Mittwoch, 12. Dezember 2018

Mary Poppins' Rückkehr


Der 1964 auf die Leinwand gezauberte Musicalfilm Mary Poppins ist einer der größten Klassiker im Disney-Pantheon. Die zeitlose, magische Geschichte eines fliegenden Kindermädchens wurde nicht nur vom Publikum geliebt, sondern stellte zudem mit 13 Oscar-Nominierungen den bis dato ungebrochenen Rekord für die meisten Academy-Award-Nennungen eines Disney-Films auf. Letztlich konnte sich der mit Zeichentrickelementen durchsetzte Realfilm fünf der begehrten Statuetten sichern. Eine Fortsetzung wurde noch unter der Aufsicht des Sequels gegenüber skeptischen Walt Disney angedacht, damals jedoch noch von Buchautorin P. L. Travers ausgebremst.

In der Ära nach Walt Disney wurde die Idee wiederholt zur Sprache gebracht, im September 2015 nahm das Vorhaben Mary Poppins' Rückkehr dank des Segens der Travers-Erben Gestalt an: Rob Marshall, John DeLuca und Marc E. Platt, das Produktionsteam hinter Into the Woods nahm sich der Herausforderung an, den filmischen Evergreen fortzuführen. Wenige Monate später erhielt Into the Woods-Hauptdarstellerin Emily Blunt den Zuschlag für die Titelrolle. Diese Castingentscheidung wusste viele bis dahin skeptische Liebhaberinnen und Liebhaber des Erstlings zu beruhigen. Aus gutem Grund, wie sich herausstellt. Denn Emily Blunt ist das wandelnde Glanzlicht dieses 130 Millionen Dollar teuren Disney-Unterfangens.

Was passiert?
London in den von der Wirtschaftskrise gerüttelten 1930er-Jahren: Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) sind längst erwachsen geworden und Michael lebt gemeinsam mit seinen eigenen drei Kindern (Pixie Davies, Nathanael Saleh und Joel Dawson) in seinem alten Elternhaus. Seine Schwester sowie die Haushälterin Ellen (Julie Walters) helfen dem kürzlich verwitweten Bruder dabei, sich um die Kinder zu kümmern und das knappe Haushaltsgeld im Auge zu behalten. Und dennoch hält es Familie Banks nur schlecht als recht zusammen. Als eines Tages die Bank mit zerrüttenden Nachrichten auf die Familie zukommt, dauert es nicht lange, bis Janes und Michaels früheres Kindermädchen Mary Poppins vom Himmel hinabfliegt und ihre Hilfe anbietet. Zusammen mit dem freundlichen Laternenanzünder Jack (Lin-Manuel Miranda) führt Mary Poppins die besorgten Banks-Sprösslinge in magische Abenteuer und greift der Familie auf ihre ganz eigene Art auch in größeren Angelegenheiten unter die Arme …


Was habe ich erwartet?
Ich war hinsichtlich Mary Poppins' Rückkehr in einer gleichermaßen skeptischen wie aufgeschlossenen Verfassung: Ich halte späte Fortsetzungen großer Kinomeilensteine nicht aus Prinzip für einen Affront und anders als bei diversen Kritikerkollegen hat Regisseur Rob Marshall bei mir einen Stein im Brett. Seine Annie-Verfilmung ist mir die liebste Version des Stoffs und Chicago liebe ich abgöttisch. Nine wirkt auf mich so, als schielten die Verantwortlichen etwas zu gezwungen auf die Möglichkeit, Preise zu gewinnen, und dennoch gefällt er mir sehr, Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten finde ich toll und Into the Woods ebenfalls.

Ihm habe ich also Vertrauen geschenkt, ich hätte mir viele wesentlich schlechtere Namen für den Regieposten einer neuen Mary Poppins-Filmgeschichte vorstellen können, und durch die Ankündigung, dass Emily Blunt in Julie Andrews' Fußstapfen treten wird, war ich prompt sehr neugierig gestimmt. Und dennoch haben mich sämtliche Trailer und Szenenbilder weitestgehend kalt gelassen. Also bin ich in meine Pressevorführung mit folgender Einstellung reingegangen: "Ich will ihn einfach nicht schlecht finden, und wenn er es unter meine Lieblinge des Jahres schafft, bin ich schon froh. Und für alles, was darüber hinausgeht, bin ich dankbar."


Wie hat er auf mich gewirkt?
Kurz gesagt: Frustrierend. Um das auszuführen: Nach einem verhaltenen Prolog hat sich Mary Poppins' Rückkehr zunächst für mich gesteigert und gesteigert, zwischendurch hatte mich der Film völlig um den Finger gewickelt. Ich dachte, er habe die Ehre sicher, mit riesigem Abstand meine liebste Disney-Produktion des Jahres zu werden, sofern er sich keine Fehltritte mehr leistet. Aber die Fehltritte sind eingetreten. Es kam zu einem radikalen Bruch und ich war zunehmend von Mary Poppins' Rückkehr enttäuscht, teils sogar genervt, so dass wir sogar einen Punkt erreicht hatten, an dem ich nur noch wollte, dass er möglichst bald vorbeigeht.

Wie es zu diesem rapiden Absturz in meiner Gunst kommen kann? Nun: Mary Poppins' Rückkehr beginnt wie eine bezaubernde Weitererzählung des unvergesslichen Walt-Disney-Klassikers. Die Fortsetzung findet einen tonal und inhaltlich stimmigen Anknüpfungspunkt, der gleichzeitig inhaltlich einen respektvollen Abstand zum Erstling sucht. Und inszenatorisch gelingt es Rob Marshall eingangs, sich so sehr an Robert Stevensons bezaubernd-studiohafte Bildsprache anzulehnen, dass sich Mary Poppins' Rückkehr visuell wirklich wie ein direkter Verwandter anfühlt, ohne dabei in banales Mimikry zu verfallen.

Aber dann verliert David Magees Drehbuch (dessen Story der Wenn Träume fliegen lernen-Autor gemeinsam mit Marshall und DeLuca verfasst hat) seine originäre Handlung aus den Augen und verrennt sich in eine sehr lose verknüpfte Abfolge von Humor-, Musik- sowie Tanzeinlagen, die kaum mehr sind als uninspirierte Nachahmungen ähnlicher Momente aus dem Originalfilm. Erst gegen Schluss besinnt sich Mary Poppins' Rückkehr erzählerisch wieder auf seine eigene Geschichte, die er nach dem zurückhaltend-nostalgischen, melancholisch-magischen Einstieg allerdings nach dem alten Sequel-Mantra "Größer, höher, lauter" beendet.

Oder um es bildlicher auszudrücken: Mary Poppins' Rückkehr ist der Comebackauftritt einer wundervollen Musikkombo, bei dem sie mit neuen Nummern verzaubert. Doch dann fallen alle Bandmitglieder von der Bühne, stürzen dabei auf den Kopf, vergessen, wer sie sind, bilden sich ein, sie wären eine schlechte Tribute-Band, schrammeln und trällern sich desorientiert ein paar müde Cover-Arrangements ihrer alten Hits zusammen und erst kurz vor Ende des Konzerts fällt ihnen ein, wer sie eigentlich sind. Doof nur, dass die Leute in der Pyrotechnik das nicht rechtzeitig schnallen und beschließen, das zwischendurch so abgeschmierte Konzert durch ein Übermaß an Rummel und Trubel in der Finalnummer "aufzuhübschen", so dass der letzte Eindruck eine Mischung aus Verzweiflung und Überkompensation ist.


Was hat mir gefallen?
An allererster Stelle: Emily Blunt, die als Mary Poppins einfach sensationell ist. Blunt ahmt nicht einfach Julie Andrews' Darbietung nach, sondern adaptiert den stolzen, eleganten Gestus, den Andrews dieser Rolle mitgegeben hat, mit ihren eigenen Mitteln. Blunt ist als Mary Poppins eine kleine Spur strenger, sie verteilt kühlere Blicke und hält im alltäglichen Umgang mit der Familie Banks länger die Mundwinkel steif. Doch dafür bezaubert es umso mehr, wenn ihre Augen vor Freude funkeln, etwa, wenn sich Mary Poppins rückwärts in eine Badewanne voller Abenteuer stürzt. Blunts Spiel ist zurückhaltend, und dennoch vibriert es vor Spielfreude und Magie – sie hätte jeden Preis verdient, den sie für Mary Poppins' Rückkehr in ihre Finger kriegen kann.

Außerdem mag ich die Story-Grundidee: Mary Poppins' Rückkehr verfolgt eine grundlegend reizvolle "Etwas Ähnliches passiert unter ganz anderen Umständen"-Sequelkonstellation, von der ausgehend Neues entstehen könnte. Im Erstling durften die Banks-Kinder ihre Kindheit nicht ausleben, weil ihr Vater zu streng mit ihnen war, da dieser vergessen hat, was Freude ist. Michael Banks ist derweil ein verständnisvollerer, warmherzigerer Vater, aber einer, der unter einer persönlichen sowie einer weltwirtschaftlichen Krise zu leiden hat, weswegen sich seine Kinder gezwungen fühlen, vorzeitig erwachsen zu werden. Eingangs sieht es auch so aus, als fände David Magee einen Weg, so das wohlige, familiäre Mary Poppins-Gefühl zu erwecken und seiner neuen Geschichte trotzdem eigene Impulse und Schwerpunkte zu verleihen.

Darüber hinaus ist, so lange die Geschichte in diesen Bahnen bleibt, Rob Marshalls Regieführung auf eine bezirzende Weise altmodisch, ohne je verstaubt zu wirken. Anders als in Chicago und Nine verzichtet er auf musikvideoartigen Schnitt, gleichwohl baut er Szenen nicht derart bühnenhaft wie in Into the Woods auf – Marshall schenkt den wundervollen, ausstaffierten Sets John Myhres großes Augenmerk und lässt mit seiner Bildsprache den Kostümen der lebenden Legende Sandy Powell (Cinderella) Raum, zu atmen und Wirkung zu entfalten. Dessen ungeachtet ist Mary Poppins' Rückkehr keine überfrachtete Ausstattungsschwelgerei, der Fokus der Szenerie liegt auf dem Zusammenspiel der Figuren. Und ich als alter Disney-Zeichentrick-Liebhaber genieße es natürlich riesig, wieder einen Disney-Film mit Zeichentrickpassagen auf der Leinwand sehen zu können. Statt einfach Mary Poppins zu kopieren, setzen die Hauptverantwortlichen (Ken Duncan und James Baxter) auf eine stärkere Stilisierung, die zudem inhaltlich gerechtfertigt wird. (Schade nur, dass zumindest ein paar Leute aus dem Hause Disney nicht angemessen über das Studio denken, das die Animation beigesteuert hat.)

In der Mischfilmsequenz, die Zeichentrick und Realfilmelemente vereint, lässt sich Mary Poppins zu einer Vaudeville-Nummer überreden, und die ist nicht nur sehr witzig: Während ihr tauscht Mary ihre klassische Frisur gegen einen Velma-Kelley-Bob ein und legt zudem einen, nennen wir es, disneyfizierten Chicago-Tanzstil hin. Es ist riskant, es ist gewagt, es ist eine kleine Anmaßung an das Disney-Heligtum Mary Poppins, es ist eine wissentlich-alberne Nummer, es ist eine Spur frivol und … ich liebe es. An dieser Stelle lehnt sich Mary Poppins' Rückkehr so weit aus dem Fenster heraus, dass ich vor Achtung, vor Respekt hinsichtlich dieses halsbrecherischen Balanceakts, so eine Richtung einzuschlagen und dennoch kindlich-magisch zu bleiben, vor Freude und vor Verwunderung bis über beide Ohren gegrinst habe. Und ich kann mir vorstellen, dass es der unter Disney-Fans aus genau diesem Grund polarisierendste Augenblick des Films sein wird.

Auch jene Teile des Scores aus der Feder Marc Shaiman, die behände alte und neue Lieder vereinen, haben mich angesprochen. Ansonsten sticht noch eines der ersten Lieder aus Mary Poppins' Rückkehr für mich positiv hervor: Can You Imagine That?, eine Nummer mit moderatem Tempo, die (vor allem aufgrund der sie begleitenden Szene) wie aus einem Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett-Remake entsprungen scheint, und in der Emily Blunt mit ihrem wundervollen Gesang ganz dezent gute Stimmung verbreitet. Doch selbst bei dieser Sequenz gibt es ein gigantisches "Aber ..."


Was hat mir missfallen?
Und nun: Tief einatmen.

Das Lied im Prolog, (Underneath the) Lovely London Sky, ist in meinen Ohren ein bisschen lahm, hat jedoch auch Charme, nicht zuletzt dank Lin-Manuel Mirandas freundlich-bengelhafte Darbietung. Dass er den Film erzählerisch nicht wirklich bereichert, wollte ich ihm eingangs noch verzeihen, allerdings zeigt sich nach und nach, wie wenig Interesse der Film generell daran hat, seine im ersten Akt etablierte Geschichte auszuarbeiten, so dass ich rückwirkend dem Song gegenüber kritischer eingestellt bin. Dann ließ mich Can You Imagine That? seufzen, weil diese Szene ein Schaulaufen mieser Computereffekte ist.

In diesem bis dahin so charmanten, adrett gestalteten Film tauchen wir plötzlich ab in eine wilde Attacke schlechten Compositings und halbgaren Shadings: Mary Poppins und die Banks-Kinder schwimmen und tauchen durch eine See wundersamer Eindrücke, die fast durchweg aus dem Computer stammen und kein Stück weit überzeugend zusammengefügt sind. Darüber hinaus sind die Trickelemente, wie etwa ein belebtes, gesunkenes Piratenschiff, in einem soften Fokus und weichen Licht gehalten, das so unwirklich wirkt, dass ich mir beim Anschauen unsicher war: "Ist diese Szene jetzt stilisiert oder ist es der völlig gescheiterte Versuch, das alles real wirken zu lassen?" Denn für eine stilisierte Sequenz haben die einzelnen Elemente einfach zu wenig künstlerische Kniffe aufzuweisen, gleichwohl ist die Sequenz für eine, die sich an magischem Realismus versucht, viel zu künstlich geraten. Aufgrund des Songs, Blunts Performance und die Fülle an bunt gemischten Eindrücken, an denen wir hier vorbei schippern, habe ich hier aber noch ein Auge zugedrückt.

Ernsthafte Risse machen sich Mary Poppins' Rückkehr dann aber in der großen Tricksequenz bemerkbar: Förmlich aus dem Nichts stürzt sich der Film in eine dramaturgisch forcierte Actionsequenz, in der wir einem lächerlich motivierten Überraschungsschurken hinterherjagen, der eine fadenscheinige Trickwelt-Kopie einer Figur aus den London-Sequenzen darstellt. Es passt tonal nicht, es übersimplifiziert für die Dauer eine Szene, welche originellen, magisch-pädagogischen Kniffe Mary Poppins bei den Kindern anwendet (es sei denn, man liest die Szene als großes Missgeschick, was wiederum dem Drehbuch grobschlächtige Züge verleiht) und leider finde ich die Actionpassage auch nicht mitreißend inszeniert, da sich Marshall hier sehr auf Schuss-Gegenschuss-Konstruktionen verlässt.

Ein sehr einfühlsames, ruhiges Lied, emotional quasi das Feed the Birds (Tuppence a Bag) dieses Films, selbst wenn es inhaltlich eine andere Funktion hat, bringt Mary Poppins' Rückkehr noch einmal zurück in die Spur. Die Melodie ist mir zwar nicht in Erinnerung geblieben, die Szene selbst ist jedoch mit Feingefühl gespielt und inszeniert. Und leider ist sie das vorerst letzte Lebenszeichen von Mary Poppins' Rückkehr, der bezaubernden Fortsetzung des Disney-Meilensteins aus dem Jahr 1964. Denn von da an befinden wir uns plötzlich in einem unbeseelten Mary Poppins-Remake, das maschinenhaft Beats und Setpieces aus dem Original kopiert, doch ohne deren Zauber.

Blunt bleibt weiterhin überragend, aber dadurch, wie ideenlos bis verzweifelt das Drehbuch die bisher eingeschlagene, neue Geschichte in alte Bahnen lenkt, wird die Ambition des restlichen Films massiv gedrosselt. Einzelne Dialogzeilen lassen die anfänglichen Konflikte und Themen zwar wieder aufleben, in der Umsetzung geht deren Wirkung jedoch völlig verloren, so dass Emily Mortimer und Ben Whishaw aus dem charmanten Anfang kaum noch schröpfen können und letztlich völlig verblassen, während sich die neuen Banks-Kinder zunehmen wie Kopien ihres Vaters und ihrer Tante zu Mary Poppins-Zeiten verhalten.

Ohne den narrativen Zusammenhalt, ganz egal wie unterschwellig er schon im Erstling gewesen sein mag, wird der Rest des Films zur Nummernrevue. Und deren Elemente lassen den ungezwungenen Zauber des ersten Films missen: Lin-Manuel Miranda, dessen Jack schon von Beginn an rein funktional ein auffälliger Ersatz für den Pflastermaler, Musiker und Schornsteinfeger Bert ist, verhält sich nun auch zunehmend wie Bert, weswegen Mirandas Darbietung den Funken Eigenständigkeit verliert, den sie zu Filmbeginn noch hatte. Das äußert sich insbesondere während der völlig unbeseelten Musiknummer Trip a Little Light Fantastic, die nichts weiteres ist als eine überflüssige Step in Time-Kopie inklusive starrer Bildsprache und einigen Fahrradstunts, die eher in einen augenzwinkernd-überdrehten Kenny-Ortega-Film passen würden als in diesen.

Richtig dreist und seelenlos ist jedoch die zuvor abgehaltene Musicaleinlage Turning Turtle geraten. Nach dem Motto "In Mary Poppins haben wir einen seltsamen Verwandten getroffen, der beim Lachen an die Decke steigt, also müssen wir erneut seltsame Verwandtschaft treffen, bei der sich eigenartige Dinge abspielen" forcieren die Filmemacher einen Gastauftritt der begnadeten Meryl Streep. Sie spielt mit gigantischem, anstrengenden osteuropäischen Akzent und so dick chargierend, wie Streep es nie zuvor getan hat, Mary Poppins' Cousine, deren Welt sich an bestimmten Tagen auf den Kopf stellt. Streep ist anstrengend und das Lied völlig witzlos, weil es uns über vier Minuten lang die immergleiche Feststellung entgegen lärmt. Das Pendant aus dem ersten Teil dagegen hat auch Wert darauf gelegt, mit Eigenheiten der Figuren zu bezirzen. Und dann ist die Szene zudem viel steifer gefilmt, als es der Songtext suggerieren würde. Es ist so, als würde sich Marshall in diesem durch und durch uneigenständigen Teil des Films von Skript und Story in seiner Kreativität drosseln lassen. Die Haltung "Bloß nicht zu sehr von Mary Poppins entfernen" legt ihn in stilistische Fesseln, die er zuvor nicht hatte - zuvor hatte er schlicht das Original im Hintersinn, während er etwas ähnliches, aber eigenes versucht hat.

Wenn sich Mary Poppins' Rückkehr auf die eigentliche Geschichte zurückbesinnt, bleibt dennoch dieser bittere Nachgeschmack, dass aus einer Fortsetzung mit eigener Identität ein schaler Neuaufguss geworden ist. Die inneren Konflikte der Banks-Familie münden in einen äußeren Konflikt, der den Film wieder eng an den Vorgänger drängt. Gemeint ist ein Handlungsfaden rund um einen amüsierten, aber weit über Gebühr cartoonigen Colin Firth als früheren Arbeitskollegen von George Banks verliert von Szene zu Szene an originärer Dynamik. Die für mich schlechteste Szene ist allerdings der Song Nowhere To Go But Up, die eine süße, wenngleich verkrampft den ersten Film kopierende Grundidee nimmt und so lange noch einen drauf setzt, bis es die Grenze zur ungewollten Persiflage überschritten hat. Es ist für mich das Anti-Let It Go: Während Elsas Powersong im Alleingang Die Eiskönigin – Völlig unverfroren aufwertet, degradiert Nowhere To Go But Up als Song und vor allem als Szene den gesamten Film in meinen Augen massiv und hat mich erst so richtig auf störende Faktoren in vorherigen Momenten hingewiesen.


Was nun?
Emily Blunt sollte für Mary Poppins' Rückkehr mit Schauspielpreisen überschüttet werden, auch Kostümdesignerin Sandy Powell hat für ihre Leistung Auszeichnungen verdient. Eine Academy-Award-Nominierung für John Myhre würde mich nicht stören, und hätte Disney Can You Imagine That? zur Nominierung eingereicht, würde ich dem Lied eine Nennung im Oscar-Rennen gönnen. Mit diesen großen Pluspunkten für Mary Poppins' Rückkehr tu ich mich schwer, Disney-, Musical- und Emily-Blunt-Fans von einem Kinobesuch abzuraten: So sehr mich der Film auch frustriert und geärgert hat, bin ich froh, Powells Kostüme und Blunts Darbietung auf der großen Leinwand gesehen zu haben.

Aber ich bin generell ein Vertreter der "Im Zweifel: Lieber selber im Kino vom Film überzeugen"-Fraktion. Nur sagt mir danach nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Denn Mary Poppins' Rückkehr ist abseits seiner unerwarteten, kurzen Nummer im Chicago-Stil dermaßen darauf bedacht, nichts zu tun, das sich mit der Tonalität des Originalfilms beißen könnte, dass er seine anfänglichen, nostalgisch-bittersüßen Anklänge auf enervierende Weise mit abgestumpfter Imitation des Erstlings hinfort spült. Traurig.

Mary Poppins' Rückkehr ist ab dem 20. Dezember 2018 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 23. November 2018

Hell or High Water


Taylor Sheridan ist ein Name, den sich Filmliebhaber merken sollten. Nach einer TV-Schauspielkarriere, die unter anderem Veronica Mars und Sons of Anarchy umfasst, startete Sheridan als Drehbuchautor durch – und lieferte mit dem nach intensiver Recherche entstandenen Sicario prompt einen Kracher ab. Der von Denis Villeneuve inszenierte Thriller nutzte eine unter die Haut gehende, schleichend intensiver werdende Geschichte über den Kampf gegen die mexikanischen Drogenkartelle, um ein doppelbödiges moralisches Bild zu skizzieren.

Mit Hell or High Water, dem mehrfach für wichtige Filmpreise nominierten, zweiten Film nach einem Sheridan-Skript, erwartet das geneigte Publikum eine Story mit nicht ganz so stark reduzierten Dialogen und subtil brodelnder Suspense. Stattdessen ist dieser Neo-Western-Krimi mit seinem pechschwarzen, staubtrockenen Humor eine Art "No Country for Old Men light". Die von David Mackenzie (Perfect Sense) in Szene gesetzte Story ist nicht ganz so abstrus, nicht ganz so grimmig, nicht ganz so kryptisch wie der Coen-Brüder-Geniestreich aus dem Jahr 2007. Dafür ist Hell or High Water einen Hauch zugänglicher und geradliniger. Nicht zuletzt deshalb, weil die ihn an No Country for Old Men erinnern lassenden Beobachtungen über texanische Eigenheiten, das dort schleichende Eintreffen der Moderne und den Überlebenskampf der alten Garde hier nur als kleine, pointierte Randbemerkungen daherkommen.

Hauptsächlich ist Hell or High Water schlicht die Geschichte zweier Brüder (Chris Pine und Ben Foster), die eine Bank nach der anderen ausrauben, und des gemächlichen Texas-Ranger-Duos (Jeff Bridges & Gil Birmingham), das ihnen nachjagt. Der zentrale Part kommt dabei dem Bankräuber-Brüdergespann zu. Zwar ist es ungeheuerlich ermüdend, wie oft in den Dialogen zwischen ihnen betont wird, dass sie ja Brüder sind (als würden Sheridan und Mackenzie dem Zuschauer nicht zutrauen, das nach der zwölften Erwähnung endlich verinnerlicht zu haben), dennoch ist die Leinwandchemie zwischen Foster und Pine bestechend: Durch Blicke, Gesten und ihre Stimmlage suggerieren sie eine komplexe, emotional widersprüchliche Vergangenheit zwischen ihren Rollen, ohne dass diese explizit ausgesprochen werden muss.

Es wird früh deutlich, dass sie gänzlich unterschiedliche Menschen sind, die daher auch öfters Meinungsdifferenzen gehabt haben müssen, die nun aber aus einem wehmütigen Grund gemeinsam einen Rachefeldzug gegen eine raffgierige Bankengruppe durchziehen. Pine ist dabei der besonnenere Part, während Foster als zuweilen unberechenbarer Adrenalinjunkie mimisch auf die Kacke haut – gerade noch so sehr, dass es in diese sonnengegerbte, staubig-raue Filmwelt passt und nicht in cartoonige Gefilde umkippt. Jeff Bridges wiederum nuschelt sich mit gewaltiger "Mir doch alles scheißegal"-Haltung durch seine Szenen, die in der ersten Hälfte zu den weniger interessanten Aspekten der Handlung zählen.

Als kurz vor der Rente stehender Texas Ranger, der streng nach alter Schule vorgeht und die Ermittlungen behutsam ausbremst, um seinen Ruhestand hinauszuzögern, wirkt Bridges‘ Rolle am Reißbrett entworfen. Das trockene Geplänkel mit seinem Partner und die gewitzt texanisches Lokalkolorit zeigenden Zwischenstationen bei dieser Bankräubersuche machen diese Szenen dennoch amüsant genug, um nicht als Bremsklötze dieses Neo-Westerns daherzukommen. Trotzdem sind es erst spätere Szenen, in denen die dramaturgische Fallhöhe steigt, die diesem Handlungsfaden den nötigen Schuss zu geben, um mit Pine/Foster mitzuhalten.

Von Giles Nuttgens (Dom Hemingway) in routinierten Landschaftspanoramen des weitläufigen US-Bundesstaates eingefangen und mit einem schneidenden, krachenden Soundmix versehen, ist Hell or High Water schlussendlich ein handwerklich bemerkenswerter, dennoch wenig spektakulärer Genrevertreter. Als leicht verdaulicher, jüngerer No County for Old Men-Bruder im Geiste und Wegzehrung bis zur Sicario-Fortsetzung wird die dramatische sowie schwarzhumorige Gangsterposse Genrefans zufriedenstellen – doch Gelegenheitskinogänger sollten der zahlreichen Awards-Nominierungen zum Trotz nicht denken, dass hier ein Ausnahmefilm auf sie wartet.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Gesang, Zombies, Spaß: "Anna und die Apokalypse"


Ganz gleich, ob man die High School Musical-Filme mag oder nicht: Es ist äußerst faszinierend, wie sie das Gesicht der Disney Channel Original Movies nachhaltig verändert haben. Zuvor bediente der Sender mit seinen Film-Eigenproduktionen eine gewisse Bandbreite. Von Sportkomödien über geradlinige Familienkomödien hin zu übernatürlichen Familiengeschichten. Der Humor in den Disney Channel Original Movies konnte überdreht sein oder beiläufig, slapstickhaft oder sitcomähnlich, gediegen oder flippig. Seit High School Musical hat der Disney Channel jedoch seine Nische gefunden. Innerhalb des Disney-Konzerns. Und innerhalb des Angebots an kinder-, jugend- und familienorientierten Fernsehfilmen. Seit High School Musical dominiert der Camp im Disney Channel. Fernsehfilme des Disney Channels, die sich ernst nehmen, sind nunmehr eine Rarität. Ein tüchtiger Schuss Ironie ist mittlerweile Pflicht, es wird süffisant dem Publikum entgegen gezwinkert, alles ist eine Spur überdreht und zuckrig-fabulös stilisiert. Und der Disney Channel wird campiger und campiger.

Der erste High School Musical-Teil ist über längere Strecken noch ganz schlicht ein typischer Fernsehfamilienfilm, bloß als halbwegs verschüchtertes Musical, das nicht ganz zu seiner Identität steht. Es versteckt mehrere Gesangsszenen in einer "weltlichen" Logik - es wird Karaoke gesungen, für ein Stück geprobt und vorgesungen. Doch dann bricht immer wieder Kenny Ortegas Stil aus. Der Hocus Pocus-Regisseur wählt Farben, die knallen, er lässt es glitzern und lässt Ashley Tisdale und Lucas Grabeel grinsend von der Leine. Nun vergleiche man das mit dem knalligen, ironisch jubilierenden Teen Beach Movie. Und den vergleiche man mit dem wahnsinnig bunten, hibbeligen, stolz-durchgedrehten Descandents 2. Aber selbst das Teenie-Beinahe-Schurken-Fantasy-Coming-of-Age-Musical verblasst im direkten Vergleich mit Z-O-M-B-I-E-S.


Dieses "Zombeau und Julia"-Musical, das die pastellfarbene Menschenwelt und die Industrial-Grunge-Look-Zombiewelt kollidieren lässt, erzählt von einer verbotenen Liebe, institutionalisiertem Rassismus sowie von Cheerleading und Football. All dies in altmodischen (wenngleich verdisneychannelten) Musicalklängen und disneyfiziertem Dubstep-Rap-Clash. All dies bereichert durch ständige Brüche der vierten Wand und völlig überdrehte, glücklich-grimassierende Performances. Dieser Film badet in augenzwinkernder Albernheit, quirlig vermittelter Selbstironie und Zuckerwatte-Camp. Es ist auf wundervolle, gewollte Weise bescheuert. Es. Ist. Großartig!

Und in einer Welt, in der Disney ein derart hart an Selbstparodie grenzendes, knalliges Zombie-Liebesmusical veröffentlicht ... In solch einem filmischen Klima ... Erscheint natürlich ... Ein schottisches, blutiges Weihnachts-High-School-Zombie-Musical! Und dieses schottische, blutige Weihnachts-High-School-Zombie-Musical ist natürlich ... herzlicher, ehrlicher und ungekünstelter als der Disney-Film?! Was?!

Richtig gelesen. Auf dem Fantastic Fest von euphorischem Publikums- und Kritikerecho entgegen genommen und auf dem Fantasy Filmfest 2018 als feierlicher Abschlussfilm zelebriert, ist Anna und die Apokalypse das parallel zu Z-O-M-B-I-E-S entwickelte, blutigere sowie gefühlvollere, geradlinige Pendant zum irren, campigen Disney-Channel-Zombiemusical. Die auf einem Kurzfilm basierende, schottische Indie-Produktion wird in ihrem Trailer trashiger verkauft als sie ist. Denn was wie eine durchgeknallte, subversive Parodie anmutet, ist in Wahrheit … Naja, noch immer subversiv. Aber John McPhails Regiearbeit bewahrt sich dabei ein großes Herz und strahlt allem Zombie-Splatter zum Trotz dort eine wohlige Glühwein-Wärme aus, wo Disneys Z-O-M-B-I-E-S mit ironischer Distanziertheit auftrumpft. Irre, oder?


Anna und die Apokalypse ist womöglich die Überraschung des Kinojahres 2018, ein erzählerisches Wunderwerk, das eine unglaublich schwierige Tonfall-Choreografie meistert, als wäre es das Leichteste auf der Welt. Es ist ein High-School-Musicalfilm, der zur Weihnachtszeit spielt, und von den typischen Konflikten solcher Filme erzählt. Titelheldin Anna (Ella Hunt) will gegen den Wunsch ihres geliebten, aber störrischen Vaters nach der High School das College erst einmal warten lassen und die Welt bereisen. Ihr bester Freund John (Malcolm Cumming) ist heimlich in sie verliebt und sorgt sich, ob er beim kunstaffinen College seiner Wahl angenommen wird. Annas und Johns sich aus dem schulischen, sozialen Geschehen zumeist raushaltende Mitschülerin Steph (Sarah Swire) wiederum plant einen Enthüllungsartikel für den Schulblog, wird allerdings vom strengen Schulleiter Savage (Paul Kaye) ausgebremst. Und Annas Ex Nick (Ben Wiggins) wird von Tag zu Tag arroganter und vorlauter – und wundert sich dann noch, weshalb die Beziehung mit Anna in die Brüche ging. Nur Film-Geek Chris (Christopher Leveaux) und seine Freundin, die dick auftragende, aber gutherzige Schauspielerin/Sängerin Lisa (Marli Siu) haben keinen Grund zum Klagen. Jedenfalls, bis Chris einen wichtigen Termin versäumt …

Nach einem Drehbuch von Alan McDonald und Ryan McHenry spielt Regisseur John McPhail dies zunächst weitestgehend wie eine normale High-School-Musicalkomödie aus. Er trägt hier und da für ein paar Augenblicke etwas dicker auf, um so das subversive Element vorzeitig einzuführen, trotzdem nimmt er die Schulfreuden und Schulleiden für bare Münze, statt sie zu persiflieren oder Kenny-Ortega-Camp aus ihnen zu spinnen. Und dann bricht in eben dieser gutherzigen, musikalischen Weihnachtskomödie plötzlich ein Zombiefilm aus, der sich in groben Pinselstrichen den Gesetzen George A. Romeros unterwirft. Oder ist Anna und die Apokalypse ein Zombiefilm, der immer wieder in Gesang ausbricht und sich mehrmals grobe Späße erlaubt?

So oder so: McPhail lässt mit Anlauf zwei Filmgattungen kollidieren, die nicht zusammengehören – und lässt das auf magische Art und Weise harmonisch funktionieren. Wo sich der Disney Channel bei Z-O-M-B-I-E-S in Camp, Sarkasmus und Dauerüberzeichnung flüchtet, wagt es McPhail, beiden Genres mit Respekt und Geradlinigkeit zu begegnen. Und dennoch gelingt es ihm, dem Publikum das zu liefern, was es bei solch einem Genreclash erwartet, und zieht aus der riesigen Diskrepanz zwischen Weihnachts-Schulkomödienmusical und Zombieapokalypse jede Menge Humor. Das klingt nahezu unmöglich, und dennoch gelingt Anna und die Apokalypse das mit der beschwingten Leichtigkeit eines verliebt singenden, hopsfidelen Teenies.

Dies ist unter anderem den fantastischen Liedern von Roddy Hart und Tommy Reilly zu verdanken. Wirklich jeder Song in Anna und die Apokalypse ist ein Volltreffer – sie sind poppig-lebhaft und dabei "showtune-iger" als die meisten, elektronisch aufgepeppten Disney-Channel-Filmlieder der Post-High School Musical-Ära. Paradebeispiel dafür ist der resignierende, gleichzeitig zum Mitwippen einladende Ohrwurm Hollywood Ending, der auf begnadete Weise ausdrückt, wie desillusioniert die zentralen Figuren sind, dabei eine vitale Energie beibehält und kurz nach einem Disney-Seitenhieb mal eben, völlig ironiefrei, Teile der Stick To The Status Quo-Choreografie aus High School Musical kopiert. Dekonstruktion und Hommage in einem – und das in einem herzlich-ehrlichen, munteren Tonfall – wow, einfach nur wow.


Kurz ins Parodistische wagt sich derweil eine mit Doppeldeutigkeiten vollgestopfte Weihnachtsnummer, die Lisa auf der Schulfeier singt und die selbst den "Wir singen über das Hochschlafen"-Geschwistern Sharpay und Ryan Evans die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Ein späterer Song lässt unterdessen den Anti-Helden Nick rockig von seinen Zombie-Abmetzel-Künsten prahlen, und natürlich gibt es auch einen ikonischen Schurkensong. Diese und auch die anderen Lieder in Anna und die Apokalypse haben eine verspielte, elegante Choerografie gemein, für die Nebendarstellerin Sarah Swire zuständig war. Swire gibt auch vor der Kamera eine großartige Leistung ab – als sozial engagierte, verschlossene Jungjournalistin Steph bringt sie obendrein Witz und Power mit sich, und sobald die Zombiekacke so richtig dampft, changiert sie auf mitreißende Weise zwischen verängstigt und vom Adrenalinrausch des Überlebenskampfes angetrieben.


Mindestens genauso stark ist Hauptdarstellerin Ella Hunt, die Anna leinwandfüllendes Charisma mitgibt. Die archetypischen Storyentwicklungen, die Anna und die Apokalypse in all seinen Genres durchmacht, übermittelt sie mit solcher Treffsicherheit, dass die Gags genauso gut sitzen wie die emotionalen Beats. Marli Siu wiederum wirkt in ihrer Rolle so, als sei Anne Hathaway zu Plötzlich Prinzessin-Zeiten von Ashley Tisdale als Sharpay Evans besessen worden. Und aus dem durch und durch soliden Cast an männlichen Darstellern sticht Paul Kaye als genüsslich-diabolischer Schulleiter denkbar hervor.

Aufgrund der überzeugenden Schauspielleistungen des gesamten Ensembles und McPhails begnadeter tonaler Orchestrierung sind die Sprünge von Weihnachts-Schulmusical zu Zombiefilm gleichzeitig packend und spaßig. Wenn Anna und John bei ihrer musikalischen Morgenroutine die um sie herum stattfindende Zombieplage ignorieren, ist das genauso komisch, wie die verkaterte Variante des Ganzen in Edgar Wrights Shaun of the Dead. Und die ersten Kampfsequenzen der schockiert-genervten Hauptfiguren gegen die Horde an Untoten sind in ihrer literweise Blut verschüttenden Deutlichkeit genauso lustig. Wenn McPhail dann aber zügige, einfallsreiche Slapstick-Action gegen ruhiger erzähltes Vor-den-Zombies-verstecken austauscht, und die Figuren um ihr Leben bangen, lässt er mit einem Fingerschnippen Suspense entstehen. Man will mit Anna und Co. lachen, kann das auch oft – und umso mehr fiebert man mit ihnen mit, wenn aus Absurdität wieder Ernst wird.

Hinzu kommen Ryan Clachries farbenfrohe Kulissen und Fi Morrisons Kostüme, die subtil den Charakter jeder Figur unterstreichen, sowie Sara Deanes das Geschehen mit scharfem Auge einfangende Kameraarbeit. Manche Außenaufnahmen weisen zwar einen künstlichen, leicht überbelichteten Glanz auf, doch die Dynamik, mit der sich die Bildsprache unterschwellig an den gerade vorherrschenden Tonfall anpasst, macht dies mehr als wett. Selbiges gilt für Mark Hermidas Schnitt, der den Witz überbordender Slapstick-Splatterei genauso zu unterstreichen weiß wie die Herzlichkeit der ruhigeren Momente.


Alles in allem ist Anna und die Apokalypse ein Feel-Good-Be-Shocked-Musical, das mit grundehrlichem Gemüt einen subversiven, schmalen Genregrat entlang tanzt und seinem Publikum sogleich mehrere potentielle Stars von morgen in denkwürdigen Rollen präsentiert. Die Gags sind urkomisch, die Lieder mal schön, mal cool, aber immer einprägsam und die Referenzen auf filmische Vorbilder sind pfiffig, aber nie aufdringlich. Kurzum: Anna und die Apokalypse ist ein Geniestreich von einem Genremix und einer der besten Filme des Jahres.

Und nun ist Geduld angesagt: Anna und die Apokalypse startet am 6. Dezember 2018 in den Kinos.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Resident Evil: The Final Chapter


Die umstrittene Resident Evil-Filmreihe meldet sich ein letztes Mal zurück. Und zu gewissem Grade wird sich bei Resident Evil: The Final Chapter kaum etwas ändern: Fans der Videospielreihe wird es aufregen, dass Paul W.S. Anderson (seines Zeichens Regisseur, Autor, Produzent sowie Ehegatte der Hauptdarstellerin) aus einer Survival-Horror-Game-Marke eine Sci-Fi-Actionhorror-Kinosaga formt. Filmliebhaber, die in jedem Genre gehobene Ansprüche an die Narrative und Charakterzeichnung stellen, werden genervt die Augen rollen. Und Freunde von Sci-Fi-Actionhorrorstreifen, ganz gleich ob Underworld oder nun einmal Resident Evil, werden dennoch einen Blick riskieren.

Ähnlich wie bei Underworld: Blood Wars erwartet Genrefans nach einem besonders actiongeladenen Vorgänger beim neusten Part allerdings eine böse Überraschung in Form eines vollauf lahmen Films. War es beim Kampf „Vampire gegen Lykaner“ so, dass schleppende Dialoge jegliche Energie aus dem Film saugen, verliert der sechste Kinoeinsatz der agilen Zombiebekämpferin Alice seinen Drive durch eine nahezu inkompetente Schnittarbeit. Anderson lässt seinen Cutter Doobie White (Gamer) sämtliche Actionszenen in einer so hohen Frequenz ohne jeglichen Rhythmus schneiden, dass sich die Kampfchoreografie nicht einmal mehr erahnen lässt, geschweige denn in aller Fülle genießen. Während Resident Evil: Retribution zumindest in den Actionszenen ein visuelles Fest darstellt, ist Resident Evil: The Last Chapter hektischer als ein Mix aus Ein Quantum Trost und Jason Bourne, der in einen Kessel voll Energy Drink gefallen ist.

Verquickt mit einer ungeheuerlich schattigen Ausleuchtung, dunklen Farbfiltereffekten und der zumeist sehr nah an den Darstellern verorteten Kameraarbeit Glen MacPhersons (Pompeii 3D) verkommt ein Großteil der Kämpfe zu reinen Lärmattacken, während auf der Leinwand respektive auf dem Bildschirm Lichter flackern. Und was die Handlung anbelangt, ist der wenige Wochen nach dem Vorgänger spielende Film gewohnt schlicht gehalten:

Nachdem Alice (souverän: Milla Jovovich) vom Umbrella-Corporation-Firmenchef Wesker (Shawn Roberts) hinters Licht geführt wurde, droht der Menschheit der endgültige Untergang durch die rapide um sich greifende Zombieseuche. Alice kämpft sich zurück nach Racoon City, dem Ort, wo alles begann und wo laut dem Computersystem Red Queen ein Gegenmittel zu finden ist. Die Red Queen war früher jedoch eine Kontrahentin – kann ihr Alice nun also wirklich vertrauen? Zusammen mit neuen Bekannten (darunter eine verschenkte Ruby Rose) und alten Verbündeten (wie etwa eine solide agierende Ali Larter) lässt sie es drauf ankommen …

Tonal ist Resident Evil: The Final Chapter ein Zwischending aus bisherigen Filmen dieses Franchises. Wenn Alice durch eine verlassene Wüstenlandschaft wandert (Resident Evil: Extinction lässt grüßen), erzeugt Anderson eine leichte Endzeithorror-Atmosphäre und setzt auf vereinzelte Jumpscares. Später greift er hingegen Elemente aus Teil vier und fünf erneut auf und liefert vor allem nüchterne Action, in den letzten Minuten kehrt dann sogar etwas Humor zurück – aber nicht genug, um nach der zerschnittenen, somit unfassbar monotonen Action für Wiedergutmachung zu sorgen.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Oliver Masucci: 'Bei Kunst zählt die Idee'

Ich habe mit Schauspieler Oliver Masucci über Werk ohne Autor, die Arbeitsweise von Regisseur und Autor Florian Henckel von Donnersmarck sowie unschäne Floskeln gesprochen.

Ich mutmaße, dass sich der Großteil des Diskurses rund um Werk ohne Autor auf die Geschichtsverarbeitung Deutschlands beziehen wird. Aber eine Szene, die mir sehr imponiert hat, ist die Museumsführung direkt zu Beginn. Indirekt zeigt sie auf, welch deutsches Unding die oft im harmlosen Scherz gesagten Sprüche "Ist das Kunst oder kann das weg?" und "Also, das hätte ein fünfjähriges Kind auch malen können!" sind ...
Es ist furchtbar! Es ist grauenhaft! "Das kann ich auch" gehört genauso zu solchen schlimmen Sätzen. Bei Kunst zählt die Idee, die ist das interessante. Das Herstellen am Ende ist nur sekundär. Es ist mir egal, wenn jemand denkt, sein kleines Kind könnte technisch dasselbe abstrakte Bild herstellen – es würde in kaum einem Fall auf dieselbe Idee kommen! Die Idee steht in der Kunst über dem Herstellungsprozess, die Idee muss daher entlohnt werden – was manch einer aber nicht begreifen will. Damit bekommen wir dann solche Sätze zu hören wie: "Ja, wenn ich die Idee gehabt hätte, hätte ich das genau so machen können …" Aber man hat die Idee nicht gehabt, das ist ja der Punkt! Da herrscht so eine Begriffsstutzigkeit vor, bei manchen Menschen, das ist zum Haare raufen.

Wenn man mal überlegt, wie Beuys, an den meine Figur in Werk ohne Autor angelehnt ist, die Nation gespalten hat, bloß weil er einen Hut getragen hat. Er wurde dadurch zu einem Hüter, oder für manche zum Verräter, des Menschseins, des Kunstprozesses und des Kunstverständnisses, und das zu großem Teil allein dadurch, dass manche Leute ihn partout nicht verstehen wollten. Man kann mir nicht sagen, dass die Leute Beuys nicht verstehen konnten – sie wollten ihn nicht verstehen! Allein, weil er einen Hut getragen hat. Durch so etwas kann man unsere Nation spalten! Das finde ich irre!

Erst recht, wenn man bedenkt, was er dann letztlich trotz dieser Kontroversen uns hinterlassen hat: Erst kürzlich bin ich in Kassel mit dem Auto an den Bäumen vorbeigefahren, die er gepflanzt hat – die sind zu einer richtigen Allee herangewachsen. Das ist ein landschaftliches Kunstwerk, das über seinen Tod hinaus Bestand hat und noch immer weiter wächst. Das ist absoluter Wahnsinn, mir sind die Tränen gekommen, als ich das gesehen habe. Aber was hat die 'Bild'-Zeitung geschrieben, als Beuys gestorben ist? "Deutschlands größter Scharlatan ist tot." Das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Zeit war, in der er agiert hat und sich zerschlissen hatte. Beuys meinte ja: Der Mensch muss am Ende seines Lebens zerschlissen sein, denn wenn er in gutem Zustand stirbt, wäre das tragisch, eine Verschwendung. Wenn ein zerschlissener Mensch stirbt, habe es dagegen einen Sinn. Dann hat er sich aufgebraucht, für die Menschen um sich herum und für die Kunst. Und so einen klugen, einsichtigen Menschen nannte man damals Scharlatan …

Wo liegen denn Ihre persönlichen Vorlieben in der Kunst? In der Aktionskunst wie der von Beuys, in der abstrakten oder doch eher in der naturalistischen Malerei, oder, oder ..?
Mein Kunstlehrer war Beuys-Schüler, und daher habe ich viel über Fluxus und Happenings gelernt – und ich denke, das hat meinen Blick auf Kunst schon stark beeinflusst. Und dann war auch noch der Vater meiner ersten Freundin ein Künstler, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe. Er war ebenfalls Beuys-Schüler, und wir haben zusammen ein Pergament bemalt, das wir daraufhin dreidimensional als Plastik gestaltet haben.

Ich habe auch danach mit einigen Künstlern zusammengearbeitet. Ich habe zum Beispiel mit Erwin Wurm einige One Minute Sculptures gemacht und auch eine Wortskulptur in Salzburg, wozu er einen kunsttheoretischen Text geschrieben hat, den wir in der Skulptur ausgedrückt haben. Wir haben ihn auf einer Ausstellung aber auch vorgetragen, was eine sehr interessante Erfahrung für mich war, weil Ausstellungspublikum komplett anders reagiert als Theaterpublikum.

Ich habe immer gerne mit diesem Schlag von Leuten zu tun. Ich betrachte auch die Schauspielerei als Kunst. Das geht für mich alles Hand in Hand. Und es ist stets schön, Impulse zwischen den Künsten auszutauschen, denn schauspieltechnisch können wir das, was in einer Aktionskunst von jemandem wie Marina Abramovic steckt, gar nicht erfassen. Doch die Gefühle, die bei mir entstehen, wenn etwa Abramovic auf der Chinesischen Mauer auf ihren Mann zuläuft, um sich danach von ihm zu trennen, nehme ich oft in mein Schauspiel mit.

Ich nehme mir nicht vor "Ich mache das jetzt so oder so", sondern ich nehme diese Eindrücke als Fundament für mein Gemüt und spiele dann drauf los. Ich halte das für ergiebiger als das große Theoretisieren meines Schauspiels, denn so kann ich einen fremden Erfahrungsschatz zumindest zu einem Teil für mich vereinnahmen, was die Bandbreite der Rollen, die ich mir zutraue, enorm erweitert. Ich muss mich so nicht auf einen Satz oder ein Wort aus dem Skript verlassen, sondern kann mich von der Kunst beflügeln lassen.

Wie ist Ihr Eindruck von Florian Henckel von Donnersmarck als Regisseur? Gehört er zu den Regisseuren, die ihr Ensemble an der langen Leine lassen? Oder hat er eine sehr konkrete Vision, die er seinen Darstellern einflößt?
Ganz klar letzteres. Er hat eine sehr starke, ausformulierte Vision und er ist sehr genau in dem, was er tut. Sein Arbeitsprozess besteht daraus, dass er sich sehr viel Zeit nimmt, einem zu erklären, was er sehen möchte und weshalb. Er will, dass wir verstehen, wieso etwas auf eine bestimmte Weise gemacht werden sollte. Gleichzeitig ist er aber auch ein Regisseur, der sich auf der Suche befindet. Er sucht sehr genau, auch noch während der Arbeit. Das heißt, dass die Drehtage mit ihm sehr lang werden, weil es sein kann, dass man zwei Stunden etwas gedreht hat, er es dann aber verwirft, so dass man wieder neu anfängt, damit er eine Szene völlig neu aufrollen kann. Das klingt vielleicht paradox, aber das sind zwei ergänzende Seiten an ihm.

Und die Genauigkeit kommt seinem Drehbuch sehr zugute, da es wirklich bis in die kleinsten Psychologismen ausgearbeitet ist und wir als Schauspieler eine sehr verständliche, fundierte Grundlage erhalten. Dieser Vorarbeit zum Trotz nimmt er uns Schauspieler als Künstler sehr ernst, weswegen er in einem sehr respektvollen Umgang mit uns auf die Suche geht, was abseits des Drehbuchs möglich wäre, oder sich aus ihm heraus noch erarbeiten ließe. Da, wo Andere nur schnell, schnell fertig werden wollen, nimmt er sich die Zeit, weiter zu suchen. Und das habe ich sehr, sehr an der Arbeit mit ihm genossen. Dass sich jemand so viel Zeit nimmt, so genau zu arbeiten und darauf wert zu legen, das zu erreichen, was ihm vorschwebt und darüber vielleicht sogar hinaus geht, statt einfach bloß das Ding in den Kasten kriegen zu wollen, hat mir sehr imponiert. Erst recht, weil er dabei dich als Person und Künstler so sehr wertschätzt und mit dir ein Team bildet.

Ich schätze, dass das der Grund war, weshalb Werk ohne Autor so viel später fertig wurde als anfangs vermeldet, denn er hat auch im Schnitt so genau gearbeitet wie mit uns am Set. Was sich aber auch voll und ganz gelohnt hat! Es ist ein sehr spannender und dramatischer Film geworden.

Und ein thematisch sehr dichter. Die vorhin besagte Komponente, dass er die weitläufige Kunstskepsis in unserem Land kritisiert, ist ja nur einer von vielen inhaltlichen Aspekten des Films. Er ist darüber hinaus ja unter anderem der Versuch einer kulturellen Zeitkapsel dreier deutscher Epochen …
Richtig, wobei ich finde, dass sich der Kern des Films dessen ungeachtet auf einen Satz reduzieren lässt: Die Kunst erahnt etwas, was der Geist noch nicht begreifen kann. Damit lässt sich der Film in all seinen Facetten zusammenfassen. Es geht um ein Bild, in dem mehrere Personen zu sehen sind, die auf tragische, erschreckende Weise verbunden sind – und der Künstler weiß es nicht. Im Fall Gerhard Richter, der die Inspiration zu Tom Schillings Figur in Werk ohne Autor war, fand erst Jahrzehnte nach Entstehung des Bildes, ein Geschichtshistoriker diese Zusammenhänge heraus. Aber in der Kunst hat dieser Mann diese Personen bereits zusammengebracht – da bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke. Und das ist ja kein Einzelfall. Ich bin davon überzeugt, und finde es daher so aufwühlend: Die Kunst kann dem Verstand voraus sein.

Man sagt nicht umsonst 'Das Leben imitiert die Kunst', denn Beispiele gibt es zur Genüge. Orwells 1984 dürfte da wohl eines der Paradebeispiele für sein …
Ganz genau. Der hat es vorausgeahnt und wir sind da nun schon weit drüber hinausgeschossen. Es ist erschreckend. Wir sind so überwachbar, und wir merken es nicht einmal. Schlimmer noch: Wir nehmen es als Luxus wahr. Keiner will zu kritisch darüber nachdenken, denn würde man es, müsste man Konsequenzen daraus ziehen und sein Leben verändern. Und Veränderung ist dem Menschen ja zuwider. Veränderung kommt mittlerweile nicht mehr aus den Menschen heraus, sondern kommt von außen. Wenn Kriege ausbrechen oder ähnliches passiert, dann bequemen wir uns langsam aus der Gewohnheit heraus. Aber von uns aus, in Voraussicht, Dinge zu bewegen? Dafür graut es vielen Menschen, leider. Der Mensch erträgt lieber Situationen, die er ganz furchtbar findet, statt eine Veränderung zu wagen. Denn die Angst vor der Veränderung ist noch größer als das Leiden unter der gegebenen Situation. Das ist so irre. Deshalb verliert man mit dem Wort 'Strukturveränderung' jede Wahl. (lacht)

Zum Abschluss eine generelle Frage über Ihre Rollenwahl: Zieht es Sie eher zu Rollen, die Ihnen völlig fremd sind, oder ziehen Sie es doch vor, sich wenigstens in einem Aspekt Ihrer Rolle wiederzufinden?
Ich suche immer nach der Komponente, die mir am nächsten ist. Wenn ich den Punkt finde, der bei mir ist, dann kann ich die Figur mit Leben füllen – und dann kann ich mir auch all das an ihr erarbeiten, was überhaupt nicht meinem Naturell entspricht. So war es auch beim van Verten in Werk ohne Autor: Der eine Kreis bin ich als individuelle Person. Der andere Kreis, das ist das Vorbild Beuys. Und in der Mitte, da ist eine Schnittmenge. Ich versuche, mich zu der hinzubewegen und von dort aus die eigene Sprache dieser Figur van Verten zu entwickeln, und von da aus entwickelt sie dann ihre weiteren Eigenheiten.

Ich brauche das – in jeder Figur brauche ich etwas, das mich berührt. Und das können die Emotionen einer Figur sein, oder ich ziehe mir die Emotion aus einem Umweg. Wenn ich zum Beispiel Genre spiele, und eine wirklich widerliche, fiese Type spiele, dann suche ich mir ein Vorbild und ziehe meine Emotion aus dem Spaß daran, dieses Vorbild auf meine eigene Weise zu interpretieren. Das kann auch eine große Freude sein. Aber die Rollen, die mir am meisten gefallen, sind dann doch die, die etwas tief in mir berühren, das ich vielleicht auch selber nicht benennen kann, was mich aber zu Tränen bewegt. Die Rollen fallen mir dann auch am leichtesten zu spielen, weil ich aus dieser Emotion heraus einfach entstehen lassen kann.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Werk ohne Autor ist in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Sonntag, 30. September 2018

Monster Trucks


Die Prämisse hinter Monster Trucks ist schräg: Ein Jugendlicher, der in seiner Freizeit auf dem Schrottplatz eines Bekannten einen Monstertruck baut, lernt ein krakenähnliches Tentakelmonster kennen. Dieses wurde bei den Bohrungen einer ruchlosen Ölfirma aus seinem natürlichen Habitat, einem jahrtausendealten Höhlensee, vertrieben – und ernährt sich hauptsächlich von Öl. Während die Schergen des keinerlei ökologisches Gewissen aufweisenden Konzerns nach dem Wesen suchen, versteckt es der Freizeitautomechaniker in seinem selbstgebauten Monstertruck. Es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.

Wer nun vor sich hin flüstert: „Das klingt so, als hätte es ein Kleinkind geschrieben“, liegt richtig. Ein hohes Tier bei Paramount wollte dafür sorgen, dass es wieder mehr Originalstoffe für Familien zu sehen gibt. Und fragte seinen vierjährigen Sohn, welchen Film Papis Firma mal drehen sollte. Das allein reicht schon, um einige Filmliebhaber vollauf gegen Monster Trucks aufzubringen. Aber, ganz ehrlich: Diese Verurteilung ist doch bescheuert!

Kinder der 80er-Jahre wuchsen mit Ninjakampfkünste einsetzenden, pubertierenden Mutationsschildkröten auf, die nach Künstlern der Renaissance benannt sind. Kinder der 90er-Jahre mit einem Buben, der kleine, knuffige Monster einfängt und sie gegen die kleinen, knuffigen Monster anderer Trainer antreten lässt. Kinder der frühen 2000er-Jahre mit Geschichten aus einer ausschließlich von motorisierten Fahrzeugen bevölkerten Welt, in der ein Rennwagen und ein verrosteter Abschleppwagen beste Freunde sind. Und für jede dieser Dekaden gibt es mindestens zwei Dutzend weitere, ähnlich haarsträubende Exempel.

Darum: Liebe Cineasten, liebe ältere Geschwister, liebe Eltern. Liebe Zyniker unter den Kindern: Nehmt die Existenz von Monster Trucks hin, lasst denen ihren Spaß, die die Idee positiv-ulkig finden. Ob nun ein Krakenmonster unter der Motorhaube eines Trucks lebt oder sich Roboteraußerirdische auf der Erde in Autos verwandeln und bekriegen: Gaga-Konzepte haben ihre Daseinsberechtigung. Die Frage ist nicht: „Wie kommt man nur auf solch verquere Ideen?“ Sondern: „Wie gut ist diese Idee denn nun umgesetzt?“

Die angesichts dieser nach „Brainstorming nach Zuckerschock“ klingenden Prämisse überraschende Antwort: Sehr altmodisch. Ice Age-Regisseur Chris Wedge nimmt über weite Strecken des Films das Tempo raus, schaltet zwei oder drei Gänge niedriger als übliche Familienfilme mit quirligen High-Concept-Ideen dieser Zeit. Der Schnitt ist ruhig, die Kameraführung aufgeräumt und frei von den Extremnahaufnahmen aus der Froschperspektive, die seit den 90er-Jahren diese Filmgattung plagt. Komponist Dave Sardys Musik ist zwar vollkommen zahnlos, jedoch harmonisch und leise abgemischt, nie zerstört hochaktuelle Chartmusik die Immersion der Story.

Monster Trucks ist ein im Heute verorteter Familienfilm, wie er in den späten 70ern oder den frühen bis mittleren 80ern hätte entstehen können. Obwohl die „Ein Junge und sein seltsames Wesen“-Masche im Fahrwasser von Spielbergs E.T. – Der Außerirdische vielfach kopiert wurde, wäre es ungerecht, Monster Trucks über denselben Kamm zu scheren. Denn Wedge übt sich nicht im üblichen Spielberg-Mimikry, drückt weder auf die Tränendrüse, noch betont er doppelt und dreifach die Magie, die vom letztlich Creech genannten Monstrum ausgeht. Ohne behutsam eingesetzten Pathos, mit nur holzschnittartigen Figuren und einem Mangel an einprägsam vermittelten Wortwechseln geht Wedges Film allerdings auch ein gutes Stück des Zaubers verloren, den einen echten Familienfilmklassiker dieser Gattung erst unvergesslich macht.

Dank hervorragender Computereffekte, die einen fast glauben lassen, Creech sei nicht etwa ein digitales Wesen sondern der aufwändigste haptische Spezialeffekt der vergangenen Jahre, und den charmanten Hauptdarstellern manövriert sich Monster Trucks dennoch ins gehobene Mittelmaß für Kinderfilme mit verrückten Grundideen. Die goldige Interaktion zwischen Protagonist Lucas Till, der weiblichen Hauptdarstellerin Jane Levy und Creech rundet dies stimmig ab. Gewiss, Till und Levy sind wesentlich älter als ihre Rollen, was im Zusammenspiel mit den altersgemäß besetzten Darstellern der weiteren Kinderrollen für skurrile Anblicke sorgt. Und die Umweltschutz- und Tierschutzmoral des Stoffes ist zwar löblich, von Autor Derek Connolly aber arg schwerfällig umgesetzt.

Als amüsanter, statt brüllend-komischer, und besonnen-abenteuerlicher, statt durchgeknallter und aufregender, Familienfilm positioniert sich Monster Trucks irgendwo in einem Publikumsniemandsland. Den Einen zu albern, den Anderen zu harmlos. Vielen Älteren zu kindlich, wohl vielen Kindern zu altmodisch. Aber als liebenswerte, originäre Familienunterhaltung, die das Heute und das Gestrige versiert vereint, dürfte Monster Trucks wenigstens einige Neugierige in dieses Niemandsland locken. Es ist Elliot, der Drache mit Metall, Motoren und Tentakeln. Das lädt vielleicht zum Naserümpfen ein – dank der souveränen, wenngleich nicht ideenstarken Umsetzung wird es aber auch einige kleine Kinogänger und im Herzen junggebliebene Filmfreunde auf unerwartete Weise verzaubern.

Fazit: Ein unter der Motorhaube eines Trucks lebendes Tentakelmonster und seine menschlichen Freunde: Was nach irrem Familienwahnsinn klingt, ist in Wahrheit ein verspielter, knuffiger Familienspaß nach alter Schule, dem schlicht der glühende Funken Etwas fehlt.

Freitag, 21. September 2018

Jackie


Attribute, wie sie der Königin in einem Märchen zustehen: Großes Stilbewusstsein, eine höchst elegante Erscheinung, ein formidables Gefühl dafür, was das Volk will oder gefälligst zu wollen hat. Ein enormes Kunstverständnis, kultivierte Manierismen und Eindruck schindendes Bücherwissen. Adliges Auftreten, demokratische Werte. Das Äußere einer Debütantin im bildungssprachlichen Sinne, die Kulturkenntnisse einer Geisteswissenschaftlerin.
Widersprüche, die sich formidabel ergänzen: Von Jacqueline Kennedy Onassis' öffentlicher Persona ging eine Faszination aus, die Zeitgenossen kaum in Worte zu fassen wussten. Und die all jene, die zu spät zur Welt kamen, um diese Frau auf dem gesellschaftlichen Parkett erleben zu können, einem Mythos gleichend nacherzählt bekommen.

Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot. Wie so manche mystische Erzählung, so hat auch die Legende der Jackie Kennedy einen düsteren Beiklang. Denn ihre womöglich am längsten nachwirkende Handlung entwuchs aus einer Tragödie. Die Tochter eines Stockbrokers und einer Salonlöwin setzte der US-amerikanischen Geschichte erst durch ihre Reaktion auf das tödliche Attentat an ihrem Gatten John F. Kennedy so richtig ihren Stempel auf. Jackie, zuvor für ihr Glamourleben beneidet und mit einem Emmy für ihr sie damenhaft und etwas gespielt-naiv zeigendes Fernsehspecial ausgezeichnet, demonstrierte Würde, stoische Ruhe und eisernen Willen. Ohne dabei kalt zu erscheinen.

Aber dies ist nur ein Steinchen im Mosaik der Jackie Kennedy. In den Tagen nach dem schicksalshaften 22. November 1963 hatte sie sich unentwegt zu wandeln: Öffentlich auf vorbildliche, ja, so makaber es klingen mag, ikonische Weise trauernd. Hinter verschlossenen Türen beharrlich kämpfend. Darum, ihre Würde zu bewahren. Ihr Gesicht bei ihren Vertrauten. Um die Achtung, die ihr andere Politiker entgegenbrachten, als sie noch First Lady war – und nicht Witwe eines früheren Präsidenten. Um ihren Verstand, musste sie doch aus unmittelbarer Nähe den Tod ihres Gatten miterleben. Um ihren Status und den ihres verstorbenen Mannes. Darum, durch einen sagenhaften Abgesang diesem abrupten, brutalen Ende einer Präsidentschaft zum Trotz aus dem Handeln ihres Mannes ein denkwürdiges, würdevolles, imposantes Gesamtkunstwerk zu konstruieren.

Die Märchenkönigin muss zum ein scharfes Schwert schwingenden einsamen Ritter werden, um ihre Grazie zu verteidigen. Hindernisse brutal niederknüppeln, um das Augenmerk auf ihren Verstand zu lenken. Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.

Regisseur Pablo Larraín (El Club, No!) lässt gar nicht erst zu, dass wir diese Transformation der Märchenkönigin zum Ritter, und vom Ritter zur graziösen, wohl aber gerissenen Sagengestalt in Ruhe beobachten. Der Chilene verhindert eine aus sicherer Distanz erfolgte Betrachtung des albtraumhaften Lebensabschnitts der Jackie Kennedy. Er nimmt die Ferngläser seines Publikums, lässt sie durch die dissonante, das Trommelfell mit beunruhigender Präzision penetrierende Instrumentalmusik Mica Levis zerspringen. Trübt, um auf Nummer sicher zu gehen, den Blick mittels grobkörniger, gräulich verschleierter Kameraaufnahmen Stéphane Fontaines.

Larraín fährt näher heran. So nah, dass sich die Sorgenfalten der bildhübschen Jackie wie Kluften auftun. Noch näher. So nah, dass jedes Äderchen in ihren Augen im Flüsterton davon erzählen kann, welch Grauen es sehen musste und wie es dies verarbeitet. So nah, dass die titelgebende Literaturconnaisseuse gewissermaßen zum Schauplatz dieses Films wird. Ihr Verstand formt die Ausgestaltung und Beschaffenheit dieses Films. Er weist den Knochenbau eines biografischen Dramas auf, doch die Gehirnmuskulatur eines Psychogramms, die Muskeln eines sozio- und medienpolitischen Thrillers und das Gewand eines garstigen Horrorfilms.

Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot. Elliptisch gestaltet Larraín ein feingliedrig beschreibendes, mit der emotionalen Wucht eines Kopfschusses operierendes Porträt. Sprunghaft. Den viel beweinten, vollauf analysierten, Jackies Leben aus den Fugen bringenden, ihren Charakter zementierenden Tag entschlüsselnd. Ihr Gespräch mit dem 'Life'-Journalisten Theodore H. White nachstellend, nein, romantisierend, nein, demontierend. Zurückschweifend auf Tage wie aus einer eloquent beschriebenen Gute-Nacht-Mär. Aufbrechend, durch Szenen über Jackies Sinn- und Gewissenssuche. Die Form: Selbstkritisch-reflexive Gespräche mit einem Mann des Glaubens. Übergehend in die vorwurfsvollen, verteidigenden, abgebrühten, zurückhaltenden Gespräche mit White. Und zurück.

Cutter Sebastián Sepúlveda verwirrt so lange, bis die Desorientierung erst wirklich die Augen öffnet. Die Augen öffnet, um jede noch so dezente Nuance in Natalie Portmans Darbietung zu sehen. Sticht aus ihren versierten Augen eine verstörte oder verstörende Verbissenheit? Ein verzogener Augenwinkel genügt, so dass Abgeklärtheit abklingt und Aggressionen zu erkennen gibt. Melancholisch mäandernd und wissentlich Weltschmerz davontragend: Diese Darbietung sucht ihresgleichen, ist konstant, jedoch variantenreich; vielschichtig, dennoch klar. Portman, Kennedy: Ein von der Leinwand brennender Mittelpunkt eines psychologischen, intellektuellen Geniestreiches mit wehmütiger Seele. Der Fokus eines unnachahmlichen Denkmals für eine zur Legende gewordenen Frau. Die einen Mythos zu bewahren hatte. Zu erfinden. Zu leben. Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Die erfolgreichsten Musicals in Deutschland (Rang elf bis 20)

Deutschland, das Land der Musicalmuffel? Fast mag man das glauben: Der US-Sleeperhit Greatest Showman generierte hierzulande wohlwollendere Kritiken als bei der Presse auf der anderen Seite des Teiches, und dennoch ließen sich nur 710.500 Menschen von Hugh Jackman, Zendaya, Zac Efron und Konsorten in die Kinos locken. Tim Burtons blutiges Musicaldrama Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street kam sogar nur auf 467.343 verkaufte Eintrittskarten - und dabei erschien er auf der Höhe des Johnny-Depp-Hypes. Selbst der (von Disney finanzierte) deutsche High School Musical-Abklatsch Rock it! erreichte mit 474.361 ein größeres Publikum.

Andererseits überrascht das deutsche Kinopublikum immer wieder: Der berühmt-berüchtigte Musicalstreifen Xanadu brachte es irgendwie auf mehr als 0,97 Millionen Interessenten, und der allmählich in Vergessenheit geratene Rockfilm Tommy, den ich hier mal als Musical zähle, brachte es damals auf 1,2 Millionen. Damit ist er auch extrem nah dran, zu den 20 erfolgreichsten Realfilmmusicals der deutschen Kinohistorie zu zählen.

Die Plätze 20 bis elf möchte ich euch nun an dieser Stelle präsentieren. Dabei gilt: Die Definition eines Musicals ist etwas schwammig, weshalb ich mich mit mir darauf geeinigt habe, dass die Gesangs- und Tanzsequenzen einen erheblichen Teil des Films ausmachen sowie die Story und/oder Figurenzeichnung vorantreiben müssen. Trotz mehrerer kleiner Gesangseinlagen sehe ich Mel Brooks Robin Hood - Helden in Strumpfhosen nicht als Musical, während euch auf Platz 19 ein Film begegnet, dessen Gesangseinlagen diegetisch sind, aber so aussagekräftig über die Figuren sind, dass der vermeintlich realistische Überbau des Films für mich wie ein narratives Gimmick daherkommt wie auch die Traumsequenzen im Musicalfilm Chicago. So oder so: Viel Spaß beim Entdecken und Erinnern!

Platz 20: Bibi & Tina: Voll verhext! (1,29 Millionen Ticketverkäufe)

Wow: Der zweite Teil von Detlev Bucks Bibi & Tina-Reihe kam nur neun Monate nach dem Erstling heraus. Was für ein Mordstempo. Und es lohnte sich: Die Fortsetzung erreichte an den Kinokassen über 127.000 Menschen mehr als der Beginn der musikalischen, kreativen Filmreihe voller Hexerei, Pferde, Teenie-Romanzen und verspielter Gags. Die mehrere Stimmungen und Stile durchlaufende Musik stammt, wie auch in den anderen Filmen der Reihe rund um die titelgebenden, von Lina Larissa Strahl und Lisa-Marie Koroll verkörperten Freundinnen, von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust.

Platz 19: A Chorus Line (1,30 Millionen Ticketverkäufe)

Die von Richard Attenborough inszenierte Filmadaption des gleichnamigen Broadwaymusicals des Duos James Kirkwood, Jr. & Nicholas Dante kam zu einer Zeit raus, als das Musical nicht als besonders hip galt. Doch der Film wusste, das Problem zu umgehen: Gewissermaßen ist er lange in unserer Realität verwurzelt und zeigt eine Gruppe hoffnungsvoller Talente beim Vorsprechen und Proben eines Musicals. Insofern ist es eigentlich eher ein Filmdrama über eine Musicalgruppe, und weniger ein Musical. Zumindest eingangs. Denn letztlich singen die Figuren dann doch Lieder aus einer Show-im-Film, die perfekt zu ihrer Charakterisierung und Gefühlslage passen, und Songs, die frisch aus ihnen herausbrechen und nicht gerade als spontane Castingidee durchgehen ...

Platz 18: Moulin Rouge! (1,35 Millionen Ticketverkäufe)

Noch ein Film mit einer Show-im-Film, nur dass hier keinerlei Zweifel bestehen, dass wir es mit einem Musical zu tun haben: Der Australier Baz Luhrmann hält mit Moulin Rouge! einen farbenfrohen, fieberhaften Wahngesang auf die Liebe ab und packt auch die Handlung rund um die Show-im-Film mit Gesang und Tanz voll. Zudem ist es eines der erfolgreichsten filmischen Jukebox-Musicals der Geschichte, denn der Sensationserfolg aus dem Jahr 2001, der die Musicalkunst wieder ins Augenmerk des breiten Publikums rückte, lässt Nicole Kidman, Ewan McGregor und Co. Rock- und Popkracher dahinschmettern, als gäbe es kein Morgen.

Platz 17: Evita (1,39 Millionen Ticketverkäufe)

"Don't Cry for Me, Argentina": Die Poplegende und vielfach als Schauspielerin verrissene Madonna schlüpft in diesem von Oliver Stone mitverfassten Musical-Biografiedrama in die Rolle der Politikerin Eva Perón - und wurde 1996 nach Kinostart ausnahmsweise mit positiven Kritiken bedacht. Von Alan Parker auf der Grundlage des Musicals von Tim Rice und Andrew Llyod Webber inszeniert, ist Evita das einzige Musical des vergessenen Disney-Tochterlabels Hollywood Pictures.

Platz 16: Yentl (1,39 Millionen Ticketverkäufe)

Während Evita in Deutschland aufgerundet auf 1,39 Millionen Kinobesucherinnen und Kinobesucher kam, bringt es mit Yentl ein anderes Musicaldrama abgerundet auf 1,39 Millionen Interessenten. Von Barbra Streisand als Regisseurin, Produzentin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin getragen, setzt Yentl auf Musik von Michel Legrand und Liedtexte von Alan & Marilyn Bergman. Die 1983 gestartete Adaption einer Kurzgeschichte dreht sich um das titelgebende jüdische Mädchen Yentl, das sich nach dem Tod ihres Vaters als Mann verkleidet, um an einer Religionsschule zu studieren.

Platz 15: Verwünscht (1,41 Millionen Ticketverkäufe)

Dieses Disney-Mischfilmmusical aus dem Jahr 2007 lässt Amy Adams als Zeichentrickfigur ihr märchenhaftes Reich verlassen, um im modernen New York City zu lernen, dass es mehr gibt als nur die flüchtig erfahrene, wahre Liebe auf den ersten Blick. Bestückt mit vergnügt-selbstironischen Liedern von Disneys Haus- und Hofkomponisten Alan Menken und Texter Stephen Schwartz verneigt sich Verwünscht augenzwinkernd vor dem Disney-Erbe und erarbeitete sich damit sogleich drei Oscar-Nominierungen für den besten Song. Wundersamerweise ging der Film jedoch leer aus.

Platz 14: Bibi & Tina: Tohuwabohu total! (1,65 Millionen Ticketverkäufe)

Eigentlich wollte Detlev Buck bloß eine Bibi & Tina-Trilogie drehen, doch dann ist die Welt durchgedreht, und so sah er sich gezwungen, dem jungen Publikum eine Antwort auf den entstandenen Tumult zu präsentieren: Bibi & Tina: Tohuwabohu total! handelt unter anderem von der vermeintlichen Krise, die durch Flüchtlinge entsteht, von der Angst jener, die ihr Heimatland verlassen, um woanders eine bessere Zukunft zu finden, von Irren, die Mauern aus Hass bauen und vielem mehr. Harter Tobak, verpackt in eingängigen Liedern und im Mary Poppins-Sinne mit einem Löffelchen voll Zucker verdaulich gemacht.

Platz 13: La La Land (1,81 Millionen Ticketverkäufe)

Damien Chazelles Kritikerliebling aus dem Jahr 2016 lief in Deutschland erst 2017 an - und tanzte sich unbesorgt zu überaus löblichen 1,81 Millionen losgeschlagenen Eintrittskarten. Versehen mit Texten des Greatest Showman-Duos Pasek & Paul und Melodien aus der Feder des Komponisten Justin Hurwitz, lässt La La Land Emma Stone und Ryan Gosling durch die Zwickmühle "Beruf, Berufung oder Liebe" schreiten und macht auf dem Weg zur emotional aufwühlenden, wunderschön inszenierten Lösung einen beeindruckenden Haufen an Filmreferenzen.

Platz 12: Pink Floyd - The Wall (1,83 Millionen Ticketverkäufe)

Alan Parker steuert das wohl seltsamste Musical in dieser Liste bei: Die Verfilmung des gleichnamigen Konzeptalbums der einflussreichen Band Pink Floyd ist ein surrealer (Alb-)Traum, der zwischen düsteren Alltagsbildern, unwirklichen Einbildungen und Zeichentrickelementen hin und her switcht. Grob geht es um einen Rockmusiker, der an seine Kindheit und Jugend zurückdenkt und wie im Delirium Rückschläge und Ängste vor seinen Augen aufflimmern sieht. Ein introspektives Musical aus einer filmisch und musikalisch experimentierfreudigen Zeit. 1982 konnte sowas das deutsche Publikum noch in großen Scharen ins Kino locken. Heute wäre das wohl undenkbar ...

Platz 11: Bibi & Tina: Jungs gegen Mädchen (2,00 Millionen Ticketverkäufe)

Der dritte und ursprünglichen Plänen Bucks zufolge finale Teil der Bibi & Tina-Reihe ist das High School Musical 3 dieser kunterbunten, deutschen Filmreihe: Überbordend, durchgeknallt, hoch selbstironisch und voller Film- und Musikreferenzen, die über die Köpfe des jungen Publikums gepfeffert hinwegsegeln sollten. Und ein YouTuber rappt frauenfeindliche Klischees daher. Was halt so alles passiert, im Sommercamp ...


Sonntag, 24. Juni 2018

Disneyland Paris - Mission: Solo


Ich war schon mit Freunden und Familie im Disneyland Paris. Doch nie allein. Wenn es an Urlaubsplanung ging, war es stets ein gemeinschaftliches Ding. Zudem sind Disney-Hotelzimmer in der Regel deutlich leichter zu finanzieren, wenn man sie sich teilt. Im Herbst 2017 war es aber so weit: Ich wollte dringend meinen Jahrespass ausnutzen, jedoch fanden sich keine Mitstreiter - und so fuhr ich kurzerhand für drei Tage allein gen Marne-la-Vallée. Seither bin ich im Februar 2018 ein zweites Mal solo ins Disneyland Paris geflüchtet (ich bin kein Karnevalsfreund, lebe aber mitten im jecken Rheinland, da muss jährlich ein Alternativprogramm her!) und derzeit stecke ich in den allerletzten Urlaubsvorbereitungen für meinen dritten Einzelausflug. Soll heißen: Ich packe gerade.

Ob sich ein Solotrip lohnt, ist selbstredend zu großem Teil eine Frage der Persönlichkeit. Für manche stellt sich kein Urlaubsgefühl ein, wenn man seine Eindrücke nicht mit einer Person teilen kann, die mitgereist ist. Andere können nur alleine abschalten. Daher ist dies hier eher als grobe Sammlung von Eindrücken zu verstehen, und weniger als allgemeingültiger Leitfaden. Trotzdem schätze ich, dass es so manche Disney-Fans da draußen gibt, die bislang den einen oder anderen potentiellen Trip haben sausen lassen, weil niemand mitkonnte oder mitwollte. Deswegen teile ich hier mit euch meine Erfahrungen, inwiefern sich ein Soloausflug vom 'klassischeren' Disneyland-Paris-Erlebnis in Begleitung unterscheidet.

Weniger, aber öfter
Zumindest meiner Erfahrung nach tingeln Gruppen im Disneyland Paris eine größere Reihe an Attraktionen und Shows ab. Das liegt einerseits in der Natur der Sache: Person A liebt vielleicht it's a small world, Person B ist die Bahn egal, also fährt sie mit. Dafür liebt Person B die Ratatouille-Bahn, Person A ist sie egal, also, hey, ausgleichende Gerechtigkeit ... Und so, wie ich es erlebt habe, kommt dann noch die Gruppendynamik hinzu, dass man sich schnell hochschaukelt, viel schaffen zu wollen. Bei Trips, bei denen man als Fan mit Neulingen in den Parks unterwegs ist, erübrigt sich dieser Punkt sowieso. Da lautet das Motto eh 'Fan zeigt Neuling(en) so viel, wie in der Urlaubszeit möglich'. Aber bei einem Trip ganz alleine? Ich jedenfalls bin bei meinen beiden Solobesuchen ganz anders an die beiden Parks herangegangen und habe mich darauf konzentriert, neben den neuen saisonalen Shows/Paraden vor allem möglichst oft mit meinen Favoriten zu fahren. So bin ich im Februar an einem einzelnen Tag neun Mal mit den Pirates of the Caribbean gefahren - öfter als sonst bei mehrtägigen Trips. "Ich bin allein, ich kenne eh schon alle Attraktionen, also .. mach ich halt das, was ich liebe."

Intensivere Zeit für Nischigeres
Klar: Auch Gruppen besuchen die tropisch-atmosphärische, wunderschön grüne Adventure Isle mit ihren verwinkelten Pfaden, Gassen und Höhlen. Vor allem in den sonnigen Monaten sind sie ein sehr romantisches Fleckchen - und weniger überfüllt als der Rest des Parks (gemeinhin, jedenfalls). Und viele Stammgäste lieben die Arcaden in der Main Street. Trotzdem: Nie habe ich so viel Zeit in den abseitigeren Bereichen des Parks verbracht wie bei meinen Solotrips nach Disneyland Paris. Im Oktober 2017 wollte ich an einem Tag um Punkt 10 Uhr zu meinen geliebten Pirates, doch ein Cast Member erklärte am Eingang, dass die Piraten am Abend zuvor etwas zu viel Rum getrunken haben und daher noch 15 bis 30 Minuten brauchen, um in Fahrt zu gelangen. Da ich aber unbedingt die Pirates als erste Bahn des Tages haben wollte, bin ich zur Adventure Isle geschlendert und habe mich einfach völlig von ihnen in ein Karibikabenteuer versetzen lassen. Mit absoluter Ruhe erkundete ich die Höhlen, Dschungelpfade und Wipfel dieser grünen Insel, baute mir in meiner Vorstellung mein eigenes Abenteuer zurecht und begab mich auf die Suche nach Spyglass Hill (der geschlossen war, was ich erst nach einer Stunde geschnallt habe, so drin war ich in meinem Ein-Personen-Rollenspiel). Es wurde ein Ausflug von rund 80 Minuten - viel länger als zuvor üblich, wann immer es nach Adventure Isle ging. Ein anderes Mal nutzte ich die "Extra Magic Time" für Disney-Hotel-Besucher vor Parköffnung ausschließlich für ein Treffen mit Donald und das Bestaunen der Arcaden, statt auch mehrere Attraktionen zu besuchen. Solotrip, Nerdigtrip.

Warteschlangen sind allein ganz, ganz anders
40 Minuten Wartezeit? Naja, man ist ja nicht allein, also kann man sich mit seinen Freunden/seiner Familie unterhalten. Fehlanzeige bei einem Solotrip! Schlangestehen allein bedeutet: Sich irgendwie allein unterhalten. Was ich bei diesen Solo-Wartereien gelernt habe: Es gibt viele Wege, sich die Zeit beim Warten zu verschönern. Ich habe Einzelgänger gesehen, die auf dem Smartphone Serienepisoden oder Filme gucken. Leute, die am Handy spielen. Leute, die am Handy rumsurfen, ihre Fotos sortieren und/oder online teilen. Leute, die lesen (am Kindle oder in Büchern). Ich habe bei meinen beiden Solotrips bislang Abstand davon gehalten, zu sehr im Handy zu versinken. Klar, mal kurz ein paar Fotos anschauen oder sich notieren, in welchem Shop ich dieses eine Shirt gesehen habe, das ich mir noch kaufen muss ... Aber sonst wollte ich meine Zeit im Disneyland möglichst nicht am Bildschirm verbringen - als Schreiberling klebe ich im Alltag schon genug an Monitoren. Disneyland soll was besonderes sein. Und so habe ich mir die Wartebereiche genauer angeschaut (manche haben ja viel Thematisierung zu bieten ... andere leider nicht) und Spaß daran gehabt, Eindrücke anderer Gäste zu gewinnen. Ein bisschen lauschen darf auch mal sein, oder?

Oh, irgendwo vor mir hat eine deutsche Familie das Fastpass-System nicht verstanden. Aha, etwas weiter hinter mir ist eine britische Familie total begeistert. Schräg hinter mir sind in der sich schlängelnden Big Thunder Mountain-Schlange zwei französische Teeniemädels völlig hin und weg von ihren Star Wars-Micky-Ohren ... Und manchmal ergeben sich nette Zufallsgespräche mit anderen Besuchern. Manche davon werde ich so schnell nicht vergessen. Wie die Unterhaltung in Star Tours mit dem britischen Vater, der seinen quengelnden Sohn mit einem iPad ruhig gestellt hat und mich entschuldigend angeblickt hat, woraufhin wir uns über den bisherigen Tag ausgetauscht haben und die unterschiedlichen Feiertage in Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Oder mit der französischen Familie, die unbedingt Donald treffen wollte und daher beim Darth-Vader-Meet-and-Greet von mir Tipps bekam. Oder das Pärchen, das mich für einen Cast Member hielt und sehr lange gebraucht hat, um zu verstehen, dass dem nicht so ist ...

Essen
Dies dürfte enorme Typensache sein, aber: Bei meinen "normalen" Disneyland-Trips gab es die drei großen Mahlzeiten. Bei meinen Solotrips dagegen bin ich dazu übergegangen, mehr kleinere Happen zu genießen. Hier ein Brownie auf dem Weg von der Main Street zu it's a small world, da eine Portion Eis, dort ein kleiner Snack aus dem Restaurant Hakuna Matata, da nochmal ein Brownie, auf dem Weg zurück zum Hotel ein Sandwich vom Earl ... Mehr Vielfalt und mehr Zeit, durch die Parks zu schlendern. Schlemmermäuler, die bislang vom Verweilen in Restaurants abgehalten wurden, würden bei Solotrips vielleicht in die andere Richtung tendieren.

Mehr Wuseln
Was mich beim Rückblick auf meine Solotrips überrascht hat: Obwohl ich voll dafür bin, sich im Disneyland fallen zu lassen und in diese Welt abzutauchen, hoppse ich bei meinen Einzeltrips mehr von Park zu Park und von Land zu Land als bei Gruppenreisen. Da war es normal, den zweiten Tag zum "Studio-Tag" zu ernennen und dann diesen Park am Stück abzuklappern. Und an den anderen Tagen blieben wir normalerweise im klassischen Park. Und im Disneyland Park gab es da auch meist eine gewisse Reihenfolge. Wenn ich alleine durch die Parks streife, schlendere ich zwar mehr durch verlassene Winkel und bleibe auch öfter mal sitzen, um die Aussicht zu genießen - aber ich wechsle teils auch mehrmals am Tag den Park oder switche von Pirates zu Buzz zurück zu Pirates zu Big Thunder Mountain zu Pirates zu Star Tours ...

Disneyland Paris ist immer eine Reise wert - ob allein oder zu mehreren. Was sind eure Solotrip-Erfahrungen?