Donnerstag, 19. Juli 2018

Die erfolgreichsten Musicals in Deutschland (Rang elf bis 20)

Deutschland, das Land der Musicalmuffel? Fast mag man das glauben: Der US-Sleeperhit Greatest Showman generierte hierzulande wohlwollendere Kritiken als bei der Presse auf der anderen Seite des Teiches, und dennoch ließen sich nur 710.500 Menschen von Hugh Jackman, Zendaya, Zac Efron und Konsorten in die Kinos locken. Tim Burtons blutiges Musicaldrama Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street kam sogar nur auf 467.343 verkaufte Eintrittskarten - und dabei erschien er auf der Höhe des Johnny-Depp-Hypes. Selbst der (von Disney finanzierte) deutsche High School Musical-Abklatsch Rock it! erreichte mit 474.361 ein größeres Publikum.

Andererseits überrascht das deutsche Kinopublikum immer wieder: Der berühmt-berüchtigte Musicalstreifen Xanadu brachte es irgendwie auf mehr als 0,97 Millionen Interessenten, und der allmählich in Vergessenheit geratene Rockfilm Tommy, den ich hier mal als Musical zähle, brachte es damals auf 1,2 Millionen. Damit ist er auch extrem nah dran, zu den 20 erfolgreichsten Realfilmmusicals der deutschen Kinohistorie zu zählen.

Die Plätze 20 bis elf möchte ich euch nun an dieser Stelle präsentieren. Dabei gilt: Die Definition eines Musicals ist etwas schwammig, weshalb ich mich mit mir darauf geeinigt habe, dass die Gesangs- und Tanzsequenzen einen erheblichen Teil des Films ausmachen sowie die Story und/oder Figurenzeichnung vorantreiben müssen. Trotz mehrerer kleiner Gesangseinlagen sehe ich Mel Brooks Robin Hood - Helden in Strumpfhosen nicht als Musical, während euch auf Platz 19 ein Film begegnet, dessen Gesangseinlagen diegetisch sind, aber so aussagekräftig über die Figuren sind, dass der vermeintlich realistische Überbau des Films für mich wie ein narratives Gimmick daherkommt wie auch die Traumsequenzen im Musicalfilm Chicago. So oder so: Viel Spaß beim Entdecken und Erinnern!

Platz 20: Bibi & Tina: Voll verhext! (1,29 Millionen Ticketverkäufe)

Wow: Der zweite Teil von Detlev Bucks Bibi & Tina-Reihe kam nur neun Monate nach dem Erstling heraus. Was für ein Mordstempo. Und es lohnte sich: Die Fortsetzung erreichte an den Kinokassen über 127.000 Menschen mehr als der Beginn der musikalischen, kreativen Filmreihe voller Hexerei, Pferde, Teenie-Romanzen und verspielter Gags. Die mehrere Stimmungen und Stile durchlaufende Musik stammt, wie auch in den anderen Filmen der Reihe rund um die titelgebenden, von Lina Larissa Strahl und Lisa-Marie Koroll verkörperten Freundinnen, von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust.

Platz 19: A Chorus Line (1,30 Millionen Ticketverkäufe)

Die von Richard Attenborough inszenierte Filmadaption des gleichnamigen Broadwaymusicals des Duos James Kirkwood, Jr. & Nicholas Dante lässt Filmfans und -historiker debattieren: Gewissermaßen ist es durchweg in unserer Realität verwurzelt und zeigt eine Gruppe hoffnungsvoller Talente beim Vorsprechen und Proben eines Musicals. Insofern ist es eigentlich eher ein Filmdrama über eine Musicalgruppe, und weniger ein Musical. Oder ist es doch ein Musical, da Attenborough diesen realistischen Ansatz als verspieltes Gimmick nutzt, um 1985 einem Musicals abgeneigten Kinopublikum das Genre unter die Nase zu jubeln? Schließlich singen die Figuren kurioserweise durchweg Lieder aus einer Show-im-Film, die perfekt zu ihrer Charakterisierung und Gefühlslage passen ...

Platz 18: Moulin Rouge! (1,35 Millionen Ticketverkäufe)

Noch ein Film mit einer Show-im-Film, nur dass hier keinerlei Zweifel bestehen, dass wir es mit einem Musical zu tun haben: Der Australier Baz Luhrmann hält mit Moulin Rouge! einen farbenfrohen, fieberhaften Wahngesang auf die Liebe ab und packt auch die Handlung rund um die Show-im-Film mit Gesang und Tanz voll. Zudem ist es eines der erfolgreichsten filmischen Jukebox-Musicals der Geschichte, denn der Sensationserfolg aus dem Jahr 2001, der die Musicalkunst wieder ins Augenmerk des breiten Publikums rückte, lässt Nicole Kidman, Ewan McGregor und Co. Rock- und Popkracher dahinschmettern, als gäbe es kein Morgen.

Platz 17: Evita (1,39 Millionen Ticketverkäufe)

"Don't Cry for Me, Argentina": Die Poplegende und vielfach als Schauspielerin verrissene Madonna schlüpft in diesem von Oliver Stone mitverfassten Musical-Biografiedrama in die Rolle der Politikerin Eva Perón - und wurde 1996 nach Kinostart ausnahmsweise mit positiven Kritiken bedacht. Von Alan Parker auf der Grundlage des Musicals von Tim Rice und Andrew Llyod Webber inszeniert, ist Evita das einzige Musical des vergessenen Disney-Tochterlabels Hollywood Pictures.

Platz 16: Yentl (1,39 Millionen Ticketverkäufe)

Während Evita in Deutschland aufgerundet auf 1,39 Millionen Kinobesucherinnen und Kinobesucher kam, bringt es mit Yentl ein anderes Musicaldrama abgerundet auf 1,39 Millionen Interessenten. Von Barbra Streisand als Regisseurin, Produzentin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin getragen, setzt Yentl auf Musik von Michel Legrand und Liedtexte von Alan & Marilyn Bergman. Die 1983 gestartete Adaption einer Kurzgeschichte dreht sich um das titelgebende jüdische Mädchen Yentl, das sich nach dem Tod ihres Vaters als Mann verkleidet, um an einer Religionsschule zu studieren.

Platz 15: Verwünscht (1,41 Millionen Ticketverkäufe)

Dieses Disney-Mischfilmmusical aus dem Jahr 2007 lässt Amy Adams als Zeichentrickfigur ihr märchenhaftes Reich verlassen, um im modernen New York City zu lernen, dass es mehr gibt als nur die flüchtig erfahrene, wahre Liebe auf den ersten Blick. Bestückt mit vergnügt-selbstironischen Liedern von Disneys Haus- und Hofkomponisten Alan Menken und Texter Stephen Schwartz verneigt sich Verwünscht augenzwinkernd vor dem Disney-Erbe und erarbeitete sich damit sogleich drei Oscar-Nominierungen für den besten Song. Wundersamerweise ging der Film jedoch leer aus.

Platz 14: Bibi & Tina: Tohuwabohu total! (1,65 Millionen Ticketverkäufe)

Eigentlich wollte Detlev Buck bloß eine Bibi & Tina-Trilogie drehen, doch dann ist die Welt durchgedreht, und so sah er sich gezwungen, dem jungen Publikum eine Antwort auf den entstandenen Tumult zu präsentieren: Bibi & Tina: Tohuwabohu total! handelt unter anderem von der vermeintlichen Krise, die durch Flüchtlinge entsteht, von der Angst jener, die ihr Heimatland verlassen, um woanders eine bessere Zukunft zu finden, von Irren, die Mauern aus Hass bauen und vielem mehr. Harter Tobak, verpackt in eingängigen Liedern und im Mary Poppins-Sinne mit einem Löffelchen voll Zucker verdaulich gemacht.

Platz 13: La La Land (1,81 Millionen Ticketverkäufe)

Damien Chazelles Kritikerliebling aus dem Jahr 2016 lief in Deutschland erst 2017 an - und tanzte sich unbesorgt zu überaus löblichen 1,81 Millionen losgeschlagenen Eintrittskarten. Versehen mit Texten des Greatest Showman-Duos Pasek & Paul und Melodien aus der Feder des Komponisten Justin Hurwitz, lässt La La Land Emma Stone und Ryan Gosling durch die Zwickmühle "Beruf, Berufung oder Liebe" schreiten und macht auf dem Weg zur emotional aufwühlenden, wunderschön inszenierten Lösung einen beeindruckenden Haufen an Filmreferenzen.

Platz 12: Pink Floyd - The Wall (1,83 Millionen Ticketverkäufe)

Alan Parker steuert das wohl seltsamste Musical in dieser Liste bei: Die Verfilmung des gleichnamigen Konzeptalbums der einflussreichen Band Pink Floyd ist ein surrealer (Alb-)Traum, der zwischen düsteren Alltagsbildern, unwirklichen Einbildungen und Zeichentrickelementen hin und her switcht. Grob geht es um einen Rockmusiker, der an seine Kindheit und Jugend zurückdenkt und wie im Delirium Rückschläge und Ängste vor seinen Augen aufflimmern sieht. Ein introspektives Musical aus einer filmisch und musikalisch experimentierfreudigen Zeit. 1982 konnte sowas das deutsche Publikum noch in großen Scharen ins Kino locken. Heute wäre das wohl undenkbar ...

Platz 11: Bibi & Tina: Jungs gegen Mädchen (2,00 Millionen Ticketverkäufe)

Der dritte und ursprünglichen Plänen Bucks zufolge finale Teil der Bibi & Tina-Reihe ist das High School Musical 3 dieser kunterbunten, deutschen Filmreihe: Überbordend, durchgeknallt, hoch selbstironisch und voller Film- und Musikreferenzen, die über die Köpfe des jungen Publikums gepfeffert hinwegsegeln sollten. Und ein YouTuber rappt frauenfeindliche Klischees daher. Was halt so alles passiert, im Sommercamp ...


Sonntag, 24. Juni 2018

Disneyland Paris - Mission: Solo


Ich war schon mit Freunden und Familie im Disneyland Paris. Doch nie allein. Wenn es an Urlaubsplanung ging, war es stets ein gemeinschaftliches Ding. Zudem sind Disney-Hotelzimmer in der Regel deutlich leichter zu finanzieren, wenn man sie sich teilt. Im Herbst 2017 war es aber so weit: Ich wollte dringend meinen Jahrespass ausnutzen, jedoch fanden sich keine Mitstreiter - und so fuhr ich kurzerhand für drei Tage allein gen Marne-la-Vallée. Seither bin ich im Februar 2018 ein zweites Mal solo ins Disneyland Paris geflüchtet (ich bin kein Karnevalsfreund, lebe aber mitten im jecken Rheinland, da muss jährlich ein Alternativprogramm her!) und derzeit stecke ich in den allerletzten Urlaubsvorbereitungen für meinen dritten Einzelausflug. Soll heißen: Ich packe gerade.

Ob sich ein Solotrip lohnt, ist selbstredend zu großem Teil eine Frage der Persönlichkeit. Für manche stellt sich kein Urlaubsgefühl ein, wenn man seine Eindrücke nicht mit einer Person teilen kann, die mitgereist ist. Andere können nur alleine abschalten. Daher ist dies hier eher als grobe Sammlung von Eindrücken zu verstehen, und weniger als allgemeingültiger Leitfaden. Trotzdem schätze ich, dass es so manche Disney-Fans da draußen gibt, die bislang den einen oder anderen potentiellen Trip haben sausen lassen, weil niemand mitkonnte oder mitwollte. Deswegen teile ich hier mit euch meine Erfahrungen, inwiefern sich ein Soloausflug vom 'klassischeren' Disneyland-Paris-Erlebnis in Begleitung unterscheidet.

Weniger, aber öfter
Zumindest meiner Erfahrung nach tingeln Gruppen im Disneyland Paris eine größere Reihe an Attraktionen und Shows ab. Das liegt einerseits in der Natur der Sache: Person A liebt vielleicht it's a small world, Person B ist die Bahn egal, also fährt sie mit. Dafür liebt Person B die Ratatouille-Bahn, Person A ist sie egal, also, hey, ausgleichende Gerechtigkeit ... Und so, wie ich es erlebt habe, kommt dann noch die Gruppendynamik hinzu, dass man sich schnell hochschaukelt, viel schaffen zu wollen. Bei Trips, bei denen man als Fan mit Neulingen in den Parks unterwegs ist, erübrigt sich dieser Punkt sowieso. Da lautet das Motto eh 'Fan zeigt Neuling(en) so viel, wie in der Urlaubszeit möglich'. Aber bei einem Trip ganz alleine? Ich jedenfalls bin bei meinen beiden Solobesuchen ganz anders an die beiden Parks herangegangen und habe mich darauf konzentriert, neben den neuen saisonalen Shows/Paraden vor allem möglichst oft mit meinen Favoriten zu fahren. So bin ich im Februar an einem einzelnen Tag neun Mal mit den Pirates of the Caribbean gefahren - öfter als sonst bei mehrtägigen Trips. "Ich bin allein, ich kenne eh schon alle Attraktionen, also .. mach ich halt das, was ich liebe."

Intensivere Zeit für Nischigeres
Klar: Auch Gruppen besuchen die tropisch-atmosphärische, wunderschön grüne Adventure Isle mit ihren verwinkelten Pfaden, Gassen und Höhlen. Vor allem in den sonnigen Monaten sind sie ein sehr romantisches Fleckchen - und weniger überfüllt als der Rest des Parks (gemeinhin, jedenfalls). Und viele Stammgäste lieben die Arcaden in der Main Street. Trotzdem: Nie habe ich so viel Zeit in den abseitigeren Bereichen des Parks verbracht wie bei meinen Solotrips nach Disneyland Paris. Im Oktober 2017 wollte ich an einem Tag um Punkt 10 Uhr zu meinen geliebten Pirates, doch ein Cast Member erklärte am Eingang, dass die Piraten am Abend zuvor etwas zu viel Rum getrunken haben und daher noch 15 bis 30 Minuten brauchen, um in Fahrt zu gelangen. Da ich aber unbedingt die Pirates als erste Bahn des Tages haben wollte, bin ich zur Adventure Isle geschlendert und habe mich einfach völlig von ihnen in ein Karibikabenteuer versetzen lassen. Mit absoluter Ruhe erkundete ich die Höhlen, Dschungelpfade und Wipfel dieser grünen Insel, baute mir in meiner Vorstellung mein eigenes Abenteuer zurecht und begab mich auf die Suche nach Spyglass Hill (der geschlossen war, was ich erst nach einer Stunde geschnallt habe, so drin war ich in meinem Ein-Personen-Rollenspiel). Es wurde ein Ausflug von rund 80 Minuten - viel länger als zuvor üblich, wann immer es nach Adventure Isle ging. Ein anderes Mal nutzte ich die "Extra Magic Time" für Disney-Hotel-Besucher vor Parköffnung ausschließlich für ein Treffen mit Donald und das Bestaunen der Arcaden, statt auch mehrere Attraktionen zu besuchen. Solotrip, Nerdigtrip.

Warteschlangen sind allein ganz, ganz anders
40 Minuten Wartezeit? Naja, man ist ja nicht allein, also kann man sich mit seinen Freunden/seiner Familie unterhalten. Fehlanzeige bei einem Solotrip! Schlangestehen allein bedeutet: Sich irgendwie allein unterhalten. Was ich bei diesen Solo-Wartereien gelernt habe: Es gibt viele Wege, sich die Zeit beim Warten zu verschönern. Ich habe Einzelgänger gesehen, die auf dem Smartphone Serienepisoden oder Filme gucken. Leute, die am Handy spielen. Leute, die am Handy rumsurfen, ihre Fotos sortieren und/oder online teilen. Leute, die lesen (am Kindle oder in Büchern). Ich habe bei meinen beiden Solotrips bislang Abstand davon gehalten, zu sehr im Handy zu versinken. Klar, mal kurz ein paar Fotos anschauen oder sich notieren, in welchem Shop ich dieses eine Shirt gesehen habe, das ich mir noch kaufen muss ... Aber sonst wollte ich meine Zeit im Disneyland möglichst nicht am Bildschirm verbringen - als Schreiberling klebe ich im Alltag schon genug an Monitoren. Disneyland soll was besonderes sein. Und so habe ich mir die Wartebereiche genauer angeschaut (manche haben ja viel Thematisierung zu bieten ... andere leider nicht) und Spaß daran gehabt, Eindrücke anderer Gäste zu gewinnen. Ein bisschen lauschen darf auch mal sein, oder?

Oh, irgendwo vor mir hat eine deutsche Familie das Fastpass-System nicht verstanden. Aha, etwas weiter hinter mir ist eine britische Familie total begeistert. Schräg hinter mir sind in der sich schlängelnden Big Thunder Mountain-Schlange zwei französische Teeniemädels völlig hin und weg von ihren Star Wars-Micky-Ohren ... Und manchmal ergeben sich nette Zufallsgespräche mit anderen Besuchern. Manche davon werde ich so schnell nicht vergessen. Wie die Unterhaltung in Star Tours mit dem britischen Vater, der seinen quengelnden Sohn mit einem iPad ruhig gestellt hat und mich entschuldigend angeblickt hat, woraufhin wir uns über den bisherigen Tag ausgetauscht haben und die unterschiedlichen Feiertage in Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Oder mit der französischen Familie, die unbedingt Donald treffen wollte und daher beim Darth-Vader-Meet-and-Greet von mir Tipps bekam. Oder das Pärchen, das mich für einen Cast Member hielt und sehr lange gebraucht hat, um zu verstehen, dass dem nicht so ist ...

Essen
Dies dürfte enorme Typensache sein, aber: Bei meinen "normalen" Disneyland-Trips gab es die drei großen Mahlzeiten. Bei meinen Solotrips dagegen bin ich dazu übergegangen, mehr kleinere Happen zu genießen. Hier ein Brownie auf dem Weg von der Main Street zu it's a small world, da eine Portion Eis, dort ein kleiner Snack aus dem Restaurant Hakuna Matata, da nochmal ein Brownie, auf dem Weg zurück zum Hotel ein Sandwich vom Earl ... Mehr Vielfalt und mehr Zeit, durch die Parks zu schlendern. Schlemmermäuler, die bislang vom Verweilen in Restaurants abgehalten wurden, würden bei Solotrips vielleicht in die andere Richtung tendieren.

Mehr Wuseln
Was mich beim Rückblick auf meine Solotrips überrascht hat: Obwohl ich voll dafür bin, sich im Disneyland fallen zu lassen und in diese Welt abzutauchen, hoppse ich bei meinen Einzeltrips mehr von Park zu Park und von Land zu Land als bei Gruppenreisen. Da war es normal, den zweiten Tag zum "Studio-Tag" zu ernennen und dann diesen Park am Stück abzuklappern. Und an den anderen Tagen blieben wir normalerweise im klassischen Park. Und im Disneyland Park gab es da auch meist eine gewisse Reihenfolge. Wenn ich alleine durch die Parks streife, schlendere ich zwar mehr durch verlassene Winkel und bleibe auch öfter mal sitzen, um die Aussicht zu genießen - aber ich wechsle teils auch mehrmals am Tag den Park oder switche von Pirates zu Buzz zurück zu Pirates zu Big Thunder Mountain zu Pirates zu Star Tours ...

Disneyland Paris ist immer eine Reise wert - ob allein oder zu mehreren. Was sind eure Solotrip-Erfahrungen?

Samstag, 9. Juni 2018

Alles Gute zum Geburtstag, du Erpel, der auch als Maui Mallard bekannt ist


84 Jahre alt und kein bisschen leiser geworden: Heute jährt sich einmal mehr das Leinwanddebüt des tollsten Erpels der Geschichte. Donald Duck ist der liebevoll-freche, vorlaut-charmante Star im Disney-Pantheon und die Verkörperung, was es heißt, wandelbar und sich dennoch selber treu zu sein. Denn ganz gleich, ob als chaotischer Junggeselle, vom Pech verfolgter Erziehungsberechtigter, cholerischer Kumpel einer friedvollen Maus, gebeutelter Neffe/Lohnsklave in Personalunion, kesser Abenteurer oder selbstloser Superheld, der lila Alienenten versohlt ... Donald ist stets wiederzuerkennen, und gleichzeitig wesentlich anpassungsfähiger als diverse andere Popkulturikonen.

Dennoch: Eine alternative Persönlichkeit Donalds ging leider unter. Ihr blieb es verwehrt, so eine dauerhafte Präsenz zu entwickeln wie Phantomias, Agent Doppel Duck oder die zahllosen Facetten, die Donald in seinen Comic- und Filmabenteuern als er selbst zeigen darf. Die Rede ist von Maui Mallard.

Maui Mallard debütierte im Jahr 1995 und ist gleichzeitig der Profiteur großer Disney-Ambitionen sowie das Opfer miesen Timings und voreilig-panischer Disney-Kurzschlussentscheidungen. Donalds Alter Ego, bekleidet in einem Hawaiihemd und bewaffnet mit einer übergroßen Käferknarre, ist ein auf einer paradiesischen Insel agierender Privatdetektiv, der fähig ist, sich in einen Ninja zu verwandeln. Sein Videospiel, ein Jump'n'Run'n'Shoot namens Donald in Maui Mallard (auch bekannt als Maui Mallard in Cold Shadow) gehörte zu den ersten Projekten der mittlerweile in ihrem ursprünglichen Sinne geschlossenen Spieleentwicklungsschmiede Disney Interactive und sollte ursprünglich die Geburtsstätte eines Studiomaskottchens werden. Wären die Dinge ein wenig anders gelaufen, hätte Detektiv-und-Ninja-Donald für Disney Interactive den Status, den Mario für Nintendo oder Sonic für Sega hat.


Das Spiel wurde für Sega Genesis/Sega Saturn, Super Nintendo, PC und in einer massiv abgespeckten Version für den Game Boy entwickelt, und zumindest die drei "Hauptversionen" des Spiels wiesen liebevolle Animationen, starke Soundeffekte und einen famosen Ohrwurmscore von Michael Giacchino auf. Noch vor Veröffentlichung des Spiels wurde bereits an einem zweiten Spiel gearbeitet, zudem baute die Gebrauchsanweisung eine dichte Mythologie für Maui Mallard auf, die gegebenenfalls sogar als Grundlage für eine Serie gedient hätte.

Jedoch kam die Heimkonsolenversion raus, als sie sich in ihren letzten Atemzügen befanden. In Nordamerika wurde sogar auf die Sega-Veröffentlichung verzichtet, im Gegenzug ließ Disney die Veröffentlichung der PC- und Game-Boy-Fassung in Europa aus. Während Disney Interactive große Hoffnungen in den Titel steckte, bekam Disneys Vermarktungsabteilung in den letzten Sekunden Panik, da Donald in Nordamerika zu diesem Zeitpunkt angeblich nicht hip genug war, um ein Videospiel zu tragen, in dem er Ninjas, Kannibalen, Zombies und Skelettpiraten bekämpft, so dass in der US-Vermarktung sämtliche Referenzen auf ihn entfernt wurden. Ohne Donald als Aufmerksamkeit erzeugender Name ging das seltsam-cartooneske, teils morbide Spiel für den nahezu toten Super Nintendo jedoch unter - und die PC-Version wurde im September 1996 eher lieblos auf den Markt geschmissen. Ironischerweise parallel zum TV-Start von Quack Pack, einer Serie, in der Donald ebenfalls als Hawaiihemdenträger neu erfunden wurde.

Also, lieber Donald: Genieße deinen Ehrentag. Und ich wünsche dir, dass Maui Mallard eines Tages furios zurückkehrt.

Freitag, 1. Juni 2018

La La Land


Das Musical war nie völlig weg – aber es hat sich weit von seiner früheren Position im Filmgeschäft entfernt. Jahrzehntelang war es eine der dominierenden Erzählformen in Hollywood. Doch nach einem regelrechten Boom in den 1950er-Jahren, in denen Musicals immer länger, farbenfroher und kostspieliger wurden, gerieten sie (trotz einzelner Ausnahmehits wie West Side Story und Mary Poppins) in den 60er-Jahren allmählich ins Trudeln: Die Ursprungsformel sowie diverse Abwandlungen waren totgespielt, der Einfluss von Rock 'n' Roll und die sich wandelnde Jugendkultur machten das typische Musical schleichend obsolet. In den 70ern wurde der Musicalfilm dann zur Nischenangelegenheit – Ausnahmen wie Grease und die in den späten 80ern startende Reihe an Disney-Zeichentrickmusicals bestätigten diese Regel.

Seit den 2000ern schlägt das Herz des Musicals wieder stärker, die von einer breiteren Masse bemerkten und in Kritiker- sowie Branchenkreisen geachteten Leinwandproduktionen kommen wieder in geringeren Abständen: Moulin Rouge!, Chicago, Sweeney Todd: Der teuflische Barbier aus der Fleet Street und Les Miserables und weitere Produktionen verhelfen der Kunstform zu einem nahezu konstanten Platz in der westlichen Filmwelt. Nun schickt sich La La Land an, dieser Entwicklung die Krone aufzusetzen: Die Kritikerzunft überschlägt sich vor Lob, bei den Golden Globes räumte La La Land mehr Trophäen ab als jeder Film zuvor, und bei den Academy Awards kam das Musical (denkwürdiger Hauptkategorienschlappe in letzter Sekunde zum Trotz) ebenfalls großartig an.

Ganz gleich, ob La La Land somit eine Musical-Renaissance auslöst oder einfach nur einen stärkeren Herzschlag bei einem stabilen, doch ruhigen Puls darstellt: La La Land hat alle Zutaten für einen Klassiker, der die Zeit überdauert, und neue Musical-Liebhaber heranzieht. Und auf dem Weg dahin wird dieser feine Kinotraum sowohl die Fans, kreativer, anspornender Musicals glücklich machen als auch diejenigen, die dramatischere Musicals bevorzugen.


Die Jahreszeiten einer Künstlerromanze
Los Angeles, die Stadt voller Stars sowie Künstler – und der Träumer, die gerne welche wären. Unter ihnen befindet sich Mia (Emma Stone), die für ihr Leben gern eine Karriere als Schauspielerin verfolgen würde. Trotz großen Engagements und spürbar großem Talent scheitert sie jedoch bei einem Vorsprechen nach dem anderen, weshalb sie ihr Dasein als Barista in einem Café auf dem Warner-Bros-Studiogelände fristet. Im täglichen Stau der gleißenden kalifornischen Sonne trifft sie eines Tages den Jazz-Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) – doch im Staustress maulen sie sich nur an. Dabei geht es Sebastian genauso wie Mia:

Sebastian sehnt sich danach, die obsolet werdende, verwässerte Jazzmusik in einem eigenen Club zu ihrem früheren Glanz zu verhelfen. Stattdessen klimpert er in einem Schuppen als unauffällige Geräuschkulisse vor sich hin. Etwas später führt sie das Schicksal erneut zusammen: Sie begegnen sich und tauschen sich aus – auf betont platonische Weise, selbst wenn der Funke zwischen ihnen nicht zu verleugnen ist. Aber können zwei idealistische, verträumte Künstler tatsächlich eine Beziehung eingehen, ohne sich im ewigen Streben nach beruflicher Erfüllung im Weg zu stehen ..?

Regisseur und Autor Damien Chazelle, der bereits 2014 mit seinem rasanten Drummer-Drama Whiplash für Furore sorgte, vermengt in seinem Passionsprojekt La La Land Einflüsse aus der Blütezeit der Hollywood-Musicals mit einem zeitgenössischen, nicht aber zynischen oder hip stilistische Konventionen durchbrechenden Stil: Anders als der in einem Musicals ablehnender gegenüberstehenden Kontext entstandene Chicago „entschuldigt“ La La Land seine Gesangs- und Tanzsequenzen nicht als irre Tagträume einer manischen Gewalttäterin. Und im Gegensatz zu Baz Luhrmans Moulin Rouge! gibt La La Land nicht sämtliche Bodenhaftung auf, um die Musicalelemente als konsequente Weiterführung einer fiebrig-wahnsinnigen Filmsprache zu erklären.

Ebenso wenig wird das klassische Musicalgefühl durch Blut, Selbstironie, Gags auf der Metaebene oder naturalistisch-unsauberen Gesang entschärft – La La Land ist ein nach den Gesetzen des Old-School-Musicals, doch mit heutigen Möglichkeiten entstandener Film für ein kontemporäres Publikum. Fast, zumindest: La La Land ist neben dem klassischen US-Musicalfilm ein weiterer Einfluss überdeutlich anzumerken. Chazelle ist glühender Liebhaber der französischen Musicals aus der Nouvelle Vague, insbesondere von Die Regenschirme von Cherbourg.

Diese französischen Musicals, vor allem besagtes Meisterwerk von Jacques Demy, gingen in die Filmgeschichte als faszinierende Verschmelzung aus lebensnahen Geschichten und überhöhten Emotionen ein: In einem glaubhaften, wenngleich sehr farbintensiven Setting geht es um bittersüße, melancholische Romanzen – und diese Stimmung fängt Chazelle in La La Land brillant ein. Mia und Sebastian mögen zwar singen und tanzen, aber die Höhen und Tiefen, die sie in ihrer Beziehung sowie ihrem künstlerischen Streben durchlaufen, sind geerdet und treffen oft genug eine „blue note“, einen wehmütigen Klang – was auch bedeutet, dass ein paar Takte melodisch gesprochen, statt geschmettert werden.


So verträumt wie nötig, so echt wie möglich. Oder umgekehrt?
Den diffizilen Balanceakt zwischen Hollywood-Musical nach alter Schule, Einflüssen der Nouvelle Vague und kontemporärem Filmemachen begeht Chazelle nahezu nonstop auf lobenswert unbemerkbare, mühelos wirkende Art und Weise: Die stilvolle, elegante Regieführung, die zwar die Gefühle der Figuren bestechend ausdrückenden, jedoch niemals pathetischen Dialogzeilen und das bestechende, natürliche Zusammenspiel zwischen Gosling und Stone bescheren La La Land ein leichtgängiges, mitreißendes Naturell.

Anders als in Whiplash, der in ein (inhaltlich völlig gerechtfertigt) auf den Putz hauendes Finale mündet, lenkt Chazelle nie den handwerklichen Aufwand und die Inszenierung in den Fokus – und macht La La Land so zu einem Film, der ebenso verträumt ist wie seine Hauptfiguren. Dahingehend zeigt sich der 31-Jährige konsequent, war Whiplash doch genauso verbissen wie dessen zentralen Rollen. Für die der Melancholie der „Ideale gegen Wirklichkeit, Liebe gegen Berufsleben“-Handlung zugutekommenden Bodenhaftung sorgen derweil subtil eingesetzte ästhetische Aspekte.

So lässt Chazelle American Hustle-Kameramann Linus Sandgren das hauptsächlich an echten Schauplätzen gedrehte Geschehen in einem sehr künstlichen Licht einfangen. Das führt zu einer dezent-verspielten, irgendwo in einem bezirzenden Nirgendwo zwischen dem Look der Goldenen-Hollywood-Ära und der Wirklichkeit verorteten Optik, welche Musicaleinlagen wie die „Lasst uns für eine Hollywood-Party fertig machen!“-Nummer „Someone in the Crowd“ einzigartig erscheinen lässt. Nur vereinzelt gerät die Bildästhetik von La La Land in eine irritierende Grauzone. So lenkt der überaus künstlich-lilafarben aussehende Nachthimmel bei Mias und Sebastians Kennenlernspaziergang punktuell von der auflodernden Flamme ab, die hier zwischen den Figuren entsteht.

Gemeinhin trifft Chazelle jedoch formidabel den „So echt, dass es glaubwürdig wird, so stilisiert, dass nostalgischer Zauber entsteht“-Punkt, auf den er abzielt. Dies gilt nicht nur für die Kameraarbeit, sondern auch für die unwirklich farbkräftigen, doch nie aggressiv hervorstechenden Kostüme sowie die beschwingten, aber in den komplexeren Schrittfolgen bewusst ungeschliffenen Tänzen der Darsteller. Chazelle lässt Stone und Gosling nicht mit dem Meistern schwieriger Choreografien prahlen, sondern nutzt die wundervollen Musikeinlagen, um bewegte Momente in der Handlung kräftig sowie intuitiv zu unterstreichen.

Ein Musical wäre allerdings für die Katz, würde die Musik nicht zünden. Glücklicherweise brilliert La La Land auch an der musikalischen Front: Komponist Justin Hurwitz vermengt in seinen eingängigen Songs und den unaufdringlichen, charmanten Instrumentalstücken behände mehrere Einflüsse – La La Land klingt nach vitalem Jazz, verletzlichen Musicalballaden und behutsam modernisierter Big Band, sowie nach allem, was sich aus diesen Komponenten virtuos zusammensetzen lässt. Getragen wird La La Land dennoch nicht von den Songs – nicht zuletzt, weil Chazelle die Musiksequenzen ungleich über die fünf Akte seiner ebenso wehmütigen wie frohgemuten Handlung verteilt.

Das pochende Herz dieser Hommage an die Musicalkunst stellen Gosling und Stone dar, die ihre Archetypen der aufstrebenden Künstler nehmen und mit fein schattierten Nuancen zum Leben erwecken. Dass La La Land so sehr von seinen Hauptfiguren lebt, führt allerdings zu kleineren dramaturgischen Problemen, wenn die Stimmung zwischen Mia und Sebastian nicht exakt zu bestimmen ist: Die Story punktet am stärksten in euphorischen Höhen, leidvollen Tiefen und in für die Figuren frustrierend-grau-grauen Momenten – die Übergänge funktionieren ebenfalls, fallen jedoch etwas behäbiger aus. Das vor Filmmagie trotzende, stilistisch bezaubernde, emotional hochintensive Ende weiß für die partiellen Pacingprobleme aber mehr als nur zu entschädigen.

Fazit: Ein Muss für Musicalfans und alle, die es werden wollen: La La Land ist ein bittersüßer Traum, der darauf wartet, als Klassiker in die Filmlehrbücher aufgenommen zu werden.

Mittwoch, 14. März 2018

Thor - Tag der Entscheidung


Der Film
"Lachend in die Kreissäge". So bezeichnet es man üblicherweise, wenn jemand so glückselig-doof ist, dass er geradewegs in sein Verderben rennt. Im Falle der Marvel Studios lässt sich der Spruch indes umdeuten: Wenn im Frühling dieses Jahres das Marvel Cinematic Universe sein zehnjähriges Jubiläum feiert, kommt es zum megalomanischen Crossover-Event zwischen seinen zahlreichen Heldinnen und Helden – und dieses Aufeinandertreffen wird, wie könnte es anders sein, ein sehr dramatisches. Bevor sich das Marvel-Filmuniversum aber in die Kreissäge der schwerwiegenden narrativen Konsequenzen von Avengers: Infinity War stürzte, gönnte es sich und seinen Fans ein betont humorvolles Jahr.

Nach der auch einige ruhigere Charaktermomente aufweisenden, bunten Weltraumsause Guardians of the Galaxy Vol. 2 und dem selbstironisch unterfütterten Superhelden-High-School-Spaß Spider-Man: Homecoming endete Marvels 2017 mit Thor – Tag der Entscheidung, der noch mehr auf die Lachmuskeln seines Publikums abzielt als die früheren Filme über den Donnergott und die beiden anderen MCU-Filme des Jahres 2017. Und damit sträubt sich der von 5 Zimmer Küche Sarg-Regisseur Taika Waititi inszenierte Superheldenfilm bewusst gegen das, was wohl unter zahlreichen anderen Filmschaffenden aus diesem Stoff geworden wäre. Denn der grundlegende Plot aus der Feder des Autorenteams Christopher Yost, Craig Kyle, Stephany Folsom und Eric Pearson liest sich wie aus dem Katalog für Big-Budget-Trilogie-Finalfilme zusammengeklaubt:

In seinem dritten (Quasi-)Solofilm treffen wir Donnergott Thor (Chris Hemsworth) in einer misslichen Lage wieder: Der Thronprinz von Asgard hat sich mit der dunklen Prophezeiung befasst, dass Feuerdämon Surtur eines Tages den Ragnarök heraufbeschworen wird – den Untergang seiner Heimat. Selbstredend bemüht sich Thor, seiner Geburtsstätte dieses Schicksal zu ersparen, doch dabei hat er die Rechnung ohne Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) gemacht. Diese zerstört Thors mächtigen Hammer und nimmt zielstrebig Kurs auf Asgard – und zu allem Überfluss strandet der eitle Recke bei seiner Klopperei mit Hela auf dem Schrottplaneten Sakaar. Auf diesem hat der hedonistische Grandmaster (Jeff Goldblum) das Sagen, der in Thor einen potentiellen Herausforderer für seinen Champion im Gladiatorenkampf sieht.

Kann sich Thor rechtzeitig von Sakaar befreien, oder machen ihm der Grandmaster, sein Champion oder die versoffene Aufpasserin Valkyrie (Tessa Thompson) einen weiteren Strich durch die Rechnung? Und wie fügt sich der Gott der Täuschung, Loki (Tom Hiddleston), in dieses Bild?

Okay, okay. Einige Details dieses Plots deuten bereits an, dass Thor – Tag der Entscheidung das Sprungbrett für ein eskalierendes Fantasyepos-Trilogiefinale nimmt und dann beschließt, lieber in ein exzentrisches Bällebad zu springen. Die dramaturgische Fallhöhe bleibt bei der somit gebotenen Comedy-Attacke in Thor – Tag der Entscheidung dem Untertitel zum Trotz niedrig – da haben die zwei anderen Marvel-Cinematic-Universe-Einträge 2017 einen stärkeren Akzent auf die interpersonellen Konflikte gelegt. Dieser Film hingegen bemüht sich nur um dezent mehr als das Minimum an charaktergestützter Dramatik – viel mehr geht es darum, dem Cast die Möglichkeit für eine albern-gute Zeit einzuräumen.

Laut Produzent Kevin Feige geschah dies zu großen Stücken auf Anraten des Hauptdarstellers: Hemsworth wollte mit Thor gänzlich neue Wege beschreiten, weil die Rolle ihn allmählich langweilte. Mit Waititi fand sich ein Regisseur, der genau auf Hemsworths humoristischer Wellenlänge liegt – wer also Hemsworth in Ghostbusters oder Vacation – Wir sind die Grisworlds für sein komödiantisches Timing liebt, wird auch hier aus dem Grinsen kaum rauskommen.

Thor zeigt sich als seeliger Kämpferbursche mit unkaputtbarem Siegeswillen und entsprechend großem Ego, das er aber nicht arrogant, sondern mittels einer bübisch-kollegialen Großspurigkeit zu Tage legt. Der Rest das Ensembles passt sich Waititis und Hemsworths Ansatz an: Cate Blanchetts Hela ist als Schurkin zwar so tiefgreifend motiviert wie ein 16-bit-Videospiel-Antagonist, dennoch hat sie ein imposantes Auftreten, so dass sie als Bedrohung durchaus funktioniert – und das, obwohl Blanchett sich in genüsslichem Overacting übt und die Rolle der Todesdiva so großspurig anlegt, wie es möglich ist, ohne zur reinen Parodie zu verkommen.

Das klingt so niedergeschrieben vielleicht negativ, funktioniert in diesem Film aber hervorragend – es ist fast so, als sei die Oscar-Gewinnerin von einer boshaften Kate McKinnon (Ghostbusters) besessen. Das schürt zwar keine Angst, steckt jedoch vor lauter Verve und Launigkeit sofort an. In einer etwas subtileren Dosis ergeht es Tom Hiddleston als lausbübischer Trickster-Gott genauso, und Tessa Thompson nimmt als Valkyrie den Archetyp der taffen Kämpferbraut und läuft damit erstmal in den nächsten Schnapsladen.

Auch Avengers-Veteran Mark Ruffalo zeigt sich von seiner spaßigsten Seite und ergötzt sich sichtlich an der Möglichkeit, sich mit seinen Castmitgliedern Scherzdialoge um die Ohren zu hauen. Darunter leidet allerdings der Charakterbogen: Bruce Banner wird vom traumatisierten Opfer seiner gespaltenen Persönlichkeit zum Gute-Laune-Krieger, als sei es ein Spaziergang durch den Comedypark. Die Filmemacher bemühen sich, mit Schall und Rauch und Lachern davon abzulenken: Waititi und seine Cutter Joel Negron & Zene Baker lassen oftmals die verdatterten Reaktionen der Dialogpartner im Film drin, um der Gagparade eine Spur Authentizität zu geben … Schließlich werden besonders schlagfertige Wortwechsel im echten Leben auch Mal mit Schmunzlern bedacht, ehe es zum Ernst der eigentlich besprochenen Lage zurückgeht. Dafür lassen die Filmmacher manche der Scharmützel dann und wann einen Takt länger laufen, als es das gewollt undramatische Drehbuch zulässt.

Gestalterisch nimmt sich der Wo die wilden Menschen jagen-Regisseur die Freiheit raus, ein kreatives Kuddelmuddel an Einflüssen zusammenzuführen. So scheppert Led Zepplins markiger 1970er-Hit "Immigrant Song" aus den Lautsprechern (und das ganze zwei Mal, was ihm an Wirkung raubt). Das Design von außerirdischen Randfiguren sowie der Mode auf dem Planeten Skaar erweckt indes die Zeichnungen der Marvel-Comic-Legende Jack Kirby zum Leben, die er in den 60er-Jahren für die Thor-Comics zu Papier brachte. Die Gesamtästhetik des Films, mit martialischen Posen in Weichzeichner-Optik einerseits und der retrofuturistischen Innenarchitektur und Vehikelgestaltung andererseits, mutet letztlich so an, als hätte Waititi den Look von Super-Nintendo-Weltallgames mit Heavy-Metal-Albencovern verschmolzen – all dies, während Komponist Mark Mothersbaugh (The LEGO Movie) einen launigen Synthie-Score im 80er-Jahre-Style abliefert.

Dieser gewaltige Clash aus popkulturellem Zeitkolorit und sich beißenden Gestaltungsschulen hat Methode, trägt er doch zur schmissigen Grundstimmung des Films bei: Die Marvel-Version einer nordischen Gottheit will ihre Heimat, die wie ein Pappnachbau eines Mittelerde-Disneyland aussieht, beschützen, hängt aber auf einem Space-Metal-90er-Jahre-Videospiel-Planeten mit 60er-Jahre-Comicgestalten fest. Das soll gaga sein. Waititi weiß, diese Gegensätze mit amüsierter Pointiertheit gegeneinander auszuspielen und mit ironisch unterwanderten Rückgriffen auf vergangene Marvel-Filme klar komödiantisch zu positionieren.

Dass die nostalgische Vorstellung, wie ein Space-Fantasy-Film auszusehen hat, auch in einige detailarme, sehr künstlich aussehende Kostüme resultiert, ist ebenso klar Geschmacksfrage wie Waititis sich wiederholende Witz-Kombination: Es sind Cosplay-Stunden im Marvel Cinematic Universe, während sich die Figuren in einer "Subtile Ironie, launige Situationskomik, fesche Selbstironie, verbaler Schlagabtausch, ZOTE!"-Kombo üben. Das setzt eine entsprechende Erwartungshaltung voraus – Thor – Tag der Entscheidung ist ein Marvel-Lachfest, bei dem das Design herrscht, kein spaßig aufgelockertes Abenteuer mit glaubwürdiger Ausstattung.

Damit sind Waititi und die Autoren immerhin ehrlich zu ihrem Publikum: Als hätte irgendjemand erwartet, dass die Marvel Studios wenige Monate vor Avengers: Infinity War Thor in einem düsteren Weltallactiondrama über die Klinge gehen lassen … Wer braucht also das Vortäuschen drastischer Sequenzen für den Titelhelden, wenn ein Gros des Publikums eh weiß, dass es ihm gut genug gehen wird, um noch mindestens ein Crossover zu absolvieren? Dennoch hätten die Kostüme nicht so sehr nach Cosplay aussehen müssen.

Was uns zu einer weiteren prägenden Charakteristik des Films führt: Thors dritter Soloausflug ist der womöglich am wenigsten ausgegorene Film im 'Marvel Cinematic Universe'. Dies betrifft einerseits das Storytelling: Das eigentliche Abenteuer, das den Gott des Donners nach Sakaar führt, beginnt erst nach einem ausgiebigen, jegliche Stringenz missen lassenden Filmeinstieg. Da wird Loki auch mal wiedergefunden, um verloren zu gehen, und direkt danach wiedergefunden zu werden und erneut verloren zu gehen. Als narrativ untermotivierte Sketchparade lassen sich die Pre-Sakaar-Szenen amüsiert weggucken. Doch erzählerisch ist der Beginn von Thor – Tag der Entscheidung ein heilloses Durcheinander, bei dem die böse Vermutung aufkommt, dass sich das Autorenquartett mehrfach in eine Ecke manövriert hat, was in sehr behelfsmäßige Mini-Plotfäden resultierte. Weshalb das Konzept des Ragnaröks sogleich mehrfach mühselig erklärt werden musste, bleibt derweil ein ungelöstes Rätsel – und noch dazu eines, dass diesem Spaßfest Sand ins Getriebe streut.

Und dann wäre da der zweite, unausgegorene Aspekt an Thor – Tag der Entscheidung: Für einen mutmaßlich 180 Millionen Dollar teuren Kinofilm eines etablierten Hollywood-Studios hat Taika Waititis Actionspaß allerhand blamabel-miese Chromakey-Szenen zu bieten. Immer wieder kommt es zu statischen Bildeinstellungen, in denen es extrem offensichtlich ist, dass der Cast nicht am gezeigten Schauplatz zugegen war. Da werden mit digitaler Anfängertrickserei klinisch saubere, leblose Küstenaufnahmen hinter die Schauspieler gelegt oder auch Mal Chris Hemsworth und Co. für eine Handvoll Einstellungen in ein Foto eines der Filmsets gebeamt.

Aufnahmen mit Green- oder Bluescreen sind im Filmgeschäft längst Alltag und gerade die effektlastigen, einen enormen Cast jonglierenden Marvel-Filme sind voll von ihnen – umso erschütternder, wie provisorisch die grellen, keinerlei glaubwürdigen Schattenwurf aufweisenden, steifen Schummeleien hier ausfallen. Als wäre Thor – Tag der Entscheidung in den letzten Produktionswochen mit der ganz heißen Nadel gestrickt worden ...

Thor – Tag der Entscheidung ist somit ein sonderbares Biest im Marvel-Filmkanon. Dieser Film hat den mutigsten Look, aber auch die eklatantesten Effektpatzer des Franchises. Und das Drehbuch ist voller Leerlauf, über all das Nichts und die ganzen sketchartigen Eskapaden verteilt, macht der Held aber tatsächlich eine nennenswerte Wandlung durch. Als Fortführung der ersten beiden Thor-Filme taugt er kaum etwas (es fehlt nicht viel, und man würde mit einem "Ach, was bisher geschah, das ist nicht weiter von Bedeutung, vergesst es einfach!"-Spruch rechnen), und dennoch fühlt er sich dank der intensiven Spielfreunde Hemsworths wie die Vollendung der Titelfigur an. Kurzum: Für Drehbuch- oder Effektpreise empfiehlt sich Thor – Tag der Entscheidung kein Stück, aber wer ein Herz für das Ensemble hat, wird sich schwer tun, nicht mehrmals herzlich zu lachen.

Thor – Tag der Entscheidung ist somit der Klassenclown des Marvel Cinematic Universe, der sich nach einer hochdramatischen Trennung einer radikalen Typenänderung unterzogen hat, woraufhin er sein Umfeld zu einem Wochenendtrip mit sonderbarem Ziel einlädt: Auffällig, aufgekratzt, aufgedreht sowie hoch motiviert, sich neu zu erfinden und gefälligst Freude daran zu haben. Da werden auch mal unnötige Umwege in Kauf genommen und mit Anspruch ist auch nicht zu rechnen. Aber: "Alles so schön bunt hier!" Tapetenwechsel ist ja auch mal fein und eine gute Zeit mit gut aufgelegten, lustigen Leuten sowieso. Selbst wenn leider der eine oder andere gepfefferte Fremdschammoment nicht ausbleibt …

Die Scheibe
Die Blu-ray ist technisch auf dem Standard, der von einem Marvel-Film nunmehr verlangt wird. Satter, klarer Sound und sauberes Bild – auch wenn das den schwacheren Effekteinstellungen nicht zwingend zugute kommt. Aber die Zielgruppe, die sich Thor – Tag der Entscheidung zum Tonfall und Look passend im abgenudelten VHS-Look wünscht, dürfte verschwindend gering sein. (Als Easter Egg auf der Blu-ray wäre das dennoch genial.)

Das Bonusmaterial ist erfreulicherweise umfangreich – heutzutage ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Neben den nahezu obligatorischen, ulkigen Pannen vom Dreh gibt es einen Kurzfilm namens Team Darryl, der die Erlebnisse von Thors WG-Partner aus den Team Thor-Späßen weitererzählt. Achtung, Lachtränen-Gefahr! Die entfallenen Szenen (insgesamt knapp unter acht Minuten Laufzeit) sind derweil, wie eh und je, eine Mischung aus "Interessant zu sehen" und "Ja, kein Wunder, dass das rausflog". Ein echtes Highlight ist dagegen der urkomische, keinen Deut informative, augenzwinkernde Audiokommentar zum Film von Taika Waititi.

Die Featurettes zu einzelnen Aspekten des Films sind teils informativ (etwa das über das Steinwesen Korg), andere sind mir etwas zu werbend im Tonfall (Leute, ich habe die Disc schon in den Händen, ihr müsst den Film nicht mehr verkaufen!). Als kleines Bonmot gibt es außerdem einen Fünf-Minuten-Clip über die Entwicklung der MCU-Helden im Laufe der zehn Filmjahre sowie ein paar, stylische 8-Bit-Sequenzen.

Thor – Tag der Entscheidung ist ab dem 15. März 2018 auf DVD, Blu-ray, 4k-Blu-ray und 3D-Blu-ray erhältlich.

Sonntag, 4. März 2018

Oscars 2018: Das Liveblogging zu den 90. Academy Awards


Planänderung: Da Blyve nicht mehr aktiv ist, werde ich dieses Jahr mein Liveblogging abhalten, indem ich hier meine Tweets sammle. Die Kommentarfunktion im Blog dürft ihr dennoch brennen lassen!

Freitag, 2. März 2018

Oscars 2018: Meine Prognose für die Gewinner der 90. Academy Awards


In der Nacht vom 4. auf den 5. März ist es endlich wieder so weit: In Los Angeles werden die Academy Awards verliehen - und wie es Tradition geworden ist, werde ich nicht nur live mittwittern, sondern selbstredend auch hier im Blog live mitbloggen. Mir doch egal, wie out Liveblogging mittlerweile ist!

Vorher gilt es jedoch, eine andere Tradition abzuhaken - und meine Prognose der Gewinner in den 24 Oscar-Kategorien abzugeben. In manchen Disziplinen scheint es erschreckend einfach zu sein (aber Überraschungen gibt es immer wieder), und in anderen Sparten fällt mir die Vorhersage unfassbar schwer. Doch wozu rumlamentieren? Rein ins Prognosengetümmel!

Beste Regie
• Guillermo Del Toro (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)
• Greta Gerwig (Lady Bird)
• Jordan Peele (Get Out)
• Christopher Nolan (Dunkirk)
• Paul Thomas Anderson (Der seidene Faden)

Guillermo del Toro gewann die meisten der Indikatorpreise, darüber hinaus ist Shape of Water ein mit Herzblut, Ruhe und Liebe zum Detail inszenierter Film. Der Sieg sollte ihm nahezu sicher sein - gewinnt jemand anderes, wäre ich enorm überrascht.

Beste Hauptdarstellerin
• Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Margot Robbie (I, Tonya)
• Saoirse Ronan (Lady Bird)
• Sally Hawkins (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)
• Meryl Streep (Die Verlegerin)

Auch McDormand dominierte die bisherige Preissaison. Ihre Darstellung einer wütenden, verzweifelten Mutter, die nach Recht für ihre tote Tochter kämpft, hat eine Vielzahl an Emotionen zu bieten und obendrein Aufmerksamkeit auf sich ziehende Monologe. Sollte ein abgemachtes Ding sein, oder?

Bester Hauptdarsteller
• Gary Oldman (Die dunkelste Stunde)
• Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)
• Daniel Day-Lewis (Der seidene Faden)
• Danzel Washington (Roman J. Israel, Esq.)
• Daniel Kaluuya (Get Out)

Und noch jemand, der bislang schon abgeräumt hat und obendrein eine intensive, hypnotisierende Performance abliefert. Oldman for Gold.

Bester Nebendarsteller
• Willem Dafoe (The Florida Project)
• Woody Harrelson (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
• Christopher Plummer (Alles Geld der Welt)
• Richard Jenkins (The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers)

Allen wilden Debatten darüber, ob Rockwells Figur am Ende des Films nun zu gut davonkommt, zum Trotz: Glaubt man Oscar-Bloggern mit Verbindungen zur Academy, nehmen die Mitglieder diese Kontroverse eher dem Skript übel als Rockwell und seiner Darbietung. Die bisherigen Preise sprechen ebenfalls dafür - und der Balanceakt aus Humor, Fiesheit und Dramatik gehört zu den prägendsten Darbietungen des US-Kinojahres 2017. Schade um Dafoe.

Beste Nebendarstellerin
• Laurie Metcalf (Lady Bird)
• Allison Janney (I, Tonya)
• Octavia Spencer (The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers)
• Mary J. Blige (Mudbound)
• Lesley Manville (Der seidene Faden)

Es wird ein Rennen zwischen Metcalf und Janney. Die US-Presse bevorzugt dezent Metcalfs nuancierte Mutterrolle aus Lady Bird, doch Janneys Darbietung in I, Tonya als Schreckschraubenmutter reißt ihre Szenen an sich und wurde bei Awardshows bislang bevorzugt. Daher tippe ich auf sie - und jeder Oscar für I, Tonya macht mich happy.

Bester Trickfilm
The Boss Baby (Tom McGrath und Ramsey Naito)
Coco (Lee Unkrich und Darla K. Anderson
The Breadwinner (Nora Twomey und Anthony Leo)
Ferdinand – Geht stierisch ab (Carlos Saldanha)
Loving Vincent (Dorota Kobiela, Hugh Welchman und Ivan Mactaggart)

Das ist kein Wettbewerb: Die Begeisterung in Hollywood für Coco ist so groß, der Film wird sich durchsetzen.

Beste Dokumentation
Strong Island (Yance Ford und Joslyn Barnes)
Faces Places (Agnès Varda, JR und Rosalie Varda)
Icarus (Bryan Fogel and Dan Cogan)
Abacus: Small Enough To Jail (Steve James, Mark Mitten und Julie Goldman)
Last Men in Aleppo (Feras Fayyad, Kareem Abeed und Søren Steen Jespersen)

Icarus ist die Dokumentation mit dem größten Einfluss unter den Nominierten - soll sie doch zum Ausschluss Russlands bei den Olympischen Winterspielen gesorgt haben. Das muss nichts heißen, aber ich glaube, dass es die Aufmerksamkeit auf Icarus gelenkt haben könnte ...

Bestes adaptiertes Drehbuch
Call Me By Your Name (James Ivory)
The Disaster Artist (Scott Neustadter & Michael H. Weber)
Logan – The Wolverine (Scott Frank & James Mangold und Michael Green)
Mudbound (Virgil Williams und Dee Rees)
Molly's Game (Aaron Sorkin)

James Ivory ist eine wandelnde Legende und Call Me By Your Name ist der am meisten respektierte Film aus dieser Liste (holte er doch auch die meisten Nominierungen). Die Balance zwischen eloquenten Dialogen und ruhigen, subtilen Passagen könnte ebenfalls hilfreich sein.

Bestes Original-Drehbuch
The Big Sick (Emily V. Gordon & Kumail Nanjiani)
Get Out (Jordan Peele)
Lady Bird (Greta Gerwig)
The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Guillermo del Toro & Vanessa Taylor)
Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri (Martin McDonagh)

Die zweitgrößte Kopfschmerzkategorie des Jahres: Holt sich der warmherzige, gefeierte Überraschungserfolg The Big Sick hier seinen Achtungs-Oscar? Oder setzt sich einer der Nominierten aus der Hauptsparte durch? Die Dialoge sollten Three Billboards helfen, aber der Backlash gegen den Film konzentriert sich auf einen Storyarc, was mich unsicher macht. Lady Bird ist gemeinhin sehr beliebt und wird als herzliche Zeitkapsel der frühen 2000er betrachtet, Shape of Water gelingen schwere tonale Balanceakte und Get Out ist immens clever konstruiert. Ich werfe eine innere Münze (und noch eine und noch eine und noch eine) und komme bei Get Out aus ...

Bester Schnitt
Baby Driver (Paul Machliss und Jonathan Amos)
Dunkirk (Lee Smith)
I, Tonya (Tatiana S. Riegel)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Sidney Wolinsky)
Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri (Jon Gregory)

Dies dürfte ein Zwei-Filme-Rennen sein: Sowohl Baby Driver als auch Dunkirk sind regelrechte Meisterwerke in Sachen Schnittarbeit. Um den Aluhut der Verschwörung aufzusetzen: Hier wird sich zeigen, wie sehr sich die neuen, jüngeren Academy-Mitglieder auf die Ergebnisse auswirken. Dunkirk ist der "seriösere" unter den beiden Filmen, aber Baby Driver sorgte für Euphorie bei den jungen Filmschaffenden. Ich lehne mich aus dem Fenster und tippe, mich an Mad Max: Fury Road erinnernd, auf Baby Driver ...

Beste Kamera
Blade Runner 2049 (Roger Deakins)
Die dunkelste Stunde (Bruno Delbonnel)
Dunkirk (Hoyte van Hoytema)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Dan Laustsen)
Mudbound (Rachel Morrison)

Irgendwann muss der gute Mann ja gewinnen. Dass Blade Runner 2049 im Vergleich zu The Shape of Water und den beiden Dünkirchen-Filmen als Misserfolg gilt, lässt mich allerdings leicht mulmig werden - hatten genug Oscar-Voter die Muße, ihn überhaupt zu sehen?

Beste Effekte
Blade Runner 2049 (John Nelson, Gerd Nefzer, Paul Lambert und Richard R. Hoover)
Guardians of the Galaxy Vol. 2 (Christopher Townsend, Guy Williams, Jonathan Fawkner und Dan Sudick)
Planet der Affen – Survival (Joe Letteri, Daniel Barrett, Dan Lemmon und Joel Whist)
Kong: Skull Island (Stephen Rosenbaum, Jeff White, Scott Benza und Mike Meinardus)
Star Wars - Die letzten Jedi (Ben Morris, Mike Mulholland, Neal Scanlan und Chris Corbould)

Die neue Planet der Affen-Trilogie ist bislang noch völlig Oscar-los. Eine ungeheuerliche Sache, die sich hoffentlich in der 90. Academy-Award-Nacht ändert, zumal der Film wirklich atemberaubend gute Effekte hat - und er ist neben Blade Runner 2049 der einzige Nominierte, der nicht auch ein paar kleine, peinlich-halbgare Effekte auf die Leinwand bringt.

Bestes Make-up und Hairstyling
Die dunkelste Stunde (Kazuhiro Tsuji, David Malinowski und Lucy Sibbick)
Victoria & Abdul (Daniel Phillips und Lou Sheppard)
Wunder (Arjen Tuiten)

Die dunkelste Stunde sieht klasse aus und Tsuji ist eine Legende, die extra für den Film aus der Frührente zurückgekehrt ist. Sollte der Oscar an wen anderes gehen, drehe ich durch ...

Bestes Produktionsdesign
Blade Runner 2049 (Dennis Gassner und Alessandra Querzola)
Die dunkelste Stunde (Sarah Greenwood und Katie Spencer)
Die Schöne und das Biest (Sarah Greenwood und Katie Spencer)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Paul Denham Austerberry, Shane Vieau und Jeff Melvin)
Dunkirk (Nathan Crowley und Gary Fettis)

Branchenliebe für den Film trifft Auge für historische Details trifft verträumte Stilistik: The Shape of Water sollte hier gewinnen.

Beste Kostüme
Die Schöne und das Biest (Jacqueline Durran)
Der seidene Faden (Mark Bridges)
Die dunkelste Stunde (Jacqueline Durran)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Luis Sequeira)
Victoria & Abdul (Consolata Boyle)

Bei den Kostümen gewinnen gerne Filme, die implizit oder explizit von Mode handeln, insofern: Der seidene Faden hat Heimvorteil ...

Beste Filmmusik
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Carter Burwell)
Dunkirk (Hans Zimmer)
Der seidene Faden (Jonny Greenwood)
The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Alexandre Desplat)
Star Wars – Die letzten Jedi (John Williams)

Die Academy liebt Alexandre Desplat, The Shape of Water kommt generell sehr gut in der Branche an und mit einer romantisch-verspielten Klangästhetik, die das nautische Element widerspiegelt, ist dies obendrein ein guter Kompromiss: Sowohl jene, die originelle Musik bevorzugen, als auch jene, die klassische Leitmotive hören möchten, bekommen hier was geboten - und könnten daher ihre Stimme für Desplat abgeben.

Bester Filmsong
• Remember Me (Coco; Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez)
• Mystery of Love (Call Me By Your Name; Sufjan Stevens)
• This is Me (Greatest Showman; Benj Pasek und Justin Paul)
• Stand Up For Something (Marshall; Musik: Diane Warren; Text: Lonnie R. Lynn und Diane Warren)
• Mighty River (Mudbound; Mary J. Blige, Raphael Saadiq und Taura Stinson)

Persönlich wäre ich für This is Me oder Mystery of Love, aber die Reaktionen auf Remember Me sind einfach zu stark, als dass ich gegen ihn vorhersagen würde ...

Bester Tonschnitt
Baby Driver (Julian Slater)
Blade Runner 2049 (Mark Mangini und Theo Green)
Dunkirk (Richard King und Alex Gibson)
Star Wars – Die letzten Jedi (Matthew Wood und Ren Klyce)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Nathan Robitaille und Nelson Ferreira)

Bester Ton
Baby Driver (Julian Slater, Tim Cavagin und Mary H. Ellis)
Blade Runner 2049 (Ron Bartlett, Doug Hemphill und Mac Ruth)
Dunkirk (Mark Weingarten, Gregg Landaker und Gary A. Rizzo)
Star Wars – Die letzten Jedi (David Parker, Michael Semanick, Ren Klyce und Stuart Wilson)
The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Christian Cooke, Brad Zoern und Glen Gauthier)

Dunkirk hat einen intensiven, dennoch viele Ebenen aufweisenden Sound, der die nicht zu sehende Gewalt kompensiert und die Actionszenen somit trotzdem mit einer Fallhöhe ausstattet. Mein Favorit beim Ton wäre zwar Baby Driver und beim Tonschnitt Blade Runner 2049, aber ich glaube, die Academy kann Nolans Kriegsfilm hier nicht widerstehen ...

Bester animierter Kurzfilm
Garden Party (Victor Caire und Gabriel Grapperon)
Dear Basketball (Glen Keane und Kobe Bryant)
Negative Space (Max Porter und Ru Kuwahata)
Lou (Dave Mullins und Dana Murray)
Revolting Rhymes (Jakob Schuh und Jan Lachauer)

Dear Basketball wurde während Bryants Rücktrittsfeier vorgeführt und bekam so intensive Gratispromo, darüber hinaus liegen die LA Lakers vielen in Hollywood am Herzen. Hinzu kommt vielleicht noch der Glen-Keane-Bonus ...

Bester Kurzfilm
The Eleven O’Clock (Derin Seale und Josh Lawson)
My Nephew Emmett (Kevin Wilson, Jr.)
All of Us (Katja Benrath und Tobias Rosen)
The Silent Child (Chris Overton und Rachel Shenton)
DeKalb Elementary (Reed Van Dyk)

DeKalb Elementary ist im von Schulamokläufen gerüttelten Amerika die aktuellste und emotional aufrüttelndste Wahl ...

Bester fremdsprachiger Film
The Insult (Libanon)
A Fantastic Woman (Chile)
On Body and Soul (Ungarn)
The Square (Schweden)
Loveless (Russland)

Ich lehne mich aus dem Fenster und tippe auf das Justizdrama The Insult, das thematisch die Academy reizen könnte. Die meisten Oscar-Blogger setzen auf den chilenischen Beitrag und The Square ist mehr oder minder der Kritikerfavorit, aber ... vielleicht nehmen sie sich gegenseitig die Stimmen weg?

Beste Kurzdokumentation
Edith + Eddie (Laura Checkoway und Thomas Lee Wright)
Heaven is a Traffic Jam on the 405 (Frank Stiefel)
Heroin(e) (Elaine McMillion Sheldon und Kerrin Sheldon)
Knife Skills (Thomas Lennon)
Traffic Stop (Kate Davis und David Heilbroner)

Heroin(e) hat Netflix' aufwändige Werbekampagne im Rücken, aber Traffic Stop als Film über rassistische Polizisten und Edith + Eddie als rührende Doku über das älteste (verbuchte) noch lebende gemischtethnische Paar treffen den Zeitgeist. Ich tippe leicht auf den Positivismus von Edith + Eddie ...

Bester Film

Call Me By Your Name (Produzenten: Peter Spears, Luca Guadagnino, Emilie Georges und Marco Morabito)

Die dunkelste Stunde (Produzenten: Tim Bevan, Eric Fellner, Lisa Bruce, Anthony McCarten und Douglas Urbanski)

Dunkirk (Produzenten: Emma Thomas und Christopher Nolan)

Get Out (Produzenten: Sean McKittrick, Jason Blum, Edward H. Hamm Jr. und Jordan Peele)

Lady Bird (Produzenten: Scott Rudin, Eli Bush und Evelyn O'Neill)

Der seidene Faden (Produzenten: JoAnne Sellar, Paul Thomas Anderson, Megan Ellison und Daniel Lupi)

Die Verlegerin (Produzenten: Amy Pascal, Steven Spielberg und Kristie Macosko Krieger)

The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (Produzenten: Guillermo del Toro und J. Miles Dale)

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Produzenten: Graham Broadbent, Pete Czernin und Martin McDonagh)


Machen wir es kurz: Es wird höchst wahrscheinlich entweder Three Billboards (großer Web-Backlash, doch große Unterstützung durch die Schauspieler, die ihm einen Gewerkschaftspreis fürs beste Ensemble gegeben haben), Shape of Water (der keine Ensemble-Nominierung bei der Schauspielgilde erhielt, was statistisch einen Oscar-Sieg enorm erschwert - doch der Film kommt generell gut an) oder Get Out (dem es an einer statistisch sehr wichtigen Schnitt-Nominierung mangelt, der dafür aber die große Zeitgeistwahl wäre).

Für mich sind die Chancen ungefähr gleich verteilt, weshalb ich meine Hände verzweifelt in die Luft schmeiße und auf Get Out tippe. Es wäre der historisch beeindruckendste unter den möglichen Gewinnern, und wenn ich eh nur eine 33,33%-Chance habe, richtig zu liegen, dann will ich wenigstens beim denkwürdigen Ausgang des Rennens korrekt getippt haben!

Mittwoch, 28. Februar 2018

Love & Friendship


Hauptsächlich ist Kate Beckinsale als in engen Lack-und-Leder-Kostümen gekleidete Hauptdarstellerin von Actionfilmen bekannt. Die britische Schauspielerin auf Performances wie ihren Underworld: Blood Wars-Auftritt zu reduzieren, wäre jedoch eine schreiende Ungerechtigkeit. Beckinsales Karriere nahm ihren Anfang mit einer Shakespeare-Adaption, es folgten einige Kritikerlieblinge wie Last Days of Disco – Nachts wird Geschichte gemacht. Zudem darf ihre akzentuierte Nebenrolle in Martin Scorseses Aviator nicht vergessen werden.

Insofern dürfte Love & Friendship als Befreiungsschlag oder zumindest als Rückkehr zu alter Form aufgefasst werden. Denn unter der Regie von Whit Stillman (Metropolitan) mimt Beckinsale in dieser 93-minütigen Kostüm-Dramödie eine gerissene, eloquente Dame, die zwar einen gewissen Ruf weg hat, jedoch dank ihres gut situierten Verhaltens gesellschaftliches Ansehen genießt. Mit dem ihr zukommenden Respekt und ihrem messerscharfen Verstand bewaffnet, manipuliert sie ihr Umfeld auf gewitzte Weise und sorgt so dafür, ihrer Tochter einen angemessenen Ehemann zu beschaffen.

Die Geschichte der verwitweten, hellwachen Manipulatorin namens Lady Susan Vernon basiert auf einem posthum veröffentlichten Briefroman der einflussreichen Schriftstellerin Jane Austen. Als Austen-Verehrer machte es sich Stillman zur Aufgabe, dieses aufgegebene, die spätere Brillanz der britischen Autorin in Ansätzen zeigende Frühwerk umzudichten: Es sollte in Prosa umgetextet, leinwandtauglich verformt und dabei um die für Austen typischen, geschliffenen Dialoge und Situationen bereichert werden.

Diese an sich selbst gestellte Aufgabe vollbringt der ehemalige Harvard-Student weitestgehend: Zwischendurch sprühen in diesem Ende des 18. Jahrhunderts spielenden romantisch-komödiantischen Intrigenspiel geradezu die Funken vor zeitgemäßen, aber süffisanten Dialogen. Vor allem, wenn Beckinsale als Lady Susan Vernon gemeinsam mit ihrer Eingeweihten Alicia Johnson (augenzwinkernd-staubtrocken: Chloë Sevigny) das Verhalten Anderer analysiert oder sie mit elegant-verschmitztem Lächeln gegenüber Alicia einfach nur prahlt. Ebenso sind sämtliche Szenen mit Tom Bennett (Mascots) eine wahre Wonne – mit markant-britischer Noblesse gibt er einen einfältigen, ungebildeten Gentleman, dem bei seinen strunzdämlichen Nachfragen und unsinnigen Erklärungen stets ein seliges Grinsen ins Gesicht geschrieben steht.

Auch, wenn Stillman die steife Inszenierung aufbricht, etwa indem er Brieftexte visualisiert oder pointierte Zwischenschnitte setzt, wächst Love & Friendship weit über den Status „Und noch eine Austen-Verfilmung von der Stange“ hinaus. Wenn Lady Susan aber mal die Zügel etwas lockerer lässt oder gar für etwas längere Zeit von der Bildfläche verschwindet, und Stillman sich inszenatorisch darauf verlässt, in weiten Bildern die prächtigen Kostüme sowie prunkvollen Gemächer seiner handelnden Figuren abzufilmen, dann stumpft diese freie Literaturadaption zügig ab. Der Musik aus der Gregorianischen Ära referenzierende, abwandelnde und abspielende Soundtrack (Komponist: Mark Suozzo) bietet Kennern klassischer Musik zwar auch in diesen Durststrecken einen Mehrwert, trotzdem bleibt Love & Friendship ein zwischen Wortgewandtheit und Stillstand changierender Kostümfilm, der sich primär für Austen-Liebhaber und Beckinsale-Fans empfiehlt.

Donnerstag, 22. Februar 2018

Treppenspoiler: La La Land


Unter "Treppenwitz" versteht man es, zu spät auf einen geistreichen Gedanken zu kommen. Unter "Treppenspoiler" möchte ich Vorausdeutungen in Filmen sammeln, die sich erst mit treppenwitzartiger Verzögerung als solche zu erkennen geben. Dieses Mal geht es darum, dass La La Land sehr früh sein Ende spoilert. Was mir erst nach mehreren Sichtungen dieses traumhaften Musicals bewusst wurde.

An dieser Stelle sei also allen, die La La Land noch immer nicht gesehen haben, erklärt: Holt ihn nach, statt weiterzulesen!

Noch da? Wieder da? Wunderbar, dann lasst uns kurz mit bittersüßer Stimmung das Ende von Damien Chazelles Musical vor Augen führen.


La La Land endet damit, dass es das liebenswerte Paar, mit dem wir den ganzen Film über mitgefiebert haben, nicht zu einem gemeinsamen Happy End schafft. Die aufstrebende Schauspielerin Mia und der Jazzliebhaber Sebastian geraten aneinander, als seine beruflichen Pflichten ihn zu sehr vereinnahmen - und dann auch noch Pflichten, die ihn von seiner eigentlichen Passion wegführen. Als Sebastian seine Ex zu einem vielversprechenden Casting abholt, könnte dies einen Neuanfang für die Beiden bedeuten. Doch weit gefehlt: Mia entscheidet sich für die Karriere und lässt Sebastian zurück. Als sie sich einige Zeit wiedersehen, kommt es zu einem Gefühlsschwall, doch nicht zu einem weiteren Beziehungsversuch. Sie lächeln sich freundlich, vielleicht sogar dankbar zu. Ende.

Dass La La Land damit endet, dass sich unsere zwei sympathischen Liebenden trennen, hätte jedoch niemanden überraschen müssen. Denn Damien Chazelle spielt in seinem nostalgischen Musical von Anfang an mit offenen Karten. Es drängt sich einem nur nicht so sehr auf. Trotzdem verrät schon die erste Liedzeilen des Films, wo die Prioritäten aufstrebender Schauspieler in Los Angeles liegen:

I think about that day / I left him at a Greyhound Station / West of Santa Fé / We were seventeen, but he was sweet and it was true / Still I did what I had to do / 'Cause I just knew

In einem Musical über die Träume in der La La Land genannten Stadt der Traumfabrik ist das erste, was wir in Gesangsform hören, dass eine Schauspielerin ihren Freund verlassen hat, um ihren Karriereträumen nachzugehen. Und am Ende des Films passiert genau das. Konsequent. Und mit solch einer Vorwarnung müsste man sich ja emotional vorbereiten können ... Und dennoch rührt das Ende jedes Mal aufs Neue, nicht wahr?

Montag, 19. Februar 2018

Oasen in der DTV-Wüste: "Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland"


Es war einmal, vor über einem Jahrzehnt, da war es noch alltäglich, dass der Walt-Disney-Konzern seine Zeichentrickklassiker nahm und mit niedrig budgetierten Fortsetzungen weitererzählte. Diese wurden von den DisneyToon Studios für den Heimvideomarkt produziert und gemeinhin im Rahmen einer Disney-untypisch kurzen Produktionsphase verwirklicht. Oder, weniger freundlich gesagt: Disney verramschte den angesehenen Ruf seines Meisterwerk-Archivs, indem das Unternehmen unambitioniert zusammengeklöppelte Video- und später DVD-Premieren veröffentlichte, die darauf warteten, dass Eltern und Großeltern mit tiefen Taschen ihren Liebsten ein hochpreisiges Geschenk in Form eines brandneuen Disney-Films machen wollen.

Aber es wäre ungerecht, die Produktionen der DisneyToon Studios in ihrer Gesamtheit als Schund abzutun. Nicht nur, dass es gelungene Ausnahmen wie Aladdin und der König der Diebe gab: Auch ganz normale Wegwerfware aus den DisneyToon Studios hat den einen oder anderen glanzvollen Aspekt zu bieten. So wie Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland, der aufgrund der positiven Resonanz innerhalb des Konzerns entgegen der ursprünglichen Pläne sogar in die Kinos entlassen wurde.

Was man bei Disney in dem Film sah, wird aber wohl für immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht wollte man auch nur den Saatkorn eines Gedankens namens "Piraten sind toll, Yo-Ho" in die Köpfe der Menschen pflanzen, so rein vorsorglich. Wer weiß? Denn Neue Abenteuer im Nimmerland weist dieselbe grelle, wenig nuancierte Kolorisation wie die meisten DisneyToon-Studios-Zeichentrickfilme auf und mit "Das Kind einer Hauptfigur aus Teil eins" ist der Plot dem DTV-Stammpublikum ebenfalls bestens bekannt. Der Übergang zwischen Akt zwei und Akt drei, in dem Wendys Tochter Jane zwischen einem Verrat an Peter Pan sowie dem Genuss ihrer Zeit im Nimmerland hin und her gerissen ist, ist trotz der strammen Filmlaufzeit von nur 72 Minuten zäh und die Charakteranimation an Tinkerbell (respektive Naseweis in der deutschen Synchro) eher schwammig, während Peter Pan wiederholt off model erscheint. Und die CG-Elemente (vor allem der Flug durch das nächtliche London) sind ein Graus.

Aber: Jane ist eine passable Hauptfigur. Als junges Mädchen, das zuhause glaubt, aufgrund des London ereilenden Zweiten Weltkrieges frühzeitig erwachsen werden zu müssen, das aber dennoch einen nicht zu verachtenden Abenteuerdrang in sich trägt, passt sie gut in eine Nimmerland-Geschichte. Überhaupt sitzt einfach die Atmosphäre der Rahmenhandlung in London (abgesehen vom besagten Digitalflug durch den Nachthimmel). Und der Slapstick rund um einen Kraken, der es auf Hook abgesehen hat, ist zügig und eskaliert mit cartoonhafter Genüsslichkeit. Die wahre Oase in der DTV-Qualitätswüste, die sich in Neue Abenteuer in Nimmerland finden lässt, ist allerdings die Instrumentalmusik!

Neue Abenteuer in Nimmerland ist gewissermaßen der Vorbote der Tinkerbell-Filmreihe: Kitschige, uneingängige Songs - hervorragender Score aus der Feder Joel McNeelys! McNeely ist eh ein heimlicher Disney-Fortsetzungs- und Ablegerfilm-Experte, komponierte er abseits der ganzen Nimmerland-Weitererzählungen doch unter anderem die Musik zum Splash-Sequel, den Score des afro-amerikanisch besetzten Pollyanna-Remakes und die Musik von Lilo & Stitch 2. Außerdem ist McNeelys Arbeit in Teil drei und vier (!!) von Die Vermählung ihrer Eltern geben bekannt ... zu hören sowie in Cinderella III.

Und was viele Disney-Fans entweder verdrängt, vergessen oder sich schlicht nie bewusst gemacht haben: Die ungeheuerlich beliebte Feuerwerks- und Projektionsshow Disney Dreams setzt prägnant auf dezent umarrangierte Passagen aus seiner vergnüglich-verträumten Eröffnungssuite von Neue Abenteuer in Nimmerland! Es war McNeely, der die Musik zu dem Disneyland-Paris-Original geschrieben hat, und dabei komponierte er nicht nur den rührenden, epischen Abschluss, sondern überarbeitete für den Einstieg noch einmal seine für diesen DisneyToon-Studios-Film geschriebene Suite aus bekannten Nimmerland-Klängen.

Allein schon für McNeelys Musik lohnt es sich, diesen Film nochmal aus dem Regal zu kramen (oder ihn bei einem der vielen Streaminganbieter anzuklicken, wenn man's nicht so mit einer haptischen Sammlung hat). Besonders für Disneyland-Paris-Fans, die Dreams vermissen. Da werden Erinnerungen wach, von denen man vielleicht gar nicht wusste, dass sie sogar weit über die Dreams-Premiere hinausreichen!

Donnerstag, 8. Februar 2018

Meine 35 Lieblingsfilme 2017 (Teil III)

Die Ränge 35 bis 11 haben wir bereits hinter uns, also fehlen selbstredend noch die Top Ten der Produktionen, die mich 2017 am meisten in Verzückung versetzt haben. Welche Filme haben mich am hibbeligsten zurückgelassen, wo glühte mein Cineastenherz am wärmsten? Ehe diese Fragen beantwortet werden, möchte ich noch ein paar, finale Ehrennennungen loswerden, um Filmen Tribut zu zollen, denen ich nicht genug Applaus zukommen lassen kann - und die mir Kopfweh bereitet haben, als ich an meiner Topliste saß und Kürzungen vornehmen musste. Doch nur, weil sie nicht den Sprung in das eigentliche Ranking geschafft haben, heißt das nicht, dass ihr diese Filme einfach so ignorieren solltet, wenn ihr sie noch nicht kennt!

Sehr großen Spaß hat mir etwa Spider-Man: Homecoming bereitet, der (episodenhaft) Sony-Komödie und Marvel-Action verschränkt und wegen des etwas langgezogenen Finales ganz knapp die Top 35 verpasst hat. Betörend schön und anders ist derweil Die rote Schildkröte, ein (praktisch) dialogfreier Trickfilm, der von Survivalgeschichte zu esoterischem Märchen wird, und der mich beim Gucken umgehauen hat. Allerdings blieb er weniger in meiner Erinnerung haften als die Top 35, die ich hier präsentiere. Ein visueller und akustischer Genuss, der hier Erwähnung finden muss, ist natürlich der Slow-Burner-Sci-Fi-Film Blade Runner 2049, der den Vorgänger fesselnd ausbaut, mir den Plot aber dezent zu gimmickhaft aufzieht, als dass ich mich den Lobeshymnen vollauf anschließen würde. Dennoch ein starkes Stück Kino, bei dem ich mich auf den Rewatch freue.

Ein weiterer Film, bei dem ich nicht so laut juble, wie einige aus dem Kollegium, und den ich trotzdem nur wärmstens empfehlen kann: Der goldige Paddington 2, der sehr hübsch aussieht, wundervoll-warmherzig ist ... aber in meinen (und offenbar auch nur meinen) Augen nicht ganz an die Brillanz und Cleverness des Vorgängers heranreicht. Komplettes Kontrastprogramm bietet Rammstein: Paris, der wahnwitzig inszeniert ist und so den Rausch eines Konzerts gut imitiert - bei dem aber leider die Songauswahl eine Länge zu viel hat (oder einen In-die-Fresse-Volltreffer zu wenig), um in diesem hart umkämpften Jahr die Charts zu entern. Dann wäre da noch der Coming-of-Age-Sommerferien-Horror Es, der die Stephen-King-Formel mit sehr guten Kinderdarstellern und einer dezenten Prise Humor lobenswert umsetzt. Und zu guter Letzt muss ich mich für Amelie rennt aussprechen, einen großartigen deutschen Familienfilm mit tollen Bildern, überzeugenden Performances und einer wunderbar komplexen Tonalität. Anschauen, Leute!

Aber Schluss mit der Vorrede. Ihr seid für die Top Ten hier, und die sollt ihr nun bekommen!

Platz 10: Mein Leben als Zucchini (Regie: Claude Barras)

Manchmal schreibt das Leben die besten Filmbesprechungen. So im Fall der Stop-Motion-Tragikomödie Mein Leben als Zucchini, die aus Sicht eines neunjährigen Vollwaisen (mit traumatischem Familienhintergrund) vom Leben in einem Kinderheim berichtet. Ich sah den Film in einer regulären Sonntagmittagvorstellung und saß neben einer jungen Mutter und ihrer Tochter im Grundschulalter. Als der Abspann begann, war die Mutter in Tränen aufgelöst, woraufhin die aufgrund des eben gesehenen Films strahlende Tochter irritiert fragt: "Mama ... Was ist denn?" Die Mutter antwortet, während sie versucht, die Tränen zu stoppen: "Ach ... nichts ... der Film ..." Die Tochter fragt ratlos, im knuffigsten nur denkbaren Ton: "Aber ... der war doch lustig?" Ich werfe der Mutter einen mitleidigen, wissenden Blick zu, sie lacht kurz auf, weint weiter. Die Mutter umarmt ihre Tochter, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: "Ach, Liebes, ich bin einfach nur froh, dass wir uns haben."

Platz 9: Battle of the Sexes - Gegen jede Regel (Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris)

Eine Dramödie, die ein wahres Sportereignis nimmt, um anhand dessen mit Nachdruck und dennoch auch mit viel Witz ein gesellschaftliches Problem anzusprechen: Dieses Subgenre kann, wenn es mit Verve, Passion und inszenatorischer Energie angepackt wird, bei mir sehr viel erreichen. Nach längerem Mangel in dieser Hinsicht trifft das Ruby Sparks-Regieduo Jonathan Dayton & Valerie Faris mit Battle of the Sexes - Gegen jede Regel bei mir genau ins Schwarze: Simon Beaufoys Skript setzt die wahre Geschichte eines medial enorm aufgeblasenen Showkampfes zwischen dem alten Tennishasen Bobby Riggs und der sehr fähigen Tennisspielerin Billie Jean King vor den Hintergrund des feministischen Kampfes der frühen 70er-Jahre und der damaligen Tabuisierung von Homosexualität.

Die drei Themen werden von Beaufoy mit beeindruckender Eleganz zu einem einzelnen Handlungsstrang verwoben und Dayton & Faris inszenieren den Stoff mit so großer Fallhöhe, dass mir als Sportmuffel bei den gezeigten Tennis-Matches der Atem stockt, sowie mit einer Empathie erzeugenden, spielerischen Leichtigkeit, die dafür sorgt, dass Battle of the Sexes nicht zum überkitschten Problemfilm wird. La La Land-Kameramann Linus Sandgren erzeugt mit seinen kontrastreichen, soft beleuchteten Super-35-Bildern nicht nur nostalgische Gefühle, sondern verleiht dem eh schon Funken sprühenden Zusammenspiel zwischen Emma Stone alias Billie Jean und ihrem Schwarm (Andrea Riseborough) eine intensive, verhuschte Sinnlichkeit. Stone ist hier eh über alle Zweifel erhaben, Carell ist als Großkotz Bobby Riggs, der sich vor der Kamera zwecks Promofaktor als Überchauvinist hochstilisiert, irrwitzig und wie Beaufoy den Unterschied zwischen einem Machomaul und strukturellem Sexisimus skizziert, ist nicht nur klug gemacht, sondern auch wichtiger Bestandteil dieser inspirierenden, effektiv zum Griff nach den (sprichwörtlichen) Waffen aufrufenden Dramödie. Ein Muss, wahrlich nicht nur für Sportfilmfreunde!

Platz 8: Hans Zimmer Live (Regie: Tim van Someren)

Dass es jemals ein Konzertfilm in meine Jahres-Top-Ten schafft, hätte ich wohl auch nie zu träumen gewagt. Und da sind wir nun: Hans Zimmer Live ist einer meiner zehn liebsten Filme des Jahres 2017. Konsequent, schließlich ist Hans Zimmer Live wohl auch der Konzertbesuch, der mir in meinem bisherigen Leben am imposantesten in Erinnerung geblieben ist. Ich bin halt großer Fan der Arbeit unseres Exportkomponisten, und ich wüsste nicht, wann es zuletzt einen Kinofilm gegeben gab, der eine dermaßen hohe Dichte an umwerfender Musik geboten hat wie Hans Zimmer Live. Dieser Konzertfilm ist allerdings mehr als nur eine Abfolge großartiger Suiten, in denen Zimmer Melodien aus Filmen wie der Pirates of the Caribbean-Saga, Inception und Crimson Tide zu fetzig-rockigen Stücken neuarrangiert. Regisseur Tim van Someren fing die farbintensive Lichtshow dieser Konzertreihe eindrucksvoll ein und schaffte es zudem, durch kleine, feine Randbeobachtungen dem Publikum ein Gefühl für Zimmers Musikertruppe zu geben. Solche Details wie die wechselnden Outfits von Nick Glennie-Smith oder die unterschiedliche Bühnenpräsenz der als Engelchen und Dämonin bezeichnenden Perkussionistinnen geben dem Treiben auf der Bühne zusätzlichen Flair. Dadurch, ulkige Bewegungen oder so manches, urplötzlich aufblitzendes, breites Lächeln mitzuerleben, entsteht eine Dichotomie: Es ist ein epochales, bombastisches Musikereignis, das hier festgehalten wird, und dennoch fühlen wir uns als Teil eines intimen Treffens befreundeter Musiker, die mit Blicken kommunizieren, während sie ihre Show abziehen. Ich kann mir diesen Konzertfilm immer wieder ansehen - und wäre die Regieführung noch einen kleinen Tacken losgelöster und Zimmer-mäßig unberechenbarer, wer weiß, vielleicht hätte sich Hans Zimmer Live sogar noch höher platziert?

Platz 7: mother! (Regie: Darren Aronofsky)

Darren Aronofskys mother! steht über den Genredefinitionen: Die Geschichte einer jungen Frau, die mit einem älteren Mann verheiratet ist und sich von dessen aus dem Nichts auftauchenden Freunden genervt fühlt, ist Horrorfilm, Psychothriller, pechschwarze Streitkomödie, religiöse Allegorie, thematische Fortsetzung des über Umweltschutz sinnierenden Noah und Parabel auf das Zusammenleben mit einem Künstler zugleich. Lawrence gibt die Darbietung ihres Lebens und wie Aronofsky hier schrittweise das Geschehen zur Eskalation treibt, ist meisterlich. Auch Javier Bardem, Ed Harris und Michelle Pfeiffer überzeugen in ihren Rollen, die Kameraführung ist auf beeindruckende Weise desorientierend und das Finale muss man einfach erlebt haben!

Platz 6: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Regie: Lars Montag)

Was, wenn sich ein komplexer Blick auf die heutigen Macken des Beziehungssuchens und Liebeslebens mit einer verqueren, süffisant-frechen Persiflage auf deutsche Arthouse-Hochnäsigkeit verkuppeln? Ganz einfach: Dabei entsteht Einsamkeit und Sex und Mitleid, eine farbintensive Dramödie mit markanten Figuren, die allesamt eine faszinierende Gratwanderung vollziehen - sind sie in einer Sequenz dieses Ensemblefilms die Helden, sind sie in einer anderen Passage die Schurken. Somit ist Einsamkeit und Sex und Mitleid in seiner Weltsicht ausgereifter und abgerundeter als viele der hier durch den Kakao gezogenen Indie-Zeitgeistanalysen, die das deutsche Kunstkino so fabriziert - und gleichzeitig ist diese Romanadaption unfassbar komisch. Obendrein schafft es Regisseur Lars Montag, einige rührende und auch schlicht poetisch-skurrile Momente in den Film zu streuen. Einfach klasse!

Platz 5: Planet der Affen - Survival (Regie: Matt Reeves)

Das Triple-Feature der neuen Planet der Affen-Trilogie gehörte für mich zu den beeindruckendsten Kinobesuchen 2017 - selten war im Kinosaal während einer Blockbustervorführung so eine emotionale Angespanntheit zu spüren. Und das Highlight kam zum Schluss: Während Survival hätte man eine Stecknadel im Saal fallen hören können, so sehr stockte dem Publikum der Atem. Und das aus gutem Grund: Im Gewand eines Big-Budget-Spektakels erzählt Survival eine Mischung aus Kriegsgefangenendrama, Dystopie und Bibelepos. Andy Serkis war nie besser als hier in der Rolle des an seinen eigenen Idealen zweifelnden Affenanführers Caesar, Michael Giacchinos Instrumentalmusik ist ungeheuerlich bewegend und rührend und der Handlungsbogen, der hier geschlagen wird, ist in seiner emotionalen Bandbreite, seinem nachdrücklichen politischen Kommentar und seiner dramatischen Konsequenz einfach erstaunlich.

Platz 4: Pirates of the Caribbean - Salazars Rache (Regie: Espen Sandberg und Joachim Rønning)

Yo-Ho, Yo-Ho, Piraten haben's gut ... Aber nicht all zu gut: Käpt'n Jack Sparrow durchläuft eine Pechsträhne, verliert an Glanz und Ausstrahlung und braucht daher dringend ein Abenteuer, das ihm zu seiner alten Gloria verhilft. Was für ein Glück, dass sich gerade eine junge Astronomin und Horologin sowie der Sohn von Will Turner und Elizabeth Swann auf der Suche nach einem sagenumwobenen Artefakt befinden - doch sie werden vom piratenhassenden Geist Käpt'n Salazar verfolgt. Jack muss sich also umso mehr anstrengen, um zu sich zurückzufinden ...

Unter der Regie von Espen Sandberg und Joachim Rønning tauscht der fünfte Pirates of the Caribbean-Teil den Wahnsinn von Gore Verbinski sowie die malerische Seemannsgarnromantik von Rob Marshall gegen Dreckigkeit aus: Nie waren die Dialoge räudiger, nie sahen die Nebenfiguren (und Käpt'n Jack) verkommener aus. Als Finale der Reihe (was das Marketing in Salazars Rache hineininterpretiert hat) ist Teil fünf ein solider Abgesang, als möglicher inhaltlicher Wendepunkt, der die Segel für einen völlig anders gearteten sechsten Part setzt, wäre dieses Abenteuer schon deutlich stärker. Was nun Sache sein wird, tja, das wird uns nur die Zukunft verraten. Bis dahin freue ich mich über den fiesen Dialogwitz, Geoff Zanellis vergnügliche Musik und Kaya Scodelarios Carina Smyth sowie über die Wiedervereinigung, Golshifteh Farahani als Seehexe Shansa (zeigt im potentiellen nächsten Film bitte mehr von ihr!), den Bankraub und die Galgen-Actionsequenz. Für die Zukunft hätte ich aber gern die inhaltlichen Ambitionen von Ted'n'Terry und Gore Verbinski zurück - und einen Depp, der nicht in manchen Szenen wie der Verrückte Hutmacher klingt (sofern die Filmreihe überhaupt Sparrow-zentrisch bleibt). Na dann: Trinkt aus, Piraten!

Platz 3: La La Land (Regie: Damien Chazelle)

Einfach ein Träumchen von einem Film: Dieses mit cleveren, liebevollen Hommagen an frühere Filme gespickte Musical verneigt sich tief vor der munteren, lebensfrohen MGM-Ära des Musicalkinos sowie vor der lebensnahen Bittersüße der französischen Nouvelle Vague, und formt daraus ein ebenso nostalgisches wie zeitgemäßes Gesamtkunstwerk. Die Farben glühen geradezu von der Leinwand, gleichwohl wähnt sich Damien Chazelle in einem visuellen Beinaherealismus, Emma Stone und Ryan Gosling geben ein bezauberndes Paar ab - und haben dennoch sehr echte Probleme. Die angejazzte Musik geht prompt ins Ohr und alles in allem ist La La Land schlicht bezirzendes, emotionales Kino, das mir ein riesiges Lächeln ins Gesicht zaubert, ohne je übermäßig in Kitsch abzudriften.

Platz 2: Einmal bitte alles (Regie: Helena Hufnagel)

Wow. Wow! Einfach nur wow! Basierend auf einem Drehbuch von Sina Flammang und Madeleine Fricke ist Einmal bitte alles eine zu gleichen Teilen höchst authentische Lebensgefühlkapsel wie auch ein wunderschöner, kunstvoll abstrahierender Kommentar auf die Sorgen, Hoffnungen und Widersprüche einer Personengruppe, zu der ich mich selber auch zähle. Nämlich: "Mit-bis-Endzwanziger in den 2010er-Jahren, die in einer Industrienation leben, nicht aus einer gut betuchten, hilfsbereiten Familie stammen, sich nicht dazu entschlossen haben, in einen der sehr wenigen, noch verbleibenden Berufszweige zu gehen, in denen eine gesunde Bezahlung garantiert ist, und die allein schon deshalb, weil sie Respekt, Zukunftsperspektive, vernünftige Löhne sowie ein offenes Ohr für Sorgen fordern, als kindische, egomanische Träumer abgestempelt werden." Und all das ohne Berlin-Hipstertum, lautem Rumgewimmer oder forcierte Coolness!

Im Mittelpunkt dieses ebenso humorvollen wie auch deprimierend-wahren Films steht die 27-jährige, ein Diplom aufweisende Grafikerin Isi (wundervoll gespielt von einer wandelbaren Luise Heyer). Sie ist auf nicht unbeachtliche Weise Opfer der allgemein grassierenden Umstände: In Berufen, die auch nur ansatzweise Kreativität fordern, kommt man nur noch mit Vitamin B weiter, sonst wird man von Praktikum zu Praktikum gereicht. Die Mieten sind der reinste Wucher. Und wenn man sich anhand seiner zahllosen gesellschaftlichen sowie beruflichen Pflichten ausgebrannt hat, so dass man mal seine Batterien auftanken muss, wird man direkt als verantwortungslos und faul beschimpft.

Gleichwohl haben Flammang, Fricke und Regisseurin Helena Hufnagel, die diesen Stoff mit einer Garden State-esquen, süffisant-verspielten Melancholie anfasst, keinen "Generation Y, du darfst nun die Ungerechtigkeit der Welt um dich herum beklagen"-Jammerfilm kreiert. Denn Isi muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit den denkbar schlecht gemischten, ungerecht verteilten Karten, die sie erhalten hat, zu allem Übel auch noch richtig mies zu pokern: Sie lässt sich vom Sozialneid auf ihre mehr Glück habende Mitbewohnerin und (on-and-off-)beste Freundin Lotte (liebenswert-ignorant gegenüber Isis Klagen: Jytte-Merle Böhrnsen) zerfressen. Sie lässt Chancen verstreichen. Sie hält zu sehr an ihren Idealen fest, statt nach vernünftigen Kompromissen zu suchen. Und so weiter ...

Das klug konstruierte, ausgewogen über die behandelten Generationssorgen reflektierende Drehbuch, die träumerisch-farbverwaschenen, doch ebenso sehr die unschönen realen Details einfangenden Bilder von Kamerafrau Aline Laszlo und ein warmkalter, emotional komplexer Strom an Hintergrundsongs heben diese Dramödie für mich zu einem der eindrucksvollsten deutschen Filme des bisherigen Jahrzehnts empor. Zweifelsohne spielt Einmal bitte alles auch sehr in die Karten, wie sehr ich mich mit Isi identifizieren kann und wie sehr mir die komplexe Atmosphäre dieser kleinen, wundervollen Produktion aus der Seele spricht. Nicht umsonst ist das hier meine rein mit dem Herzen erschaffene Favoritenliste! Dennoch kann ich nicht genug betonen, wie sehr ich Einmal bitte alles allen empfehlen kann, die auch nur einen winzigen Bruchteil von Offenheit gegenüber diesem Filmstoff übrig haben. Es ist ein Glanzstück des deutschen Kinos!

Platz 1: A Cure for Wellness (Regie: Gore Verbinski)

Berückend schöne Bilder, eine bedrückend hintersinnige Weltsicht: Gore Verbinski kehrt nach über zehn Jahren Wartezeit ins Horrorfach zurück und erschafft mit A Cure for Wellness einen atemberaubend gut aussehenden Psychofilm, der mit süffisantem Zynismus ein Experiment an seinem Publikum abhält. Was, wenn uns unsere Arbeitswut krank macht - wir aber in der Abgeschiedenheit ebenso sehr von Wahnsinn heimgesucht werden? Dank Bojan Bazellis hypnotischer Kameraarbeit und der betörenden Instrumentalmusik aus der Feder von Benjamin Wallfisch, die Sirenengesang, sanft-verstörendes Geklimper und majestätische, dunkelromantische Orchestermelodien vermischt, wird aus diesem inhaltlichen Rücksturz auf gotisch inspirierte Horrorklassiker und den kessen, dezent amüsierten Hammer-Horrorthrillern vergangener Tage ein Genrebeitrag, der gleichermaßen mit Prunk, Schauer und dunkel-humoriger Selbsterkenntnis zu verlocken weiß. Eine bis ins Mark gehende Klangabmischung, surreale Traumsequenzen und die intensive, gleichwohl schwer einer klaren Kategorie zuzuordnende Dynamik zwischen den Hauptdarstellern Mia Goth und Dane DeHaan ergänzen diesen Geniestreich weiter. A Cure for Wellness mag zum Kinostart so manche ratlos zurückgelassen haben, aber ich bin von dieser "Der Zauberberg, Verbinski-Art"-Erzählung schwer beeindruckt und sage (wie so oft, wenn Verbinskis Filme floppen) vorher, dass der Film in den kommenden Jahren als verkanntes Kunstwerk wiederentdeckt wird. Ich gönne es A Cure for Wellness vom ganzen Cineastenherzen - 2017 hat mich kein Film stärker in Euphorie versetzt und ebenso wenig hat mir das ganze Jahr über eine Filmproduktion nachhaltiger den Atem geraubt.

Und damit können wir das Filmjahr 2017 zu den Akten legen!