Freitag, 16. Juni 2017

Freitag der Karibik #47



Die Geschichte der Pirates of the Caribbean-Musik ist eine Geschichte der Kollaboration. War Hans Zimmer beim ersten Film der Mann, von dem die Initialzündung für viele der letztlich genutzten Leitmotive ausging, und Klaus Badelt derjenige, der die Gesamtrichtung vorgab, übernahm Hans Zimmer bei den nächsten drei Teilen die Federführung von Anfang bis Ende. Bei Salazars Rache ging Zimmer jedoch von Bord und überließ den Kapitänshut dem einzigen Komponisten aus der Remote-Control-Productions-Familie, der ebenfalls an allen der ersten Pirates of the Caribbean-Filmen mitwirkte: Geoff Zanelli.

Wie es so bei Filmreihen mit ikonischen Stücken halt ist: Wenn ein neuer Eintrag in diese musikalische Geschichte folgt, muss er sich erstmal gegen den übermächtigen und von den Fans komplett einverleibten Schatten der Vorgänger durchsetzen. Erinnern wir uns nur daran, wie der Star Wars: Erwachen der Macht-Soundtrack teilweise als der Schwanengesang von John Williams bezeichnet wurde. Und nun haben sich die neuen Scoreelemente schrittweise ihren Platz im Star Wars-Pantheon erarbeitet.

Mit wachsendem Alter der Pirates of the Caribbean-Saga wird es dem entsprechend für neue Stücke immer schwieriger, sich auf Anhieb mit den alten Themen messen zu lassen. Daher wollte ich Geoff Zanellis Aufstieg zum Hauptkomponisten unter der Totenkopfflagge etwas Zeit lassen, ehe ich ihn hier genauer unter die Lupe nehmen. Nach zahlreichen Soundtrack-Rotationen und mehreren Rewatches des Films später ist aber die Zeit eines Urteils gekommen ...

Ich würde durchaus behaupten, dass es im Falle von Salazars Rache ungewöhnlich schwer ist, ein Oberthema zu finden oder ein Hauptmerkmal, unter das ich diesen Soundtrack stellen würde. Fluch der Karibik ist der Holzbläser-Teil der Reihe, Die Truhe des Todes dank Davy Jones' mächtig-tragischer Erkennungsmelodie, dem epochaler aufgebauten Jack-Sparrow-Actionthema und den rockig-satten Kraken-Klängen der wuchtige Part, Am Ende der Welt der schwelgerisch-schmachtende, Fremde Gezeiten der mit den spanischen Gitarren. Und Salazars Rache? Wenn ich mir die sehr sauber-munter dekonstruierte He's a Pirate-Version in Erinnerung rufe, die Zanelli mehrfach nutzt, sowie das sehr lyrische Erkennungsstück für Carina Smyth, so würde ich dazu tendieren, diesen Film musikalisch als den ordentlichsten, hellsten zu bezeichnen.

Was die gänzlich neuen Stücke anbelangt, geht dieser Soundtrack mir nicht derart ins Ohr wie die wenigen neuen Aspekte des Fremde Gezeiten-Scores. Salazars Thema sticht für mich klar Blackbeards (wobei beide akustische Cousins des Motivs sind, das während Davy Jones erstem Auftauchen zu hören ist), da es eine höhere dissonante Macht hat. Aber das Spanier-Thema und die Meerjungfrauen-Suite segeln dann doch an Carinas Stück und Henrys Melodie vorbei, sie stechen einfach fescher und kantiger hervor.

Hinsichtlich der Abwandlung der bereits bekannten Stücke ist Salazars Rache jedoch um Längen seinem Vorgänger voraus. Wo Zimmer in Fremde Gezeiten zwischenzeitlich (und widerwillig) im reinen Jukeboxmodus die "Hits von früher" abspielt, ist Zanelli in Salazars Rache wesentlich findiger und setzt auf äußerst schöne Verschränkungen und Variationen der ikonischen Pirates of the Caribbean-Musiksammlung. Neben der bereits erwähnten, eher locker-leichten He's a Pirate-Variation, die das episch-moderne Musikthema ein paar Schritte zurück in das akustische Vokabular klassischer Abenteuerfilme übersetzt, bleibt auch die extrem stolz-bombastische Version in Erinnerung, die in der von Salazar erzählten Rückblende zu hören ist, wenn ein junger Jack Sparrow ein so verrücktes Manöver anordnet, dass es noch Jahrzehnte später als ein waschechtes Jack-Sparrow-Manöver bezeichnet werden sollte, wenn eine junge Dame namens Elizabeth Swann etwas ähnliches vorschlägt.

Toll ist auch, wie Zanelli die Jack-Sparrow-Einmarsch-Melodie (etwaig als The Medaillon Calls bekannt) aus ihrem Urlaub nach Teil vier zurückholt und sowohl dynamisch als Aspekt der Bankraubszene benutzt wie auch in reinrassiger Form bei der Rückkehr der Black Pearl. Und Zanelli hat sich meinen ewigen Respekt dafür erarbeitet, wie er zum Schluss des Films die Liebessuite aus Am Ende der Welt variiert: Bei Hans Zimmer klang sie in all ihren Versionen stets melancholisch, was auch wunderbar zum Film passt, aus dem sie stammt. Fernweh, äußere wie innere Kälte, Trennungsschmerz, gehemmte Liebe, das am Herzen zerrende Gefühl der bittersüßen Erwartung, ständig trübte etwas die Freuden der Romantik. Die abschließende Sequenz von Salazars Rache hingegen klemmt zwischen One Last Shot und He's a Pirate eine reine, in sich ruhende, herzzusammensetzende Spielweise dieser atemberaubend schönen Komposition - und es könnte die Szene nicht besser begleiten. Da verzeihe ich es ihm auch (fast), das sehr ernste und auf Piratenzusammenhalt hinweisende Hoist the Colours in einer Szene zu nutzen, um einen Gag zu unterstreichen.

Wenn ein sechster Teil kommt, darf Zanelli also liebend gern erneut komponieren - dann auch gern etwas experimentierfreudiger und größer in den Gefühlen, denn um mit Am Ende der Welt zu konkurrieren, fehlt Salazars Rache einfach noch der Funken etwas.

Freitag, 9. Juni 2017

Freitag der Karibik #46


Eine Beobachtung aus der Kategorie "Haben die das so geplant, oder haben sie es einfach so genommen, wie es kommt?": Der Umgang mit Ziegen in den Pirates of the Caribbean-Filmen der Post-Gore-Verbinski-Ära.

Wie sich energische Fans der Reihe eventuell erinnern können: Ted Elliott & Terry Rossio bezeichneten auf dem Audiokommentar zu Teil zwei Gores Inszenierungsstil als "... und eine Ziege". Der gute Gore hat nämlich in seinen drei Pirates of the Caribbean-Filmen das Bild immer und immer wieder durch zusätzliche lebende Details bereichert und dabei nicht selten auf Ziegen zurückgegriffen.

In Fremde Gezeiten sowie Salazars Rache, den beiden Pirates of the Caribbean-Teilen, die nicht von Gore inszeniert wurden, sind derweil keine Ziegen zu sehen. Es wird aber über sie gesprochen.

Es könnte ein gigantischer Zufall sein. Oder pure Absicht: Ziegen sind durch Gores intensiven Gebrauch von ihnen als Bildvitalisierungselement ein wiederkehrender, (für Fans) erkennbarer Teil dieser Filmsaga geworden. Spätestens die Anmerkung von Rossio & Elliott hat dies festzementiert. Gleichzeitig sind sie Gores Ding. Was also machen die Regisseure, die in seine Fußstapfen treten? Sie lassen Ziegen aus ihren Bildern raus. Als Wink gen Vergangenheit werden sie aber prominent erwähnt. Als mutmaßlicher Bestandteil der Black-Pearl-Befreiungszeremonie. Und als Carina Smyths Urteil darüber, wie intelligent die sie verurteilende Gesellschaft ist.

Vielleicht ist es ein liebevoller Schachzug, um den Anfängen der Reihe treu zu bleiben und dennoch etwas als Gores Ding zu reservieren. Eventuell ist es ein ebenso purer wie genialer Zufall. So oder so: Ich würde es feiern, wenn dies fortgeführt werden würde. Auf dass in allen kommenden Pirates of the Caribbean-Teilen über Ziegen gesprochen wird, aber keine mehr zu sehen sind - es sei denn, Gore sollte überraschenderweise wieder Regie führen.

Ein Erpel feiert Geburtstag ...

... und zur Feier gibt es einen Vorgeschmack auf die kommende DuckTales-Neuauflage.



Donald Duck, du einzig-wahrer Träger deines Vornamens: Lebe hoch!

Dienstag, 6. Juni 2017

Wonder Woman


Ein ungläubig betrachtetes Wunder.
Wenn das Unglaubhafte nicht weiter hinterfragt wird, dann haben wir es mit der "Aussetzung der Ungläubigkeit" zu tun. Aufgrund der Popularität dieses Fachterminus in der englischsprachigen Filmanalyse wird es aber auch in anderen Sprachen vor allem "suspension of disbelief" genannt.

Für den Erfolg dieses Kunstgriffes ist einerseits stets jede einzelne Person im Publikum in der Bringschuld. Natürlich könnte ich mit verschränkten Armen und bitterer Miene in meinem Kinosessel versacken, die Leinwand grimmig niederstarren und unentwegt schnauben: "Wenn ein Asteroid auf die Erde zurast, würde die NASA niemals auf die Idee kommen, eine Gruppe Ölbohrer dorthin zu schicken." Oder ich reiche dem mir gebotenen Filmprogramm etwas Gutwillen und lasse mich auf das grundlegende Konzept ein. "Okay, der Gott des Donners, ein Supersoldat aus den 40er-Jahren, der jahrzehntelang im ewigen Eis herumlag, ein Meisterschütze, eine gerissene Auftragskillerin, ein Wissenschaftler mit Wutproblemen und ein arroganter Milliardär mit fliegender Rüstung tun sich zusammen und retten die Welt ... warum nicht?"

Sämtliche Bringschuld hinsichtlich der "suspension of disbelief" auf die Schultern des Publikums zu verteilen, ist allerdings ein kunsthandwerklicher Trugschluss. Selbstredend ist der persönliche Faktor ein entscheidender. Er ist es, durch den sich erklärt, weshalb Person A bei übernatürlichen Horrorfilmen eher in Lachkrämpfe statt in Schreiattacken verfällt und Person B mehr Tränen über das Gefühlsleben einer gezeichneten Ente vergießt als über die dramatische Verfilmung der wahren Geschichte, wie ein krebskranker Mann zum Supersportler wird. Dessen ungeachtet sind die Geschichten, die im Kino erzählt werden, sowie die Entscheidungen, die sie in Form bringen, unmöglich aus der Gleichung zu nehmen. Schließlich brauchen wir alle etwas, worauf wir reagieren. Wäre "suspension of disbelief" eine rein auf der Publikumsseite entschiedene Sache, so würden wir uns alle völlig um Kopf und Kragen reden, sollten wir die Unterschiede besprechen, wie Joel Schumacher und Christopher Nolan jeweils Batman interpretieren.

Eine Geschichte zu erzählen, wie in einem der unsrigen Wirklichkeit ähnlich gerateten Filmuniversum eine Person mit Superfähigkeiten und comichaftem Kostüm flott den Verlauf eines Weltkrieges verändert, ist eine sehr knifflige Herausforderung für jede "suspension of disbelief". Marvels Captain America - The First Avenger stellt sich dieser Aufgabe, indem die Geschehnisse durch eine Indiana Jones-Linse beobachtet werden. Ja, wie Captain America in seinem knalligen Outfit durch Wälder rennt, Nazis verprügelt und Kameraden rettet, sieht albern aus. Aber Regisseur Joe Johnston inszeniert es auch auf eine vergnügliche, eskapistische Art und Weise, mit stilisierter Farbästhetik, die an die ersten Farb-Serials erinnert, mit fröhlich-patriotischer Musik und indem er Hauptdarsteller Chris Evans verschmitzt lächeln lässt. Kurzum: Wenn ich mich auf die Idee "Supersoldat räumt an der Front auf" einlassen kann, so lache ich nun mit dem Film, statt über ihn.

Patty Jenkins geht in einem Wendemoment ihrer Comicadaption Wonder Woman einen anderen Weg. Es lässt sich darüber diskutieren, dass sie einen anspruchsvolleren Weg geht, weil sie sich nicht auf die spaßige Indiana Jones-Weltflucht-Methode verlässt. Jenkins lässt Wonder Woman nicht durchs Kriegsgebiet des Zweiten Weltkriegs wüten und markiert es als spritzige Freude. Nach einem Skript von Sex and the City-Autor Allan Heinberg involviert die Monster-Regisseurin die Amazone in den Ersten Weltkrieg, wo sie nach einigem Bedenken ihres Zufallsbekannten Steve Trevor (Chris Pine) an die Front gebracht wurde. Steve erläuterte der Kriegerin aus einer abgeschiedenen, von mythologischem Glauben durchzogenen Welt, dass dieser militärische Konflikt aussichtsloser, verzahnter und komplexer ist, als sie glaubt. Und dass viel gefährlichere Waffen benutzt werden, als die, denen sie bislang begegnet ist. Dennoch drängt sie danach, mitzukämpfen - was Steve sogar gutheißt. Er warnt sie nur vor, dass die Realität vielleicht anders ist, als sie aufgrund ihrer Erziehung und Herkunft erwartet.

Im "No Man's Land" in Belgien angelangt, wo seit gefühlten Ewigkeiten der Waffenkonflikt auf einer einzelnen Stelle verharrt, reißt Diana alias Wonder Woman impulsartig aus. Sie schmeißt die unserweltliche Kleidung ab, die sie zuvor zur Tarnung anlegte, öffnet ihren Zopf und stapft aus dem Schützengraben - mit wallenden Haaren, rot-güldenem Brustpanzer und Amazonendiadem auf dem Haupt. Komponist Rupert Gregson-Williams lässt eine hochdramatische Coverversion des Wonder-Woman-Erkennungsmusikstücks erklingen, das Hans Zimmer und Junkie XL für Batman v Superman: Dawn of Justice erschaffen haben. In Zeitlupe boxt die Heldin Gewehrkugeln hinfort, die auf sie zu schnellen. Jenkins zelebriert dies stücknüchtern, ohne Kontext zu liefern, wie es das Kriegsgeschehen verändert, wir wissen nur, dass irgendein strategischer Knoten platzt. Es ist kein "Hurra, es geht im Krieg vorwärts"-Moment. Regisseurin Patty Jenkins selber sagt, dass die Szene nichts über die Gegenseite aussagt und nicht klar wird, wie viel nun eigentlich erreicht wird. Es ist eine todernste Sequenz, die sich allein auf die Figur stützt, die in ihrem Fokus steht.


Und es ist die Szene, die erstmals meine "suspension of disbelief" im DC-Blockbuster Wonder Woman bricht. Aber es sollten viele, viele Beispiele folgen, weil sie den vorhergegangenen Witz des Films in Rente schickt. Ich kaufe eine übertrieben zelebrierte Superheld-im-Weltkrieg-Szene in augenzwinkernder Form ab. Für eine ernsthafte Variante übertreibt es Wonder Woman dagegen mit den Zeitlupeneinstellungen, wacklig animierten, extrem schnellen Zooms über das geografisch unklar gezeichnete Schlachtfeld und mit den eher nach Schattenboxen anmutenden Gewehrkugel-aus-dem-Weg-hau-Moves. Ganz davon zu schweigen, dass ich gar nichts aus der Szene gezogen habe. Über den Kriegsverlauf habe ich nichts erfahren und soll ich offenbar auch nicht - aber entgegen Jenkins' Aussagen sehe ich hier auch keine Charakterentwicklung. Die Figur der Diana Prince (oder Prinzessin Diana von Themyscira) ist den gesamten Film über als sehr stur angelegt - ähnlich wie ihr ideologisches Marvel-Pendant Steve Rogers alias Captain America (welches aber wenigstens durch mehrere persönliche Rückschläge gehen muss und so eine Spannungskurve gestattet). Diana glaubt unentwegt an das Gute, lässt sich dabei nicht einmal vom intendierten Weg abbringen. Wonder Woman war für mich daher schon Wonder Woman, bevor sie auch nur ihre Inselheimat verlassen hat.

Steve Rogers hatte solch eine "Zum-Superhelden-Ich-mutier"-Szene in Captain America - The First Avenger, nämlich als er einen Körper erhält, der seinem übermenschlichen Moralkompass entspricht. Welche Wandlung Diana in der "No Man's Land"-Szene erreicht, bleibt mir derweil auch nach der fünften in Superzeitlupe weggeschlagenen Kugel und der neunten Einstellung, in der das Compositing aus real vor der Windmaschine gefilmter Gal Gadot und dem mit Greenscreentrickserei eingefügtem Hintergrund nicht ganz stimmig ist, ein Rätsel. Sie machte bereits den gesamten Film über ihr Ding. Das ist der Grund, weshalb wir sie als Zuschauende anfeuern (wenngleich es ihren Storyfaden fad gestaltet). Der narrative Gehalt dieser Szene (und die Kampfchoreografie sowie die Digitaltricks) reichen einfach nicht an den mitgelieferten, inszenatorischen Ernst und die somit suggerierte Dramatik heran. Und diese gigantische Divergenz zwischen dem, was bei mir ankommt, und dem, was ich als Intention vermute, ist eine derartige Last für Wonder Woman, dass meine "suspension of disbelief" in mehrere Tausend Teile zerbricht. Ich weiß nicht, wieso ich es feiern sollte. Und ich kann es nicht ernst nehmen, weil ich die Ästhetik als unfertig erachte.


Eine Heldin, die unsere Gegenwart braucht. Aber nicht der Film, den ich ihr gönnen würde.
Während die "No Man's Land"-Szene bei mir dafür sorgte, dass ich mir in der Pressevorführung das von Fremdscham ausgelöste Lachen verkneifen musste, weckt sie im (überwiegend US-amerikanischen) Filmdiskurs-Netz regelrechte Jubelstürme. Sie sei ein Befreiungsschlag. Tränenbäche werden gebeichtet. Gänsehaut sowieso. Was für eine gigantische Meinungslücke, die da klafft. Zumal sie sich nicht auf diese symbolisch ausgewählte Szene beschränkt. Sie betrifft den Film generell, der meiner Auffassung nach sehr viele eklatante Makel hat, in den USA jedoch mit sagenhaften 93 Prozent bei Rottentomatoes und aktuell durchschnittlich 8,3 Punkten bei IMDb gefeiert wird. Eine Meinungsschere, die ich mir aus erzählerischer und handwerklicher Sicht partout nicht erklären kann. Zeit, in die medienwissenschaftliche Trickkiste zu greifen.

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft kennt einen Fachzweig, der sich mit der Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Befindlichkeiten und dem (Miss-)Erfolg von popkulturellen Werken befasst. Manche Professoren tauften diesen Fachzweig auf den Namen "diagnostische Kritik", und es ist ein faszinierendes Feld. Es ist jedoch ein Fachgebiet, in dem sich alle stets vor Augen halten sollten, dass die Grenze zwischen Korrelation und Kausalität zuweilen eine schwammige, dünne Linie ist. So hat im ewigen Wettrennen um die US-Late-Night-Reichweitenkrone in den vergangenen Wochen The Late Show with Stephen Colbert erstmals den monatelang amtierenden Platzhirsch The Tonight Show starring Jimmy Fallon überholt. Colbert ist ein unverblümter Trump-Kritiker, der sich in jeder Ausgabe selber übertrifft, Jimmy Fallon macht nur fluffig-oberflächliche Witze über den US-Präsidenten. Der Popularitätsschub Colberts korreliert mit den immer lachhafter werdenden Aktivitäten im Weißen Haus. Ob Colbert wegen Trump immer beliebter wird, liegt nahe, aber es gilt, tiefer zu graben, um es medienwissenschaftlich zu belegen.

Es ist wichtig, dies im Hinterkopf zu behalten. Denn ich kann jetzt, ohne größere Medienstudien als
Belegmaterial, nur Thesen aufstellen. Aber machen wir dieses Gedankenspiel mal kurz mit, ja? Die USA befinden sich derzeit in einem gewaltigen politischen Sumpfloch. Donald Trump genießt laut Gallup bei seinem Volk eine Zustimmungsrate von desaströsen 38 Prozent. Kaum ein Tag vergeht im vermeintlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ohne dass neue sexistische, rassistische oder schlichtweg dämliche Skandale das Tagesgespräch dominieren. Ein dummer, störrischer, hasserfüllter, alter, weißer Mann ruiniert das Land innenpolitisch und schottet es außenpolitisch-diplomatisch ab. In einem Kino zu sitzen und zu sehen, wie eine Frau durch einen Schützengraben spaziert und beschließt, diese verzahnte, angeblich unmöglich zu rettende Situation in die Hand zu nehmen, woraufhin sie aufs Kriegsfeld spaziert und mit scheinbarer Leichtigkeit (sowie vollkommen unbeschadet) den Tag rettet - ja, das kann eine extrem befreiende Wirkung haben. "Verdammt, ja, mit Hillary Clinton wäre gerade alles besser!"

Und ich gönne allen Zuschauerinnen und Zuschauern diese revisionistische Freude an der Szene. Auch für solche Momente ist das Kino gedacht: "Mann hat Mist gebaut, Frau mistet aus. #MichelleObama2020" Dessen ungeachtet finde ich es schon verwunderlich, wie wenig sich die US-Kritik (ob professionell oder vom Gelegenheitspublikum) vom wackligen CG in dieser Sequenz beirren lässt. Oder an anderen Stellen des Films. Geschweige denn von all den anderen Dingen, die mir bei Wonder Woman ein Dorn im Auge waren. Da ist auch die Politisierung des Films für mich kein Argument mehr.

Zweifelsohne ist es schade, dass Wonder Woman mehr als nur ein Film sein muss. Und genauso sehr ist es von Bedeutung, zu erkennen, dass er aber mehr ist. Es ist ungeheuerlich, dass Frauen vor und hinter der Kamera in Hollywood mehr Hürden zu nehmen haben als Männer. Es ist verflixt schade, dass seit zwölf Jahren kein Superheldenfilm mit weiblicher Hauptrolle gestartet ist. Und dass Regisseurinnen nur einen Bruchteil der Big-Budget-Chancen erhalten, die Männern präsentiert werden. Deshalb beruhigt es mich, welchen Topstart Wonder Woman in den USA hinlegte - wenn schwache Comicadaptionen von Männern Hits werden können, dann eben auch jene, die Frauen inszenieren.

Aber Gleichberechtigung bedeutet halt auch, dass ich Patty Jenkins und Wonder Woman für all das kritisiere, wofür ich auch Zach Snyder und Batman v Superman: Dawn of Justice oder Filme ähnlicher Kajüte kritisiere. Und ich muss leider sagen, dass Jenkins' Werk mehr Parallelen zu solchen aufgeblähten, schwerfälligen und enervierenden Superheldenfilmen aufweist, als mir lieb ist. Was jedoch nicht heißen soll, dass Jenkins Wonder Woman so dermaßen gegen die Wand fährt, dass ich diese Produktion mit dem heiß debattierten DC-Superhelden-Gegeneinander gleichsetzen würde. Ein bisschen besser ist das 150-Millionen-Dollar-Projekt glücklicherweise dann doch geraten. Was zu einem nicht zu unterschätzenden Grad Hauptdarstellerin Gal Gadot zu verdanken ist, die den unerschütterlichen Heroismus ihrer Rolle mit vergleichbarem Charisma umsetzt wie ihn Chris Evans nutzt, um Captain America zu mehr als einem muskulösen Pfadfinder zu machen. Hinzu kommt ein stimmiges komödiantisches Timing, mit dem sie sämtliche Gags über Wonder Womans Kulturschocks zu Lachern macht, bei denen wir mit ihr zusammen amüsiert sind - und nicht etwa über die ahnungslose Figur lachen.

Umso ärgerlicher, dass diese gute Performance das zentrale Element eines Films ist, der nicht derart von der Strahlkraft der Figur gesteuert wird, wie die meisten Marvel-Studios-Werke von ihren Hauptfiguren bestimmt sind. Wonder Woman beginnt ungeheuerlich zäh, mit einer Einführung über das Leben auf der Amazoneninsel Themyscira. Das Erzähltempo lässt den suboptimalen Einstieg in Thor - The Dark Kingdom zügig aussehen und so bekommen wir eine junge Diana zu sehen (überzeugend als "junge Gal Gadot" gecastet, aber hölzern sprechend: Lilly Aspel), die den anderen Amazonen hinterher rennt und deren Übungen nachahmt. Wir bekommen den Mythos erklärt, dass der Kriegsgott Ares die Menschheit verdirbt, und Amazonen die Aufgabe haben, das zu unterbinden. Es werden narrative Brotkrumen gestreut, dass Diana anders und wichtiger ist als die anderen Amazonen. All dies in einen Türkisgrün-Farbfilter getaucht. Chris Pines Steve landet auf der Amazoneninsel, was zu ein paar "Zu hilf, ein Mann!"-Gags führt. Es folgen die langsame Annäherung zwischen ihm und Diana, Diskussionen zwischen Diana und den anderen Amazonen, die zu den vielen, vielen Hinweisen führen, dass diese Figur unbeirrbar ist, und irgendwann reisen die beiden Hauptfiguren endlich ins London zu Zeiten des Ersten Weltkriegs.

Die London-Szenen sind klar die besten des Films, da Kameramann Matthew Jensen ihnen mehr visuelle Tiefe mitgibt als den flach ausgeleuchteten Themyscira-Sequenzen, während wir noch von dem haltlosen CG-Wahnwitz des letzten Akts verschont werden. Die Kostüme sind detailliert, die Sets ausladend und der Dialogwitz zwischen Pine und Gadot sehr launig. Die kleineren Scharmützel, etwa wenn Wonder Woman in einem Hinterhof eine Gruppe Spione ausschaltet, sind flott inszeniert und solide choreografiert - generell punktet Jenkins, wann immer sie in Actionszenen auf größere Effekte verzichtet. Wenn Wonder Woman einen Dachboden voller feindlicher Soldaten fertig macht und dabei in Zeitlupe sowie Zeitraffer mit Schild, Schwert und Körperbeherrschung arbeitet, sieht das gut aus - ganz im Gegensatz zu den größeren Actionmomenten, deren halbfertigen Effekte dem Film schaden. Und bedauerlicherweise nehmen diese Passagen mit Fortlauf der Handlung sukzessive zu.


Ein Schlussakt zum Fremdschämen.
Wonder Woman wäre bei weitem nicht die erste zäh beginnende, sich dann amüsant einpendelnde Comicadaption. Doch der "Der Culture Clash von Thor trifft auf das unverfälschte Comicheldentum vor realer Kriegskulisse von Captain America"-Akt in Wonder Woman wird nicht nur durch die besagte "No Man's Land"-Szene getrübt. Sondern auch durch Antagonisten, die in ihrem Mix aus inhaltlicher Unmotiviertheit und darstellerischer Lachhaftigkeit in X-Men: Apocalypse nicht weiter auffallen würden. Elena Anaya (Die Haut, in der ich lebe) chargiert sich mit angeklebter Porzellanmaske witzlos, aber manisch durch ihre Szenen und wird dabei von Danny Huston als ruchloser deutscher General mühelos in den Schatten der fehlenden Glaubwürdigkeit gestellt. Es mangelt am comic-nostalgischen Kontext, der den albernen Look und die übertriebene Boshaftigkeit von Red Skull in Captain America - The First Avenger verankert. Es ist nicht einmal die losgelöst-bespaßte Manie von Jesse Eisenberg alias Lex Luthor in Batman v Superman zu spüren. Es ist eine orientierungslos-aufgesetzte Schurkenhaftigkeit, wie sie Jared Leto in Suicide Squad zu Tage legt - nur ohne die markante, wenngleich streitbare Optik.

Mit David Thewlis gibt es auf der Seite der Briten, für die Chris Pines Steve arbeitet, einen weiteren Part, der eher durch gestelztes Overacting auffällt. Somit gerät Wonder Woman, wann immer Chris Pine und Gal Gadot vorübergehend in den Hintergrund treten oder sogar völlig eine Szene aussitzen, ins Schwanken. Das passiert so oft, dass sich meine "Suspension of disbelief" in Luft auflöst. Der dritte Akt bringt den Film dann vollkommen zum Kippen. Etwa, eenn die Titelheldin viel, viel begriffsstutziger geschrieben ist, als sie von Gal Gadot gespielt wird. Wenn Steve der nur noch als weltfremdes Naivchen dastehenden Wonder Woman die komplexe Realität erklären muss (was Wonder Woman in Sachen feministischer Wirkkraft meiner Ansicht nach meilenweit hinter Ghostbusters zurückwirft). Und wenn die Finalschlacht aus unförmigem CG-Gewitter besteht, wie es aus dem Batman v Superman-Finale stammen könnte. Oder aus dem Suicide Squad-Schlussakt. Marvel lässt seine Superheldenfilme zwar auch stets im Schlussakt zu Materialschlachten mutieren, aber durch Parallelmontage (Guardians of the Galaxy Vol. 2, The Return of the First Avenger und Avengers: Age of Ultron öffnen mehrere Subschauplätze im Actionfinale), stetig wandelnde Machtverhältnisse (The First Avenger: Civil War) oder unerwartete Taktiken des Helden (Doctor Strange) wird stets ein Mehr geboten, das zusätzlich zum reinen Effektgewitter als Anreiz dient, am Ball zu bleiben. Der Schlusskampf in Wonder Woman hingegen ist ein monotones, ästhetisch unausgegorenes "Heldin wird attackiert. Heldin wehrt ab. Heldin wird wieder attackiert. Heldin wehrt ab. Heldin wird wieder attackiert ...", so dass das Geschehen schnell ermüdet. Dennoch wird es durch nachgeschobene Expositionsmonologe und eine aus dem Nichts gezauberte Kalenderspruchmoral gestreckt - Guardians of the Galaxy Vol. 2 etwa handelt wenigstens durchweg vom Wert der Familie, so dass etwaiger Kitsch im Schlussakt narrativ fundiert ist.

Wonder Woman ist behänder inszeniert als Batman v Superman: Dawn of Justice und trotz des trägen Anfangs erzählerisch stringenter ausgetüftelt. Hinzu kommt das Spiel von Gadot und Pine, und schon zieht Patty Jenkins' Big-Buget-Debüt am Bodensatz des sogenannten "DC Extended Universe"-Filmfranchises vorbei. Aber selbst der Vergleich zu Suicide Squad fällt mir schwer. Denn Wonder Woman hat mit dem London-Part mehr Vergnüglichkeit, Witz und Cleverness als David Ayers kaputtgeschnittenes Werk zu bieten. Aber all das, was Suicide Squad an Fokus vermissen lässt, gleicht Wonder Woman durch Frust und Peinlichkeit aus. Suicide Squad zieht wenigstens relativ stramm an seinen schwächsten Momenten vorbei und ist so ein Beispiel für kurzweilige Inkompetenz, während Wonder Woman in seinen Schwächephasen versumpft, so dass sie als arges Gegengewicht zum gelungenen London-Part dienen. Für mich kommen daher Erinnerungen an Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro hoch, der einige gute Momente hat, aber noch mehr Totalausfälle mitbringt. Bloß, dass Marc Webbs Film völlig unfokussiert ist und somit zwischendurch einfach nervt. Im Gegensatz zum zweiten Amazing Spider-Man ist Wonder Woman hingegen keine Superhelden-Clipshow, sondern ein zusammenhängendes Kuddelmuddel aus "Ja, zeig's ihnen!" und aggressiv frustrierendem "Wieso, wieso nur tust du das?!"

Schade drum. Vielleicht kriegt das bereits angekündigte Sequel die Kurve.

Wonder Woman ist ab dem 15. Juni 2017 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 2. Juni 2017

Freitag der Karibik #45

Achtung, dieser Artikel enthält Spoiler zu Pirates of the Caribbean - Salazars Rache!


Die treuen Seelen unter euch wissen: Meine erste Sichtung von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache war eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Und wie ich schon angedeutet habe, liegt dies zum Teil an meiner innigen Liebe für die Pirates of the Caribbean-Filmsaga, die sich beim ersten Gucken angesichts meines Unwissens über den weiteren Verlauf des neusten Teils mit einigen Entwicklungen gerieben hat. Nun, da der Film bereits seine erste Spielwoche hinter sich gebracht hat, möchte ich euch gern detaillierter erklären,K an welchen Stellen ich bei der ahnungslosen ersten Betrachtung der Disney/Bruckheimer-Produktion im Kinosaal enorme Höhen und Tiefen durchgemacht habe, weil ich nicht wusste, ob ich gerade Kanonbrüche und andere Gemeinheiten bezeuge, oder doch noch alles eine (für mich) gute Wende nimmt ...

Während ich die gesamte Eröffnung rund um Henry Turner mochte, beschlich mich erstmals das "Ohje, ich weiß nicht ..."-Gefühl mit Käpt'n Jack Sparrows Einführung. Ich wusste zwar schon vor dem Film durch ein Interview mit den Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg, dass sie den Film mit einem versackten, glücklosen, aus dem Gleichgewicht geratenen Jack beginnen. Dennoch hat sich nun, sechs Jahre nach Fremde Gezeiten und 14 Jahre nach dem ersten Teil bei mir Nervosität breit gemacht: Ich trage diese Filmreihe nun fast mein halbes Leben mit mir mit. Jetzt sind ist nicht nur der Originalregisseur weg, sondern auch die Originalautoren. Und jetzt wollen sie die ikonischste Figur der Reihe neu erarbeiten, nun, wo sich deren Darsteller unter dem medialen Brennglas befindet. "Bitte, bitte verzockt euch nicht", so mein Gedanke. Und zunächst ... läuft alles glatt. Jack, verwirrt, verschlafen, zugesoffen in einer Bank stehend und laut denkend kam so rüber, wie ich mir den legendären Käpt'n nach einer ellenlangen Pechsträhne vorgestellt hätte.

Dann aber kommt es zur Bankraub-/Fluchtszene, und ab dann wurde immer wieder meine nervöse "Bitte, bitte, lasst diesen Film gut sein!"-Seele aus dem Gleichgewicht gebracht. Jedoch nicht durch das Skript oder die Inszenierung, sondern ausgerechnet durch das Schauspiel: Bis zur als Langtrailer genutzten Hinrichtungssequenz kam es mehrfach zu kurzen Augenblicken, in denen mir Depps Performance eher vorkam wie eine Jack-Sparrow-Imitation, und nicht wie das Original. Es sind stets nur kurze "Blinzle zu lang, und du versäumst sie"-Momente, dennoch brachten sie mich aus dem Konzept - zumal auch Depps Tonlage in ihnen eher an den Verrückten Hutmacher erinnerte. Ich saß da, in meinem Sessel, und dachte mir: "Ich wäre gewillt, das als kleine Problemchen abzutun, statt als den Film erdrückende Last, wenn es bei diesen wenigen Momenten bleibt. Sollten sie sich aber mehren, dann ... Gute Nacht ..." Zum Glück blieb es aber bei diesen Schnitzerchen, sobald Jack wieder eine Crew hat und das Festland verlässt, spielt er konstant und bringt sogar die "Jack findet sich wieder"-Sache gut und mitreißend rüber.

Ein weiterer Punkt, der mich aus dem Konzept brachte: Die angedeutete Behauptung, Salazar würde aus dem Teufelsdreieck befreit, weil Jack seinen Kompass abgegeben hat. Da läuteten all meine Alarmglocken: Jack hat im Laufe der vorhergegangenen Filme mehrmals seinen Kompass abgegeben, als hätte Salazar schon längst sein Unwesen treiben müssen. Die Pirates of the Caribbean-Saga ist gerade einmal fünf Filme lang, da sollte man doch Überblick über die Story behalten können und solche Fehler vermeiden!

Ich war fuchsteufelswild wegen dieser Sache, bis im späteren Verlauf von Salazars Rache erklärt wird, dass Jack den Kompass nicht "betrügen" darf, um zu vermeiden, seinen größten Feind zu entlocken. Und das lässt sich mit den restlichen Filmen vereinbaren: Jack gab seinen Kompass bislang stets aufgrund eines größeren Plans ab. Hier hingegen nur für 'ne Buddel voll Rum, obwohl er auch einen Ring oder sonstwas hätte abgeben können.

Dass in der Rückblende gezeigt wird, wie Jack durch den Kapitän (oder Steuermann) der Wicked Wench erhalten hat, ist wiederum ein dezenter und somit bedauerlicher Widerspruch zu Die Truhe des Todes, wo gesagt wird, dass Jack den Kompass von Tia Dalma erhalten hat. Nun lässt sich das Problem dadurch erklären, dass Jack vielleicht den Kompass verloren und danach wieder bei Tia Dalma erworben hat - hätten wir PotC-Fans ein solches Riesenuniversum an erweitertem Material wie die Star Wars-Fans, könnte man den Kanon auch ganz offiziell wieder ins Lot bringen. So hinterlässt die Rückblende ein kleines Fragezeichen mit möglicher Lösung. Ganz ehrlich: Find ich nicht soooo schlimm, da schien mir das erste Kompass-Ärgernis größer, bis es geklärt wurde.

Dafür durfte ich mich bei der Erstsichtung gleich doppelt ärgern, als die Black Pearl aus ihrer Flasche befreit wurde. Zunächst sah es so aus, als würde sie allen Ernstes absaufen - und ich hätte es Autorenneuling Jeff Nathanson zugetraut, es dabei zu belassen und für mich wäre es eine riesige Beleidigung gewesen. Stattdessen taucht sie ja wieder auf - noch dazu von The Medaillon Calls begleitet. Ein echter Festmoment - der auch fast (aber nur fast) vergessen macht, dass Jack auf das mutmaßliche Ende der Pearl viel zu ruhig reagiert hat (man erinnere sich an seinen Wutausbruch in Fremde Gezeiten, als er erfährt, dass Barbossa sie verlor).

Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein emotionaler Kampf das Ende für mich war: Finde ich es nun gut, dass die Reihe scheinbar beendet ist oder regt es mich auf? Kaum habe ich während des Abspanns Frieden damit gefunden, folgt natürlich auch dieser Cliffhanger von einer Nachabspannszene! Tja, Disney genießt es wohl, mit meinem Seelenwohl zu spielen ...

War Dogs


Regisseur Todd Phillips dürfte gemeinhin vor allem für die Hangover-Trilogie bekannt sein. Die chaotischen Abenteuer des sogenannten Wolfsrudels aus disharmonischen Freunden steigerten sich vom Junggesellenabschied-Filmrisstrubel hin zu einer visuell beeindruckenden, inhaltlich aber zähen Kriminal-Actionkomödie. Phillips' Entwicklung setzt sich nun, zumindest teilweise, in War Dogs fort: Der Old School-Filmemacher feilt hier weiter an seinen ästhetischen Handwerkskünsten, und auch das Verhältnis von Humor zu Dramatik verschiebt sich im gemeinsamen Vehikel des Das ist das Ende-Nebendarstellers Jonah Hill und des Whiplash-Frontmanns Miles Teller noch stärker gen Ernsthaftigkeit. Doch erfreulicherweise verfügt War Dogs über mehr Esprit als der von einem Übermaß an Leerlauf und zähen Augenblicken geplagte Hangover 3: Die lose von wahren Begebenheiten inspirierte Geschichte ist ein reizvoll-trockenes, ironisch angehauchtes Businessdrama im Look eines Michael-Bay-Spektakels.

David Packouz (Miles Teller) hat nur überschaubares unternehmerisches Geschick: Um seiner Tätigkeit als medizinischer Masseur zu entfliehen, erwirbt er massenweise hochwertiger Bettlaken, die er an Altersheime verkaufen will. Die Betreiber könnten sich aber nicht weniger dafür interessieren, wie schmiegsam die Bettwäsche ihrer Heimbewohner ist – und so bleibt der werdende Vater auf seiner Investition sitzen. Als er seinem früheren Schulfreund Efraim Diveroli (Jonah Hill) begegnet, der ein kleines Waffenhandelsunternehmen führt, sieht David eine attraktive Gelegenheit, doch noch an die nötigen Summen zu gelangen, um seiner Freundin Iz (Ana de Armas) und dem kommenden Nachwuchs ein schönes Leben zu ermöglichen. David heuert bei Efraims Firma AEY an – und erfährt, dass die US-Regierung neuerdings sämtliche Beschaffungsaufträge öffentlich ausschreiben muss. Die großen Waffenhändler kämpfen vehement um Großaufträge – aber es bleiben Krümel von diesem Kuchen übrig, die so kleine Unternehmen wie AEY mehr als nur satt machen …

Selbst das Leben in Saus und Braus ist keine Bro-Komödie
Mit War Dogs wandelt Todd Phillips auf den Pfaden dreier Produktionen: Aus thematischen Gründen werden Erinnerungen an Andrew Niccols Satiredrama Lord of War – Händler des Todes wach, einem hochpolitischen Film mit Nicolas Cage, der mit deftigem Humor laut die amoralische Welt des Waffenhandels anklagt und der für seinen Protagonisten eine herbe Fallhöhe bereit hält. Darüber hinaus ist War Dogs gewissermaßen die juvenile Version von Martin Scorseses Kracher Wolf of Wall Street: Beide Filme versetzen ihr Publikum in eine Welt des Exzesses und der verantwortungslosen Verschwendung – wo Scorsese aber in annähernd drei Stunden ausführlich sämtliche Facetten der betrügerischen Wall-Street-Welt beleuchtet, hakt Phillips den Adrenalinrausch und die Gefahren des planlosen Waffenhandels zügiger und nicht ganz so manisch ab.

Dennoch haben beide Filme gemeinsam, dass sie die Perspektive ihrer Protagonisten übernehmen und sich somit die Moral der Geschichte nicht überdeutlich ankündigt, sondern sie sukzessive auf einen eintröpfelt: Ja, die hedonistischen Protagonisten von Wolf of Wall Street sowie War Dogs genießen stellenweise das Leben aus vollen Zügen, und es mag sein, dass sie trotz mancher Schicksalsschläge unbelehrbar sind – dennoch sollte allen Filminteressenten mit halbwegs intaktem Gewissen klar werden, wie bitter der Nachgeschmack der gezeigten Lebenswandel ist.

Die deutlichsten Parallelen weist War Dogs aber zu Michael Bays kleinem Passionsprojekt Pain & Gain auf: Bay drehte seine stilistischen Markenzeichen in seiner rabenschwarzen Gangsterposse voll auf, setzte somit die verbrecherischen, muskelbepackten Antihelden, die sich zu Ruhm und Reichtum betrügen wollten, greller als seine üblichen Blockbuster-Helden in Szene. Der Filminhalt widersprach derweil vehement der Verpackung: Mark Wahlberg, Anthony Mackie und Dwayne Johnson spielen in Pain & Gain arrogante Hohlköpfe, die den amerikanischen Traum missverstehen und sich mit Dummdreistigkeit rücksichtslos in der Gesellschaft nach vorne boxen wollen.

Diesen Gedanken verfolgt Todd Phillips nahezu 1:1 in War Dogs: Der Regisseur und sein Stammkameramann Lawrence Sher fangen die moralisch verwerfliche „Von ganz unten nach ganz oben“-Aufstiegsgeschichte in kontrastreichen, gestochen scharfen Bildern ein, wie sie einem Michael-Bay-Megablockbuster entsprungen sein könnten. Tagsüber blendet ein azurblauer Himmel, die Sonne strahlt in einem saftigen Orange, abends erfüllt ein komplexes Farbspiel aus Blau, Orange und Purpur den Himmel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Anderswo erschafft ein die ganze Leinwand erfüllendes Farbschema eine intensivere Stimmung: In der Wüste schimmert das Bild in stechenden Gelbtönen, andere Schauplätze sind Grau und Stahlblau. Weitwinkelaufnahmen und gezielt eingesetzte Kameraeinstellungen aus der Froschperspektive stilisieren David und Efraim zu saucoolen, taffen Typen hoch, deren Autos glänzend lackiert sind und deren Klamotten selbst in chaotischen Momenten so schneidig sind, dass die Zwei trotz verdattertem Gesichtsausdruck respektive deutlichem Übergewicht direkt auf das Set eines Mode-Werbeshootings spazieren dürften. Verquickt wird die Hochglanzoptik mit zeitgemäßen, lässigen Kompositionen von Cliff Martinez (The Neon Demon) und einem zeitlosen Chartkracher-Soundtrack.

Doch was durchweg stur in einem „Ist das nicht verflucht cool?“-Stil vermittelt wird, erzählen die Drehbuchautoren Phillips, Jason Smilovic und Stephen Chin mit einer zerrüttenden Begeisterung. Eingangs mag War Dogs ein euphorisches Tempo haben und Efraims sowie Davids Aufstieg im Waffenbusiness mit unironischen Erfolgsmontagen skizzieren. Aber nicht einmal nach einem Drittel der Laufzeit intensivieren sich die Risse, die sich bereits bei Efraims Einführung als fahrlässigen Großkotz angedeutet haben: Als Waffenhändler begeben sich die Jungunternehmer leichtsinnig in Gefahr, und auch wenn sie Hangover-mäßig selbst auf der Flucht vor drohender Waffengewalt verbal schlagfertig sind, so lässt die Schlagzahl an klassischen Pointen radikal nach. Das Duo mag sich ob vermeintlich cleverer Geschäftstricks selber beweihräuchern, aber narrativ distanziert sich War Dogs subtil von seinen Figuren:

Phillips bleibt nah bei ihnen, gibt nur selten Außenstehenden wie Davids Frau Iz Raum, kritische Nachfragen zu stellen. Doch da Szenen selten auf einer Pointe enden, sondern Phillips die Probleme der Waffenhändler durch längere Laufzeit stärker gewichtet, wird klar: Nein, so wie diese Möchtegernhelden will kein vernünftiger Mensch sein. Im Zusammenspiel mit der das Geschilderte bejubelnden Inszenierung ergibt sich ein sehr konzeptueller, schwer zu greifender, aber den gesamten Film aufwertender Humor. Freunde von Pain & Gain werden dies zu schätzen wissen, wer schon den Witz dieses Films nicht mochte, wird derweil mit War Dogs aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls Probleme haben.

Schaulaufen für Hill & Teller
Anders als Michael Bays selbstironischer Verbrecherirrsinn Pain & Gain verzichtet War Dogs auf eine „So dumm, dass man ihn lieb haben muss“-Rolle. Verhalf ein sich mit Hundeblick durch seine Schreckenstaten schlagender Dwayne Johnson dem heimlichen War Dogs-Vorläufer wenigstens zu einem Sympathieträger der Marke „Er ist nicht böse, er ist auf unzurechnungsfähige Weise naiv!“, so ist Phillips' Projekt kompromissloser, aber uncharmanter. Miles Teller wirkt als David Packouz neben Jonah Hills Möchtegern-Scarface zwar bodenständig, letztlich spielt Teller ihn aber als jemanden, der es eigentlich besser wüsste, aber gleichermaßen zu faul und zu gierig ist, um gegen seinen kleinkriminellen Kumpel zu rebellieren. Auch das sehr nüchterne Zusammenspiel mit Lebensgefährtin Iz erschwert es David, als Identifikationsfigur herzuhalten – wobei Ana de Armas‘ steife Performance es Teller eh kaum ermöglicht, seiner Figur wenigstens eingangs eine plausible romantische Ader zu bescheren.

So wenig Tellers Performance nach Sympathien greift – der Two Night Stand-Mime kann trotzdem in dieser Rolle punkten, indem er trockenen Witz, überschwängliche Begeisterung über Fortschritte bei AEY und still wachsenden Frust über Efraim ungezwungen unter einen Hut bringt. Hill hingegen legt Efraim als überlebensgroßen, unberechenbaren Freak an, dessen magnetische Anziehungskraft auf Geschäftspartner und David zwar nachvollziehbar ist, der aus sicherer Distanz jedoch einfach nur noch irre erscheint. Efraim ist ein Schlag Mensch, der einem mit seinen Macken ein süffisantes Grinsen entlockt, während der Verstand leise, aber bestimmt sagt: „Schnell weg, bei dem ist niemand sicher!“

Der restliche Cast kann sich, auch aufgrund dessen, dass der narrative Fokus auf den AEY-Bossen klebt, nicht sonderlich nach vorne spielen. Allein die Gastrolle eines alten Wegbegleiters Phillips‘ hat angesichts ihrer schmierigen Erscheinung, jedoch trockenen Handlungsweise, durchaus Prägnanz. Dass die Autoren gen Schluss wiederholt auf diesen Quasi-Cameo zurückgreifen, lässt War Dogs zwar nach dem Spannungshöhepunkt weiterplätschern, ein eiskalter, Fragen aufwerfender Schluss unterstreicht dafür den Status dieses Films als schwarzes Schaf in Phillips' Vita: Keine Schlusspointe, kein letzter Knall, sondern ein Auslassungszeichen: So wie in War Dogs sollte der amerikanische Traum nicht sein, aber allen künstlerischen Freiheiten dieses Films zum Trotz, ist er als bitteres Stück Ironie verflixt akkurat …

Fazit: Ein ironisch-dramatischer Mix aus Lord of War, Pain & Gain und Wolf of Wall Street: War Dogs ist zwar nicht ganz so ambitioniert und wild, wie es diese Kombination an Vorbildern erwarten lässt, dennoch ist Hangover-Macher Todd Phillips ein Hochglanzfilm mit trockenem Hintersinn gelungen, der nicht unterschätzt werden sollte.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Mittwoch, 31. Mai 2017

Frantz


Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg: Ein verletztes Land, eines, in dem sich die Bürger durch den Versailler Vertrag gedemütigt fühlen. Ein wütendes Land, in dem auf Stammtischen Parolen geschwungen und Feindbilder geschaffen werden. In Mitten dieses verwirrten Deutschlands steht die Kriegerwitwe Anna (Paula Beer), die ihrem Verlobten hinterhertrauert. Dieser zog an die Front, kehrte aber nie mehr wieder. Seither lebt sie bei ihren wohlsituierten Schwiegereltern, die ebenfalls noch vom Verlust ihres geliebten Frantz gekennzeichnet sind. Eines Tages erhalten sie Besuch von einem schüchternen, jedoch neugierigen Franzosen. Der geheimnisvolle Fremde stellt sich als Adrien (Pierre Niney) vor, einen gebildeten Kunstliebhaber, der mit Frantz befreundet war und nun an seinem Grab um ihn trauern möchte.

Zwischen Adrien und Anna entsteht alsbald eine zarte Freundschaft, getragen davon, dass sie sich gegenseitig von Frantz erzählen, aber auch davon, dass sie sich ergänzen: Adrien möchte Deutschland besser kennenlernen, Anna ist im Gegenzug davon fasziniert, wie ihre neue Bekanntschaft von Paris und seinen Intellektuellenzirkeln spricht. Nach anfänglichen Berührungsängsten werden auch Frantz‘ Eltern mit Adrien warm, selbst wenn einige seiner Anekdoten kaum verheilte Wunen aufreißen. Im Dorf wiederum macht sich Adrien ohne sein Dazutun Feinde – er als Franzose hat doch sicherlich deutsche Söhne ermordet und sollte sich schön dahintrollen, wo er herkam. Dabei müssten die Einwohner Adrien gar nicht verteufeln, um ihn zu verjagen: Je heimischer es sich Adrien bei Frantz‘ Hinterbliebenen macht, desto mehr scheint etwas an ihm zu nagen, weshalb er sich eine baldige Heimkehr vornimmt …

Die sehr freie Adaption des Ernst-Lubitsch-Films Der Mann, den sein Gewissen trieb erzählt der französische Arthouse-Liebling François Ozon eingangs mit vielen Leerstellen: Er steigt kurz vor Annas und Adriens Kennenlernen in die Handlung ein und lässt diese in einem gemächlichen Tempo, begleitet von bittersüß gestimmter Musikuntermalung, ablaufen. Eine Einordnung, wie viel noch hinter Adriens Anekdoten steckt, ob er sie ausschmückt oder ob er mit intimen Details hinterm Berg hält, erfolgt zunächst nicht. Durch die visuelle Sinnlichkeit der in Pastellfarben gehaltenen Rückblenden gewinnt die Illustrierung der Monologe Adriens‘, was er mit Frantz in Paris so alles unternommen hat, eine nahezu romantische Stimmung – erst im weiteren Verlauf dieses Melodrams zeigt sich, dass Ozon nicht nach „schöne Vergangenheit“ und „triste Gegenwart“ trennt.

Ozon gewinnt auch den in einem sanften, schmeichelnden Licht gehaltenen Schwarzweißpassagen Schönheit ab, während nicht alle Farbbilder erfüllende Momente ablichten. Der Regisseur trennt viel mehr zwischen authentisch (das heutige Publikum kennt das Jahr 1919 praktisch nur aus Schwarzweißfotografien, also ist für uns das „echte“ 1919 monochrom) und verklärt – etwa beim gemeinsamen Picknick Adriens und Annas. Dieses besteht aus zermürbenden Gesprächsthemen, die Beiden reden aber in einem bemüht-säuselnden Klang miteinander, als wollten sie in Abgeschiedenheit eine unbeschwerte Situation heraufbeschwören.

Die elegische Inszenierung Ozons wird jedoch durch sehr schwerfällige, bemüht aneinandergereihte Dialogsequenzen erdrückt, sobald die Geschichte ihren ersten Wendepunkt erreicht hat: Wenn Adriens wahre Intention, Frantz‘ Familie zu besuchen, offengelegt ist, rücken keine neuen narrativen Leerstellen nach. Stattdessen bleiben nunmehr Fragen über Empfindlichkeiten offen; Fragen, wann die Protagonisten offen über ihre Gefühle reden – wie sich in ihnen Vergebung, Wut, Frust und Enttäuschung vermengen. Sie werden zwar redselig, umkreisen dabei in vielen Worten das, was sie wirklich bewegt.

Doch dieses „Reden, um nicht wahrhaftig zu werden“-Gefühl wird in den behäbigen Gesprächen weder von Skriptseite her, noch von den im Mittelpart mit dem melodramatischen Tonfall des Films hadernden Mimen gefühlsauthentisch ermittelt. Somit ist es erst wieder der ruhigere, nachdenklichere Schluss, in dem Ozon stilsicher eine kunstvolle Neubetrachtung von Der Mann, den sein Gewissen trieb formt. Übrig bleibt somit ein schöner, wenngleich seine emotionale Wirkkraft arg überreizender Film über die deutsch-französische Bruderschaft und all ihre sich auf beiden Seiten doppelnden, harschen Augenblicke.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Der Fluch des US-Meinungsdiktats


Disney und Paramount sorgten die vergangenen Tage in den (US-amerikanisch geprägten) Filmdiskursnetzwerken für ordentlich Trubel: Angeblich verteufeln beide Studios das Modell, Filme vorab den Kritikern zu zeigen und wollen es enorm eingrenzen oder sogar abschaffen. Denn in den Augen beider Studios hätte der Rottentomatoes-Wert von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache und Baywatch den beiden Filmen an den US-Kassen massiv geschadet. Die Auswirkungen dieses Industriegeschnatters: Ein einhellig-galliges Echo "Wer beschissene Filme macht, muss sich nicht über miese Einspielergebnisse wundern".

Uff. Was für eine verwucherte Diskussionsplattform uns dies gibt. Also. Der Reihe nach.

Erstens: Wenn Disney und Paramount wegen Pirates of the Caribbean und Baywatch (in den Vereinigten Staaten) keine Vorabkritiken mehr dulden wollen, ist das verflixt doppelzüngig. Man kann sich nicht mit den positiven Kritiken für die letzten Marvel-Filme oder Star Trek Beyond (wo es noch hieß "Alle finden den Film toll, wieso guckt ihn denn keiner?") brüsten, um dann, wenn es mal schief läuft mit dem Kritikerfeedback, sofort empört die Brücke niederzubrennen.

Zweitens: Handwerkliche und narrative Qualität, woran auch immer sie bemessen wird, ist nicht automatisch mit finanziellem Erfolg gleichzusetzen. Diejenigen, die nun Disney und Paramount für ihre aktuellen Filme niederbrüllen sollen sonst mal die überschaubaren Einnahmen von Moonlight erklären oder den Umstand, dass die Hobbit-Trilogie, die kaum wer über die Herr der Ringe-Filme setzen würde, mit ihren Vorgängern (oder sind es Nachfolger?) wirtschaftlich auf Augenhöhe steht.

Drittens kommt hinzu, dass nicht alles, was US-Kritikern missfällt, automatisch und allgemeingültig schlecht ist. Kulturelle Differenzen können dazu führen, dass einige US-Komödien, die in ihrem Heimatland gefeiert werden, in anderen Ländern brutal bei der Kritik durchrasseln. Und umgekehrt: So einige in den Staaten abgestrafte Filme wurden in anderen Regionen hoch gelobt. Es ist nur unfassbar schwer, das zu quantifizieren, weil die vornehmlich durch US-Amerikaner generierten Rottentomatoes-Zahlen für alle leicht zugänglich sind, es aber kein "Rest der Welt"-Pendant gibt. Soviel zum galligen Echo auf das Gemunkel, dass Disney und Paramount wegen Rottentomatoes entnervt sind ... Wer gibt europäischen Kritikern eine den weltweiten Diskurs beeinflussende Plattform?!

Viertens muss man aber auch mal Disneys Verwunderung verstehen. Laut 'Deadline' hat Pirates of the Caribbean - Salazars Rache in Testvorführungen die besten Benotungen in der Geschichte dieser Filmreihe eingefahren. Das Echo auf der Cinema Con war gut bis sehr gut. Als das Social-Media-Embargo fiel, wurde das Cinema-Con-Echo wiederholt. Als dann das Kritiken-Embargo verging, und Rottentomatoes (sowie Metascore) aus ihren Relevanzpools Noten generierten ... Stand der Film hingegen plötzlich auf Augenhöhe mit Fremde Gezeiten, dem laut Rottentomatoes schwächstem Teil der Saga. Da darf auch mal eine "Was zur Hölle ist jetzt plötzlich passiert?!"-Reaktion entstehen.

Fünftens sollte die Lösung nicht sein, Rottentomatoes zu verbieten. Das war albern, als es 2016 DC-Hardcorefans vorgeschlagen haben, das ist auch dieses Jahr bescheuert, wenn Disney darüber nachdenkt. Eine Analyse, was aber im Pirates-Fall zu dieser Meinungsschere geführt hat, ist spannend und sollte gestattet sein. Ebenso wie bei Guardians of the Galaxy Vol. 2, der zwischen Social-Media- und Kritiken-Embargo als bester Marvel-Film aller Zeiten gefeiert wurde und danach als "gut, aber schwächer als der Vorgänger". Oder bei Alien: Covenant, wo der internationale Filmdiskurs extrem negativ ist, weshalb Fans des Films mit Anti-Hype-Backlash-Artikeln aufwarten, während der US-Mainstream-Kritiker-Konsens sehr positiv ausfiel. Wenn sich Rottentomatoes auf die Fahnen schreibt, ein Meinungsspiegel zu sein, wie schadet es, zu fragen, wie man ihn repräsentativ halten kann? Denn das ewige Nachkrähen des RT-Ergebnisses (egal ob positiv oder negativ) von Leuten, die kaum etwas im Kino sehen, darf doch ruhig einen Konsens festigen, statt ihn ganz neu zu erfinden?

Sechstens: Dass laut 'Deadline' vorliegenden Studien viele U30-Kinobegeisterte keine Kritiken lesen, aber den Rottentomatoeswert genau im Auge behalten und davon in Zweifelsfällen ihre Entscheidung abhängig machen, sollte alle Filmbegeisterten in Besorgnis stürzen. Denn dies ist eine den Diskurs und die popkulturelle Analyse tötende Tendenz. Eine Tinder-isierung des Filmkonsums. Da darf man noch so sehr von Disneys und Paramounts Überreaktion auf das zurückliegende (US-)Wochenende entnervt sein. Rottentomatoes sollte ein Werkzeug von vielen in der Kiste des Kinodebattierens sein. Und nicht der Vorschlaghammer.

Montag, 29. Mai 2017

Bias of the Caribbean: The Mystery of the Compass

Kleine Spoiler für Salazars Rache voraus!

Wie schonmal angedeutet: Es überfordert mich, wie die Pirates of the Caribbean-Filme offenbar einen Sweetspot treffen, der Leute, die weder Fans sind noch reguläre Popcornkinogänger, völlig aus der Bahn wirft. So komplex, dass die einen nicht mitkommen, so entertainmentbetont, dass die anderen überanalysieren und der Reihe Dinge vorwerfen, die sie anderen Filmreihen niemals vorwerfen würden.

Ein Paradebeispiel:


Es ist ein magischer Kompass und es wird erklärt, dass er im Betrugsfalle die größte Gefahr freilässt, die den Besitzer heimsuchen könnte. Jack hat vor vielen Jahrzehnten einen Schurken im Teufelsdreieck getötet, so dass dieser als an diesen Ort gefesselter Geist sein Dasein fristet. Jack betrügt den Kompass, also ist dieser Schurke wieder frei. Was ist an "Kompass befreit Gefahr" und "Magischer Ort erschafft übernatürliche Fieslinge" soooo kompliziert, dass es nicht verstanden wird, oder alternativ so an den Haaren herbeigezogen, dass es für eine Fantasy-Filmreihe zu albern ist?

Und wenn wir schon dabei sind: Wie macht der Eine Ring seinen Träger unsichtbar? Und wieso macht er einen zudem fies und süchtig? Sind Mittelerde-Bewohner so scharf aufs Unsichtbarsein? Würden sie auch durch einen Umhang aus der Harry Potter-Welt gemein? Macht der Eine Ring jeden süchtig? Und wie kann aus einem Hobbit ein Gollum werden? Sucht allein, wirklich? Wieso hat Bilbo für Ewigkeiten den Ring, wird aber kurz vor Beginn der Herr der Ringe-Trilogie erst so richtig von den Nebenwirkungen heimgesucht? Hätte Gandalf nicht früher handeln können? Schön, dass das Supersoldatenserum Captain America das ewige Eis überleben lässt, aber dass es ihn zudem im ewigen Eis nicht altern lässt, das ist schon sehr praktisch, oder? Wenn die Iron-Man-Rüstung nicht von innen gepolstert ist, müsste Tony Stark nicht längst ein Haufen Matsch sein, so oft, wie er mit diesem Teil bruchlandet? Sind Lichtschwerter nicht physikalisch unmöglich?

Wenn die Guardians of the Galaxy alle Universalübersetzer im Ohr tragen, wieso kann zunächst nur Rocket Groot verstehen? Wieso hat Mittelerde genau eine Geisterarmee und was passiert, wenn ein Zwerg es mit einer Menschenfrau zur Sache gehen lässt, kommt dann ein normalgroßes Wesen bei raus? Wieso akzeptiert die Gesellschaft nur geisterjagende Männer? Wer bin ich und was mach ich eigentlich hier?

Sonntag, 28. Mai 2017

Das Zwei-Szenen-Wunder

Achtung, seid gewarnt! Der nachfolgende Artikel enthält zahlreiche Spoiler zu Pirates of the Caribbean - Salazars Rache!


Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Obwohl es nicht zwingend danach aussieht, als stünde uns ein sechster Pirates of the Caribbean-Film garantiert ins Haus, kann ich nicht aus meiner Haut und über ihn und seine Möglichkeiten zu spekulieren. Und ein Punkt, der sich natürlich aufdrängt, ist die Frage: Welche der neu eingeführten Figuren sollten unbedingt zurückkehren?

Ganz vorne für mich dabei: Die Hexe Shansa, gespielt von Golshifteh Farahani in einer ungeheuerlich cool-bizarren Aufmachung. Ich will diese irre gestaltete Figur einfach wiedersehen - und finde, dass sie großes Potential birgt. Nicht nur, weil Farahani eine sehr fähige Schauspielerin ist und somit sicherlich noch viel mehr aus ihrer Rolle holen kann, sollte man von ihr mehr als Exposition abverlangen. Sondern auch, weil die wenigen Augenblicke mit ihr in Salazars Rache suggerieren, dass ihre Fähigkeiten denen von Tia Dalma kaum nachstehen - und dass Shansas moralischer Kompass noch ein Stückchen kaputter ist als der von Naomie Harris' herrlicher Göttin.

Es spricht enorm für Farahanis Leinwandwirkung und die Leistung von Kostümdesignerin Penny Rose sowie dem Make-up-Team, dass Shansa solch einen Eindruck hinterlassen hat - nicht nur bei mir, sondern bei allen, mit denen ich bisher über den Film gesprochen habe. Denn, mit Verlaub: Am fertigen Film beurteilt ist es nicht der Verdienst des Drehbuchautors Jeff Nathanson. Hatte Tia Dalma in ihren wenigen Minuten in Die Truhe des Todes dank ihrer Sprachticks, ihrer Andeutungen und der Reaktionen, die sie bei anderen Figuren hervorrief, einen gut eingewobenen Platz im Film (und eine Auswirkung auf den Plot, den sie unerlässlich erscheinen ließ, statt wie eine markante, aber praktische "Du kommst aus der Plotecke raus!"-Karte), ist Shansa letztlich nur eine beeindruckende Randerscheinung in ihrem Film.

Oder ... vielleicht auch nicht. Eventuell versucht sich Nathanson an einem Spagat und nutzt Shansa als Miss Exposition-Plotmotor, für den Fall, dass die Reihe mit Salazars Rache endet, baut sie aber im Beckett- und Tia-Dalma-Stil für den sechsten Teil vor, sollte er folgen. Dann ist Nathanson zwar nicht ganz im Ted-Elliott-Terry-Rossio-Club angelangt, aber cleverer als ich im ersten Augeblick dachte.

Achten wir nochmal genau darauf, was in Salazars Rache so passiert, wenn Shansa ihre Kreise zieht: In ihrer ersten Szene werden klar Ratten als ihr tierisches Markenzeichen eingeführt. Noch bevor Shansa auftaucht, sehen wir eine Ratte in der Taverne herumkraxeln, wo Jack zuvor seinen Kompass abgegeben hat. Shansa lässt später im Gespräch mit Barbossa fallen, dass sie seine Feinde verflucht hat. Sie erläutert ihm gegenüber zudem, dass die Toten die See beherrschen und es weiser wäre, sich an Land zur Ruhe zu setzen. Erst, als Barbossa widerspricht und unmissverständlich betont, weiter ein Pirat bleiben zu wollen, gibt Shansa Barbossa Jacks Kompass. Später deutet Shansa für die britische Marine die Sternenkarte, die Carina hinterlassen hat.

Ist Shansa wirklich nur eine Ploterläuterung auf zwei Beinen? Oder verfolgt sie etwa einen Plan? Die Ratte in der Tavernenszene suggeriert, dass Shansa noch vor Barbossas Eintreffen wusste, den Kompass zu brauchen. Und dass sie den Kompass erst hergibt, als Barbossa festhält, nicht vor den Toten fliehen zu wollen, deutet darauf hin, dass sie durchaus willens ist, Barbossa in diese gefährliche Situation zu bringen. Barbossa begnügt sich nicht damit, Jack Sparrow an Salazar auszuliefern, sondern erklärt dem Geisterkapitän den Krieg - einen Krieg, in den auch die Marine dank Shansas Hilfe zieht.

Ist es möglich, dass die Hexe ihren Teil dazu beigetragen hat, Barbossas Ende zu besiegeln? Wenn ja, weshalb? Das könnte uns der nächste Pirates of the Caribbean-Film verraten ...

Freitag, 26. Mai 2017

Freitag der Karibik #44


Käpt'n Jack Sparrow ist ein Glückspilz und Pechvogel zugleich - und er hat das sonderbare Talent, sich in einem ständigen Überlebenskampf besonders mächtige Feinde zu schaffen. Damit hat er etwas mit Pirates of the Caribbean gemeinsam: Die ersten vier Filme spülten zusammen rund 3,7 Milliarden Dollar in die Kinokassen ein, zudem eröffnete die Filmreihe als epochale, schroffe und zuweilen finstere Erzählung Disney neue Horizonte. Statt sich somit jedoch einen felsenfesten Ehrenplatz im Disney-Imperium zu erarbeiten, haben die Pirates of the Caribbean dadurch nur Konkurrenten und Probleme erschaffen, die dafür sorgen, dass wir hier nun sitzen, am US-Starttag von Salazars Rache und kopfkratzend rätseln, ob es wirklich einen sechsten Teil geben könnte.

Die Familiaisierung des Jerry Bruckheimer: Jerry Bruckheimer galt jahrzehntelang als gigantischer Erfolgsproduzent - und das, obwohl er sich hauptsächlich auf den Markt für Jugendliche junge Erwachsene stützte. Mit Gegen jede Regel feierte er seine Premiere unter der Disney-Flagge, Fluch der Karibik wurde sein bis dorthin größter Erfolg - und so änderte er seine Marktstrategie. Hinfort war der Produzent von R-Rating-Actionfilmen, stattdessen schlug er fortan wiederholt in die Pirates of the Caribbean-Kerbe und machte extrem aufwändige Abenteuer, die zwar rauer und härter sind als der Disney-Durchschnitt, aber auch familientauglicher als sein früheres Schaffen. Und dann war da noch Duell der Magier, der kein "echter" Bruckheimer-Film war, sondern den ihm Disney als hinter den Kulissen bereits nahezu fertiges Paket aufgeschwatzt hat. Mit dieser Schiene fuhr Bruckheimer abseits der Piraten jedoch wenig erfolgreich und in der Medienpresse wurde er als der Hauptschuldtragende gezeichnet. Sein Verhältnis zu Disney verfinsterte sich, und somit ist nun jeder neue Pirates of the Caribbean-Film eine Zitterpartie: Kommen Disney und Bruckheimer überhaupt ausreichend miteinander aus, um gemeinsam einen Film zu verwirklichen?

Die Bombastisierung des Disney-Konzerns: Fluch der Karibik war 2003 nicht nur für Walt Disney Pictures eine ungewöhnliche Angelegenheit, sondern sogleich für den gesamten Konzern. Zwar verantwortete die Disney Company mit Armageddon und Co. durchaus die eine oder andere gigantische Unterfangung, dennoch hielt man sich dahingehend eher zurück. Realfilme waren das Zubrot eines Konzerns, der seine Mühen im Kinomarkt in Animationsfilme steckt und auch vornehmlich dadurch verdient. Fluch der Karibik eröffnete Disney die Welt der wirtschaftlichen Möglichkeiten aufwändiger Bombastunterhaltung, die nicht mehr als klassische Familienunterhaltung durchgeht, die man aber auch nicht vor älteren Kindern verstecken müsste. Und so holte sich Disney Marvel und Star Wars ins Haus, die an den Kinokassen ähnliche Zahlen schreiben wie die karibischen Piraten. Marvel läuft abseits Avengers etwas schwächer, dafür sind diese Filme deutlich günstiger produziert, Star Wars ist keine wirkliche Kostenersparnis, aber lässt die Kasse ordentlich klingeln. Und dann ist da noch der Merchandisingmarkt: Kinder spielen wohl viel lieber mit Lichtschwertern, riesigen Hulk-Händen und mit Figuren in coolen Rüstungen als mit gammligen, verdreckten Piraten ... Wenn Disney seinen die gesamte Kinoindustrie aufhorchen lassenden Startkalender absteckt, dann liegt die Priorität nicht in der Karibik ...

Donnerstag, 25. Mai 2017

Ein Untertitel für den ersten karibischen Fluch


Disney hatte in Deutschland eine Phase, in der die Titel seiner früheren Erfolge verschlankt sowie vereinheitlicht wurden: Aus Peter Pans heitere Abenteuer wurde Peter Pan, aus Dornröschen und der Prinz wurde Dornröschen und aus Pongo und Perdita wurde 101 Dalmatiner, ganz so, wie sich Aschenputtel auch hierzulande zu Cinderella transformierte.

Ich mutmaße, dass diese Ära weit hinter uns liegt und eine Rückkehr ausgeschlossen liegt. Im Filmdiskurs sind lokale Titel auf langer Sicht nicht mehr so mächtig, da eh die jüngere Generation an Filminteressierten flüssig zwischen lokalem und Originaltitel changiert. Achtet in Zukunft mal darauf, wenn Leute über Die Eiskönigin reden, wie oft der Film doch zu Frozen wird und wieder zurückwandert ... Bei den Pirates of the Caribbean-Filmen brauchen wir bekanntlich gar nicht erst damit anfangen.

Aber da wir uns neulich in eine Welt fantasiert haben, in der Disneys sehr kurzfristiger Plan, eine "... der Karibik" zu erschaffen, durchgezogen wurde, habe ich Blut geleckt und stelle die Frage: Was, wenn Disney Deutschland in zehn, zwanzig Jahren, wenn haptische Sammlungen ein Luxusgut sind und nur noch in superedlen Versionen erscheinen, denkt, man könnte ja mal bei den Piraten sieben, acht Seemeilen extra segeln. Und neben Bergen an Bonusmaterial auch ein hübsch gestaltetes Booklet dazulegt sowie eine optionale Bildspur, die auf eine vereinheitlichte, kohärente Reihenbetitelung setzt. Was sollte dann passieren?

Es gibt zwei Optionen, wenn Disney voll und ganz einheitlich vorgehen will. Der Weg, einfach Fluch der Karibik zum Reihentitel zu machen, Teil zwei seinen einst geplanten Untertitel zu geben, und den Erstling so zu belassen, wie er heißt, ist etwas krumm. Dann hätten alle Filme einen Untertitel, nur der erste nicht. Alternativ könnte man allen Filmen den Pirates of the Caribbean-Übertitel geben und dem zweiten Part zwecks Titelästhetik von diesem dämlichen Fluch der Karibik 2 befreien und zur Truhe des Todes verwandeln. Aber auch hier stellt sich die Frage: Was machen wir mit dem Original?

Denn Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik ist per se ein netter Titel, aber auch etwas redundant. "Piraten der Karibik: Fluch der Karibik" ... da muss schon die Betonung sehr bewusst auf den "Fluch" gelegt werden, um zu erklären: "Es geht immer um die Piraten aus der Karibik, und dieses Mal besonders um ihren Fluch". Bei den Narnia-Filmen hat Disney die Dopplung ja auch nie gestört. Oder sagen wir uns: Wenn schon, denn schon, und vereinheitlichen die Reihe so, dass sie quasi durchweg daraus besteht, dass der Original-Übertitel bestehen bleibt und der Untertitel übersetzt wird?

Ich ahne es: Ich verwirre euch so sehr, wie die Storyfäden der PotC-Saga den Großteil der US-Kritiker. Also kommen wir einfach zu meinen Hirngespinsten in drei Ausführungen.

Version 1: Fluch der Karibik als deutscher Übertitel
  • Fluch der Karibik -Die Piraten der Black Pearl
  • Fluch der Karibik - Die Truhe des Todes
  • Fluch der Karibik - Am Ende der Welt
  • Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten
  • Fluch der Karibik - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Version 2: Es wird durchweg zur Pirates of the Caribbean-Saga, aber wir wollen den so gut eingebürgerten deutschen Titel behalten, Dopplung hin oder her
  • Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik
  • Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes
  • Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt
  • Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten
  • Pirates of the Caribbean - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Version 3: Sorry, Fluch der Karibik, wir werden dich alle in Erinnerung behalten, aber wir machen das nun auf die amerikanische Titelart!
  • Pirates of the Caribbean - Der Fluch der Black Pearl
  • Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes
  • Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt
  • Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten
  • Pirates of the Caribbean - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Eure Präferenzen und Ideen? Außerdem sind weiter gerne Spinnereien zur "... der Karibik"-Betitelung gesehen, das macht ja schon irgendwie Spaß ...

Mittwoch, 24. Mai 2017

Directors of the Caribbean: The Search for the Next One


Wie es sich für Fans einer Filmreihe gehört, kann die Spekulation über den nächsten Film nicht früh genug beginnen. Selbst wenn es im Fall Pirates of the Caribbean knifflig aussieht. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es in naher Zukunft mit den Piraten weiter geht. Disney und Jerry Bruckheimer sind sich einfach nicht mehr so grün wie einst. Disney hat mit Marvel und Star Wars zwei riesige, enorm profitable Franchises in der Hand und haben es somit nicht mehr "nötig" in See zu stechen. Zumal die Pirates of the Caribbean-Filme von Natur aus verflixt teuer sind. Und dann ist da noch die Depp-Frage.

Aber sind wir einfach mal kurz optimistisch. Einfach aus dem Spaß an der Freud an der Spekulation. Für mich steht fest: Wenn es weiter geht, wünsche ich mir ein Drehbuch von Ted Elliott & Terry Rossio (den Autoren der ersten vier Filme) oder von Jeff Nathanson, der mich bei meiner Erstsichtung von Salazars Rache zwar mehrfach ins Schwitzen gebracht hat, aber letztlich bewies, die Logik, Tonalität, Sprache und Mythologie dieser Reihe verstanden zu haben. Nur ... wer soll dieses Drehbuch inszenieren? Hier meine Ideen ...
  • Bill Condon: Hat eine gute Beziehung zu Disney. Weiß, mit visuellem Pomp umzugehen. Beherrscht eine Pirates of the Caribbean-taugliche Farbpalette (siehe: die Tavernenszenen in Die Schöne und das Biest). Von ihm könnte ich mir einen Film vorstellen, der mehr in Richtung "prunkvolles Piratenabenteuer" geht.
  • Scott Derrickson: Kann übernatürliche PG-13-Blockbuster (Doctor Strange), hat offenbar ein Händchen für kreative Effektsequenzen und ist (ähnlich wie Gore Verbinski) "an odd duck". Von ihm könnte ich mir einen Teil vorstellen, der die düster-fantastische Ader der Reihe auf interessante Weise weiterverfolgt. Zudem bekommt man viel Spektakel für vergleichsweise niedriges Budget.
  • Fede Alvarez: Der Don't Breathe-Regisseur weiß, sehr klug mit seinem Budget umzugehen (ich prognostiziere, dass das ein sehr wichtiger Aspekt sein wird: Disney wird bei einem etwaigen sechsten Film mit Sicherheit maximal Salazars Rache-Summen ausgeben wollen). Er choreografiert visuell interessante Szenen und dirigiert die Klanglandschaft beeindruckend. Kann selbst ohne explizite Gewalt enorm Spannung schüren, seine Gewaltspitzen werden sehr kreativ sein. Er hat Vorlieben, die dem Grundstock der Reihe zukommen: Gore Verbinski ließ einen Hauch Tanz der Teufel in das Geschehen einfließen, Alvarez hat das Evil Dead-Remake gedreht, das eine rockige Attitüde mitbrachte: Ohne trashy zu werden, machten dessen Gewaltexzesse riesigen Spaß. Das ist der Verbinski-Funke, den ich mir liebend gern nochmal in etwas anderer Form gebe.
  • Christopher McQuarrie: Wenn wir die "unterhaltsame, schnelle, spannende Setpieces stehen im Fokus"-Route gehen sollten.
  • Peyton Reed: Wenn Disney/Bruckheimer danach ist, das Verhältnis "düstere Teile" zu "Abenteuerspaß-Filme mit gelegentlich dunkleren Phasen" auszugleichen, dann traue ich dank Ant-Man Peyton Reed eine originelle Fortführung der Reihe zu.
  • Joe Wright: Wenn man ihm verbietet, zur Inspiration Baz-Luhrmann-Filme zu gucken, könnte er was visuell spannendes machen. Wright wäre eine dringende Empfehlung, sollte der nächste Teil stärker charaktergesteuert-dramatisch werden. Und, hey, Joe Wright hat ja zu gewissen Schauspieltalenten einen guten Draht, von denen ich mir in Teil sechs viel Leinwandzeit wünschen würde, wenn wir hier gerade eh schon träumen ...
  • Lorene Scafaria: Hat den "Hey, mit der arbeite ich gern nochmal zusammen"-Bonus, den auch Joe Wright mitbringt, und ist ein Talent darin, verzettelte Tonalitäten zu einem schönen Ganzen zu weben. Und ich mag es, wie sie trockenen Wortwitz in Szene setzt. Keine Ahnung, ob sie Action kann, aber, frei nach der Marvel-Studios-Schule: "Wir wollen Regisseure, die die Figuren verstehen. Wenn sie Hilfe bei der Action brauchen, wir kennen da die Richtigen ..."
  • Andrea Arnold: Hat schonmal mit Kaya Scodelario zusammengearbeitet, hat einen starken visuellen Stil und schafft es, lange Filme so zu erzählen, dass sie sich kurz und knackig anfühlen. Bei ihr wirken selbst garstige Figuren interessant (und so manche Pressevertreter haben ja offenbar Probleme, mit Disneys Piraten mitzufiebern, gleichwohl würde ich sie kein Stück verharmlost sehen wollen). Nur ihre Vorliebe zum Academy-Ratio-Bildformat müsste sie bitte ausnahmsweise zurückstecken.
  • Lone Scherfig: Ist sehr gut darin, komplexe, widersprüchliche Tonfälle so zu verweben, dass der Film nicht auseinander klafft, sondern ein stimmiges, emotionales Hin-und-Her ergibt. Ich liebe die Pirates of the Caribbean-Filme ja, weil sie albern-dreckig-frech-epochal-bombastisch-düster-clever-bescheuert-actionreich-dialoglastig sind. Also braucht's solch ein Talent.
  • Julie Taymor: Ich habe eine komplizierte Beziehung zu ihr, aber sie wäre definitiv eine Wahl, bei der ich sagen würde: "Oh, das wird spannend." Anders als bei diversen anderen Namen auf dieser Liste würde ich mir aber einen kontrollierenden Einfluss von Studioseite aus wünschen, damit sie sich nicht in Ideen verrennt, die nicht so ganz aufgehen.
  • Joachim Rønning & Espen Sandberg: Ich mag es ja, wenn Filmreihen eine gewisse Symmetrie oder sonstige handwerkliche Logik mit sich bringen. Daher ist meine Idealvorstellung für die ersten sechs Pirates of the Caribbean-Filme: Nach der zusammenhängenden Gore-Verbinski-Trilogie folgt eine etwas losere Trilogie von wechselnden, fähigen Regisseuren. Bevor wir für PotC 6 aber irgendeinen lahmen "Journeyman" bekommen, eine talentierte, aber desinteressierte Person oder gar eine völlige Nulpe, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: "Okay, ist die Reihe hinter den Kulissen halt was krumm geraten und nach drei Mal dem selben Regisseur und einem einmaligen Ausflug machen es die Kon-Tiki-Jungs zwei Mal." Sie sind Fans der Reihe, talentiert, haben für Salazars Rache weniger ausgegeben als Rob Marshall für Fremde Gezeiten und zudem gefällt mir, was sie geleistet haben. Also: Bevor alle Stricke reißen, nehme ich sehr gerne die Beiden nochmal!
Und, was sind eure Vorschläge?

Dienstag, 23. Mai 2017

Bias of the Caribbean: The Curse of Disney's Happiness


2016 war ein äußerst seltsames Jahr in der Historie des digitalen Filmdiskurs. Die Diskrepanz zwischen den von Rottentomatoes gelisteten Kritikern und den emsigsten Zirkeln an Social-Media-Filmdiskutanten lag häufig weit auseinander und selten häuften sich derart Filme, wo der Kritikerkonsens dermaßen harsch in Kommentarsektionen zerlegt wurde. Es wurde fast schon zum Online-Running-Gag, und die Reaktionen der DC-Fans, die Warners jüngsten Schub an Verfilmungen mochten, auf die weitestgehend negativen Kritiken sorgten mehrfach für Schlagzeilen. Von der ganzen Ghostbusters-Chose will ich gar nicht erst anfangen ...

2016 wurde auch die (von manchen Leuten tatsächlich ernst gemeinte) Verschwörungstheorie populär, Filmkritiker würden in ihren Urteilen gelenkt. Vor allem Disney würde mit seinen tiefen Taschen dafür sorgen, Kritiker dahin zu schmieren, alles von Marvel toll und ausgewählte Filme der Konkurrenz (vor allem Warner/DC) doof zu finden. Ähnliche "Alles nur eine abgekartete Sache"-Theorien erfreuten sich ebenfalls einer gewissen Beliebtheit.

Keine haltlosen Vorwürfe, lieber Dynamiken nachvollziehen
Enttäuschung durch an den Haaren herbeigezogene Verschwörungstheorien zu kompensieren ist, gelinde gesagt, arm. Und haltlos. Und es hilft niemandem. Es erschwert eher noch das Führen eines Filmdiskurses. Es gibt kein Schmiergeld und es sich einzureden, raubt nur die Möglichkeit, seine Filmpassion weiter auch durch das Genießen spannender Kritiken und Analysen zu verschönern (die man im riesigen Meer des Angebots ja einfach nur finden muss).

Nun nehme ich meine Branche aber nicht einfach auch aus egoistischen Gründen in Schutz. Schließlich widerspreche ich auch oft genug dem Kritikerkonsens. Es ist allen geholfen, von diesem sonderbaren Gedanken wegzukommen, ein hoher Rottentomatoes-Wert ist ein Status, den sich ein Film erarbeiten muss. Und wir müssen davon wegkommen, Kritiken so verbissen hinzunehmen. Natürlich gibt es Fälle, denen anzumerken ist, dass sich da jemand beim Schreiben sehr wichtig genommen hat und versucht, der Leserschaft etwas vorzuschreiben. Meist ist dem aber nicht so. Kritiken sind Einschätzungen, Orientierungshilfen, Diskussionsmotoren. Und als solche auch nicht zwingend in Stein gemeißelt - alteingesessene Publikationen blicken daher auch gerne Mal zurück, wenn ein Kultklassiker anno dazumal von ihnen verrissen oder ein legendärer Flop gefeiert wurde.

Vor allem sind auch Mitglieder des Kritikerzirkels nur Menschen, keine Filmkunstanalyseroboter. Und als solche können wir auch mal von Eigendynamiken oder Kontexten mitgerissen werden. Was auch völlig okay ist. Schließlich schreiben wir ja primär auch für andere Menschen, nicht für irgendwelche Rottentomatoes-Algorithmen - und somit sind die Adressaten von Kritiken ebenfalls Teile von Dynamiken und Kontexten - vor allem aber auch im Idealfall mündig und des selbstständigen Denkens fähig. So dass sie eine negative Kritik auch mal mit einem "Wow, find ich geil!"-Gedanken niederlegen können.

Der Kontext verändert nicht zwingend die Noten, aber sicher die Akustik
Wenn also etwa in unserer modernen Welle an aufwändigen, ambitionierten Superheldenfilmen ein Werk daherkommt, dass eher durchschnittlich ist, dann mag es zwischen den ganzen Genrekollegen enttäuschend sein. Selbst wenn sich das Kinopublikum 1985 noch nach solch einem Film alle Finger geschleckt hätte. Und so passioniert La La Land sein mag, so clever im Einfädeln seiner Referenzen in seine eigene Story, so mitreißend die Songs: Als praktisch ironiefreies Musical, das nicht im Videoclipstil daherkommt und genauso wenig ein Märchen erzählt, ist der Film heute einfach viel erfrischender und andersartiger als es 1950 der Fall gewesen wäre.

Eine ausführliche Kritik kann den Kontext dafür liefern. Und selbst wenn sie es nicht explizit klar macht, so lässt sie vielleicht den Interessenten beim Lesen genug Raum für Selbstrelexion, um zu erkennen: "Ja, Mittelmäßigman ist wirklich nicht schlecht. Er sieht nur im Vergleich zu den restlichen Superheldenfilmen des Jahres eher mies aus." Rottentomatoes hingegen ... kriegt das nicht gebacken und generiert aus den gesammelten Kritiken eine Zahl. Punkt, Ende, Aus.

Verwirrende Meinungsscheren und variierende Erwartungen
Das Abschneiden von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache sorgte dieser Tage bei nicht wenigen Filmliebhabern für Verwirrung: Sowohl nach der Preview auf der Branchenexpo als auch nach dem Ende des Social-Media-Embargos war der Konsens sehr positiv. Von einem nötigen frischen Wind war die Rede, der plötzlichen Lust nach weiteren Filmen und einem rundum feinen Abenteuer. Und nun: Mickrige 34 Prozent bei Rottentomatoes. Wie kommt sowas nur zustande? Sind die Kritiker denn alle verrückt geworden?

Nein, das nicht. Rottentomatoes führt nicht über jede einzelne Kritik Buch, die im englischsprachigen Web veröffentlicht wird. Entertainment-Reporter, wie die diversen Leute von Collider, Slashfilm und Co., die zum positiven ersten Reaktionsschub beigetragen haben, werden von Rottentomatoes ignoriert. Und sind eher Teil der Zielgruppe, die solch ein Fantasy-Abenteuer-Komödien-Spektakel loben werden als die etwas diversere Gruppe, die Rottentomatoes berücksichtigt. Hinzu kommt, dass manche einschlägige Portale unterschiedliche Redakteure zur Cinema Con schickten und die Kritik verfassen ließen (auch wenn das Optimismusgefälle schon extrem ist).

Und dann zählt Rottentomatoes halt einfach anders. Weil es unbenotete Kritiken eine Wertung draufpackt. Ich habe mir nach der Pressevorführung im Zug nach Hause in meine Notizen unter anderem geschrieben, dass Salazars Rache allem Humor zum Trotz für Disney-Maßstäbe ein sehr sadistischer, fieser, gemeiner, dreckiger Film ist. Ich finde sowas klasse. Wäre ich rottentomatoesrelevant, könnte das Portal dem Kontext meiner Kritik vielleicht entnehmen, dass die Review bitte als "fresh" zu werten ist, aber bei vielen anderen Kritikern könnte das eher negativ klingen - was dem Pirates of the Caribbean-Zielpublikum schnuppe sein dürfte. Aber es kostet de Film ein paar Prozentpunkte.

Was mich zu einer Feststellung führt: Die (für Rottentomatoes nennenswerten) US-Kritiker scheinen ein ordentliches Problem damit zu haben, wenn ein Film unter der Disney-Flagge segelt, aber gar nicht die muntere, fröhlich-bunte Weltflucht liefert, die sonst mit diesem Namen verbunden wird. Wie viele Kritiken zu Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen beinhalteten Variationen von "zu düster", "zu ernst" oder "nicht lustig genug". Dinge, die Gareth Edwards Godzilla, einem Herr der Ringe oder einem Daniel-Craig-Bond von der schreibenden Zunft nicht so leichtsinnig vorgeworfen werden. Oh, aber ein Disney-Seefahrer-Fantasyepos, das hat bitte fluffig, bunt und nett zu sein.

Aber nehmen wir nicht mein Geschwafel für bare Münze. Und schauen auf die Zahlen, die ja als so wichtig erachtet werden.  Nimmt man sich die wenigen Disney-Filme (also astrein, klassisches Disney, nicht Marvel, Star Wars und Co.) mit einem PG-13-Rating, also einer höheren US-Jugendfreigabe als sonst vom Studio gewohnt, zeigt sich ein klares Bild.

Fresh (PG-13):
Fluch der Karibik (2003): 79%
Saving Mr. Banks (2013): 78%
The Finest Hours (2016): 63%

Rotten (PG-13):
Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 (2006): 54%
John Carter (2012): 51%
Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (2007): 45%
Prince of Persia - Der Sand der Zeit (2010): 36%
Pirates of the Caribbean - Salazars Rache (2017): 34%
Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten (2011): 32%
Lone Ranger (2013): 31%

Nun werden manche sagen: "Disney macht halt einfach oft miese Filme". Andere werden den einen oder anderen dieser Filme in Schutz nehmen. Und einen Kausalzusammenhang kann ich hiermit nicht belegen, das ist mir klar. Ebenso ist mir bewusst, dass Korrelationen nicht zwangsweise etwas belegen. Interessant finde ich es dennoch: Fluch der Karibik, der für Disney in Sachen "mutigerem" Entertainment als Eisbrecher fungierte (und ironischerweise nicht mit dem Disney-Logo beginnt, sondern es am Ende versteckt) ist "fresh". Saving Mr. Banks, der von der Entstehung eines Disney-Films handelt, steht ebenfalls sehr positiv dar. Und The Finest Hours ... verwirrt mich. Tun wir ihn als Ausnahme ab. Der Rest, alle Piratenepen, die ja laut manchen Kollegen doch bitte einfach nur Komödien sein sollten, Gore Verbinskis zuweilen sehr garstiger Westernritt, die Pirates-Wüstenantwort Prince of Persia und John Carter, der seinen Helden in einer Szene unter einem Berg von Leichen vergräbt ... sie alle sind also schlecht. Schon ein hübscher Zufall.

Vielleicht ist da tatsächlich diese Eigendynamik, die zum Zuge kommt. Die alteingesessenen US-Kritiker rechnen damit, dass Disney ihnen leichten Familienspaß liefert. Dann bekommen sie etwas ganz anderes serviert, und sie reagieren entsprechend darauf. In einer Langkritik kann sich aus diesem Clash zwischen Wunsch und Filmprodukt was spannendes ergeben - oder auch ein Beispiel für voreingenommene Perspektiven, die einem Film die Chance nehmen, gerecht besprochen zu werden. Kommt immer drauf an. Rottentomatoes differenziert da nicht. Und da können noch so viele Social-Media-Vorabkritiken von jüngeren Kritikern, die das "härtere" Disney nicht so verwunderlich finden, Salazars Rache loben. Deswegen muss man aber nicht gleich Sturm laufen und das Gekeile von 2016 im Namen der Piraten fortführen oder seinen Glauben an die Filmkritik aufgeben.

Vielleicht hat aber auch einfach Warner Bros. dieses Mal den größeren Betrag Schmiergeld gezahlt. Das wäre natürlich unerhört ...

Ich verzichte mal darauf, die Ironie zu kennzeichnen. Ich vertraue euch!

Montag, 22. Mai 2017

"Pirates of the Caribbean – Salazars Rache": Ein Film, so viele Meinungen ...


Es ist endlich wieder so weit: Nach Jahren des Wartens öffnet sich das nächste Kapitel der Pirates of the Caribbean-Saga. Die Pressevorführung des fünften Teils dieser Disney/Bruckheimer-Reihe war für mich eine ziemlich aufreibende Angelegenheit, immerhin geht es mit meinem Lieblings-Filmfranchise weiter. Und vielleicht kennt ihr dieses Gefühl von euren jeweiligen Topfavoriten: Der neue Eintrag in die Reihe fühlt sich im ersten Moment immer etwas fremd an, ganz gleich, wie gut man ihn im ersten Moment einschätzt. Schließlich lebte man zuvor einige Zeit in einer Welt, in der die vorhergegangenen Filme eine in Zement gemeißelte Einheit bildeten. Und jetzt ist da plötzlich ein neuer Film mit dabei ... Und im Falle von Pirates of the Caribbean – Salazars Rache kommt noch hinzu: Ich habe den Film ja nicht einfach für mich allein geguckt, sondern im Auftrage meines Filmkritikerjobs. Ja, ja, ich kann wirklich nicht klagen, schließlich konnte ich die Produktion daher noch vor dem Kinostart sehen. Dennoch fügt dies eine weitere Dimension der Distanzierung zum Geschehen hinzu.

Und so kommt es, dass in meinem Kopf eine Vielzahl an Beobachtungen, Perspektiven und Meinungen herumschwirrt, die ich zu diesem Piratenabenteuer festhalten kann. Aber wozu hat man seine eigene Seite, wenn man sie nicht für solch eine unkonventionelle Rezension nutzt?

Die Feststellung, die ich an die Gegner der Reihe richten möchte: Zunächst einmal ... Leute, was stimmt mit euch nicht? Wie könnt ihr nur Pirates of the Caribbean nicht mögen? Aber, gut ... So sehr ich dem neuen Film ein stattliches Einspielergebnis gönne: Ihr wärt bei Salazars Rache im Kinosaal fehl am Platz. Man muss die anderen Filme nicht gesehen haben, um der Handlung zu folgen (es sei denn man ist von der Art "Ich weiß, dass es vorher Filme gab, also stelle ich bei jeder Kleinigkeit übergenaue Fragen, um zu erfahren, was ich vielleicht versäumt habe!"), allerdings stützt Drehbuchautor Jeff Nathanson, obwohl er neu zur Reihe hinzugestoßen ist, ein Gros des emotionalen Rückgrats darauf, dass wir die Figuren bereits kennen und lieben gelernt haben. Und obwohl Salazars Rache seine eigene Grundstimmung hat (so wie auch alle Teile zuvor), so setzt er sich ganz klar aus den typischen Pirates of the Caribbean-Zutaten zusammen (wie halt die anderen vier Filme). Wer also bislang nicht einen einzigen Film dieser Saga mochte, wird auch hier auf Elemente stoßen, die bisher für Abneigung sorgten. Ich mein, klar, es gibt immer Leute, die als lebende Ausnahme die Regel bestätigen, trotzdem würde ich dazu tendieren: Gebt lieber erstmal den bisherigen Teilen noch eine Chance, als vertrauensselig in den fünften zu gehen.

Die geerdete (Landgang-)Meinung: Visuell pompöses Piratenabenteuer mit einigen erstaunlichen Specialeffects und superaufwändigem Produktionsdesign sowie starken Kostümen. Mit Disney-Grenzen testendem, ultraräudigem Dialogwitz und sehr sympathischen Neuzugängen zum bisherigen Pirates-Cast. Die Musikuntermalung ist schmissig, schön und eingängig, wenngleich de neuen Motive eher rar gesät sind. Depp ist im ersten Drittel in ein paar Szenen "off", wird aber nach und nach zum guten, alten Käpt'n Jack. Der Action fehlt Gore Verbinskis Wahnsinn, jedoch ist sie trefflich geschnitten und abwechslungsreich. Das Storytelling ist ungewohnt schlicht für die Reihe, dafür mit emotionalem Rückgrat: Lauter, schräger, düsterer als Teil 1, schneller als der vierte Teil, bescheidener und stringenter als zwei und drei. Wer wenigstens irgendeinen der bisherigen Pirates of the Caribbean-Filme mochte, sollte erneut ins Kino, denn auch wenn Salazars Rache wohl bei wenigen zum Favoriten werden dürfte, so hat er das Zeug dazu, sich in vielen Herzen als guter Rang zwei oder drei innerhalb der Saga zu platzieren.

Die Fan-Perspektive: Eine sadistische, passionierte Verneigung vor der Reihe. Der Filmkanon wird von Nathanson sowie den Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg mehrfach in Frage gestellt, woraufhin sie mit etwas Abstand zurück rudern, mit einem fiesen Grinsen im Gesicht: "Nein, wir haben eben kein Loch in Figurenentwicklung und Kontinuität geschossen. Reingefallen!". Das erweiterte Universum … äh … wird anerkannt, aber es wird Diskussionen geben, die es über (mögliche) Ungenauigkeiten zu führen gilt. Der Film hat dafür mehrere dicke, saftige Fanservice-Momente. Wenn es der letzte Teil sein sollte, ist’s ein sehr würdevolles Ende.

Ich, ganz privat, als jemand, der dieses Franchise ganz, ganz nah am Herzen trägt: So bin ich noch nie in einer Pressevorführung durch Himmel und Hölle gegangen. Was für ein Glück, dass ich relativ abgeschottet saß und mich daher niemand hat sehen oder hören können. Gigantische Momente der Freude wechselten sich mit intensivster Besorgnis ab. Mehrmals täuschte der Film an, eher ein "Ok, das ist was für Gelegenheitsfans und Popcornkinogänger, aber das, was ich suche, ignoriert er"-Projekt zu sein, nur um mich dann vollauf zu entschädigen. An mehreren Stellen war ich kurz vor der Resignation, nur um mich dann mit aller Macht zurückzuhalten und nicht laut klatschend, aus dem Sessel hüpfend meine Freude zu proklamieren: "Ja! Ja! Danke, wie genial!" Aber, nur um es noch einmal ganz sicher festzuhalten: Es wird (kaum) wem so ergehen wie mir! Aber ich, mit meiner intensiven, emotionalen Bindung zu der Reihe, ihren Themen, Figuren und Musikstücken war nach diesem ersten Salazars Rache-Seherlebnis außer Atem und brauchte etwas, um wieder runterzukommen. Und, wow, was freue ich mich auf die entspannte(re) Zweitsichtung, wenn ich mich zurücklehnen und in den Saal horchen kann, ob irgendwo ein Menschlein sitzt und so hörbar mitleidet und mitjubelt wie ich beim ersten Mal. Ich, als wer, der die irrsinnige, aberwitzige, überambitionierte Seite der Reihe mag, werde ihn auf Dauer trotz dieser unfassbar intensiven Erfahrung beim ersten Gucken nicht so feiern wie meinen Lieblingsteil. Aber, hey, meinen liebsten Pirates of the Caribbean mögt ihr da draußen im Durchschnitt nicht so sehr wie ich, da ist das nur ausgleichende Gerechtigkeit. Nur das Kopfzerbrechen, wie ich den Piratenspaß gern fortführen würde, das wird mich in den nächsten Tagen und Wochen beschäftigen.

Ab den Abendstunden am 24. Mai könnt ihr euch ebenfalls auf Pirates of the Caribbean – Salazars Rache einlassen. Ich würde empfehlen, eher auf 3D zu verzichten, es sei denn, ihr seid 3D-Fans, habt ein gutes 3D-Kino in eurer Nähe oder seid innige Fans und die 2D-Optionen sagen euch zeitlich nicht so sehr zu. So oder so: Habt Spaß. Und: Trinkt aus, Piraten, Yo-Ho!