Dienstag, 23. Mai 2017

Bias of the Caribbean: The Curse of Disney's Happiness


2016 war ein äußerst seltsames Jahr in der Historie des digitalen Filmdiskurs. Die Diskrepanz zwischen den von Rottentomatoes gelisteten Kritikern und den emsigsten Zirkeln an Social-Media-Filmdiskutanten lag häufig weit auseinander und selten häuften sich derart Filme, wo der Kritikerkonsens dermaßen harsch in Kommentarsektionen zerlegt wurde. Es wurde fast schon zum Online-Running-Gag, und die Reaktionen der DC-Fans, die Warners jüngsten Schub an Verfilmungen mochten, auf die weitestgehend negativen Kritiken sorgten mehrfach für Schlagzeilen. Von der ganzen Ghostbusters-Chose will ich gar nicht erst anfangen ...

2016 wurde auch die (von manchen Leuten tatsächlich ernst gemeinte) Verschwörungstheorie populär, Filmkritiker würden in ihren Urteilen gelenkt. Vor allem Disney würde mit seinen tiefen Taschen dafür sorgen, Kritiker dahin zu schmieren, alles von Marvel toll und ausgewählte Filme der Konkurrenz (vor allem Warner/DC) doof zu finden. Ähnliche "Alles nur eine abgekartete Sache"-Theorien erfreuten sich ebenfalls einer gewissen Beliebtheit.

Keine haltlosen Vorwürfe, lieber Dynamiken nachvollziehen
Enttäuschung durch an den Haaren herbeigezogene Verschwörungstheorien zu kompensieren ist, gelinde gesagt, arm. Und haltlos. Und es hilft niemandem. Es erschwert eher noch das Führen eines Filmdiskurses. Es gibt kein Schmiergeld und es sich einzureden, raubt nur die Möglichkeit, seine Filmpassion weiter auch durch das Genießen spannender Kritiken und Analysen zu verschönern (die man im riesigen Meer des Angebots ja einfach nur finden muss).

Nun nehme ich meine Branche aber nicht einfach auch aus egoistischen Gründen in Schutz. Schließlich widerspreche ich auch oft genug dem Kritikerkonsens. Es ist allen geholfen, von diesem sonderbaren Gedanken wegzukommen, ein hoher Rottentomatoes-Wert ist ein Status, den sich ein Film erarbeiten muss. Und wir müssen davon wegkommen, Kritiken so verbissen hinzunehmen. Natürlich gibt es Fälle, denen anzumerken ist, dass sich da jemand beim Schreiben sehr wichtig genommen hat und versucht, der Leserschaft etwas vorzuschreiben. Meist ist dem aber nicht so. Kritiken sind Einschätzungen, Orientierungshilfen, Diskussionsmotoren. Und als solche auch nicht zwingend in Stein gemeißelt - alteingesessene Publikationen blicken daher auch gerne Mal zurück, wenn ein Kultklassiker anno dazumal von ihnen verrissen oder ein legendärer Flop gefeiert wurde.

Vor allem sind auch Mitglieder des Kritikerzirkels nur Menschen, keine Filmkunstanalyseroboter. Und als solche können wir auch mal von Eigendynamiken oder Kontexten mitgerissen werden. Was auch völlig okay ist. Schließlich schreiben wir ja primär auch für andere Menschen, nicht für irgendwelche Rottentomatoes-Algorithmen - und somit sind die Adressaten von Kritiken ebenfalls Teile von Dynamiken und Kontexten - vor allem aber auch im Idealfall mündig und des selbstständigen Denkens fähig. So dass sie eine negative Kritik auch mal mit einem "Wow, find ich geil!"-Gedanken niederlegen können.

Der Kontext verändert nicht zwingend die Noten, aber sicher die Akustik
Wenn also etwa in unserer modernen Welle an aufwändigen, ambitionierten Superheldenfilmen ein Werk daherkommt, dass eher durchschnittlich ist, dann mag es zwischen den ganzen Genrekollegen enttäuschend sein. Selbst wenn sich das Kinopublikum 1985 noch nach solch einem Film alle Finger geschleckt hätte. Und so passioniert La La Land sein mag, so clever im Einfädeln seiner Referenzen in seine eigene Story, so mitreißend die Songs: Als praktisch ironiefreies Musical, das nicht im Videoclipstil daherkommt und genauso wenig ein Märchen erzählt, ist der Film heute einfach viel erfrischender und andersartiger als es 1950 der Fall gewesen wäre.

Eine ausführliche Kritik kann den Kontext dafür liefern. Und selbst wenn sie es nicht explizit klar macht, so lässt sie vielleicht den Interessenten beim Lesen genug Raum für Selbstrelexion, um zu erkennen: "Ja, Mittelmäßigman ist wirklich nicht schlecht. Er sieht nur im Vergleich zu den restlichen Superheldenfilmen des Jahres eher mies aus." Rottentomatoes hingegen ... kriegt das nicht gebacken und generiert aus den gesammelten Kritiken eine Zahl. Punkt, Ende, Aus.

Verwirrende Meinungsscheren und variierende Erwartungen
Das Abschneiden von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache sorgte dieser Tage bei nicht wenigen Filmliebhabern für Verwirrung: Sowohl nach der Preview auf der Branchenexpo als auch nach dem Ende des Social-Media-Embargos war der Konsens sehr positiv. Von einem nötigen frischen Wind war die Rede, der plötzlichen Lust nach weiteren Filmen und einem rundum feinen Abenteuer. Und nun: Mickrige 34 Prozent bei Rottentomatoes. Wie kommt sowas nur zustande? Sind die Kritiker denn alle verrückt geworden?

Nein, das nicht. Rottentomatoes führt nicht über jede einzelne Kritik Buch, die im englischsprachigen Web veröffentlicht wird. Entertainment-Reporter, wie die diversen Leute von Collider, Slashfilm und Co., die zum positiven ersten Reaktionsschub beigetragen haben, werden von Rottentomatoes ignoriert. Und sind eher Teil der Zielgruppe, die solch ein Fantasy-Abenteuer-Komödien-Spektakel loben werden als die etwas diversere Gruppe, die Rottentomatoes berücksichtigt. Hinzu kommt, dass manche einschlägige Portale unterschiedliche Redakteure zur Cinema Con schickten und die Kritik verfassen ließen (auch wenn das Optimismusgefälle schon extrem ist).

Und dann zählt Rottentomatoes halt einfach anders. Weil es unbenotete Kritiken eine Wertung draufpackt. Ich habe mir nach der Pressevorführung im Zug nach Hause in meine Notizen unter anderem geschrieben, dass Salazars Rache allem Humor zum Trotz für Disney-Maßstäbe ein sehr sadistischer, fieser, gemeiner, dreckiger Film ist. Ich finde sowas klasse. Wäre ich rottentomatoesrelevant, könnte das Portal dem Kontext meiner Kritik vielleicht entnehmen, dass die Review bitte als "fresh" zu werten ist, aber bei vielen anderen Kritikern könnte das eher negativ klingen - was dem Pirates of the Caribbean-Zielpublikum schnuppe sein dürfte. Aber es kostet de Film ein paar Prozentpunkte.

Was mich zu einer Feststellung führt: Die (für Rottentomatoes nennenswerten) US-Kritiker scheinen ein ordentliches Problem damit zu haben, wenn ein Film unter der Disney-Flagge segelt, aber gar nicht die muntere, fröhlich-bunte Weltflucht liefert, die sonst mit diesem Namen verbunden wird. Wie viele Kritiken zu Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen beinhalteten Variationen von "zu düster", "zu ernst" oder "nicht lustig genug". Dinge, die Gareth Edwards Godzilla, einem Herr der Ringe oder einem Daniel-Craig-Bond von der schreibenden Zunft nicht so leichtsinnig vorgeworfen werden. Oh, aber ein Disney-Seefahrer-Fantasyepos, das hat bitte fluffig, bunt und nett zu sein.

Aber nehmen wir nicht mein Geschwafel für bare Münze. Und schauen auf die Zahlen, die ja als so wichtig erachtet werden.  Nimmt man sich die wenigen Disney-Filme (also astrein, klassisches Disney, nicht Marvel, Star Wars und Co.) mit einem PG-13-Rating, also einer höheren US-Jugendfreigabe als sonst vom Studio gewohnt, zeigt sich ein klares Bild.

Fresh (PG-13):
Fluch der Karibik (2003): 79%
Saving Mr. Banks (2013): 78%
The Finest Hours (2016): 63%

Rotten (PG-13):
Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 (2006): 54%
John Carter (2012): 51%
Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (2007): 45%
Prince of Persia - Der Sand der Zeit (2010): 36%
Pirates of the Caribbean - Salazars Rache (2017): 34%
Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten (2011): 32%
Lone Ranger (2013): 31%

Nun werden manche sagen: "Disney macht halt einfach oft miese Filme". Andere werden den einen oder anderen dieser Filme in Schutz nehmen. Und einen Kausalzusammenhang kann ich hiermit nicht belegen, das ist mir klar. Ebenso ist mir bewusst, dass Korrelationen nicht zwangsweise etwas belegen. Interessant finde ich es dennoch: Fluch der Karibik, der für Disney in Sachen "mutigerem" Entertainment als Eisbrecher fungierte (und ironischerweise nicht mit dem Disney-Logo beginnt, sondern es am Ende versteckt) ist "fresh". Saving Mr. Banks, der von der Entstehung eines Disney-Films handelt, steht ebenfalls sehr positiv dar. Und The Finest Hours ... verwirrt mich. Tun wir ihn als Ausnahme ab. Der Rest, alle Piratenepen, die ja laut manchen Kollegen doch bitte einfach nur Komödien sein sollten, Gore Verbinskis zuweilen sehr garstiger Westernritt, die Pirates-Wüstenantwort Prince of Persia und John Carter, der seinen Helden in einer Szene unter einem Berg von Leichen vergräbt ... sie alle sind also schlecht. Schon ein hübscher Zufall.

Vielleicht ist da tatsächlich diese Eigendynamik, die zum Zuge kommt. Die alteingesessenen US-Kritiker rechnen damit, dass Disney ihnen leichten Familienspaß liefert. Dann bekommen sie etwas ganz anderes serviert, und sie reagieren entsprechend darauf. In einer Langkritik kann sich aus diesem Clash zwischen Wunsch und Filmprodukt was spannendes ergeben - oder auch ein Beispiel für voreingenommene Perspektiven, die einem Film die Chance nehmen, gerecht besprochen zu werden. Kommt immer drauf an. Rottentomatoes differenziert da nicht. Und da können noch so viele Social-Media-Vorabkritiken von jüngeren Kritikern, die das "härtere" Disney nicht so verwunderlich finden, Salazars Rache loben. Deswegen muss man aber nicht gleich Sturm laufen und das Gekeile von 2016 im Namen der Piraten fortführen oder seinen Glauben an die Filmkritik aufgeben.

Vielleicht hat aber auch einfach Warner Bros. dieses Mal den größeren Betrag Schmiergeld gezahlt. Das wäre natürlich unerhört ...

Ich verzichte mal darauf, die Ironie zu kennzeichnen. Ich vertraue euch!

Montag, 22. Mai 2017

"Pirates of the Caribbean – Salazars Rache": Ein Film, so viele Meinungen ...


Es ist endlich wieder so weit: Nach Jahren des Wartens öffnet sich das nächste Kapitel der Pirates of the Caribbean-Saga. Die Pressevorführung des fünften Teils dieser Disney/Bruckheimer-Reihe war für mich eine ziemlich aufreibende Angelegenheit, immerhin geht es mit meinem Lieblings-Filmfranchise weiter. Und vielleicht kennt ihr dieses Gefühl von euren jeweiligen Topfavoriten: Der neue Eintrag in die Reihe fühlt sich im ersten Moment immer etwas fremd an, ganz gleich, wie gut man ihn im ersten Moment einschätzt. Schließlich lebte man zuvor einige Zeit in einer Welt, in der die vorhergegangenen Filme eine in Zement gemeißelte Einheit bildeten. Und jetzt ist da plötzlich ein neuer Film mit dabei ... Und im Falle von Pirates of the Caribbean – Salazars Rache kommt noch hinzu: Ich habe den Film ja nicht einfach für mich allein geguckt, sondern im Auftrage meines Filmkritikerjobs. Ja, ja, ich kann wirklich nicht klagen, schließlich konnte ich die Produktion daher noch vor dem Kinostart sehen. Dennoch fügt dies eine weitere Dimension der Distanzierung zum Geschehen hinzu.

Und so kommt es, dass in meinem Kopf eine Vielzahl an Beobachtungen, Perspektiven und Meinungen herumschwirrt, die ich zu diesem Piratenabenteuer festhalten kann. Aber wozu hat man seine eigene Seite, wenn man sie nicht für solch eine unkonventionelle Rezension nutzt?

Die Feststellung, die ich an die Gegner der Reihe richten möchte: Zunächst einmal ... Leute, was stimmt mit euch nicht? Wie könnt ihr nur Pirates of the Caribbean nicht mögen? Aber, gut ... So sehr ich dem neuen Film ein stattliches Einspielergebnis gönne: Ihr wärt bei Salazars Rache im Kinosaal fehl am Platz. Man muss die anderen Filme nicht gesehen haben, um der Handlung zu folgen (es sei denn man ist von der Art "Ich weiß, dass es vorher Filme gab, also stelle ich bei jeder Kleinigkeit übergenaue Fragen, um zu erfahren, was ich vielleicht versäumt habe!"), allerdings stützt Drehbuchautor Jeff Nathanson, obwohl er neu zur Reihe hinzugestoßen ist, ein Gros des emotionalen Rückgrats darauf, dass wir die Figuren bereits kennen und lieben gelernt haben. Und obwohl Salazars Rache seine eigene Grundstimmung hat (so wie auch alle Teile zuvor), so setzt er sich ganz klar aus den typischen Pirates of the Caribbean-Zutaten zusammen (wie halt die anderen vier Filme). Wer also bislang nicht einen einzigen Film dieser Saga mochte, wird auch hier auf Elemente stoßen, die bisher für Abneigung sorgten. Ich mein, klar, es gibt immer Leute, die als lebende Ausnahme die Regel bestätigen, trotzdem würde ich dazu tendieren: Gebt lieber erstmal den bisherigen Teilen noch eine Chance, als vertrauensselig in den fünften zu gehen.

Die geerdete (Landgang-)Meinung: Visuell pompöses Piratenabenteuer mit einigen erstaunlichen Specialeffects und superaufwändigem Produktionsdesign sowie starken Kostümen. Mit Disney-Grenzen testendem, ultraräudigem Dialogwitz und sehr sympathischen Neuzugängen zum bisherigen Pirates-Cast. Die Musikuntermalung ist schmissig, schön und eingängig, wenngleich de neuen Motive eher rar gesät sind. Depp ist im ersten Drittel in ein paar Szenen "off", wird aber nach und nach zum guten, alten Käpt'n Jack. Der Action fehlt Gore Verbinskis Wahnsinn, jedoch ist sie trefflich geschnitten und abwechslungsreich. Das Storytelling ist ungewohnt schlicht für die Reihe, dafür mit emotionalem Rückgrat: Lauter, schräger, düsterer als Teil 1, schneller als der vierte Teil, bescheidener und stringenter als zwei und drei. Wer wenigstens irgendeinen der bisherigen Pirates of the Caribbean-Filme mochte, sollte erneut ins Kino, denn auch wenn Salazars Rache wohl bei wenigen zum Favoriten werden dürfte, so hat er das Zeug dazu, sich in vielen Herzen als guter Rang zwei oder drei innerhalb der Saga zu platzieren.

Die Fan-Perspektive: Eine sadistische, passionierte Verneigung vor der Reihe. Der Filmkanon wird von Nathanson sowie den Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg mehrfach in Frage gestellt, woraufhin sie mit etwas Abstand zurück rudern, mit einem fiesen Grinsen im Gesicht: "Nein, wir haben eben kein Loch in Figurenentwicklung und Kontinuität geschossen. Reingefallen!". Das erweiterte Universum … äh … wird anerkannt, aber es wird Diskussionen geben, die es über (mögliche) Ungenauigkeiten zu führen gilt. Der Film hat dafür mehrere dicke, saftige Fanservice-Momente. Wenn es der letzte Teil sein sollte, ist’s ein sehr würdevolles Ende.

Ich, ganz privat, als jemand, der dieses Franchise ganz, ganz nah am Herzen trägt: So bin ich noch nie in einer Pressevorführung durch Himmel und Hölle gegangen. Was für ein Glück, dass ich relativ abgeschottet saß und mich daher niemand hat sehen oder hören können. Gigantische Momente der Freude wechselten sich mit intensivster Besorgnis ab. Mehrmals täuschte der Film an, eher ein "Ok, das ist was für Gelegenheitsfans und Popcornkinogänger, aber das, was ich suche, ignoriert er"-Projekt zu sein, nur um mich dann vollauf zu entschädigen. An mehreren Stellen war ich kurz vor der Resignation, nur um mich dann mit aller Macht zurückzuhalten und nicht laut klatschend, aus dem Sessel hüpfend meine Freude zu proklamieren: "Ja! Ja! Danke, wie genial!" Aber, nur um es noch einmal ganz sicher festzuhalten: Es wird (kaum) wem so ergehen wie mir! Aber ich, mit meiner intensiven, emotionalen Bindung zu der Reihe, ihren Themen, Figuren und Musikstücken war nach diesem ersten Salazars Rache-Seherlebnis außer Atem und brauchte etwas, um wieder runterzukommen. Und, wow, was freue ich mich auf die entspannte(re) Zweitsichtung, wenn ich mich zurücklehnen und in den Saal horchen kann, ob irgendwo ein Menschlein sitzt und so hörbar mitleidet und mitjubelt wie ich beim ersten Mal. Ich, als wer, der die irrsinnige, aberwitzige, überambitionierte Seite der Reihe mag, werde ihn auf Dauer trotz dieser unfassbar intensiven Erfahrung beim ersten Gucken nicht so feiern wie meinen Lieblingsteil. Aber, hey, meinen liebsten Pirates of the Caribbean mögt ihr da draußen im Durchschnitt nicht so sehr wie ich, da ist das nur ausgleichende Gerechtigkeit. Nur das Kopfzerbrechen, wie ich den Piratenspaß gern fortführen würde, das wird mich in den nächsten Tagen und Wochen beschäftigen.

Ab den Abendstunden am 24. Mai könnt ihr euch ebenfalls auf Pirates of the Caribbean – Salazars Rache einlassen. Ich würde empfehlen, eher auf 3D zu verzichten, es sei denn, ihr seid 3D-Fans, habt ein gutes 3D-Kino in eurer Nähe oder seid innige Fans und die 2D-Optionen sagen euch zeitlich nicht so sehr zu. So oder so: Habt Spaß. Und: Trinkt aus, Piraten, Yo-Ho!

Freitag, 19. Mai 2017

Freitag der Karibik #43


Disney und seine internationalen Titel. Jahrzehntelang lief alles (nahezu) makellos. Und mittlerweile kommt kaum ein Film des Disney-Konzenrs raus, ohne in einigen wichtigen Märkten (darunter verflixt oft: Deutschland) aus "lizenzrechtlichen Gründen" umbenannt zu werden. Jüngstes Opfer: Der hammerschwingende Avenger Thor, dessen zweiter Film von Thor - The Dark World zu Thor - The Dark Kingdom mutierte. Nun wird aus Thor: Ragnarök in Deutschland tatsächlich Thor: Tag der Entscheidung. Schwach, Disney. Sehr schwach.

Unumstrittener König des Titelchaos ist in Deutschland aber (auch ohne Lizenztrubel) die Pirates of the Caribbean-Saga, die hierzulande bekanntlich aus Fluch der Karibik, Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2, Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt, Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten und Pirates of the Caribbean - Salazars Rache besteht.

Beinahe wäre alles anders gelaufen. Die ersten Verleihmaterialien sprachen vom zweiten Teil als Schatz der Karibik - eine Entscheidung, die wohl noch fiel, als der deutschen Dependence Disneys keine inhaltlichen Details zugespielt wurden.

Der Gedanke, das letzte Wort einer Filmreihe als wiedererkennendes Merkmal zu nutzen, ist riskant - ich tu mich schwer, mich in eine Welt zu denken, in der die PotC-Reihe hierzulande als "die Karibik-Saga" bekannt wird. Aber spielen wir das Gedankenspiel aus Trotz einfach mal durch - und helfen Disney Deutschland anno 2005 mit dem Wissen von heute, Schatz der Karibik akkurater zu betiteln.

Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl // Fluch der Karibik
Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest // Teufel der Karibik
Pirates of the Caribbean: At World's End // Schlacht der Karibik
Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides // Gezeiten der Karibik
Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales // Rache der Karibik

Das wären meine Vorschläge. Und wie würdet ihr Disney in einer Welt aushelfen, in der man sich in den "... der Karibik"-Gedanken verbissen hat?

Freitag, 12. Mai 2017

Freitag der Karibik #42


Das Pirates of the Caribbean-Franchise hat ein Problem. Ein Luxusproblem, das zahlreichen anderen Franchises dieser Größtenordnung fremd sind: Seine öffentliche Wahrnehmung dreht sich um eine einzelne Performance - Johnny Depps Darstellung des verwegenen, chaotischen Piratenkapitäns Jack Sparrow. Star Wars hat sich längst zu einem ganzen Kosmos an vielen, unterschiedlichen Aspekten gewandelt, die auch Gelegenheitszuschauer als Grund herausstellen, sich in diese Filmwelt zu begeben. Das Marvel Cinematic Universe hat eine Heerschar an Figuren zu bieten, die sich beim Stammpublikum um den Ehrentitel "Publikumsfavorit" prügeln. Die James-Bond-Filme genießen ihren Sonderstatus, dass bei ihr eine Umbesetzung des Protagonisten nicht nur geduldet, sondern praktisch erwartet wird. Die Transformers-Reihe dreht sich mehr um ihre Special Effects und Michael Bays Krachbumminszenierung als um irgendwelche Figuren- und Besetzungsfragen. Und bei Fast & Furious gibt es ebenso wenig die eine, zentrale Rolle, um die sich alles drehen muss.

Für das Fortbestehen der Pirates of the Caribbean-Saga drängt sich somit eine Frage auf: Sollte Disney sie eines Tages zusammen mit Käpt'n Jack Sparrow in den Ruhestand schicken? Oder kann sie aus dem langen Schatten von Johnny Depps Paraderolle herauswachsen? Respektive: Sollte Disneys dies zumindest versuchen?

How Do You Solve a Problem Like Johnny?
Oder alternativ: Braucht es überhaupt eine Lösung? Im Frühjahr 2016 sah es durchaus so aus. Johnny Depp war aus den Negativschlagzeilen nicht mehr rauszukriegen und Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln legte eine wirtschaftliche Bruchlandung hin. Aber dies scheint nunmehr passé zu sein. Ja, als Depp im kalifornischen Disneyland als Jack Sparrow Gäste überraschte, ließen es sich diverse Reporter nicht entgehen, anzumerken, dass dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, den Depps Image nunmehr darstellt. Eine deutlichere Antwort, ob die im Raum stehenden Vorwürfe gegenüber Depp sich auch mit piratigem Rum-Salzwasser-Gemisch nicht fortwaschen lassen, werden die Einspielergebnisse und Publikumsreaktionen geben. Bislang sieht es aber so aus, als würden Zuschauerinnen und Zuschauer, unabhängig von ihrer Meinung zu Depp, wenigstens Jack Sparrow verzeihen: Das US-Tracking spricht aktuell von einem 90-Millionen-Dollar-Startwochenende. Das wäre über Teil eins, weit unter Teil zwei und drei sowie auf Augenhöhe mit Teil vier.

Iger hatte dies schon vor einem Jahr vorhergesagt: Er mache sich wegen Pirates of the Caribbean keine Sorgen, erklärte er in einem Interview. Denn der Star des Films sei Käpt'n Jack, nicht Johnny Depp. Und die Hollywood-Erfahrung lehrt, dass weit mehr Menschen zwischen Kunst und Künstler trennen, als es Onlinedebatten mutmaßen ließen. Michelle Rodriguez wurde vor bald zehn Jahren dasselbe vorgeworfen wie Depp. Und seither spielte sie im erfolgreichsten Film aller Zeiten und zwei Milliarden-Dollar-Hits mit. Und anders als im Falle Depp gibt es deshalb keine "Hot Take"-Artikel zu lesen.

Zugegeben: Rodriguez ist sowohl in Avatar als auch den Fast & Furious-Filmen ein kleines Rädchen, während Depp die Aufmerksamkeit in den Pirates-Filmen auf sich zieht. Zudem ist Depp ein ganz anderes Star-Kaliber, so dass kritische Artikel eine andere Klickstärke haben als bei Rodriguez. Und als Disney-Filme werden den Pirates-Produktionen ungleich höhere moralische Standards angedichtet als James Camerons Bombastwerk und den Universal-Actionern. Dennoch: Disney scheint bei Salazars Rache noch nicht in Zugzwang zu sein. Was aber nicht bedeutet, dass Disney sich ausruhen sollte.

Erstens: Depp wird nicht jünger, die Pirates-Filme aber nicht ruhiger. Irgendwann wird er zu alt oder steif für die Rolle sein. Zweitens: Die Negativberichte über Depp werden zwar leiser, nicht aber weniger. Und "Trennung zwischen Schauspieler und Rolle" hin oder her, ein Multi-Milliarden-Franchise daran hängen zu lassen, dass die Masse dieser Person zumindest in einer Rolle wohlgesonnen bleibt, ist ... riskant. Wirtschaftlich. Und auch künstlerisch. Ich als Fan würde keinen siebten Teil mit offenem Ende haben wollen, nur um dann im Kalten stehen gelassen zu werden, weil der Film floppt und daher keine Fortsetzung folgt. Kurzum: "Mit Depp als Hauptverkaufsargument lustig weiter machen, bis es nicht mehr gelingt" ist keine Option. Über kurz oder lang muss die Sparrow-Saga ein rundes Ende finden. Für Disneys wirtschaftliches Wohl, ja. Vor allem aber, weil es diese großartige Figur verdient hat, nicht verheizt zu werden.

Der Symmetrie zu Liebe wäre ein sechster Teil nett. Zwei Trilogien, in denen Jack Sparrow zwar nicht der klassische Protagonist ist, wohl aber die Hauptfigur. Nur bleibt weiter die Frage offen: Danach weiter machen, oder es bleiben lassen?

Bring Me A New Horizon
Klar. Die vorsichtige Variante wäre, Pirates of the Caribbean mit dem Ende des Jack-Sparrow-Handlungsfadens abzuschließen. Wäre natürlich besser als ein offenes Ende, aber ganz eigennützig muss ich festhalten: Das wäre verflucht schade, würde es doch eine Menge ungenutzten Potentials liegen lassen. Pirates of the Caribbean ist mehr als die Sparrow-Show. Es ist eine faszinierende, spannende Abenteuerwelt des wahrgewordenen Seemannsgarns, die schaurige Inhalte und coole, lustige Action mit einer rockigen Attitüde zu bombastischem Kinovergnügen formt. Die Reihe hat schon jetzt viele exzentrische, reizvolle Figuren zu bieten - und sie könnte auch ohne Jack weitergehen. Man muss es nur richtig anpacken.

Daher muss Disney nach Teil fünf dringend Entscheidungen treffen. Sollte es einen sechsten Film geben, bringt es nichts, in ihm womöglich die Sparrow-Saga zu beenden, dann PotC sieben, acht Jahre ruhen zu lassen und dann ein neues Abenteuer rauszuhauen, und zu erwarten, dass das Publikum die neuen Figuren schon schlucken wird, ist äußerst riskant. Und ebenso wenig sollte eine explizite Staffelstabübergabe erfolgen. Bei Indiana Jones hat das bekanntlich auch nicht funktioniert.

Star Wars hat es hervorragend vorgelebt: Starke neue Figuren einführen, die fantastische Welt
und Mythologie betonen, die wir alle in dieser Reihe erleben können, und mit alten Bekannten ein Gefühl der Familiarität erzeugen. Vielleicht können in Teil sechs Pintel und Ragetti zurückkehren (die in Teil fünf allen Berichten zufolge erneut aussitzen) und so wieder stärker in Erinnerung zurückgeholt werden, ehe sie in Teil sieben die Sidekicks einer neuen Protagonistin werden? Vielleicht bleibt auch wer aus Salazars Rache an Bord?

Und je nachdem, wer weiß: Vielleicht schreiben wir Sparrow nicht ganz raus. Sondern geben ihm hie und da eine Gastrolle. Eventuell auch nicht. Die Story muss das diktieren.

Als Test, wie groß der Markt ist, könnten gute, Sparrow-freie Materialien (Comics, Romane, Videospiele) dienen. Ja. Genau. Den ganzen Star Wars-Kram halt. Das will ich für meine geliebten Piraten.

Ich weiß, ich verlange viel. Ich will klare Zäsuren und dennoch mehr. Aber es ist wert, es zu versuchen: Pirates of the Caribbean ist im Hollywood-Angebot zu einzigartig, die Tonalität und Mythologie der Reihe zu spannend, um die Saga als Jack-Sparrow-Story zu beenden. Und wenn es doch so sein soll: Hey. Danke Disney. Wenigstens ein rundes Ende.

Sonntag, 7. Mai 2017

Mahana – Eine Maori-Saga


Zurück zu den Wurzeln: Der 66-jährige Regisseur Lee Tamahori verantwortete unter anderem Pierce Brosnans grelles James-Bond-Abenteuer Stirb an einem anderen Tag, den saudummen Extremsport-Actioner xXx 2 – The Next Level und den schrägen Biopic-Thriller The Devil’s Double. Seinen Durchbruch feierte er zuvor aber mit dem Drama Die letzte Kriegerin über eine Māori-Familie im gegenwärtigen Auckland, die unter einem gewalttätigen Vater leidet. 22 Jahre später erzählt der neuseeländische Filmemacher erneut eine dramatische Familiengeschichte, in der ein herrischer Māori-Patriarch Streit und Leid verursacht. Mahana – Eine Maori-Saga spielt allerdings nicht im Heute, sondern in den Sechziger-Jahren – wobei die Sechziger-Jahre des neuseeländischen Nordosten wie ein Relikt aus deutlich länger vergangenen Tagen anmuten, von einigen Popkulturstücken abgesehen, die es aus dem Rest der Welt dorthin verschlagen haben.

Seit drei Generationen hat der gestrenge, stets seinen Willen durchsetzende Tamihana Mahana (Temuera Morrison) das Sagen über seine Familie. Obwohl die Māori neben den Weißen Bürger zweiter Klasse darstellen, verfügt der Mahana-Clan über ein weitläufiges Anwesen und wird gesellschaftlich wenigstens ob herausragender Fähigkeiten im Schafscheren respektiert. Mit der Māori-Familie der Poata befinden sich die Mahanas derweil in einer tief verwurzelten Fehde, die Tamihanas pubertierender Enkel Simeon (Akuhata Keefe) allerdings hinterfragt. Der unerbittliche Tamihana entwickelt aufgrund dieser anklingenden rebellischen Ader einen Groll auf Simeon, welcher wiederum seinem Großvater immer häufiger die Stirn zeigt, so dass es zu einer Zerreißprobe innerhalb des Clans kommt …

Tamahoris in einer Laufzeit von zügigen 104 Minuten erzählte Leinwandadaption des Romans "Bulibasha: King of the Gypsies" von Whale Rider-Autor Witi Ihimaera nimmt die Lebenssituation und Kultur der Māori nicht in den Fokus. Statt explizit von den Unterschieden zur weißen neuseeländischen Bevölkerung in den Sechzigern zu erzählen und einen scharfen Fokus auf die Folklore dieses indigenen Volks zu legen, stellt ein gemeinhin verständlicher Konflikt den Kern dieses Dramas dar: Das Aufeinanderprallen einer eigensinnigen, jungen Generation, die nach individuellen Entscheidungen und Unabhängigkeit greifen möchte, und einer straff organisierten älteren Generation, welche den Patriarchen als niemals in Frage zu stellende Autorität versteht.

Solche Auseinandersetzungen sind kulturübergreifend und wurden im Medium Film bereits zahlreich thematisiert – wobei sich das zeitliche Setting von Kulturkreis zu Kulturkreis unterscheidet. Hollywood ließ derartige Differenzen bereits mehrmals im Wilden Westen stattfinden, deutsche Filmemacher nutzten wiederholt Nachkriegsdeutschland als zeitliche Kulisse. Nachvollziehbar ist das Aufbegehren der liberalen Jugend in all diesen Konstellationen, und in guten Erzählungen wird zudem die Position der despotischen Familienoberhäupter wenigstens plausibel dargestellt. So auch in Mahana – Eine Maori-Saga. Obschon Drehbuchautor John Collee und Regisseur Tamahori nie auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen lassen, dass Tamihana ein narzisstischer, ungeduldiger Widerling ist, so streuen sie in den Handlungsverlauf zumindest Argumente dafür, weshalb Tamihana das alte Dagobert-Duck-Motto „Härter als die Härtesten und schlauer als die Schlauesten“ verfolgt.

In der eng umkämpften wirtschaftlichen Nische, in denen sich die Māori im Schweiße ihres Angesichts behaupten dürfen, benötigt es Unbarmherzigkeit, um wenigstens einen Bruchteil des Komforts der weißen Bevölkerung zu erreichen. Seine Gräueltaten entschuldigt dies keineswegs und ebenso wenig seine Verweigerung gegenüber dem Fortschritt – aber es hebt Tamihana über den Status eines reinen, allein von der Freude an der Perfidität angetriebenen Schurken empor. Verstärkt wird diese Wirkung durch Temuera Morrisons magnetisches Spiel: Eiskalte Blicke und eine bedrohlich-ruhige, durchdringende Stimmlage machen den Patriarchen zu einem kraftvollen Dickschädel. Morrison legt ihn somit gewissermaßen als weniger cholerischen, dafür in seinem Handeln umso abgeklärteren „Vorfahren im Geiste“ seiner Die letzte Kriegerin-Rolle an und zieht sowohl Hass als auch Ehrfurcht auf sich.

Akuhata Keefe dagegen agiert im die ganze Familie durchrüttelnden Zwist mit seinem Leinwand-Großvater unaufgeregt: Mit natürlichem, unforciertem Spiel stellt er die Weltsicht sowie die Entscheidungen des Patriarchen ohne Pathos oder aufwiegelnd-kämpferischem Beiklang in Frage. Dadurch rutscht Mahana – Eine Maori-Saga nie ins Melodramatische ab – dass Tamahori gelegentliche, leichtgängigere Passagen wie einen Schafscherwettbewerb angemessen locker inszeniert, verleiht dem Familiendrama zusätzliche Atempausen. Diese setzt der Regisseur äußerst geschickt: So ist der von zwei Jahrmarktkommentatoren hoch engagiert besprochene Schafscherwettbewerb, der so auch in einem kuriosen Disney-Sportfilm vorkommen könnte, die Ruhe vor einem emotionalen Sturm, in dessen Zuge Simeons Großmutter abscheuliche Geheimnisse offenbart.

Nicht nur in diesem Moment kommt das kulturelle Setting dieser Maori-Saga zum Fruchten. Denn selbst wenn Tamahori es nie in den Vordergrund rückt, so könnte dieser Film nicht ohne es funktionieren. Der Regisseur fängt die innere Dynamik eines Māori-Clans beiläufig ein, garniert das Familiendrama nebenher mit Einblicken in die Māori-Folklore und er verzichtet bei Szenen in der Māori-Sprache auf Untertitel – was symptomatisch für Tamahoris Vorgehen ist. Kinogänger ohne Vorkenntnisse sollen sich den Sinn aus dem Kontext erschließen, was angesichts der zugänglichen Narrative ohne Weiteres möglich ist. Und in dieser Tonalität skizziert Tamahori auch das Bild dessen, dass Māori-Männer über Generationen hinweg zu kriegerischen Aggressoren erzogen wurden – wodurch sich die Charakterzeichnung Tamihanas verdichtet und seine Untaten noch schockierender werden. Denn selbst wenn Tamahori auf explizite Aufnahmen verzichtet, suggeriert er, mit welcher Selbstverständlichkeit Tamihana wohl agiert.

Von Kamerafrau Ginny Loane in einer den Schauplätzen angebrachten Bildsprache (rustikale Farben, altmodisch-ruhige Kameraführung) eingefangen, stellt Mahana – Eine Maori-Saga ein Programmkino-Fundstück dar, das es verdient hätte, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten: Es erzählt die aufreibende Geschichte einer Familie im Umbruch, bringt seinem Publikum die Kultur der Māori näher und vollführt dies in einer zugänglichen, die Dramatik des Stoffes aber nie untergrabenen, Weise. Großer Stoff, ganz klein und fein vermittelt.

Freitag, 5. Mai 2017

Freitag der Karibik #41


Als großer Liebhaber des Disney-Outputs an Piratenfilmen habe ich mir das neue Stück Sekundärliteratur Disney Pirates: The Definitive Collector's Anthology von Michael Singer gekauft. Es ist, wie der Titel so klipp und klar verrät, eine umfassende Zusammenstellung an Piraten-Projekten im Disney-Universum. Hintergrundinfos, Fotos und Konzeptbilder zu den Pirates of the Caribbean-Bahnen und -Filmen, den diversen Peter Pan- und Die Schatzinsel-Adaptionen und so vieles mehr.

Das Buch enthält auch ein ausführliches Unterkapitel zum anstehenden Pirates of the Caribbean-Abenteuer Dead Men Tell No Tales beziehungsweise Salazars Rache. Fünf Infos, die ich beim Lesen dieses Unterkapitels aufgeschnappt habe, möchte ich euch nicht vorenthalten.
  • Jack Sparrow hat seine wortkarge Beziehung zu seinem hilfreichen, selten gesehenen Vater. Elizabeth Swann ihr liebevolles, aber auch widerstrebendes Zusammenspiel mit ihrem Vater. Will Turner würde alles tun, um seinen zweimal verfluchten Piratenvater zu befreien. Angelicas Handeln war davon getrieben, ihrem Vater zu helfen. Und auch im neuen Film wird sich dieser Faden fortsetzen. Produzent Jerry Bruckheimer: "Es ist ein Thema, das der ganzen Reihe ihr emotionales Rückgrat verliehen hat", und dieses Mal von den beiden jungen Darstellern vorangetrieben wird.
  • Orlando Bloom hatte zwei Drehtage am Set.
  • Für den Film wurden 13 Schiffe gestaltet
  • Geoffrey Rush bezeichnet den neuen Look von Käpt'n Barbossa als "Vivienne Westwood trifft Galliano"
  • Ist der neue Film nun definitiv der letzte oder besteht die Möglichkeit für mehr? Bruckheimer bekommt von Singer diese Frage gestellt und antwortet laut dem Autoren mit rätselhaftem Grinsen: "Wer weiß, was der Horizont als nächstes bringt?"

Mittwoch, 3. Mai 2017

Ben Hur


Der Kritikerdiskurs rund um Timur Bekmambetovs Ben Hur ist ein Diskurs voller Missverständnisse. Unentwegt wird das Sandalenepos wenig schmeichelhaft mit dem „Original von 1959“ verglichen. Dass William Wylers mit elf Academy Awards prämierter Monumentalfilm kein Leinwandstoff ist, der ohne jegliche Vorlage vom Himmel fiel, wird nur gelegentlich angerissen. Alles führt auf den in rauen Mengen verkauften Roman Ben Hur zurück, den der Politiker Lew Wallace 1880 veröffentlichte. 1907 wurde er lose als fünfzehnminütiger Stummfilm adaptiert, 1925 folgte ein 142-minütiger Film, der teils in Schwarzweiß, teils in Farbe gedreht wurde. Je nach Standpunkt ist das vermeintliche Original also entweder die dritte Hollywood-Verfilmung eines monströsen Bestsellers oder das Remake eines Remakes einer Romanverfilmung.

Zumindest ein Filmhistoriker, der sich etwas darauf einbildet, filmische Meilensteine möglichst unantastbar darzustellen, dürfte im Falle des Charlton-Heston-Klassikers erstere Beschreibung bevorzugen. In dem Fall ist es aber nur fair und konsequent, auch Timur Bekmambetovs Abenteuerepos nicht als Remake zu beschreiben. Geschweige denn als Remake eines Remakes eines Remakes eines Remakes einer Bestsellerverfilmung (schließlich gibt es ja noch eine internationale Fernsehadaption von 2010). Und ganz gleich, ob nun der Begriff Neuverfilmung oder Remake angebrachter erscheint: Bei einem innerhalb von 109 Jahren insgesamt fünf Mal als Realfilm adaptieren Stoff ernsthaft entnervt ein „schon wieder“ dahinzustöhnen oder wutentbrannt niederzuschreiben, wie absurd diese Menge an Ben Hur-Filmen sei, grenzt an Lächerlichkeit. Erst recht angesichts dessen, wie häufig andere Werke neu interpretiert werden. Allein seit 2002 wurde die Filmwelt mit drei Realfilmvarianten des Marvel-Helden Spider-Man bedacht, während es unter anderem Charles Dickens Weihnachtsgeschichte und Die drei Musketiere auf Dutzende Umsetzungen bringen.

Abenteuerzentrischer Ansatz mit charakterbasiertem Leerlauf
Kurzum: So sehr es sich anbietet, Paramounts 100-Millionen-Dollar-Produktion mit dem einflussreichen Kassenschlager von 1959 zu vergleichen, muss der Ben Hur des Jahres 2016 noch immer an seinen eigenen Aspekten beurteilt werden. Und ist der große, harsche, aber wenig gehaltvolle Kritikpunkt „Aus Prinzip!“ erst einmal aus dem Weg geschafft, bleibt … Noch immer eine unausgegorene Materialschlacht über. In ihren gelungeneren Momenten ist diese jedoch so gekonnt umgesetzt ist, dass die Frage gerechtfertigt ist: „Weshalb stellen sich denn alle so dermaßen an?“ Denn zwischen einem mauen Film und einer hassenswerten Vollkatastrophe bestehen ja noch immer Unterschiede …

Wanted-Regisseur Timur Bekmambetov eröffnet seine Ben Hur-Variante mit einem Vorgeschmack auf das turbulente Finale: Die Adoptivbrüder Judah Ben Hur (Jack Houston), ein jüdischer Adliger, und Messala Severus (Toby Kebbell), ein römischer Waise, treten bei einem Wagenrennen an – und hassen sich bis aufs Blut. Kaum sind Judah und Messala sowie die weiteren Rennteilnehmer aus den Startboxen, springt Bekmambetov um acht Jahre zurück: Die beiden leben friedlich miteinander in Jerusalem, einer der Kronjuwelen des römischen Reiches, auch wenn Pontius Pilatus‘ (Pilou Asbæk) strenge Herrschaft nicht unumstritten ist. Um sich einen eigenen Namen zu machen, verlässt Messala seine wohlsituierte Adoptivfamilie, um für Rom in den Krieg zu ziehen. Als sich die Brüder drei Jahre später wiedersehen, ist die Freude nur kurzer Dauer, da sie sich über das Schicksal eines jungen Zeloten (Moisés Arias) in die Haare kriegen: Judah nimmt den frenetischen Kritiker des Römischen Reichs bei sich auf, was Messala nicht nachvollziehen kann. Als der Zelot von Judahs Anwesen aus Pilatus attackiert, wird Judah – auch aufgrund von Messalas mangelnder Hilfsbereitschaft – dazu verurteilt, als Galeerenskalve zu dienen. Fünf Jahre später erhält Judah die Gelegenheit, sein Leben wieder in eigene Hände zu nehmen. Doch Judahs Vorhaben ist lebensgefährlich …

Die Drehbuchautoren Keith Clarke und John Ridley kondensieren die umfangreiche Geschichte zweier Brüder aus unterschiedlichen Kulturen auf rund zwei Stunden, in denen die weiteren Nebenfiguren nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dabei gelingt ihnen nicht durchweg eine zufriedenstellende Balance: Judahs leibliche Familie erhält so viel Leinwandzeit, dass das Verhältnis des Protagonisten zu ihr als relevanter Aspekt erscheint. Jedoch werden die gelegentlichen, dafür ausführlichen Momente, in denen dieses Element der Story beleuchtet wird, mittels seichter, zugleich zäher Dialoge abgehakt. Auch der erst spät im Film auftauchende, Judah im Wagenrennen trainierende Scheich Ilderim (Morgan Freeman) ist kaum mehr als ein Dreadlocks tragender Erklärbär. Die einzigen Figurendynamiken, die gut ausgebaut werden, sind die zwischen Judah und seiner Ehefrau Esther (Nazanin Boniadi) und zwischen dem Titelhelden und seinem Bruder.

Diese Beziehungen etablieren Clarke und Ridley funktional: Sie gehen genügend in die Tiefe, um Judah einen plausiblen Antrieb sowie einen Gewissenskonflikt zu verleihen – soll er Vergeltung oder Nachsicht üben? Gleichwohl sind einige der Zwiegespräche Judahs und Esthers angesichts der geradlinigen, moralische Ideen theorisierenden Dialoge trockener, als der insgesamt eher auf Abenteuerflair setzende Film ertragen vermag.

Wenn’s poltert, dann richtig
Wenn Bekmambetov seine Stärken als Actionregisseur ausspielt, sind diese Schwächen jedoch vorübergehend vergessen. Die in schmutzig-blauem Licht gehaltene, von dunkler, trommellastiger Musik untermalte Sequenz auf der römischen Galeere ist ein spektakuläres Stück Abenteuerkino: Vernarbt, verschwitzt und kraftlos muss Judah wie unzählige weitere Sklaven die Ruder eines Kriegsschiffes bedienen, das in einen aussichtslosen Kampf zieht. Bekmambetov verzichtet auf Übersicht gewährende Aufnahmen der Seeschlacht, lässt das Publikum ähnlich im Unklaren wie Judah, der aufgrund der eskalierenden Lage unter Deck (Balken zerbersten, Speere zischen vorbei, brennender Teer gießt sich über den Sklaventreiber) mehr denn je um sein Leben fürchten muss. Mittels zügigem Schnitt und einem Mix aus wackligen Nahaufnahmen, die das Chaos unter Deck einfangen, und vereinzelten Aufnahmen aus Judahs Egoperspektive ist diese Passage ein herber, packender Actionritt – den Bekmambetov im Finale locker überbietet.

Das direkt zu Beginn des Films versprochene Wagenrennen ist ein einziges, nervenaufreibendes Spektakel, das Bekmambetov in aller Ausführlichkeit zeigt: Das hektische Hin-und-Her der Streckenposten und Judahs Mentor Ilderim verleiht der langen Passage einen trockenen Humor, wohingegen die erbarmungslos illustrierten Unfälle (die durch sehr clevere Verschmelzung von praktischen Effekten, digitaler Bildkomposition und CG-Trickserei umgesetzt werden) für eine große Fallhöhe sorgen. Das Bourne Ultimatum-Kameramann Oliver Wood führt die Kamera nah an die verfeindeten Adoptivbrüder heran und erzeugt eine raue Optik, allerdings nehmen Wood und Bekmambetov mehrmals sehr wohl die gesamte, aufwändig gestaltete Arena in den Fokus, wodurch das Rennen auch Grandeur aufzuweisen hat.

Generell verfügt Ben Hur in Anbetracht der detaillierten Kostüme und Requisiten über beeindruckende Schauwerte, die den Film deutlich kostspieliger aussehen lassen, als das für heutige Hollywood-Epos-Verhältnisse relativ bescheidene Budget von 100 Millionen Dollar erwarten lässt. Dass der von einem treibenden, doch zumeist uninspirierten (World War Z-Komponist Marco Beltrami) Score begleitete Film nach dem alles überschattenden, aufregenden Rennen seine bis dahin mit grau-grauer Moralität skizzierte Geschichte nicht zügig beendet, ist überaus ärgerlich. Nicht nur, weil Ben Hur nicht endet, so lange dieser Bombastfilm Schwung hat, sondern auch, weil die unangepasste „Vergeltung ist schlecht, doch sie wird immer wieder vorgenommen“-Stimmung durch einen ausführlichen Kitsch-Epilog hinfort gespült wird. Dieser ist obendrein mit seinen unfreiwillig komischen Dialogfetzen und einer pathetischen Bildsprache sehr polternd geraten.

So anstrengend und sinnlos dieses atmosphärisch nicht zum restlichen Film passende Ende sein mag, sollte Ben Hur nicht auf seine quietschige Schlussnote reduziert werden. Der Großteil ist zwar wegen durchweg annehmbarer, aber unauffälliger Schauspielleistungen und manch zäher Dialoge in den dramatischen Szenen zumeist nur ziemlich mau. Mit enormen Produktionswerten, zwei starken Actionpassagen (wobei das Wagenrennen zudem tolles 3D zu bieten hat) und einem zeitlosen, immer wieder funktionierenden Grundkonflikt ist Ben Hur trotzdem alles in allem duldbar genug, um in Anbetracht des überaus giftigen Konsens als positive Überraschung dazustehen.

Dienstag, 2. Mai 2017

Einsamkeit und Sex und Mitleid


Einsamkeit
Ein stinknormaler Arthouse-Film aus Deutschland. Zahlreiche Menschen unterhalten sich. Über dies. Und das. Und jenes … Thomas, der Kaugummikauer, sitzt im ICE und zieht sich seine schicken Schuhe aus. Er döst. Bis ihn Kindergeplärr aufweckt. Wütend schnaubt er herum, die Balgen sollten baldig Ruhe geben. Er wird rassistisch. Und seine Schuhe sind auch weg. Schönling Vincent schaut sich das Schauspiel an. Und grinst. Nicht wissend, dass er gerade Zeuge wurde. Zeuge eines gar wunderlichen Moments, der eine Kette auslösen sollte. Eine Kette von lose verbundenen Ereignissen, die dem unbeteiligten Betrachter – und auch dem dreckig grinsenden Zuschauer sowie dem gerührt Mitleidendem – einen wild-kaleidoskopischen Einblick bietet in die provokante, ungeschönte Unterseite des heutigen Geflechts aus Beziehungsformen, -stilen, -methoden, -launen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Hurrikan auslösen. Doch das ist nichts. Nichts im Vergleich zu dem, was ein Schuhdiebstahl in einem ICE in Bewegung setzt.

Gesponnen wird das in grellen Farbkontrasten gehaltene, vom besagten Schuhdiebstahl ausgehende Spinnennetz zeitgenössischer Sexual-, Sinnlichkeits-, Selbstsucht- und Schwärmereiproblematiken vom Fernseh- und Theaterregisseur Lars Montag. Als Inspiration mag ihm ein Roman gedient haben – Helmut Kraussers rabenschwarz-illustre Storyverkettung Einsamkeit und Sex und Mitleid. Doch eine andere Konnotation drängt sich ebenso auf – und dies mit der Gewalt eines kummervollen Elektrobeats: Höchstwahrscheinlich vollkommen unbeabsichtigt erschuf Montag einen Film, der anmutet, als sei er direkt aus Marco Göllners Verstand in den Kinosaal projiziert worden.

Montags Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein faszinierendes, filmisches Geflecht, dessen Tonalität genau der Art von Geschichten entspricht, die so häufig als Fest und Flauschig-Hörspielintros dienen. Bloß dass dieser Film tiefer geht. Er ist ausgereifter. Auf fast schon morbide Weise melancholisch. Derart sarkastisch, dass es obszön ist. Und doch mit einem pochenden Herzen. Und nachdenklichem Beiklang. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist im Kern eine aufgeweckte, in ihren bizarren Feinheiten erschreckend akkurate Bestandsaufnahme. Nur eben in diesem wunderbar-abstrusen Tonfall vermittelt. Der rote Faden, der als Naht zwischen diesen Flicken dient, ist eine Feststellung: Beziehungen sind kompliziert, egal wie alt man ist, egal, wohin sich die Gesellschaft entwickelt und ganz gleich, weshalb man eine hat oder will.

Doch Montag belässt es nicht darauf. Statt diese brutal banale Tatsache abzubilden, fängt er ein, wie sich diese Erkenntnis anfühlt. Er schmückt sie in einer bild- und klangästhetischen Grandeur aus, wie sie das deutsche Kino nur äußerst selten sieht. Und übergießt all dies mit einer genüsslich derben Schicht aus "Bahn frei, so geht das, ihr verkorksten Langeweiler":

Mit überprätentiöser Stimmfarbe kommentieren unregelmäßig hocheloquente, emotionsbefreite Erzählstimmen das Geschehen. Ihre Bemerkungen scheinen oberflächlich für Einordnung zu sorgen, allerdings stiften sie zuweilen Verwirrung, kratzt man erst an dieser Oberfläche. Überheblich setzten sich die Erzählerkommentare über Witz, Tragik und Fremdscham hinweg und entdecken Poesie in Momenten reinster Banalität. Dies aber mit einer derartigen Präzision, dass die Erzählstimmen gerade wegen ihrer vermeintlichen Fehlleistung zum Gewinn werden. Sie nehmen das so tragisch-ironisch zusammengestellte Sammelsurium an dezent überhöhten, unerfreulichen Alltagsbeobachtungen, und verpassen dem knochentrockenem, bieder-bedeutungsschwangerem Duktus diverser Arthouse-Filme mit ähnlichem Thema einen pointierten, neckischen Hieb in die Rippen. Die gedankenverlorene, desolate Bestandsaufnahme der Zwischenmenschlichkeit in Deutschland – sie kann auch Laune machen. Und sei es eine garstig-satirische. Diese Romanadaption ist ein einzigartiges Stück des deutschen Kinos.


Sex
So isoliert sich die sukzessive eingeführten Figuren fühlen mögen, so allein auf weiter Flur Einsamkeit und Sex und Mitleid tonal sein mag, so tolldreist die strukturelle, narrative Attacke auf ähnlich geartete Filme anmutet: Dieses farbübersättigte Zerrbild der modernen Beziehungswelten ist ganz und gar nicht freudlos! Etwa, wenn die von ihrem Bekannten, dem Gelegenheitsrassisten Thomas (Jan Henrik Stahlberg), unentwegt als feige titulierte Carla (Friederike Kempter) urplötzlich in eine "Ich habe gerade keinen Bock auf diesen Scheiß und Zeit dafür habe ich genauso wenig!"-Laune rutscht und daher aus reiner Frustration Mumm beweist.

Oder wenn der unentwegt zwischen Schüchternheit, Casanova-Charme, Überkompensation und pubertärem Machotum hüpfende Mahmud (Hussein Eliraqui) Beziehungstipps von seinem neunmalklugen kleinen Bruder bekommt, der goldig guckt, aber abgefuckte Theorien über seine Religion, sein Heimatland und das andere Geschlecht hat. Wenn der sich für einen Rebellen haltende Langweiler und Supermarktleiter Uwe König (Peter Schneider) mal wieder mit einer Belanglosigkeit brüstet oder von Chipsfanatiker und Ex-Lehrer Ecki Nölten (Bernhard Schütz) attackiert wird … Einsamkeit und Sex und Mitleid beherrscht allerlei verkorkste, boshafte und schmuddelige Noten auf der Humorklaviatur – aber auch den glasklaren, hellen Klang der spritzigen Situationskomik.

Der von Einsamkeit und Mitleid ins Sandwich genommene Sex in diesem Zweistünder hingegen ist nicht spritzig. Überhaupt nicht. Montag und Helmut Kraussner, der an der Drehbuchadaption seines Romans mitwirkte, sind keinesfalls sexnegativ – in den über dieses Geschichtengeflecht verteilten Sexualanekdoten wird durchaus klar: Das kann eine erfüllende, schöne Sache sein. Die erfrischend ehrliche Künstlerin Janine (Katja Bürkle) ist zufrieden mit dem, was sie kriegt, so lange sie mitbestimmt. Und das Escort-Pärchen Vincent & Vivian (Eugen Bauder & Lara Mandoki) mag mit seinen Beziehungsgesetzen andere Leute verwirren, aber … Hey, sie klagen weitaus weniger über ihre Lage als der Rest dieses Figurenensembles! Ob Abgeklärtheit, Verdrängung oder Unkompliziertheit der Grund ist, muss jeder selber entscheiden. Dennoch: Sex kann gut gehen.

Mit Betonung auf "kann", denn was wäre ein verschrobenes, aufgekratztes Tragikomödien-Satireexperiment, würde es nicht in unverschämter Klarheit abbilden, wie lächerlich die menschliche Körperlichkeit ist, verfolgen sie unausgeglichene, verzweifelte, selbstsüchtige Leute. Wie Julia König (unerschrocken: Eva Löbau), die denkt, sie sei sexuell frei und selbstbestimmt – obwohl sie sich in ihrem eigenen Gedankenkonstrukt erdrosselt. Konkret verbalisiert wird das zu keinem Zeitpunkt, zu groß ist das Vertrauen des Regisseurs in sein Publikum, um ihm so explizit etwas vorzukauen – doch Montags begnadete Regieführung spricht Bände. Je nach Subtext verträumt-kreativ oder analytisch-distanziert, setzt er seine Figuren behände in Szene. Eine dezente Fokusverschiebung genügt, und Kameramann Mathias Neumann (Das Mädchen auf dem Meeresgrund) lässt die Stimmung völlig umkippen. Cutter Marc Schubert (Schutzpatron) sorgt indes für elegische Übergänge zwischen den einzelnen Handlungsfäden, womit er die gelegentlich harschen Gegenüberstellungen von kapriziösen Figuren wie Jesus-Freak Johnny (Aaron Hilmer) und introvertierten Protagonisten wie Robert Pfennig (Rainer Bock) charmant, ja sogar attraktiv gestaltet: Es ist allen desolaten Bestandsaufnahmen zum Trotz eine prickelnde Freude, diesem erstklassigen Ensemble aus verqueren Charakterköpfen zuzuschauen.

Diese Attraktivität rührt nicht zuletzt aus der getragenen Farbästhetik von Einsamkeit und Sex und Mitleid: Andreas C. Schmids Szenenbild und Sonja Hesses Kostümgestaltung sind irreal-knallbunt. Die meisten Figuren haben eine Erkennungsfarbe, die ihre Welt dominiert – so tragen Vincent und Vivan bevorzugt ein klinisches Weiß, der frustrierte Ecki hingegen Lila, die Farbe der sexuellen Unzufriedenheit. So überspitzt und kunstvoll diese Ästhetik sein mag, sie steht nie dem Inhalt im Weg – sie unterstreicht ihn mit manischer Brillanz: Herzblut-Regisseur Lars Montag zelebriert sein Leinwanddebüt mit einem exzentrischen Cinemascope-Bilderreigen, der nicht die Realität der bissigen Beziehungswelt abbildet, sondern das Gefühl, das sie hinterlässt. Da ist ästhetische Theatralik nur angebracht.

Denn wie reizvoll wäre sie sonst, die Wirklichkeit? Stylisch gemeinte, doch deprimierend bemühte Isolationspartys, freches Sexting, bei dem die wahre Sehnsucht in gespielter Wollust untergeht, Fitnesscenter-Drills, um den Körper für die Partnerjagd zu optimieren: Alles, was der Film zeigt, ist in runtergebrochener Form alltäglich. Und das alles ist zu gewissem Grade Irrsinn, wenn man ehrlich ist. Sind es doch bloß Handwerkszeuge, um (vermeintlich) effektiver seine Rolle im Romantiktheater auszufüllen …


Mitleid
Erstmal in Lars Montags und Helmut Kraussers wilder Mixtur aus spinnennetzartigem Beziehungsgeflecht, kaleidoskopischer Gegenwartskarikatur und satirischer Bestandsaufnahme der desaströsen Lage der Zwischenmenschlichkeitsnation gefangen, kommt es zu einem kleinen Wunder. Einem Wunder namens Mitleidsregung: Einsamkeit und Sex und Mitleid hat sehr deutsche Archetypen. Und ist narrativ ein sehr undeutscher Film. Setzt er doch weder auf eine Dauerparade an leichtgängiger, zur Identifikation einladender (und seichter) Komik, um Empathie für seine Figuren zu erzeugen. Noch wird dem Publikum mit dem Holzhammer eingebläut, sich ja nicht wie die sich fehlverhaltenden Protagonisten zu geben, will man genüsslich sein Dasein fristen. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein Film voller Selbstsucht und über die Folgen mit ausgefahrenen Ellenbogen durchgeführter Selbstsuche – jedoch lehrt er ohne mahnenden Zeigefinger Empathie.

Dies gelingt, weil Einsamkeit und Sex und Mitleid ganz beiläufig eine einleuchtende, doch all zu leicht aus dem Sinn flüchtende Erkenntnis verfolgt: Jeder Mensch schlüpft in zahlreiche Rollen – und die Übergänge sind teils fließend, teils abrupt. Das werden sich nur wenige eingestehen wollen, trotzdem ist es eine schnell überprüfte Feststellung – der sich nicht nur Swentja Pfennig (Lilly Wiedemann) verwehrt. Sie sieht sich als Heldin ihrer modernen Teenie-Lovestory: Ihr begegnet ein heißer Araber, der sie lecken will, worauf sie sogar Bock hat – zumindest unter ihren Bedingungen. Für ihren dauerbetrübten Vater ist die mürrische Swentja dagegen ein weiterer Grund, Frust zu schieben – und was soll erst der hoffnungslos verliebte Johnny über Swentja sagen?

Auch die weiteren zentralen Figuren in Einsamkeit und Sex und Mitleid sind mal die Helden ihrer eigenen Geschichte, mal die Sidekicks oder Handlanger und dann auch mal die Schurken – vielleicht abgesehen von Maria Hofstätter als ranzige, krakeelende Mutter/Ehefrau Maschonjonka Pfenning. Aber selbst sie darf ihre verabscheuungswürdige Art aus völlig konträren Motivationen wachsen lassen – und mal berechtigt (aber übertrieben) Beamten ankeifen. Oder mal wieder den völlig unter ihrem Pantoffel stehenden Ehegatten kleinmachen, einfach, weil … Darum!

Diese sich verschiebenden Perspektiven, die bei Maschonjonka Pfenning noch überschaubare Auswirkung haben mögen, entfalten über die gesamte Filmlänge eine enorme Kraft. Montags Debüt lässt die schlichte Figurenzeichnung üblicher Großproduktionen zum Thema Beziehungsleben ebenso hinter sich, wie die stocksteife, sich und die Gesellschaft geißelnde Tonalität diverser Arthouse-Beziehungsanalysen, um dem Publikum einen widersprüchlichen, und daher so wirksamen und beschämend wirklichkeitsnahen, Wust an Charakterisierungen entgegenzuschleudern.

Und so kann es einem jeden Menschen im Saal mehrmals passieren, dass er im Hinterkopf seine aus einer Einzelsituation heraus gewonnene Sympathie für eine Figur eilig revidiert und fortan nicht mehr davon abrückt, weil ihre politische Ideologie klar wird. Oder dass eine gemeinhin gemochte Figur durch einen Nebensatz in einer anderen Handlung plötzlich für Ungesehenes verurteilt wird – aber auch nur dafür! Dieses Spiel mit dem Mitleid setzt sich in allen erdenklichen Konstellationen fort. So führt Einsamkeit und Sex und Mitleid meisterlich vor: Vermeintlich gute Menschen können Böses tun, wiederholt garstig handelnde Menschen können situativ bedingt sympathisch werden. Damit verpasst Lars Montag unserer Empathie ein Powertraining. Ein Powertraining, das dringend mal wieder nötig war.


Du. Ich. Fazit.
2013 brachte Frauke Finsterwalder mit ihrem Ensemblefilm Finsterworld eine fies-märchenhafte Momentaufnahme deutscher Obsessionen ins Kino. Vier Jahre später stellt Einsamkeit und Sex und Mitleid das perfekte Addendum dar: Lars Montags Romanadaption ist nicht ganz so abgrundtiefböse-gallig, sondern hat ein pochendes Herz. Es mag stark angeschlagen und blaumütig sein, trotzdem beseelt es diesen durchweg formidabel gespielten, wundervoll gestalteten Film, dessen Synapsen vor genresatirischem Kommentar und dramatisch-mitleidiger Beleuchtung moderner Beziehungsträume und -traumata nur so durchglühen. Wahrlich kein Film, den jedermann in den richtigen Hals kriegen wird – aber einer, der niemandem zu intensiv empfohlen werden kann!

Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ab dem 4. Mai 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 28. April 2017

Freitag der Karibik #40


Obwohl Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten an den Kinokassen hervorragend ankam, spaltet der der vierte Part der Pirates of the Caribbean-Saga Fans und Gelegenheitskinogänger wohl mehr als jede andere Fluch der Karibik-Fortsetzung. Rückkehr zu den (vergleichsweise) schlichten Wurzeln des Erstlings nach Gore Verbinskis gigantomanischen, verrückten Sequels oder träge Fortführung einer zuvor so andersartigen Filmreihe? Unter vielen Gegnern der sehr, sehr losen Romanadaption wiederholte sich ein Kritikpunkt auffallend häufig: Zu viel von einem Käpt'n Jack Sparrow, der dasselbe macht wie in den drei ersten Teilen, nur stärker im Fokus und risikoscheuer.

Doch wie adressiert man dieses Problem bei einem fünften Film? Laut Ko-Regisseur Joachim Rønning scheint die Lösung zu sein, Jack zwar charakterlich unverändert zu lassen, aber seine Umstände zu verändern:

"Er hat sein Glück verloren. Und Glück war ein großer Teil seiner Lebenseinstellung", so der Norweger im 'SFX Magazine'. Er führt fort: "Er hat seinen Pfad verlassen, den Horizont nicht mehr im Blick. Er befindet sich nicht mehr auf der See, wenn wir ihm wieder begegnen. Er wurde zu einem Landpiraten und fühlt sich hundsmiserabel. Er ist einsam. Er ist nicht mehr Käpt'n Jack Sparrow. Sondern nur noch Jack."

Das klingt für mich als glühender Fan der Reihe unfassbar traurig - und daher auch sehr aufregend. Dass Käpt'n Jack Sparrow vor einem übernatürlichen Feind flieht, hatten wir bereits in Die Truhe des Todes, somit ist es eine (auf dem Papier) spannende Abwandlung, die Karten neu zu mischen. Hatte Käpt'n Jack damals noch großen Antrieb, die eigene Haut zu retten, ist er doch noch recht frischer Wieder-Kapitän der Black Pearl, könnte es den Ablauf des Katz-und-Maus-Spiels im neuen Film enorm verändern, wenn wir es mit einem deprimierten Jack zu tun haben. Das reizt mich, selbst wenn es mir natürlich weh tut, zu hören, dass der einzigartige Jack Sparrow irgendwann zwischen dem vergangenen und dem neuen Film versackt ist.

Konsequent ist es aber. Wie Davy Jones so schön festhielt: Jack Sparrow ist ein bedauernswerter Kapitän. Recht hat sie, die Tintenfischfresse. Jack hat sein geliebtes Schiff mehrmals verloren, er befindet sich stets mit einem halben Fuß (und oft sogar mit beiden Beinen) im Gefängnis und immer wieder droht ihm der Galgen. Und dennoch würde ich (genauso wie Rønning) dem "alten" Jack immenses Glück zusprechen - laviert er sich doch andauernd auf fantastische Weise aus seinem Schlamassel heraus. Was, wenn dieses Glück nun auch versiegt? Wir werden es Ende Mai sehen!

Samstag, 22. April 2017

Fast & Furious 8


Ganz, ganz langsam mausert sie sich, die Reihe. Aber dort, wo sie andere in ihrer filmischen Rangliste sehen, ist sie in meiner Gunst noch lange nicht angekommen: Fast & Furious ließ mich sechs Filme lang kalt und war mit Teil sieben für mich dann auf leicht frustrierende Weise annehmbar. Die Actioneinlagen sind kreativ, und in Fast & Furious 7 übertönten zahlreiche spaßige Figuren die drögen, langweiligen Figuren, die so lange im Herzen des Franchises standen. Jedoch plagt den siebten Fast & Furious-Film, dass er sich immer und immer wieder auf einen Trick verlässt: Wenn die Figuren in Not sind, gehen sie den denkbar dümmsten Weg mit den niedrigsten Überlebenschancen, um aus ihrer kniffligen Lage zu entkommen. Und stets ist ihnen Fortuna hold.

Der mit massivem Erfolg gestartete, achte Part der Autoactionreihe beendet diesen Glücksreigen der "Familie": Dominic Toretto (Vin Diesel) bekommt während seiner Flitterwochen auf Kuba unerwarteten Besuch von einer mysteriösen Blondine (Charlize Theron). Sie hat etwas in der Hinterhand, das Dom die Sprache verschlägt. Beugt er sich ihrem Willen und verschweigt dies Aussenstehenden, sei alles in Ordnung. Anderweitig werde sie Unaussprechliches anstellen. Und so macht Dom mit ihr gemeinsame Sache. Er sabotiert einen Einsatz, zu dem ihn der befreundete Agent Hobbs (Dwayne Johnson) bittet, und stiehlt eine EMP-Waffe. Hobbs landet aufgrund dessen, dass sein unter der Hand übermittelter Einsatz schief lief, im Gefängnis. Doms Gattin Letty (Michelle Rodriguez) ist baff, aber sicher, dass Dom einen Grund für sein Handeln hatte. Und der Rest von Doms "Familie" genannter Crew halbverbrecherischer Technik- und Auto-Freaks? Der knirscht mit den Zähnen. Können sie dem Wunsch des gutherzigen, aber extrem geheimnisvollen Mr. Nobody (Kurt Russell) nachkommen und Dom aufhalten, dessen jüngstes Handeln die gesamte Welt bedroht?

Aus der (sich trotz dünner Charakterzeichnung sehr ernst nehmenden) Filmreihe über illegale Autorennen wurde sukzessive ein Franchise, das sich als Antwort auf die Frage versteht: "Was wäre, wenn im Mittelpunkt von Mission: Impossible keine sportlichen, gerissenen Agenten stünden, sondern autoversessene, muskulöse Spinner?" Und während Teil sechs sowie sieben mit geradlinigen Subplots über zwischenmenschliche Dynamiken innerhalb der "Familie" einen Hauch von Bodenhaltung aufgewiesen haben, wirft Fast & Furious 8 diesen Gedanken endgültig aus dem Fenster. Angesichts dessen, dass Drehbuchautor Chris Morgan bei diesen Filmen keinerlei Fingerspitzengefühl für kleine, ernste Charaktermomente beweist, ist dies eine sehr willkommene Entwicklung. Und noch eine schlechte Angewohnheit hat sich endlich erledigt. In eine Ecke gedrängt denken sich die Helden nicht mehr so wie in Teil sieben: "Okay, ich stürze mich einfach aus zig Metern gen Boden und hoffe, keinen tödlichen Aufprall zu erleiden."

Ja, die Action in Fast & Furious 8 ist verrückter, unrealistischer und durchgeknallter als in den sieben vorhergegangenen Filmen. Aber sie hat eine höhere innere Plausibilität, weil sich jede noch so hanebüchene Aktion der Protagonisten aus dem Können der Figuren nährt, das sie lachhaft hoch, aber korrekt einschätzen - und nicht aus der Hoffnung, dass die Gravitation gnädig sein wird. Wenn Muskelprotz Hobbs einen Torpedo mit bloßen Händen umlenkt, ist das nach Hollywood-Actionpomp-Wahnsinnslogik schlüssig. Wenn Ex-Fiesling Deckhard Shaw (Jaston Statham) als extrem agil sowie durchtrainiert gezeigt wird, dann kauft man ihm auch ab, bei einem Gefängnisausbruch Dutzende von Wärtern und Polizisten niederzuringen. Und wenn die "Familie" angeblich aus den besten Autofahrern der Welt besteht, dann können die halt mit den besten Autos, die ihnen die US-Geheimbehörden zur Verfügung stellen, auf dem Eis halt Raketen und Schneefahrzeugen ausweichen.

So sehr die Neufokussierung von "Ach, wird schon klappen" zu "Diese Figuren beherrschen X und Y, also machen sie das abartig gut" Fast & Furious 8 davor bewahrt, dass im ganzen Actionbombast zwischendurch die Monotonie aus Teil sieben entsteht: Der Bombastfilm bleibt weiter hinter Genrekollegen wie den besseren der Mission: Impossible-Filme oder dem Gros der 90er-Jahre-Jerry-Bruckheimer-Produktionen zurück. Der Hauptgrund dafür ist die fehlende erzählerische Fallhöhe. Wie diverse schlechte Superhelden- und Agentenfilme schon bewiesen haben: Nur weil die ganze Welt auf dem Spiel steht, ist nicht automatisch Spannung angesagt. In Fast & Furious 8 müssen zwar die Guten gelegentliche Rückschläge hinnehmen, was schon im Alleingang für eine reizvollere Erzähldynamik sorgt als in den meisten Filmen dieser Reihe, dennoch lässt Regisseur F. Gary Gray nie die Befürchtung aufkommen, dass Dom ein Mitglied seiner "Familie" ernsthaft verletzt. Zudem enthüllt Drehbuchautor Chris Morgan sehr zeitig den Grund für Doms Wechsel auf die Seite der Bösen - und eben dieser Grund fällt in die Kategorie "Ein Held wird erpresst, Böses zu tun, aber da alle Welt andauernd betont, wie gerissen und toll und talentiert der Held ist, können wir uns entspannt zurücklehnen und darauf warten, dass er einen Ausweg findet."


Was den zentralen Plotfaden um Dominic Toretto weiter belastet, ist der zähflüssige Ablauf der gemeinsamen Szenen von Vin Diesel und Charlize Theron. Nicht nur, dass Theron ungewöhnlich desinteressiert wirkt und Diesels "dramatisches Schauspiel" als in die Fieslingsecke gedrängter Dom noch weniger überzeugt als die physikalischen Gesetze in dieser Filmreihe: Die Dialogpassagen in Therons Schaltzentrale sind nahezu ausnahmslos zu lang, da sie bereits deutlich vermittelte Dinge mit Umformulierungen wiederholen. Fast jede der Theron/Diesel-Sequenzen hätte um die Hälfte gekürzt werden können, und selbst dann wäre die Story noch sehr leicht verständlich.


Die vier wichtigsten Karten in diesem Auto-Quartettspiel sind unterdessen Dwayne Johnson, Jason Statham, Kurt Russell und Tyrese Gibson. Während Gibson mehrere lässig-alberne Sprüche vom Stapel lässt, punktet Russell als wandelnder Metakommentar. Fast & Furious 8 eröffnet mit einer nicht sonderlich aufregenden Rennsequenz auf Kuba (inklusive miesem CG-Effekt eines sich überschlagenden Autos) und einer visuell desaströsen Actionpassage in Berlin - dazwischen gibt es eine solide, aber etwas zu lange witzige Passage mit Dwayne Johnson als Fußballtrainer sowie träge Dominic-Toretto-Momente. Dann taucht plötzlich Kurt Russell auf und sagt (vermeintlich zu Scott Eastwood in seiner Rolle als strenger Jungagent, in Wahrheit aber zum Film), dass man ja immer sein Publikum kennen sollte. Und man habe es verloren. Also würden die Dinge nun vorerst nach seiner Masche laufen. Und, tada: Plötzlich gibt es ein Wiedersehen mit Jason Statham, der sich ein von Hassliebe erfülltes Wortgefecht mit Dwayne Johnson liefert, einen der wenigen pointierten Theron-Diesel-Momente und einen rasanten Gefängnisausbruch, in dem Johnson und Statham ihre Power als Actionmimen vorführen dürfen. Danach behält Fast & Furious 8 weitestgehend dieses Tempo und die Spritzigkeit in den augenzwinkernden Dialogen bei.

Kaum geht dieser Schwung verloren, schlägt Russell vor, dass wir doch mal viel Spaß im Big Apple haben. Es folgt: Eine irrwitzige Actionszene in New York City, in der ferngesteuerte Autos zombiegleich die Straßen terrorisieren, Vin Diesel zwischenzeitlich ein Outfit anzieht, das einem Horrorfilmschurken passen würde und unsere Helden mit launigen Kommentaren auf den Lippen von ihren Rennschlitten aus versuchen, ihren Kumpel aufzuhalten. Wenn nach der New-York-Szene wieder ein dramaturgischer Durchhänger folgt, ist klar, wer das XXL-Irrsinnsfinale des Films ankündigen darf: Kurt Russell, der seine Kollegen (sinngemäß) daran erinnert: "Ich sagte ja: Ich schau regelmäßig vorbei, um zu gucken, wie ihr euch so schlägt. Gerade läuft's ja so gar nicht, ich schlage Folgendes vor ..."

Für Teil neun schlage ich unterdessen vor: Wie wäre es, sich die Metakritik von Kurt Russells Figur noch in der Drehbuchphase zu Herzen zu nehmen und die Drehbuchmängel noch in der Skriptphase auszubügeln?

Freitag, 21. April 2017

Freitag der Karibik #39


Die Pirates of the Caribbean-Filme sind im Pantheon jener Filme, die von Walt Disney Pictures in die Kinos entlassen werden, eine Rarität. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Intensität, die ihnen bislang durchweg hohe Jugendfreigaben einbrachten. In den USA ernteten sämtliche Langfilme rund um Käpt'n Jack Sparrow vom dortigen FSK-Pendant, der MPAA, ein PG-13, was jüngeren Kindern den Zutritt ohne elterliche Begleitung verweigert. Diese Freigabe ging 2003 mit dem ersten PotC-Film, Fluch der Karibik, erstmals an einen Disney-Film und seither sind nur wenige, wenige Filme gefolgt.

Die Freigabebegründungen waren bislang auch nicht ohne. Es ging mit actionhaltiger Abenteuergewalt los, wurde dann erschreckend und letztlich sogar sinnlich und doppeldeutig:
  • Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl (2003): Rated PG-13 for action/adventure violence
  • Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest (2006): Rated PG-13 for intense sequences of adventure violence, including frightening images
  • Pirates of the Caribbean: At World's End (2007):  Rated PG-13 for intense sequences of action/adventure violence and some frightening images
  • Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides (2011): Rated PG-13 for intense sequences of action/adventure violence, some frightening images, sensuality and innuendo
Zum Vergleich, hier die wenigen anderen Disney-Filme mit diesem Rating:
  • Prince of Persia: The Sands of Time (2010): Rated PG-13 for intense sequences of violence and action
  • John Carter (2012): Rated PG-13 for intense sequences of violence and action
  • The Lone Ranger (2013): Rated PG-13 for sequences of intense action and violence, and some suggestive material
  • Saving Mr. Banks (2013): Rated PG-13 for thematic elements including some unsettling images
  • The Finest Hours (2016): Rated PG-13 for intense sequences of peril
Mittlerweile steht auch das MPAA-Rating für Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales alias Pirates of the Caribbean: Salazars Rache fest. Und neben den bisherigen Filmen der Reihe sowie Lone Ranger liest es sich ziemlich harmlos:
  • Rated PG-13 for sequences of adventure violence, and some suggestive content
Allerdings ist die MPAA auch (zumindest in Sachen Blockbustertrubel) über die Jahre milde geworden. Ende Mai können wir alle selber entscheiden: Ist es der Härteste der Disney-Piratenfilme, der Mildeste oder irgendwas dazwischen?

Freitag, 14. April 2017

Freitag der Karibik #38

Dieser Beitrag enthält Spoiler zu den ersten vier Pirates of the Caribbean-Filmen. Wer sie bislang nicht gesehen hat: Verflucht noch eins, nachholen!


Ein toter Mann erzählt keine Geschichten. Und, was mich anbelangt, erzählt man in der verfluchten Karibik bitte keine Geschichten mehr mit toten Männern.

Unter den Pirates of the Caribbean-Fans gibt es eine nicht gerade leise Splittergruppe, die sich wünscht, dass in kommenden Einträgen in das Franchise Tode aus den vergangenen Filmen "korrigiert" werden. Vornehmlich trifft dies James Norrington, der in Am Ende der Welt sein Leben ließ, um Elizabeth vor Davy Jones zu bewahren. Doch auch Theodore Groves und Lt. Gillette sind Inhalt von Fanträumen: Ihre stark implizierten Tode in Fremde Gezeiten haben einige Fans aufgebracht. Gefühlt vor allem weibliche Fans, die eine Neigung für nautische Uniformen haben.

Per se spielt es meinem Denken ja sehr in die Hände, wenn sich Leute in Begeisterung für Pirates of the Caribbean-Nebenfiguren üben. Schließlich predige ich seit Jahren, dass die Filmreihe mehr ist als die Käpt'n-Jack-Sparrow-Show. Dessen ungeachtet muss ich sagen: Bitte, bitte lasst die drei Marinejungs im Reich der Toten!

Denn Pirates of the Caribbean ist allem Prunk, Pomp, Protz und Piratenspektakel zum Trotz eine Filmreihe, die narrativ dramatischer ist und sich ernster nimmt als ein trotz einiger schwerfälliger Dialogpassagen vor allem auf Actionirrsinn setzendes Fast & Furious. Diese Autoactionreihe hat bereits einige seifenopernartige Twists gebracht, wird sicher noch allerhand folgen lassen und sie darf das auch. Denn letztlich geht es in ihr um Nichts. Sie will mit Getöse unterhalten. Ich finde derweil, dass Pirates of the Caribbean sehr wohl erzählerische Ambitionen hat. Und als eine so geartete Saga darf sie ihre dramatische Glaubwürdigkeit nicht überstrapazieren.

Im Laufe von vier Filmen haben wir bereits zwei zentrale Figuren über den Jordan geschickt, bloß um sie im nachfolgenden Part zurückzuholen. Da es sich hier um die ewigen Rivalen Käpt'n Jack Sparrow und Barbossa handelt, ist diese Dopplung als thematische Spiegelung (respektive als: "So unterschiedlich sind sie wirklich nicht, es widerfährt ihnen auch dauernd nahezu dasselbe") zu entschuldigen. Darüber hinaus haben wir mit Will Turner eine Figur, die im Sterben lag, um dann mittels eines doppelschneidigen Fluchs am Leben erhalten zu werden, sowie seinen Vater "Stiefelriemen" Bill Turner, dessen Hintergrundgeschichte sehr ähnlich ist.

Pirates of the Caribbean reizt die "Gestorben, aber doch nicht so ganz"-Idee in vier Filmen bereits so stark aus, wie es einer Fantasyreihe vergönnt ist. Nun weitere Figuren zu töten und dann wiederzubeleben, lässt die Saga Gefahr laufen, keine Fallhöhe mehr zu haben. Wenn jemandem etwas tödliches widerfährt, wie wollen wir da noch mitfiebern, wenn wir im Hinterkopf haben: "Höchstwahrscheinlich kehrt die Figur eh bald wieder!"?

Cameos in Geisterform ließe ich noch erdulden, aber eine vollwertige Wiederbelebung? Da habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache.

Dienstag, 11. April 2017

Worum handelt es sich beim "Untitled Disney Fairy Tale"?


Disney gibt seinen Fans und Konkurrenten Rätsel auf: Seit Monaten befindet sich ein Untitled Disney Fairy Tale im Kinostartkalender des Medienkonzerns. Da es keinerlei offiziellen News zu diesem Film gab und auch die Gerüchteküche still blieb, lag die Vermutung nahe, dass es sich um eine Karteileiche handelt - um einen vorab abgesteckten Starttermin, der klammheimlich aufgegeben wird, weil die für diesen Termin angedachte Produktion nicht vorwärts kam.

Doch weit gefehlt: Auf der Cinema Con in Las Vegas betonte Disney vor wenigen Wochen nochmal, dass am 28. Juli 2017 in den USA ein Untitled Disney Fairy Tale-Realfilm anlaufen wird. Und auch die deutsche Startliste des Verleihs spricht von einem solchen Film. Hier startet die rätselhafte Produktion jedoch am 3. August 2017. Und so drängen sich zwei Fragen auf: Wieso macht Disney das und um welchen Film handelt es sich dabei?

Warum macht Disney das?

Die Wege des Studios sind einzigartig und unergründlich. Disney ist Vorreiter und Meister in der "Starttermine weit im Voraus abstecken". Dies hat mehrere Gründe: So kann der einen mengenmäßig eher kleinen filmischen Output aufweisende Disney-Konzern den Aktionären signalisieren, aktiv und vorausschauend zu sein. Den Mitbewerbern zeigt diese Taktik, welche Starttermine sie mit ihren Großproduktionen besser meiden sollten. Und bei den Fans sorgt es für Spekulationen und somit für Gratishypevorbereitung.

Doch normalerweise deckt Disney die Titel mit genügend Vorlauf auf. Drei, vier Monate vor Kinostart noch immer einerseits geheimnisvoll zu agieren und keinen Filmtitel zu nennen, andererseits aber explizit zu sein und einen Starttermin für sich zu reservieren (statt einfach still zu sein und plötzlich einen Film aus dem Hut zu zaubern), ist ein sonderbares Verleihgebaren. Eine vorläufige Universalantwort habe ich nicht parat. Aber bei manchen potentiellen Filmen habe ich etwaige Antworten - und bei wieder anderen Filmen, die sich hinter dieser Maske verbergen, bin ich ratlos, weshalb Disney so verfährt. Einen Film werden sie ja wohl haben, der dann startet ?!

Um welchen Film kann es sich beim Untitled Disney Fairy Tale handeln?

Magic Camp: Bei dieser Disney-Komödie handelt es sich um einen von Steve Martin erdachten Film über ein Sommerlager für anstrebende Illusionisten. Das Ensemble besteht unter anderem aus Pitch Perfect-Darsteller Adam DeVine, Arrested Development-Rabenvater Jeffrey Tambor und Community-Ensemblemitglied Gillian Jacobs. Regie führte Freaky Friday-Macher Mark Waters. Was dafür spricht, dass dies der titellose Disney-Film ist? Magic Camp ist eine eher kleine Produktion, weshalb es Disney vielleicht reichen würde, seine Marketingmacht kurzfristig anzusetzen. Zudem behauptet Magier und Entertainer Justin Willman, der als Berater am Film beteiligt war, dass Magic Camp in den USA am 27. Juli startet. Da der 27. Juli ein Donnerstag ist, in den USA aber Filme freitags starten, irrt er entweder völlig, hat sich in der Eile um einen Tag vertan oder er hat sich schlicht vertippt. Was dagegen spricht: Magic Camp ist allen bisherigen Informationen zufolge nur für eine 2D-Veröffentlichung vorgesehen, das Untitled Fairy Tale hingegen für 2D und 3D. Außerdem ist eine Sommerlagerkomödie schwerlich als Märchen zu bezeichnen. Zuletzt: Die Dreharbeiten haben im Januar dieses Jahres begonnen, was bei großer Eile für einen Kinostart diesen Sommer genügen könnte. Da nächstes Jahr aber noch ein Untitled Disney Live Action-Film ansteht, würde ich eher tippen, dass dieser Magic Camp ist.

Tinkerbell: Seit Jahren ist ein Realfilm über die selbstverliebte Fee im Gespräch. Vergangenes Jahr postete Hauptdarstellerin Reese Witherspoon bei Twitter einen mysteriös-verräterischen Beitrag. Ein Film über Tinkerbell, die in unsere Welt gerät, könnte klein genug sein, um bislang unterm Radar zu fliegen und als die wahre Identität des titellosen Films geheim zu bleiben. Aber: Es ist bislang nur bekannt, dass Findet Dorie-Autorin Victoria Strouse das Drehbuch verfasst hat. Kein Regisseur wurde bekannt, genauso wenig, wer sonst mitspielt. Ist der Film noch nicht so weit oder wurde er so hervorragend unter Verschluss gehalten? Wenn zweiteres zutrifft: Wieso? Was gewinnt Disney dadurch, ihn nicht früher anzukündigen? Angst vor Übersättigung, die Die Schöne und das Biest ein paar Milliönchen kosten könnte?

Disenchanted: Die humorige Märchen-Hommage Verwünscht wird zehn Jahre alt. Da wäre es ein hübsches Jubiläumsgeschenk, die bereits bestätigte Fortsetzung überraschend aus dem Hut zu zaubern. Anders als bei Tinkerbell steht mit Adam Shankman auch ein Regisseur fest. Und nicht sogleich zwei Romantikmusicals zu bewerben, die sich aus der Disney-Renaissance nähren, könnte als Marketingstrategie gar nicht mal so dumm sein. Aber: Irgendwer hätte doch was von Dreharbeiten zum Verwünscht-Sequel mitbekommen, oder? Tatsächlich jedoch hat bislang niemand dergleichen gemeldet ...

Dumbo, Der König der Löwen, The Jungle Book 2, Aladdin: All diese effektlastigen Neu- respektive Weitererzählungen bereits bekannter Disney-Stoffe sind zwar bereits semiregelmäßig Bestandteil der Branchenberichterstattung, jedoch sind sie alle offiziell noch in der Vorproduktion und wir müssten es mit meisterhafter Täuschung zu tun haben, sollten sie eigentlich viel weiter fortgeschritten sein.

Christopher Robin alias Winnie the Pooh: Disney arbeitet seit April 2015 an einem Realfilmdrama über den erwachsenen Christopher Robin, der an seine Kinderzeit und (imaginären) Abenteuer mit Winnie Puuh zurückdenkt. Marc Forster steht seit November 2016 als Regisseur fest, und ein solches Drama könnte klein genug sein, um nicht weiter aufzufallen sowie in den Augen der Brancheninvestigativjournalisten unwichtig genug, damit sie dem Projekt nicht hinterherzuschnüffeln. Sollten kurz nach Forsters Anheuerung die Dreharbeiten begonnen haben, könnte der Film im Sommer fertig sein. In Disney-Sprech sind die ganzen Reboots von bereits als Meisterwerk behandelten Stoffen Fairy Tales. Selbst Mulan war bis zur offiziellen Startterminenthüllung ein Untitled Fairy Tale. Das hier würde also passen. Die 3D-Sache? Naja, vielleicht trennt Forster durch 2D und 3D die reale und imaginäre Welt. Wieso Disney es noch nicht bewirbt? Keine Ahnung.

Maleficent 2Ein veralteter, entfernter IMDb-Eintrag behauptete, dass das Untitled Fairy Tale eine Joe-Roth-Produktion ist. Joe Roth verantwortete unter anderem Maleficent, von dem nach dem Kassenerfolg eine Fortsetzung angekündigt wurde. Angesichts der giftigen Rezeption von Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln wäre es glaubwürdig, dass Disney einer weiteren Fortsetzung einer düsteren Neuadaption eines bereits verdisneyfizierten Materials nicht zu viel Vorabaufmerksamkeit zukommen lassen will. Aber: Die Klatschpresse hätte von Dreharbeiten mit Angelina Jolie gewiss Wind bekommen!

Cruella: Ein Realfilm über die 101 Dalmatiner-Schurkin in jungen Jahren. Mozart in the Jungle-Schöpfer Alex Timbers führt Regie, Emma Stone spielt die Hauptrolle. Könnte einerseits genug Wow-Faktor haben, dass Disney ihn als Überraschungsfilm wirksam empfindet, und zugleich kostengünstig genug, um diesen unbewährten Weg zu riskieren. Das mittelgroße Budget würde auch erklären, weshalb der Film, sollte er bereits nahezu fertig sein, noch niemandem auffiel. Da die Deals erst Ende 2016 geschlossen wurden, ist dieser Kandidat aber nur mäßig glaubwürdig. Zudem wüsste ich nicht, ob Disney bei einem Cruella-Film tatsächlich auf 3D bestehen würde.

The Nutcracker and the Four Realms: Lasse Hallströms Neuadaption des bekannten Stoffs von E.T.A. Hoffmann mit Helen Mirren, Mackenzie Foy, Keira Knightley und Morgan Freeman in tragenden Rollen und mit Musik von James Newton Howard. Klingt schonmal klasse. Die Dreharbeiten sollen im Januar 2017 beendet worden sein, was je nach Effektlast eine sehr knappe Postproduktion bedeutet. Aber vielleicht geht Hallström die Route von Joe Wrights Anna Karenina und lässt alles sehr bühnenhaft wirken? Das wäre großartig - und ist bei Disney sehr unwahrscheinlich. Aber vielleicht gerade daher auch die atypische Kommunikation? Man bewerbe einen Film, der auch Stoff für ein Big-Budget-Fantasywerk sein könnte, aber letztlich ein kunstvolles, mittelgroßes Projekt wurde, halt lieber kurz und intensiv. Was diese Theorie zerstört: Warum zum Henker sollte Disney ein so winterlich assoziiertes Projekt im Sommer starten?

Das Biest und die Schöne, Gaston & LeFou, LeFous verrücktes Abenteuer oder sonstein Die Schöne und das Biest-Ableger: Hier die verrückte Fantheorie des Tages: Disney und Regisseur Bill Condon haben den massiven Erfolg von Die Schöne und das Biest erahnt und während dessen langer Postproduktion heimlich einen zweiten Film zusammengeschustert, der im selben Universum spielt oder die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt. Das wurde noch nicht kommuniziert, um die Kundschaft beim Kartenkauf nicht auszubremsen (es soll ja keiner sagen "Ach, ich warte lieber darauf!"). Nach dem massiven Startwochenende wurde dann seitens Disney gegenüber den Branchenblättern vage über weitere Filme in der Welt dieses Kassenschlagers spekuliert, um die Saat der Neugier in unseren Köpfen zu säen.

So weit meine Gedanken zu dem Thema. Nun bin ich auf eure gespannt!

Montag, 10. April 2017

Collide


Collide eröffnet mit den Folgen eines gewaltigen Unfalls auf einer deutschen Autobahn, begleitet von einem in Pathos schwimmenden Erzählerkommentar. Protagonist Casey (Nicholas Hoult) erklärt in einem Autowrack, welch enormen Antrieb die Liebe einem verleihen kann. Daraufhin dreht Regisseur Erin Creevy die Zeit zurück, um am eigentlichen Startpunkt seiner Actionfilmstory neu anzusetzen. In diesen wenigen Augenblicken hat der vornehmlich für Musikvideos bekannte Regisseur bereits die Karten offen auf den Tisch gelegt. Er ist kein Stück weit an Ruhe, Feinheiten oder Untertreibungen interessiert. Er lässt seine komplett in Deutschland spielende, vornehmlich in Köln und Umgebung gedrehte, internationale Gemeinschaftsproduktion nahezu durchweg so flott wie möglich voran preschen.

Die von Creevy und F. Scott Frazier verfasste Handlung, die sich nach diesem Prolog entfaltet, ist so dünn und geradlinig, dass jeder beliebige Fast & Furious-Film daneben wie ein komplexes und verworrenes Gesellschaftsdrama wirkt. Der Autodieb Casey verließ die ihm heimischen USA, als ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde. In seiner Wahlheimat Köln übernimmt er kleine Ganovenaufgaben für den filmvernarrten, zugedröhnten türkischen Gangster Geran (Ben Kingsley). Zumindest, bis ihm die bildhübsche Barkeeperin Juliette (Felicity Jones) begegnet und er ihr verspricht, ein besserer Mensch zu werden. Das naive Liebesglück wird jedoch jäh gestört, als bei Juliette ein Nierenversagen festgestellt wird. Um an das unverzichtbare Kleingeld für die rettende OP zu gelangen, willigt Casey ein, für Geran einen letzten, riskanten Job zu übernehmen: Er soll Drogenbaron Hagen Kahl (Anthony Hopkins) berauben …

Das Pedal immer voll durchdrücken. Das ist in Collide die Antwort auf alles. Creevy zeichnet die Beziehung von Juliette und Casey nicht als kleine Turtelei, sondern direkt als große, jeglichen Atem stocken lassende Liebe, die Schicksale überwindet. Inhaltlich untermauert werden die ausschweifenden, inszenatorischen Gesten Creevys nicht – es ist nahezu unmöglich, ein Persönlichkeitsprofil von Juliette zu erstellen oder zu erklären, was die beiden Liebenden charakterlich aneinander finden. Was Creevy und Frazier auf Skriptseite an Substanz auslassen, wird doppelt und dreifach auf bild- und klangästhetischer Ebene wett gemacht. Das Kennenlernen Caseys und Juliettes verschmilzt mit Ausblicken auf ihre nachfolgende Beziehung, bis diese das Geschehen komplett übernehmen und Creevy somit einen Zeitsprung vollzogen hat. Untermalt von gleichermaßen kraftvoller wie schmachtender Popmusik und dargestellt durch Ed Wilds markante fotografische Impressionen wird einem die Funktion dieser Szenenfolge eingehämmert: Liebe ist intensiv. Liebe lässt das Zeitgefühl verschwinden. Wer frisch verliebt ist, der rast unbesorgt durchs Leben, denkt, alles sei möglich.

Es ist eine sehr stylische, die „Der Schein ist Sein!“-Stimmung dieses Actioners schürende Passage. Denn die Figuren in Collide handeln allesamt gemäß der Genredoktrin und manövrieren sich somit durchweg in „Ich regle das schon alleine!“-Risikosituationen, die sich nur durch lockere Sprüche, aberwitzige Tricks und vor allem jede Menge Action lösen lassen. Durch den Einstieg ist all dies aber auch überdeutlich in einem vergnügten, sich nie zu ernst nehmenden Filmuniversum verortet. Nein, Collide ist keineswegs eine Actionfarce. Und die Beziehung zwischen Casey und Juliette wird zwecks narrativer Effizienz mit Pathos aufgeladen. Doch niemals versucht sich Collide am figurenbasierten, redseligen Drama der in Fast & Furious dauerpräsenten „Alles für die Familie“-Manier. Collide fährt seine ganze Strecke in nur zwei Gängen: Strikte Action und das überdrehte, nicht aber parodistische Dazwischen.

Und wer handgemachte Autoaction sehen will, bekommt sie hier auch wiederholt um die Ohren gepfeffert: Von einer lachhaft-offensichtlichen, aus dem Computer stammenden LKW-Frontaufnahme abgesehen setzt Collide auf spektakuläre Autostunts. Nicht im Sinne „Welche aberwitzigen Dinge kann man mit Autos anstellen? Wollen wir ein paar aus einem Flugzeug schmeißen?“ Sondern im Sinne: „Wie haben die das nur gedreht?“ Immer und immer wieder krachen Autos in hohem Tempo ineinander, überschlagen sich, werden beschossen, düsen knapp aneinander vorbei und explodieren. Stuntgewitter pur, so, als hätte man es in den Actionstrecken dieses Films mit einer stunttechnisch einfallsreicheren, besonders kostspieligen Alarm für Cobra 11-Episode zu tun. Was gar kein so absurder Vergleich ist: Creevy bediente sich tatsächlich an der Stuntcrew des RTL-Dauerbrenners.

Collide als Gesamtwerk mit Alarm für Cobra 11 gleichzusetzen, wäre indes ungerecht, geht Creevy doch viel verspielter mit der Alibistory um. Allein schon Ben Kingsley als inkohärent daherschwafelnder, sich selber überschätzender Verbrecherboss kitzelt mit seinen Abschweifungen wiederholt die Lachmuskeln, und auch Nicholas Hoults Kombination aus verwundertem Blick und todernster Miene wird pointiert eingesetzt. Anthony Hopkins dagegen hat sichtbare Spielfreude daran, das Abziehbild eines belesenen Oberschurken zu geben: Hagen Kahl lamentiert theatralisch vor sich hin und ist somit auch ohne Wortwitz eine amüsante Figur. Sinn ergibt sein Vorgehen nur gelegentlich, und manchmal wissen Creevy und Cutter Chris Gill wohl nicht, die Schere anzusetzen, bevor es zu viel des Überbetonten wird. Dafür sind die Actionszenen umso besser geschnitten: Rasant, aber nie so wild, dass die haptischen Stunts bis zur Unkenntlichkeit kleingehackt würden.

Die Strecken, die Casey und seine verbitterten Verfolger hier blitzschnell geografisch zurücklegen, sind zwar ebenso fraglich, wie der von glücklichen Zufällen lebende Plan des überschaubar skizzierten Helden. Und die Frage „Wie kann man das alles überleben?“ hat während Collide-Kinovorführungen besser Saalverbot. Aber Creevy packt seine hohle, vorwärtsgetriebene Action in ein so mitreißend-zügiges, tonal in sich schlüssiges, klanglich kraftvolles Paket, dass es wenigstens ehrlich und unverfälscht ist. Leider geil!

Fazit: Temporeich, humorvoll und dennoch geradlinig: Mit saustarken Stunts, energiereicher Musik und ansehnlicher Optik bietet Collide sehr vergnügliche, hohle Autoaction-Unterhaltung.