Donnerstag, 17. August 2017

The Promise


Das Historiendrama The Promise geriert Anfang des Jahres in die Negativschlagzeilen der Filmpresse, weil es zügig in die höheren Reihen der IMDb-Flopliste wanderte. Doch die von Hotel Ruanda-Regisseur Terry George inszenierte und verfasste, mehr als zweistündige Produktion ist nicht etwa so ein qualitativer Totalausfall wie die ebenfalls mit zahllosen Negativbewertungen bedachte Animationskomödie Emoji – Der Film, die sich im Userranking der bekannten Plattform einen Katastrophenrang sicherte. Stattdessen ist The Promise ein Paradebeispiel für die Unverlässlichkeit des Filmportals. Unmittelbar nach der Weltpremiere war der Film für Userwertungen freigegeben – und wies innerhalb weniger Sekunden mehr 1/10-Wertungen auf, als die Premiere überhaupt Besucher hatte. Kurze Zeit später hatte The Promise rund 70.000 Wertungen mit der Tiefstnote. Georges Versuche, sich mit den IMDb-Betreibern wegen dieser Hate-Wertungen auseinanderzusetzen, liefen schief – und so starteten er und diverse Prominente einen Aufruf, zum Ausgleich 10/10-Wertungen abzugeben, so dass sich die unehrlichen Abstimmungen gegenseitig aufwiegen.

Diese Hintergründe überschatten nicht etwa den eigentlichen Film und sein geschichtliches Thema – sie unterstreichen viel mehr, wie dringend eine Kinoproduktion wie The Promise gebraucht wird: Die Geschichte beginnt während der letzten Atemzüge des Ottomanischen Reiches und mündet letztlich darin, dass die Protagonisten Zeugen des Völkermordes an über einer Millionen Armenier während des Ersten Weltkrieges werden. Ähnlich, wie Deutschland beschämenderweise noch immer Probleme mit Geschichtsverleugnern hat, die den Holocaust als infame Lüge bezeichnen, gibt es noch immer viele Menschen, die diesen Genozid als fiktiv erachten – und da sich die Literatur und Filmkultur deutlich weniger mit dem Mord an zahlreichen Armeniern beschäftigt als mit den Schandtaten der Nationalsozialisten, haben die Geschichtsverdreher in diese Fall ein leichteres Spiel.

Die The Promise-IMDb-Misere ist eine Folge dessen: Das Geschichtsdrama wird in dunkleren Ecken des Internets als Propaganda bezeichnet, die eine erlogene Schandtat als Wahrheit darstellen würde. Diese sowieso schon ungeheuerlichen Kommentare sind angesichts des eigentlichen Schwerpunkt des Films noch kurioser, denn schlussendlich erzählt The Promise nur im Hintergrund von den wahren Gräueltaten – im Mittelpunkt des Films stehen fiktive Figuren und ihre Liebe zueinander: Der begabte Medizinstudent Michael (Oscar Isaac) verliebt sich Hals über Kopf in die attraktive Künstlerin Ana (Charlotte Le Bon), die aber bereits in einer Beziehung mit einem amerikanischen Fotojournalisten (Christian Bale) steckt. Dessen ungeachtet fangen Michael und Ana eine leidenschaftliche Affäre an – bis der Erste Weltkrieg eskaliert und die Herrschenden im Ottomansischen Reich Jagd auf Menschen mit armenischen Wurzeln macht, und somit auf Michael und Ana …

George fängt dieses Liebesdreieck zunächst mit einer altmodischen Melodramatik ein – in prachtvollen Bildern und mit schmachtender Musik. Überhaupt wirkt The Promise, wann immer das Drama nicht nah an die Kriegsschrecken heranfährt, bewusst altbacken und von der Exotik eines anderen Ortes zu einer anderen Zeit verzaubert. Das ist eine zweischneidige erzählerische Entscheidung. Der Ansatz, das dunkle Geschichtskapitel des Genozids an Armeniern während des Ersten Weltkrieges mit einer tragischen Liebesgeschichte zu verschränken, ist nur auf dem ersten Blick abgedroschen. Dutzende von wichtigen Geschichtskapiteln wurden durch die Verquickung einer (oft fiktiven) Romanze, und somit einem zwischenmenschlichen, privaten Schicksal, und der umfassenderen historische Tragödie begreifbar gemacht. Regisseur/Autor Terry George versucht mit The Promise, ein Ungleichgewicht zu beheben, indem er eine oft unter den Teppich des Verschweigens gekehrte Begebenheit genau so anpackt, wie schon viele andere zuvor.

Dennoch stolpert The Promise in der Umsetzung zuweilen über die eigenen Füße. Wenn der hervorragende Hauptdarsteller Oscar Isaac in den dreckig-ergreifenden Bildern des Kameramanns Javier Aguirresarobe die Grausamkeit der Ereignisse unmittelbar erkennt, ist dies viel ergreifender als die nach Lehrbuch konstruierte Dreiecksbeziehung, welche das genreaffine Publikum zuvor (und danach) durch ihre Austauschbarkeit zu distanzieren droht. Die an historischen Begebenheiten orientierten Szenen sind dank der passionierten Umsetzung aber genug, um die schwächeren Momente aufzuwiegen, wenn man dem Film denn eine Chance gibt. Dennoch wäre hier etwas weniger mehr gewesen – mit einer konzentrierteren Erzählung und einer etwas zügigeren Laufzeit würden die immer harscheren Tiefen, die unsere Protagonisten durchmachen, noch härtere Schläge in die Magengrube und daher eindringlicher.

The Promise ist ab sofort in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 28. Juli 2017

Freitag der Karibik #53

Ich stimme folgendem Videoessay zwar nicht in seiner Position gegenüber den Sequels zu, doch seine detaillierte Analyse der erzählerischen Glanzpunkte in Fluch der Karibik unterschreibe ich gerne.


Freitag, 21. Juli 2017

Freitag der Karibik #52

Auf der D23 Expo gab es ein nahezu einstündiges Panel zur Geschichte der Marke Pirates of the Caribbean innerhalb des Disney-Konzerns, das ich euch nicht vorenthalten möchte!


Donnerstag, 20. Juli 2017

Der Vollposten


Eine durch und durch alberne Komödie mit immenser Gagdichte, die vor kaum einem Klischee oder Kalauer Halt macht – und sich durch gepfefferte Seitenhiebe auf nationale Eigenheiten bei aller grellen Überzeichnung ein respektables Grundniveau erarbeitet: Solche Schenkelklopferkomödien sind in Deutschland nahezu ausgestorben – bei unseren italienischen Freunden hingegen ist Anfang 2016 eine derartige Kinoproduktion durch die Decke geschossen. Der Vollposten (im Original: Quo Vado?) ist mit rund zehn Millionen Besuchern zwar nicht der meistbesuchte italienische Film aller Zeiten, selbst wenn die Marketingkampagne diesen Irrtum befeuert. Die meistbesuchte Eigenproduktion seit über 16 Jahren zu sein, ist allerdings ebenfalls eine stattliche Leistung. Und rein an den Einnahmen bemessen ist Der Vollposten (ohne Berücksichtigung der Inflation) derzeit dann doch der größte Filmhit Italiens ...

Ähnlich wie vor einigen Jahren der französische Überraschungserfolg Willkommen bei den Sch'tis, kommt Der Vollposten auf der Welle einer euphorischen Publikumsreaktion im eigenen Lande auch nach Deutschland – und wie schon die französische Beamtenkomödie erhält der italienische Kassenschlager eine Promisynchro: Hauptdarsteller Luca Pasquale Medici, der in diesem Film in die Rolle seiner Kunstfigur Checco Zalone schlüpft, wird in der deutschen Fassung von Bastian Pastewka eingesprochen – eine Besetzung, die wie die Faust aufs Auge passt. Nicht nur, dass der mittlerweile sehr synchronerfahrene Pastewka eine hervorragende Sprecherleistung vollbringt, er könnte auch problemlos Checco Zalones Rolle in einem deutschen Remake übernehmen. Denn der um seinen Vollposten kämpfende Protagonist dieser südländischen Komödie ist ein arbeitsscheuer Maulheld mit Hang zum Chaos – also genau der Schlag Mensch, als den sich Pastewka in seiner nach ihm benannten Sat.1-Comedyserie darstellt.

Ein egoistischer Faulenzer mit Herz
Checco Zalone führt das, was er als Traumleben bezeichnen würde: Er hat eine unbefristete Festanstellung in der Landesverwaltung für Jagd und Fischerei. Er lebt noch bei seiner heißgeliebten, ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesenden Mama. Und er hat es bislang problemlos geschafft, sich vor der Verlobung mit seiner langjährigen Freundin zu drücken – und so auch vor der Verantwortung einer Ehe und etwaiger Kinder. Dann aber macht ihm die Reform der italienischen Beamtenstruktur einen Strich durch die Rechnung: Ausgerechnet seine Stelle soll zwecks Einsparungen gestrichen werden. Checco wird vor die Wahl gestellt: Entweder er kündigt und nimmt eine Abfindung entgegen – oder er lässt sich versetzen.

Da Checco weiß, wie entspannt und wohlbezahlt das Beamtentum ist, lässt er sich von der eiskalten Beamtin Sironi (Sonia Bergamasci) von einem ungeliebten Posten zum nächsten durchreichen. Aber ganz gleich, wie zermürbend Sironi sich Checcos neuen Posten auch vorstellt – er ist glücklich. Als Sironi ihn beim Versuch, endlich in eine Kündigung zu drängen, weit über Italiens Grenzen hinaus versetzt, lernt er zudem mit der weltoffenen Forscherin Valeria Nobili (charismatisch: Eleonora Giovanardi) eine Frau kennen, die sein Herz wirklich in die Höhe springen lässt. Doch mit einer innigen Zuneigung kommen größere Probleme einher als mit einer Zweckbeziehung …

Luca Pasquale Medici respektive Checco Zalone ist zu Beginn der Handlung ein Taugenichts und Drückeberger, wie er im Buche steht. Dass der trotz seiner Selbstgefälligkeit als Sympathieträger taugt, liegt zu großen Teilen an der genüsslichen Spielweise des italienischen Entertainers (sowie an der kongenialen Synchronisation): Checco weiß, was für ein schmieriger Typ er ist. Mit breitem Grinsen erklärt er über seinen Schreibtisch hinweg seinen Mitbürgern, dass es ja keine Bestechung sei, wenn sie ihn aus Dank für die ausgestellten Lizenzen mit Lebensmitteln überhäufen. Er erklärt in einem fröhlichen Singsang, dass er Miete spart, weil er noch bei Mama lebt. Und wenn er von seinem ach-so-anstrengenden Fahrweg zur Arbeit spricht, dann blitzt in seiner Stimmlage Ironie auf sowie ein Hauch von Unglauben, als würde er denken: „Habe ich gerade tatsächlich über den Steinwurf von Pendelstrecke gejammert?“

Hinzu kommt, dass Checco zwar ein Egoist ist, dabei aber eine gewisse Gutmütigkeit bewahrt hat: Er ist zwar ein Verantwortungsallergiker und zuweilen unbequem, jedoch schadet er niemandem willentlich. Er ist nur auf lachhafte Weise davon besessen, es sich selbst besonders gemütlich zu machen – und verdient sich in seiner Impertinenz sogar etwas Respekt. Wenn sich die keifende Gesundschrumpfungsbeauftragte Sironi daran ergötzt, wie unmöglich und demütigend die nächste Stelle doch sei, die sie Checco aufbrummt, reagiert dieser stets entspannt und findet in jedem Posten etwas Gutes. So wandelt sich aus der grotesken Karikatur des unausstehlich faulen Beamten schnell ein Vorbild dafür, wie sich Arbeitnehmer das Beste aus ihrem Job ziehen können, während herrische Vorgesetzte einem immer neuen Steine in den Weg legen. Checcos Charakterwandel hin zum fürsorglichen und umsichtigen Zeitgenossen skizziert das Drehbuch im weiteren Handlungsverlauf derweil sprunghaft – zieht daraus aber auch wieder einen Gag: Nimm den Italiener raus aus dem heißen Süden, steck ihn in den kühlen Norden, schon wird er ein besserer Mensch.

Ein komödiantischer Rundumschlag
Die von Regisseur Gennaro Nunziante routiniert abgefilmte, teils nach 90er-Fernsehfilm aussehende Komödie feuert ihre Lachsalven im Laufe ihrer knackigen Spielzeit einmal quer in alle Richtungen. Vor allem nehmen die Filmemacher sich und ihre Landsleute auf dem Arm: Übertriebenes Temperament. Italiener sind verrückt nach ihrer Mutter. Sie sind unromantische Machos. Und Fußball kommt nicht ohne dramatische Schwalben aus. In diesen Gags steckt neben einem Hauch Selbstkritik stets auch ein freundliches Grinsen: Diese Macken haben Italiener nun einmal – und teils sind sie doch auch liebenswürdig, etwa, wenn Zalone durchdreht, nachdem er in Norwegen miese Nudeln gegessen hat.

Insofern ist der Humor von Der Vollposten auch universell, da die Komödie zeigt, wie man im fremden Land zu schätzen weiß, was man in der Heimat für selbstverständlich genommen oder gar gehasst hat. Nebenher werden so auch Eigenheiten anderer Nationen durch den Kakao gezogen. Subtil sind diese Pointen nie, doch sie schwanken zwischen cleverer Überzeichnung (etwa bezüglich der Obstpreise in Norwegen) oder dreist ausgelebtem Klischee (natürlich gibt es in Afrika Kannibalen, und selbstredend fasst der Held ihnen seine Lebensgeschichte zusammen). Die Logik des Ganzen sollte man als Zuschauer nicht zu sehr hinterfragen, und der eine oder andere Rohrkrepierer sorgt für kleine Durststrecken in diesem Feuerwerk aus Kalauern, Wortspielen und comichafter Situationskomik. Begleitet von einem humorvollen Soundtrack (inklusive hochironischer Lobeshymne auf Italien) und gestützt durch die erfrischend unkitschige Romanze zwischen Zalone und Eleonora Giovanardis Valeria ulkt sich Der Vollposten jedoch gekonnt durch seine humorigen Dürreperioden. Der Schluss ist zwar arg aufgesetzt, für höchstvergnügliche Filmmomente ist die mit manch peinlichen CG-Effekten bestückte Komödie trotzdem allemal zu haben.

Fazit: Auch wenn Der Vollposten nach einem verstaubten Fernsehfilm aussieht, ist der italienische Kassenschlager alles andere als dröge: Mit viel Selbstironie feuert diese Komödie ein Feuerwerk der Kalauer und Situationskomik ab – herrlich albern und mit einem Hauch von Hintersinn.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Mittwoch, 19. Juli 2017

Nerve


Die Vielzahl an digitalen Diensten hat die Welt ein Stück kleiner werden lassen. Es ist ein Leichtes, am Laufenden zu bleiben, wie es Freunden ergeht, die ans andere Ende der Welt gezogen sind. Ebenso ist es möglich, überhaupt erst Freunde am anderen Ende der Welt zu finden. Doch mit der ständigen Vernetzung kommen obendrein zahlreiche Möglichkeiten, sich einander zu messen. Wer hat die meisten Follower bei Twitter? Wer ist bei Snapchat am populärsten? Wer versammelt mit seinen Pics die meisten Fans bei Instagram? Wer ergattert die meisten Likes bei Facebook und wessen Videos generieren die meisten Views bei YouTube? Es reicht kaum mehr, sich von Angesicht zu Angesicht zu verstehen. Freunde sollten auch online was zu bieten haben – und einen im Idealfall dabei nicht überschatten.

Im stylischen Jugendthriller Nerve gibt es eine weitere Form des digitalen Popularitätswettbewerbs: Das titelgebende, juristisch fragwürdige Onlinegame Nerve, das gerade New York im Sturm erobert. An Vees (Emma Roberts) High School gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema. Unter anderem kommt ihre beste Freundin Sydney (Emily Meade) dort super an. Kein Wunder, ist es doch perfekt auf solche sich ständig in den Mittelpunkt drängende Personen wie Sydney zugeschnitten: User können sich dort als Watcher oder Player anmelden. Watcher können über Social-Media-Anwendungen verfolgen, wie die Player diverse von den Watchern gestellte Aufgaben erfüllen. Player wiederum bekommen für das Erfüllen ihrer Aufgaben nicht nur Onlineruhm und -ehre, sondern auch Preisgelder. Heiklere Aufgaben bedeuten mehr Watcher und mehr Geld.

Als sich Sydney und ihre ruhigere Freundin darüber streiten, ob Vee zu zurückhaltend oder Sydney eine zu oberflächliche Rampensau ist, meldet sich Vee kurzentschlossen als Player an, um es ihrer Weggefährtin mal so richtig zu zeigen. Mit ihrem Kumpel Tommy (Miles Heizer) als höchsteigenen Kameramann im Schlepptau macht sich Vee auf, bei Nerve ordentlich zu punkten. Bei ihrer ersten Mutprobe lernt Vee den gutaussehenden Ian (Dave Franco) kennen, der ebenfalls an Nerve teilnimmt. Die Beiden bilden ein Team, das den Watchern gefällt – doch Vees steigende Popularität bei den Nerve-Watchern stellt ein zweischneidiges Schwert dar …

American Horror Story-Autorin Jessica Sharzer, die sich hier an einem Jugendroman entlanghangelt, sichert sich doppelt ab: Sie verleiht Vee sogleich zwei Gründe, bei Nerve aktiv zu sein. Die sensible und talentierte Fotografin braucht dringend Geld, um sich ihre Collegeträume zu erfüllen – und hat die Nase gestrichen voll davon, als feiges Huhn zu gelten. Obwohl es per se keineswegs kritisch zu hinterfragen ist, wenn die Motivation einer Filmheldin auf mehreren Argumenten ruht, tut sich Sharzer bei Nerve keinen Gefallen damit: Würde Vee allein von der Sehnsucht nach digitaler Anerkennung und der Freude am Nervenkitzel angetrieben werden, wäre dieser Thriller ein spitzer, hochkonzentrierter Kommentar auf die eitle Social-Media-Geltungssucht. Dadurch, dass Vee mit den Mutproben auch Geld verdient, wird dieser Aspekt von Nerve etwas verwässert – obendrein wirft dieses Storydetail die Frage auf, wo das Geld herkommt, das die Player gewinnen können. Es gäbe zahlreiche potentielle Erklärungen, doch Nerve gibt keine einzige.

Trotz der somit etwas störenden Preisgeld-Komponente atmet Nerve inhaltlich sowie stilistisch den Zeitgeist der späteren Generation Y und der Generation Z. Zwar vermitteln die Dialoge den emotionalen Subtext der charaktergetragenen Szenen recht explizit, allerdings gelingt dem Dialogbuch problemlos die Darstellung dessen, wie sich junge Digital Natives heute unterhalten. Während ähnlich gelagerte Filme wie #Zeitgeist fatal scheitern und zwischen einem anbiedernd-konstruierten Übermaß an Jugendsprache und einem verstaubten Vokabular schwanken, wirkt die Sprache in Nerve aktuell und natürlich. Die Regisseure Henry Joost & Ariel Schulman (Catfish) wiederum hüllen den jüngsten Eintrag ins Mutprobenfilm-Subgenre in eine hippe, moderne Bildästhetik ohne dabei übers Ziel hinauszuschießen und manisch den Look viraler Hits zu imitieren.

Während Komponist Michael Simmonds einen pulsierenden Electroscore beisteuert, der sich nahtlos in die facettenreiche Auswahl an Songs aus diversen Electro-Subgenres fügt, verwandelt Kameramann Michael Simmonds (Lunchbox) New York City zur Welthauptstadt der Neonfarben: Nerve erstrahlt in einem kontrastreichen, fiebrigen Farbenrausch, wie er aus einem Retro-Musikvideo oder einer Nachtszene eines Nicolas-Winding-Refn-Film entflohen sein könnte. Kombiniert mit einem temporeichen Schnitt und einer für moderne Thrillerverhältnisse recht ruhigen, übersichtlichen Kameraführung hat Nerve nicht nur Style, sondern vermag es auch, aus den sich steigernden Mutproben fesselnde Setpieces zu formen. Egal, ob hohe Abgründe überwunden werden müssen oder die Watcher halsbrecherische Motorradstunts fordern: Nerve macht durch die optisch ansprechende Inszenierung sehr viel aus seinen kleinen Actioneinlagen.

Trotzdem ist Nerve keine bloße Aneinanderreihung kleiner Thrills: Auch wenn Emma Roberts und Dave Franco in ihren Rollen wenig gefordert werden und streng genommen einen Hauch zu alt für sie sind, formen sie aus ihren Figuren ein sympathisches, charismatisches Doppel. Sie wirken zwar keineswegs wie ein Traumpaar, wohl aber wie ein kecker Flirt – was genau richtig für dieses Material ist, das dank pointierter Verbalschlagabtausche und gelegentlicher ironischer Seitenhiebe in einer launigen Stimmung verankert wird. Daher kommt Nerve auch nie belehrend rüber – es ist einfach eine coole Geschichte über aufstrebende Webstars, die von Usern dazu gedrängelt werden, über die Stränge zu schlagen.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Montag, 17. Juli 2017

Ralph reicht's mit den deutschen Filmtiteln


Disney Deutschland und seine Filmtitel. Eine lange Geschichte voller Frustrationen. Und mitunter trifft es dieselbe Filmreihe mehrmals. Disneys karibische Piraten können ein Lied davon singen (oder auch zwei), nun auch Wreck-it Ralph. Ich fand ja schon den Titel des Erstlings wenig geglückt, doch Ralph reicht's ist ein Spitzentitel im Vergleich zu dem, was aus Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 gemacht wird: Webcrasher - Chaos im Netz!

Ja, allen Ernstes. Disney plant derzeit, den mit einer Millionen Besucher zugegebenermaßen an Disney-Maßstäben gemessen wenig erfolgreichen Erstling zu ignorieren, keinerlei Verbindung zu ihm zuzulassen und einen Filmtitel zu wählen, der nach einer ZDFtivi-, ARD-Kinderprogramm- oder KiKA-Serie klingt.

Dabei wäre es nicht so schwer, einen besseren Filmtitel zu wählen.

Fangen wir beim Untertitel an: Wenn unser Held schon Randale-Ralph heißt, wieso nennen wir seine Fortsetzung dann Chaos im Netz, und nicht etwa Randale im Netz? Wer das Original nicht gesehen hat, fühlt sich nicht ausgeschlossen, dennoch besteht nun eine Verbindung.

Der Übertitel wiederum ... Nun, der tut einfach nur weh. Im Idealfall würde ich den einfach wegstreichen. Randale im Netz kann doch sehr gut alleine stehen, oder?

Sonntag, 16. Juli 2017

Filme, Attraktionen, Panels: Die wichtigsten Momente und Erkenntnisse der D23 Expo 2017


Film:
Webcrasher - Chaos im Netz


Hinter dem obigen, saudämlichen deutschen Titel verbirgt sich Ralph reicht's 2. Die Fortsetzung handelt davon, dass Sugar Rush kaputt geht - weshalb sich Vanellope und Ralph zusammentun, um mit der Power des in ihrer Arcade endlich installierten Wi-Fi das Spiel wieder instand zusetzen. Auf ihrer Irrfahrt durchs Netz landen sie unter anderem auf der Webseite OhMyDisney, wo alle Disney-Prinzessinnen von Sturmtrupplern besetzt irrwitzige Gespräche miteinander führen und Stan Lee um seinen obligatorischen Cameo bettelt.

Lachkrämpfe dürften bei diesem Animationsfilm also garantiert sein.

Star Wars - Die letzten Jedi




Avengers: Infinity War


Darüber hinaus wurde ein Trailer zum Film gezeigt - und obwohl zuvor schon das Star Wars-Material den Saal in Begeisterung versetzt hat und während des Trickfilm-Panels die Ralph reichts-Fortsetzung mit dem Aufeinandertreffen der Disney-Prinzessinnen für Furore sorgte, waren sich mehrere US-Publikationen einig: Diese Vorschau ist das Highlight der D23. Halleluja, da kann man es nicht mehr abwarten, diesen Trailer selber in Augenschein zu nehmen, oder?!

The Lion King


Jon Favreaus Der König der Löwen-Remake eröffnet offenbar mit einem Shot-for-Shot-Remake der Der ewige Kreis-Sequenz, was diverse D23-Besucher (darunter auch die Collider-Crew) vollkommen umgehauen hat. Ohne das noch nicht abseits der Expo veröffentlichte Material gesehen zu haben, bin ich etwas skeptischer, ob wir sowas überhaupt brauchen, aber ... Abwarten ...

Die Unglaublichen - Teil 2

Auf der D23 wurden endlich erste konkrete Informationen über Brad Birds heiß ersehnte Superheldenfortsetzung bekannt gemacht. Das Sequel zu Die Unglaublichen holt im englischsprachigen Original Craig T. Nelson und Holly Hunter), Samuel L Jackson sowie Sarah Vowell in ihren Rollen aus dem Original zurück, während Flash/Dash nun von Huck Milner gesprochen wird. Obwohl der Film "kurz nach dem Ende des ersten Teils beginnt", wird es einen neuen Schurken geben, zudem muss sich Familie Parr in ein "erweitertes Universum" eingliedern. Dennoch werde die Familiendynamik den Kern der Story bilden: Es geht um typischen Familienstress - nur dass diese Familie zufälligerweise über Superfähigkeiten verfügt.


Darüber hinaus wurde Modeschöpferin Edna Mode (im Original erneut gesprochen von Regisseur Brad Bird) mit einem sehr witzigen Video gewürdigt.

Untitled DisneyToon Studios


Überraschung! Schon seit einiger Zeit steht im Raum, dass die DisneyToon Studios im Frühjahr 2019 mit einem bislang unbetitelten Film in die Kinos zurückkehren werden. Bislang gingen Branchen-Kenner und Disney-Vernarrte jedoch stillschweigend davon aus, dass es sich um die verspätete Fortsetzung des Tinkerbell-Franchises handeln wird. Denn noch bevor Die Legende vom Nimmerbiest als (vorläufiges?) Ende bestimmt wurde, kamen Gerüchte auf, dass der zum damaligen Zeitpunkt in der Vorproduktion befindliche nächste Part der Reihe nicht völlig abgesägt, sondern schlicht in eine inhaltliche Neustrukturierung geschickt wurde. Frei nach dem Motto: Das Franchise wirft weniger Geld ab als zuletzt, also prüfen wir die Qualität nun doppelt und dreifach.

Tja, da haben wir uns alle geirrt. Der noch titellose DisneyToon-Studios-Film handelt stattdessen von der Zukunft der Fliegerei. Laut John Lasseter wird es aber keine Planes-Fortsetzung sein, sondern "ein Originalfilm, angesiedelt in der Welt von Cars und Planes" - leicht widersprüchliche Ansage ...

Regie führen Klay Hall (Regisseur des ersten Planes-Films) und Bobs Gannaway (Planes 2), Ferrell Barron (Ferkels großes Abenteuer) produziert.

The Untitled Pixar Film That Takes You To A Suburban Fantasy World

Dan Scanlon, Regisseur von Die Monster Uni, inszeniert einen noch titellosen Original-Pixar-Film, der in einer sehr interessanten, alternativen Fantasiewelt spielt: Es entführt uns in einen alternatives Universum, in dem Magie real ist, jedoch zu anstrengend und zeitintensiv ist, um weiter verfolgt zu werden. Daher wurde sie nach und nach im Alltag vieler Lebewesen durch Technologie verdrängt. Die Überbleibsel der Magie sind zumeist eher unangenehmer Natur - so leidet diese Welt unter einer Einhornplage.

Im Mittelpunkt des Films stehen zwei jugendliche Elfenbrüder, deren Vater verstorben ist, als sie noch vollkommen grün hinter ihren Ohren waren. Mit einem Funken der verbliebenen Magie wollen sie jedoch ihre Bande zu ihrem Vater stärken - mit abenteuerlichen Folgen.

Inspiriert ist dieser emotionale Kern des Films durch Dan Scanlons eigener Biografie.
Scanlon verlor seinen Vater in sehr jungen Kindsjahren - so früh, dass er sich nicht mehr an ihn oder seine Stimme erinnern konnte. Eines Tages schickte ein Verwandter ihm und seinem Bruder jedoch eine Audiokassette mit einer Aufnahme. Auf dieser war sein Vater zu hören - leider sagt er auf dem Band aber nur ein einziges Wort, was Scanlon lange verfolgt hat: "Ich habe mich immer gefragt, wer mein Vater ist und wie ich ihm ähnle. Diese Frage ist die Blaupause für meinen Film."

A Wrinkle in Time-Trailer:


Die Bestselleradaption startet in Deutschland am 5. April 2018 und gehört zu den wenigen Disney-Filmen, die nicht in 3D veröffentlicht werden.

Sonstiges

Aus der Kategorie "Bestätigung, anstelle von Neuigkeiten": Tim Burtons Dumbo-Remake wird derzeit gedreht und der Cast besteht aus Colin Farrell, Michael Keaton, Danny DeVito, Eva Green und den Newcomern Nico Parker und Finley Hobbins in tragenden Rollen. Als Nebendarsteller sind Roshan Seth, DeObia Oparei, Sharon Rooney und Douglas Reith an Bord.

Der US-Kinostart ist für den 29. März 2019 angesetzt.

Außerdem wurde auf der D23 bestätigt, dass das Mulan-Realfilmremake ab sofort gedreht wird. Auch The Nutcracker and the Four Realms wurde offiziell gemacht - wobei der Film von Lasse Hallström schon längst in Produktion ist. Darüber hinaus wurden erste Bewegtbilder aus Rob Marshalls Mary Poppins-Fortsetzung mit Emily Blunt in der Hauptrolle gezeigt - und die Reaktionen der Anwesenden sind universell begeistert.

Zu guter Letzt wurde der Aladdin-Cast kundgetan: Mena Massoud spielt Aladdin, Naomi Scott verkörpert Jasmin, Will Smith den Dschinni.


Themenparks


Eine regelrechte Ankündigungsflut hat uns erreicht!
So bekommt Walt Disney World ein immersives Star Wars-Hotel, das seine Besucher in die Welt des Erfolgsfranchises versetzt. Disneyland Paris hingegen wird sich vom Hotel New York in seiner bisherigen Form verabschieden müssen: Es wird zu "Hotel New York - The Art of Marvel", einer Ausstellung, die sich mit den Comics und Filmen des New Yorker Hauses beschäftigt, in dem viele ikonische Superhelden und -schurken geboren wurden.

Das "Star Wars-Land" im kalifornischen Disneyland und Floridas Walt Disney World hat nun einen offiziellen Namen: Star Wars: Galaxy's Edge. Erneut wurde auf der D23 betont, dass es eine Art Rollenspielwelt wird, die Besucher tief in den Star Wars-Kosmos zieht und in Attraktionen wie dem Millenium-Falcon-Flug freie Entscheidungsgewalt gibt. Überall werden einem Figuren aus den Filmen begegnen - und das angeblich in einer Live-Action-Role-Playing-Stimmung, statt in der "Meet & Greet"-Stimmung sonst in den Disney-Parks. Daher werden Gäste auch mit Lichtschwertern ausgestattet, um für etwaige Kämpfe gewappnet zu sein. Als Eröffnungsdatum sind Spätsommer 2019 (Kalifornien) und das spätere 2019 (Florida) anvisiert.

Das Disneyland Resort bekommt in unmittelbarer Nachbarschaft des Guardians-Towers im Disney California Adventure einen Marvel-Bruder für dieses Star Wars-Land: Eine immersive, interaktive Avengers-Welt. Die Avengers und Spider-Man werden in diesem Land eigene Attraktionen erhalten, und aus dem Paradise-Pier-Gebiet wird Pixar Pier mit neuer Optik und neuem Feuerwerk.

Das Magic Kingdom in Walt Disney World bekommt einen Klon der immens populären Tron-Achterbahn in Shanghai (was wiederum den Status des Tron-Franchises verbessert und so die Chancen auf einen dritten Teil erhöht), sowie in der Main Street ein neues Theater. Epcot wird mit einer Kopie des Pariser Ratatouille-Fahrgeschäfts, einer modernisierten Future World, einem neuen China-Pavillon und einem Guardians of the Galaxy-Ride nahezu generalüberholt - zudem wird eine im Disney-Style gehaltene Seilbahn als neue Transportmöglichkeit gen Epcot angeboten.

In Disney's Hollywood Studios heißt es Abschiednehmen vom Great Movie Ride. Stattdessen bekommt Micky sein erstes eigenes Fahrgeschäft: Mickey's & Minnie's Runaway Railway erlaubt es Besuchern, mit einer neuen 3D-Technologie in die (halb-flache, halb mit Tiefe ausgestattete) Welt eines Cartoons einzutauchen. Der visuelle Stil ist an die Micky Maus-Cartoons angelehnt, die seit einigen Jahren neu für den Disney Channel produziert werden.

Mehr zu Mickey's & Minnie's Runaway Railway


Mehr zu Star Wars: Galaxy's Edge



Showmomente und Panels:
50 Jahre Pirates of the Caribbean:


DuckTales-Panel


Disney-Parks-Tribute:


Das rundumerneuerte Fantasmic!


Nicht wirklich eine D23-Sache, aber Disney wird die neue Version der Show ja wohl kaum zufällig auf dieses Wochenende terminiert haben ...

Freitag, 14. Juli 2017

Freitag der Karibik #51

Hier mal etwas ganz besonderes: Der sehr informative und einsichtsreiche YouTube-Kanal Cinematography Database nahm so richtig viel Anlauf, um die technischen, handwerklichen und kreativen Details zu erklären und zu analysieren, die Pirates of the Caribbean - Salazars Rache seinen komplexen, glasklaren Look verliehen haben.

Lehnt euch eine Stunde zurück, spitzt die Ohren und lernt!


Freitag, 7. Juli 2017

Freitag der Karibik #50


Mageres US-Einspielergebnis hin, mageres US-Einspielergebnis her: Pirates of the Caribbean - Salazars Rache ist für den Disney-Konzern sehr wohl eine Erfolgsgeschichte. Und dabei startet das Abenteuer erst jetzt in einem seiner wichtigsten Märkte durch - Japan.

Zwar können wir, so lange wir das japanische Gesamteinspielergebnis realistisch einschätzen, nur mit etwas weniger als 800 Millionen Dollar insgesamt rechnen, doch das ist noch immer mehr als der aktuelle Durchschnitt im Marvel Cinematic Universe, bei den Transformers und bei Fast & Furious. Alles Franchises, die munter weiterlaufen. Daher gestatte ich mir durchaus einen vorsichtigen Optimismus, dass es mit der Reihe weitergehen könnte, zumal Jerry Bruckheimer in Interviews keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt - klar, gehört es doch zu den letzten Goldeseln des Hitproduzenten.

Doch sollte es in der verfluchten Karibik weitergehen, so muss Disney, meiner Ansicht nach, inhaltlich, veröffentlichungspolitisch und produktionstechnisch einiges beachten. Die Pirates of the Caribbean-Saga hat noch enormes Potential, das ungenutzt bleiben würde, sollte Teil sechs im "Business as usual"-Modus operieren. Und gegen die gallige US-Rezeption muss auch dringend etwas unternommen werden. Hier daher meine Wunschliste für die Zukunft meiner allerliebsten Filmreihe.

Die Veröffentlichungspolitik
  • Pirates of the Caribbean hat ein riesiges Problem: Das US-Publikum und die US-Kritikerschaft haben keine Lust mehr auf diese Reihe. Ganz gleich, wie gut ein etwaiger sechster Teil sein wird: Er hat einen schweren Kampf zu schlagen. Um es ihm zu vereinfachen, muss gegen die Piraten-Unlust angegangen werden. Mein Vorschlag: Die Piraten müssen aus dem US-Rampenlicht genommen werden, wo alles, was im heimischen Hafen floppt, automatisch aufgegeben wird. Startet den sechsten Teil zuerst in seinen Spitzenmärkten, und dann, wenn die üblichen Verdächtigen unter den US-Portalen nicht umherkommen, seinen finanziellen Erfolg zu erkennen, läuft er auch in den USA an. Einige Marvel-Filme (etwa Guardians of the Galaxy Vol.2) verfahren ja auch nach der "America doesn't have to be first"-Methode. Das werden die Amis also schon überleben. Und für die Piraten hat sich direkt ein gutes Stück Negativpresse erledigt.
  • Nehmt die Piraten aus dem heiß umkämpften Sommer. Der gehört zunehmend Marvel, DC, bald auch Star Wars. In diesem Hauen und Stechen der Filme mit großen Explosionen tut es sich diese Abenteuersaga doch recht schwer, wie man sieht - Milliarden scheffelt sie nicht mehr. Wie wäre es mit einem März-Start oder dem frühen April?
  • Ich habe Fans auch schon den Dezember vorschlagen hören, der ja bald frei wird und in den vergangenen 16 Jahren zum Starttermin für Fantasy-Ware trainiert wurde, die eine etwas andere Demografie ansprechen als der jung-männliche Sommer-Blockbuster. Die Pirates-Reihe ist jüngsten Zahlen zufolge zwar leicht männerlastig, dafür sind die Frauen, die reingehen, überwiegend "älter" (in US-analytischen Blockbuster-Termini gesprochen, also über 25 Jahren ... Hey, greift mich nicht an, ich gebe das alles nur weiter!) Vielleicht haben die Disney/Bruckheimer-Piraten also tatsächlich im Dezember eine Chance, selbst wenn ich die etwas wärmeren Frühlingstemperaturen mit den Filmen assoziiere ...
Tonale/stilistische Erwägungen, die beachtet werden sollten
  • Okay, wir haben bisher einen relativ leichtgängigen und simplen Teil (Fluch der Karibik), zwei eher düster-komplexe (Die Truhe des Todes und Am Ende der Welt), einen weiteren eher leichtgängig-simplen (Fremde Gezeiten) und nun einen tendenziell eher schroff-dunklen Part, der sehr schlicht erzählt ist. Rein aus der Sehnsucht nach einem Ausgleich würde ich mir für Teil sechs einen anspruchsvollen, aber leichtfüßigen Teil wünschen. Und vielleicht ist das auch genau das, was die Pirates of the Caribbean-Reihe als nächstes braucht: Den Beweis, dass sie smarte, durchdachte Seefahrtsabenteuer erzählen kann, doch zudem eine schmissige, zugängliche Machart, um etwaig abtrünnig gewordene Kinogängerinnen und -gänger zurückzuholen.
  • Generell muss man wohl, so schwierig das auch sein wird, versuchen, einen Film zu erschaffen, der genug für sich steht, um neue Fans zu generieren und von Bord gegangene Fans wieder herbei zu angeln. Gleichzeitig muss Teil sechs mit den bisherigen Filmen verbunden sein, so dass Disney a) uns Fans zeigt, dass man willens ist, das Potential aus dieser Reihe zu schöpfen, statt einfach wegen schwankender US-Zahlen den Semi-Reboot-Knopf zu drücken und b) generell auszustrahlen, dass dies eben keine Fast & Furious- oder Transformers-Reihe ist, wo jeder Teil irgendein neuer Krachbumm-Big-Budget-Film ist.
  • Paradebeispiel in Sachen "Es führt alles hierher, und gleichzeitig werden bereits etablierte Figuren so klar und verständlich geschrieben, dass Novizen mitkommen" ist für mich The First Avenger: Civil War. Es ist klar, dass alle Figuren eine Geschichte miteinander haben und man auf vergangene Filme zurückgreifen kann, um mehr zu erfahren. Gleichwohl wird auf "Weißt du noch ..?"-Dialoge verzichtet und jede Figur mit einer eigenen, ihr Wesen einfangenden Szene bedacht, so dass der Film für sich stehen kann. Können wir irgendwie sowas bekommen?
  • Zudem, sehen wir es ein: Die Pirates-Filme schreiben zwar ungefähr Marvel-Zahlen an den Kinokassen, kosten aber mehr als ein handelsüblicher (aktueller) Marvel-Film und schlagen weniger Merchandising los. Also  müssen wir das Budget drosseln. Gleichwohl gehört die Epik einfach zu dieser Reihe hinzu. Ein Dilemma. Wichtig: Keine Szenen schreiben, die nach Gore-Verbinski-Bildern schreien, und sie dann im Studio vor einer grünen Wand drehen und den Ozean danach im Computer hinzufügen! Lieber die Schauplatz-Bandbreite kürzen und vieles konzentriert an ausgewählten Schauplätzen drehen. Praktische Elemente sind Pflicht! Niemand würde Mad Max: Fury Road als kleinen Film bezeichnen, doch er holt aus seinen 150 Millionen Dollar viel mehr als X-Men: Apocalypse aus seinen 178 Millionen.
Inhaltliche Wünsche
  • Drosselt den Sparrow! Wenn ich schon als riesiger Fan über Salazars Rache denke "Genau die richtige Dosis Jack, noch mehr, und es wäre zu viel!", dann ist das ein riesiges Warnzeichen, dass diese Figur ihren Reiz zu verlieren droht. Gleichwohl würde weder ich persönlich auf ihn verzichten wollen, noch wäre es angesichts der Popularität des Films in Japan, China, Russland und einigen anderen Märkten klug, den Star zu kicken. Zudem: Jack ist das Aushängeschild der Reihe, dass allen klar macht, dass wir es hier mit keinem normalen Abenteuer zu tun haben. Und wenn Herr Depp seinen Kram auf die Reihe bekommt, so gibt es noch immer viel erzählerisches aus Jack rauszuholen. Daher: Nein, keiner wäre mit einem "Luke in Star Wars: Das Erwachen der Macht"-Level an Jack glücklich. Aber vielleicht "Rocky in Creed"?
  • Lasst die Toten ruhen, denn wenn noch einmal eine Figur aus dem Jenseits zurückkehrt, hat diese Saga ein riesiges Problem hinsichtlich ihrer dramaturgischen Glaubwürdigkeit!
  • Holt Angelica zurück. Penelope Cruz war stark in der Rolle, ihre Geschichte ist eh noch nicht zu Ende erzählt und selbst wenn Fremde Gezeiten so seine Probleme hat, wäre es eine Schande, den Film so sehr in der Luft hängen zu lassen.
  • Bringt Shansa zurück! Golshifteh Farahani macht etwas sehr denkwürdiges aus dieser wenig genutzten Rolle und als mächtige Hexe könnte sie noch für ordentlich Trubel sorgen. Vielleicht hat sie irgendwas mit der Nach-Abspann-Szene von Salazars Rache zu tun (womit wir die offensichtliche Antwort auf diese Szene vermeiden) und, hey, keine Ahnung, irgendwie könnte Angelica mit ihr unter einer Decke stecken?
  • Schreibt gescheite Szenen für Elizabeth Swann, überhäuft Keira Knightley mit Robert-Downey-Junior-Mengen von Geld und bietet uns den ultimativen Lizzie-Film, wie sie ihre Familie beschützt!
  • Die Figuren von Orlando Bloom, Brenton Thwaites und Kaya Scodelario können ebenfalls weiter ausgebaut werden - weniger Jack-Chaos bedeutet mehr Zeit für diese Figuren
  • Als Comic Relief können stattdessen Pintel & Ragetti zurückkehren. Zudem haben sie ja die Neigung, den Plot zu erklären, was offenbar viele Zuschauer dieser Reihe nötig haben.
  • Vielleicht erfahren sie, in welchen Nöten die Familie Turner steckt und kommen zufällig dazu, Jack davon zu erzählen, woraufhin er (unter der Behauptung, emotional gar nicht involviert zu sein und einfach nur Schätze aus der Lage abgreifen zu wollen) sich als Joker-Karte in den Zwist der Turners mit den Schurken mischt?
Das wäre meine vage Ideensammlung. Disney, nun seid ihr am Zug!

Mittwoch, 5. Juli 2017

Snowden


Oliver Stone ist zurück. Vier Jahre nach seinem konfusen Ganovenfilm Savages widmet sich der gebürtige New Yorker einem Metier, das ihm stärker liegt und erzählt eine hoch politisierte Geschichte: Er zeichnet den Werdegang Edward Snowdens nach, vom kurzzeitigen Soldaten über seine Stelle als IT-Genie innerhalb der US-Geheimdienste hin zum weltweit berühmten Whistleblower. Dabei bemüht sich Stone gar nicht erst um eine neutrale, beide Seiten der Snowden-Leak-Debatte beleuchtende Erzählweise. Stattdessen skizziert der Regisseur und Drehbuchautor ohne nennenswerte, einlenkende Einschübe die Position seines Titelhelden nach.

Dies dürfte Kenner des mehrfachen Oscar-Preisträgers keinesfalls überraschen, nutzt dieser das Filmmedium doch seit jeher offen dazu, seine politischen Sichtweisen zu erläutern. Wenn er nicht gerade explizit seine Zeit an der Front im Vietnamkrieg verarbeitet, dann kreiert Stone meist Szenarien, die von den Folgen dieses Nationaltraumas handeln. Oder er setzt seine Vietnamerfahrungen in einen modernen Kontext – so in diesem Politdrama: Die von Joseph Gordon-Levitt ((500) Days of Summer) mit Bravour gespielte Leinwandinterpretation Snowdens ist nämlich ein Protagonist, der sich bis zu gewissem Grade als politischer Zwilling Stones bezeichnen lässt.

Vom kampfbereiten Fahnenschwenkerpatrioten zum kämpferischen Patriotismus-Idealisten
3. Juni 2013: Insgeheim trifft sich NSA-Mitarbeiter Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) mit Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) sowie den britischen Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson). Er gibt ihnen sensationelles Material darüber, wie die verschiedenen US-Geheimdienste den Kampf gegen den Terror als Ausrede nutzen, während sie die Privatsphäre von Menschen innerhalb sowie außerhalb der Vereinigten Staaten mit Füßen treten. Er weiht seine Gesprächspartner auch ein, wie er in die Verwendung fragwürdiger Überwachungsprogramme hineingeriet: Einst wollte er als Soldat seinem Land dienen, doch ein gehöriges Missgeschick macht ihn unfähig. Angesichts seiner hohen Informatikkenntnisse meldet er sich bei der CIA, wo er rasch zum Liebling des Ausbilders Corbin O'Brian (Rhys Ifans) aufsteigt.

Parallel dazu lernt Snowden die George W. Bush kritisierende Fotografin Lindsay Mills (Shailene Woodley) kennen, durch die der sein Land nie hinterfragende Patriot Einblick in ein anderes Verständnis von Vaterlandsliebe erhält: Mills glaubt, dass Amerika für Ideale steht, die im Kampf gegen den Terror ins Hintertreffen gerieten. Schritt für Schritt eignet sich Snowden diese Sichtweise an, während die US-Geheimdienste immer unsensibler mit Daten umgehen …

In wenige Zeilen zusammengefasst wirkt der Charakterwandel des durch Stones Brille betrachteten Edward Snowden womöglich klischeehaft und schlicht. Doch der Platoon-Regisseur nutzt die ausführliche Laufzeit sehr wohl für eine detaillierte Darstellung einer facettenreichen Persönlichkeit: Von einem in seiner Rolle versinkenden Joseph Gordon-Levitt mit Einfühlsamkeit sowie einer kleinen Prise trockenen Witz gespielt, ist die Filmvariante Snowdens ein in Gesprächen verschüchterter, zurückhaltender Computernerd, aus dem unregelmäßig arrogante Spitzen darüber rausrutschen, wie überragend er sei.

Anfangs tritt er als sturer, konservativer Patriot auf und riskiert daher Zoff mit seiner von Shailene Woodley mit einer an Teenagerromanzen erinnernden Flippigkeit gespielten Herzensdame. Der Gesinnungswandel erfolgt schrittweise – Gordon-Levitts Blick verdunkelt sich, wenn durch Vorgesetzte im Namen der Sicherheit die Freiheit riskiert wird, andere Male hält er sich in Gesprächen ängstlich zurück, um bloß nicht aufzufallen und nach seiner Meinung gefragt zu werden. Nach und nach wächst Snowden ein Rückgrat, das zwar seinen Charakter nicht einschneidend ändert, aber sein Handeln bestimmt.

Dadurch ergibt sich im stressigen Zusammenspiel mit seiner Freundin Mills sowie den mal zurückhaltenden, mal herrischen Verhandlungen mit den Journalisten in der Rahmengeschichte ein umfangreiches, Ecken und Kanten aufweisendes Psychogramm. Wegen dieser charakterbezogenen Erzählweise ist Snowden auch für Kenner der deutlich informativeren Dokumentation Citizenfour sehenswert, zieht Stone die Geschichte doch von einer persönlicheren und somit emotionaleren, wenngleich auch befangenen Seite auf.

Anfeuernde Inszenierung, doch nicht vollkommen manisch
Nach dem übermäßig verspielt inszenierten Savages drosselt sich Stone in Snowden wieder etwas. Gelegentlich kostet der Regisseur durch lange Überblenden oder exzentrische Kameraeinstellungen zwar sehr wohl das Symbolhafte der Ereignisse teils penetrant aus – etwa wenn Snowdens Abkehr von der NSA als langer Gang ins Licht gezeigt wird. Insgesamt findet Stone allerdings eine der Stimmung dieser Story entgegenwirkende Balance aus dynamischen Kamerafahrten sowie starken Farbkontrasten einerseits und übersichtlichem Erzähltempo andererseits. Solche Schnellfeuermontagen wie aus Natural Born Killers bleiben aus, dafür versinnbildlicht Stone die Funktionsweise des CIA-Programms XKeyscore in einer optisch reizvollen Digitalgrafik.

Abgesehen davon, wenn Snowdens Epilepsie den Erzählfluss ausbremst oder sein früherer Vorgesetzter via übergroßer Chatübertragung völlig unsubtil den Großen Bruder gibt, konzentriert sich Stone darauf, seine Mimen ins richtige Licht zu rücken. Neben Gordon-Levitt besticht etwa Nicolas Cage als technikvernarrter, aber kritisch seinen Arbeitgeber hinterfragender Mentor Snowdens – bedauerlicherweise verschwindet Cages Rolle schon kurz nach ihrer Einführung, dennoch hinterlassen seine feurigen, trocken-humorigen Dialogzeilen bleibenden Eindruck. Auch Melissa Leo macht viel aus ihren übersichtlichen Szenen als von Snowden faszinierte Dokumentarfilmerin, genauso wie die zahlreichen Arbeitskollegen Snowdens im Laufe seines Werdeganges auf effektive Weise eine große Bandbreite von geltungssüchtig über betriebsblind bis hin zu nerdig-albern abdecken und stets eine gute Leinwandchemie mit Gordon-Levitt aufweisen.

Trotz der Begleitung durch einen elektrisierenden Soundtrack zieht sich Snowden gegen Ende jedoch: Nach dem (stark fiktionalisierten, sehr spannenden) NSA-Datenklau des Whistleblowers und seiner auf ihre Eckpunkte reduzierten Flucht quer um den Erdball fasst Stone die Aussagen seines Dramas nicht griffig genug zusammen, um es auf seinem gefühlten Höhepunkt zu beenden. Ein ungelenker Cameo des realen Snowdens nimmt zudem dem Abschluss etwas von seiner Emotionalität – dennoch stellt Snowden eine Rückkehr des alten, polemisierenden, meinungsstarken Oliver Stone dar, der seine Position in einen charaktergestützten, aufreibenden Film zu formen versteht.

Fazit: Dramatisch, gut gespielt und sehr subjektiv: Snowden ist ein waschechter Oliver-Stone-Film.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Freitag, 30. Juni 2017

Freitag der Karibik #49


Zur Feier dessen, dass Pirates of the Caribbean in Russland aktuell enorm abräumt: Hier ein Up is Down-Cover der russischen YouTuberin Alina Gingertail. Memo an die Welt: Es gibt zu wenig Up is Down-Coverversionen.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Nebel im August


Die Schreckenstaten während des Dritten Reichs wurden bereits in zahlreichen Filmen verarbeitet – von großen Hollywooddramen wie Schindlers Liste hin zu kleinen, erschütternden Werken wie die Ausnahmeproduktion Son of Saul. Insbesondere ist es aber das deutsche Kino, das sich in hoher Taktung darin betätigt, diese finsteren Geschichtskapitel zu verarbeiten. Und dennoch finden sich weiterhin Aspekte der Nazizeit, die bislang nicht im Übermaß auf die Leinwand gebracht wurden. Ein solches ist die Euthanasie, der sich Regisseur Kai Wessel in Nebel im August annimmt. Der Filmemacher handelt diese in Form eines exemplarischen Einzelschicksals ab, welches schon im gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Domes zusammengefasst wurde: Das Leben eines jungen Mitglieds der Gemeinde der Jenischen, das in einer Nervenheilanstalt Wind von den mörderischen Taten seiner angeblichen Pfleger bekommt …

Süddeutschland zu Beginn der 1940er-Jahre: Der aufgeweckte, jedoch vorlaute Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) wird von seinem Kinderheim als „schwer erziehbar“ diagnostiziert und einer Nervenheilanstalt überwiesen. Dort soll dem 13-jährigen Halbwaisen, der als Sohn eines fahrenden Händlers aufgewachsen ist, seine rebellische Ader ausgetrieben werden. In der von Dr. Veithausen (Sebastian Koch) mit eiserner Hand geleiteten Klinik finden sich Menschen jeden Schlags, die nicht der Vorstellung einer makellosen Herrenrasse entsprechen, die das NS-Regime propagiert. Wie der hellwache, aber unangepasste Ernst nach und nach bemerkt, werden dort regelmäßig Insassen ermordet. Das vermeintliche Pflegepersonal begründet dies hinter verschlossenen Toren damit, dass nur so das Volk gereinigt werden kann. Ernst plant gemeinsam mit der Mitpatientin Nandl, seiner ersten Liebe (Jule Hermann), die Flucht – begibt sich damit jedoch in große Gefahr …

Schon früh kristallisiert sich Hauptdarsteller Ivo Pietzcker als Glanzlicht dieses kargen Dramas heraus: Der Jungdarsteller agiert gänzlich ohne die für viele Mimen seines Alters typische Verkrampftheit und erhält schon in der Auftaktsequenz die Gelegenheit, scheinbar mühelos seine Rolle des Ernst Lossa als störrischen Pubertierenden darzustellen: Ernst ist frech, vorlaut und schlagfertig, hat aber die Sympathien auf der Seite, weil er mit seiner rotzigen Attitüde gegen die gestrengen, empathielosen Gefolgsleuten des NS-Regimes rebelliert.

Gleichwohl wird klar, dass Ernst Lossa kein junger Widerstandskämpfer ist, sondern schlicht ein launenhaftes Kind, das gegen Befehle, unsinnige Vorschriften oder unverständliche Autoritätsstrukturen Sturm läuft – und gegen alles, was ihm fremd ist. Erstmal in der Nervenheilanstalt angelangt, mault Ernst seine Mitinsassen an, sei es, weil sie ihm zu nahe kommen, er ihre Behinderungen lachhaft findet oder er schlicht die Geduld verliert, wenn er sich mit einem zuvorkommenden, stotternden Buben unterhält. Pietzcker gelingt es, die sprunghafte Laune Ernsts, von mitfühlend und kritisch hinterfragend zu derb und selbstgefällig, stimmig unter einen Hut zu bringen. Ebenso taut er schrittweise im Umgang mit den anderen Patienten auf, ohne seine Lausebengel-Ausstrahlung zu verlieren: Mit unzufriedenem Gesichtsausdruck, doch einem Geduld ausstrahlenden Gestus, füttert er verschlossene Kinder und knüpft vorsichtige Bande mit der von Jule Hermann goldig gespielten Nandl.

Während das Zusammenspiel Hermanns und Pietzckers zwar eine charmante Unschuld ausstrahlt, jedoch nie solche Funken versprüht, dass sie die Ausführlichkeit ihrer romantischen Ausflüge rechtfertigen würde, gefällt Pietzckers Interaktion mit Fritzi Haberland umso mehr: Haberland gibt mit gebeutelter, erschöpfter Haltung eine Krankenschwester, die das sinnlose Morden nicht weiter hinnehmen kann, jedoch nicht weiß, wie sie dagegen vorgehen sollte. Mit Ernst schließt Haberlands Figur der katholischen Sophia ohne explizite Absprachen einen Pakt – sie bemühen sich, unauffällig und im Kleinen Sand ins Getriebe der Euthanasiemaschine zu streuen.

Diese von Kameramann Hagen Bogdanski in grau-graublauen Farben gehaltene Geschichte weist aber eine träge Dramaturgie auf, so dass sich keine Spannung oder aufreibende Dramatik entwickelt. Die schwermütig ablaufenden Kapitel dieser Geschichte werden dabei ebenso wenig von tiefgehenden Charakterisierungen geprägt – von Ernst abgesehen, sind alle handelnden Figuren recht simpel beschrieben, wie etwa die von der Euthanasie überzeugte Krankenschwester Edith. Henriette Confurius verleiht ihr zwar eine bemerkenswert frostige Präsenz, trotzdem lässt sich die Einseitigkeit dieser Rolle oder auch des kalkulierenden, gewissenlosen Dr. Veithausen nicht verleugnen.

Fazit: Nebel im August ist dank seines guten Hauptdarstellers und respektvollen Umgangs mit dem erschütternden zentralen Thema trotz dramaturgischen Leerlaufs ein passables Historiendrama.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Freitag, 23. Juni 2017

Freitag der Karibik #48

Ich habe schon lange keine Coverversion von He's a Pirate mehr gepostet. Aber The Snakecharmer sind hier zur Rettung!

Trinkt aus, ihr Schottenpiraten, Yo-Ho!


Freitag, 16. Juni 2017

Freitag der Karibik #47



Die Geschichte der Pirates of the Caribbean-Musik ist eine Geschichte der Kollaboration. War Hans Zimmer beim ersten Film der Mann, von dem die Initialzündung für viele der letztlich genutzten Leitmotive ausging, und Klaus Badelt derjenige, der die Gesamtrichtung vorgab, übernahm Hans Zimmer bei den nächsten drei Teilen die Federführung von Anfang bis Ende. Bei Salazars Rache ging Zimmer jedoch von Bord und überließ den Kapitänshut dem einzigen Komponisten aus der Remote-Control-Productions-Familie, der ebenfalls an allen der ersten Pirates of the Caribbean-Filmen mitwirkte: Geoff Zanelli.

Wie es so bei Filmreihen mit ikonischen Stücken halt ist: Wenn ein neuer Eintrag in diese musikalische Geschichte folgt, muss er sich erstmal gegen den übermächtigen und von den Fans komplett einverleibten Schatten der Vorgänger durchsetzen. Erinnern wir uns nur daran, wie der Star Wars: Erwachen der Macht-Soundtrack teilweise als der Schwanengesang von John Williams bezeichnet wurde. Und nun haben sich die neuen Scoreelemente schrittweise ihren Platz im Star Wars-Pantheon erarbeitet.

Mit wachsendem Alter der Pirates of the Caribbean-Saga wird es dem entsprechend für neue Stücke immer schwieriger, sich auf Anhieb mit den alten Themen messen zu lassen. Daher wollte ich Geoff Zanellis Aufstieg zum Hauptkomponisten unter der Totenkopfflagge etwas Zeit lassen, ehe ich ihn hier genauer unter die Lupe nehmen. Nach zahlreichen Soundtrack-Rotationen und mehreren Rewatches des Films später ist aber die Zeit eines Urteils gekommen ...

Ich würde durchaus behaupten, dass es im Falle von Salazars Rache ungewöhnlich schwer ist, ein Oberthema zu finden oder ein Hauptmerkmal, unter das ich diesen Soundtrack stellen würde. Fluch der Karibik ist der Holzbläser-Teil der Reihe, Die Truhe des Todes dank Davy Jones' mächtig-tragischer Erkennungsmelodie, dem epochaler aufgebauten Jack-Sparrow-Actionthema und den rockig-satten Kraken-Klängen der wuchtige Part, Am Ende der Welt der schwelgerisch-schmachtende, Fremde Gezeiten der mit den spanischen Gitarren. Und Salazars Rache? Wenn ich mir die sehr sauber-munter dekonstruierte He's a Pirate-Version in Erinnerung rufe, die Zanelli mehrfach nutzt, sowie das sehr lyrische Erkennungsstück für Carina Smyth, so würde ich dazu tendieren, diesen Film musikalisch als den ordentlichsten, hellsten zu bezeichnen.

Was die gänzlich neuen Stücke anbelangt, geht dieser Soundtrack mir nicht derart ins Ohr wie die wenigen neuen Aspekte des Fremde Gezeiten-Scores. Salazars Thema sticht für mich klar Blackbeards (wobei beide akustische Cousins des Motivs sind, das während Davy Jones erstem Auftauchen zu hören ist), da es eine höhere dissonante Macht hat. Aber das Spanier-Thema und die Meerjungfrauen-Suite segeln dann doch an Carinas Stück und Henrys Melodie vorbei, sie stechen einfach fescher und kantiger hervor.

Hinsichtlich der Abwandlung der bereits bekannten Stücke ist Salazars Rache jedoch um Längen seinem Vorgänger voraus. Wo Zimmer in Fremde Gezeiten zwischenzeitlich (und widerwillig) im reinen Jukeboxmodus die "Hits von früher" abspielt, ist Zanelli in Salazars Rache wesentlich findiger und setzt auf äußerst schöne Verschränkungen und Variationen der ikonischen Pirates of the Caribbean-Musiksammlung. Neben der bereits erwähnten, eher locker-leichten He's a Pirate-Variation, die das episch-moderne Musikthema ein paar Schritte zurück in das akustische Vokabular klassischer Abenteuerfilme übersetzt, bleibt auch die extrem stolz-bombastische Version in Erinnerung, die in der von Salazar erzählten Rückblende zu hören ist, wenn ein junger Jack Sparrow ein so verrücktes Manöver anordnet, dass es noch Jahrzehnte später als ein waschechtes Jack-Sparrow-Manöver bezeichnet werden sollte, wenn eine junge Dame namens Elizabeth Swann etwas ähnliches vorschlägt.

Toll ist auch, wie Zanelli die Jack-Sparrow-Einmarsch-Melodie (etwaig als The Medaillon Calls bekannt) aus ihrem Urlaub nach Teil vier zurückholt und sowohl dynamisch als Aspekt der Bankraubszene benutzt wie auch in reinrassiger Form bei der Rückkehr der Black Pearl. Und Zanelli hat sich meinen ewigen Respekt dafür erarbeitet, wie er zum Schluss des Films die Liebessuite aus Am Ende der Welt variiert: Bei Hans Zimmer klang sie in all ihren Versionen stets melancholisch, was auch wunderbar zum Film passt, aus dem sie stammt. Fernweh, äußere wie innere Kälte, Trennungsschmerz, gehemmte Liebe, das am Herzen zerrende Gefühl der bittersüßen Erwartung, ständig trübte etwas die Freuden der Romantik. Die abschließende Sequenz von Salazars Rache hingegen klemmt zwischen One Last Shot und He's a Pirate eine reine, in sich ruhende, herzzusammensetzende Spielweise dieser atemberaubend schönen Komposition - und es könnte die Szene nicht besser begleiten. Da verzeihe ich es ihm auch (fast), das sehr ernste und auf Piratenzusammenhalt hinweisende Hoist the Colours in einer Szene zu nutzen, um einen Gag zu unterstreichen.

Wenn ein sechster Teil kommt, darf Zanelli also liebend gern erneut komponieren - dann auch gern etwas experimentierfreudiger und größer in den Gefühlen, denn um mit Am Ende der Welt zu konkurrieren, fehlt Salazars Rache einfach noch der Funken etwas.

Freitag, 9. Juni 2017

Freitag der Karibik #46


Eine Beobachtung aus der Kategorie "Haben die das so geplant, oder haben sie es einfach so genommen, wie es kommt?": Der Umgang mit Ziegen in den Pirates of the Caribbean-Filmen der Post-Gore-Verbinski-Ära.

Wie sich energische Fans der Reihe eventuell erinnern können: Ted Elliott & Terry Rossio bezeichneten auf dem Audiokommentar zu Teil zwei Gores Inszenierungsstil als "... und eine Ziege". Der gute Gore hat nämlich in seinen drei Pirates of the Caribbean-Filmen das Bild immer und immer wieder durch zusätzliche lebende Details bereichert und dabei nicht selten auf Ziegen zurückgegriffen.

In Fremde Gezeiten sowie Salazars Rache, den beiden Pirates of the Caribbean-Teilen, die nicht von Gore inszeniert wurden, sind derweil keine Ziegen zu sehen. Es wird aber über sie gesprochen.

Es könnte ein gigantischer Zufall sein. Oder pure Absicht: Ziegen sind durch Gores intensiven Gebrauch von ihnen als Bildvitalisierungselement ein wiederkehrender, (für Fans) erkennbarer Teil dieser Filmsaga geworden. Spätestens die Anmerkung von Rossio & Elliott hat dies festzementiert. Gleichzeitig sind sie Gores Ding. Was also machen die Regisseure, die in seine Fußstapfen treten? Sie lassen Ziegen aus ihren Bildern raus. Als Wink gen Vergangenheit werden sie aber prominent erwähnt. Als mutmaßlicher Bestandteil der Black-Pearl-Befreiungszeremonie. Und als Carina Smyths Urteil darüber, wie intelligent die sie verurteilende Gesellschaft ist.

Vielleicht ist es ein liebevoller Schachzug, um den Anfängen der Reihe treu zu bleiben und dennoch etwas als Gores Ding zu reservieren. Eventuell ist es ein ebenso purer wie genialer Zufall. So oder so: Ich würde es feiern, wenn dies fortgeführt werden würde. Auf dass in allen kommenden Pirates of the Caribbean-Teilen über Ziegen gesprochen wird, aber keine mehr zu sehen sind - es sei denn, Gore sollte überraschenderweise wieder Regie führen.

Ein Erpel feiert Geburtstag ...

... und zur Feier gibt es einen Vorgeschmack auf die kommende DuckTales-Neuauflage.



Donald Duck, du einzig-wahrer Träger deines Vornamens: Lebe hoch!

Dienstag, 6. Juni 2017

Wonder Woman


Ein ungläubig betrachtetes Wunder.
Wenn das Unglaubhafte nicht weiter hinterfragt wird, dann haben wir es mit der "Aussetzung der Ungläubigkeit" zu tun. Aufgrund der Popularität dieses Fachterminus in der englischsprachigen Filmanalyse wird es aber auch in anderen Sprachen vor allem "suspension of disbelief" genannt.

Für den Erfolg dieses Kunstgriffes ist einerseits stets jede einzelne Person im Publikum in der Bringschuld. Natürlich könnte ich mit verschränkten Armen und bitterer Miene in meinem Kinosessel versacken, die Leinwand grimmig niederstarren und unentwegt schnauben: "Wenn ein Asteroid auf die Erde zurast, würde die NASA niemals auf die Idee kommen, eine Gruppe Ölbohrer dorthin zu schicken." Oder ich reiche dem mir gebotenen Filmprogramm etwas Gutwillen und lasse mich auf das grundlegende Konzept ein. "Okay, der Gott des Donners, ein Supersoldat aus den 40er-Jahren, der jahrzehntelang im ewigen Eis herumlag, ein Meisterschütze, eine gerissene Auftragskillerin, ein Wissenschaftler mit Wutproblemen und ein arroganter Milliardär mit fliegender Rüstung tun sich zusammen und retten die Welt ... warum nicht?"

Sämtliche Bringschuld hinsichtlich der "suspension of disbelief" auf die Schultern des Publikums zu verteilen, ist allerdings ein kunsthandwerklicher Trugschluss. Selbstredend ist der persönliche Faktor ein entscheidender. Er ist es, durch den sich erklärt, weshalb Person A bei übernatürlichen Horrorfilmen eher in Lachkrämpfe statt in Schreiattacken verfällt und Person B mehr Tränen über das Gefühlsleben einer gezeichneten Ente vergießt als über die dramatische Verfilmung der wahren Geschichte, wie ein krebskranker Mann zum Supersportler wird. Dessen ungeachtet sind die Geschichten, die im Kino erzählt werden, sowie die Entscheidungen, die sie in Form bringen, unmöglich aus der Gleichung zu nehmen. Schließlich brauchen wir alle etwas, worauf wir reagieren. Wäre "suspension of disbelief" eine rein auf der Publikumsseite entschiedene Sache, so würden wir uns alle völlig um Kopf und Kragen reden, sollten wir die Unterschiede besprechen, wie Joel Schumacher und Christopher Nolan jeweils Batman interpretieren.

Eine Geschichte zu erzählen, wie in einem der unsrigen Wirklichkeit ähnlich gerateten Filmuniversum eine Person mit Superfähigkeiten und comichaftem Kostüm flott den Verlauf eines Weltkrieges verändert, ist eine sehr knifflige Herausforderung für jede "suspension of disbelief". Marvels Captain America - The First Avenger stellt sich dieser Aufgabe, indem die Geschehnisse durch eine Indiana Jones-Linse beobachtet werden. Ja, wie Captain America in seinem knalligen Outfit durch Wälder rennt, Nazis verprügelt und Kameraden rettet, sieht albern aus. Aber Regisseur Joe Johnston inszeniert es auch auf eine vergnügliche, eskapistische Art und Weise, mit stilisierter Farbästhetik, die an die ersten Farb-Serials erinnert, mit fröhlich-patriotischer Musik und indem er Hauptdarsteller Chris Evans verschmitzt lächeln lässt. Kurzum: Wenn ich mich auf die Idee "Supersoldat räumt an der Front auf" einlassen kann, so lache ich nun mit dem Film, statt über ihn.

Patty Jenkins geht in einem Wendemoment ihrer Comicadaption Wonder Woman einen anderen Weg. Es lässt sich darüber diskutieren, dass sie einen anspruchsvolleren Weg geht, weil sie sich nicht auf die spaßige Indiana Jones-Weltflucht-Methode verlässt. Jenkins lässt Wonder Woman nicht durchs Kriegsgebiet des Zweiten Weltkriegs wüten und markiert es als spritzige Freude. Nach einem Skript von Sex and the City-Autor Allan Heinberg involviert die Monster-Regisseurin die Amazone in den Ersten Weltkrieg, wo sie nach einigem Bedenken ihres Zufallsbekannten Steve Trevor (Chris Pine) an die Front gebracht wurde. Steve erläuterte der Kriegerin aus einer abgeschiedenen, von mythologischem Glauben durchzogenen Welt, dass dieser militärische Konflikt aussichtsloser, verzahnter und komplexer ist, als sie glaubt. Und dass viel gefährlichere Waffen benutzt werden, als die, denen sie bislang begegnet ist. Dennoch drängt sie danach, mitzukämpfen - was Steve sogar gutheißt. Er warnt sie nur vor, dass die Realität vielleicht anders ist, als sie aufgrund ihrer Erziehung und Herkunft erwartet.

Im "No Man's Land" in Belgien angelangt, wo seit gefühlten Ewigkeiten der Waffenkonflikt auf einer einzelnen Stelle verharrt, reißt Diana alias Wonder Woman impulsartig aus. Sie schmeißt die unserweltliche Kleidung ab, die sie zuvor zur Tarnung anlegte, öffnet ihren Zopf und stapft aus dem Schützengraben - mit wallenden Haaren, rot-güldenem Brustpanzer und Amazonendiadem auf dem Haupt. Komponist Rupert Gregson-Williams lässt eine hochdramatische Coverversion des Wonder-Woman-Erkennungsmusikstücks erklingen, das Hans Zimmer und Junkie XL für Batman v Superman: Dawn of Justice erschaffen haben. In Zeitlupe boxt die Heldin Gewehrkugeln hinfort, die auf sie zu schnellen. Jenkins zelebriert dies stücknüchtern, ohne Kontext zu liefern, wie es das Kriegsgeschehen verändert, wir wissen nur, dass irgendein strategischer Knoten platzt. Es ist kein "Hurra, es geht im Krieg vorwärts"-Moment. Regisseurin Patty Jenkins selber sagt, dass die Szene nichts über die Gegenseite aussagt und nicht klar wird, wie viel nun eigentlich erreicht wird. Es ist eine todernste Sequenz, die sich allein auf die Figur stützt, die in ihrem Fokus steht.


Und es ist die Szene, die erstmals meine "suspension of disbelief" im DC-Blockbuster Wonder Woman bricht. Aber es sollten viele, viele Beispiele folgen, weil sie den vorhergegangenen Witz des Films in Rente schickt. Ich kaufe eine übertrieben zelebrierte Superheld-im-Weltkrieg-Szene in augenzwinkernder Form ab. Für eine ernsthafte Variante übertreibt es Wonder Woman dagegen mit den Zeitlupeneinstellungen, wacklig animierten, extrem schnellen Zooms über das geografisch unklar gezeichnete Schlachtfeld und mit den eher nach Schattenboxen anmutenden Gewehrkugel-aus-dem-Weg-hau-Moves. Ganz davon zu schweigen, dass ich gar nichts aus der Szene gezogen habe. Über den Kriegsverlauf habe ich nichts erfahren und soll ich offenbar auch nicht - aber entgegen Jenkins' Aussagen sehe ich hier auch keine Charakterentwicklung. Die Figur der Diana Prince (oder Prinzessin Diana von Themyscira) ist den gesamten Film über als sehr stur angelegt - ähnlich wie ihr ideologisches Marvel-Pendant Steve Rogers alias Captain America (welches aber wenigstens durch mehrere persönliche Rückschläge gehen muss und so eine Spannungskurve gestattet). Diana glaubt unentwegt an das Gute, lässt sich dabei nicht einmal vom intendierten Weg abbringen. Wonder Woman war für mich daher schon Wonder Woman, bevor sie auch nur ihre Inselheimat verlassen hat.

Steve Rogers hatte solch eine "Zum-Superhelden-Ich-mutier"-Szene in Captain America - The First Avenger, nämlich als er einen Körper erhält, der seinem übermenschlichen Moralkompass entspricht. Welche Wandlung Diana in der "No Man's Land"-Szene erreicht, bleibt mir derweil auch nach der fünften in Superzeitlupe weggeschlagenen Kugel und der neunten Einstellung, in der das Compositing aus real vor der Windmaschine gefilmter Gal Gadot und dem mit Greenscreentrickserei eingefügtem Hintergrund nicht ganz stimmig ist, ein Rätsel. Sie machte bereits den gesamten Film über ihr Ding. Das ist der Grund, weshalb wir sie als Zuschauende anfeuern (wenngleich es ihren Storyfaden fad gestaltet). Der narrative Gehalt dieser Szene (und die Kampfchoreografie sowie die Digitaltricks) reichen einfach nicht an den mitgelieferten, inszenatorischen Ernst und die somit suggerierte Dramatik heran. Und diese gigantische Divergenz zwischen dem, was bei mir ankommt, und dem, was ich als Intention vermute, ist eine derartige Last für Wonder Woman, dass meine "suspension of disbelief" in mehrere Tausend Teile zerbricht. Ich weiß nicht, wieso ich es feiern sollte. Und ich kann es nicht ernst nehmen, weil ich die Ästhetik als unfertig erachte.


Eine Heldin, die unsere Gegenwart braucht. Aber nicht der Film, den ich ihr gönnen würde.
Während die "No Man's Land"-Szene bei mir dafür sorgte, dass ich mir in der Pressevorführung das von Fremdscham ausgelöste Lachen verkneifen musste, weckt sie im (überwiegend US-amerikanischen) Filmdiskurs-Netz regelrechte Jubelstürme. Sie sei ein Befreiungsschlag. Tränenbäche werden gebeichtet. Gänsehaut sowieso. Was für eine gigantische Meinungslücke, die da klafft. Zumal sie sich nicht auf diese symbolisch ausgewählte Szene beschränkt. Sie betrifft den Film generell, der meiner Auffassung nach sehr viele eklatante Makel hat, in den USA jedoch mit sagenhaften 93 Prozent bei Rottentomatoes und aktuell durchschnittlich 8,3 Punkten bei IMDb gefeiert wird. Eine Meinungsschere, die ich mir aus erzählerischer und handwerklicher Sicht partout nicht erklären kann. Zeit, in die medienwissenschaftliche Trickkiste zu greifen.

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft kennt einen Fachzweig, der sich mit der Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Befindlichkeiten und dem (Miss-)Erfolg von popkulturellen Werken befasst. Manche Professoren tauften diesen Fachzweig auf den Namen "diagnostische Kritik", und es ist ein faszinierendes Feld. Es ist jedoch ein Fachgebiet, in dem sich alle stets vor Augen halten sollten, dass die Grenze zwischen Korrelation und Kausalität zuweilen eine schwammige, dünne Linie ist. So hat im ewigen Wettrennen um die US-Late-Night-Reichweitenkrone in den vergangenen Wochen The Late Show with Stephen Colbert erstmals den monatelang amtierenden Platzhirsch The Tonight Show starring Jimmy Fallon überholt. Colbert ist ein unverblümter Trump-Kritiker, der sich in jeder Ausgabe selber übertrifft, Jimmy Fallon macht nur fluffig-oberflächliche Witze über den US-Präsidenten. Der Popularitätsschub Colberts korreliert mit den immer lachhafter werdenden Aktivitäten im Weißen Haus. Ob Colbert wegen Trump immer beliebter wird, liegt nahe, aber es gilt, tiefer zu graben, um es medienwissenschaftlich zu belegen.

Es ist wichtig, dies im Hinterkopf zu behalten. Denn ich kann jetzt, ohne größere Medienstudien als
Belegmaterial, nur Thesen aufstellen. Aber machen wir dieses Gedankenspiel mal kurz mit, ja? Die USA befinden sich derzeit in einem gewaltigen politischen Sumpfloch. Donald Trump genießt laut Gallup bei seinem Volk eine Zustimmungsrate von desaströsen 38 Prozent. Kaum ein Tag vergeht im vermeintlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ohne dass neue sexistische, rassistische oder schlichtweg dämliche Skandale das Tagesgespräch dominieren. Ein dummer, störrischer, hasserfüllter, alter, weißer Mann ruiniert das Land innenpolitisch und schottet es außenpolitisch-diplomatisch ab. In einem Kino zu sitzen und zu sehen, wie eine Frau durch einen Schützengraben spaziert und beschließt, diese verzahnte, angeblich unmöglich zu rettende Situation in die Hand zu nehmen, woraufhin sie aufs Kriegsfeld spaziert und mit scheinbarer Leichtigkeit (sowie vollkommen unbeschadet) den Tag rettet - ja, das kann eine extrem befreiende Wirkung haben. "Verdammt, ja, mit Hillary Clinton wäre gerade alles besser!"

Und ich gönne allen Zuschauerinnen und Zuschauern diese revisionistische Freude an der Szene. Auch für solche Momente ist das Kino gedacht: "Mann hat Mist gebaut, Frau mistet aus. #MichelleObama2020" Dessen ungeachtet finde ich es schon verwunderlich, wie wenig sich die US-Kritik (ob professionell oder vom Gelegenheitspublikum) vom wackligen CG in dieser Sequenz beirren lässt. Oder an anderen Stellen des Films. Geschweige denn von all den anderen Dingen, die mir bei Wonder Woman ein Dorn im Auge waren. Da ist auch die Politisierung des Films für mich kein Argument mehr.

Zweifelsohne ist es schade, dass Wonder Woman mehr als nur ein Film sein muss. Und genauso sehr ist es von Bedeutung, zu erkennen, dass er aber mehr ist. Es ist ungeheuerlich, dass Frauen vor und hinter der Kamera in Hollywood mehr Hürden zu nehmen haben als Männer. Es ist verflixt schade, dass seit zwölf Jahren kein Superheldenfilm mit weiblicher Hauptrolle gestartet ist. Und dass Regisseurinnen nur einen Bruchteil der Big-Budget-Chancen erhalten, die Männern präsentiert werden. Deshalb beruhigt es mich, welchen Topstart Wonder Woman in den USA hinlegte - wenn schwache Comicadaptionen von Männern Hits werden können, dann eben auch jene, die Frauen inszenieren.

Aber Gleichberechtigung bedeutet halt auch, dass ich Patty Jenkins und Wonder Woman für all das kritisiere, wofür ich auch Zach Snyder und Batman v Superman: Dawn of Justice oder Filme ähnlicher Kajüte kritisiere. Und ich muss leider sagen, dass Jenkins' Werk mehr Parallelen zu solchen aufgeblähten, schwerfälligen und enervierenden Superheldenfilmen aufweist, als mir lieb ist. Was jedoch nicht heißen soll, dass Jenkins Wonder Woman so dermaßen gegen die Wand fährt, dass ich diese Produktion mit dem heiß debattierten DC-Superhelden-Gegeneinander gleichsetzen würde. Ein bisschen besser ist das 150-Millionen-Dollar-Projekt glücklicherweise dann doch geraten. Was zu einem nicht zu unterschätzenden Grad Hauptdarstellerin Gal Gadot zu verdanken ist, die den unerschütterlichen Heroismus ihrer Rolle mit vergleichbarem Charisma umsetzt wie ihn Chris Evans nutzt, um Captain America zu mehr als einem muskulösen Pfadfinder zu machen. Hinzu kommt ein stimmiges komödiantisches Timing, mit dem sie sämtliche Gags über Wonder Womans Kulturschocks zu Lachern macht, bei denen wir mit ihr zusammen amüsiert sind - und nicht etwa über die ahnungslose Figur lachen.

Umso ärgerlicher, dass diese gute Performance das zentrale Element eines Films ist, der nicht derart von der Strahlkraft der Figur gesteuert wird, wie die meisten Marvel-Studios-Werke von ihren Hauptfiguren bestimmt sind. Wonder Woman beginnt ungeheuerlich zäh, mit einer Einführung über das Leben auf der Amazoneninsel Themyscira. Das Erzähltempo lässt den suboptimalen Einstieg in Thor - The Dark Kingdom zügig aussehen und so bekommen wir eine junge Diana zu sehen (überzeugend als "junge Gal Gadot" gecastet, aber hölzern sprechend: Lilly Aspel), die den anderen Amazonen hinterher rennt und deren Übungen nachahmt. Wir bekommen den Mythos erklärt, dass der Kriegsgott Ares die Menschheit verdirbt, und Amazonen die Aufgabe haben, das zu unterbinden. Es werden narrative Brotkrumen gestreut, dass Diana anders und wichtiger ist als die anderen Amazonen. All dies in einen Türkisgrün-Farbfilter getaucht. Chris Pines Steve landet auf der Amazoneninsel, was zu ein paar "Zu hilf, ein Mann!"-Gags führt. Es folgen die langsame Annäherung zwischen ihm und Diana, Diskussionen zwischen Diana und den anderen Amazonen, die zu den vielen, vielen Hinweisen führen, dass diese Figur unbeirrbar ist, und irgendwann reisen die beiden Hauptfiguren endlich ins London zu Zeiten des Ersten Weltkriegs.

Die London-Szenen sind klar die besten des Films, da Kameramann Matthew Jensen ihnen mehr visuelle Tiefe mitgibt als den flach ausgeleuchteten Themyscira-Sequenzen, während wir noch von dem haltlosen CG-Wahnwitz des letzten Akts verschont werden. Die Kostüme sind detailliert, die Sets ausladend und der Dialogwitz zwischen Pine und Gadot sehr launig. Die kleineren Scharmützel, etwa wenn Wonder Woman in einem Hinterhof eine Gruppe Spione ausschaltet, sind flott inszeniert und solide choreografiert - generell punktet Jenkins, wann immer sie in Actionszenen auf größere Effekte verzichtet. Wenn Wonder Woman einen Dachboden voller feindlicher Soldaten fertig macht und dabei in Zeitlupe sowie Zeitraffer mit Schild, Schwert und Körperbeherrschung arbeitet, sieht das gut aus - ganz im Gegensatz zu den größeren Actionmomenten, deren halbfertigen Effekte dem Film schaden. Und bedauerlicherweise nehmen diese Passagen mit Fortlauf der Handlung sukzessive zu.


Ein Schlussakt zum Fremdschämen.
Wonder Woman wäre bei weitem nicht die erste zäh beginnende, sich dann amüsant einpendelnde Comicadaption. Doch der "Der Culture Clash von Thor trifft auf das unverfälschte Comicheldentum vor realer Kriegskulisse von Captain America"-Akt in Wonder Woman wird nicht nur durch die besagte "No Man's Land"-Szene getrübt. Sondern auch durch Antagonisten, die in ihrem Mix aus inhaltlicher Unmotiviertheit und darstellerischer Lachhaftigkeit in X-Men: Apocalypse nicht weiter auffallen würden. Elena Anaya (Die Haut, in der ich lebe) chargiert sich mit angeklebter Porzellanmaske witzlos, aber manisch durch ihre Szenen und wird dabei von Danny Huston als ruchloser deutscher General mühelos in den Schatten der fehlenden Glaubwürdigkeit gestellt. Es mangelt am comic-nostalgischen Kontext, der den albernen Look und die übertriebene Boshaftigkeit von Red Skull in Captain America - The First Avenger verankert. Es ist nicht einmal die losgelöst-bespaßte Manie von Jesse Eisenberg alias Lex Luthor in Batman v Superman zu spüren. Es ist eine orientierungslos-aufgesetzte Schurkenhaftigkeit, wie sie Jared Leto in Suicide Squad zu Tage legt - nur ohne die markante, wenngleich streitbare Optik.

Mit David Thewlis gibt es auf der Seite der Briten, für die Chris Pines Steve arbeitet, einen weiteren Part, der eher durch gestelztes Overacting auffällt. Somit gerät Wonder Woman, wann immer Chris Pine und Gal Gadot vorübergehend in den Hintergrund treten oder sogar völlig eine Szene aussitzen, ins Schwanken. Das passiert so oft, dass sich meine "Suspension of disbelief" in Luft auflöst. Der dritte Akt bringt den Film dann vollkommen zum Kippen. Etwa, eenn die Titelheldin viel, viel begriffsstutziger geschrieben ist, als sie von Gal Gadot gespielt wird. Wenn Steve der nur noch als weltfremdes Naivchen dastehenden Wonder Woman die komplexe Realität erklären muss (was Wonder Woman in Sachen feministischer Wirkkraft meiner Ansicht nach meilenweit hinter Ghostbusters zurückwirft). Und wenn die Finalschlacht aus unförmigem CG-Gewitter besteht, wie es aus dem Batman v Superman-Finale stammen könnte. Oder aus dem Suicide Squad-Schlussakt. Marvel lässt seine Superheldenfilme zwar auch stets im Schlussakt zu Materialschlachten mutieren, aber durch Parallelmontage (Guardians of the Galaxy Vol. 2, The Return of the First Avenger und Avengers: Age of Ultron öffnen mehrere Subschauplätze im Actionfinale), stetig wandelnde Machtverhältnisse (The First Avenger: Civil War) oder unerwartete Taktiken des Helden (Doctor Strange) wird stets ein Mehr geboten, das zusätzlich zum reinen Effektgewitter als Anreiz dient, am Ball zu bleiben. Der Schlusskampf in Wonder Woman hingegen ist ein monotones, ästhetisch unausgegorenes "Heldin wird attackiert. Heldin wehrt ab. Heldin wird wieder attackiert. Heldin wehrt ab. Heldin wird wieder attackiert ...", so dass das Geschehen schnell ermüdet. Dennoch wird es durch nachgeschobene Expositionsmonologe und eine aus dem Nichts gezauberte Kalenderspruchmoral gestreckt - Guardians of the Galaxy Vol. 2 etwa handelt wenigstens durchweg vom Wert der Familie, so dass etwaiger Kitsch im Schlussakt narrativ fundiert ist.

Wonder Woman ist behänder inszeniert als Batman v Superman: Dawn of Justice und trotz des trägen Anfangs erzählerisch stringenter ausgetüftelt. Hinzu kommt das Spiel von Gadot und Pine, und schon zieht Patty Jenkins' Big-Buget-Debüt am Bodensatz des sogenannten "DC Extended Universe"-Filmfranchises vorbei. Aber selbst der Vergleich zu Suicide Squad fällt mir schwer. Denn Wonder Woman hat mit dem London-Part mehr Vergnüglichkeit, Witz und Cleverness als David Ayers kaputtgeschnittenes Werk zu bieten. Aber all das, was Suicide Squad an Fokus vermissen lässt, gleicht Wonder Woman durch Frust und Peinlichkeit aus. Suicide Squad zieht wenigstens relativ stramm an seinen schwächsten Momenten vorbei und ist so ein Beispiel für kurzweilige Inkompetenz, während Wonder Woman in seinen Schwächephasen versumpft, so dass sie als arges Gegengewicht zum gelungenen London-Part dienen. Für mich kommen daher Erinnerungen an Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro hoch, der einige gute Momente hat, aber noch mehr Totalausfälle mitbringt. Bloß, dass Marc Webbs Film völlig unfokussiert ist und somit zwischendurch einfach nervt. Im Gegensatz zum zweiten Amazing Spider-Man ist Wonder Woman hingegen keine Superhelden-Clipshow, sondern ein zusammenhängendes Kuddelmuddel aus "Ja, zeig's ihnen!" und aggressiv frustrierendem "Wieso, wieso nur tust du das?!"

Schade drum. Vielleicht kriegt das bereits angekündigte Sequel die Kurve.

Wonder Woman ist ab dem 15. Juni 2017 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 2. Juni 2017

Freitag der Karibik #45

Achtung, dieser Artikel enthält Spoiler zu Pirates of the Caribbean - Salazars Rache!


Die treuen Seelen unter euch wissen: Meine erste Sichtung von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache war eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Und wie ich schon angedeutet habe, liegt dies zum Teil an meiner innigen Liebe für die Pirates of the Caribbean-Filmsaga, die sich beim ersten Gucken angesichts meines Unwissens über den weiteren Verlauf des neusten Teils mit einigen Entwicklungen gerieben hat. Nun, da der Film bereits seine erste Spielwoche hinter sich gebracht hat, möchte ich euch gern detaillierter erklären,K an welchen Stellen ich bei der ahnungslosen ersten Betrachtung der Disney/Bruckheimer-Produktion im Kinosaal enorme Höhen und Tiefen durchgemacht habe, weil ich nicht wusste, ob ich gerade Kanonbrüche und andere Gemeinheiten bezeuge, oder doch noch alles eine (für mich) gute Wende nimmt ...

Während ich die gesamte Eröffnung rund um Henry Turner mochte, beschlich mich erstmals das "Ohje, ich weiß nicht ..."-Gefühl mit Käpt'n Jack Sparrows Einführung. Ich wusste zwar schon vor dem Film durch ein Interview mit den Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg, dass sie den Film mit einem versackten, glücklosen, aus dem Gleichgewicht geratenen Jack beginnen. Dennoch hat sich nun, sechs Jahre nach Fremde Gezeiten und 14 Jahre nach dem ersten Teil bei mir Nervosität breit gemacht: Ich trage diese Filmreihe nun fast mein halbes Leben mit mir mit. Jetzt sind ist nicht nur der Originalregisseur weg, sondern auch die Originalautoren. Und jetzt wollen sie die ikonischste Figur der Reihe neu erarbeiten, nun, wo sich deren Darsteller unter dem medialen Brennglas befindet. "Bitte, bitte verzockt euch nicht", so mein Gedanke. Und zunächst ... läuft alles glatt. Jack, verwirrt, verschlafen, zugesoffen in einer Bank stehend und laut denkend kam so rüber, wie ich mir den legendären Käpt'n nach einer ellenlangen Pechsträhne vorgestellt hätte.

Dann aber kommt es zur Bankraub-/Fluchtszene, und ab dann wurde immer wieder meine nervöse "Bitte, bitte, lasst diesen Film gut sein!"-Seele aus dem Gleichgewicht gebracht. Jedoch nicht durch das Skript oder die Inszenierung, sondern ausgerechnet durch das Schauspiel: Bis zur als Langtrailer genutzten Hinrichtungssequenz kam es mehrfach zu kurzen Augenblicken, in denen mir Depps Performance eher vorkam wie eine Jack-Sparrow-Imitation, und nicht wie das Original. Es sind stets nur kurze "Blinzle zu lang, und du versäumst sie"-Momente, dennoch brachten sie mich aus dem Konzept - zumal auch Depps Tonlage in ihnen eher an den Verrückten Hutmacher erinnerte. Ich saß da, in meinem Sessel, und dachte mir: "Ich wäre gewillt, das als kleine Problemchen abzutun, statt als den Film erdrückende Last, wenn es bei diesen wenigen Momenten bleibt. Sollten sie sich aber mehren, dann ... Gute Nacht ..." Zum Glück blieb es aber bei diesen Schnitzerchen, sobald Jack wieder eine Crew hat und das Festland verlässt, spielt er konstant und bringt sogar die "Jack findet sich wieder"-Sache gut und mitreißend rüber.

Ein weiterer Punkt, der mich aus dem Konzept brachte: Die angedeutete Behauptung, Salazar würde aus dem Teufelsdreieck befreit, weil Jack seinen Kompass abgegeben hat. Da läuteten all meine Alarmglocken: Jack hat im Laufe der vorhergegangenen Filme mehrmals seinen Kompass abgegeben, als hätte Salazar schon längst sein Unwesen treiben müssen. Die Pirates of the Caribbean-Saga ist gerade einmal fünf Filme lang, da sollte man doch Überblick über die Story behalten können und solche Fehler vermeiden!

Ich war fuchsteufelswild wegen dieser Sache, bis im späteren Verlauf von Salazars Rache erklärt wird, dass Jack den Kompass nicht "betrügen" darf, um zu vermeiden, seinen größten Feind zu entlocken. Und das lässt sich mit den restlichen Filmen vereinbaren: Jack gab seinen Kompass bislang stets aufgrund eines größeren Plans ab. Hier hingegen nur für 'ne Buddel voll Rum, obwohl er auch einen Ring oder sonstwas hätte abgeben können.

Dass in der Rückblende gezeigt wird, wie Jack durch den Kapitän (oder Steuermann) der Wicked Wench erhalten hat, ist wiederum ein dezenter und somit bedauerlicher Widerspruch zu Die Truhe des Todes, wo gesagt wird, dass Jack den Kompass von Tia Dalma erhalten hat. Nun lässt sich das Problem dadurch erklären, dass Jack vielleicht den Kompass verloren und danach wieder bei Tia Dalma erworben hat - hätten wir PotC-Fans ein solches Riesenuniversum an erweitertem Material wie die Star Wars-Fans, könnte man den Kanon auch ganz offiziell wieder ins Lot bringen. So hinterlässt die Rückblende ein kleines Fragezeichen mit möglicher Lösung. Ganz ehrlich: Find ich nicht soooo schlimm, da schien mir das erste Kompass-Ärgernis größer, bis es geklärt wurde.

Dafür durfte ich mich bei der Erstsichtung gleich doppelt ärgern, als die Black Pearl aus ihrer Flasche befreit wurde. Zunächst sah es so aus, als würde sie allen Ernstes absaufen - und ich hätte es Autorenneuling Jeff Nathanson zugetraut, es dabei zu belassen und für mich wäre es eine riesige Beleidigung gewesen. Stattdessen taucht sie ja wieder auf - noch dazu von The Medaillon Calls begleitet. Ein echter Festmoment - der auch fast (aber nur fast) vergessen macht, dass Jack auf das mutmaßliche Ende der Pearl viel zu ruhig reagiert hat (man erinnere sich an seinen Wutausbruch in Fremde Gezeiten, als er erfährt, dass Barbossa sie verlor).

Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein emotionaler Kampf das Ende für mich war: Finde ich es nun gut, dass die Reihe scheinbar beendet ist oder regt es mich auf? Kaum habe ich während des Abspanns Frieden damit gefunden, folgt natürlich auch dieser Cliffhanger von einer Nachabspannszene! Tja, Disney genießt es wohl, mit meinem Seelenwohl zu spielen ...