Montag, 20. November 2017

Filmtipps: Fünf zu Unrecht vergessene Disney-Literaturadaptionen

Heute Abend zeigt der Disney Channel eine sehr spannende Ausgabe seiner wundervollen Rankingshow Disney Magic Moments: Es geht um die besten Literaturadaptionen aus dem Hause Disney. Ein reizvolles Thema, bei dem ich mich sehr schwer tun würde, Favoriten zu wählen. Denn was ist überhaupt eine gute Literaturadaption? Ein guter Film, der auf einem Buch basiert? Ein Film, der sich möglichst eng an seiner Vorlage orientiert, ganz gleich, wie filmisch das Umgesetzte dann auch sein mag? Ein gesunder Mittelweg? Wenn ja: Wie sieht denn nun ein gesunder Mittelweg aus? Eher wie der Die drei Musketiere-Realfilm mit Charlie Sheen und Kiefer Sutherland oder eher wie die Muppet-Version der Charles-Dickens-Weihnachtsgeschichte?

Da ich mich gar nicht erst auf diese Debatte einlassen möchte, mag ich euch viel lieber mit einer Filmtipp-Liste auf diese Disney Magic Moments-Folge einstimmen. Ich präsentiere hier in chronologischer Reihenfolge einen Querschnitt fünf nicht genügend gewürdigten Disney-Produktionen, die auf literarischen Werken basieren. Vielleicht mache ich euch so ja Lust, diesen Filmen erstmals eine Chance zu geben oder sie erneut einzulegen?

20.000 Meilen unter dem Meer (1954)

Ein waschechter Disney-Klassiker, den die älteren Disney-Fans zumeist auch mit der ihm gebührenden Innigkeit verehren: Es ist der erste auf US-amerikanischem Boden produzierte fiktionale, reine Disney-Realfilm der Kinogeschichte und zudem ein Meilenstein in Sachen Spezialeffekte. Die abenteuerliche sowie dramatische Adaption des gleichnamigen Jules-Vernes-Romans scheint mir allmählich jedoch in Vergessenheit zu geraten. Prominent platzierte Wiederholungen im Fernsehen sind ein Ding der Vergangenheit und von einer Blu-ray-Veröffentlichung kann man wohl nur noch träumen. Dabei weist dieser Filmklassiker starke Performances von Kirk Douglas und James Mason auf sowie eindrucksvolle Bilder - und da Gore Verbinski in Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes intensiv auf ihn zurückweist, sollte Disney und seinen jüngeren Fans doch eigentlich daran gelegen sein, das Referenzpuzzle zu vervollständigen, oder?

Dschungel der 1.000 Gefahren (1960)

Ein weiterer Klassiker aus Walt Disneys Schaffenszeit, der sich recht lange dem Prozess des Vergessens verwehrt hat, der nun jedoch, wie ich fürchte, langsam unter den Teppich gekehrt wird: Diese im Original Swiss Family Robinson betitelte Abenteuerkomödie von Pippi Langstrumpfs neueste Streiche-Regisseur Ken Annakin bekam in drei Disney-Parks ein Denkmal in Form eines Baumhauses errichtet und seit rund einem Jahrzehnt ist die Rede von einem Remake. Doch von diesen Randnotizen abgesehen scheint diese Verfilmung eines Johann-David-Wyss-Romans aus der Disney-Fankultur zu entschwinden. Dabei ist es ein farbenfroher, launig gespielter und ansehnlich ausgestatteter Mix aus familiengerechtem Survivalabenteuer und cartooniger Action, wie sie aus einem Donald-Duck-Kurzfilm entflohen sein könnte.

Abenteuer auf Schloß Candleshoe (1977)

Basierend auf dem Roman Christmas auf Candleshoe erzählt dieser Abenteuerspaß mit Helen Hayes und Jodie Foster von vier Waisen, die auf dem Anwesen der verarmten Adelsfrau St. Edmund nach einem Schatz suchen. Charmant gespielt und vor idyllisch-rustikaler Kulisse angesiedelt ist diese Ferienalberei mit einem kecken David Niven in einer wandelbaren Nebenrolle zwar wahrlich kein großes, weltbewegendes Kino. Aber es hat eine eingebaute Gute-Laune-Garantie.

Das Herz einer Amazone (1991)

Kleines, liebenswertes Disney-Kino mit ganz, ganz großen Gefühlen: Basierend auf den Memoiren von Sonora Webster Carver (und Memoiren sind ja auch Literatur, wenngleich keine fiktive...) erzählt dieses herzzerreißende Romantikdrama von einer jungen Frau, die aus ihrem grauenvollen Leben ausbricht und sich während der Großen Depression einer Ausstellertruppe anschließt. Einfühlsam gespielt und für Disney untypisch dramatisch entfaltet dieser gerade einmal 88 Minuten lange Film eine inspirierende, wahre Geschichte. Ja, eine Prise Kitsch ist auch dabei, aber diese ist wohl dosiert. Ein Film zum Dahinschmelzen.

John Carter (2012)

Okay, völlig vergessen dürfte John Carter jetzt noch nicht sein. Aber ich befürchte, dass sich die meisten nur an die galligen Berichte über die finanzielle Fehlleistung dieses Sci-Fi-Abenteuers erinnern, was unfassbar schade ist. Denn mit einem aufwändigen Look, einigen herrlichen Einfällen und einem sehr ambitionierten Storytelling ist dieser Film zweifelsohne ein Paradebeispiel für das verkannte Genre "Kostspielige Disney-Flops, die an der falschen Erwartungshaltung des Publikums gescheitert sind". Andrew Stantons passioniertes Big-Budget-Projekt hat das wahrlich nicht verdient!

So, das waren meine fünf raschen Disney-Filmtipps. Schreibt mir doch in die Kommentare, was ihr von ihnen haltet beziehungsweise, ob ihr sie überhaupt kennt!

Samstag, 18. November 2017

Disneyland Paris und sein dritter Park: Eine Nuss, die es zu knacken gilt


Vielleicht haltet ihr mich für zu optimistisch, doch für mich steht eines außer Frage: Eines Tages wird das Disneyland Paris einen dritten Park eröffnen - und damit meine ich einen richtigen Disney-Park, und nicht etwa eine Verlegenheitslösung wie Villages Nature. Der dritte Park war schon früh Teil des Gesamtplans für den europäischen Disney-Themenparkkomplex und ist ein vertraglich abgesicherter Aspekt im Abkommen zwischen Disney und den französischen Behörden. Aufgrund des wirtschaftlichen Standes von Disneyland Paris wurde die Deadline zur Parkeröffnung jedoch immer wieder verschoben, weshalb viele Themenparkfans glauben, dass der dritte Park einfach so lange nach hinten geschoben wird, bis er letztlich nie gebaut werden muss, weil die Erde vorher in die Sonne stürzt oder ein verrückter Politiker den Globus in die Luft jagt.

Ich habe dagegen im Gefühl, dass Disneyland Paris sehr wohl um einen dritten Park wachsen wird. Wenn eines Tages endlich die Geschäftszahlen stimmen, wird Disney die 1.944 Hektar Platz ausnutzen wollen. Zumal Disneyland Paris mit seinen zahlreichen Hotels genügend Schlafplätze bietet, die gerne stärker ausgelastet werden dürften und so noch mehr Geld ins Säckel der Maus bringen.

Doch die brennende Frage ist: Welches Thema sollte der dritte Park verfolgen? Mit dem magischen Königreich des Disneyland Parks und dem Walt Disney Studios Park, welcher der ganzen Bandbreite von Disneys Filmfranchises thematisch Tür und Tor öffnet, sind die zwei naheliegendsten Sprungbretter für Disney-Themenparks bereits nahe Paris verankert worden. Und da die Studios noch viel Platz bieten und nach einer Vergrößerung schreien, werden viele Ideen für potentielle Attraktion in naher Zukunft sicher erst einmal dort verwirklicht, statt in die Schublade "Konzepte für Park Nr. drei" geschoben.

Meine kontroverse Meinung zum eventuellen dritten Park: Disney schießt sich aktuell selber damit ins Bein, dass sie das Konzept der Studios verändern, weg von "Die magische Welt der Filmproduktion" hin zu "Abgetaucht in die beeindruckende Welt bestimmter Filmmarken". Vor allem die geplante Neukonzeptionierung der linken Hälfte des Parks zur großen Marvel-Welt sehe ich als Problem. Nicht, weil mich Marvels Präsenz in einem Disney-Park stört. Sondern, weil es Potential für Park drei raubt, der in einer idealen Welt unter anderem Marvel Platz bietet, während die Studios weiterhin für das klassischere Hollywood und Pixar stünden.

Meine vollkommen verträumte, daher unrealistische, Idee für Park drei wäre nämlich, ein etwas stärker auf Jugendliche und junge Erwachsene gebürstetes Pendant zum familienorientierten, zauberhaften Disneyland Park aufzubauen. Einen Park, der durch intensives Themening seine Besucher in die actionreichen Welten von Marvel, Star Wars und anderen "wilderen" Disney-Marken entführt und in dem es, dem europäischen Parkbesuchergeschmack entsprechend, auch ein paar Thrillrides mehr gibt als in Disney-Parks üblich - wobei weiterhin der Eskapismus Vorrang haben sollte, nicht das Durchrütteln des Publikums. Ein Teil des Parks könnte kontemporäres Großstadt-Themening haben (für Avengers wie Ant-Man, Iron Man und Captain America), einer in die kunterbunte Welt der Guardians of the Galaxy entführen, ein geräumiger Teil wäre für "unsere" Version von Star Wars: Galaxy's Edge, und es gäbe natürlich noch Raum für mehr. Ich persönlich würde mich etwa nicht über eine Pirates of the Caribbean-Ecke beschweren, aber ich weiß, dass das zu viel verlangt ist. Andererseits ist eh dieser ganze Park zu viel verlangt. Denn Disney muss jetzt erst einmal die Studios auf Vordermann bringen, und da ist Marvel ein so großes Geschenk, dass es da einfach eingesetzt werden muss.

Wenn die Studios also zum Marvel-Pixar-Park werden, was könnte dann das Thema des dritten Parks werden? Fans wünschen sich seit Ewigkeiten einen Schurken-Park, aber das wird wohl niemals umgesetzt, ein europäisches Epcot dürfte völlig außer Frage stellen, ebenso wie ein zweites Animal Kingdom - zumindest ich halte das Konzept des Parks nicht für sehr europaaffin.

Ich hoffe ja, dass es ein originelles, unerwartetes Thema wird, das dem dritten Park seinen Aufhänger gibt. Ähnlich wie Japans hoch gepriesenes Tokyo DisneySea: Wir brauchen einen mit intensivem Themening aufwartenden, "erwachsenen" Park, um noch stärker gegen das Vorurteil, Disneyland Paris sei nur für Familien, aufzuwiegen. Zudem sollte der dritte Park, wenn wir schon meine erträumte Marvel/Star Wars-Kombi nicht bekommen werden, in genau die entgegengesetzte Richtung schlagen und auf Filmlizenzen verzichten. Wir haben dafür ja schon die Studios.

Ein zweites DisneySea wäre natürlich einfallslos, da geklaut, aber es muss ja keine fiktive Hafenstadt sein, in die man hier entführt wird. Was wären eure alternativen Ideen?

Montag, 13. November 2017

Die Schöne und das Biest


Remakes lassen sich nicht einfach so binär kategorisieren. Sie sind nicht alle automatisch spitze oder schlecht, vorlagengetreu oder vorlagenignorant. Sie bewegen sich viel eher auf einer graduellen Skala. Irgendwo von Gus Van Sants sklavischer Psycho-Neuverfilmung und Michael Hanekes minimal angepasstem Funny Games-Remmake bis hin zu David Cronenbergs freier Die Fliege-Umdeutung sowie David Lowerys die Vorlage weitestgehend ausblendendem Elliot, der Drache.

Gemeinhin möchte man, zumindest aus filmhistorischer Sicht, denken: Ein Remake muss sich von der Vorlage entfernen, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Denn solange das Original noch existiert, wieso sollten die Verantwortlichen der Neuadaption ihm gegenüber vollkommen devot sein? Eine neue Perspektive, ein abweichender Tonfall, veränderte Gegebenheiten – das kann für die erneute Befassung mit bereits bekannten Stoffen sinnstiftend sein. Dass Originalgetreue nicht Trumpf ist, bewies darüber hinaus die ablehnende Reaktion von Kritikern und Kinogängern auf das besagte Psycho-Remake.

Die Rezeptionsgeschichte lehrt indes: Abweichungen vom Gewohnten kommen ebenfalls nicht immer gut an. Rob Zombie machte in seinem Halloween aus einem ominösen Slasherschurken einen White-Trash-Spross, dessen kaputte Psyche genau skizziert wurde. Paul Feig änderte das Geschlecht der Ghostbusters und formte ihren Humor von 80er-Jahre-Situationswitz zu heutiger "American Akwardness". Beide Male fanden sich überzeugte Verteidiger der neuen Ansätze, während die Kern-Fangemeinde wütend schnaubte. Ja, der Mensch: Ein Gewohnheitstier, das gleichzeitig laut blökt, wenn sich wer seiner Gewohnheit zu offensichtlich anbiedert. Anstrengend, anstrengend …

Eine Erweiterung, kein Neuansatz
Die von Dreamgirls-Regisseur Bill Condon inszenierte Die Schöne und das Biest-Neuverfilmung befindet sich auf der eingangs herbeigesponnenen Remake-Skala auf einer Position, die sich näher bei den sklavischen Neuaufgüssen befindet als bei den losen Adaptionen. Gleichwohl steht Condons Film ausreichend auf eigenen Füßen, um sich nicht 1:1-Remake schimpfen lassen zu müssen. Zumindest, solange der Begriff nicht sinn- und grundlos durch die Gegend gebüpllt wird.

Der Gedanke, den die auf den Schultern des 1991 veröffentlichten Disney-Zeichentrickklassikers gleichen Namens stehende Großproduktion verfolgt, ähnelt dem vieler Disney-Bühnenmusicals: Man drehe an einer kleinen Handvoll an Stellschrauben eines populären Disney-Films und erweitere die Handlung ausgiebig, ohne den Fokus von den etablierten Storypunkten wegzulenken. Bei dieser Art des Neuspinnens eines bekannten Stoffes ist daher nicht primär der gewählte, neue Ansatz für ein etwaiges Gelingen oder Misslingen entscheidend. Sondern viel mehr die gebotene Handwerkskunst.

Wie nahtlos fügen sich die Ergänzungen in das nur behutsam angepasste Grundgerüst der Vorlage und wie beeindruckend ist der Produktionsaufwand? Die Disney-Bühnenstücke sind in dieser Hinsicht mal herausragende Volltreffer (wie die meisten Der König der Löwen-Bühnenmusicalbesucher bestätigen dürften) und mal blamable Versuche, mittels eines bekannten Titels mehr Geld zu scheffeln (wie viele der Unglücklichen sagen werden, die sich dem Arielle, die Meerjungfrau-Musical aussetzten).

Im Falle von Die Schöne und das Biest gibt es dahingehend kaum etwas zu kritteln, dafür umso mehr zum Bestaunen: Condon entschied sich für einen prachtvollen Rokoko-Stil, der konsequent und handwerklich herausragend durchgezogen wird, so dass die Leinwand vor Opulenz und Detailreichtum geradezu trieft. Die Kostüme sind preiswürdig – sie erinnern durch ihre Farbästhetik an die Trickvorlage, sind dabei jedoch dank der liebevoll verarbeiteten Stoffe historisch glaubwürdig und daher ansehnlicher als irgendwelche Karnevalskostüme. Hinzu kommen filigran verzierte Requisiten, detailreiche Digitaltrickfiguren (die dennoch eine Seele aufweisen) sowie weitläufige Kulissen, und fertig ist die visuelle Pracht, die Mr. Holmes-Kameramann Tobias Schliessler zumeist in ruhigen, weitwinkligen Bildern einfängt.

Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt: Die bei Tageslicht spielenden Außenszenen in Belles beschaulichem Dorf wirken durch eine etwas übermäßige Beleuchtung arg artifiziell, der restliche Film ist hingegen in einem dem Produktionsdesign angemessenen, theatralen Look abgelichtet.

Schwelgend, statt intensiv
Das Storytelling fügt sich formidabel der von Condon gewählten Form: Der Zeichentrickfilm ist flotter erzählt, visuell nicht derart dekorativ-verziert wie das Realfilmremake und er setzt auf intensive Emotionen. Der ausschweifend-opulent gehaltene, deutlich längere Realfilm ist indes schwelgerisch: Er kostet Gefühle und Situationen mit einer besonnenen Ruhe aus, ohne dabei schwunglos zu wirken – die Dialoge sind zu amüsiert-verschnörkelt und die meisten Sequenzen zu reich an Agilität, als dass Condons Die Schöne und das Biest trotz Überlänge behäbig rüberkommen könnte.

Die schlichte, effektive Geschichte der klugen, schönen Dorf-Außenseiterin Belle, die sich in einem verwunschenen Schloss einem garstig aussehenden Biest annähert, nachdem sie in ihrer Heimat dem prahlenden Schönling Gaston die kalte Schulter zeigte, erweitert Condon intuitiv. Der rundum gelungene Disney-Zeichentrickfilm zeigt zwar, dass es keine der Ergänzungen aus der Feder von Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos dringend bräuchte. Aber das Autorenduo lässt neues Material und aus dem Trick-Meilenstein übernommene Sequenzen fließend ineinander übergehen. Belle gewinnt so neue, dramatische Zwischentöne hinzu, Gaston wird ein gutes Stück schurkischer und dem Biest wird sowohl mehr Humor als auch eine größere Verletzlichkeit zugeschrieben.

Das Ensemble wird in seinem darstellerischen Können von dem ganzen Pomp etwas überschattet – blass bleiben Emma Watson als Belle und Dan Stevens als (mittels haptischer und digitaler Effekte erzeugtes) Biest zwar keineswegs. Dennoch sind die Zeichentrickversionen mimisch und gestisch ausdifferenzierter, während die Gefühlswelt der Titelfiguren in der Condon-Variante öfter durch Text und Inszenierung verdeutlicht wird, statt durch Ausdruck. Dessen ungeachtet spielen Watson und Stevens die schrittweise entstehende Anziehung zwischen ihren Rollen liebenswert aus – selbst wenn Watson dasselbe Problem plagt wie Lily James in Cinderella: Sie spielt keine "echte" Rolle, es wirkt durchweg so, als würde der Gedanke "Oh, ich spiele nun eine Disney-Prinzessin, wow!" zwischen der Rolle und ihrer Darbietung stehen. Luke Evans hat indes wonnige Spielfreude in der Rolle des Ex-Kriegers Gaston und Josh Gad überträgt als LeFou den grellen Tonfall dieses Schurken-Sidekicks von der Zeichentrickvorlage gekonnt in eine etwas gemäßigtere Variante.

Ähnliches gilt für Alan Menken, der die von ihm geschriebene Musik und die gemeinsam mit Howard Ashman verfassten Songs des Kassenschlagers von 1991 behutsam adaptiert und zudem durch berührende, neue Lieder (getextet von Tim Rice) ergänzt. Inszenatorisch orientiert sich Condon beim Ohrwurm Sei hier Gast allerdings all zu krampfhaft am Zeichentrickfilm, der medial bedingt diese verspielte Szene viel mitreißender umsetzt. Sonst tänzelt der Regisseur in den prächtigen Musikszenen auf betörende Weise entlang der Grenze zwischen "Bekannt, aber dezent anders" und "Neu, aber familiär". Somit fällt Die Schöne und das Biest für ein 130-minütiges Prunk-Märchenmusical erstaunlich kurzweilig aus – und wirkt für ein ziemlich vorlagengetreues Remake ungewohnt gehaltvoll.

Fazit: Prächtige Optik und wunderschöne Musik machen aus dieser behutsam ausgearbeiteten Real-Neuverfilmung des Disney-Zeichentrickklassikers eine prunkvolle Kinoproduktion, die eher ein schwelgendes Fest als eine smarte Neuinterpretation der Vorlage darstellt.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Sonntag, 12. November 2017

KuLTBände: "Die Sieben Weltwunder"


Anlässlich des Doppeljubiläums "50 Jahre LTB" und "500 Bände LTB" rief F.I.E.S.E.L.S.C.H.W.E.I.F. Fans dazu auf, ihre "KuLTBände" des Lustigen Taschenbuchs zu wählen - Bände, die in der eigenen Comicfanhistorie eine Sonderstellung einnehmen.

Auf der Suche nach meinem KuLTBand musste ich erst einmal in mich gehen. Die legendäre Nummer 41 wäre als Geburtsstunde des unvergleichlichen Phantomias eine starke Wahl – sie wäre jedenfalls für mich der wohl wichtigste Band des Lustigen Taschenbuchs. Ohne Berücksichtigung der comichistorischen Relevanz muss ich die Nummer 41 aber womöglich ein wenig zurückstellen. Vielleicht werden mich manche nun in Gedanken steinigen. Aber in meinen Augen gibt es noch bessere Abenteuer mit dem maskierten Rächer der Enterbten als diese frühen Erzählungen.

Aufgrund des Hinweises, hier keine Rezension verfassen zu müssen, sondern auch frei das Fanherzen ausschütten zu dürfen, hätte ich auch LTB 196 wählen können. "60 Jahre Superstar", mein erstes LTB. Damals war ich sechs Jahre alt, bereits eingefleischter Donald-Fan ... Und aus irgendeinem Grund, den ich heutzutage nicht mehr rekonstruieren kann, war ich obendrein noch völlig unwissend, dass es neben dem "Micky Maus Magazin", dem "Die tollsten Geschichten von Donald Duck Sonderheft" (werden wir uns jemals einigen, ob es nun TGDD oder DDSH heißt?) etwaigen Fernsehauftritten meines Lieblingserpels und den klassischen Disney-Cartoons weitere Bezugsquellen für Donald-Abenteuer gibt. Als mir das blauglänzende LTB ins Auge stach, entdeckte ich eine neue Welt – die des italienischen Duck-Universums. Und ich war prompt gebannt – zumal ich bereits damals von Carl Barks wusste und die Story "Der Mann hinter den Ducks" kannte. Ja, ich entdeckte Sekundärliteratur vor dem LTB. Schräg, oder?

Doch mein KuLTBand ist allem zum Trotz LTB 167: "Die Sieben Weltwunder". Nachdem ich als frischer Grundschüler dank Nummer 196 Gefallen am italienischen Duck-Stil fand, mussten alsbald weitere Bände herangeschafft werden. Zunächst im gemächlichen Tempo. Dann wurde auf einem Flohmarkt Band 167 erworben. Ab dann gab es kein Zurück: Ich. Will. Sie. Alle.

LTB 167 war meine erste Berührung mit dem, was die ältere Disney-Comic-Fanriege, die sich nicht sklavisch am "Heftstil" klammert, so sehr an den Italienern liebt. Lange Geschichten, die ihr Publikum fesseln und auf eine originelle Reise mitnehmen. In diesem Fall: In sieben Kapiteln zu jeweils 27 bis 40 Seiten interpretieren die Ducks die Weltwunder der Antike neu. Donald, Dagobert, die Neffen und Co. in fremde Rollen schlüpfen zu sehen und zu schmunzeln, während ich sogar ein wenig Geschichte pauke? Eine für mich vorher ungeahnte Erfahrung.

Und selbst wenn das Gimmick, historische Persönlichkeiten als Ducks darzustellen, sehr häufig genutzt wird – für mich gelang es nie pointierter und erquicklicher als in dieser Mammutstory. Womöglich war auch deshalb dieser Band der Initialzünder, meine LTB-Sammlung rasch komplettieren und ab dann vollständig halten zu wollen, statt die Bände beiläufig zu konsumieren.

Cars 3 – Evolution


Die neuste Produktion aus dem Hause Pixar ist von Verleugnung durchzogen. Obwohl der computeranimierte Rennsportfilm der Macher hinter solchen Filmen wie Toy Story, Ratatouille und Alles steht Kopf bereits die zweite Fortsetzung des 2006 veröffentlichten Kassenerfolgs Cars ist, deutet allein der Filmtitel auf diesen Umstand hin. Cars 2 ist nie geschehen. Es gibt keine inhaltlichen Verbindungen zur von Kritikern in der Luft verrissenen Agentenkomödie, selbst beiläufige Referenzen müssen mit der Lupe gesucht werden. Es ist fast so, als würden sich die Filmkünstler aus Emeryville, deren Sequels sonst organisch aus den Storys der Vorläufer entwachsen, für Cars 2 schämen. Grund genug hätten sie ja.

Aber auch storytechnisch ist in Cars 3 – Evolution das Thema Verdrängung präsent: Rennauto Lightning McQueen ist mittlerweile eine lebende NASCAR-Legende. Sensationelle sieben Piston Cups hat der frühere Nasehoch, der sich dank seiner Freunde im beschaulichen Radiator Springs zu einem warmherzigen Typen entwickelte, in seinem Trophäenregal stehen. Aber die aktuelle Saison verläuft einfach nicht nach Plan! Immer mehr Jungspunde wirbeln die Rennen durcheinander – vor allem der arrogante Jackson Storm deklassiert nicht nur McQueen, sondern auch seine befreundeten Mitbewerber. Als McQueen im letzten Rennen der Saison alles dransetzt, um seinen Ruhm sowie die Ehre seiner Lieblingskollegen zu verteidigen, kommt es im verbissenen Duell mit dem erfolgreichen Novizen zu einem fatalen Crash.

Vier Monate später rütteln McQueens Freunde den angeschlagenen, apathischen Sportler aus seinem Selbstmitleid: Lightnings Sponsoren haben ihre Firma an einen aufstrebenden Geschäftsmann verkauft, der ein hochmodernes Trainingszentrum für Rennautos betreibt und gigantischer Fan des roten Flitzers ist. McQueen sieht seine Chance für ein glorreiches Comeback gekommen – muss aber einsehen, dass er mittlerweile selber Teil einer alten Garde ist und mit dem modernen Trainingsfirlefanz nicht klarkommt. Seine Trainerin Cruz Ramirez wiederum hat Schwierigkeiten, sich an Lightnings Trainingsmethoden anzupassen. Muss Lightning etwa wertvolle Vorbereitungszeit auf die neue Saison verschwenden, um Cruz beizubringen, wie sie ihn zu trainieren hat?

Mit Lightning McQueen hat Cars 3 – Evolution einen Helden, der partout nicht einsehen will, dass sich seine Sportlerkarriere dem Ende nähert und er sich Gedanken um das Danach machen muss. Zudem gibt es mit der spritzigen, sich zugleich aufgrund ihrer Unsicherheit andauernd selbst zurücknehmenden Cruz eine Nebenfigur, die ihre wahren Ambitionen verdrängt. Potential genug, um eine animierte Rennsportdramödie über das Zusammenarbeiten zwischen der alten Garde und den jungen Wilden zu erschaffen. Quasi ein familientaugliches, den Box- gegen Motorsport tauschendes Creed – Rocky's Legacy – klingt vielleicht zunächst so, als sei es arg schwer zu verkaufen, andererseits hat Pixar mit seiner Passion auch aus Konzepten wie WALL·E und Oben Welthits geformt.

Ambition ist in Cars 3 – Evolution allerdings ein betrüblich rares Gut. Uninspiriert spult diese 175-Millionen-Dollar-Produktion das Grundgerüst einer solchen Handlung herunter, ohne je auf unterhaltsame Weise Einsicht in das Wesen dieser motorisierten Figuren zu gewähren. Nicht, dass Cars 3 – Evolution dafür wenigstens ein mit Rennaction bestücktes Trickspektakel sei – das Regiedebüt des Die Monster Uni-Storykünstlers Brian Fee kommt über weite Strecken ohne NASCAR-Wettfahrerei aus. Doch statt in solchen Schlenkern wie einem ausgedehnten Ausflug bei einer Rennfahrerlegende die zwei zentralen Figuren kurzweilig auszuarbeiten, begnügen sich die Autoren hier mit Plattitüden, Americana-Nostalgie und mehrmaligen Wiederholungen der wenigen Charakteraspekte, die schon im ersten Filmdrittel deutlich wurden.

Somit bleibt McQueens Storybogen so dünn, dass er kaum als Identifikationsfigur taugt: Praktisch gar nichts, was er abseits seiner Geschwindigkeit beherrscht, gelingt ihm dank seines Dazutuns. Andauernd übernimmt er nur ganz mechanisch die Lektionen anderer Autos, und selbst seine späte (erneute) Erkenntnis, wie viel Wert Bescheidenheit hat, bringt das Pixar-Team hier halbherzig rüber. Vom eingangs angedeuteten Grundkonflikt, wie sich alternde Spitzensportler auf ihre Zweitkarriere vorbereiten, und wie McQueen zu seinem neuen Chef steht, bleiben nur oberflächliche Ansätze übrig. Der für wenige Dialogzeilen aufflammende Interpretationsansatz, Cars 3 – Evolution verarbeite in McQueens Dynamik zu seinem neuen Boss Pixars-Aufkauf durch Disney, geht angesichts der flachen Charakterisierungen ebenfalls ratzfatz wieder verloren.

Als seltener Pixar-Film, der sich fast nur an das junge Publikum richtet, taugt Cars 3 – Evolution allerdings ebenso wenig, denn die 109 Filmminuten sind dank der schwunglosen Dialoge und der sich rapide abnutzenden Grundidee dieses Filmuniversums ("Unsere Welt – aber mit Autos statt Menschen!") über weite Strecken sehr zäh.

Die seltenen Kreativitätsanflüge, wie einige selbstironische Seitenhiebe auf die Unmengen an Cars-Merchandising, werden durch Randy Newmans herz- und lieblos dahindudelndem Soundtrack und die zynisch-kommerzielle Seite des Films ausgebremst. Natürlich sind alle Filme auf irgendeiner Ebene Produkte, da sich die Verantwortlichen wohl kaum darüber ärgern werden, sollten sie ihre Kosten wieder einnehmen. Wenn aber McQueen aus den seltsamsten Gründen alle paar Minuten einen neuen Look verpasst bekommt, wird der stillschweigende Pakt, Big-Budget-Produktionen einen Hauch des Kommerzes zu gestatten, überreizt. Oder wollen die Pixar-Studiochefs ernstlich behaupten, dass das garantiert gar nichts damit zu tun hat, dass sich so mehr Spielzeugautos verkaufen lassen?

Wenigstens technisch zeigt sich erneut: Pixar ist Trumpf. Wenngleich sich die Stärke des Trumpfes langsam abnutzt. Visuell präsentiert sich Cars 3 – Evolution zwar dank der ungeheuerlich detailreichen Hintergründe sehr stattlich, aber der Abstand gegenüber der Konkurrenz aus eigenem und fremdem Hause schrumpft. Cars 2 war da seinerzeit schon, dem überaus nervigen Inhalt zum Trotz, optisch ein gutes Stück sensationeller. Dafür ist Cars 3 – Evolution inhaltlich wenigstens nur extrem öde. Das ist im Vergleich zum unfassbar anstrengenden zweiten Teil eine enorme Verbesserung. Dennoch: Wer seinen Pixar-Fix braucht, sollte wohl einfach bis Coco warten!

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Mittwoch, 8. November 2017

Vaiana


Sie sind lebende Disney-Legenden: Die Regisseure Ron Clements und John Musker. Sie waren es, die mit dem spaßigen Märchenmusical Arielle, die Meerjungfrau die sogenannte Disney-Renaissance losgetreten haben. Jene Jahre, in denen Disneys Zeichentrickschmiede nahezu jährlich einen Jung und Alt im Sturm erobernden globalen Hit ablieferte. Clements und Musker verantworteten zudem den abenteuerlich-humoristischen Aladdin, den durchgeknallten Hercules sowie das technologische Wunderwerk Der Schatzplanet, ehe sie mit Küss den Frosch in der Ära der Computertrickfilme noch einmal ganz konventionell das Zeichentrickmusical aufleben ließen.

Mit ihrer neusten Produktion beugen sich Clements und Musker nunmehr dem Puls der Hollywood-Zeit. Zwar enthielten ihre Filme stets CG-Tricksereien – das Finale von Basil, der große Mäusedetektiv wäre ohne Digitaltricks nahezu undenkbar. Aber Vaiana stellt den ersten nahezu durchweg am Computer animierten Film des Duos dar. Einen Hauch Nostalgie hat es in das Pazifikabenteuer jedoch hineingemogelt: Der prahlerische, trickreiche Halbgott Maui hat „lebendige“ Tattoos, die von Eric Goldberg (Zeichner des Dschinni aus Aladdin) handgezeichnet wurden und als die freche „Stimme“ seines Gewissens dienen. Sie symbolisieren außerdem quasi den traditionellen Funken, den sich diese frische Disney-Produktion bewahrt hat. Thematisch passend, geht es hier doch um das Abwägen von Tradition, Sicherheit und dem Streben gen neuen Ufern …

Familiär und dennoch anders
Zu Beginn der Zeit, so besagen es polynesische Mythen, war nur der Ozean. Aus diesem erhob sich einst die Inselgöttin Te Fiti, deren Herzen, ein kleiner, grün leuchtender Stein, die Macht in sich barg, Leben zu erschaffen. Eines Tages schnappte sich der Halbgott Maui (Dwayne Johnson im Original, Andreas Bourani in der deutschen Fassung) dieses Herz, um es den Menschen zu überreichen. Doch kurz darauf wurde Maui vom Lavadämon Te Kā niedergerungen. Te Fitis Herz versank dabei im Ozean. Rund Tausend Jahre später gerät die Teenagerin Vaiana (Auli'i Cravalho/Lina Larissa Strahl) mit ihrem Stamm in Konflikt, weil sie sich der Verbote des Stammesoberhaupts ungeachtet danach sehnt, zur See zu fahren.

Vaianas Großmutter spornt die Bestrebungen ihrer Enkelin an, indem sie Erinnerungen an einen Vorfall aus den Kindstagen der wagemutigen Heranwachsenden weckt: Sie wurde vom Ozean auserkoren, das am Strand der Insel Motunui angespülte Herz Te Fitis zurückzubringen. Dazu muss sie Maui ausfindig machen und ihn dazu zwingen, mit ihr davon zu segeln. Vaiana nimmt all ihren Mut zusammen und segelt in dieses aufregende Abenteuer, bei dem es nicht nur darum geht, ihre Heimat zu beschützen, sondern auch darum, zu sich selbst zu finden.

Gespickt ist dies mit einer ordentlichen Prise kecker Selbstironie: Unter anderem nimmt Maui die Position vieler Zuschauer ein, dass ja alle (Disney-)Heldinnen letztlich nur Prinzessinnen wären, während der mit Vaiana reisende Hahn Heihei der unfähigste, dümmste, unnützeste Sidekick der Disney-Filmgeschichte ist. Und Clements/Musker machen sich einen Heidenspaß daraus, dies immer und immer wieder vorzuführen.

Trotzdem ist Vaiana keine Dekonstruktion des Disney-Stils wie der Realfilm-Trickfilm-Hybrid Verwünscht oder solch eine Komödie wie Hercules. Viel mehr fußt er im Tonfall, den Clements/Musker mit Arielle, die Meerjungfrau und Aladdin anstrebten: Mit Maui, der eine widerwillig-kooperative Figur ist und eine sehr große Klappe hat, Heiheis Slapstick und schrillen Störenfrieden wie Kokosnusspiraten (die eine Mad Max: Fury Road-hafte Actionsequenz provozieren) und einer selbstverliebten Krabbe durchkreuzt dieses Abenteuer sehr muntere Gewässer. Dies wird jedoch aufgewogen durch Vaianas sehr emotionale Entwicklung im Laufe des Films: Sie will die Tradition ihres Dorfes achten, den Erwartungen ihrer Großmutter gerecht werden, die Bedrohung durch eine sich ausbreitende Düsternis überwinden und bei all dem eigentlich einfach nur endlich mit sich selber im Reinen sein.

Diese Zerrissenheit Vaianas, die zwar abenteuerlustig ist, aber keineswegs leichtsinnig und voreilig, stellen Musker/Clements filigran dar und verbinden dies gekonnt mit dem wiederkehrenden Thema ihrer Story: Man solle seinem Herzen folgen.

Eine Südseewelt, die es zu erkunden lohnt
Die im Kern sehr disneytypische Erzählung wandeln Musker/Clements dadurch ab, dass dieses Mal kein noch so kleiner Romantiksubplot auftaucht und sich diese Produktion zudem wiederholt von der im westlichen Kino kaum geachteten polynesischen Mythologie verschlingen lässt: Gerade gen Schluss geben poetische Bilder der Story einen für Disney ungewohnten Dreh. Auch der Verzicht auf einen abgrundtief bösen, die Strippen ziehenden Schurken lässt Vaiana etwas von der Disney-Formel abweichen.

Die ausdrucksstarke Charakteranimation der kessen Protagonistin stärkt die bereits in der Handlung angelegte Vielschichtigkeit: Vaiana ist keine weichgespülte Disney-Prinzessin, sondern kann auch mittels nachdrücklicher Mimik kratzbürstig oder wehleidig sein, was ihre versöhnenden und frohen Momente umso stärker wirken lässt. Maui ist derweil eine trickgewordene, etwas karikierte Halbgottversion Dwayne Johnsons, inklusiver einiger seiner markanten mimischen und gestischen Ticks. Generell sind die Figuren etwas überzeichnet gehalten, aber natürlich genug, um sich in die atemberaubenden Hintergründe zu fügen – die Welt von Vaiana ist schärfer, farbintensiver und malerischer als die Realität, fühlt sich jedoch täuschend echt an.

Abgerundet wird das Südsee-Abenteuerfeeling durch die Filmmusik: Mark Manchina (Tarzan) kreiert mittels rhythmischer Percussion, sanft gespielten Holzblasinstrumenten und dezent eingesetzter Gitarre eine perfekt zu den Bildern passende Klangästhetik, die er gewitzt abwandelt – etwa durch überdeutliche Mad Max: Fury Road-Einflüsse in einer verrückten Actionszene. Die Songs (an denen neben Mancina Hamilton-Schöpfer Lin-Manuel Miranda sowie Opetaia Foa'i beteiligt waren) sind wiederum eine erquickliche Mixtur aus Disney-Musical und polynesischem Folk. Bloß der Eröffnungssong ist enttäuschend – generell fängt Vaiana im Vergleich zu den sonstigen Musker/Clements-Filmen etwas holprig an. Er braucht Zeit um sich zu entfalten, endet dafür aber besonders stark.

Der Haken an diesem Paradies
Üblicherweise spielt Disney Deutschland ganz vorne mit, wenn es darum geht, eine hervorragende Synchronisation zu bewerkstelligen – nicht umsonst haben zahlreiche deutsche Fassungen von Disney-Songs hierzulande Evergreenstatus erreicht. Die Synchronfassung von Vaiana stellt indes eine schroffe Ausnahme von der Regel dar. Dies ist jedoch nicht primär den Performances der Hauptsprecher Lina Larissa Strahl und Andreas Bourani geschuldet: Bibi & Tina-Hauptdarstellerin Strahl gibt eine engagierte und facettenreiche Sprecherleistung ab und wäre für viele weitere Disney-Prinzessinnen ob ihres Timbres eine Idealbesetzung. Bourani wiederum wiederholt zwar nicht seine treffsichere Arbeit aus Baymax – Riesiges Robowabohu, schlägt sich aber per se solide – kein Synchronhöhepunkt, vom Handwerk her jedoch auch ebenso wenig eine Schande.

Der einschneidende Fauxpas geschah bei dieser Synchronfassung nicht hinter dem Mikrofon, sondern am Schreibtisch: Strahl und Bourani mögen sich zwar redlich abmühen, sind aber fehlbesetzt. Strahls freundlich-helle Stimme klingt nur in wenigen, kurzen Dialogpassagen so, als könnte sie der durchsetzungsfähigen Südsee-Abenteurerin entspringen. Diese Bild-Ton-Schere mindert die Illusion, dass die Titelheldin eine lebende, atmende, fühlende junge Frau ist – sie ist nunmehr bloß eine Trickfigur, die hastig nachsynchronisiert wurde.

Auch Debby van Dooren, die Strahl täuschend ähnlich klingt und die Gesangspassagen Vaianas übernimmt, trifft zwar die Töne, bringt allerdings nicht glaubwürdig die Stimmfarbe und das Volumen rüber, das zur Titelheldin passen würde. Ähnliches gilt für Bourani, der eine höhere, weniger verbrauchte Stimme mitbringt als Dwayne Johnson, der im Original Maui all seiner Prahlerei und all seinen Lügen zum Trotz Charisma und eine autoritäre Glaubwürdigkeit verleiht.

Bouranis eher jugendlich klingender Maui wirkt viel stärker wie ein frecher Emporkömmling, der längst nicht so mächtig ist, wie er vorgibt. Den für Johnsons Tonlage geschriebene, ironische Vorstellungssong Mauis verliert angesichts dieser Umdeutung der Figur an Launigkeit und Flair. Das ist weniger Bouranis Versagen als das derjenigen, die dieses Casting durchgeboxt haben. Darüber hinaus sind die deutschen Liedtexte ein ständiges Auf und Ab: Tiefpunkt ist der Eröffnungssong, in dem die Bewohner des Eilands Motunui ihre Heimat anpreisen. Dieser Nummer ist anzumerken, wie schwer man sich damit getan hat, die rasante Abfolge kurzer englischer Worte ins Deutsche zu übertragen, ohne aus dem Takt zu geraten.

Höhepunkt ist derweil eine als inhaltlicher und tonaler Wendepunkt daherkommende Glam-Rock-Musicalnummer, die nicht nur die zahlreichen Pointen der englischen Fassung gewitzt und kreativ ins Deutsche rettet, sondern zudem melodiös-verrückt von Tommy Morgenstern (Stammstimme von Thor-Darsteller Chris Hemsworth) gesungen wird. Auch der oft für Disney im Einsatz befindliche Manuel Straube weiß mit seiner Gesangseinlage zu überzeugen – trotzdem sind die teils arg wackligen Songübersetzungen und die unpassenden Besetzungen der Hauptfiguren genug, um Vaiana zu einem der am schwächsten synchronisierten Disney-Trickfilme zu machen.

Fazit: Ein herausragend animiertes, sehr lustiges und zugleich zu Herzen gehendes Disney-Abenteuer mit einer liebenswerten, facettenreichen Hauptfigur und einem sie begleitenden, ulkigen Ensemble an Nebenrollen.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Samstag, 4. November 2017

Fünf Trickfilme, die Disney neu adaptieren sollte

Der Sprechercast für das fotorealistische Der König der Löwen-Remake ist mittlerweile öffentlich und mit Tim Burtons Dumbo befindet sich ein Realfilm in Produktion, bei dem ich mich frage: Wie soll das nur gut gehen?

Allerdings könnte Disneys Neuverfilmungswahn auch reizvolle Früchte tragen. Denn es gibt Disney-Trickfilme, die sich durchaus für eine Neuadaption anbieten. Sei es, weil die fortgeschrittene Tricktechnik reizvolles Spektakel aus der Zeichentrickvorlage spinnen könnte, sei es, weil der Originalfilm, so liebenswert er auch sein mag, Schwächen hat, die sich ausbügeln ließen. Oder, weil es spannend wäre, zu sehen, was ein anderer Regisseur in einem anderen Medium aus dem Stoff macht.

Hier sind meine fünf Top-Kandidaten der Disney-Trickfilme, bei denen ich mich über die Ankündigung eines Remakes freuen würde:

Der Glöckner von Notre Dame

Dass sich die berühmtesten Passagen von Victor Hugos Roman in Realfilmform sehen lassen, wurde bereits zur Schwarz-Weiß-Ära bewiesen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder jemand an einen Realfilm über Quasimodo heranwagt. Universal Pictures sprach vor wenigen Monaten davon, aber danach kam es zum wirtschaftlich durchwachsenen Start seines "Dark Universe", daher sollte man besser nicht die Luft in froher Erwartung anhalten ...
Generell ist aber eh Disney in der "Bringschuld", denn was wäre schon ein moderner Der Glöckner von Notre Dame-Film ohne Alan Menkens Gänsehautmusik, die er für Kirk Wises und Gary Trousdales Zeichentrickfilm komponiert hat?
Glücklicherweise scheint Disney ja weiterhin an diesem untypischen, famosen Zeichentrickfilm interessiert zu sein, wurde er doch schon zwei Mal uminterpretiert und sogar beide Male düsterer gestaltet: Erst auf den Bühnen Berlins, daraufhin in einem US-Musical (das daraufhin den Weg zurück nach Deutschland fand).

Ein fähiger und streitbarer, willentlich beim Studio aneckender Regisseur könnte, mit einem ebenso finsteren wie schönen Produktionsdesign, ein fantastisches 'Best of' der drei Disney-Fassungen des Victor-Hugo-Mammutwerks erschaffen. Meine allererste Wahl wäre Gore Verbinski, sollte er sich mit Musicals anfreunden können, ist er doch in der Moderne der Regisseur, der Disney am weitesten aus seiner Komfortzone gelockt hat. Zudem ist er ein Filmemacher, der visuelle Opulenz beherrscht und Dramatik mit Humor auszubalancieren weiß. Sollte man Verbinski mit Musicals jagen können, käme mir Into the Woods-Veteran Rob Marshall als interessante Wahl in den Sinn, gesetzt er erhält ein höheres Budget und mehr kreative Freiheit als zuletzt. Den Glöckner des Papp-Note-Dames will ich nämlich nicht sehen. Und ein Teil von mir möchte echt gern wissen, was Darren Lynn Bousman aus dem Material machen würde ...

Taran und der Zauberkessel

Aufgrund solcher Filme wie Taran und der Zauberkessel gibt es doch überhaupt erst Remakes! Das Original, welches wiederum auf einer Fantasyromanreihe von Lloyd Alexander basiert, ist ein ambitioniertes Projekt, dessen Ambitionen jedoch aufgrund einer durchwachsenen Umsetzung sowie einer turbulenten Produktionsgeschichte kaum anzumerken sind. Wie großartig wäre es, würde Disney den Stoff nun mit neuen Selbstbewusstsein in Sachen semi-dunkler Fantasy als Realfilmsaga als Big-Budget-Herbstfilm anpacken? Mit ihrer Blockbustererfahrung fallen mir solche Namen wie Sam Mendes, Alfonso Cuarón, David Yates oder Matt Reeves für den Regieposten ein, deren Arbeiten oftmals auch den richtigen Tonfall anschlagen. Haltet mir nur Peter Jackson von dieser Idee fern!

Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt

Der 2001 ins Kino entlassene Zeichentrickfilm ist (unverdienterweise) so etwas wie ein schwarzes Schaf innerhalb der Disney-Familie, und auch wenn ich ihn aufgrund seiner Optik und seines Tonfalls bewundere, denke ich, dass in ihm noch jede Menge ungenutztes Potential schlummert. Damit ist er prädestiniert für ein Remake, wäre man bei Disney doch nur gewillt, Remakes als neue kreative Chancen zu sehen, statt als weitere sichere Geldkuh ...  Angesichts seiner Verortung im Action-Abenteuergenre und mir seinen Retro-Sci-Fi- sowie Fantasy-Elementen passt er perfekt in die moderne Blockbuster-Landschaft - wie gut würde sich ein Atlantis-Trailer nur vor dem nächstbesten Star Wars- oder Marvel-Film schlagen? Zudem: Die gedrängte Laufzeit des Originals ist ein kleiner Schwachpunkt – bei Realfilmen aber hält sich Hollywood generell deutlich weniger zurück, was hier ein Pluspunkt wäre: Die zahlreichen Deleted Scenes über den Hinweg nach Atlantis könnten zurück ins Skript, mehr Spektakel liefern und mit etwas Politur auch zur Vertiefung der Nebenfiguren dienen. James Gunn und Guillermo del Toro sind zwar zwei völlig unterschiedliche Typen, aber beiden traue ich einen guten Atlantis-Realfilm zu. Ansonsten nehme ich auch hier liebend gern Gore Verbinski. Und auch Sam Raimi hätte das Zeug hierzu, ebenso wie Andrew Stanton, auch wenn ich befürchte, dass man ihn nach John Carter nicht mehr an solches Material heranlässt ...

Die Eiskönigin

Das Original ist, in meinen Augen, eines der schlechtesten Disney-Meisterwerke: Ein Skript, das vor lauter Comic Relief ersäuft und so die Charakterentwicklung seiner dramatischen Hauptfigur im Kern erstickt. Eine viel zu sprunghafte Persönlichkeitsskizzierung bei Anna und dann sind da noch diese vollkommen nichtsnutzigen Steintrolle. Und fangt mir nicht mit dem musikalischen Gefälle zwischen der fast durchkomponierten ersten Hälfte und der unmusikalischen zweiten Hälfte an. Oder dem Mangel an Konsequenzen, den die entscheidenden Figuren tragen müssen ... Der Film wurde mit der ultraheißen Nadel zusammengestickt - und dennoch zum Milliarden-Dollar-Hit. Wieso also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, der riesigen Fanbase das Geld erneut aus der Tasche ziehen und ganz nebenher aus diesem Drehbuch-Matsch eine stimmige, sinnige, atmosphärische Handlung mit Fallhöhe formen? Vielleicht kann man Bill Condon für den Spaß gewinnen?

Die Abenteuer von Ichabod und Taddäus Kröte

Dieser Disney-Film besteht aus zwei Geschichten, wovon eine für einen Realfilm denkbar ungeeignet ist – und zwar der britische Literaturklassiker Der Wind in den Weiden. Ein vollständiges Remake dieses Meisterwerkes wäre also unsinnig, schließlich bewies schon Terry Jones' Adaption des Stoffes, dass sich bestenfalls ein Realfilm-Kuriosum aus der Story einer autovernarrten Kröte spinnen lässt. Die zweite Hälfte dieser Disney-Produktion aber erzählt die Legende von Sleepy Hollow. Und die als ausgewachsenen Disney-Realfilm zu sehen, würde mich – im Falle einer guten Umsetzung – regelrecht in Ekstase versetzen. Selbstredend dürfte es keiner der softeren Disney-Filme werden, aber mit einem PG-13/einer FSK ab 12 Jahren ließe sich heutzutage schon viel erreichen. Natürlich benötigt es einen Regisseur, der den Mix aus beschwingtem und bösem Humor einerseits und Horror andererseits beherrscht, den die Zeichentrickverion der Story ausmachte und sie überhaupt erst Disney-tauglich machte. Meine erste Wahl wäre wohl Gore Verbinski (Überraschung!), aber auch Sam Raimi wäre hinter der Kamera willkommen. Als vom kopflosen Reiter verschreckter Ichaboad Crane habe ich Benedict Cumberbatch vor Augen. Oder wie wäre es mit Jim Parsons?

Und was sind eure Wunschkandidaten für ein Realfilmremake? Haut in die Tasten und füllt die Kommentarspalte!