Die Echtheit ist den Renn- und Fluchtszenen stets anzumerken und auch wenn sie selbstredend in solch einer turbulenten Abfolge wie in Need for Speed unrealistisch und einzig dank der minutiösen Planung des Drehteams möglich sind, so wissen die Autostunts durchweg zu faszinieren – und da sie greifbarer sind als die überdrehten Aktionen des Genrekonkurrenten Fast & Furious, lassen sie sich auch mit größerer Spannung verfolgen. 

Flotte Rennsequenzen, spektakuläre Auto-Kunststücke und überwältigende Unfälle allein halten jedoch keinen Film zusammen. Die von Brian & John Gatins verfasste Story von Need for Speed ist zwar genretypisch hauchdünn, allerdings dient sie als effiziente Klammer für die Actionsequenzen: Seit dem Tod seines Vaters führt Hobby-Rennfahrer Tobey Marshall (Breaking Bad-Star Aaron Paul) zusammen mit seinen talentierten Freunden mehr schlecht als recht eine kleine Werkstatt. Aus Geldmangel nimmt Tobey sogar Jobangebote seines ewigen Rivalen Dino Brewster (Dominic Cooper) an, der ihn nach einem erstklassigen, gemeinsamen Deal zu einem Rennen herausfordert. Bei diesem führt Dino den bescheidenen, überaus fähigen Mechaniker hinters Licht: Tobey wird unschuldig für einen folgenschweren Unfall inhaftiert – und schwört daraufhin, es seinem schmierigen Konkurrenten heimzuzahlen. Nachdem Tobey seine Strafe abgesessen hat, trommelt er seine alte Truppe zusammen und besorgt sich mit der ebenso cleveren wie gutaussehenden und taffen Britin Julia Maddon (Imogen Poots) einen wahnsinnig schnellen Wagen. Mit diesem will sich Tobey einen Platz im berühmt-berüchtigten, illegalen Rennen De Leon erkämpfen, um dort den Dauer-Teilnehmer Dino aufgrund seiner Taten zu konfrontieren. Um aber überhaupt am gefährlichen Straßenrennen teilzunehmen zu dürfen, muss Tobey irgendwie die Aufmerksamkeit des exzentrischen Veranstalters The Monarch (Michael Keaton) auf sich lenken …

Tiefsinn lässt sich in Need for Speed selbst mit der Lupe nicht auffinden, jedoch wäre dieser eh bloß Ballast in einem Kinofilm, der möglichst viele sehenswerte Rennen und Verfolgungsjagden in seine rund 130 Minuten Laufzeit pressen will. Als zeitgemäße Antwort auf Autofilm-Klassiker wie Ein ausgekochtes Schlitzohr benötigt diese Produktion bloß einen geradlinigen Konflikt, der die Handlung vorantreibt. Und mit gewissen Abstrichen liefert Need for Speed genau das. In einer launischen Rennstreifen-Logik ist der grundlegende Konflikt des Films völlig ausreichend. Dennoch hätte der erste Akt etwas gestrafft werden können, da der vom ihm gebotenen Stoff unterforderte, seine Rolle jedoch sichtbar genießende Aaron Paul und der bewusst dick auftragende Dominic Cooper mühelos eine tief verwurzelte Rivalität zwischen ihren Figuren entstehen lassen. Daher hätte auch weniger Exposition die Wirkung des Plotmotors nicht geschmälert.

Dennoch ist Need for Speed flott genug erzählt und hat genügend Schauwerte, um seine ausgedehnte Laufzeit zu tragen. Der Spaßfaktor wird dabei von einer flach geschriebenen, aber illustren Gruppe an Nebenfiguren erhöht: Rami Malek und Ramon Rodriguez geben als zwei Drittel von Tobeys Crew ein genussvoll albernes Duo ab, das genauso gut einem 90er-Blockbuster-Popcornspaß im Stile von Con Air entflohen sein könnte, und Michael Keaton übt sich als überdrehter, dauerphilosophierender Organisator eines wohl wenig legalen Straßenrenn-Radiosenders in amüsanter Selbstverliebtheit. Die heimlichen Stars des Films sind aber Rapper Scott Mescudi und Imogen Poots: Mescudis stets pointierte Sprüche klopfender Tausendsassa, der als die Lage aus einem Flugzeug überblickender Ausguck Tobeys Mannschaft komplettiert, ist mit seiner cartoonigen Rolle für die meisten Lacher im Film verantwortlich. Poots wiederum darf Aaron Paul als Beifahrerin, Stichwortgeberin, und ihn ebenso oft kritisierender wie bewundernder Flirt tatkräftig unter die Arme greifen und gibt im gleichen Atemzug dem männerlastigen Film eine erfrischende Note.

Große Schauspielkunst darf natürlich niemand von diesem Ensemble erwarten, dafür macht diese humorvolle Darstellergruppe durchgehend klar, in welcher Realität dieser Film existiert: Die Stunts mögen handgemacht sein, dennoch ist der Kinoausflug von Need for Speed wie die Spielevorlage in einer überzeichneten Realität zu verorten. Die Figuren sind bestenfalls zweidimensional, sorgen aber für gute Laune, das Justizsystem hat allerhand dem Plot dienliche Lücken und ein einzelnes Auto kann verdammt viel einstecken. Es ist vom Feeling her ein strikter Old-School-Rennfilm, nur erstrahlt er im hellen, klaren Look eines 90er-Blockbusters und kommt zudem mit gestochen scharfem, die Dimensionen der Zerstörungswut unterstreichendem 3D daher. Da gilt die Devise: 3D-Blu-ray gekauft, eine Tüte Chips geschnappt, Stunts bestaunt und mitgelacht. Wer etwas anderes erwartet, hätte besser nicht in diesen Wagen steigen sollen. Fast & Furious ohne all den Klimbim – Need for Speed bietet Fans präzise geplanter, spektakulärer Autostunts rund 130 Minuten kerniger Rennfahraction und cooler Sprüche. Kein überkandidelter Plot, der heuchelnd versucht, seine Gehaltlosigkeit zu verwaschen, kein Effektgewitter aus dem Computer. Die Logik darf da gerne auf dem Rücksitz Platz nehmen.

Need for Speed ist ab sofort auf DVD, Blu-ray und 3D-Blu-ray erhältlich. Dieser Artikel ist eine überarbeitete Fassung meiner Filmbesprechung, die zum Kinostart bei Quotenmeter.de veröffentlicht wurde.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Live. Die. Repat: Edge of Tomorrow


In Harold Ramis' melancholischem Komödienklassiker Und täglich grüßt das Murmeltier aus dem Jahr 1993 gleitet der von Bill Murray brillant gespielte Wetterfrosch Phil Connors in den Wahnsinn, weil er in einer Endlosschleife den Murmeltiertag im verschlafenen Kaff Punxsutawney durchstehen muss. Im Vergleich zu dem, was Tom Cruise als Major William Cage in Edge of Tomorrow durchmachen muss, ist Phil Connors' mysteriöses Erlebnis jedoch das reinste Zuckerschlecken. Denn für Cage heißt es in einer nicht all zu fernen Zukunft: Und täglich grüßt das Alienvieh.
Während der grimmige Wetterexperte nur mutmaßen kann, wieso er immer wieder einen ganz bestimmten Tag in Punxsutawney durchzustehen hat und was er mit sich anfangen soll, kann sich Cage eher einen Reim aus seiner Lage machen: Der im Feld unerfahrene Major wurde eingezogen, um im Einsatz gegen eine die Erde zerstörende, übermächtige Alienrasse zu helfen. Am ersten Tag an der Front kann er zwar eines der flinken, heimtückischen Wesen töten, verliert dabei aber sein eigenes Leben. Nur um dann wieder am Tag vor seinem tödlich geendeten Kampf in einer Militärstation nahe der Normandie aufzuwachen.

Zunächst zweifelt Cage an seinem Verstand, aber einige Wiederholungen später akzeptiert er sein Schicksal. Immerhin kann er aus seinen Fehlern und den Patzern seiner Kameraden lernen, und so zumindest versuchen, der Menschheit im Feldzug gegen die sogenannten Mimics einen erheblichen Vorteil zu verschaffen. Aufgrund der reinen Masse an außerirdischen Angreifern, die zu allem Überfluss ordentlich einstecken können, kommt Cage aber nie sonderlich weit. Bis er Rita Vrataski (Emily Blunt), dem Aushängeschild der irdischen Armee, ins Auge fällt. Einzig die ebenso durchtrainierte wie smarte „Full Metal Bitch“ schenkt Cages wirrem Gerede von seiner sonderbaren Gabe Glauben. Vrataski und Cage vereinen daher ihre Kräfte gegen die Außerirdischen, wenngleich selbst Vrataskis Kampferfahrung Cage nicht davor bewahrt, andauernd am französischen Strand vom Alienheer besiegt zu werden …

Anders als Duncan Jones' verkopfter Sci-Fi-Thriller Source Code, in dem Jake Gyllenhaal immer wieder den selben Tag durchleben muss, um einen Terroranschlag zu verhindern, überfrachtet Edge of Tomorrow den Storyverlauf nicht mit mühseligen Erklärungen. Stattdessen hält die Regiearbeit des Bourne Identität-Machers Doug Liman ihre Regeln knapp, aber in sich plausibel. Darüber hinaus bleibt Edge of Tomorrow trotz mehrerer Richtungswechsel seiner inneren Logik treu. Und hat somit dem entfernten Verwandten Source Code noch eins voraus, denn selbst wenn Jones in der ersten Filmhälfte effektiv mit den schaurigen emotionalen Untertönen einer Zeitschleife spielte, verschenkte er allerhand dramatisches Potential, indem er schlussendlich das mühevoll etablierte Regelwerk für einen launigen Schluss opferte. 
Innerhalb seines schlüssigen, kurzweilig erklärten Regelwerks balanciert Liman hingegen die tonalen Aspekte von Edge of Tomorrow meisterlich: Die Action ist ein dominantes Element und dank der knalligen, stilvoll designten Effekte ist auch für allerhand Schauwerte gesorgt, die Kameramann Dion Beebe in stylischen Bilder und temporeichen Kamerafahrten einfängt. Die Schießereien dienen stets dazu, die Story voranzutreiben – und eben diese stützt sich auf einer erfrischend großen Dosis Humor. Obwohl einzelne Gewaltspitzen regelmäßig an die Fallhöhe des Films erinnern, bricht Edge of Tomorrow aus der Masse semi-düsterer Blockbuster aus, ohne gleich ins andere Extrem zu rutschen und all zu albern daherzukommen. Cages Gabe erlaubt allerlei makabere Gags, zudem sind die Interaktionen zwischen dem unfreiwillig rekrutierten Major und seinen Militärkollegen sehr pointiert geschrieben. Wie zuletzt in Mission: Impossible – Phantom Protokoll zeigt sich Tom Cruise von seiner besten Seite und stellt freudig sein großes komödiantisches Talent unter Beweis, trotzdem skizziert er Cage als einen plausiblen Charakter, der zwischen den Schrecken und Vorzügen seiner Lage hin- und hergerissen ist. Außerdem stimmt seine Leinwandchemie mit Emily Blunt – die beiden Stars legen nur ein sanftes Knistern in ihr gemeinsames Spiel, so dass die eigentliche Story nicht zu verkitscht wird und dennoch eine zwischenmenschliche Komponente Einzug erhält.

Zusammengehalten wird all dies von der intuitiven Struktur des Drehbuchs: Sehr lang schröpft Edge of Tomorrow den Spaßfaktor des Konzepts aus und lebt phasenweise von Wiederholungen sowie von Variationen bekannter Abläufe. Sobald jedoch die Gefahr droht, dass Abwandlungen des ewig gleichen Szenarios (etwa der Alienattacke an der Küste Frankreichs) letztlich doch noch ermüden, schlägt der Film Haken und ändert nicht nur den Handlungsverlauf, sondern auch seine Gangart. Die Grundzutaten Humor, coole Action und Spannung bleiben bestehen, aber das Mischungsverhältnis ändert sich regelmäßig mit den neuen Taktiken des Duos Cage & Vrataski sowie den damit einhergehenden Schauplätzen. Dies hilft, diesen originellen Blockbuster lange im Gedächtnis zu verankern.

Die fast zwei Stunden Laufzeit vergehen daher wie im Fluge, bloß in den überaus raren Momenten, in denen Edge of Tomorrow haarscharf an einer Optimismus-Üerdosis vorbeischrammt, verliert dieser spaßige Sci-Fi-Actioner an Tempo. Und der Abspannsong ist tonal derbe unpassend. Dafür überzeugt das 3D und auch die Instrumentalmusik von Christophe Beck (Hangover-Trilogie) fügt sich makellos ins Gesamtbild.

Fazit: Packende Action, herrlicher Humor und eine spannend-originelle sowie schlüssige Spielweise eines zunächst ausgedient und simpel wirkenden Konzepts: Edge of Tomorrow ist flottes, ideenreiches Blockbusterkino mit tollen Bildern und zwei vergnüglichen Stars in den Hauptrollen.

Edge of Tomorrow ist ab sofort auf DVD, Blu-ray und als 3D-Blu-ray erhältlich. Diese Kritik ist eine überarbeitete Fassung meiner zum Kinostart veröffentlichten Filmbesprechung bei Quotenmeter.de

Gore Verbinski kehrt ins Horror-Genre zurück


Fluch der Karibik- und Lone Ranger-Regisseur Gore Verbinski lässt die Welt des Abenteuerfilms vorerst ruhen und widmet sich dagegen wieder dem Thriller- und Horrorgenre. Wie Deadline Hollywood in Erfahrung brachte, hat Verbinski seine ersten drei Projekte gefunden, die er für seinen neuen Produktionspartner New Regency verwirklichen möchte. Einer dieser Filme ist ein Horrorstreifen, basierend auf einem Drehbuch des Zeiten des Aufruhrs- und Snitch-Autoren Justin Haythe. Der Film hört auf den Titel A Cure for Wellness, wird von Verbinski aber erst in Angriff genommen, sobald die Produktion zu seinem nächsten Film beendet ist:

Ein bislang namenloser Paranoia-Thriller mit Steve Carell in der Hauptrolle. Der Ring-Regisseur plant, die erste Klappe im März fallen zu lassen. Das Drehbuch stammt von Steve Conrad, bekannt für Das erstaunliche Leben des Walter Mitty und Verbinskis Nicolas-Cage-Vehikel The Weather Man. Als seine dritte Regiearbeit für New Regency kündigte Verbinski eine Actionkomödie an, die den Arbeitstitel Passengers trägt und deren Drehbuch ebenfalls von Conrad stammt.

Die Comicadaption Pyongyang scheint demnach den selben Weg gegangen zu sein, wie viele weitere von Verbinski angekündigte Projekte: Sie wurde durch neue Ideen ersetzt. So lief es schon mit Verbinskis futuristischer Dschungelbuch-Nacherzählung, seiner Cluedo-Verfilmung und seinem Rachedrama ...

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Gefährten


Wer mit dem Gedanken spielt, sich Steven Spielbergs Kinderbuchadaption Gefährten anzusehen, ist gut beraten, sich selbst eine bestimmte Frage zu stellen. Nicht, ob man an Pferdefilmen interessiert ist. Denn Gefährten» weist weitaus mehr Reize auf, als den schlichten „Oh wie süß, ein Pferd“-Faktor. Man muss sich auch nicht mit großer Dringlichkeit dessen bewusst werden, dass Spielberg seine Handlung während des Ersten Weltkriegs ansiedelt. Auch wenn die Schrecken des Krieges thematisiert werden und mehrfach die Frage aufkommt, inwiefern im Krieg die Menschlichkeit überdauern kann, so zeichnet Spielberg das Kriegsgeschehen weitaus weniger drastisch, als noch in Der Soldat James Ryan.

Die Frage, die sich jeder potentielle Zuschauer stellen sollte, lautet viel eher: „Empfinde ich pompöses Gefühlskino als märchenhaft-träumerisch oder als enervierend kitschig?“ Denn Gefährten ist nicht Kitsch per se, selbst wenn diese Geschichte es unter der Leitung eines weniger fähigen Regisseurs zweifelsohne hätte werden können. Spielberg erlaubt es den meisten seiner menschlichen Figuren, über ihren stereotypen ersten Eindruck hinauszuwachsen. Der säuferische Vater, der einfühlsame Soldat, der kauzige Großvater – allesamt sind zwar Archetypen solcher, doch sie erhalten so viel dramatischen und in sich gebrochenen Unterbau, dass sie einem als Figuren ans Herz wachsen können. Sofern man sich trotz ihrer stereotypen Außenschicht auf sie einlässt. Und daran kann Gefährten scheitern. Wer diesen Film nicht aufgeschlossen verfolgt, wird an seiner kitschigen Oberfläche hängen bleiben und ihn als unausstehlichen Schmachtfetzen abkanzeln.

Auch die Handlung als solche bewegt sich auf diesem schmalen Grat: Der englische Farmer Ted Naracott (Peter Mullan) ersteigert ein neues Fohlen, in dem sein Sohn Albert (Jeremy Irvine) die herbeigesehnte Rettung für den väterlichen Hof zu erkennen glaubt. Ihr Pächter Lyons (David Thewlis) sitzt ihnen seit einiger Zeit gehörig im Nacken, und dass der trinklustige Ted für das junge Pferd sein Budget kräftig überzogen hat, steuert die Familie noch näher an den Rand einer Krise. Denn das auf den Namen Joey getaufte Tier ist zu jung und zierlich, um die anfallenden Arbeiten erledigen zu können. Gegen den väterlichen Willen und den Ratschlägen seiner Mutter Rose (Emily Watson), trainiert Albert seinen tierischen Freund und lehrt ihm, das steinige Feld des Familienhofes zu pflügen. Unterbrochen wird dieser an Familienfernsehfilme erinnernde Plot von launischen, kurzen Comedyeinlagen mit einer frechen Gans. Währenddessen sind es die realistisch-dramatischen Einblicke in die diffizile Lage bäuerlicher Familien in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, die den ausführlichen Prolog von Spielbergs Gefährten nach und nach aus seiner Kinderbuchmentalität ausbrechen lassen.

Richtig in Gang kommt die Kernhandlung des Films aber erst, sobald der Erste Weltkrieg eintritt und Vater Ted beschließt, Joey an die britische Armee zu verkaufen. Joeys neuer Besitzer, Captain Nicholls (Tom Hiddleston) zeigt allerdings Verständnis für Alberts Sorgen und verspricht, sich bestens um Joey zu kümmern. Nicholls will sogar Briefkorrespondenz mit Joeys geduldigem Trainer halten und ihn darüber informieren, was dem treuen Pferd widerfährt. Für Joey beginnt nun eine abenteuerliche Odyssee quer durch das sich im Krieg befindende Europa. Diese Eskapaden eines Kriegspferdes bilden die Schnur, auf der wie bei einer Perlenkette einzelne Vignetten aneinandergereiht werden, die mittels ihrer Kriegsthematik den historischen Scheideweg behandeln, an dem sich Europa nach Beginn des 20. Jahrhunderts befand.

So zeigt Spielberg im Laufe von Gefährten ohne sein Publikum mit der Nase darauf zu stoßen, die eilige Weiterentwicklung der Kriegsführung. Die erste Schlacht im Film wird noch mit einer berittenen Kavallerie bestritten, einige Filmminuten später sind die Pferde bloß noch zweitrangiges Kriegswerkzeug, dessen Verschliss hingenommen wird, so lange dadurch die wertvollen Panzer geschont werden. Gen Ende des Films sind Pferde an der Front letztlich zu einer kuriosen Rarität geworden, die unter den jüngeren Soldaten Neugier und Verwunderung hervorrufen. In weiteren, episodisch anmutenden Segmenten des Films zeigt Spielberg unter anderem auch, wie der Erste Weltkrieg die ländliche Bevölkerung in Mitleidenschaft zog. Das Kapitel, in dem Joey bei einem französischen Marmeladenhersteller (Niels Arestrup) und seiner Nichte (Celine Buckens) unterkommt, dürfte zu den Höhepunkten dieser Odyssee gehören.

Dies liegt unter anderem an dem leicht schrulligen Humor des jungen, französischen Landmädchens, der zu den originelleren Elementen von Gefährten gehört und im exakt richtigen Maße eingesetzt wird. Die Szenen auf dem kleinen Hof des Marmeladenmachers vereinen aber auch, besser als der Prolog auf der Farm der Naracotts, Spielbergs träumerisch-märchenhafte Grundstimmung mit den leiseren, dramatischeren Zwischentönen dieser Geschichte. Eingefangen wird dieses epische Kriegs-Melodram in prachtvollen Landschaftspanoramen, die Komponist John Williams mit (Oscar-nominierten) schwelgerischen Melodien begleitet.

Steven Spielbergs Haus- und Hof-Kameramann Janusz Kamiński weckt mit seinen ausschweifenden Totalen Erinnerungen an frühe Farb-Epen wie Vom Winde verweht, andere Bilder könnten glatt einem modernen Märchenbuch entsprungen sein. Selbst einem kahlen, von Schwefel und Nebel umhüllten und mit Stacheldraht überfrachtetem Schlachtfeld entlockt Kamiński bei aller Bedrohlichkeit eher eine unwirklich-malerische Facette. Es ist dieser künstlerische Gefühlsüberschwang, die Gefährten zu ganz großem Kino macht.

Da Spielberg allerdings, vergleichsweise ausdifferenzierter Charakterzeichnung und regelmäßigem Bruch der märchenhaften Grundnote zum Trotz, auf jegliche Subtilität pfeift, ist Gefährten nicht für jeden Filmliebhaber geeignet. Spielberg zielt auf die ganz großen Emotionen. Trauriges soll zu Tränen rühren, Fröhliches zu Freudentränen. Ihm liegt es mit Gefährten näher, beim Publikum Gänsehaut zu erzeugen, als einen vielschichtigen Kommentar zum Krieg abzugeben. Bei aller Gefühlsgewalt, die Spielberg dabei anwendet, kann es daher so manchen Zyniker davonjagen. Wer allerdings über die sehr zuckrige Oberfläche hinwegsehen kann, oder sie sogar genießt, erlebt Spielberg in hervorragender Form.


Denn Spielberg erarbeitet sich ambitioniert die Gefühlsregungen, die er beim Gefährten-Publikum auslösen möchte, vereint sympathische Charaktere und famose Technik mit einer simplen, doch effektiven Geschichte. Und macht seinen Pferde-Kriegsfilm so zu einem bewegten, wie auch bewegenden, Märchenbuch für ältere Kinogänger. Auch auf die Gefahr hin, sich einen Teil seines Publikums durch ein Zuviel an sämtlichen Zutaten zu vergraulen.

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Fassung meiner Kritik, die ich bei Quotenmeter.de zum Kinostart veröffentlicht habe.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag


Drei Jahre nach Die Welt ist nicht genug kehrte James Bond mit Pierce Brosnans viertem Einsatz auf die Leinwand zurück – und sah sich allerlei Herausforderungen ausgesetzt. Unter der Regie des Neuseeländers Lee Tamahori sollte Stirb an einem anderen Tag den Geheimagenten für das neue Jahrtausend bereit machen und zudem beweisen, das der Brite nicht zum alten Eisen gehört. Andere Agentenactioner wie xXx beanspruchten den Markt – und vor allem das junge Publikum – für sich, während der zunehmende Kult um die Austin Powers-Filme die 007-Tradition genüsslich durch den Kakao zog. Kurzum: Bond wurde in eine Ecke gedrängt und anlässlich des 40. Leinwandjubiläums sollte der 20. EON-Teil den dringend nötigen Verteidigungsschachzug darstellen.

Mit dem hohen Erfolgsdruck kamen die überhasteten Entscheidungen – und die Produzenten Michael G. Wilson & Barbara Broccoli zwängten Stirb an einem anderen Tag einen Tonfall auf, der zu gewollt, zu knallig und zu verzweifelt ausfiel. Hinzu kommen miese Performances einiger Nebendarsteller sowie die peinlichsten CG-Effekte der Bond-Geschichte und fertig ist eine Produktion, die eher einem unüberlegten Schrei nach Aufmerksamkeit gleicht denn einem spaßigen Popcorn-Agentenspektakel.

Schon die obligatorische Gunbarrel-Sequenz ist ein Vorbote dessen, was noch folgen wird: Pierce Brosnan feuert eine auffallend unechte CG-Kugel ab, während David Arnold einen gequälten Elektroremix der ikonischen Bond-Intro-Begleitmusik auf die Welt loslässt. So eine Szene verdirbt natürlich keinen ganzen Film, in diesem Fall allerdings sei diese Kleinigkeit notiert, denn nach einiger Zeit kippt Stirb an einem anderen Tag völlig um und besteht aus kaum mehr als ähnlich bemühten, halbherzigen Modernisierungsversuchen. Bevor es aber so weit ist, gibt es eine solide Openingsequenz zu sehen. Bond infiltriert eine nordkoreanische Militärbasis, um Colonel Tan-Sun Moon (Will Yun Lee), den Sohn des einflussreichen Generals Moon, bei einem seiner schmutzigen Geschäfte mit dem Terroristen Zao (Rick Yune) zu ertappen. 007 wird entdeckt und nach einer Verfolgungsjagd via Luftkissenboot (übersichtlich inszeniert, wenngleich mit einer amüsanten Vielzahl an Explosionen) in Gefangenschaft genommen, wo er 14 Monate Folter erdulden muss. Unterdessen gilt es für den Zuschauer, Madonnas abscheulichen Electroclash-Filmsong zu ertragen, während der Verlauf von Bonds Folterung durch die üblich-stilisierten Vorspanneinblendungen bereichert wird.

Bond wird schlussendlich vom MI6 befreit, indem er den im Ausland gefangen genommenen Zao gegen ihn austauscht. Lange währt die Wiedersehensfreude zwischen 007 und seinen Vorgesetzten aber nicht: Der britische Geheimdienst betäubt den Agenten und lässt ihn auf einem Kriegsschiff im Hafen von Hongkong eine Untersuchung durchleiden, die ersichtlich machen soll, ob Bond wertvolle Informationen ausgeplaudert hat. M, davon überzeugt, dass Bond sich fehlerhaft verhielt, entzieht ihm seine Lizenz zum Töten, woraufhin dieser nach Kuba flieht, um den Verräter aufzutreiben, der in Nordkorea seine Tarnung auffliegen ließ. In Havanna angekommen, trifft er die NSA-Agentin Jinx (Halle Berry), die sich an Fersen des mittlerweile wieder geflohenen Zao heftete, um ebenfalls einen Verräter ausfindig zu machen. Bond stellt auf der Karibikinsel außerdem verdächtige Diamanten sicher, die ihn zum prahlerischen Lebemann Gustav Graves (Toby Stephens) führen. Diesem stellt sich Bond in einem Londoner Fechtclub, wo er von Graves sofort attackiert wird. Nur die Olympionikin Miranda Frost (Rosamund Pike) wagt es, dem Duell Einhalt zu gebieten. Daraufhin lädt Graves seinen Widersacher nach Island in einen Eispalast ein, wo auch Frost zugegen ist, die sich mit der ebenfalls anwesenden Jinx ein kesses Duell der Worte liefert. Alsbald entdeckt Bond düstere Geheimnisse über einige der Eispalast-Besucher, zudem gilt es, eine allmächtige Satellitenwaffe abzuschalten und das Leck innerhalb MI6 zu schließen. All dies, während das Skript und die Inszenierung mehr und mehr an Bodenhaftung verlieren ...

Obwohl Stirb an einem anderen Tag 2002 dank einer starken Marketingkampagne zum bis dahin erfolgreichsten Bond-Film aller Zeiten aufstieg (ohne Berücksichtigung der Inflation), gilt die Produktion mittlerweile als unglücklicher Ausrutscher. Ganz im Alleingang beendete er Brosnans 007-Ära und gab den Anstoß für das Daniel-Craig-Reboot, um den miesen Nachgeschmack dieses Jubiläumsfilms hinfort zu spülen. Es spricht für das Produzenten-Doppel Wilson & Broccoli, dass sie nach dem 431,97 Millionen Dollar schweren Kracher auf das Kritiker- und Fan-Feedback hörten und einen neuen Weg einschlugen, statt die Stirb an einem anderen Tag-Formel zu wiederholen. Darüber hinaus ist es ungewöhnlich, dass Produzenten in die Bresche springen und einräumen, für einige der Entscheidungen verantwortlich zu sein, die die Presse dem Regisseur in die Schuhe geschoben hat. Aber selbst wenn Broccoli & Wilson durchsetzten, Stirb an einem anderen Tag mit erdrückend vielen (und oftmals aufgesetzten) 007-Injokes zu würzen und sie es waren, die für mehr Computereffekte und eine wildere, knalligere Atmosphäre die Partei ergriffen haben: Regisseur Lee Tamahori ist nicht gänzlich unschuldig daran, dass Bonds 40. Kinogeburtstag eine Katastrophe wurde.

Tamahori, der nach Stirb an einem anderen Tag unter anderem den zweiten xXx-Film und Next inszenierte, bringt in diesen 142 Millionen Dollar teuren Film einen uninspirierten, austauschbaren Stil mit, der nach 00er-B-Movie riecht. Die Actionszenen sind zwar poliert, aber ohne jegliche Dramaturgie. Nie ist klar, wie gut oder schlecht es um Bond bestellt steht und die Videoclip-Ästhetik mit den schrillen CG-Effekten ist zwar künstlich, aber nicht so sehr stilisiert, dass sie beeindruckende "Style over Substance"-Sphären erreicht. Die wenigen handgemachten Actionszenen fallen daher umso stärker auf, und während das Luftkissenrennen im Prolog ganz passabel ausfällt, ist Bonds Fechtkampf mit Graves einfach lächerlich. Toby Stephens schneidet all zu dick aufgetragene Grimassen und die Stuntchoreographie wäre selbst für Roger Moores Bond zu irrsinnig, zu ungezügelt. Der entscheidende Unterschied ist aber zudem, dass die überdrehten Actionszenen in den guten Moore-Filmen ihren Platz hatten: Bond Nr. 3 spielte seine Figur als stets amüsierten Gentleman-Agenten, der seinen Job liebt, und wenn der Film um ihn herum arg um Modernität bemüht war (siehe Im Angesicht des Todes) ergibt sich so eine kurzweilige Diskrepanz. Brosnan dagegen ist der coole, charmante Brite mit moderner Ausstrahlung. Wenn er dann als Relikt in Szene gesetzt wird und die Fechtsequenz abläuft wie eine Chaosszene aus einem Michael-Bay-Abklatschprojekt, wirkt das alles nur noch befremdlich.

Von besagter Fechtszene an dreht Stirb an einem anderen Tag von Minute zu Minute immer mehr ab, was dazu führt, dass der aus Diamantenfieber und der Moonraker-Buchvorlage zusammengeklöppelte Plot unübersichtliche Ausmaße annimmt, ohne aber so sehr in den Hintergrund zu treten, dass sich ein CG-Actionachterbahnritt entwickeln kann. Dass obendrein die großen Plottwists über die Identitäten der Schurken extrem vorhersehbar sind, aber als Mordsüberraschung verkauft werden, erschwert das Sehvergnügen umso mehr. Und dies ist dank Halle Berry eh schon extrem überschaubar: Die Aktrice unterbietet selbst die viel belächelte Denise Richards und liest ihre Zeilen so, als stammten sie aus einem abgelehnten Austin Powers-Drehbuch.

Der große Hoffnungsschimmer in diesem 007-Trauerspiel ist die damals noch zarte 23 Lenze zählende Rosamund Pike, die in ihrem Leinwanddebüt nicht nur schlicht traumhaft aussieht (und somit schonmal die oberflächliche Komponente der Bondgirl-Stellenausschreibung erfüllt), sondern zudem so gut aufspielt, wie es ihr in dieser Rolle möglich ist. Schneidender Sarkasmus und eiskalte Blicke machen sie zu einer denkwürdigen Nebenfigur, die zu meinen Favoriten im 007-Universum zählt. Auch John Cleese macht seine Arbeit als neuer Q recht gut: Zwar sind die von ihm präsentierten "Virtuelle Realität"-Gadgets unnütz, was Ausstrahlung und Wortwitz angeht, ist er aber ein würdiger Nachfolger von Desmond Llewelyn.

Angesichts des wirren Plots, der uninteressanten Actionszenen, einer miesen Halle Berry (die zudem die wohl unsinnlichste Bond-Sexszene aller Zeiten mitverantwortet) und unharmonisch mit Elektronik versetzter Musik sowie vielen, vielen schlechten Wortwitzen sind Rosamund Pike und John Cleese aber nicht genug, um Pierce Brosnan dabei zu helfen, den Streifen zu retten. Brosnan fühlt sich zwar sichtbar wohl in seiner 007-Haut, das Drehbuch tut seiner Figur aber zu oft zu großes Unrecht, als dass er eine runde Performance abgeben könne.

Obschon ich Brosnans Interpretation von James Bond sehr mag, hatte der Ire mit einer wankelmütigen Qualität an Skripts zu kämpfen. Stirb an einem anderen Tag schoss mit einer unter dem 007-Niveau liegenden Inszenierung dann den Vogel ab. Kein Wunder, dass Bond danach eine Frischzellenkur verordnet bekam. Es tut mir dennoch etwas leid für Brosnan, der perfekt in den Smoking passte.

Justin Genrelake

Heute ist der Weltmusiktag. Und wie könnte man ihn besser feiern als mit einem spaßigen Marsch quer durch 13 Genres in weniger als einer Minute und 25 Sekunden?

Viel Spaß!