Mittwoch, 14. März 2018

Thor - Tag der Entscheidung


Der Film
"Lachend in die Kreissäge". So bezeichnet es man üblicherweise, wenn jemand so glückselig-doof ist, dass er geradewegs in sein Verderben rennt. Im Falle der Marvel Studios lässt sich der Spruch indes umdeuten: Wenn im Frühling dieses Jahres das Marvel Cinematic Universe sein zehnjähriges Jubiläum feiert, kommt es zum megalomanischen Crossover-Event zwischen seinen zahlreichen Heldinnen und Helden – und dieses Aufeinandertreffen wird, wie könnte es anders sein, ein sehr dramatisches. Bevor sich das Marvel-Filmuniversum aber in die Kreissäge der schwerwiegenden narrativen Konsequenzen von Avengers: Infinity War stürzte, gönnte es sich und seinen Fans ein betont humorvolles Jahr.

Nach der auch einige ruhigere Charaktermomente aufweisenden, bunten Weltraumsause Guardians of the Galaxy Vol. 2 und dem selbstironisch unterfütterten Superhelden-High-School-Spaß Spider-Man: Homecoming endete Marvels 2017 mit Thor – Tag der Entscheidung, der noch mehr auf die Lachmuskeln seines Publikums abzielt als die früheren Filme über den Donnergott und die beiden anderen MCU-Filme des Jahres 2017. Und damit sträubt sich der von 5 Zimmer Küche Sarg-Regisseur Taika Waititi inszenierte Superheldenfilm bewusst gegen das, was wohl unter zahlreichen anderen Filmschaffenden aus diesem Stoff geworden wäre. Denn der grundlegende Plot aus der Feder des Autorenteams Christopher Yost, Craig Kyle, Stephany Folsom und Eric Pearson liest sich wie aus dem Katalog für Big-Budget-Trilogie-Finalfilme zusammengeklaubt:

In seinem dritten (Quasi-)Solofilm treffen wir Donnergott Thor (Chris Hemsworth) in einer misslichen Lage wieder: Der Thronprinz von Asgard hat sich mit der dunklen Prophezeiung befasst, dass Feuerdämon Surtur eines Tages den Ragnarök heraufbeschworen wird – den Untergang seiner Heimat. Selbstredend bemüht sich Thor, seiner Geburtsstätte dieses Schicksal zu ersparen, doch dabei hat er die Rechnung ohne Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) gemacht. Diese zerstört Thors mächtigen Hammer und nimmt zielstrebig Kurs auf Asgard – und zu allem Überfluss strandet der eitle Recke bei seiner Klopperei mit Hela auf dem Schrottplaneten Sakaar. Auf diesem hat der hedonistische Grandmaster (Jeff Goldblum) das Sagen, der in Thor einen potentiellen Herausforderer für seinen Champion im Gladiatorenkampf sieht.

Kann sich Thor rechtzeitig von Sakaar befreien, oder machen ihm der Grandmaster, sein Champion oder die versoffene Aufpasserin Valkyrie (Tessa Thompson) einen weiteren Strich durch die Rechnung? Und wie fügt sich der Gott der Täuschung, Loki (Tom Hiddleston), in dieses Bild?

Okay, okay. Einige Details dieses Plots deuten bereits an, dass Thor – Tag der Entscheidung das Sprungbrett für ein eskalierendes Fantasyepos-Trilogiefinale nimmt und dann beschließt, lieber in ein exzentrisches Bällebad zu springen. Die dramaturgische Fallhöhe bleibt bei der somit gebotenen Comedy-Attacke in Thor – Tag der Entscheidung dem Untertitel zum Trotz niedrig – da haben die zwei anderen Marvel-Cinematic-Universe-Einträge 2017 einen stärkeren Akzent auf die interpersonellen Konflikte gelegt. Dieser Film hingegen bemüht sich nur um dezent mehr als das Minimum an charaktergestützter Dramatik – viel mehr geht es darum, dem Cast die Möglichkeit für eine albern-gute Zeit einzuräumen.

Laut Produzent Kevin Feige geschah dies zu großen Stücken auf Anraten des Hauptdarstellers: Hemsworth wollte mit Thor gänzlich neue Wege beschreiten, weil die Rolle ihn allmählich langweilte. Mit Waititi fand sich ein Regisseur, der genau auf Hemsworths humoristischer Wellenlänge liegt – wer also Hemsworth in Ghostbusters oder Vacation – Wir sind die Grisworlds für sein komödiantisches Timing liebt, wird auch hier aus dem Grinsen kaum rauskommen.

Thor zeigt sich als seeliger Kämpferbursche mit unkaputtbarem Siegeswillen und entsprechend großem Ego, das er aber nicht arrogant, sondern mittels einer bübisch-kollegialen Großspurigkeit zu Tage legt. Der Rest das Ensembles passt sich Waititis und Hemsworths Ansatz an: Cate Blanchetts Hela ist als Schurkin zwar so tiefgreifend motiviert wie ein 16-bit-Videospiel-Antagonist, dennoch hat sie ein imposantes Auftreten, so dass sie als Bedrohung durchaus funktioniert – und das, obwohl Blanchett sich in genüsslichem Overacting übt und die Rolle der Todesdiva so großspurig anlegt, wie es möglich ist, ohne zur reinen Parodie zu verkommen.

Das klingt so niedergeschrieben vielleicht negativ, funktioniert in diesem Film aber hervorragend – es ist fast so, als sei die Oscar-Gewinnerin von einer boshaften Kate McKinnon (Ghostbusters) besessen. Das schürt zwar keine Angst, steckt jedoch vor lauter Verve und Launigkeit sofort an. In einer etwas subtileren Dosis ergeht es Tom Hiddleston als lausbübischer Trickster-Gott genauso, und Tessa Thompson nimmt als Valkyrie den Archetyp der taffen Kämpferbraut und läuft damit erstmal in den nächsten Schnapsladen.

Auch Avengers-Veteran Mark Ruffalo zeigt sich von seiner spaßigsten Seite und ergötzt sich sichtlich an der Möglichkeit, sich mit seinen Castmitgliedern Scherzdialoge um die Ohren zu hauen. Darunter leidet allerdings der Charakterbogen: Bruce Banner wird vom traumatisierten Opfer seiner gespaltenen Persönlichkeit zum Gute-Laune-Krieger, als sei es ein Spaziergang durch den Comedypark. Die Filmemacher bemühen sich, mit Schall und Rauch und Lachern davon abzulenken: Waititi und seine Cutter Joel Negron & Zene Baker lassen oftmals die verdatterten Reaktionen der Dialogpartner im Film drin, um der Gagparade eine Spur Authentizität zu geben … Schließlich werden besonders schlagfertige Wortwechsel im echten Leben auch Mal mit Schmunzlern bedacht, ehe es zum Ernst der eigentlich besprochenen Lage zurückgeht. Dafür lassen die Filmmacher manche der Scharmützel dann und wann einen Takt länger laufen, als es das gewollt undramatische Drehbuch zulässt.

Gestalterisch nimmt sich der Wo die wilden Menschen jagen-Regisseur die Freiheit raus, ein kreatives Kuddelmuddel an Einflüssen zusammenzuführen. So scheppert Led Zepplins markiger 1970er-Hit "Immigrant Song" aus den Lautsprechern (und das ganze zwei Mal, was ihm an Wirkung raubt). Das Design von außerirdischen Randfiguren sowie der Mode auf dem Planeten Skaar erweckt indes die Zeichnungen der Marvel-Comic-Legende Jack Kirby zum Leben, die er in den 60er-Jahren für die Thor-Comics zu Papier brachte. Die Gesamtästhetik des Films, mit martialischen Posen in Weichzeichner-Optik einerseits und der retrofuturistischen Innenarchitektur und Vehikelgestaltung andererseits, mutet letztlich so an, als hätte Waititi den Look von Super-Nintendo-Weltallgames mit Heavy-Metal-Albencovern verschmolzen – all dies, während Komponist Mark Mothersbaugh (The LEGO Movie) einen launigen Synthie-Score im 80er-Jahre-Style abliefert.

Dieser gewaltige Clash aus popkulturellem Zeitkolorit und sich beißenden Gestaltungsschulen hat Methode, trägt er doch zur schmissigen Grundstimmung des Films bei: Die Marvel-Version einer nordischen Gottheit will ihre Heimat, die wie ein Pappnachbau eines Mittelerde-Disneyland aussieht, beschützen, hängt aber auf einem Space-Metal-90er-Jahre-Videospiel-Planeten mit 60er-Jahre-Comicgestalten fest. Das soll gaga sein. Waititi weiß, diese Gegensätze mit amüsierter Pointiertheit gegeneinander auszuspielen und mit ironisch unterwanderten Rückgriffen auf vergangene Marvel-Filme klar komödiantisch zu positionieren.

Dass die nostalgische Vorstellung, wie ein Space-Fantasy-Film auszusehen hat, auch in einige detailarme, sehr künstlich aussehende Kostüme resultiert, ist ebenso klar Geschmacksfrage wie Waititis sich wiederholende Witz-Kombination: Es sind Cosplay-Stunden im Marvel Cinematic Universe, während sich die Figuren in einer "Subtile Ironie, launige Situationskomik, fesche Selbstironie, verbaler Schlagabtausch, ZOTE!"-Kombo üben. Das setzt eine entsprechende Erwartungshaltung voraus – Thor – Tag der Entscheidung ist ein Marvel-Lachfest, bei dem das Design herrscht, kein spaßig aufgelockertes Abenteuer mit glaubwürdiger Ausstattung.

Damit sind Waititi und die Autoren immerhin ehrlich zu ihrem Publikum: Als hätte irgendjemand erwartet, dass die Marvel Studios wenige Monate vor Avengers: Infinity War Thor in einem düsteren Weltallactiondrama über die Klinge gehen lassen … Wer braucht also das Vortäuschen drastischer Sequenzen für den Titelhelden, wenn ein Gros des Publikums eh weiß, dass es ihm gut genug gehen wird, um noch mindestens ein Crossover zu absolvieren? Dennoch hätten die Kostüme nicht so sehr nach Cosplay aussehen müssen.

Was uns zu einer weiteren prägenden Charakteristik des Films führt: Thors dritter Soloausflug ist der womöglich am wenigsten ausgegorene Film im 'Marvel Cinematic Universe'. Dies betrifft einerseits das Storytelling: Das eigentliche Abenteuer, das den Gott des Donners nach Sakaar führt, beginnt erst nach einem ausgiebigen, jegliche Stringenz missen lassenden Filmeinstieg. Da wird Loki auch mal wiedergefunden, um verloren zu gehen, und direkt danach wiedergefunden zu werden und erneut verloren zu gehen. Als narrativ untermotivierte Sketchparade lassen sich die Pre-Sakaar-Szenen amüsiert weggucken. Doch erzählerisch ist der Beginn von Thor – Tag der Entscheidung ein heilloses Durcheinander, bei dem die böse Vermutung aufkommt, dass sich das Autorenquartett mehrfach in eine Ecke manövriert hat, was in sehr behelfsmäßige Mini-Plotfäden resultierte. Weshalb das Konzept des Ragnaröks sogleich mehrfach mühselig erklärt werden musste, bleibt derweil ein ungelöstes Rätsel – und noch dazu eines, dass diesem Spaßfest Sand ins Getriebe streut.

Und dann wäre da der zweite, unausgegorene Aspekt an Thor – Tag der Entscheidung: Für einen mutmaßlich 180 Millionen Dollar teuren Kinofilm eines etablierten Hollywood-Studios hat Taika Waititis Actionspaß allerhand blamabel-miese Chromakey-Szenen zu bieten. Immer wieder kommt es zu statischen Bildeinstellungen, in denen es extrem offensichtlich ist, dass der Cast nicht am gezeigten Schauplatz zugegen war. Da werden mit digitaler Anfängertrickserei klinisch saubere, leblose Küstenaufnahmen hinter die Schauspieler gelegt oder auch Mal Chris Hemsworth und Co. für eine Handvoll Einstellungen in ein Foto eines der Filmsets gebeamt.

Aufnahmen mit Green- oder Bluescreen sind im Filmgeschäft längst Alltag und gerade die effektlastigen, einen enormen Cast jonglierenden Marvel-Filme sind voll von ihnen – umso erschütternder, wie provisorisch die grellen, keinerlei glaubwürdigen Schattenwurf aufweisenden, steifen Schummeleien hier ausfallen. Als wäre Thor – Tag der Entscheidung in den letzten Produktionswochen mit der ganz heißen Nadel gestrickt worden ...

Thor – Tag der Entscheidung ist somit ein sonderbares Biest im Marvel-Filmkanon. Dieser Film hat den mutigsten Look, aber auch die eklatantesten Effektpatzer des Franchises. Und das Drehbuch ist voller Leerlauf, über all das Nichts und die ganzen sketchartigen Eskapaden verteilt, macht der Held aber tatsächlich eine nennenswerte Wandlung durch. Als Fortführung der ersten beiden Thor-Filme taugt er kaum etwas (es fehlt nicht viel, und man würde mit einem "Ach, was bisher geschah, das ist nicht weiter von Bedeutung, vergesst es einfach!"-Spruch rechnen), und dennoch fühlt er sich dank der intensiven Spielfreunde Hemsworths wie die Vollendung der Titelfigur an. Kurzum: Für Drehbuch- oder Effektpreise empfiehlt sich Thor – Tag der Entscheidung kein Stück, aber wer ein Herz für das Ensemble hat, wird sich schwer tun, nicht mehrmals herzlich zu lachen.

Thor – Tag der Entscheidung ist somit der Klassenclown des Marvel Cinematic Universe, der sich nach einer hochdramatischen Trennung einer radikalen Typenänderung unterzogen hat, woraufhin er sein Umfeld zu einem Wochenendtrip mit sonderbarem Ziel einlädt: Auffällig, aufgekratzt, aufgedreht sowie hoch motiviert, sich neu zu erfinden und gefälligst Freude daran zu haben. Da werden auch mal unnötige Umwege in Kauf genommen und mit Anspruch ist auch nicht zu rechnen. Aber: "Alles so schön bunt hier!" Tapetenwechsel ist ja auch mal fein und eine gute Zeit mit gut aufgelegten, lustigen Leuten sowieso. Selbst wenn leider der eine oder andere gepfefferte Fremdschammoment nicht ausbleibt …

Die Scheibe
Die Blu-ray ist technisch auf dem Standard, der von einem Marvel-Film nunmehr verlangt wird. Satter, klarer Sound und sauberes Bild – auch wenn das den schwacheren Effekteinstellungen nicht zwingend zugute kommt. Aber die Zielgruppe, die sich Thor – Tag der Entscheidung zum Tonfall und Look passend im abgenudelten VHS-Look wünscht, dürfte verschwindend gering sein. (Als Easter Egg auf der Blu-ray wäre das dennoch genial.)

Das Bonusmaterial ist erfreulicherweise umfangreich – heutzutage ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Neben den nahezu obligatorischen, ulkigen Pannen vom Dreh gibt es einen Kurzfilm namens Team Darryl, der die Erlebnisse von Thors WG-Partner aus den Team Thor-Späßen weitererzählt. Achtung, Lachtränen-Gefahr! Die entfallenen Szenen (insgesamt knapp unter acht Minuten Laufzeit) sind derweil, wie eh und je, eine Mischung aus "Interessant zu sehen" und "Ja, kein Wunder, dass das rausflog". Ein echtes Highlight ist dagegen der urkomische, keinen Deut informative, augenzwinkernde Audiokommentar zum Film von Taika Waititi.

Die Featurettes zu einzelnen Aspekten des Films sind teils informativ (etwa das über das Steinwesen Korg), andere sind mir etwas zu werbend im Tonfall (Leute, ich habe die Disc schon in den Händen, ihr müsst den Film nicht mehr verkaufen!). Als kleines Bonmot gibt es außerdem einen Fünf-Minuten-Clip über die Entwicklung der MCU-Helden im Laufe der zehn Filmjahre sowie ein paar, stylische 8-Bit-Sequenzen.

Thor – Tag der Entscheidung ist ab dem 15. März 2018 auf DVD, Blu-ray, 4k-Blu-ray und 3D-Blu-ray erhältlich.

Sonntag, 4. März 2018

Oscars 2018: Das Liveblogging zu den 90. Academy Awards


Planänderung: Da Blyve nicht mehr aktiv ist, werde ich dieses Jahr mein Liveblogging abhalten, indem ich hier meine Tweets sammle. Die Kommentarfunktion im Blog dürft ihr dennoch brennen lassen!

Freitag, 2. März 2018

Oscars 2018: Meine Prognose für die Gewinner der 90. Academy Awards


In der Nacht vom 4. auf den 5. März ist es endlich wieder so weit: In Los Angeles werden die Academy Awards verliehen - und wie es Tradition geworden ist, werde ich nicht nur live mittwittern, sondern selbstredend auch hier im Blog live mitbloggen. Mir doch egal, wie out Liveblogging mittlerweile ist!

Vorher gilt es jedoch, eine andere Tradition abzuhaken - und meine Prognose der Gewinner in den 24 Oscar-Kategorien abzugeben. In manchen Disziplinen scheint es erschreckend einfach zu sein (aber Überraschungen gibt es immer wieder), und in anderen Sparten fällt mir die Vorhersage unfassbar schwer. Doch wozu rumlamentieren? Rein ins Prognosengetümmel!

Beste Regie
• Guillermo Del Toro (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)
• Greta Gerwig (Lady Bird)
• Jordan Peele (Get Out)
• Christopher Nolan (Dunkirk)
• Paul Thomas Anderson (Der seidene Faden)

Guillermo del Toro gewann die meisten der Indikatorpreise, darüber hinaus ist Shape of Water ein mit Herzblut, Ruhe und Liebe zum Detail inszenierter Film. Der Sieg sollte ihm nahezu sicher sein - gewinnt jemand anderes, wäre ich enorm überrascht.

Beste Hauptdarstellerin
• Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Margot Robbie (I, Tonya)
• Saoirse Ronan (Lady Bird)
• Sally Hawkins (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)
• Meryl Streep (Die Verlegerin)

Auch McDormand dominierte die bisherige Preissaison. Ihre Darstellung einer wütenden, verzweifelten Mutter, die nach Recht für ihre tote Tochter kämpft, hat eine Vielzahl an Emotionen zu bieten und obendrein Aufmerksamkeit auf sich ziehende Monologe. Sollte ein abgemachtes Ding sein, oder?

Bester Hauptdarsteller
• Gary Oldman (Die dunkelste Stunde)
• Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)
• Daniel Day-Lewis (Der seidene Faden)
• Danzel Washington (Roman J. Israel, Esq.)
• Daniel Kaluuya (Get Out)

Und noch jemand, der bislang schon abgeräumt hat und obendrein eine intensive, hypnotisierende Performance abliefert. Oldman for Gold.

Bester Nebendarsteller
• Willem Dafoe (The Florida Project)
• Woody Harrelson (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Christopher Plummer (Alles Geld der Welt)
• Richard Jenkins (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)

Allen wilden Debatten darüber, ob Rockwells Figur am Ende des Films nun zu gut davonkommt, zum Trotz: Glaubt man Oscar-Bloggern mit Verbindungen zur Academy, nehmen die Mitglieder diese Kontroverse eher dem Skript übel als Rockwell und seiner Darbietung. Die bisherigen Preise sprechen ebenfalls dafür - und der Balanceakt aus Humor, Fiesheit und Dramatik gehört zu den prägendsten Darbietungen des US-Kinojahres 2017. Schade um Dafoe.

Beste Nebendarstellerin
• Laurie Metcalf (Lady Bird)
• Allison Janney (I, Tonya)
• Octavia Spencer (The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
• Mary J. Blige (Mudbound)
• Lesley Manville (Der seidene Faden)

Es wird ein Rennen zwischen Metcalf und Janney. Die US-Presse bevorzugt dezent Metcalfs nuancierte Mutterrolle aus Lady Bird, doch Janneys Darbietung in I, Tonya als Schreckschraubenmutter reißt ihre Szenen an sich und wurde bei Awardshows bislang bevorzugt. Daher tippe ich auf sie - und jeder Oscar für I, Tonya macht mich happy.

Bester Trickfilm
The Boss Baby (Tom McGrath und Ramsey Naito)
Coco (Lee Unkrich und Darla K. Anderson
The Breadwinner (Nora Twomey und Anthony Leo)
Ferdinand – Geht stierisch ab (Carlos Saldanha)
Loving Vincent (Dorota Kobiela, Hugh Welchman und Ivan Mactaggart)

Das ist kein Wettbewerb: Die Begeisterung in Hollywood für Coco ist so groß, der Film wird sich durchsetzen.

Beste Dokumentation
Strong Island (Yance Ford und Joslyn Barnes)
Faces Places (Agnès Varda, JR und Rosalie Varda)
Icarus (Bryan Fogel and Dan Cogan)
Abacus: Small Enough To Jail (Steve James, Mark Mitten und Julie Goldman)
Last Men in Aleppo (Feras Fayyad, Kareem Abeed und Søren Steen Jespersen)

Icarus ist die Dokumentation mit dem größten Einfluss unter den Nominierten - soll sie doch zum Ausschluss Russlands bei den Olympischen Winterspielen gesorgt haben. Das muss nichts heißen, aber ich glaube, dass es die Aufmerksamkeit auf Icarus gelenkt haben könnte ...

Bestes adaptiertes Drehbuch
Call Me By Your Name (James Ivory)
The Disaster Artist (Scott Neustadter & Michael H. Weber)
Logan – The Wolverine (Scott Frank & James Mangold und Michael Green)
Mudbound (Virgil Williams und Dee Rees)
Molly's Game (Aaron Sorkin)

James Ivory ist eine wandelnde Legende und Call Me By Your Name ist der am meisten respektierte Film aus dieser Liste (holte er doch auch die meisten Nominierungen). Die Balance zwischen eloquenten Dialogen und ruhigen, subtilen Passagen könnte ebenfalls hilfreich sein.

Bestes Original-Drehbuch
The Big Sick (Emily V. Gordon & Kumail Nanjiani)
Get Out (Jordan Peele)
Lady Bird (Greta Gerwig)
The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Guillermo del Toro & Vanessa Taylor)
Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri (Martin McDonagh)

Die zweitgrößte Kopfschmerzkategorie des Jahres: Holt sich der warmherzige, gefeierte Überraschungserfolg The Big Sick hier seinen Achtungs-Oscar? Oder setzt sich einer der Nominierten aus der Hauptsparte durch? Die Dialoge sollten Three Billboards helfen, aber der Backlash gegen den Film konzentriert sich auf einen Storyarc, was mich unsicher macht. Lady Bird ist gemeinhin sehr beliebt und wird als herzliche Zeitkapsel der frühen 2000er betrachtet, Shape of Water gelingen schwere tonale Balanceakte und Get Out ist immens clever konstruiert. Ich werfe eine innere Münze (und noch eine und noch eine und noch eine) und komme bei Get Out aus ...

Bester Schnitt
Baby Driver (Paul Machliss und Jonathan Amos)
Dunkirk (Lee Smith)
I, Tonya (Tatiana S. Riegel)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Sidney Wolinsky)
Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri (Jon Gregory)

Dies dürfte ein Zwei-Filme-Rennen sein: Sowohl Baby Driver als auch Dunkirk sind regelrechte Meisterwerke in Sachen Schnittarbeit. Um den Aluhut der Verschwörung aufzusetzen: Hier wird sich zeigen, wie sehr sich die neuen, jüngeren Academy-Mitglieder auf die Ergebnisse auswirken. Dunkirk ist der "seriösere" unter den beiden Filmen, aber Baby Driver sorgte für Euphorie bei den jungen Filmschaffenden. Ich lehne mich aus dem Fenster und tippe, mich an Mad Max: Fury Road erinnernd, auf Baby Driver ...

Beste Kamera
Blade Runner 2049 (Roger Deakins)
Die dunkelste Stunde (Bruno Delbonnel)
Dunkirk (Hoyte van Hoytema)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Dan Laustsen)
Mudbound (Rachel Morrison)

Irgendwann muss der gute Mann ja gewinnen. Dass Blade Runner 2049 im Vergleich zu The Shape of Water und den beiden Dünkirchen-Filmen als Misserfolg gilt, lässt mich allerdings leicht mulmig werden - hatten genug Oscar-Voter die Muße, ihn überhaupt zu sehen?

Beste Effekte
Blade Runner 2049 (John Nelson, Gerd Nefzer, Paul Lambert und Richard R. Hoover)
Guardians of the Galaxy Vol. 2 (Christopher Townsend, Guy Williams, Jonathan Fawkner und Dan Sudick)
Planet der Affen – Survival (Joe Letteri, Daniel Barrett, Dan Lemmon und Joel Whist)
Kong: Skull Island (Stephen Rosenbaum, Jeff White, Scott Benza und Mike Meinardus)
Star Wars - Die letzten Jedi (Ben Morris, Mike Mulholland, Neal Scanlan und Chris Corbould)

Die neue Planet der Affen-Trilogie ist bislang noch völlig Oscar-los. Eine ungeheuerliche Sache, die sich hoffentlich in der 90. Academy-Award-Nacht ändert, zumal der Film wirklich atemberaubend gute Effekte hat - und er ist neben Blade Runner 2049 der einzige Nominierte, der nicht auch ein paar kleine, peinlich-halbgare Effekte auf die Leinwand bringt.

Bestes Make-up und Hairstyling
Die dunkelste Stunde (Kazuhiro Tsuji, David Malinowski und Lucy Sibbick)
Victoria & Abdul (Daniel Phillips und Lou Sheppard)
Wunder (Arjen Tuiten)

Die dunkelste Stunde sieht klasse aus und Tsuji ist eine Legende, die extra für den Film aus der Frührente zurückgekehrt ist. Sollte der Oscar an wen anderes gehen, drehe ich durch ...

Bestes Produktionsdesign
Blade Runner 2049 (Dennis Gassner und Alessandra Querzola)
Die dunkelste Stunde (Sarah Greenwood und Katie Spencer)
Die Schöne und das Biest (Sarah Greenwood und Katie Spencer)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Paul Denham Austerberry, Shane Vieau und Jeff Melvin)
Dunkirk (Nathan Crowley und Gary Fettis)

Branchenliebe für den Film trifft Auge für historische Details trifft verträumte Stilistik: The Shape of Water sollte hier gewinnen.

Beste Kostüme
Die Schöne und das Biest (Jacqueline Durran)
Der seidene Faden (Mark Bridges)
Die dunkelste Stunde (Jacqueline Durran)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Luis Sequeira)
Victoria & Abdul (Consolata Boyle)

Bei den Kostümen gewinnen gerne Filme, die implizit oder explizit von Mode handeln, insofern: Der seidene Faden hat Heimvorteil ...

Beste Filmmusik
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Carter Burwell)
Dunkirk (Hans Zimmer)
Der seidene Faden (Jonny Greenwood)
The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Alexandre Desplat)
Star Wars – Die letzten Jedi (John Williams)

Die Academy liebt Alexandre Desplat, The Shape of Water kommt generell sehr gut in der Branche an und mit einer romantisch-verspielten Klangästhetik, die das nautische Element widerspiegelt, ist dies obendrein ein guter Kompromiss: Sowohl jene, die originelle Musik bevorzugen, als auch jene, die klassische Leitmotive hören möchten, bekommen hier was geboten - und könnten daher ihre Stimme für Desplat abgeben.

Bester Filmsong
• Remember Me (Coco; Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez)
• Mystery of Love (Call Me By Your Name; Sufjan Stevens)
• This is Me (Greatest Showman; Benj Pasek und Justin Paul)
• Stand Up For Something (Marshall; Musik: Diane Warren; Text: Lonnie R. Lynn und Diane Warren)
• Mighty River (Mudbound; Mary J. Blige, Raphael Saadiq und Taura Stinson)

Persönlich wäre ich für This is Me oder Mystery of Love, aber die Reaktionen auf Remember Me sind einfach zu stark, als dass ich gegen ihn vorhersagen würde ...

Bester Tonschnitt
Baby Driver (Julian Slater)
Blade Runner 2049 (Mark Mangini und Theo Green)
Dunkirk (Richard King und Alex Gibson)
Star Wars – Die letzten Jedi (Matthew Wood und Ren Klyce)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Nathan Robitaille und Nelson Ferreira)

Bester Ton
Baby Driver (Julian Slater, Tim Cavagin und Mary H. Ellis)
Blade Runner 2049 (Ron Bartlett, Doug Hemphill und Mac Ruth)
Dunkirk (Mark Weingarten, Gregg Landaker und Gary A. Rizzo)
Star Wars – Die letzten Jedi (David Parker, Michael Semanick, Ren Klyce und Stuart Wilson)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Christian Cooke, Brad Zoern und Glen Gauthier)

Dunkirk hat einen intensiven, dennoch viele Ebenen aufweisenden Sound, der die nicht zu sehende Gewalt kompensiert und die Actionszenen somit trotzdem mit einer Fallhöhe ausstattet. Mein Favorit beim Ton wäre zwar Baby Driver und beim Tonschnitt Blade Runner 2049, aber ich glaube, die Academy kann Nolans Kriegsfilm hier nicht widerstehen ...

Bester animierter Kurzfilm
Garden Party (Victor Caire und Gabriel Grapperon)
Dear Basketball (Glen Keane und Kobe Bryant)
Negative Space (Max Porter und Ru Kuwahata)
Lou (Dave Mullins und Dana Murray)
Revolting Rhymes (Jakob Schuh und Jan Lachauer)

Dear Basketball wurde während Bryants Rücktrittsfeier vorgeführt und bekam so intensive Gratispromo, darüber hinaus liegen die LA Lakers vielen in Hollywood am Herzen. Hinzu kommt vielleicht noch der Glen-Keane-Bonus ...

Bester Kurzfilm
The Eleven O’Clock (Derin Seale und Josh Lawson)
My Nephew Emmett (Kevin Wilson, Jr.)
All of Us (Katja Benrath und Tobias Rosen)
The Silent Child (Chris Overton und Rachel Shenton)
DeKalb Elementary (Reed Van Dyk)

DeKalb Elementary ist im von Schulamokläufen gerüttelten Amerika die aktuellste und emotional aufrüttelndste Wahl ...

Bester fremdsprachiger Film
The Insult (Libanon)
A Fantastic Woman (Chile)
On Body and Soul (Ungarn)
The Square (Schweden)
Loveless (Russland)

Ich lehne mich aus dem Fenster und tippe auf das Justizdrama The Insult, das thematisch die Academy reizen könnte. Die meisten Oscar-Blogger setzen auf den chilenischen Beitrag und The Square ist mehr oder minder der Kritikerfavorit, aber ... vielleicht nehmen sie sich gegenseitig die Stimmen weg?

Beste Kurzdokumentation
Edith + Eddie (Laura Checkoway und Thomas Lee Wright)
Heaven is a Traffic Jam on the 405 (Frank Stiefel)
Heroin(e) (Elaine McMillion Sheldon und Kerrin Sheldon)
Knife Skills (Thomas Lennon)
Traffic Stop (Kate Davis und David Heilbroner)

Heroin(e) hat Netflix' aufwändige Werbekampagne im Rücken, aber Traffic Stop als Film über rassistische Polizisten und Edith + Eddie als rührende Doku über das älteste (verbuchte) noch lebende gemischtethnische Paar treffen den Zeitgeist. Ich tippe leicht auf den Positivismus von Edith + Eddie ...

Bester Film

Call Me By Your Name (Produzenten: Peter Spears, Luca Guadagnino, Emilie Georges und Marco Morabito)

Die dunkelste Stunde (Produzenten: Tim Bevan, Eric Fellner, Lisa Bruce, Anthony McCarten und Douglas Urbanski)

Dunkirk (Produzenten: Emma Thomas und Christopher Nolan)

Get Out (Produzenten: Sean McKittrick, Jason Blum, Edward H. Hamm Jr. und Jordan Peele)

Lady Bird (Produzenten: Scott Rudin, Eli Bush und Evelyn O'Neill)

Der seidene Faden (Produzenten: JoAnne Sellar, Paul Thomas Anderson, Megan Ellison und Daniel Lupi)

Die Verlegerin (Produzenten: Amy Pascal, Steven Spielberg und Kristie Macosko Krieger)

The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Produzenten: Guillermo del Toro und J. Miles Dale)

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Produzenten: Graham Broadbent, Pete Czernin und Martin McDonagh)


Machen wir es kurz: Es wird höchst wahrscheinlich entweder Three Billboards (großer Web-Backlash, doch große Unterstützung durch die Schauspieler, die ihm einen Gewerkschaftspreis fürs beste Ensemble gegeben haben), Shape of Water (der keine Ensemble-Nominierung bei der Schauspielgilde erhielt, was statistisch einen Oscar-Sieg enorm erschwert - doch der Film kommt generell gut an) oder Get Out (dem es an einer statistisch sehr wichtigen Schnitt-Nominierung mangelt, der dafür aber die große Zeitgeistwahl wäre).

Für mich sind die Chancen ungefähr gleich verteilt, weshalb ich meine Hände verzweifelt in die Luft schmeiße und auf Get Out tippe. Es wäre der historisch beeindruckendste unter den möglichen Gewinnern, und wenn ich eh nur eine 33,33%-Chance habe, richtig zu liegen, dann will ich wenigstens beim denkwürdigen Ausgang des Rennens korrekt getippt haben!

Mittwoch, 28. Februar 2018

Love & Friendship


Hauptsächlich ist Kate Beckinsale als in engen Lack-und-Leder-Kostümen gekleidete Hauptdarstellerin von Actionfilmen bekannt. Die britische Schauspielerin auf Performances wie ihren Underworld: Blood Wars-Auftritt zu reduzieren, wäre jedoch eine schreiende Ungerechtigkeit. Beckinsales Karriere nahm ihren Anfang mit einer Shakespeare-Adaption, es folgten einige Kritikerlieblinge wie Last Days of Disco – Nachts wird Geschichte gemacht. Zudem darf ihre akzentuierte Nebenrolle in Martin Scorseses Aviator nicht vergessen werden.

Insofern dürfte Love & Friendship als Befreiungsschlag oder zumindest als Rückkehr zu alter Form aufgefasst werden. Denn unter der Regie von Whit Stillman (Metropolitan) mimt Beckinsale in dieser 93-minütigen Kostüm-Dramödie eine gerissene, eloquente Dame, die zwar einen gewissen Ruf weg hat, jedoch dank ihres gut situierten Verhaltens gesellschaftliches Ansehen genießt. Mit dem ihr zukommenden Respekt und ihrem messerscharfen Verstand bewaffnet, manipuliert sie ihr Umfeld auf gewitzte Weise und sorgt so dafür, ihrer Tochter einen angemessenen Ehemann zu beschaffen.

Die Geschichte der verwitweten, hellwachen Manipulatorin namens Lady Susan Vernon basiert auf einem posthum veröffentlichten Briefroman der einflussreichen Schriftstellerin Jane Austen. Als Austen-Verehrer machte es sich Stillman zur Aufgabe, dieses aufgegebene, die spätere Brillanz der britischen Autorin in Ansätzen zeigende Frühwerk umzudichten: Es sollte in Prosa umgetextet, leinwandtauglich verformt und dabei um die für Austen typischen, geschliffenen Dialoge und Situationen bereichert werden.

Diese an sich selbst gestellte Aufgabe vollbringt der ehemalige Harvard-Student weitestgehend: Zwischendurch sprühen in diesem Ende des 18. Jahrhunderts spielenden romantisch-komödiantischen Intrigenspiel geradezu die Funken vor zeitgemäßen, aber süffisanten Dialogen. Vor allem, wenn Beckinsale als Lady Susan Vernon gemeinsam mit ihrer Eingeweihten Alicia Johnson (augenzwinkernd-staubtrocken: Chloë Sevigny) das Verhalten Anderer analysiert oder sie mit elegant-verschmitztem Lächeln gegenüber Alicia einfach nur prahlt. Ebenso sind sämtliche Szenen mit Tom Bennett (Mascots) eine wahre Wonne – mit markant-britischer Noblesse gibt er einen einfältigen, ungebildeten Gentleman, dem bei seinen strunzdämlichen Nachfragen und unsinnigen Erklärungen stets ein seliges Grinsen ins Gesicht geschrieben steht.

Auch, wenn Stillman die steife Inszenierung aufbricht, etwa indem er Brieftexte visualisiert oder pointierte Zwischenschnitte setzt, wächst Love & Friendship weit über den Status „Und noch eine Austen-Verfilmung von der Stange“ hinaus. Wenn Lady Susan aber mal die Zügel etwas lockerer lässt oder gar für etwas längere Zeit von der Bildfläche verschwindet, und Stillman sich inszenatorisch darauf verlässt, in weiten Bildern die prächtigen Kostüme sowie prunkvollen Gemächer seiner handelnden Figuren abzufilmen, dann stumpft diese freie Literaturadaption zügig ab. Der Musik aus der Gregorianischen Ära referenzierende, abwandelnde und abspielende Soundtrack (Komponist: Mark Suozzo) bietet Kennern klassischer Musik zwar auch in diesen Durststrecken einen Mehrwert, trotzdem bleibt Love & Friendship ein zwischen Wortgewandtheit und Stillstand changierender Kostümfilm, der sich primär für Austen-Liebhaber und Beckinsale-Fans empfiehlt.

Donnerstag, 22. Februar 2018

Treppenspoiler: La La Land


Unter "Treppenwitz" versteht man es, zu spät auf einen geistreichen Gedanken zu kommen. Unter "Treppenspoiler" möchte ich Vorausdeutungen in Filmen sammeln, die sich erst mit treppenwitzartiger Verzögerung als solche zu erkennen geben. Dieses Mal geht es darum, dass La La Land sehr früh sein Ende spoilert. Was mir erst nach mehreren Sichtungen dieses traumhaften Musicals bewusst wurde.

An dieser Stelle sei also allen, die La La Land noch immer nicht gesehen haben, erklärt: Holt ihn nach, statt weiterzulesen!

Noch da? Wieder da? Wunderbar, dann lasst uns kurz mit bittersüßer Stimmung das Ende von Damien Chazelles Musical vor Augen führen.


La La Land endet damit, dass es das liebenswerte Paar, mit dem wir den ganzen Film über mitgefiebert haben, nicht zu einem gemeinsamen Happy End schafft. Die aufstrebende Schauspielerin Mia und der Jazzliebhaber Sebastian geraten aneinander, als seine beruflichen Pflichten ihn zu sehr vereinnahmen - und dann auch noch Pflichten, die ihn von seiner eigentlichen Passion wegführen. Als Sebastian seine Ex zu einem vielversprechenden Casting abholt, könnte dies einen Neuanfang für die Beiden bedeuten. Doch weit gefehlt: Mia entscheidet sich für die Karriere und lässt Sebastian zurück. Als sie sich einige Zeit wiedersehen, kommt es zu einem Gefühlsschwall, doch nicht zu einem weiteren Beziehungsversuch. Sie lächeln sich freundlich, vielleicht sogar dankbar zu. Ende.

Dass La La Land damit endet, dass sich unsere zwei sympathischen Liebenden trennen, hätte jedoch niemanden überraschen müssen. Denn Damien Chazelle spielt in seinem nostalgischen Musical von Anfang an mit offenen Karten. Es drängt sich einem nur nicht so sehr auf. Trotzdem verrät schon die erste Liedzeilen des Films, wo die Prioritäten aufstrebender Schauspieler in Los Angeles liegen:

I think about that day / I left him at a Greyhound Station / West of Santa Fé / We were seventeen, but he was sweet and it was true / Still I did what I had to do / 'Cause I just knew

In einem Musical über die Träume in der La La Land genannten Stadt der Traumfabrik ist das erste, was wir in Gesangsform hören, dass eine Schauspielerin ihren Freund verlassen hat, um ihren Karriereträumen nachzugehen. Und am Ende des Films passiert genau das. Konsequent. Und mit solch einer Vorwarnung müsste man sich ja emotional vorbereiten können ... Und dennoch rührt das Ende jedes Mal aufs Neue, nicht wahr?

Montag, 19. Februar 2018

Oasen in der DTV-Wüste: "Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland"


Es war einmal, vor über einem Jahrzehnt, da war es noch alltäglich, dass der Walt-Disney-Konzern seine Zeichentrickklassiker nahm und mit niedrig budgetierten Fortsetzungen weitererzählte. Diese wurden von den DisneyToon Studios für den Heimvideomarkt produziert und gemeinhin im Rahmen einer Disney-untypisch kurzen Produktionsphase verwirklicht. Oder, weniger freundlich gesagt: Disney verramschte den angesehenen Ruf seines Meisterwerk-Archivs, indem das Unternehmen unambitioniert zusammengeklöppelte Video- und später DVD-Premieren veröffentlichte, die darauf warteten, dass Eltern und Großeltern mit tiefen Taschen ihren Liebsten ein hochpreisiges Geschenk in Form eines brandneuen Disney-Films machen wollen.

Aber es wäre ungerecht, die Produktionen der DisneyToon Studios in ihrer Gesamtheit als Schund abzutun. Nicht nur, dass es gelungene Ausnahmen wie Aladdin und der König der Diebe gab: Auch ganz normale Wegwerfware aus den DisneyToon Studios hat den einen oder anderen glanzvollen Aspekt zu bieten. So wie Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland, der aufgrund der positiven Resonanz innerhalb des Konzerns entgegen der ursprünglichen Pläne sogar in die Kinos entlassen wurde.

Was man bei Disney in dem Film sah, wird aber wohl für immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht wollte man auch nur den Saatkorn eines Gedankens namens "Piraten sind toll, Yo-Ho" in die Köpfe der Menschen pflanzen, so rein vorsorglich. Wer weiß? Denn Neue Abenteuer im Nimmerland weist dieselbe grelle, wenig nuancierte Kolorisation wie die meisten DisneyToon-Studios-Zeichentrickfilme auf und mit "Das Kind einer Hauptfigur aus Teil eins" ist der Plot dem DTV-Stammpublikum ebenfalls bestens bekannt. Der Übergang zwischen Akt zwei und Akt drei, in dem Wendys Tochter Jane zwischen einem Verrat an Peter Pan sowie dem Genuss ihrer Zeit im Nimmerland hin und her gerissen ist, ist trotz der strammen Filmlaufzeit von nur 72 Minuten zäh und die Charakteranimation an Tinkerbell (respektive Naseweis in der deutschen Synchro) eher schwammig, während Peter Pan wiederholt off model erscheint. Und die CG-Elemente (vor allem der Flug durch das nächtliche London) sind ein Graus.

Aber: Jane ist eine passable Hauptfigur. Als junges Mädchen, das zuhause glaubt, aufgrund des London ereilenden Zweiten Weltkrieges frühzeitig erwachsen werden zu müssen, das aber dennoch einen nicht zu verachtenden Abenteuerdrang in sich trägt, passt sie gut in eine Nimmerland-Geschichte. Überhaupt sitzt einfach die Atmosphäre der Rahmenhandlung in London (abgesehen vom besagten Digitalflug durch den Nachthimmel). Und der Slapstick rund um einen Kraken, der es auf Hook abgesehen hat, ist zügig und eskaliert mit cartoonhafter Genüsslichkeit. Die wahre Oase in der DTV-Qualitätswüste, die sich in Neue Abenteuer in Nimmerland finden lässt, ist allerdings die Instrumentalmusik!

Neue Abenteuer in Nimmerland ist gewissermaßen der Vorbote der Tinkerbell-Filmreihe: Kitschige, uneingängige Songs - hervorragender Score aus der Feder Joel McNeelys! McNeely ist eh ein heimlicher Disney-Fortsetzungs- und Ablegerfilm-Experte, komponierte er abseits der ganzen Nimmerland-Weitererzählungen doch unter anderem die Musik zum Splash-Sequel, den Score des afro-amerikanisch besetzten Pollyanna-Remakes und die Musik von Lilo & Stitch 2. Außerdem ist McNeelys Arbeit in Teil drei und vier (!!) von Die Vermählung ihrer Eltern geben bekannt ... zu hören sowie in Cinderella III.

Und was viele Disney-Fans entweder verdrängt, vergessen oder sich schlicht nie bewusst gemacht haben: Die ungeheuerlich beliebte Feuerwerks- und Projektionsshow Disney Dreams setzt prägnant auf dezent umarrangierte Passagen aus seiner vergnüglich-verträumten Eröffnungssuite von Neue Abenteuer in Nimmerland! Es war McNeely, der die Musik zu dem Disneyland-Paris-Original geschrieben hat, und dabei komponierte er nicht nur den rührenden, epischen Abschluss, sondern überarbeitete für den Einstieg noch einmal seine für diesen DisneyToon-Studios-Film geschriebene Suite aus bekannten Nimmerland-Klängen.

Allein schon für McNeelys Musik lohnt es sich, diesen Film nochmal aus dem Regal zu kramen (oder ihn bei einem der vielen Streaminganbieter anzuklicken, wenn man's nicht so mit einer haptischen Sammlung hat). Besonders für Disneyland-Paris-Fans, die Dreams vermissen. Da werden Erinnerungen wach, von denen man vielleicht gar nicht wusste, dass sie sogar weit über die Dreams-Premiere hinausreichen!

Donnerstag, 8. Februar 2018

Meine 35 Lieblingsfilme 2017 (Teil III)

Die Ränge 35 bis 11 haben wir bereits hinter uns, also fehlen selbstredend noch die Top Ten der Produktionen, die mich 2017 am meisten in Verzückung versetzt haben. Welche Filme haben mich am hibbeligsten zurückgelassen, wo glühte mein Cineastenherz am wärmsten? Ehe diese Fragen beantwortet werden, möchte ich noch ein paar, finale Ehrennennungen loswerden, um Filmen Tribut zu zollen, denen ich nicht genug Applaus zukommen lassen kann - und die mir Kopfweh bereitet haben, als ich an meiner Topliste saß und Kürzungen vornehmen musste. Doch nur, weil sie nicht den Sprung in das eigentliche Ranking geschafft haben, heißt das nicht, dass ihr diese Filme einfach so ignorieren solltet, wenn ihr sie noch nicht kennt!

Sehr großen Spaß hat mir etwa Spider-Man: Homecoming bereitet, der (episodenhaft) Sony-Komödie und Marvel-Action verschränkt und wegen des etwas langgezogenen Finales ganz knapp die Top 35 verpasst hat. Betörend schön und anders ist derweil Die rote Schildkröte, ein (praktisch) dialogfreier Trickfilm, der von Survivalgeschichte zu esoterischem Märchen wird, und der mich beim Gucken umgehauen hat. Allerdings blieb er weniger in meiner Erinnerung haften als die Top 35, die ich hier präsentiere. Ein visueller und akustischer Genuss, der hier Erwähnung finden muss, ist natürlich der Slow-Burner-Sci-Fi-Film Blade Runner 2049, der den Vorgänger fesselnd ausbaut, mir den Plot aber dezent zu gimmickhaft aufzieht, als dass ich mich den Lobeshymnen vollauf anschließen würde. Dennoch ein starkes Stück Kino, bei dem ich mich auf den Rewatch freue.

Ein weiterer Film, bei dem ich nicht so laut juble, wie einige aus dem Kollegium, und den ich trotzdem nur wärmstens empfehlen kann: Der goldige Paddington 2, der sehr hübsch aussieht, wundervoll-warmherzig ist ... aber in meinen (und offenbar auch nur meinen) Augen nicht ganz an die Brillanz und Cleverness des Vorgängers heranreicht. Komplettes Kontrastprogramm bietet Rammstein: Paris, der wahnwitzig inszeniert ist und so den Rausch eines Konzerts gut imitiert - bei dem aber leider die Songauswahl eine Länge zu viel hat (oder einen In-die-Fresse-Volltreffer zu wenig), um in diesem hart umkämpften Jahr die Charts zu entern. Dann wäre da noch der Coming-of-Age-Sommerferien-Horror Es, der die Stephen-King-Formel mit sehr guten Kinderdarstellern und einer dezenten Prise Humor lobenswert umsetzt. Und zu guter Letzt muss ich mich für Amelie rennt aussprechen, einen großartigen deutschen Familienfilm mit tollen Bildern, überzeugenden Performances und einer wunderbar komplexen Tonalität. Anschauen, Leute!

Aber Schluss mit der Vorrede. Ihr seid für die Top Ten hier, und die sollt ihr nun bekommen!

Platz 10: Mein Leben als Zucchini (Regie: Claude Barras)

Manchmal schreibt das Leben die besten Filmbesprechungen. So im Fall der Stop-Motion-Tragikomödie Mein Leben als Zucchini, die aus Sicht eines neunjährigen Vollwaisen (mit traumatischem Familienhintergrund) vom Leben in einem Kinderheim berichtet. Ich sah den Film in einer regulären Sonntagmittagvorstellung und saß neben einer jungen Mutter und ihrer Tochter im Grundschulalter. Als der Abspann begann, war die Mutter in Tränen aufgelöst, woraufhin die aufgrund des eben gesehenen Films strahlende Tochter irritiert fragt: "Mama ... Was ist denn?" Die Mutter antwortet, während sie versucht, die Tränen zu stoppen: "Ach ... nichts ... der Film ..." Die Tochter fragt ratlos, im knuffigsten nur denkbaren Ton: "Aber ... der war doch lustig?" Ich werfe der Mutter einen mitleidigen, wissenden Blick zu, sie lacht kurz auf, weint weiter. Die Mutter umarmt ihre Tochter, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: "Ach, Liebes, ich bin einfach nur froh, dass wir uns haben."

Platz 9: Battle of the Sexes - Gegen jede Regel (Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris)

Eine Dramödie, die ein wahres Sportereignis nimmt, um anhand dessen mit Nachdruck und dennoch auch mit viel Witz ein gesellschaftliches Problem anzusprechen: Dieses Subgenre kann, wenn es mit Verve, Passion und inszenatorischer Energie angepackt wird, bei mir sehr viel erreichen. Nach längerem Mangel in dieser Hinsicht trifft das Ruby Sparks-Regieduo Jonathan Dayton & Valerie Faris mit Battle of the Sexes - Gegen jede Regel bei mir genau ins Schwarze: Simon Beaufoys Skript setzt die wahre Geschichte eines medial enorm aufgeblasenen Showkampfes zwischen dem alten Tennishasen Bobby Riggs und der sehr fähigen Tennisspielerin Billie Jean King vor den Hintergrund des feministischen Kampfes der frühen 70er-Jahre und der damaligen Tabuisierung von Homosexualität.

Die drei Themen werden von Beaufoy mit beeindruckender Eleganz zu einem einzelnen Handlungsstrang verwoben und Dayton & Faris inszenieren den Stoff mit so großer Fallhöhe, dass mir als Sportmuffel bei den gezeigten Tennis-Matches der Atem stockt, sowie mit einer Empathie erzeugenden, spielerischen Leichtigkeit, die dafür sorgt, dass Battle of the Sexes nicht zum überkitschten Problemfilm wird. La La Land-Kameramann Linus Sandgren erzeugt mit seinen kontrastreichen, soft beleuchteten Super-35-Bildern nicht nur nostalgische Gefühle, sondern verleiht dem eh schon Funken sprühenden Zusammenspiel zwischen Emma Stone alias Billie Jean und ihrem Schwarm (Andrea Riseborough) eine intensive, verhuschte Sinnlichkeit. Stone ist hier eh über alle Zweifel erhaben, Carell ist als Großkotz Bobby Riggs, der sich vor der Kamera zwecks Promofaktor als Überchauvinist hochstilisiert, irrwitzig und wie Beaufoy den Unterschied zwischen einem Machomaul und strukturellem Sexisimus skizziert, ist nicht nur klug gemacht, sondern auch wichtiger Bestandteil dieser inspirierenden, effektiv zum Griff nach den (sprichwörtlichen) Waffen aufrufenden Dramödie. Ein Muss, wahrlich nicht nur für Sportfilmfreunde!

Platz 8: Hans Zimmer Live (Regie: Tim van Someren)

Dass es jemals ein Konzertfilm in meine Jahres-Top-Ten schafft, hätte ich wohl auch nie zu träumen gewagt. Und da sind wir nun: Hans Zimmer Live ist einer meiner zehn liebsten Filme des Jahres 2017. Konsequent, schließlich ist Hans Zimmer Live wohl auch der Konzertbesuch, der mir in meinem bisherigen Leben am imposantesten in Erinnerung geblieben ist. Ich bin halt großer Fan der Arbeit unseres Exportkomponisten, und ich wüsste nicht, wann es zuletzt einen Kinofilm gegeben gab, der eine dermaßen hohe Dichte an umwerfender Musik geboten hat wie Hans Zimmer Live. Dieser Konzertfilm ist allerdings mehr als nur eine Abfolge großartiger Suiten, in denen Zimmer Melodien aus Filmen wie der Pirates of the Caribbean-Saga, Inception und Crimson Tide zu fetzig-rockigen Stücken neuarrangiert. Regisseur Tim van Someren fing die farbintensive Lichtshow dieser Konzertreihe eindrucksvoll ein und schaffte es zudem, durch kleine, feine Randbeobachtungen dem Publikum ein Gefühl für Zimmers Musikertruppe zu geben. Solche Details wie die wechselnden Outfits von Nick Glennie-Smith oder die unterschiedliche Bühnenpräsenz der als Engelchen und Dämonin bezeichnenden Perkussionistinnen geben dem Treiben auf der Bühne zusätzlichen Flair. Dadurch, ulkige Bewegungen oder so manches, urplötzlich aufblitzendes, breites Lächeln mitzuerleben, entsteht eine Dichotomie: Es ist ein epochales, bombastisches Musikereignis, das hier festgehalten wird, und dennoch fühlen wir uns als Teil eines intimen Treffens befreundeter Musiker, die mit Blicken kommunizieren, während sie ihre Show abziehen. Ich kann mir diesen Konzertfilm immer wieder ansehen - und wäre die Regieführung noch einen kleinen Tacken losgelöster und Zimmer-mäßig unberechenbarer, wer weiß, vielleicht hätte sich Hans Zimmer Live sogar noch höher platziert?

Platz 7: mother! (Regie: Darren Aronofsky)

Darren Aronofskys mother! steht über den Genredefinitionen: Die Geschichte einer jungen Frau, die mit einem älteren Mann verheiratet ist und sich von dessen aus dem Nichts auftauchenden Freunden genervt fühlt, ist Horrorfilm, Psychothriller, pechschwarze Streitkomödie, religiöse Allegorie, thematische Fortsetzung des über Umweltschutz sinnierenden Noah und Parabel auf das Zusammenleben mit einem Künstler zugleich. Lawrence gibt die Darbietung ihres Lebens und wie Aronofsky hier schrittweise das Geschehen zur Eskalation treibt, ist meisterlich. Auch Javier Bardem, Ed Harris und Michelle Pfeiffer überzeugen in ihren Rollen, die Kameraführung ist auf beeindruckende Weise desorientierend und das Finale muss man einfach erlebt haben!

Platz 6: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Regie: Lars Montag)

Was, wenn sich ein komplexer Blick auf die heutigen Macken des Beziehungssuchens und Liebeslebens mit einer verqueren, süffisant-frechen Persiflage auf deutsche Arthouse-Hochnäsigkeit verkuppeln? Ganz einfach: Dabei entsteht Einsamkeit und Sex und Mitleid, eine farbintensive Dramödie mit markanten Figuren, die allesamt eine faszinierende Gratwanderung vollziehen - sind sie in einer Sequenz dieses Ensemblefilms die Helden, sind sie in einer anderen Passage die Schurken. Somit ist Einsamkeit und Sex und Mitleid in seiner Weltsicht ausgereifter und abgerundeter als viele der hier durch den Kakao gezogenen Indie-Zeitgeistanalysen, die das deutsche Kunstkino so fabriziert - und gleichzeitig ist diese Romanadaption unfassbar komisch. Obendrein schafft es Regisseur Lars Montag, einige rührende und auch schlicht poetisch-skurrile Momente in den Film zu streuen. Einfach klasse!

Platz 5: Planet der Affen - Survival (Regie: Matt Reeves)

Das Triple-Feature der neuen Planet der Affen-Trilogie gehörte für mich zu den beeindruckendsten Kinobesuchen 2017 - selten war im Kinosaal während einer Blockbustervorführung so eine emotionale Angespanntheit zu spüren. Und das Highlight kam zum Schluss: Während Survival hätte man eine Stecknadel im Saal fallen hören können, so sehr stockte dem Publikum der Atem. Und das aus gutem Grund: Im Gewand eines Big-Budget-Spektakels erzählt Survival eine Mischung aus Kriegsgefangenendrama, Dystopie und Bibelepos. Andy Serkis war nie besser als hier in der Rolle des an seinen eigenen Idealen zweifelnden Affenanführers Caesar, Michael Giacchinos Instrumentalmusik ist ungeheuerlich bewegend und rührend und der Handlungsbogen, der hier geschlagen wird, ist in seiner emotionalen Bandbreite, seinem nachdrücklichen politischen Kommentar und seiner dramatischen Konsequenz einfach erstaunlich.

Platz 4: Pirates of the Caribbean - Salazars Rache (Regie: Espen Sandberg und Joachim Rønning)

Yo-Ho, Yo-Ho, Piraten haben's gut ... Aber nicht all zu gut: Käpt'n Jack Sparrow durchläuft eine Pechsträhne, verliert an Glanz und Ausstrahlung und braucht daher dringend ein Abenteuer, das ihm zu seiner alten Gloria verhilft. Was für ein Glück, dass sich gerade eine junge Astronomin und Horologin sowie der Sohn von Will Turner und Elizabeth Swann auf der Suche nach einem sagenumwobenen Artefakt befinden - doch sie werden vom piratenhassenden Geist Käpt'n Salazar verfolgt. Jack muss sich also umso mehr anstrengen, um zu sich zurückzufinden ...

Unter der Regie von Espen Sandberg und Joachim Rønning tauscht der fünfte Pirates of the Caribbean-Teil den Wahnsinn von Gore Verbinski sowie die malerische Seemannsgarnromantik von Rob Marshall gegen Dreckigkeit aus: Nie waren die Dialoge räudiger, nie sahen die Nebenfiguren (und Käpt'n Jack) verkommener aus. Als Finale der Reihe (was das Marketing in Salazars Rache hineininterpretiert hat) ist Teil fünf ein solider Abgesang, als möglicher inhaltlicher Wendepunkt, der die Segel für einen völlig anders gearteten sechsten Part setzt, wäre dieses Abenteuer schon deutlich stärker. Was nun Sache sein wird, tja, das wird uns nur die Zukunft verraten. Bis dahin freue ich mich über den fiesen Dialogwitz, Geoff Zanellis vergnügliche Musik und Kaya Scodelarios Carina Smyth sowie über die Wiedervereinigung, Golshifteh Farahani als Seehexe Shansa (zeigt im potentiellen nächsten Film bitte mehr von ihr!), den Bankraub und die Galgen-Actionsequenz. Für die Zukunft hätte ich aber gern die inhaltlichen Ambitionen von Ted'n'Terry und Gore Verbinski zurück - und einen Depp, der nicht in manchen Szenen wie der Verrückte Hutmacher klingt (sofern die Filmreihe überhaupt Sparrow-zentrisch bleibt). Na dann: Trinkt aus, Piraten!

Platz 3: La La Land (Regie: Damien Chazelle)

Einfach ein Träumchen von einem Film: Dieses mit cleveren, liebevollen Hommagen an frühere Filme gespickte Musical verneigt sich tief vor der munteren, lebensfrohen MGM-Ära des Musicalkinos sowie vor der lebensnahen Bittersüße der französischen Nouvelle Vague, und formt daraus ein ebenso nostalgisches wie zeitgemäßes Gesamtkunstwerk. Die Farben glühen geradezu von der Leinwand, gleichwohl wähnt sich Damien Chazelle in einem visuellen Beinaherealismus, Emma Stone und Ryan Gosling geben ein bezauberndes Paar ab - und haben dennoch sehr echte Probleme. Die angejazzte Musik geht prompt ins Ohr und alles in allem ist La La Land schlicht bezirzendes, emotionales Kino, das mir ein riesiges Lächeln ins Gesicht zaubert, ohne je übermäßig in Kitsch abzudriften.

Platz 2: Einmal bitte alles (Regie: Helena Hufnagel)

Wow. Wow! Einfach nur wow! Basierend auf einem Drehbuch von Sina Flammang und Madeleine Fricke ist Einmal bitte alles eine zu gleichen Teilen höchst authentische Lebensgefühlkapsel wie auch ein wunderschöner, kunstvoll abstrahierender Kommentar auf die Sorgen, Hoffnungen und Widersprüche einer Personengruppe, zu der ich mich selber auch zähle. Nämlich: "Mit-bis-Endzwanziger in den 2010er-Jahren, die in einer Industrienation leben, nicht aus einer gut betuchten, hilfsbereiten Familie stammen, sich nicht dazu entschlossen haben, in einen der sehr wenigen, noch verbleibenden Berufszweige zu gehen, in denen eine gesunde Bezahlung garantiert ist, und die allein schon deshalb, weil sie Respekt, Zukunftsperspektive, vernünftige Löhne sowie ein offenes Ohr für Sorgen fordern, als kindische, egomanische Träumer abgestempelt werden." Und all das ohne Berlin-Hipstertum, lautem Rumgewimmer oder forcierte Coolness!

Im Mittelpunkt dieses ebenso humorvollen wie auch deprimierend-wahren Films steht die 27-jährige, ein Diplom aufweisende Grafikerin Isi (wundervoll gespielt von einer wandelbaren Luise Heyer). Sie ist auf nicht unbeachtliche Weise Opfer der allgemein grassierenden Umstände: In Berufen, die auch nur ansatzweise Kreativität fordern, kommt man nur noch mit Vitamin B weiter, sonst wird man von Praktikum zu Praktikum gereicht. Die Mieten sind der reinste Wucher. Und wenn man sich anhand seiner zahllosen gesellschaftlichen sowie beruflichen Pflichten ausgebrannt hat, so dass man mal seine Batterien auftanken muss, wird man direkt als verantwortungslos und faul beschimpft.

Gleichwohl haben Flammang, Fricke und Regisseurin Helena Hufnagel, die diesen Stoff mit einer Garden State-esquen, süffisant-verspielten Melancholie anfasst, keinen "Generation Y, du darfst nun die Ungerechtigkeit der Welt um dich herum beklagen"-Jammerfilm kreiert. Denn Isi muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit den denkbar schlecht gemischten, ungerecht verteilten Karten, die sie erhalten hat, zu allem Übel auch noch richtig mies zu pokern: Sie lässt sich vom Sozialneid auf ihre mehr Glück habende Mitbewohnerin und (on-and-off-)beste Freundin Lotte (liebenswert-ignorant gegenüber Isis Klagen: Jytte-Merle Böhrnsen) zerfressen. Sie lässt Chancen verstreichen. Sie hält zu sehr an ihren Idealen fest, statt nach vernünftigen Kompromissen zu suchen. Und so weiter ...

Das klug konstruierte, ausgewogen über die behandelten Generationssorgen reflektierende Drehbuch, die träumerisch-farbverwaschenen, doch ebenso sehr die unschönen realen Details einfangenden Bilder von Kamerafrau Aline Laszlo und ein warmkalter, emotional komplexer Strom an Hintergrundsongs heben diese Dramödie für mich zu einem der eindrucksvollsten deutschen Filme des bisherigen Jahrzehnts empor. Zweifelsohne spielt Einmal bitte alles auch sehr in die Karten, wie sehr ich mich mit Isi identifizieren kann und wie sehr mir die komplexe Atmosphäre dieser kleinen, wundervollen Produktion aus der Seele spricht. Nicht umsonst ist das hier meine rein mit dem Herzen erschaffene Favoritenliste! Dennoch kann ich nicht genug betonen, wie sehr ich Einmal bitte alles allen empfehlen kann, die auch nur einen winzigen Bruchteil von Offenheit gegenüber diesem Filmstoff übrig haben. Es ist ein Glanzstück des deutschen Kinos!

Platz 1: A Cure for Wellness (Regie: Gore Verbinski)

Berückend schöne Bilder, eine bedrückend hintersinnige Weltsicht: Gore Verbinski kehrt nach über zehn Jahren Wartezeit ins Horrorfach zurück und erschafft mit A Cure for Wellness einen atemberaubend gut aussehenden Psychofilm, der mit süffisantem Zynismus ein Experiment an seinem Publikum abhält. Was, wenn uns unsere Arbeitswut krank macht - wir aber in der Abgeschiedenheit ebenso sehr von Wahnsinn heimgesucht werden? Dank Bojan Bazellis hypnotischer Kameraarbeit und der betörenden Instrumentalmusik aus der Feder von Benjamin Wallfisch, die Sirenengesang, sanft-verstörendes Geklimper und majestätische, dunkelromantische Orchestermelodien vermischt, wird aus diesem inhaltlichen Rücksturz auf gotisch inspirierte Horrorklassiker und den kessen, dezent amüsierten Hammer-Horrorthrillern vergangener Tage ein Genrebeitrag, der gleichermaßen mit Prunk, Schauer und dunkel-humoriger Selbsterkenntnis zu verlocken weiß. Eine bis ins Mark gehende Klangabmischung, surreale Traumsequenzen und die intensive, gleichwohl schwer einer klaren Kategorie zuzuordnende Dynamik zwischen den Hauptdarstellern Mia Goth und Dane DeHaan ergänzen diesen Geniestreich weiter. A Cure for Wellness mag zum Kinostart so manche ratlos zurückgelassen haben, aber ich bin von dieser "Der Zauberberg, Verbinski-Art"-Erzählung schwer beeindruckt und sage (wie so oft, wenn Verbinskis Filme floppen) vorher, dass der Film in den kommenden Jahren als verkanntes Kunstwerk wiederentdeckt wird. Ich gönne es A Cure for Wellness vom ganzen Cineastenherzen - 2017 hat mich kein Film stärker in Euphorie versetzt und ebenso wenig hat mir das ganze Jahr über eine Filmproduktion nachhaltiger den Atem geraubt.

Und damit können wir das Filmjahr 2017 zu den Akten legen!

Mittwoch, 31. Januar 2018

Salt and Fire


Werner Herzogs Filmschaffen durchläuft seit einigen Jahren einen ungewöhnlichen Wandel – es ist so, als würden die beiden Seiten des Regisseurs ihre Charakteristika tauschen. Waren seine Spielfilme in Herzogs Blütezeit von einem rauen Realismus geprägt, der davon zehrte, dass Herzog seine Darsteller ähnliche Qualen durchleiden ließ wie seine Figuren, so waren seine größten Dokumentarfilme doppelbödig, gezielt gekünstelt und philosophisch. Derzeit nehmen Herzogs Dokumentationen hingegen eine zunehmend direktere Form an, während seine fiktionalen Arbeiten an Stringenz verlieren.

Per se ist dies schlicht ein Stilwechsel und somit wertfrei zu betrachten – die unmittelbare 3D-Dokumentation Die Höhle der vergessenen Träume und der moralische Haken schlagende Thriller Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen zeigen, dass der „neue“ Herzog nicht minder interessant ist als der „alte“. Herzogs jüngster Film, ein Drama namens Salt and Fire, das seitens des Verleihs bevorzugt als Öko-Thriller bezeichnet wird und in Wahrheit wohl einfach nur eine knochentrockene Fingerübung darstellt, zeigt hingegen: Selbst ein Werner Herzog greift mal daneben. Und das nicht einmal auf eine faszinierende, da an hohen Ambitionen scheiternde Art. Sondern ganz unzeremoniell mit einer langweiligen, zerfasernden, mies gespielten Handlung, die mühselig einen soliden Kurzfilm auf abendfüllende Länge zerrt:

Ein unter steter Hitze leidendes, ungenanntes (ganz klar Bolivien darstellendes) Land: Die renommierte Professorin Laura Sommerfeld (Veronica Ferres) soll im Auftrag der Vereinten Nationen gemeinsam mit ihrer Wissenschaftlerdelegation (Gael García Bernal und Volker Michalowski) die Ausmaße einer drohenden Umweltkatastrophe analysieren. Denn im Landesinneren breitet sich der Salzsee „Diablo Blanco“ dramatisch aus – währenddessen droht zudem der Supervulkan Uturunku, auszubrechen. Doch Sommerfeld wird vom nachdenklichen Unternehmer Matt Riley (Michael Shannon) entführt, der sie letztlich in der kargen Salzwüste aussetzt …

Basierend auf einer von ihm heftig umgeschriebenen Kurzgeschichte setzt Herzog seinem Publikum in Salt and Fire zunächst einmal einen Wust aus ungelenken Dialogen vor, die das weltfremd agierende Ensemble abwechselnd im Flüsterton oder laut keifend in den Raum wirft. Bernal bekommt die undankbare Aufgabe, einen hölzernen Expositionsmonolog abzuhalten, der ohne jede Subtilität die Vorgeschichte der Handlung zusammenfasst. Shannon muss zusammenhangslos zwischen bedrohlichem Zetern und steifen, bedeutungsschwangeren Monologen chargieren, ohne dass seine Rolle je wirklich furchteinflößend wird oder seine dahingeschwafelten Gedanken an Bedeutung gewinnen. Der echte Wissenschaftler Lawrence Krauss derweil gibt eine Wissenschaftler-Witzfigur, die wie der zugekokste Zwillingsbruder von Prof. Frink aus Die Simpsons anmutet – und die über Motive wie Aliens und Zeitreisen quasselt, die ebenso schnell verpuffen, wie sie ihm aus dem Mund sprudeln.

Nachdem eine schleppende Rückblende zudem aufgezeigt hat, wie Sommerfeld in Rileys Gefangenschaft geriet, werden Bernal sowie Michalowski (in einer völlig überflüssigen Rolle) mit der Erklärung, ganz böse Dünnpfiff zu haben, rausgeschrieben. Einige dissonante Lektionen über Salzwüsten später, landet die von Ferres in einer ungeheuerlich platten, monotonen Stimmlage sowie mit behäbiger Mimik gespielte Professorin endlich in der gleißend weißen Hölle. Dort wächst der zuvor stümperhaft ausgeleuchtete, ohne jeglichen narrativen Rhythmus geschnittene Film hinsichtlich seines Kunsthandwerks endlich auf ein annehmbares Niveau heran:

Kameramann Peter Zeitlinger (Begegnungen am Ende der Welt) ringt dem Drehort Salar de Uyuni eine surreal-poetische Schönheit ab. Und selbst wenn die zwei Kinderdarsteller, deren Figuren gemeinsam mit Sommerfeld in der Wüste gestrandet sind, ihre Unlust überdeutlich vorführen, so hat das wortkarge Zusammenspiel zwischen Wissenschaftlerin und unbedarften Seelen einen verqueren Reiz. Aber das ultratrockene Semivergnügen ist nur von kurzer Dauer: Die mit dem Holzhammer nachgereichte Erklärung des Geschehens reißt jegliche Interpretationsmöglichkeiten mit der Gewalt einer Vulkaneruption ein.

Salt and Fire ließe sich schönreden als Experiment Herzogs, mit den Kinogängern das anzustellen, was Riley mit Sommerfeld treibt. Doch die Symbiose von Form und Inhalt beschönigt nicht, dass ein prägnanter, durch genervte Kinderdarsteller und eine gestelzt spielende Ferres von Lebendigkeit befreiter, wenngleich nachdenklich stimmender 15-Minüter durch das antrieblose Laientheater um ihn herum entwertet wird.

Fazit: Wenn der Herzog sein Publikum mit der bäuerlichen Vorstellung davon, was Kunstkino bedeutet, in die Salzwüste schickt: Veronica Ferres ist so schlecht wie nie zuvor – und auch Regielegende Herzog hat Dutzende bessere Filme in seiner Vita.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Elvis & Nixon


Am 21. Dezember 1970 platzte Superstar Elvis Presley unangemeldet ins Weiße Haus und forderte ein dringendes Gespräch mit dem amtierenden US-Präsidenten, Richard Nixon. Bei diesem Treffen entstand eines der meistgefragten Fotos der Welt: Ein absurdes Aufeinanderprallen von konservativem Politiker und schrillem Entertainer. Die ganze Geschichte ist ein Kuriosum der Pop- und Politikgeschichte. Sowie ein auf schräge Art ungeheuerlich ärgerliches Versäumnis – denn Nixon fing erst am 16. Februar 1971 damit an, sämtliche Gespräche und Telefonate im Oval Office aufzuzeichnen, womit ausgerechnet diese immense Neugier weckende Begegnung ausbleibt.

Zusätzliches Öl ins Feuer der Spekulationen, was sich bei diesem Treffen wohl abgespielt haben könnte, gießt der Umstand, dass „der King“ aus diesem Treffen als Undercover-Agent der Drogenbehörde ehrenhalber hervorging. Wen wundert’s, dass diese amüsant-schräge Fußnote der US-Geschichte eines Tages in einen Kinofilm münden sollte? Das schlicht und treffend Elvis & Nixon betitelte Endergebnis ist zwar weder besonders erhellend, noch ein Gagfeuerwerk. Aber als bodenständig vermittelte, ihren verqueren Humor trocken umsetzende Anekdote ist Liza Johnsons neuste Regiearbeit erfrischend und durchaus charmant.

Dies ist insbesondere den Hauptdarstellern zu verdanken. Zwar begegnen sie sich erst nach etwas mehr als einer Filmstunde, jedoch bestechen sie zuvor bereits in ihren eigenen Sequenzen. Kevin Spacey, der spätestens seit House of Cards die Rolle des schmierigen Politikers locker aus dem Ärmel zu schütteln weiß, interpretiert Nixon unter großer Spielfreude als altmodischen Sturkopf. Wenn Nixon im Gespräch mit dem Stab des Weißen Hauses zwischen Verachtung, Neid und Ignoranz bezüglich Presley schwankt, bringt Spacey zudem Verve mit, wie sie im Kino kaum ein Nixon-Schauspieler zeigte.

Michael Shannon spielt Elvis derweil, selbst wenn das Drehbuch bei seiner Charakterzeichnung nur selten explizit in die Tiefe geht, filigran und facettenreich: Dieser King des Hüftschwungs ist altersmüde, grantig und abgehoben. Er glaubt ernsthaft, er könnte seinem Vaterland als Undercover-Agent dienlich sein. Andererseits ist er gönnerhaft, hat einen spröden Sinn für Humor und die Selbstverständlichkeit, mit der er in ein ausschließlich schwarze Kunden ansprechendes Diner geht, hat dank Shannons verschmitzten Gesichtsausdruck sowohl was von Arroganz als auch von Aufgeschlossenheit. Und obwohl Shannons Elvis in der Öffentlichkeit nie aus seiner Bühnenpersona fällt, ist ihm ein im Hinterkopf nagendes Gefühl der Übersättigung anzumerken.

Dass der handwerklich nicht weiter auffällige, mit einer stimmigen Musikauswahl untermalte Film nach leicht holprigem Anfang gen Schluss durch einen Subplot über das Privatleben eines Assistenten Elvis‘ an Fokus verliert, ist bedauerlich. Der Schuss Menschlichkeit und Alltäglichkeit, den diese Szenen Elvis & Nixon verleihen, wird viel wirksamer durch die raren Momente rübergebracht, die Nixon bescheiden und Elvis ehrfürchtig zeigen. Dennoch: Wer beim Grundgedanken dieses Films und den beiden Hauptdarstellern hellhörig wird, sollte nach dieser kleinen, feinen Produktion Ausschau halten.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Sonntag, 28. Januar 2018

Meine 35 Lieblingsfilme 2017 (Teil II)

Die Verschnaufpause ist vorbei, weiter geht es mit meinen 35 Lieblingsfilmen des Jahres 2017 - sowie mit den Ehrennennungen für Filme, die es ebenfalls verdient hätten, in einer solchen Bestenliste vorzukommen.

Da wären Get Out, den ich als gesellschaftskritischen Horrorfilm sehr schätze, der mir allerdings keinen Schauer über den Rücken zu jagen vermochte, weil Teil der Auflösung auf einem Element basiert, das ich generell zutiefst ungruselig finde. Dennoch: Smart geschrieben, toll gespielt! Guardians of the Galaxy, Vol. 2 wiederum sieht klasse aus, ich mag den Humor und auch James Gunns Schneid, in diesem irren Weltraumabenteuer über dysfunktionale, familienähnliche Gefüge und Vergebung zu sinnieren - nur leider sind einige der emotionaleren Dialoge extrem vorschlaghammermäßig.

Timm Thaler ist denkbar knapp aus dieser Rangliste geflogen und hätte als origineller, aufregender deutscher Familienfilm viel, viel mehr Aufmerksamkeit verdient. The Salesman ist ein spannendes, kluges Selbstjustiz- und Vorverurteilungsdrama aus dem Iran, Una & Ray zeigt Ben Mendelsohn und Rooney Mara in einem aufreibend gespielten Drama, das seine Tabus lobenswert leise anpackt, Verleugnung ist ein wichtiges, wütend machendes Drama über Holocaustverleugnung, The Party eine gewiefte Kammerspielkomödie darüber, wie sich die politische Linke selber fertig macht, obwohl sie doch so dringend die Gegenseite attackieren sollte, Detroit ein intensives, packend inszeniertes Rassismusdrama, Captain Underpants ein wildes Animationskomödienfest, dem auf den letzten Metern leider etwas zu sehr die Puste ausgeht, Moonlight ist super gespielt und toll erzählt, vermasselt in meinen Augen allerdings den perfekten Ausklang, Plan B ist eine sympathische B-Movie-Hommage aus Deutschland, Die Taschendiebin ein bildhübsch ausgestattetes, verschachtelt erzähltes, kluges Erotikdrama mit doppeltem Boden und Jugend ohne Gott eine mitreißende deutsche Dystopie über den moralischen Kompass in uns allen.

Am liebsten hätte ich sie alle einfach in einem Unentschieden auf Rang 35 geparkt, aber so mache ich mich nur lächerlich. Also ... stur weiter im Text! Diese Filme haben mich nämlich noch stärker in cineastisches Hochjauchzen versetzt!

Platz 25: Colossal (Regie: Nacho Vigalondo)

Ein Vertreter aus der Sparte "Ein Film, der am meisten fasziniert, wenn man noch weniger weiß, als das Marketing vorab zu verraten gewillt war": Open Windows-Regisseur Nacho Vigalondo mischt diverse Genres und Tonalitäten, um ein (im mehrfachen Wortsinne) fantastisches Gefühlschaos zum Thema Missbrauch zu erzählen. Gemeint ist damit Alkoholmissbrauch sowie Machtmissbrauch (letzteres auch wieder auf mehreren Ebenen). Anne Hathaway und Jason Sudeikis spielen in dieser absurden, tiefgreifenden, wendungsreichen und dramatischen sowie mit Situationskomik gespickten Produktion spitze auf. Manche mögen dem Film Rassismus vorwerfen, weil hier die Konflikte zweier weißer US-Amerikaner aus der Mittelschicht auf dem Rücken einer anderen Ethnie ausgetragen werden - aber ich finde, dass diese Kritik dem Film nicht gerecht wird. Ist diese Wendung doch eine beißende Fußnote in dieser verqueren Geschichte - sagt sie doch, dass viele vergessen, dass ihre privaten Probleme ein Witz im Vergleich mit Katastrophen an anderen Orten sind. So oder so: Colossal ist ein lobenswert-sonderbares Vergnügen!

Platz 24: Elle (Regie: Paul Verhoeven)

Ob Leinwandlegende Isabelle Huppert, deren Karriere durch Elle noch einmal einen zusätzlichen Schub erhalten hat, und das niederländische Enfant terrible Paul Verhoeven sich glücklich schätzen sollten, dass Elle bereits zwischen Frühling 2016 (Frankreich) und Frühling 2017 (Deutschland) angelaufen ist - und nicht etwa erst kürzlich? Oder wäre es unfassbar spannend, diese markige, mutige Mischung aus Psychothriller, Vergewaltigungsdrama und pechschwarzer Komödie im Fahrwasser der extrem überfälligen, neuen Frauenrechtsbewegung goutiert zu sehen? Denn moralisch fehlgeleitet ist dieser komplexe, wahnwitzige Film wahrlich nicht - allerdings ist es sehr leicht, ihn fehlzuverurteilen, wenn man sich nur auf Hörensagen verlässt oder auf einer mit halber Aufmerksamkeit erfolgten, eigenen Sichtung. Insofern: Lustig wäre es, Elle erst jetzt seine Premiere erleben zu sehen. Andererseits: Dieses Bizarro-Gone Girl würde so nur ungerechtfertigte Schelte erhalten. Schade wär's. Genug "Hätte, wäre, wenn und aber": Verhoevens fies-verschmitzt angelegtes, von Huppert wundervoll-staubtrocken vermitteltes, mehrbödiges Spiel mit Seherwartungen, Moralvorstellungen und Humorkonzepten ist ein subversives, spritziges Filmerlebnis, das man einfach gesehen haben muss.


Platz 23: Aus dem Nichts (Regie: Fatih Akin)

Bamm! Nach der verträumten Teenie-Road-Trip-Dramödie Tschick macht Fatih Akin eine 180°-Wende und verpasst dem deutschen Film und dessen Kritikern sowie an aller erster Stelle einem hiesigen Problemthema mit voller Wucht eins in die Fresse: In Aus dem Nichts schildert Akin in drei Akten die Geschichte einer Frau, die ihr Kind und ihren Mann an rechten Terror verloren hat. Sie muss sich daraufhin mit Vorurteilen ihres Umfelds und der Polizei auseinandersetzen, mit der neuen Leere in ihrem Leben kämpfen und sich dann vor Gericht einer regelrechten Justiztortur stellen. Diane Kruger liefert eine Karrierebestleistung ab und Akin schafft es, dem Thema "Deutschlands Scheuklappen vor rechter Gewalt" mit der gebührenden Wut zu entgegnen und dennoch nicht grobschlächtig vorzugehen, gesteht er Polizei und Justiz auch Erfolgsmomente zu und hat in Denis Moschittos Anwaltsfigur Danilo Fava das denkbar besonnenste, charmanteste Sprachrohr für den Weg der Vernunft gewählt. Traurige Fußnote an dem Ganzen: Wie dringend diese Geschichte erzählt werden muss, sieht man an der Rezeption zum Film.

Platz 22: Lieber leben (Regie: Grand Corps Malade und Mehdi Idir)

Dafür, dass Kinodeutschland französische Tragikomödien so sehr liebt, ging Lieber leben leider katastrophal an den hiesigen Kassen unter. Klar, aber Ziemlich beste Freunde zum bislang erfolgreichsten Film des Jahrzehnts machen ... Liebe Film-Bundesrepublik, ich bin enttäuscht von dir! Denn diese in den 90ern spielende, auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte eines Jugendlichen, der nach einem schweren, dummen Unfall in der Rehaklinik landet und mühevoll wiedererlenen muss, wie man sich bewegt, hat starke, unaufdringliche Performances, lebensnah-komplexe Figurenzeichnungen und eine so, so wunderschöne, bittersüße Tonalität: Es ist so, als würde Lieber leben einem, ganz frei von lästigen Kalendersprüchen, klar machen, dass das Leben nun einmal das ist, was man daraus macht - jedenfalls immer dann, wenn einem nicht das Schicksal in die Suppe spuckt. Freude und Trauer liegen eng beieinander, auch in der Not kann man Glück finden, doch es bleibt weiter mit der Notlage in Verbindung. Eine lebensbejahende Krankenhausgeschichte, frei von Kitsch? Schlagt mich nicht, aber das hier hätte den ganzen Club der roten Bänder-Hype verdient! Mir zumindest hat Lieber leben den Atem geraubt!

Platz 21: Manchester by the Sea (Regie: Kenneth Lonergan)

Ein berührendes Drama über Trauer, Wut, Verzweiflung, Selbstvorwürfe und schleichende Heilprozesse: Kenneth Lonergans Manchester by the Sea erzählt feinfühlig und mit lebensnah gebrochenem Tonfall von einem Einzelgänger, der sich aufgrund des Todes seines Bruders um seinen Neffen kümmern muss, obwohl er selber noch immer einen Schicksalsschlag zu verarbeiten hat. Klingt nach Klischee-Oscar-Bait-Kino, ist aber aufgrund sensationeller Schauspielleistungen von Michelle Williams, Casey Affleck und Lucas Hedges sowie packender Dialoge, die zwischen Galgenhumor, Tragik und stiller Dramatik schwanken, eine wahre Wucht von einem Film.

Platz 20: Raw (Regie: Julia Ducournau)

Ich habe eine Schwäche für mutige Genremixturen, wann immer sie zielstrebig und mit steter, fähiger Hand inszeniert werden und auf mich nicht etwa wie hilflos-chaotisches Kuddelmuddel wirken. Das dürfte unter anderem durch meine Begeisterung für Gore Verbinski deutlich werden, sowie durch Rang 24 und 25 dieser Rangliste. Da dürfte es kein Wunder sein, dass mich Julia Ducournau mit ihrer Verschmelzung aus Coming-of-Age-Drama, Campusrüpelkomödie, Sexualitätsthriller und Kannibalismushorror um den Finger zu wickeln weiß, erzeugt sie doch ein eiskaltes, stringentes Filmuniversum, in dem diese rohe, dunkelkomödiantische, sinnliche sowie eine kritische Haltung annehmende Mixtur aus den genannten Genres so natürlich und offensichtlich erscheint wie ... äh ... perverse Aufnahmerituale in "normalen" Campusrüpelkomödien. Ich musste mir auf dem Fantasy Filmfest mehrmals den Szenenapplaus verkneifen, um das so variantenreich auf diesen filmischen Leckerbissen reagierende Restpublikum nicht zu stören. Super!

Platz 19 Manifesto (Regie: Julian Rosefeldt)

Die Filmversion der gleichnamigen Kunstinstallation ist eines der am hellsten strahlenden Beispiele für Produktionen, die mit der Präzision eines High-End-Lasers auf ein tief in mir sitzendes Bedürfnis abzielen, von dem ich vor der Ankündigung des betroffenen Films nicht einmal wusste, dass ich es habe. Dieses Projekt ist sehr speziell, es lässt mehrere meiner Interessen und Faibles kulminieren und es ist so kompromisslos, dass es genau die Leute erreicht, die es erreichen will und Leute, die wirklich null Berührungspunkte damit haben, ratlos daneben stehen lässt. Selbst wenn ich finde, dass es wahrlich nicht schaden kann, sich mal darauf einzulassen: Die ungeheuerlich wandelbare, gleichwohl stets mit ihrer markanten theaterhaften Ausstrahlung begeisternde Cate Blanchett spielt zwölf Charaktere, die in mehr-oder-minder-alltäglichen Situationen Monologe von sich geben, die wiederum die Verschmelzung von teils mehreren Manifesten über je eine Kunstrichtung darstellen. Ich komme da vor Freude ins Sabbern - und habe genau das kunstvolle, intellektuell ambitionierte, mich in den Bann ziehende Projekt bekommen, das ich sehen wollte. Also, meinetwegen darf es gerne Fortsetzungen/Trittbrettfahrer geben. Hallo, "Keira Knightley definiert zwölf Filmgenres"! Oh, da bist du endlich, "Oscar Isaac verkörpert zwölf Musikgattungen"! Wo bleiben "Joseph Gordon-Levitt erläutert sämtliche wichtigen Theatertheorien" und "Rosamund Pike rezitiert die zentralen kulturtheoretischen Abhandlungen über Kitsch und Camp"? Mein Hunger wurde gestillt, aber gleichzeitig wurde eine neue Begierde geweckt!

Platz 18: Wo die wilden Menschen jagen (Regie: Taika Waititi)

Mit gewaltigem Abstand die beste Taika-Waititi-Regiearbeit, die 2017 ihre Deutschlandpremiere gefeiert hat - wenn auch leider nur im Heimkino: Wo die wilden Menschen jagen ist in gewisser Weise eine neuseeländische Spielart von Moonrise Kingdom, als dass wir einem unangepassten Jungen und seinem Vormund-wider-Willen auf eine skurrile, berührende, urkomische Reise durch die Wildnis folgen. Sehr gut gespielt, mit Witz und Charakter in Szene gesetzt und erfrischend andersartig macht diese Dramödie viel Spaß - und lässt einem ihre Hauptfiguren sehr, sehr eng ans Herz wachsen.

Platz 17: John Wick - Kapitel 2 (Regie: Chad Stahelski)

Länger, härter, kunstvoller: Ähnlich, wie The Raid 2 das Original als Sprungbrett nahm, um etwas viel ambitionierteres, besseres und dennoch der epochalen Laufzeit zum Trotz sogar noch kurzweiligeres zu erschaffen, nimmt John Wick - Kapitel 2 seinen Vorläufer und optimiert ihn in jeglicher Hinsicht. Ich mein: Ein Actionfilmepos mit aufwändiger, aber nie selbstverliebt wirkender Weltenbildung, das damit beginnt, dass ein Buster-Keaton-Film auf eine Hochhauswand geworfen wird? Stahelski verschwendet wirklich keine Sekunde, um den Cineasten im Publikum zu verklickern, was sie nun erwartet. Und zwar: Eine Stuntextravaganza, die enormen Spaß macht und dennoch nie albern ist, weil der Protagonist und die Regie diese süffisant-comichafte Welt bierernst nehmen. Ein tonales Oxymoron, das nach minutiöser Regieführung, berauschenden Bildern, mitreißender Action und knackiger Action verlangt, um nicht in sich zusammenzufallen. Und, siehe da: Die selbst auferlegte Aufgabe wird mit Bravur absolviert.

Platz 16: Kingsman - The Golden Circle (Regie: Matthew Vaughn)

Ich bin mir nicht sicher: Sind John Wick - Kapitel 2 und Kingsman - The Golden Circle perfekte Nachbarn in meiner Hitliste und würden ein hervorragendes Action-Double-Feature ergeben oder sind sie so grundverschieden, dass sie nicht so nah beisammen gehören? Ach, ich tendiere mehr zu ersterem, denn Gegensätze mit kleinen Gemeinsamkeiten ergeben wunderbare Paare: Vaughns Fortsetzung seines Überraschungserfolgs Kingsman - The Secret Service vergrößert die durchgeknallte Welt aus dem Vorgänger und setzt in jeder Hinsicht noch einen drauf. Der Humor ist spritziger und bescheuerter, die Action irrwitziger und noch besser auf die Musik abgestimmt, der betriebene Exzess noch exzessiver und der derb augenzwinkernde Tonfall noch markiger. Hinzu kommt eine stärker von den Charakteren gesteuerte, verrückt-episodenhafte Story und fertig ist die Sause. Fies und gemein ist er, dieser Aufruf zu mehr Kultiviertheit, und Vaughn ist sich seiner Doppelzüngigkeit nicht nur bewusst, er weiß sie auch sehr geschickt einzusetzen ...

Platz 15: Die versunkene Stadt Z (Regie: James Gray)

Die seelenruhige Erzählweise und die urgalante Art des alten Hollywoods, Prunk vorzuführen, lassen in dieser Romanadaption grüßen: James Gray erzählt die wahre, doch mit Rätseln bestückte Geschichte eines Forschers, der davon überzeugt ist, dass es tief im südamerikanischen Regenwald Überreste einer Zivilisation gibt, die wir uns nie vorzustellen gewagt hätten. Malerische Bilder, eine genüsslich-altmodische Grundstimmung, dezent dem fortgeschrittenen Gerechtigkeitsverständnis von heute angepasst, und eine hypnotische Musikuntermalung ziehen hier gekonnt in den Bann. Spitze!

Platz 14: A Ghost Story (Regie: David Lowery)

Elliot, der Drache-Regisseur David Lowery wagt einen meisterlichen Spagat: Intellektuelles Kunstkino, das einer simplen, hochemotionalen Idee folgt. Es ist geglückt: Hochkonzeptueller Anspruch und schlichte Eleganz treffen hier aufeinander und ergeben eine wunderschöne Einheit. Diese unsere Vorstellung von Raum und Zeit, Schmerz und Vehemenz hinterfragende Geistergeschichte erzählt nämlich die denkbar geradlinige, einfache und verständliche Geschichte eines Toten, der den Verlust seiner noch lebenden Liebsten zu verarbeiten versucht. Eingefangen in atemberaubenden, engen Bildern, zart von Rooney Mara und Casey Affleck gespielt und mit fesselnd-melancholischer Musik untermalt ist A Ghost Story ein schön-traurig-interpretierbarer-in-sich-stimmiger Film, dem ich jedem ans Herz legen kann, der dialogarme Filme mag.

Platz 13: Jackie - Die First Lady (Regie: Pablo Larraín)

Ein Geniestreich von einem Biopic: Jackie - Die First Lady erzählt in assoziativ aneinandergereihten Rückblenden, wie Jackie Kennedy die Ermordung ihres Mannes erlebt und die darauffolgenden Tage verbracht hat. Umklammert wird dies durch ihr bissiges, medien- und selbstkritisches Gespräch mit einem Journalisten. Natalie Portman gibt eine intensive, vielschichtige Darbietung ab, legt Kennedy als intelligente, der bildenden Kunst zugeneigte und bewusst die Wirkung des äußeren Anscheins nutzende, aber frustrierte und auch traumatisierte Frau an. Kraftvoll und dennoch stets kurz vorm Nervenzusammenbruch, charismatisch und trotzdem kämpferisch, schlägt sich die Protagonistin durch diese mit albtraumhafter Musik unterlegte, in gräulich-abgeranzten Bildern eingefangene, doch elegant ausgestattete Momentaufnahme eines First-Lady-Lebens. Und ganz nebenher wirft Jackie Fragen über Vergänglichkeit und Mythenbildung auf.

Platz 12: The Killing of a Sacred Deer (Regie: Giorgos Lanthimos)

Schon The Lobster hat mir enorm gefallen, doch die zweite Zusammenarbeit zwischen Giorgos Lanthimos und Colin Farrell hat mich noch mehr umgehauen: Mit The Killing of a Sacred Deer präsentiert sich Lanthimos als Griechenlands lakonisches Pendant zu den Coen-Brüdern und liefert einen Film ab, in den sich je nach eigener Stimmung und Persönlichkeit sonst eine Tonalität hineininterpretieren lässt. Ist dies ein eiskalter Psychothriller? Eine griechische Tragödie, die in den heutigen USA spielt? Ein doppelbödiges Drama? Eine pechschwarze, herrlich-fiese Komödie, die sich über Arthouse-Arroganz, den banalen Alltag und Genrekonventionen lustig macht? Alles zusammen? Ich finde: Letzteres, mit Schwerpunkt auf der Komödie. Denn ich kam während dieser bitteren Geschichte über einen Mann, der gezwungen wird, zwischen Leben und Tod zu richten, nicht aus dem Grinsen heraus. Die spröden Performances, die sinistre Kameraführung und die psychotische Musikuntermalung sind in ihrer Konsequenz eine wahre Wonne und ich kann es nicht abwarten, den nächsten Lanthimos zu sehen!


Platz 11: Baby Driver (Regie: Edgar Wright)

Was für ein fetziger Film: Edgar Wright nimmt die "Ein letzter Raubzug, dann bin ich raus!"-Masche zahlreicher Gangsterpossen und verleiht ihr mit einem Hammersoundtrack, Spitzenstunts und kessem Handwerk eine echt flotte Sohle! Baby Driver ist ein Meisterwerk in Sachen Schnittarbeit: Der Film folgt dem Rhythmus seiner (nahezu) ständigen Songuntermalung, die toll choreografierten, ohne CG-Gewitter umgesetzten Stunts werden dank der beschwingten Kameraführung förmlich zu Tänzen und die Dialoge haben den Flow und den Takt flotter Songtexte. Mit einem bestens aufgelegten Cast, der seine zweidimensionalen Figuren zu coolen Archetypen erhebt, sowie dem Verzicht auf unnötige Verschnaufpausen ist dieser Heist-Movie ein energiereiches, großes Vergnügen, das sich auch nach mehreren Sichtungen nicht abnutzt.