Sonntag, 28. Mai 2017

Das Zwei-Szenen-Wunder

Achtung, seid gewarnt! Der nachfolgende Artikel enthält zahlreiche Spoiler zu Pirates of the Caribbean - Salazars Rache!


Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Obwohl es nicht zwingend danach aussieht, als stünde uns ein sechster Pirates of the Caribbean-Film garantiert ins Haus, kann ich nicht aus meiner Haut und über ihn und seine Möglichkeiten zu spekulieren. Und ein Punkt, der sich natürlich aufdrängt, ist die Frage: Welche der neu eingeführten Figuren sollten unbedingt zurückkehren?

Ganz vorne für mich dabei: Die Hexe Shansa, gespielt von Golshifteh Farahani in einer ungeheuerlich cool-bizarren Aufmachung. Ich will diese irre gestaltete Figur einfach wiedersehen - und finde, dass sie großes Potential birgt. Nicht nur, weil Farahani eine sehr fähige Schauspielerin ist und somit sicherlich noch viel mehr aus ihrer Rolle holen kann, sollte man von ihr mehr als Exposition abverlangen. Sondern auch, weil die wenigen Augenblicke mit ihr in Salazars Rache suggerieren, dass ihre Fähigkeiten denen von Tia Dalma kaum nachstehen - und dass Shansas moralischer Kompass noch ein Stückchen kaputter ist als der von Naomie Harris' herrlicher Göttin.

Es spricht enorm für Farahanis Leinwandwirkung und die Leistung von Kostümdesignerin Penny Rose sowie dem Make-up-Team, dass Shansa solch einen Eindruck hinterlassen hat - nicht nur bei mir, sondern bei allen, mit denen ich bisher über den Film gesprochen habe. Denn, mit Verlaub: Am fertigen Film beurteilt ist es nicht der Verdienst des Drehbuchautors Jeff Nathanson. Hatte Tia Dalma in ihren wenigen Minuten in Die Truhe des Todes dank ihrer Sprachticks, ihrer Andeutungen und der Reaktionen, die sie bei anderen Figuren hervorrief, einen gut eingewobenen Platz im Film (und eine Auswirkung auf den Plot, den sie unerlässlich erscheinen ließ, statt wie eine markante, aber praktische "Du kommst aus der Plotecke raus!"-Karte), ist Shansa letztlich nur eine beeindruckende Randerscheinung in ihrem Film.

Oder ... vielleicht auch nicht. Eventuell versucht sich Nathanson an einem Spagat und nutzt Shansa als Miss Exposition-Plotmotor, für den Fall, dass die Reihe mit Salazars Rache endet, baut sie aber im Beckett- und Tia-Dalma-Stil für den sechsten Teil vor, sollte er folgen. Dann ist Nathanson zwar nicht ganz im Ted-Elliott-Terry-Rossio-Club angelangt, aber cleverer als ich im ersten Augeblick dachte.

Achten wir nochmal genau darauf, was in Salazars Rache so passiert, wenn Shansa ihre Kreise zieht: In ihrer ersten Szene werden klar Ratten als ihr tierisches Markenzeichen eingeführt. Noch bevor Shansa auftaucht, sehen wir eine Ratte in der Taverne herumkraxeln, wo Jack zuvor seinen Kompass abgegeben hat. Shansa lässt später im Gespräch mit Barbossa fallen, dass sie seine Feinde verflucht hat. Sie erläutert ihm gegenüber zudem, dass die Toten die See beherrschen und es weiser wäre, sich an Land zur Ruhe zu setzen. Erst, als Barbossa widerspricht und unmissverständlich betont, weiter ein Pirat bleiben zu wollen, gibt Shansa Barbossa Jacks Kompass. Später deutet Shansa für die britische Marine die Sternenkarte, die Carina hinterlassen hat.

Ist Shansa wirklich nur eine Ploterläuterung auf zwei Beinen? Oder verfolgt sie etwa einen Plan? Die Ratte in der Tavernenszene suggeriert, dass Shansa noch vor Barbossas Eintreffen wusste, den Kompass zu brauchen. Und dass sie den Kompass erst hergibt, als Barbossa festhält, nicht vor den Toten fliehen zu wollen, deutet darauf hin, dass sie durchaus willens ist, Barbossa in diese gefährliche Situation zu bringen. Barbossa begnügt sich nicht damit, Jack Sparrow an Salazar auszuliefern, sondern erklärt dem Geisterkapitän den Krieg - einen Krieg, in den auch die Marine dank Shansas Hilfe zieht.

Ist es möglich, dass die Hexe ihren Teil dazu beigetragen hat, Barbossas Ende zu besiegeln? Wenn ja, weshalb? Das könnte uns der nächste Pirates of the Caribbean-Film verraten ...

Freitag, 26. Mai 2017

Freitag der Karibik #44


Käpt'n Jack Sparrow ist ein Glückspilz und Pechvogel zugleich - und er hat das sonderbare Talent, sich in einem ständigen Überlebenskampf besonders mächtige Feinde zu schaffen. Damit hat er etwas mit Pirates of the Caribbean gemeinsam: Die ersten vier Filme spülten zusammen rund 3,7 Milliarden Dollar in die Kinokassen ein, zudem eröffnete die Filmreihe als epochale, schroffe und zuweilen finstere Erzählung Disney neue Horizonte. Statt sich somit jedoch einen felsenfesten Ehrenplatz im Disney-Imperium zu erarbeiten, haben die Pirates of the Caribbean dadurch nur Konkurrenten und Probleme erschaffen, die dafür sorgen, dass wir hier nun sitzen, am US-Starttag von Salazars Rache und kopfkratzend rätseln, ob es wirklich einen sechsten Teil geben könnte.

Die Familiaisierung des Jerry Bruckheimer: Jerry Bruckheimer galt jahrzehntelang als gigantischer Erfolgsproduzent - und das, obwohl er sich hauptsächlich auf den Markt für Jugendliche junge Erwachsene stützte. Mit Gegen jede Regel feierte er seine Premiere unter der Disney-Flagge, Fluch der Karibik wurde sein bis dorthin größter Erfolg - und so änderte er seine Marktstrategie. Hinfort war der Produzent von R-Rating-Actionfilmen, stattdessen schlug er fortan wiederholt in die Pirates of the Caribbean-Kerbe und machte extrem aufwändige Abenteuer, die zwar rauer und härter sind als der Disney-Durchschnitt, aber auch familientauglicher als sein früheres Schaffen. Und dann war da noch Duell der Magier, der kein "echter" Bruckheimer-Film war, sondern den ihm Disney als hinter den Kulissen bereits nahezu fertiges Paket aufgeschwatzt hat. Mit dieser Schiene fuhr Bruckheimer abseits der Piraten jedoch wenig erfolgreich und in der Medienpresse wurde er als der Hauptschuldtragende gezeichnet. Sein Verhältnis zu Disney verfinsterte sich, und somit ist nun jeder neue Pirates of the Caribbean-Film eine Zitterpartie: Kommen Disney und Bruckheimer überhaupt ausreichend miteinander aus, um gemeinsam einen Film zu verwirklichen?

Die Bombastisierung des Disney-Konzerns: Fluch der Karibik war 2003 nicht nur für Walt Disney Pictures eine ungewöhnliche Angelegenheit, sondern sogleich für den gesamten Konzern. Zwar verantwortete die Disney Company mit Armageddon und Co. durchaus die eine oder andere gigantische Unterfangung, dennoch hielt man sich dahingehend eher zurück. Realfilme waren das Zubrot eines Konzerns, der seine Mühen im Kinomarkt in Animationsfilme steckt und auch vornehmlich dadurch verdient. Fluch der Karibik eröffnete Disney die Welt der wirtschaftlichen Möglichkeiten aufwändiger Bombastunterhaltung, die nicht mehr als klassische Familienunterhaltung durchgeht, die man aber auch nicht vor älteren Kindern verstecken müsste. Und so holte sich Disney Marvel und Star Wars ins Haus, die an den Kinokassen ähnliche Zahlen schreiben wie die karibischen Piraten. Marvel läuft abseits Avengers etwas schwächer, dafür sind diese Filme deutlich günstiger produziert, Star Wars ist keine wirkliche Kostenersparnis, aber lässt die Kasse ordentlich klingeln. Und dann ist da noch der Merchandisingmarkt: Kinder spielen wohl viel lieber mit Lichtschwertern, riesigen Hulk-Händen und mit Figuren in coolen Rüstungen als mit gammligen, verdreckten Piraten ... Wenn Disney seinen die gesamte Kinoindustrie aufhorchen lassenden Startkalender absteckt, dann liegt die Priorität nicht in der Karibik ...

Donnerstag, 25. Mai 2017

Ein Untertitel für den ersten karibischen Fluch


Disney hatte in Deutschland eine Phase, in der die Titel seiner früheren Erfolge verschlankt sowie vereinheitlicht wurden: Aus Peter Pans heitere Abenteuer wurde Peter Pan, aus Dornröschen und der Prinz wurde Dornröschen und aus Pongo und Perdita wurde 101 Dalmatiner, ganz so, wie sich Aschenputtel auch hierzulande zu Cinderella transformierte.

Ich mutmaße, dass diese Ära weit hinter uns liegt und eine Rückkehr ausgeschlossen liegt. Im Filmdiskurs sind lokale Titel auf langer Sicht nicht mehr so mächtig, da eh die jüngere Generation an Filminteressierten flüssig zwischen lokalem und Originaltitel changiert. Achtet in Zukunft mal darauf, wenn Leute über Die Eiskönigin reden, wie oft der Film doch zu Frozen wird und wieder zurückwandert ... Bei den Pirates of the Caribbean-Filmen brauchen wir bekanntlich gar nicht erst damit anfangen.

Aber da wir uns neulich in eine Welt fantasiert haben, in der Disneys sehr kurzfristiger Plan, eine "... der Karibik" zu erschaffen, durchgezogen wurde, habe ich Blut geleckt und stelle die Frage: Was, wenn Disney Deutschland in zehn, zwanzig Jahren, wenn haptische Sammlungen ein Luxusgut sind und nur noch in superedlen Versionen erscheinen, denkt, man könnte ja mal bei den Piraten sieben, acht Seemeilen extra segeln. Und neben Bergen an Bonusmaterial auch ein hübsch gestaltetes Booklet dazulegt sowie eine optionale Bildspur, die auf eine vereinheitlichte, kohärente Reihenbetitelung setzt. Was sollte dann passieren?

Es gibt zwei Optionen, wenn Disney voll und ganz einheitlich vorgehen will. Der Weg, einfach Fluch der Karibik zum Reihentitel zu machen, Teil zwei seinen einst geplanten Untertitel zu geben, und den Erstling so zu belassen, wie er heißt, ist etwas krumm. Dann hätten alle Filme einen Untertitel, nur der erste nicht. Alternativ könnte man allen Filmen den Pirates of the Caribbean-Übertitel geben und dem zweiten Part zwecks Titelästhetik von diesem dämlichen Fluch der Karibik 2 befreien und zur Truhe des Todes verwandeln. Aber auch hier stellt sich die Frage: Was machen wir mit dem Original?

Denn Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik ist per se ein netter Titel, aber auch etwas redundant. "Piraten der Karibik: Fluch der Karibik" ... da muss schon die Betonung sehr bewusst auf den "Fluch" gelegt werden, um zu erklären: "Es geht immer um die Piraten aus der Karibik, und dieses Mal besonders um ihren Fluch". Bei den Narnia-Filmen hat Disney die Dopplung ja auch nie gestört. Oder sagen wir uns: Wenn schon, denn schon, und vereinheitlichen die Reihe so, dass sie quasi durchweg daraus besteht, dass der Original-Übertitel bestehen bleibt und der Untertitel übersetzt wird?

Ich ahne es: Ich verwirre euch so sehr, wie die Storyfäden der PotC-Saga den Großteil der US-Kritiker. Also kommen wir einfach zu meinen Hirngespinsten in drei Ausführungen.

Version 1: Fluch der Karibik als deutscher Übertitel
  • Fluch der Karibik -Die Piraten der Black Pearl
  • Fluch der Karibik - Die Truhe des Todes
  • Fluch der Karibik - Am Ende der Welt
  • Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten
  • Fluch der Karibik - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Version 2: Es wird durchweg zur Pirates of the Caribbean-Saga, aber wir wollen den so gut eingebürgerten deutschen Titel behalten, Dopplung hin oder her
  • Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik
  • Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes
  • Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt
  • Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten
  • Pirates of the Caribbean - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Version 3: Sorry, Fluch der Karibik, wir werden dich alle in Erinnerung behalten, aber wir machen das nun auf die amerikanische Titelart!
  • Pirates of the Caribbean - Der Fluch der Black Pearl
  • Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes
  • Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt
  • Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten
  • Pirates of the Caribbean - Tote Männer erzählen keine Geschichten
Eure Präferenzen und Ideen? Außerdem sind weiter gerne Spinnereien zur "... der Karibik"-Betitelung gesehen, das macht ja schon irgendwie Spaß ...

Mittwoch, 24. Mai 2017

Directors of the Caribbean: The Search for the Next One


Wie es sich für Fans einer Filmreihe gehört, kann die Spekulation über den nächsten Film nicht früh genug beginnen. Selbst wenn es im Fall Pirates of the Caribbean knifflig aussieht. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es in naher Zukunft mit den Piraten weiter geht. Disney und Jerry Bruckheimer sind sich einfach nicht mehr so grün wie einst. Disney hat mit Marvel und Star Wars zwei riesige, enorm profitable Franchises in der Hand und haben es somit nicht mehr "nötig" in See zu stechen. Zumal die Pirates of the Caribbean-Filme von Natur aus verflixt teuer sind. Und dann ist da noch die Depp-Frage.

Aber sind wir einfach mal kurz optimistisch. Einfach aus dem Spaß an der Freud an der Spekulation. Für mich steht fest: Wenn es weiter geht, wünsche ich mir ein Drehbuch von Ted Elliott & Terry Rossio (den Autoren der ersten vier Filme) oder von Jeff Nathanson, der mich bei meiner Erstsichtung von Salazars Rache zwar mehrfach ins Schwitzen gebracht hat, aber letztlich bewies, die Logik, Tonalität, Sprache und Mythologie dieser Reihe verstanden zu haben. Nur ... wer soll dieses Drehbuch inszenieren? Hier meine Ideen ...
  • Bill Condon: Hat eine gute Beziehung zu Disney. Weiß, mit visuellem Pomp umzugehen. Beherrscht eine Pirates of the Caribbean-taugliche Farbpalette (siehe: die Tavernenszenen in Die Schöne und das Biest). Von ihm könnte ich mir einen Film vorstellen, der mehr in Richtung "prunkvolles Piratenabenteuer" geht.
  • Scott Derrickson: Kann übernatürliche PG-13-Blockbuster (Doctor Strange), hat offenbar ein Händchen für kreative Effektsequenzen und ist (ähnlich wie Gore Verbinski) "an odd duck". Von ihm könnte ich mir einen Teil vorstellen, der die düster-fantastische Ader der Reihe auf interessante Weise weiterverfolgt. Zudem bekommt man viel Spektakel für vergleichsweise niedriges Budget.
  • Fede Alvarez: Der Don't Breathe-Regisseur weiß, sehr klug mit seinem Budget umzugehen (ich prognostiziere, dass das ein sehr wichtiger Aspekt sein wird: Disney wird bei einem etwaigen sechsten Film mit Sicherheit maximal Salazars Rache-Summen ausgeben wollen). Er choreografiert visuell interessante Szenen und dirigiert die Klanglandschaft beeindruckend. Kann selbst ohne explizite Gewalt enorm Spannung schüren, seine Gewaltspitzen werden sehr kreativ sein. Er hat Vorlieben, die dem Grundstock der Reihe zukommen: Gore Verbinski ließ einen Hauch Tanz der Teufel in das Geschehen einfließen, Alvarez hat das Evil Dead-Remake gedreht, das eine rockige Attitüde mitbrachte: Ohne trashy zu werden, machten dessen Gewaltexzesse riesigen Spaß. Das ist der Verbinski-Funke, den ich mir liebend gern nochmal in etwas anderer Form gebe.
  • Christopher McQuarrie: Wenn wir die "unterhaltsame, schnelle, spannende Setpieces stehen im Fokus"-Route gehen sollten.
  • Peyton Reed: Wenn Disney/Bruckheimer danach ist, das Verhältnis "düstere Teile" zu "Abenteuerspaß-Filme mit gelegentlich dunkleren Phasen" auszugleichen, dann traue ich dank Ant-Man Peyton Reed eine originelle Fortführung der Reihe zu.
  • Joe Wright: Wenn man ihm verbietet, zur Inspiration Baz-Luhrmann-Filme zu gucken, könnte er was visuell spannendes machen. Wright wäre eine dringende Empfehlung, sollte der nächste Teil stärker charaktergesteuert-dramatisch werden. Und, hey, Joe Wright hat ja zu gewissen Schauspieltalenten einen guten Draht, von denen ich mir in Teil sechs viel Leinwandzeit wünschen würde, wenn wir hier gerade eh schon träumen ...
  • Lorene Scafaria: Hat den "Hey, mit der arbeite ich gern nochmal zusammen"-Bonus, den auch Joe Wright mitbringt, und ist ein Talent darin, verzettelte Tonalitäten zu einem schönen Ganzen zu weben. Und ich mag es, wie sie trockenen Wortwitz in Szene setzt. Keine Ahnung, ob sie Action kann, aber, frei nach der Marvel-Studios-Schule: "Wir wollen Regisseure, die die Figuren verstehen. Wenn sie Hilfe bei der Action brauchen, wir kennen da die Richtigen ..."
  • Andrea Arnold: Hat schonmal mit Kaya Scodelario zusammengearbeitet, hat einen starken visuellen Stil und schafft es, lange Filme so zu erzählen, dass sie sich kurz und knackig anfühlen. Bei ihr wirken selbst garstige Figuren interessant (und so manche Pressevertreter haben ja offenbar Probleme, mit Disneys Piraten mitzufiebern, gleichwohl würde ich sie kein Stück verharmlost sehen wollen). Nur ihre Vorliebe zum Academy-Ratio-Bildformat müsste sie bitte ausnahmsweise zurückstecken.
  • Lone Scherfig: Ist sehr gut darin, komplexe, widersprüchliche Tonfälle so zu verweben, dass der Film nicht auseinander klafft, sondern ein stimmiges, emotionales Hin-und-Her ergibt. Ich liebe die Pirates of the Caribbean-Filme ja, weil sie albern-dreckig-frech-epochal-bombastisch-düster-clever-bescheuert-actionreich-dialoglastig sind. Also braucht's solch ein Talent.
  • Julie Taymor: Ich habe eine komplizierte Beziehung zu ihr, aber sie wäre definitiv eine Wahl, bei der ich sagen würde: "Oh, das wird spannend." Anders als bei diversen anderen Namen auf dieser Liste würde ich mir aber einen kontrollierenden Einfluss von Studioseite aus wünschen, damit sie sich nicht in Ideen verrennt, die nicht so ganz aufgehen.
  • Joachim Rønning & Espen Sandberg: Ich mag es ja, wenn Filmreihen eine gewisse Symmetrie oder sonstige handwerkliche Logik mit sich bringen. Daher ist meine Idealvorstellung für die ersten sechs Pirates of the Caribbean-Filme: Nach der zusammenhängenden Gore-Verbinski-Trilogie folgt eine etwas losere Trilogie von wechselnden, fähigen Regisseuren. Bevor wir für PotC 6 aber irgendeinen lahmen "Journeyman" bekommen, eine talentierte, aber desinteressierte Person oder gar eine völlige Nulpe, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: "Okay, ist die Reihe hinter den Kulissen halt was krumm geraten und nach drei Mal dem selben Regisseur und einem einmaligen Ausflug machen es die Kon-Tiki-Jungs zwei Mal." Sie sind Fans der Reihe, talentiert, haben für Salazars Rache weniger ausgegeben als Rob Marshall für Fremde Gezeiten und zudem gefällt mir, was sie geleistet haben. Also: Bevor alle Stricke reißen, nehme ich sehr gerne die Beiden nochmal!
Und, was sind eure Vorschläge?

Dienstag, 23. Mai 2017

Bias of the Caribbean: The Curse of Disney's Happiness


2016 war ein äußerst seltsames Jahr in der Historie des digitalen Filmdiskurs. Die Diskrepanz zwischen den von Rottentomatoes gelisteten Kritikern und den emsigsten Zirkeln an Social-Media-Filmdiskutanten lag häufig weit auseinander und selten häuften sich derart Filme, wo der Kritikerkonsens dermaßen harsch in Kommentarsektionen zerlegt wurde. Es wurde fast schon zum Online-Running-Gag, und die Reaktionen der DC-Fans, die Warners jüngsten Schub an Verfilmungen mochten, auf die weitestgehend negativen Kritiken sorgten mehrfach für Schlagzeilen. Von der ganzen Ghostbusters-Chose will ich gar nicht erst anfangen ...

2016 wurde auch die (von manchen Leuten tatsächlich ernst gemeinte) Verschwörungstheorie populär, Filmkritiker würden in ihren Urteilen gelenkt. Vor allem Disney würde mit seinen tiefen Taschen dafür sorgen, Kritiker dahin zu schmieren, alles von Marvel toll und ausgewählte Filme der Konkurrenz (vor allem Warner/DC) doof zu finden. Ähnliche "Alles nur eine abgekartete Sache"-Theorien erfreuten sich ebenfalls einer gewissen Beliebtheit.

Keine haltlosen Vorwürfe, lieber Dynamiken nachvollziehen
Enttäuschung durch an den Haaren herbeigezogene Verschwörungstheorien zu kompensieren ist, gelinde gesagt, arm. Und haltlos. Und es hilft niemandem. Es erschwert eher noch das Führen eines Filmdiskurses. Es gibt kein Schmiergeld und es sich einzureden, raubt nur die Möglichkeit, seine Filmpassion weiter auch durch das Genießen spannender Kritiken und Analysen zu verschönern (die man im riesigen Meer des Angebots ja einfach nur finden muss).

Nun nehme ich meine Branche aber nicht einfach auch aus egoistischen Gründen in Schutz. Schließlich widerspreche ich auch oft genug dem Kritikerkonsens. Es ist allen geholfen, von diesem sonderbaren Gedanken wegzukommen, ein hoher Rottentomatoes-Wert ist ein Status, den sich ein Film erarbeiten muss. Und wir müssen davon wegkommen, Kritiken so verbissen hinzunehmen. Natürlich gibt es Fälle, denen anzumerken ist, dass sich da jemand beim Schreiben sehr wichtig genommen hat und versucht, der Leserschaft etwas vorzuschreiben. Meist ist dem aber nicht so. Kritiken sind Einschätzungen, Orientierungshilfen, Diskussionsmotoren. Und als solche auch nicht zwingend in Stein gemeißelt - alteingesessene Publikationen blicken daher auch gerne Mal zurück, wenn ein Kultklassiker anno dazumal von ihnen verrissen oder ein legendärer Flop gefeiert wurde.

Vor allem sind auch Mitglieder des Kritikerzirkels nur Menschen, keine Filmkunstanalyseroboter. Und als solche können wir auch mal von Eigendynamiken oder Kontexten mitgerissen werden. Was auch völlig okay ist. Schließlich schreiben wir ja primär auch für andere Menschen, nicht für irgendwelche Rottentomatoes-Algorithmen - und somit sind die Adressaten von Kritiken ebenfalls Teile von Dynamiken und Kontexten - vor allem aber auch im Idealfall mündig und des selbstständigen Denkens fähig. So dass sie eine negative Kritik auch mal mit einem "Wow, find ich geil!"-Gedanken niederlegen können.

Der Kontext verändert nicht zwingend die Noten, aber sicher die Akustik
Wenn also etwa in unserer modernen Welle an aufwändigen, ambitionierten Superheldenfilmen ein Werk daherkommt, dass eher durchschnittlich ist, dann mag es zwischen den ganzen Genrekollegen enttäuschend sein. Selbst wenn sich das Kinopublikum 1985 noch nach solch einem Film alle Finger geschleckt hätte. Und so passioniert La La Land sein mag, so clever im Einfädeln seiner Referenzen in seine eigene Story, so mitreißend die Songs: Als praktisch ironiefreies Musical, das nicht im Videoclipstil daherkommt und genauso wenig ein Märchen erzählt, ist der Film heute einfach viel erfrischender und andersartiger als es 1950 der Fall gewesen wäre.

Eine ausführliche Kritik kann den Kontext dafür liefern. Und selbst wenn sie es nicht explizit klar macht, so lässt sie vielleicht den Interessenten beim Lesen genug Raum für Selbstrelexion, um zu erkennen: "Ja, Mittelmäßigman ist wirklich nicht schlecht. Er sieht nur im Vergleich zu den restlichen Superheldenfilmen des Jahres eher mies aus." Rottentomatoes hingegen ... kriegt das nicht gebacken und generiert aus den gesammelten Kritiken eine Zahl. Punkt, Ende, Aus.

Verwirrende Meinungsscheren und variierende Erwartungen
Das Abschneiden von Pirates of the Caribbean - Salazars Rache sorgte dieser Tage bei nicht wenigen Filmliebhabern für Verwirrung: Sowohl nach der Preview auf der Branchenexpo als auch nach dem Ende des Social-Media-Embargos war der Konsens sehr positiv. Von einem nötigen frischen Wind war die Rede, der plötzlichen Lust nach weiteren Filmen und einem rundum feinen Abenteuer. Und nun: Mickrige 34 Prozent bei Rottentomatoes. Wie kommt sowas nur zustande? Sind die Kritiker denn alle verrückt geworden?

Nein, das nicht. Rottentomatoes führt nicht über jede einzelne Kritik Buch, die im englischsprachigen Web veröffentlicht wird. Entertainment-Reporter, wie die diversen Leute von Collider, Slashfilm und Co., die zum positiven ersten Reaktionsschub beigetragen haben, werden von Rottentomatoes ignoriert. Und sind eher Teil der Zielgruppe, die solch ein Fantasy-Abenteuer-Komödien-Spektakel loben werden als die etwas diversere Gruppe, die Rottentomatoes berücksichtigt. Hinzu kommt, dass manche einschlägige Portale unterschiedliche Redakteure zur Cinema Con schickten und die Kritik verfassen ließen (auch wenn das Optimismusgefälle schon extrem ist).

Und dann zählt Rottentomatoes halt einfach anders. Weil es unbenotete Kritiken eine Wertung draufpackt. Ich habe mir nach der Pressevorführung im Zug nach Hause in meine Notizen unter anderem geschrieben, dass Salazars Rache allem Humor zum Trotz für Disney-Maßstäbe ein sehr sadistischer, fieser, gemeiner, dreckiger Film ist. Ich finde sowas klasse. Wäre ich rottentomatoesrelevant, könnte das Portal dem Kontext meiner Kritik vielleicht entnehmen, dass die Review bitte als "fresh" zu werten ist, aber bei vielen anderen Kritikern könnte das eher negativ klingen - was dem Pirates of the Caribbean-Zielpublikum schnuppe sein dürfte. Aber es kostet de Film ein paar Prozentpunkte.

Was mich zu einer Feststellung führt: Die (für Rottentomatoes nennenswerten) US-Kritiker scheinen ein ordentliches Problem damit zu haben, wenn ein Film unter der Disney-Flagge segelt, aber gar nicht die muntere, fröhlich-bunte Weltflucht liefert, die sonst mit diesem Namen verbunden wird. Wie viele Kritiken zu Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen beinhalteten Variationen von "zu düster", "zu ernst" oder "nicht lustig genug". Dinge, die Gareth Edwards Godzilla, einem Herr der Ringe oder einem Daniel-Craig-Bond von der schreibenden Zunft nicht so leichtsinnig vorgeworfen werden. Oh, aber ein Disney-Seefahrer-Fantasyepos, das hat bitte fluffig, bunt und nett zu sein.

Aber nehmen wir nicht mein Geschwafel für bare Münze. Und schauen auf die Zahlen, die ja als so wichtig erachtet werden.  Nimmt man sich die wenigen Disney-Filme (also astrein, klassisches Disney, nicht Marvel, Star Wars und Co.) mit einem PG-13-Rating, also einer höheren US-Jugendfreigabe als sonst vom Studio gewohnt, zeigt sich ein klares Bild.

Fresh (PG-13):
Fluch der Karibik (2003): 79%
Saving Mr. Banks (2013): 78%
The Finest Hours (2016): 63%

Rotten (PG-13):
Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 (2006): 54%
John Carter (2012): 51%
Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (2007): 45%
Prince of Persia - Der Sand der Zeit (2010): 36%
Pirates of the Caribbean - Salazars Rache (2017): 34%
Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten (2011): 32%
Lone Ranger (2013): 31%

Nun werden manche sagen: "Disney macht halt einfach oft miese Filme". Andere werden den einen oder anderen dieser Filme in Schutz nehmen. Und einen Kausalzusammenhang kann ich hiermit nicht belegen, das ist mir klar. Ebenso ist mir bewusst, dass Korrelationen nicht zwangsweise etwas belegen. Interessant finde ich es dennoch: Fluch der Karibik, der für Disney in Sachen "mutigerem" Entertainment als Eisbrecher fungierte (und ironischerweise nicht mit dem Disney-Logo beginnt, sondern es am Ende versteckt) ist "fresh". Saving Mr. Banks, der von der Entstehung eines Disney-Films handelt, steht ebenfalls sehr positiv dar. Und The Finest Hours ... verwirrt mich. Tun wir ihn als Ausnahme ab. Der Rest, alle Piratenepen, die ja laut manchen Kollegen doch bitte einfach nur Komödien sein sollten, Gore Verbinskis zuweilen sehr garstiger Westernritt, die Pirates-Wüstenantwort Prince of Persia und John Carter, der seinen Helden in einer Szene unter einem Berg von Leichen vergräbt ... sie alle sind also schlecht. Schon ein hübscher Zufall.

Vielleicht ist da tatsächlich diese Eigendynamik, die zum Zuge kommt. Die alteingesessenen US-Kritiker rechnen damit, dass Disney ihnen leichten Familienspaß liefert. Dann bekommen sie etwas ganz anderes serviert, und sie reagieren entsprechend darauf. In einer Langkritik kann sich aus diesem Clash zwischen Wunsch und Filmprodukt was spannendes ergeben - oder auch ein Beispiel für voreingenommene Perspektiven, die einem Film die Chance nehmen, gerecht besprochen zu werden. Kommt immer drauf an. Rottentomatoes differenziert da nicht. Und da können noch so viele Social-Media-Vorabkritiken von jüngeren Kritikern, die das "härtere" Disney nicht so verwunderlich finden, Salazars Rache loben. Deswegen muss man aber nicht gleich Sturm laufen und das Gekeile von 2016 im Namen der Piraten fortführen oder seinen Glauben an die Filmkritik aufgeben.

Vielleicht hat aber auch einfach Warner Bros. dieses Mal den größeren Betrag Schmiergeld gezahlt. Das wäre natürlich unerhört ...

Ich verzichte mal darauf, die Ironie zu kennzeichnen. Ich vertraue euch!

Montag, 22. Mai 2017

"Pirates of the Caribbean – Salazars Rache": Ein Film, so viele Meinungen ...


Es ist endlich wieder so weit: Nach Jahren des Wartens öffnet sich das nächste Kapitel der Pirates of the Caribbean-Saga. Die Pressevorführung des fünften Teils dieser Disney/Bruckheimer-Reihe war für mich eine ziemlich aufreibende Angelegenheit, immerhin geht es mit meinem Lieblings-Filmfranchise weiter. Und vielleicht kennt ihr dieses Gefühl von euren jeweiligen Topfavoriten: Der neue Eintrag in die Reihe fühlt sich im ersten Moment immer etwas fremd an, ganz gleich, wie gut man ihn im ersten Moment einschätzt. Schließlich lebte man zuvor einige Zeit in einer Welt, in der die vorhergegangenen Filme eine in Zement gemeißelte Einheit bildeten. Und jetzt ist da plötzlich ein neuer Film mit dabei ... Und im Falle von Pirates of the Caribbean – Salazars Rache kommt noch hinzu: Ich habe den Film ja nicht einfach für mich allein geguckt, sondern im Auftrage meines Filmkritikerjobs. Ja, ja, ich kann wirklich nicht klagen, schließlich konnte ich die Produktion daher noch vor dem Kinostart sehen. Dennoch fügt dies eine weitere Dimension der Distanzierung zum Geschehen hinzu.

Und so kommt es, dass in meinem Kopf eine Vielzahl an Beobachtungen, Perspektiven und Meinungen herumschwirrt, die ich zu diesem Piratenabenteuer festhalten kann. Aber wozu hat man seine eigene Seite, wenn man sie nicht für solch eine unkonventionelle Rezension nutzt?

Die Feststellung, die ich an die Gegner der Reihe richten möchte: Zunächst einmal ... Leute, was stimmt mit euch nicht? Wie könnt ihr nur Pirates of the Caribbean nicht mögen? Aber, gut ... So sehr ich dem neuen Film ein stattliches Einspielergebnis gönne: Ihr wärt bei Salazars Rache im Kinosaal fehl am Platz. Man muss die anderen Filme nicht gesehen haben, um der Handlung zu folgen (es sei denn man ist von der Art "Ich weiß, dass es vorher Filme gab, also stelle ich bei jeder Kleinigkeit übergenaue Fragen, um zu erfahren, was ich vielleicht versäumt habe!"), allerdings stützt Drehbuchautor Jeff Nathanson, obwohl er neu zur Reihe hinzugestoßen ist, ein Gros des emotionalen Rückgrats darauf, dass wir die Figuren bereits kennen und lieben gelernt haben. Und obwohl Salazars Rache seine eigene Grundstimmung hat (so wie auch alle Teile zuvor), so setzt er sich ganz klar aus den typischen Pirates of the Caribbean-Zutaten zusammen (wie halt die anderen vier Filme). Wer also bislang nicht einen einzigen Film dieser Saga mochte, wird auch hier auf Elemente stoßen, die bisher für Abneigung sorgten. Ich mein, klar, es gibt immer Leute, die als lebende Ausnahme die Regel bestätigen, trotzdem würde ich dazu tendieren: Gebt lieber erstmal den bisherigen Teilen noch eine Chance, als vertrauensselig in den fünften zu gehen.

Die geerdete (Landgang-)Meinung: Visuell pompöses Piratenabenteuer mit einigen erstaunlichen Specialeffects und superaufwändigem Produktionsdesign sowie starken Kostümen. Mit Disney-Grenzen testendem, ultraräudigem Dialogwitz und sehr sympathischen Neuzugängen zum bisherigen Pirates-Cast. Die Musikuntermalung ist schmissig, schön und eingängig, wenngleich de neuen Motive eher rar gesät sind. Depp ist im ersten Drittel in ein paar Szenen "off", wird aber nach und nach zum guten, alten Käpt'n Jack. Der Action fehlt Gore Verbinskis Wahnsinn, jedoch ist sie trefflich geschnitten und abwechslungsreich. Das Storytelling ist ungewohnt schlicht für die Reihe, dafür mit emotionalem Rückgrat: Lauter, schräger, düsterer als Teil 1, schneller als der vierte Teil, bescheidener und stringenter als zwei und drei. Wer wenigstens irgendeinen der bisherigen Pirates of the Caribbean-Filme mochte, sollte erneut ins Kino, denn auch wenn Salazars Rache wohl bei wenigen zum Favoriten werden dürfte, so hat er das Zeug dazu, sich in vielen Herzen als guter Rang zwei oder drei innerhalb der Saga zu platzieren.

Die Fan-Perspektive: Eine sadistische, passionierte Verneigung vor der Reihe. Der Filmkanon wird von Nathanson sowie den Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg mehrfach in Frage gestellt, woraufhin sie mit etwas Abstand zurück rudern, mit einem fiesen Grinsen im Gesicht: "Nein, wir haben eben kein Loch in Figurenentwicklung und Kontinuität geschossen. Reingefallen!". Das erweiterte Universum … äh … wird anerkannt, aber es wird Diskussionen geben, die es über (mögliche) Ungenauigkeiten zu führen gilt. Der Film hat dafür mehrere dicke, saftige Fanservice-Momente. Wenn es der letzte Teil sein sollte, ist’s ein sehr würdevolles Ende.

Ich, ganz privat, als jemand, der dieses Franchise ganz, ganz nah am Herzen trägt: So bin ich noch nie in einer Pressevorführung durch Himmel und Hölle gegangen. Was für ein Glück, dass ich relativ abgeschottet saß und mich daher niemand hat sehen oder hören können. Gigantische Momente der Freude wechselten sich mit intensivster Besorgnis ab. Mehrmals täuschte der Film an, eher ein "Ok, das ist was für Gelegenheitsfans und Popcornkinogänger, aber das, was ich suche, ignoriert er"-Projekt zu sein, nur um mich dann vollauf zu entschädigen. An mehreren Stellen war ich kurz vor der Resignation, nur um mich dann mit aller Macht zurückzuhalten und nicht laut klatschend, aus dem Sessel hüpfend meine Freude zu proklamieren: "Ja! Ja! Danke, wie genial!" Aber, nur um es noch einmal ganz sicher festzuhalten: Es wird (kaum) wem so ergehen wie mir! Aber ich, mit meiner intensiven, emotionalen Bindung zu der Reihe, ihren Themen, Figuren und Musikstücken war nach diesem ersten Salazars Rache-Seherlebnis außer Atem und brauchte etwas, um wieder runterzukommen. Und, wow, was freue ich mich auf die entspannte(re) Zweitsichtung, wenn ich mich zurücklehnen und in den Saal horchen kann, ob irgendwo ein Menschlein sitzt und so hörbar mitleidet und mitjubelt wie ich beim ersten Mal. Ich, als wer, der die irrsinnige, aberwitzige, überambitionierte Seite der Reihe mag, werde ihn auf Dauer trotz dieser unfassbar intensiven Erfahrung beim ersten Gucken nicht so feiern wie meinen Lieblingsteil. Aber, hey, meinen liebsten Pirates of the Caribbean mögt ihr da draußen im Durchschnitt nicht so sehr wie ich, da ist das nur ausgleichende Gerechtigkeit. Nur das Kopfzerbrechen, wie ich den Piratenspaß gern fortführen würde, das wird mich in den nächsten Tagen und Wochen beschäftigen.

Ab den Abendstunden am 24. Mai könnt ihr euch ebenfalls auf Pirates of the Caribbean – Salazars Rache einlassen. Ich würde empfehlen, eher auf 3D zu verzichten, es sei denn, ihr seid 3D-Fans, habt ein gutes 3D-Kino in eurer Nähe oder seid innige Fans und die 2D-Optionen sagen euch zeitlich nicht so sehr zu. So oder so: Habt Spaß. Und: Trinkt aus, Piraten, Yo-Ho!

Freitag, 19. Mai 2017

Freitag der Karibik #43


Disney und seine internationalen Titel. Jahrzehntelang lief alles (nahezu) makellos. Und mittlerweile kommt kaum ein Film des Disney-Konzenrs raus, ohne in einigen wichtigen Märkten (darunter verflixt oft: Deutschland) aus "lizenzrechtlichen Gründen" umbenannt zu werden. Jüngstes Opfer: Der hammerschwingende Avenger Thor, dessen zweiter Film von Thor - The Dark World zu Thor - The Dark Kingdom mutierte. Nun wird aus Thor: Ragnarök in Deutschland tatsächlich Thor: Tag der Entscheidung. Schwach, Disney. Sehr schwach.

Unumstrittener König des Titelchaos ist in Deutschland aber (auch ohne Lizenztrubel) die Pirates of the Caribbean-Saga, die hierzulande bekanntlich aus Fluch der Karibik, Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2, Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt, Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten und Pirates of the Caribbean - Salazars Rache besteht.

Beinahe wäre alles anders gelaufen. Die ersten Verleihmaterialien sprachen vom zweiten Teil als Schatz der Karibik - eine Entscheidung, die wohl noch fiel, als der deutschen Dependence Disneys keine inhaltlichen Details zugespielt wurden.

Der Gedanke, das letzte Wort einer Filmreihe als wiedererkennendes Merkmal zu nutzen, ist riskant - ich tu mich schwer, mich in eine Welt zu denken, in der die PotC-Reihe hierzulande als "die Karibik-Saga" bekannt wird. Aber spielen wir das Gedankenspiel aus Trotz einfach mal durch - und helfen Disney Deutschland anno 2005 mit dem Wissen von heute, Schatz der Karibik akkurater zu betiteln.

Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl // Fluch der Karibik
Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest // Teufel der Karibik
Pirates of the Caribbean: At World's End // Schlacht der Karibik
Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides // Gezeiten der Karibik
Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales // Rache der Karibik

Das wären meine Vorschläge. Und wie würdet ihr Disney in einer Welt aushelfen, in der man sich in den "... der Karibik"-Gedanken verbissen hat?

Freitag, 12. Mai 2017

Freitag der Karibik #42


Das Pirates of the Caribbean-Franchise hat ein Problem. Ein Luxusproblem, das zahlreichen anderen Franchises dieser Größtenordnung fremd sind: Seine öffentliche Wahrnehmung dreht sich um eine einzelne Performance - Johnny Depps Darstellung des verwegenen, chaotischen Piratenkapitäns Jack Sparrow. Star Wars hat sich längst zu einem ganzen Kosmos an vielen, unterschiedlichen Aspekten gewandelt, die auch Gelegenheitszuschauer als Grund herausstellen, sich in diese Filmwelt zu begeben. Das Marvel Cinematic Universe hat eine Heerschar an Figuren zu bieten, die sich beim Stammpublikum um den Ehrentitel "Publikumsfavorit" prügeln. Die James-Bond-Filme genießen ihren Sonderstatus, dass bei ihr eine Umbesetzung des Protagonisten nicht nur geduldet, sondern praktisch erwartet wird. Die Transformers-Reihe dreht sich mehr um ihre Special Effects und Michael Bays Krachbumminszenierung als um irgendwelche Figuren- und Besetzungsfragen. Und bei Fast & Furious gibt es ebenso wenig die eine, zentrale Rolle, um die sich alles drehen muss.

Für das Fortbestehen der Pirates of the Caribbean-Saga drängt sich somit eine Frage auf: Sollte Disney sie eines Tages zusammen mit Käpt'n Jack Sparrow in den Ruhestand schicken? Oder kann sie aus dem langen Schatten von Johnny Depps Paraderolle herauswachsen? Respektive: Sollte Disneys dies zumindest versuchen?

How Do You Solve a Problem Like Johnny?
Oder alternativ: Braucht es überhaupt eine Lösung? Im Frühjahr 2016 sah es durchaus so aus. Johnny Depp war aus den Negativschlagzeilen nicht mehr rauszukriegen und Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln legte eine wirtschaftliche Bruchlandung hin. Aber dies scheint nunmehr passé zu sein. Ja, als Depp im kalifornischen Disneyland als Jack Sparrow Gäste überraschte, ließen es sich diverse Reporter nicht entgehen, anzumerken, dass dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, den Depps Image nunmehr darstellt. Eine deutlichere Antwort, ob die im Raum stehenden Vorwürfe gegenüber Depp sich auch mit piratigem Rum-Salzwasser-Gemisch nicht fortwaschen lassen, werden die Einspielergebnisse und Publikumsreaktionen geben. Bislang sieht es aber so aus, als würden Zuschauerinnen und Zuschauer, unabhängig von ihrer Meinung zu Depp, wenigstens Jack Sparrow verzeihen: Das US-Tracking spricht aktuell von einem 90-Millionen-Dollar-Startwochenende. Das wäre über Teil eins, weit unter Teil zwei und drei sowie auf Augenhöhe mit Teil vier.

Iger hatte dies schon vor einem Jahr vorhergesagt: Er mache sich wegen Pirates of the Caribbean keine Sorgen, erklärte er in einem Interview. Denn der Star des Films sei Käpt'n Jack, nicht Johnny Depp. Und die Hollywood-Erfahrung lehrt, dass weit mehr Menschen zwischen Kunst und Künstler trennen, als es Onlinedebatten mutmaßen ließen. Michelle Rodriguez wurde vor bald zehn Jahren dasselbe vorgeworfen wie Depp. Und seither spielte sie im erfolgreichsten Film aller Zeiten und zwei Milliarden-Dollar-Hits mit. Und anders als im Falle Depp gibt es deshalb keine "Hot Take"-Artikel zu lesen.

Zugegeben: Rodriguez ist sowohl in Avatar als auch den Fast & Furious-Filmen ein kleines Rädchen, während Depp die Aufmerksamkeit in den Pirates-Filmen auf sich zieht. Zudem ist Depp ein ganz anderes Star-Kaliber, so dass kritische Artikel eine andere Klickstärke haben als bei Rodriguez. Und als Disney-Filme werden den Pirates-Produktionen ungleich höhere moralische Standards angedichtet als James Camerons Bombastwerk und den Universal-Actionern. Dennoch: Disney scheint bei Salazars Rache noch nicht in Zugzwang zu sein. Was aber nicht bedeutet, dass Disney sich ausruhen sollte.

Erstens: Depp wird nicht jünger, die Pirates-Filme aber nicht ruhiger. Irgendwann wird er zu alt oder steif für die Rolle sein. Zweitens: Die Negativberichte über Depp werden zwar leiser, nicht aber weniger. Und "Trennung zwischen Schauspieler und Rolle" hin oder her, ein Multi-Milliarden-Franchise daran hängen zu lassen, dass die Masse dieser Person zumindest in einer Rolle wohlgesonnen bleibt, ist ... riskant. Wirtschaftlich. Und auch künstlerisch. Ich als Fan würde keinen siebten Teil mit offenem Ende haben wollen, nur um dann im Kalten stehen gelassen zu werden, weil der Film floppt und daher keine Fortsetzung folgt. Kurzum: "Mit Depp als Hauptverkaufsargument lustig weiter machen, bis es nicht mehr gelingt" ist keine Option. Über kurz oder lang muss die Sparrow-Saga ein rundes Ende finden. Für Disneys wirtschaftliches Wohl, ja. Vor allem aber, weil es diese großartige Figur verdient hat, nicht verheizt zu werden.

Der Symmetrie zu Liebe wäre ein sechster Teil nett. Zwei Trilogien, in denen Jack Sparrow zwar nicht der klassische Protagonist ist, wohl aber die Hauptfigur. Nur bleibt weiter die Frage offen: Danach weiter machen, oder es bleiben lassen?

Bring Me A New Horizon
Klar. Die vorsichtige Variante wäre, Pirates of the Caribbean mit dem Ende des Jack-Sparrow-Handlungsfadens abzuschließen. Wäre natürlich besser als ein offenes Ende, aber ganz eigennützig muss ich festhalten: Das wäre verflucht schade, würde es doch eine Menge ungenutzten Potentials liegen lassen. Pirates of the Caribbean ist mehr als die Sparrow-Show. Es ist eine faszinierende, spannende Abenteuerwelt des wahrgewordenen Seemannsgarns, die schaurige Inhalte und coole, lustige Action mit einer rockigen Attitüde zu bombastischem Kinovergnügen formt. Die Reihe hat schon jetzt viele exzentrische, reizvolle Figuren zu bieten - und sie könnte auch ohne Jack weitergehen. Man muss es nur richtig anpacken.

Daher muss Disney nach Teil fünf dringend Entscheidungen treffen. Sollte es einen sechsten Film geben, bringt es nichts, in ihm womöglich die Sparrow-Saga zu beenden, dann PotC sieben, acht Jahre ruhen zu lassen und dann ein neues Abenteuer rauszuhauen, und zu erwarten, dass das Publikum die neuen Figuren schon schlucken wird, ist äußerst riskant. Und ebenso wenig sollte eine explizite Staffelstabübergabe erfolgen. Bei Indiana Jones hat das bekanntlich auch nicht funktioniert.

Star Wars hat es hervorragend vorgelebt: Starke neue Figuren einführen, die fantastische Welt
und Mythologie betonen, die wir alle in dieser Reihe erleben können, und mit alten Bekannten ein Gefühl der Familiarität erzeugen. Vielleicht können in Teil sechs Pintel und Ragetti zurückkehren (die in Teil fünf allen Berichten zufolge erneut aussitzen) und so wieder stärker in Erinnerung zurückgeholt werden, ehe sie in Teil sieben die Sidekicks einer neuen Protagonistin werden? Vielleicht bleibt auch wer aus Salazars Rache an Bord?

Und je nachdem, wer weiß: Vielleicht schreiben wir Sparrow nicht ganz raus. Sondern geben ihm hie und da eine Gastrolle. Eventuell auch nicht. Die Story muss das diktieren.

Als Test, wie groß der Markt ist, könnten gute, Sparrow-freie Materialien (Comics, Romane, Videospiele) dienen. Ja. Genau. Den ganzen Star Wars-Kram halt. Das will ich für meine geliebten Piraten.

Ich weiß, ich verlange viel. Ich will klare Zäsuren und dennoch mehr. Aber es ist wert, es zu versuchen: Pirates of the Caribbean ist im Hollywood-Angebot zu einzigartig, die Tonalität und Mythologie der Reihe zu spannend, um die Saga als Jack-Sparrow-Story zu beenden. Und wenn es doch so sein soll: Hey. Danke Disney. Wenigstens ein rundes Ende.

Sonntag, 7. Mai 2017

Mahana – Eine Maori-Saga


Zurück zu den Wurzeln: Der 66-jährige Regisseur Lee Tamahori verantwortete unter anderem Pierce Brosnans grelles James-Bond-Abenteuer Stirb an einem anderen Tag, den saudummen Extremsport-Actioner xXx 2 – The Next Level und den schrägen Biopic-Thriller The Devil’s Double. Seinen Durchbruch feierte er zuvor aber mit dem Drama Die letzte Kriegerin über eine Māori-Familie im gegenwärtigen Auckland, die unter einem gewalttätigen Vater leidet. 22 Jahre später erzählt der neuseeländische Filmemacher erneut eine dramatische Familiengeschichte, in der ein herrischer Māori-Patriarch Streit und Leid verursacht. Mahana – Eine Maori-Saga spielt allerdings nicht im Heute, sondern in den Sechziger-Jahren – wobei die Sechziger-Jahre des neuseeländischen Nordosten wie ein Relikt aus deutlich länger vergangenen Tagen anmuten, von einigen Popkulturstücken abgesehen, die es aus dem Rest der Welt dorthin verschlagen haben.

Seit drei Generationen hat der gestrenge, stets seinen Willen durchsetzende Tamihana Mahana (Temuera Morrison) das Sagen über seine Familie. Obwohl die Māori neben den Weißen Bürger zweiter Klasse darstellen, verfügt der Mahana-Clan über ein weitläufiges Anwesen und wird gesellschaftlich wenigstens ob herausragender Fähigkeiten im Schafscheren respektiert. Mit der Māori-Familie der Poata befinden sich die Mahanas derweil in einer tief verwurzelten Fehde, die Tamihanas pubertierender Enkel Simeon (Akuhata Keefe) allerdings hinterfragt. Der unerbittliche Tamihana entwickelt aufgrund dieser anklingenden rebellischen Ader einen Groll auf Simeon, welcher wiederum seinem Großvater immer häufiger die Stirn zeigt, so dass es zu einer Zerreißprobe innerhalb des Clans kommt …

Tamahoris in einer Laufzeit von zügigen 104 Minuten erzählte Leinwandadaption des Romans "Bulibasha: King of the Gypsies" von Whale Rider-Autor Witi Ihimaera nimmt die Lebenssituation und Kultur der Māori nicht in den Fokus. Statt explizit von den Unterschieden zur weißen neuseeländischen Bevölkerung in den Sechzigern zu erzählen und einen scharfen Fokus auf die Folklore dieses indigenen Volks zu legen, stellt ein gemeinhin verständlicher Konflikt den Kern dieses Dramas dar: Das Aufeinanderprallen einer eigensinnigen, jungen Generation, die nach individuellen Entscheidungen und Unabhängigkeit greifen möchte, und einer straff organisierten älteren Generation, welche den Patriarchen als niemals in Frage zu stellende Autorität versteht.

Solche Auseinandersetzungen sind kulturübergreifend und wurden im Medium Film bereits zahlreich thematisiert – wobei sich das zeitliche Setting von Kulturkreis zu Kulturkreis unterscheidet. Hollywood ließ derartige Differenzen bereits mehrmals im Wilden Westen stattfinden, deutsche Filmemacher nutzten wiederholt Nachkriegsdeutschland als zeitliche Kulisse. Nachvollziehbar ist das Aufbegehren der liberalen Jugend in all diesen Konstellationen, und in guten Erzählungen wird zudem die Position der despotischen Familienoberhäupter wenigstens plausibel dargestellt. So auch in Mahana – Eine Maori-Saga. Obschon Drehbuchautor John Collee und Regisseur Tamahori nie auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen lassen, dass Tamihana ein narzisstischer, ungeduldiger Widerling ist, so streuen sie in den Handlungsverlauf zumindest Argumente dafür, weshalb Tamihana das alte Dagobert-Duck-Motto „Härter als die Härtesten und schlauer als die Schlauesten“ verfolgt.

In der eng umkämpften wirtschaftlichen Nische, in denen sich die Māori im Schweiße ihres Angesichts behaupten dürfen, benötigt es Unbarmherzigkeit, um wenigstens einen Bruchteil des Komforts der weißen Bevölkerung zu erreichen. Seine Gräueltaten entschuldigt dies keineswegs und ebenso wenig seine Verweigerung gegenüber dem Fortschritt – aber es hebt Tamihana über den Status eines reinen, allein von der Freude an der Perfidität angetriebenen Schurken empor. Verstärkt wird diese Wirkung durch Temuera Morrisons magnetisches Spiel: Eiskalte Blicke und eine bedrohlich-ruhige, durchdringende Stimmlage machen den Patriarchen zu einem kraftvollen Dickschädel. Morrison legt ihn somit gewissermaßen als weniger cholerischen, dafür in seinem Handeln umso abgeklärteren „Vorfahren im Geiste“ seiner Die letzte Kriegerin-Rolle an und zieht sowohl Hass als auch Ehrfurcht auf sich.

Akuhata Keefe dagegen agiert im die ganze Familie durchrüttelnden Zwist mit seinem Leinwand-Großvater unaufgeregt: Mit natürlichem, unforciertem Spiel stellt er die Weltsicht sowie die Entscheidungen des Patriarchen ohne Pathos oder aufwiegelnd-kämpferischem Beiklang in Frage. Dadurch rutscht Mahana – Eine Maori-Saga nie ins Melodramatische ab – dass Tamahori gelegentliche, leichtgängigere Passagen wie einen Schafscherwettbewerb angemessen locker inszeniert, verleiht dem Familiendrama zusätzliche Atempausen. Diese setzt der Regisseur äußerst geschickt: So ist der von zwei Jahrmarktkommentatoren hoch engagiert besprochene Schafscherwettbewerb, der so auch in einem kuriosen Disney-Sportfilm vorkommen könnte, die Ruhe vor einem emotionalen Sturm, in dessen Zuge Simeons Großmutter abscheuliche Geheimnisse offenbart.

Nicht nur in diesem Moment kommt das kulturelle Setting dieser Maori-Saga zum Fruchten. Denn selbst wenn Tamahori es nie in den Vordergrund rückt, so könnte dieser Film nicht ohne es funktionieren. Der Regisseur fängt die innere Dynamik eines Māori-Clans beiläufig ein, garniert das Familiendrama nebenher mit Einblicken in die Māori-Folklore und er verzichtet bei Szenen in der Māori-Sprache auf Untertitel – was symptomatisch für Tamahoris Vorgehen ist. Kinogänger ohne Vorkenntnisse sollen sich den Sinn aus dem Kontext erschließen, was angesichts der zugänglichen Narrative ohne Weiteres möglich ist. Und in dieser Tonalität skizziert Tamahori auch das Bild dessen, dass Māori-Männer über Generationen hinweg zu kriegerischen Aggressoren erzogen wurden – wodurch sich die Charakterzeichnung Tamihanas verdichtet und seine Untaten noch schockierender werden. Denn selbst wenn Tamahori auf explizite Aufnahmen verzichtet, suggeriert er, mit welcher Selbstverständlichkeit Tamihana wohl agiert.

Von Kamerafrau Ginny Loane in einer den Schauplätzen angebrachten Bildsprache (rustikale Farben, altmodisch-ruhige Kameraführung) eingefangen, stellt Mahana – Eine Maori-Saga ein Programmkino-Fundstück dar, das es verdient hätte, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten: Es erzählt die aufreibende Geschichte einer Familie im Umbruch, bringt seinem Publikum die Kultur der Māori näher und vollführt dies in einer zugänglichen, die Dramatik des Stoffes aber nie untergrabenen, Weise. Großer Stoff, ganz klein und fein vermittelt.

Freitag, 5. Mai 2017

Freitag der Karibik #41


Als großer Liebhaber des Disney-Outputs an Piratenfilmen habe ich mir das neue Stück Sekundärliteratur Disney Pirates: The Definitive Collector's Anthology von Michael Singer gekauft. Es ist, wie der Titel so klipp und klar verrät, eine umfassende Zusammenstellung an Piraten-Projekten im Disney-Universum. Hintergrundinfos, Fotos und Konzeptbilder zu den Pirates of the Caribbean-Bahnen und -Filmen, den diversen Peter Pan- und Die Schatzinsel-Adaptionen und so vieles mehr.

Das Buch enthält auch ein ausführliches Unterkapitel zum anstehenden Pirates of the Caribbean-Abenteuer Dead Men Tell No Tales beziehungsweise Salazars Rache. Fünf Infos, die ich beim Lesen dieses Unterkapitels aufgeschnappt habe, möchte ich euch nicht vorenthalten.
  • Jack Sparrow hat seine wortkarge Beziehung zu seinem hilfreichen, selten gesehenen Vater. Elizabeth Swann ihr liebevolles, aber auch widerstrebendes Zusammenspiel mit ihrem Vater. Will Turner würde alles tun, um seinen zweimal verfluchten Piratenvater zu befreien. Angelicas Handeln war davon getrieben, ihrem Vater zu helfen. Und auch im neuen Film wird sich dieser Faden fortsetzen. Produzent Jerry Bruckheimer: "Es ist ein Thema, das der ganzen Reihe ihr emotionales Rückgrat verliehen hat", und dieses Mal von den beiden jungen Darstellern vorangetrieben wird.
  • Orlando Bloom hatte zwei Drehtage am Set.
  • Für den Film wurden 13 Schiffe gestaltet
  • Geoffrey Rush bezeichnet den neuen Look von Käpt'n Barbossa als "Vivienne Westwood trifft Galliano"
  • Ist der neue Film nun definitiv der letzte oder besteht die Möglichkeit für mehr? Bruckheimer bekommt von Singer diese Frage gestellt und antwortet laut dem Autoren mit rätselhaftem Grinsen: "Wer weiß, was der Horizont als nächstes bringt?"

Mittwoch, 3. Mai 2017

Ben Hur


Der Kritikerdiskurs rund um Timur Bekmambetovs Ben Hur ist ein Diskurs voller Missverständnisse. Unentwegt wird das Sandalenepos wenig schmeichelhaft mit dem „Original von 1959“ verglichen. Dass William Wylers mit elf Academy Awards prämierter Monumentalfilm kein Leinwandstoff ist, der ohne jegliche Vorlage vom Himmel fiel, wird nur gelegentlich angerissen. Alles führt auf den in rauen Mengen verkauften Roman Ben Hur zurück, den der Politiker Lew Wallace 1880 veröffentlichte. 1907 wurde er lose als fünfzehnminütiger Stummfilm adaptiert, 1925 folgte ein 142-minütiger Film, der teils in Schwarzweiß, teils in Farbe gedreht wurde. Je nach Standpunkt ist das vermeintliche Original also entweder die dritte Hollywood-Verfilmung eines monströsen Bestsellers oder das Remake eines Remakes einer Romanverfilmung.

Zumindest ein Filmhistoriker, der sich etwas darauf einbildet, filmische Meilensteine möglichst unantastbar darzustellen, dürfte im Falle des Charlton-Heston-Klassikers erstere Beschreibung bevorzugen. In dem Fall ist es aber nur fair und konsequent, auch Timur Bekmambetovs Abenteuerepos nicht als Remake zu beschreiben. Geschweige denn als Remake eines Remakes eines Remakes eines Remakes einer Bestsellerverfilmung (schließlich gibt es ja noch eine internationale Fernsehadaption von 2010). Und ganz gleich, ob nun der Begriff Neuverfilmung oder Remake angebrachter erscheint: Bei einem innerhalb von 109 Jahren insgesamt fünf Mal als Realfilm adaptieren Stoff ernsthaft entnervt ein „schon wieder“ dahinzustöhnen oder wutentbrannt niederzuschreiben, wie absurd diese Menge an Ben Hur-Filmen sei, grenzt an Lächerlichkeit. Erst recht angesichts dessen, wie häufig andere Werke neu interpretiert werden. Allein seit 2002 wurde die Filmwelt mit drei Realfilmvarianten des Marvel-Helden Spider-Man bedacht, während es unter anderem Charles Dickens Weihnachtsgeschichte und Die drei Musketiere auf Dutzende Umsetzungen bringen.

Abenteuerzentrischer Ansatz mit charakterbasiertem Leerlauf
Kurzum: So sehr es sich anbietet, Paramounts 100-Millionen-Dollar-Produktion mit dem einflussreichen Kassenschlager von 1959 zu vergleichen, muss der Ben Hur des Jahres 2016 noch immer an seinen eigenen Aspekten beurteilt werden. Und ist der große, harsche, aber wenig gehaltvolle Kritikpunkt „Aus Prinzip!“ erst einmal aus dem Weg geschafft, bleibt … Noch immer eine unausgegorene Materialschlacht über. In ihren gelungeneren Momenten ist diese jedoch so gekonnt umgesetzt ist, dass die Frage gerechtfertigt ist: „Weshalb stellen sich denn alle so dermaßen an?“ Denn zwischen einem mauen Film und einer hassenswerten Vollkatastrophe bestehen ja noch immer Unterschiede …

Wanted-Regisseur Timur Bekmambetov eröffnet seine Ben Hur-Variante mit einem Vorgeschmack auf das turbulente Finale: Die Adoptivbrüder Judah Ben Hur (Jack Houston), ein jüdischer Adliger, und Messala Severus (Toby Kebbell), ein römischer Waise, treten bei einem Wagenrennen an – und hassen sich bis aufs Blut. Kaum sind Judah und Messala sowie die weiteren Rennteilnehmer aus den Startboxen, springt Bekmambetov um acht Jahre zurück: Die beiden leben friedlich miteinander in Jerusalem, einer der Kronjuwelen des römischen Reiches, auch wenn Pontius Pilatus‘ (Pilou Asbæk) strenge Herrschaft nicht unumstritten ist. Um sich einen eigenen Namen zu machen, verlässt Messala seine wohlsituierte Adoptivfamilie, um für Rom in den Krieg zu ziehen. Als sich die Brüder drei Jahre später wiedersehen, ist die Freude nur kurzer Dauer, da sie sich über das Schicksal eines jungen Zeloten (Moisés Arias) in die Haare kriegen: Judah nimmt den frenetischen Kritiker des Römischen Reichs bei sich auf, was Messala nicht nachvollziehen kann. Als der Zelot von Judahs Anwesen aus Pilatus attackiert, wird Judah – auch aufgrund von Messalas mangelnder Hilfsbereitschaft – dazu verurteilt, als Galeerenskalve zu dienen. Fünf Jahre später erhält Judah die Gelegenheit, sein Leben wieder in eigene Hände zu nehmen. Doch Judahs Vorhaben ist lebensgefährlich …

Die Drehbuchautoren Keith Clarke und John Ridley kondensieren die umfangreiche Geschichte zweier Brüder aus unterschiedlichen Kulturen auf rund zwei Stunden, in denen die weiteren Nebenfiguren nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dabei gelingt ihnen nicht durchweg eine zufriedenstellende Balance: Judahs leibliche Familie erhält so viel Leinwandzeit, dass das Verhältnis des Protagonisten zu ihr als relevanter Aspekt erscheint. Jedoch werden die gelegentlichen, dafür ausführlichen Momente, in denen dieses Element der Story beleuchtet wird, mittels seichter, zugleich zäher Dialoge abgehakt. Auch der erst spät im Film auftauchende, Judah im Wagenrennen trainierende Scheich Ilderim (Morgan Freeman) ist kaum mehr als ein Dreadlocks tragender Erklärbär. Die einzigen Figurendynamiken, die gut ausgebaut werden, sind die zwischen Judah und seiner Ehefrau Esther (Nazanin Boniadi) und zwischen dem Titelhelden und seinem Bruder.

Diese Beziehungen etablieren Clarke und Ridley funktional: Sie gehen genügend in die Tiefe, um Judah einen plausiblen Antrieb sowie einen Gewissenskonflikt zu verleihen – soll er Vergeltung oder Nachsicht üben? Gleichwohl sind einige der Zwiegespräche Judahs und Esthers angesichts der geradlinigen, moralische Ideen theorisierenden Dialoge trockener, als der insgesamt eher auf Abenteuerflair setzende Film ertragen vermag.

Wenn’s poltert, dann richtig
Wenn Bekmambetov seine Stärken als Actionregisseur ausspielt, sind diese Schwächen jedoch vorübergehend vergessen. Die in schmutzig-blauem Licht gehaltene, von dunkler, trommellastiger Musik untermalte Sequenz auf der römischen Galeere ist ein spektakuläres Stück Abenteuerkino: Vernarbt, verschwitzt und kraftlos muss Judah wie unzählige weitere Sklaven die Ruder eines Kriegsschiffes bedienen, das in einen aussichtslosen Kampf zieht. Bekmambetov verzichtet auf Übersicht gewährende Aufnahmen der Seeschlacht, lässt das Publikum ähnlich im Unklaren wie Judah, der aufgrund der eskalierenden Lage unter Deck (Balken zerbersten, Speere zischen vorbei, brennender Teer gießt sich über den Sklaventreiber) mehr denn je um sein Leben fürchten muss. Mittels zügigem Schnitt und einem Mix aus wackligen Nahaufnahmen, die das Chaos unter Deck einfangen, und vereinzelten Aufnahmen aus Judahs Egoperspektive ist diese Passage ein herber, packender Actionritt – den Bekmambetov im Finale locker überbietet.

Das direkt zu Beginn des Films versprochene Wagenrennen ist ein einziges, nervenaufreibendes Spektakel, das Bekmambetov in aller Ausführlichkeit zeigt: Das hektische Hin-und-Her der Streckenposten und Judahs Mentor Ilderim verleiht der langen Passage einen trockenen Humor, wohingegen die erbarmungslos illustrierten Unfälle (die durch sehr clevere Verschmelzung von praktischen Effekten, digitaler Bildkomposition und CG-Trickserei umgesetzt werden) für eine große Fallhöhe sorgen. Das Bourne Ultimatum-Kameramann Oliver Wood führt die Kamera nah an die verfeindeten Adoptivbrüder heran und erzeugt eine raue Optik, allerdings nehmen Wood und Bekmambetov mehrmals sehr wohl die gesamte, aufwändig gestaltete Arena in den Fokus, wodurch das Rennen auch Grandeur aufzuweisen hat.

Generell verfügt Ben Hur in Anbetracht der detaillierten Kostüme und Requisiten über beeindruckende Schauwerte, die den Film deutlich kostspieliger aussehen lassen, als das für heutige Hollywood-Epos-Verhältnisse relativ bescheidene Budget von 100 Millionen Dollar erwarten lässt. Dass der von einem treibenden, doch zumeist uninspirierten (World War Z-Komponist Marco Beltrami) Score begleitete Film nach dem alles überschattenden, aufregenden Rennen seine bis dahin mit grau-grauer Moralität skizzierte Geschichte nicht zügig beendet, ist überaus ärgerlich. Nicht nur, weil Ben Hur nicht endet, so lange dieser Bombastfilm Schwung hat, sondern auch, weil die unangepasste „Vergeltung ist schlecht, doch sie wird immer wieder vorgenommen“-Stimmung durch einen ausführlichen Kitsch-Epilog hinfort gespült wird. Dieser ist obendrein mit seinen unfreiwillig komischen Dialogfetzen und einer pathetischen Bildsprache sehr polternd geraten.

So anstrengend und sinnlos dieses atmosphärisch nicht zum restlichen Film passende Ende sein mag, sollte Ben Hur nicht auf seine quietschige Schlussnote reduziert werden. Der Großteil ist zwar wegen durchweg annehmbarer, aber unauffälliger Schauspielleistungen und manch zäher Dialoge in den dramatischen Szenen zumeist nur ziemlich mau. Mit enormen Produktionswerten, zwei starken Actionpassagen (wobei das Wagenrennen zudem tolles 3D zu bieten hat) und einem zeitlosen, immer wieder funktionierenden Grundkonflikt ist Ben Hur trotzdem alles in allem duldbar genug, um in Anbetracht des überaus giftigen Konsens als positive Überraschung dazustehen.

Dienstag, 2. Mai 2017

Einsamkeit und Sex und Mitleid


Einsamkeit
Ein stinknormaler Arthouse-Film aus Deutschland. Zahlreiche Menschen unterhalten sich. Über dies. Und das. Und jenes … Thomas, der Kaugummikauer, sitzt im ICE und zieht sich seine schicken Schuhe aus. Er döst. Bis ihn Kindergeplärr aufweckt. Wütend schnaubt er herum, die Balgen sollten baldig Ruhe geben. Er wird rassistisch. Und seine Schuhe sind auch weg. Schönling Vincent schaut sich das Schauspiel an. Und grinst. Nicht wissend, dass er gerade Zeuge wurde. Zeuge eines gar wunderlichen Moments, der eine Kette auslösen sollte. Eine Kette von lose verbundenen Ereignissen, die dem unbeteiligten Betrachter – und auch dem dreckig grinsenden Zuschauer sowie dem gerührt Mitleidendem – einen wild-kaleidoskopischen Einblick bietet in die provokante, ungeschönte Unterseite des heutigen Geflechts aus Beziehungsformen, -stilen, -methoden, -launen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Hurrikan auslösen. Doch das ist nichts. Nichts im Vergleich zu dem, was ein Schuhdiebstahl in einem ICE in Bewegung setzt.

Gesponnen wird das in grellen Farbkontrasten gehaltene, vom besagten Schuhdiebstahl ausgehende Spinnennetz zeitgenössischer Sexual-, Sinnlichkeits-, Selbstsucht- und Schwärmereiproblematiken vom Fernseh- und Theaterregisseur Lars Montag. Als Inspiration mag ihm ein Roman gedient haben – Helmut Kraussers rabenschwarz-illustre Storyverkettung Einsamkeit und Sex und Mitleid. Doch eine andere Konnotation drängt sich ebenso auf – und dies mit der Gewalt eines kummervollen Elektrobeats: Höchstwahrscheinlich vollkommen unbeabsichtigt erschuf Montag einen Film, der anmutet, als sei er direkt aus Marco Göllners Verstand in den Kinosaal projiziert worden.

Montags Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein faszinierendes, filmisches Geflecht, dessen Tonalität genau der Art von Geschichten entspricht, die so häufig als Fest und Flauschig-Hörspielintros dienen. Bloß dass dieser Film tiefer geht. Er ist ausgereifter. Auf fast schon morbide Weise melancholisch. Derart sarkastisch, dass es obszön ist. Und doch mit einem pochenden Herzen. Und nachdenklichem Beiklang. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist im Kern eine aufgeweckte, in ihren bizarren Feinheiten erschreckend akkurate Bestandsaufnahme. Nur eben in diesem wunderbar-abstrusen Tonfall vermittelt. Der rote Faden, der als Naht zwischen diesen Flicken dient, ist eine Feststellung: Beziehungen sind kompliziert, egal wie alt man ist, egal, wohin sich die Gesellschaft entwickelt und ganz gleich, weshalb man eine hat oder will.

Doch Montag belässt es nicht darauf. Statt diese brutal banale Tatsache abzubilden, fängt er ein, wie sich diese Erkenntnis anfühlt. Er schmückt sie in einer bild- und klangästhetischen Grandeur aus, wie sie das deutsche Kino nur äußerst selten sieht. Und übergießt all dies mit einer genüsslich derben Schicht aus "Bahn frei, so geht das, ihr verkorksten Langeweiler":

Mit überprätentiöser Stimmfarbe kommentieren unregelmäßig hocheloquente, emotionsbefreite Erzählstimmen das Geschehen. Ihre Bemerkungen scheinen oberflächlich für Einordnung zu sorgen, allerdings stiften sie zuweilen Verwirrung, kratzt man erst an dieser Oberfläche. Überheblich setzten sich die Erzählerkommentare über Witz, Tragik und Fremdscham hinweg und entdecken Poesie in Momenten reinster Banalität. Dies aber mit einer derartigen Präzision, dass die Erzählstimmen gerade wegen ihrer vermeintlichen Fehlleistung zum Gewinn werden. Sie nehmen das so tragisch-ironisch zusammengestellte Sammelsurium an dezent überhöhten, unerfreulichen Alltagsbeobachtungen, und verpassen dem knochentrockenem, bieder-bedeutungsschwangerem Duktus diverser Arthouse-Filme mit ähnlichem Thema einen pointierten, neckischen Hieb in die Rippen. Die gedankenverlorene, desolate Bestandsaufnahme der Zwischenmenschlichkeit in Deutschland – sie kann auch Laune machen. Und sei es eine garstig-satirische. Diese Romanadaption ist ein einzigartiges Stück des deutschen Kinos.


Sex
So isoliert sich die sukzessive eingeführten Figuren fühlen mögen, so allein auf weiter Flur Einsamkeit und Sex und Mitleid tonal sein mag, so tolldreist die strukturelle, narrative Attacke auf ähnlich geartete Filme anmutet: Dieses farbübersättigte Zerrbild der modernen Beziehungswelten ist ganz und gar nicht freudlos! Etwa, wenn die von ihrem Bekannten, dem Gelegenheitsrassisten Thomas (Jan Henrik Stahlberg), unentwegt als feige titulierte Carla (Friederike Kempter) urplötzlich in eine "Ich habe gerade keinen Bock auf diesen Scheiß und Zeit dafür habe ich genauso wenig!"-Laune rutscht und daher aus reiner Frustration Mumm beweist.

Oder wenn der unentwegt zwischen Schüchternheit, Casanova-Charme, Überkompensation und pubertärem Machotum hüpfende Mahmud (Hussein Eliraqui) Beziehungstipps von seinem neunmalklugen kleinen Bruder bekommt, der goldig guckt, aber abgefuckte Theorien über seine Religion, sein Heimatland und das andere Geschlecht hat. Wenn der sich für einen Rebellen haltende Langweiler und Supermarktleiter Uwe König (Peter Schneider) mal wieder mit einer Belanglosigkeit brüstet oder von Chipsfanatiker und Ex-Lehrer Ecki Nölten (Bernhard Schütz) attackiert wird … Einsamkeit und Sex und Mitleid beherrscht allerlei verkorkste, boshafte und schmuddelige Noten auf der Humorklaviatur – aber auch den glasklaren, hellen Klang der spritzigen Situationskomik.

Der von Einsamkeit und Mitleid ins Sandwich genommene Sex in diesem Zweistünder hingegen ist nicht spritzig. Überhaupt nicht. Montag und Helmut Kraussner, der an der Drehbuchadaption seines Romans mitwirkte, sind keinesfalls sexnegativ – in den über dieses Geschichtengeflecht verteilten Sexualanekdoten wird durchaus klar: Das kann eine erfüllende, schöne Sache sein. Die erfrischend ehrliche Künstlerin Janine (Katja Bürkle) ist zufrieden mit dem, was sie kriegt, so lange sie mitbestimmt. Und das Escort-Pärchen Vincent & Vivian (Eugen Bauder & Lara Mandoki) mag mit seinen Beziehungsgesetzen andere Leute verwirren, aber … Hey, sie klagen weitaus weniger über ihre Lage als der Rest dieses Figurenensembles! Ob Abgeklärtheit, Verdrängung oder Unkompliziertheit der Grund ist, muss jeder selber entscheiden. Dennoch: Sex kann gut gehen.

Mit Betonung auf "kann", denn was wäre ein verschrobenes, aufgekratztes Tragikomödien-Satireexperiment, würde es nicht in unverschämter Klarheit abbilden, wie lächerlich die menschliche Körperlichkeit ist, verfolgen sie unausgeglichene, verzweifelte, selbstsüchtige Leute. Wie Julia König (unerschrocken: Eva Löbau), die denkt, sie sei sexuell frei und selbstbestimmt – obwohl sie sich in ihrem eigenen Gedankenkonstrukt erdrosselt. Konkret verbalisiert wird das zu keinem Zeitpunkt, zu groß ist das Vertrauen des Regisseurs in sein Publikum, um ihm so explizit etwas vorzukauen – doch Montags begnadete Regieführung spricht Bände. Je nach Subtext verträumt-kreativ oder analytisch-distanziert, setzt er seine Figuren behände in Szene. Eine dezente Fokusverschiebung genügt, und Kameramann Mathias Neumann (Das Mädchen auf dem Meeresgrund) lässt die Stimmung völlig umkippen. Cutter Marc Schubert (Schutzpatron) sorgt indes für elegische Übergänge zwischen den einzelnen Handlungsfäden, womit er die gelegentlich harschen Gegenüberstellungen von kapriziösen Figuren wie Jesus-Freak Johnny (Aaron Hilmer) und introvertierten Protagonisten wie Robert Pfennig (Rainer Bock) charmant, ja sogar attraktiv gestaltet: Es ist allen desolaten Bestandsaufnahmen zum Trotz eine prickelnde Freude, diesem erstklassigen Ensemble aus verqueren Charakterköpfen zuzuschauen.

Diese Attraktivität rührt nicht zuletzt aus der getragenen Farbästhetik von Einsamkeit und Sex und Mitleid: Andreas C. Schmids Szenenbild und Sonja Hesses Kostümgestaltung sind irreal-knallbunt. Die meisten Figuren haben eine Erkennungsfarbe, die ihre Welt dominiert – so tragen Vincent und Vivan bevorzugt ein klinisches Weiß, der frustrierte Ecki hingegen Lila, die Farbe der sexuellen Unzufriedenheit. So überspitzt und kunstvoll diese Ästhetik sein mag, sie steht nie dem Inhalt im Weg – sie unterstreicht ihn mit manischer Brillanz: Herzblut-Regisseur Lars Montag zelebriert sein Leinwanddebüt mit einem exzentrischen Cinemascope-Bilderreigen, der nicht die Realität der bissigen Beziehungswelt abbildet, sondern das Gefühl, das sie hinterlässt. Da ist ästhetische Theatralik nur angebracht.

Denn wie reizvoll wäre sie sonst, die Wirklichkeit? Stylisch gemeinte, doch deprimierend bemühte Isolationspartys, freches Sexting, bei dem die wahre Sehnsucht in gespielter Wollust untergeht, Fitnesscenter-Drills, um den Körper für die Partnerjagd zu optimieren: Alles, was der Film zeigt, ist in runtergebrochener Form alltäglich. Und das alles ist zu gewissem Grade Irrsinn, wenn man ehrlich ist. Sind es doch bloß Handwerkszeuge, um (vermeintlich) effektiver seine Rolle im Romantiktheater auszufüllen …


Mitleid
Erstmal in Lars Montags und Helmut Kraussers wilder Mixtur aus spinnennetzartigem Beziehungsgeflecht, kaleidoskopischer Gegenwartskarikatur und satirischer Bestandsaufnahme der desaströsen Lage der Zwischenmenschlichkeitsnation gefangen, kommt es zu einem kleinen Wunder. Einem Wunder namens Mitleidsregung: Einsamkeit und Sex und Mitleid hat sehr deutsche Archetypen. Und ist narrativ ein sehr undeutscher Film. Setzt er doch weder auf eine Dauerparade an leichtgängiger, zur Identifikation einladender (und seichter) Komik, um Empathie für seine Figuren zu erzeugen. Noch wird dem Publikum mit dem Holzhammer eingebläut, sich ja nicht wie die sich fehlverhaltenden Protagonisten zu geben, will man genüsslich sein Dasein fristen. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein Film voller Selbstsucht und über die Folgen mit ausgefahrenen Ellenbogen durchgeführter Selbstsuche – jedoch lehrt er ohne mahnenden Zeigefinger Empathie.

Dies gelingt, weil Einsamkeit und Sex und Mitleid ganz beiläufig eine einleuchtende, doch all zu leicht aus dem Sinn flüchtende Erkenntnis verfolgt: Jeder Mensch schlüpft in zahlreiche Rollen – und die Übergänge sind teils fließend, teils abrupt. Das werden sich nur wenige eingestehen wollen, trotzdem ist es eine schnell überprüfte Feststellung – der sich nicht nur Swentja Pfennig (Lilly Wiedemann) verwehrt. Sie sieht sich als Heldin ihrer modernen Teenie-Lovestory: Ihr begegnet ein heißer Araber, der sie lecken will, worauf sie sogar Bock hat – zumindest unter ihren Bedingungen. Für ihren dauerbetrübten Vater ist die mürrische Swentja dagegen ein weiterer Grund, Frust zu schieben – und was soll erst der hoffnungslos verliebte Johnny über Swentja sagen?

Auch die weiteren zentralen Figuren in Einsamkeit und Sex und Mitleid sind mal die Helden ihrer eigenen Geschichte, mal die Sidekicks oder Handlanger und dann auch mal die Schurken – vielleicht abgesehen von Maria Hofstätter als ranzige, krakeelende Mutter/Ehefrau Maschonjonka Pfenning. Aber selbst sie darf ihre verabscheuungswürdige Art aus völlig konträren Motivationen wachsen lassen – und mal berechtigt (aber übertrieben) Beamten ankeifen. Oder mal wieder den völlig unter ihrem Pantoffel stehenden Ehegatten kleinmachen, einfach, weil … Darum!

Diese sich verschiebenden Perspektiven, die bei Maschonjonka Pfenning noch überschaubare Auswirkung haben mögen, entfalten über die gesamte Filmlänge eine enorme Kraft. Montags Debüt lässt die schlichte Figurenzeichnung üblicher Großproduktionen zum Thema Beziehungsleben ebenso hinter sich, wie die stocksteife, sich und die Gesellschaft geißelnde Tonalität diverser Arthouse-Beziehungsanalysen, um dem Publikum einen widersprüchlichen, und daher so wirksamen und beschämend wirklichkeitsnahen, Wust an Charakterisierungen entgegenzuschleudern.

Und so kann es einem jeden Menschen im Saal mehrmals passieren, dass er im Hinterkopf seine aus einer Einzelsituation heraus gewonnene Sympathie für eine Figur eilig revidiert und fortan nicht mehr davon abrückt, weil ihre politische Ideologie klar wird. Oder dass eine gemeinhin gemochte Figur durch einen Nebensatz in einer anderen Handlung plötzlich für Ungesehenes verurteilt wird – aber auch nur dafür! Dieses Spiel mit dem Mitleid setzt sich in allen erdenklichen Konstellationen fort. So führt Einsamkeit und Sex und Mitleid meisterlich vor: Vermeintlich gute Menschen können Böses tun, wiederholt garstig handelnde Menschen können situativ bedingt sympathisch werden. Damit verpasst Lars Montag unserer Empathie ein Powertraining. Ein Powertraining, das dringend mal wieder nötig war.


Du. Ich. Fazit.
2013 brachte Frauke Finsterwalder mit ihrem Ensemblefilm Finsterworld eine fies-märchenhafte Momentaufnahme deutscher Obsessionen ins Kino. Vier Jahre später stellt Einsamkeit und Sex und Mitleid das perfekte Addendum dar: Lars Montags Romanadaption ist nicht ganz so abgrundtiefböse-gallig, sondern hat ein pochendes Herz. Es mag stark angeschlagen und blaumütig sein, trotzdem beseelt es diesen durchweg formidabel gespielten, wundervoll gestalteten Film, dessen Synapsen vor genresatirischem Kommentar und dramatisch-mitleidiger Beleuchtung moderner Beziehungsträume und -traumata nur so durchglühen. Wahrlich kein Film, den jedermann in den richtigen Hals kriegen wird – aber einer, der niemandem zu intensiv empfohlen werden kann!

Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ab dem 4. Mai 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.