Freitag, 31. Dezember 2010

Meine Hits des Jahres 2010

2010 war ein Jahr, dass mir äußerst schnelllebig vorkam. Urplötzlich war der durch Daisy verlängerte Winter vorbei und der Frühling fing an, die hier verzögert startenden Filme aus dem US-Kinojahr 2009 machten endlich Platz für Produktionen aus diesem Jahr, schon war der Sommer da, alle klagten wie grauenvoll Temperaturen über 30°C doch seien, jetzt heulen alle über den wegzuschippenden Schnee.

Insbesondere musikalisch fühlt sich 2010 weniger wie ein vollwertiges Jahr an, sondern eher wie die Schemen eines sich noch in der Komplettierung befindlichen Jahres. In meinem Musikalltag setzte sich der Trend vergangener Jahre fort, dass Filmsoundtracks eine zunehmend prominentere Stellung einnehmen, das "normale" Musikjahr dagegen besteht aus lediglich drei markierten Phasen: Auf der einen Seite Eurovision und der herbstliche Sturm an neuen Alben einiger meiner Lieblingskünstler, andererseits das gewaltige Musikvakuum, das die WM in den Kalender geschossen hat. Shakira klaute Fozzie Bärs Kultspruch "Wakka-Wakka" und sang ihn mit einer Kermit-Stimme in die Welt hinaus, mir wurde wiederholt in monotoner Notenfolge befohlen, gefälligst eine Flagge zu schwenken und zahlreiche Sänger scheiterten gleichermaßen an der Tonleiter, wie an der Vorhersage des neuen Weltmeisters. Mjaaa...

Hier präsentiert sich euch also das, was das Musikjahr 2010 aus seinen zwei Hochphasen und dem gelegentlichen Charthit für meine Ohren anzubieten hatte. Wie schon bei den Hitlisten zu den Jahren 2007, 2008 und 2009 gelten meine ganz eigenen Gesetze: Keine Filmsongs. Prägnanz kann über Qualität gehen, wenn ein Lied, über das ich eigentlich die Augen rolle mir über die Dauer hinweg irgendwann ironischerweise Spaß bereitet. Positive Assoziationen sind dabei hilfreich - anderweitig hätte es Rihannas Umbrella es auch niemals in eine meiner Jahresbestenlisten geschafft.

Und wie schon letztes Jahr... Ohne die richtigen Alben wäre das wohl eine magere Liste geworden. Ich befürchte, wenn das so weitergeht, müssen wir ab 2011 Filmmusik zulassen.
    Platz 25: Give a Little More - Maroon 5
    Then I give a little more, oh babe / I give a little more, oh babe

    Erst erinnert das Lied an die Elektrische Selbstzerstümmelung (das ist der deutsche Name der originalen Muppet-Band, ihr Unwissenden, wo bleibt eure kulturelle Erziehung?). Dann trifft mich kurz ein ins neue Jahrhundert verzerrter Huey-Lewis-Vibe. Und dann klingt es nur noch nach verwaschener... aber stilvoll verwaschener Retro-Funky-Urlaubsparty-Sturmfreimusik. Oder sowas in der Art. Nur ohne den nötigen Biss, um sich im Gedächtnis einzuhämmern.

    Platz 24: (Let Me Hear You) Scream - Ozzy Osbourne
     I'll pull you up and push you right back in your place
     
    Ozzy lebt tatsächlich noch, und er ist noch fit genug, um ein ganzes Album aufzunehmen! Ich sag's euch, nach der Apokalypse werden Ozzy und Keith Richards zusammen mit Joopie Heesters vor Millionen von Kakerlaken Konzerte geben... Bis WALL•E ihnen die E-Gitarren wegnimmt.
    (Let Me Hear You) Scream aus dem Album Scream erfindet den Rockopa nicht neu, geht aber schnell ins Ohr und hat genug Wumms hinter sich, um an einem trägen Nachmittag den Alltag wieder behände in Gang zu setzen. Auch das restliche Album ist sehr solide geworden, aber es stachen nur wenige Lieder besonders hervor. Trotzdem ist das mittlerweile zehne Studioalbum von Ozzy ein kleiner Höhepunkt meines Musikjahres. Unter anderem auch wegen Ozzys stets sehenswerten Fernsehauftritten.

    Platz 23: (Love Is Like A) Heatwave - Phil Collins
    It's like a heatwave, burning in my heart
     
    Das Lied mag aus der Motown-Ära stammen, aber Phil Collins' Cover war dieses Jahr taufrisch. Somit zählt dieser Song in dieser Liste! Und was kann schon schiefgehen, wenn einer der besten Motown-Hits vom tollen Phil Collins gecovert wird? Eigentlich nichts. Ich bin zugegebenermaßen ein bisschen enttäuscht, da seine Motown-Neuaufnahmen lediglich gut für zwischendurch sind, und keinen musikalischen Homerun dastellen, aber Heatwave hat sich dieses Jahr dennoch recht gut bei mir durchgesetzt. Ein solider 23. Platz, bei dem die Sympathie für Projekt und Interpreten den Sprung in die Hitliste erleichterten.

    Platz 22: I Care For You - Jennifer Braun
    I care for you / ohohoho / I care for you / ohohoho

    Die arme Jennifer: Da bekommt sie von Max Mutzke einen Eurovision-Titel zugeschoben, und kein Jahr später dürfte wohl nur noch ein Drittel der USFO-Zuschauer sie erkennen. Die Ausmaße der Lena-Mania konnte man während des Finales von Unser Star für Oslo auch kaum vorhersagen. Okay, Lenas Sieg konnte jeder mit Zugriff auf die Besucherzahlen seiner Webseite erahnen (nach Lenas Auftritten explodierten während meiner USFO-Livekommentare die Besucherzahlen - es wurde nach Lena gesucht, mein Blog gefunden und offenbar drangeblieben), aber nach I Care For You hätte ich dennoch nicht meine Hand für einen Lena-Sieg ins Feuer gelegt. Die ersten Forenreaktionen auf Satellite waren ja eher perplex, während I Care For You als schmusig-schneler Poprock ganz gut aufgenommen wurde. Offenbar rufen bei Castingshows andere Leute an, als diejenigen, die bei einschlägigen Fernsehseiten rumstöbern. I Care For You hätte dennoch das Zeug zum Mitsumm-Sommerhit gehabt. Aber Deutschland konnte sich dieses Jahr nur auf eine junge Newcomerin aus dem eigenen Land konzentrieren.

    Platz 21: Coming Home - Iron Maiden
    Oh the bittersweet reflection / As we kiss the earth goodbye  / As the waves and echoes of the Towns / become the ghosts of time

    Iron Maiden gelang etwas, das die eingschworene Internetgemeinde nicht auf die Beine stellen konnte. Im April wurden gleich zwei Aktionen gestartet, um den DSDS-Gewinner an der Eroberung der Singlecharts zu hindern. Wurde nichts draus. Derweil in den Albencharts: Iron Maiden rief während der Welttournee zu The Final Frontier die Fans dazu auf, das Album bis zur Spitzenposition in ihrem Land zu tragen. Es gelang. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in 22 anderen Ländern. Es fanden auch, und jetzt kommen wir zu den wirklich großen Ehren, zwei Lieder des Albums Eingang in diese Hitliste. Das melancholisch-progressive Coming Home ist der erste Titel, da er mir zwar insgesamt sehr gut gefällt, vor allem aufgrund seiner Balance aus musikalischer Kraft und eher bedächtiger Stimmung, er es aber nie so richtig in meinen diesjährigen Musikalltag schaffte. Es war ein Gelegenheits-Musikstück, das ich schnell wieder aus den Ohren verlor - bis es mir wieder begegnete. Für die Hits des Jahres bedeutet das in diesem Fall Platz 21.
        Platz 20: Hands All Over - Maroon 5
        Put your hands, all over, put your hands all over me

        Der Song Hands All Over von Maroon 5 ist einer dieser Fälle, die mir unerklärlich bleiben. In der Komposition liegt das Zeug zu einem Titel, der mich voll und ganz überzeugt. Die Klangfarbe ist gedrückter als beim üblichen Maroon 5-Lied, wodurch er an meinem absoluten Lieblingssong dieser Band erinnert (Harder to Breathe), der Refrain hat einen mantraartige, beschwörenden Flair, er treibt sehr bestimmt voran. Und dennoch stört mich irgendetwas genug an Hands All Over, dass ich das Lied nicht höher platzieren könnte.In ihm steckt eine unvorteilhafte Disharmonie, auf die ich beim besten Willen nicht deuten kann. Ich kann bloß benennen, dass mir das Lied deswegen auch deutlich länger vorkommt, als es tatsächlich ist.
        Hands All Over: Cool, ungeheuerlich stylisch, und leider auf eine mir nicht bewusste Weise verbaut. Verwendet es auf erstaunliche Weise in irgendeinem mich begeisternden Independent-Film, und wir reden in ein paar Jahren nochmal etwas gönnerhafter über dieses Lied.

        Platz 19: Give Your Life for Rock 'n' Roll - Lordi
        Give your life for Rock and Roll, Your soul shall live on / Give your life for Rock and Roll, You'll never be gone
        Eine Lobeshymne an den Rock 'n' Roll, frisch aus den Klauen Lordis. Nicht, dass solche Stücke Mangelware wären, aber Give Your Life for Rock 'n' Roll ist "irdischer" und ehrfürchtiger, als vorherige Rockhommagen der Finnenmonster. Genau richtig für männliches Schunkeln und Feuerzeuge rausholen. Wobei, spätestens beim Instrumentalpart stört das Feuerzeug, lassen wir also diesen Schwachsinn. Gehen wir halt ohne Acessoires mit.

            Platz 18: I Am Bigger Than You - Lordi
            Buhu Buhu I do what I want to! Buhu Buhu and I want to do you!

            Es scheppert, es deppert und eine kratzige, volumenreiche Stimme erklärt, dass sie zerrissene Haut mag und sich darüber freut, wenn mein Körper durchlöchert wird, denn dann gibt es mehr Löcher, die der Besitzer dieser monsterhaften Stimme füllen kann. Eine solche Beschreibung kann eigentlich nur auf zwei Dinge zutreffen: Schüler/Lehrer-Gespräche nach dem allwöchentlichen Schulsport oder einen Lordi-Song. Glücklicherweise ist an dieser Stelle von zweiterem die Rede. Das ist wenigstens noch überaus offensichtlich nicht ganz so bedrohlich gemeint. Der Refrain von I Am Bigger Than You ahmt harmlosen Kinderschreck nach und erinnert somit weniger an einen Torture Porn, sondern mehr an etwas fehlgeleitetes Toben unter jungen Kindern. Buhu, buhu, ich bin größer als du und mach mit dir, was ich will. Unter Kindern ist das niedlich, im Erwachsenenalltag muss man wieder aufpassen, zu wem man sowas sagt, sonst hat man eine Ladung Pfefferspray in der Schnauze. Und obwohl es schärfere Soßen gibt, die zum Verzehr freigegeben sind, ist es ob des bitteren Geschmacks des Selbstverteidigungspühzeugs keine angenehme Erfahrung. Im dunklen Rockpartykeller hingegen, darf man wieder grenzenlos den neckischen grinsenden Kinderschreck spielen. Am besten zu I Am Bigger Than You.

            Platz 17: California Gurls - Katy Perry feat. Snoop Dogg
            Fine, fresh, fierce / We got it on lock

            California Gurls hat ungefähr so viel Klasse, wie ein schlecht besuchter, kitschig bemalter Süßwarenstand auf einer ramschigen Dorfkirmis. Er enthält obendrein genauso viel Zucker wie besagter Süßwarenstand. Aber es handelt sich bei California Gurls auch um einen sommerlichen Electropopsong, will man da Niveau und lebensverändernde, tiefschürfende Melodien? Der Song soll ein treffender Begleiter während der Autofahrt zum Grillabend bei Freunden sein, die Geräuschkulisse für den ungezwungenen Aufenthalt am Baggersee, das vertonte, eisgekühlte Biermischgetränk. Und in diesen Belangen ist California Gurls, in fein dosierten Maßen genossen, ein gelungener Titel. Zumal Snoop Dogg so ziemlich der einzige US-Rapper ist, bei dem nichtmal eine einzige Faser meines Körpers zusammenzuckt. Der Kerl ist dafür zu vergnüglich. Wenn er bloß Katy Perry eine ähnliche Tonlage mitgebracht hätte, statt nur einen Jahresvorrat an Zuckerwatte - denn an manchen Stellen quiekst Perry doch zu hoch von ihrem sommerlichen Wunderland.
            Das Video, nebenher gesagt, ist so eine Sache. Ich begrüße die überbordende Schlaraffenzuckerland-Fantasie und Snoop Doogs Sugardaddy-Outfit (ha...ha...ha), die Outfits von Katy Perry und ihren Hintergrundtänzerinnen sind dagegen scheußlich und billig. Und nur weil sie bunt sein wollen, heißt das nicht, dass man sich bei dem Farbarrangement gar keine Gedanken machen muss. Wenn ich dann auch noch bedenke, dass die Zuckerwelt vor einigen Jahren noch gebaut worden wäre, statt sie komplett am PC zu erstellen, finde ich es nochmal ein gutes Stück mieser. Aaaber irgendwie hypnotisiert einen diese irreal beleuchtete Plastik-PC-Zuckerfarbenpallette. Wegschauen fällt also trotz der Kritik schwer. Selbst wenn ich mir danach die Augen auswaschen muss.

            Platz 16: Allez Ola Olé - Jessy Matador
            Allez Allez Allez Allez / Il faut danser, tout le monde, danser, tout le monde, danser collé serré! / Tout le monde, danbadam badamdam...


            Mit einem WM-Song werden in dieser Hitliste wohl die wenigsten gerechnet haben. Was für ein Glück, dass Allez Ola Olé kein WM-Song ist, sonst müsste ich meine Leser ja enttäuschen, was ich selbstredend nicht möchte. Frankreich mag das Lied vielleicht als offizielle WM-Erkennungsmelodie für einen seiner Sender gebraucht haben, bloß bin ich kein Franzose. Allez Ola Olé war vor allem Frankreichs ESC-Beitrag und so präsentierte er sich dem Rest Europas. Und, Überraschung, als Deutscher zähle ich aus Frankreichs Sicht zum Rest Europas! Tada! Diese Logik kann man bestechend finden oder nicht, zumindest ist es für mich ein Eurovision-Lied und noch dazu eines, das ganz versteckte Seiten an mir offenlegt. Französischer, sommerlicher Tanzhallen-Elektro-Pop. Alizée sei verdammt, alle Jahre wieder erwischt mich ein solcher Song und nimmt mich für sich ein. Allez Ola Olé weckt Erinnerungen an frühe Frankreich-Ausflüge und wie es der Zufall so wollte, war ich auch diesen (Spät-)Sommer in Frankreich. Obendrein war es der einzige Nichtdeutsche Eurovisionsong, der am Wettbewerb teilnahm und in meinem Umfeld hängen geblieben ist, weshalb er sich als kleiner, privater Sommerhit behauptete. Sowas bringt weitere Pluspunkte für den Jahresrückblick!

            Platz 15: Tik Tok - Ke$ha
            The party don't start until I walk in

            Ich hasse diesen Song. Wenn Ke$ha zu Beginn ihren Text rauskotzt, kann man nicht nur förmlich ihre verkaterte Fresse vor seinem geistigen Auge sehen, nein, sogar der Geruch von ungeschützem Verkehr, verschüttetem Bier und Vokdka mit Energy kommt aus dem Autoradio raus. Von den Bröckchen eines halb verdauten BigMäc-Menüs erst ganz zu schweigen. Es ist eklig. Und der Text selbst ist nur minimal besser, lässt er sich er doch keine Gelegenheit für einen schauderhaften Reim und asoziales Kopfkino aus.

            Ich liebe diesen Song. Wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort läuft. Der Refrain ist gelebte Party, treibt einen voran und hat gleichzeitig schon die richtigen Tanzbewegungen in der Melodie. Wochenende, Sorglosigkeit. Und die Bridge gen Schluss, dieser totale Stilbruch mit dem restlichen Song, das ist die vertonte Sekunde, in der man nach seiner Aklimatisierungsphase vom aus dem Alltag gezerrten Miesepeter wieder allen Balast fallen lässt und sich auf den genussvollen Moment fokussiert.
            Ja... der gute Schatten-Todd traf den Nagel auf den Kopf: Kein Popsong war jemals so irritierend und in seiner Individualwirkung ambivalent wie Tik Tok. Man liebt es nicht ihn zu hassen oder hasst es ihn zu lieben - man tut beides auf einmal, unabhängig voneinander. Positiven Assoziationen sei Dank zieht es diesen mehrere Monate nach US-Debütauch bei uns veröffentlichen Song trotz zahlreicher Negativpunkte beschwingt wie im Refrain auf meinen 15. Platz. Prägnanz und gute Erinnerungen über Qualität... Somit macht sich die einschneidende Bridge bezahlt, denn ohne sie wäre ich zögerlicher mit der Beförderung.

            Platz 14: Misery - Maroon 5
            I am in Misery

            Der Mensch braucht Vorbilder. Maroon 5 hat es uns dieses Jahr deutlich vorgeführt: Leadsänger Adam Levine verriet, dass das Debütalbum Songs About Jane stark von Stevie Wonder geprägt wurde, während das zweite Album zwischen Prince und The Police pendelte. Hands All Over hingegen, sei ohne musikalische Inspirationsquelle entstanden. Das dritte Studioalbum von Maroon 5 ist zugleich auch ihr meiner Meinung nach schwächstes und farbloseste. Dies hindert die Hauptsingle des Albums jedoch nicht daran, sich nahe an meinen Jahres-Top-Ten zu platzieren. Ein Glück, dass Linkin Park mit seinem mich schwer enttäuschenden Album nicht hatte... 
            Misery ist klar der stärkste Titel von Hands All Over und bietet stimmigen Falsetto-Funk-Rock und Maroon 5s Paradethema: Beziehungsstress sowie den Kampf mit der Ex. Levine scheint wirklich viel verarbeiten zu müssen, mit seiner Musik. Misery klingt überaus typisch für Maroon 5, eigentlich sogar zu typisch, da es ein richtig generischer Titel für die Band ist. Zumindest der Refrain bleibt dennoch haften, und für die höchst amüsante Klang/Text-Schere gibt's auch ein paar Sympathiepunkte. Und naja... generisch-stereotyper Maroon 5-Sound ist noch immer besser als schwacher Maroon 5... Ach, ich hab diesen Song irgendwie schon richtig gern. Was soll's, er bekam ja einen guten Platz! Erklärungen gibt's woanders. Vielleicht beim nächsten Song?

            Platz 13: We Could Be The Same - maNga
            For all this time / I’ve been loving you / Don’t even know your name / For just one night, we could be the same / No matter what they say

            Während wir gespannt darauf warten, ob Linkin Park es gelingt, ihren vertraglich geregelten, regelmäßigen Besuch in meiner Jahreshitliste abzuleisten, überbrücken wir die Wartezeit mit der türkischen Antwort auf  Chester Bennington und Co.: maNga! Wie, ihr kennt maNga nicht? Na hört mal, das waren die Zweitplatzierten beim diesjährigen Eurovision Song Contest! Ihr seid weiterhin planlos? Mh, vielleicht helfen euch diese Stichworte: Leichtgängiger Alternative metal mit dezent orientalischer Percussion, flottes Tempo bei klanglich heller Melodieführung, sehnsuchtsvoll verliebter, aber bestimmter Gesang... Als Hintergrund-Act tanzte ein RoboCop/PowerRangers-Crossover, der sich mit der Flex das Kostüm aufschnitt... Und sich, ACHTUNG, SPOILER!!! als schlanke, langhaarige Blondine mit strengem sexy Blick entpuppte. Also war's streng genommen ein RoboCop/PowerRangers/Metroid-Crossover.
            Naja, auch wenn sich wohl niemand mehr an diesen Zweitplatzierten erinnerte: manGas Auftritt hat mir sehr gefallen und wäre bei einem Versagen Lenas ein für mich willkommener Gewinner gewesen. Das Lied hat Power, einen leicht mitsingbaren Refrain, recht coole Sprechgesang-Parts und dieses gewisse ins Nichts sehnsüchtelnde Rock-Feeling. Im richtigen Kontext eingebettet hätte We Could be The Same enormes Potential gehabt, auf meiner Hitliste hoch hinauszuklettern. Ein 13. Platz für Linkin Park vom Bosporus sollte aber ebenfalls niemanden grämen, denke ich.

            Platz 12:  Let It Die - Ozzy Osbourne
            It's a new day for the faceless / Take the torches from the useless / First amendment, second guesses / All dependant, I'll do anything to help you

            Ich will nicht als Tonabmischer für Ozzy Osbourne arbeiten, wirklich nicht. Er verfügt schon lange nicht mehr über die Stimmgewalt aus Black-Sabbath-Zeiten, schreibt sich heutzutage aber ungebrochen laute Musikstücke. Nicht nur das, auf seinem diesjährigen Album Scream sind einige Songs packevoll mit schnellen Notenfolgen und intensivem Hintergrundgeschrammel zum Gesang. Let It Die ist solch eine Komposition. Schnelles Gitarrengequäle, Bass, Keyboard, zügige Drums und oben drüber Ozzy Osbournes sicherlich zum Patent angemeldetes leises Geschreie. Wer da im Tonstudio saß und am Mischpult so lange die Regler rauf und runterschob, bis ein stimmiger und kraftvoller Song bei rumkommt hat einen Orden verdient. Denn Let It Die hat gewaltiges Scheiterpotential. Aber der Eröffnungssong von Scream haut die Fledermaus aus der Grotte raus: Elektrisierender und zügiger Refrain trifft auf markant stampfende Strophen und ein über die gerade im Refrain wild gewordene Instrumentierung hinweg scheppernder Gesang, der idealen Gebrauch von Ozzys (aufpolierter) Gesangsstimme macht. Der irritierende und nicht in das Tempo oder die Dramaturgie des Songs passende Instrumentalpart gegen Schluss müsste noch etwas gestrafft werden, dann wäre wohl auch ein Rang in meinen diesjährigen Top 10 möglich gewesen.
              Platz 11: ZombieRawkMachine- Lordi
              Gray-skinned heads banging, some get loose / Rocking and rolling in wet gory mousse

              ZombieRawkMachine ist bei weitem nicht der beste Lordi-Song aller Zeiten und auch lange nicht das beste Stück auf dem Album Babez for Breakfast. Dennoch könnte ZombieRawkMachine zu den repräsentativsten Liedern der Band gehören. Er vereint zu gleichen Teilen ihre Hardrock- wie Metaleinflüsse und behandelt die stete Monsterthematik, die mal comichaft und mal horrormäßig umgesetzt wird, auf der schwankenden Lordi-Skala so ziemlich auf einem mittleren Niveau. Dessen ungeachtet: ZombieRwakMachine ist beim ersten Anhören was kraftlos, mit mehrfachem Anhören wird es aber immer leichter mitzugehen. Und so reicht es nach einigen Wochen "Heavy Rotation" mit dem restlichen Album für einen sehr ansehnlichen 11. Platz auf dieser Liste. 

              Platz 10: Satellite 15... The Final Frontier - Iron Maiden
              Too close to the sun and surely will burn

              "Aber Sir D., wo bleibt den Satellite?" Bitte schön, da habt ihr einen mit Satellite betitelten Song. Er ist sogar in meinen Top 10! Rock on...!

              Na gut, na gut. Etwas mehr Text darf's wohl doch sein... Insgesamt fand Iron Maidens neues Album sehr viel Gegenliebe, sowohl vom Publikum, als auch von den Kritikern. Der (Semi-)Titeltrack und Albenopener Satellite 15... The Final Frontier hingegen polarisierte seine Zuhörer. Die Sci-Fi-Klangatmosphäre, die ungleichmäßige Tonabmischung, eigentlich das gesamte "Gefühlserlebnis" dieses Titels war einigen Fans eine zu weitreichende Abkehr vom typischen Iron-Maiden-Stil. Satellite 15... The Final Frontier wäre den meisten seiner Kritiker nach der falsche Song für die richtige Band. Oder eher der richtige Song für eine andere Band. Wie man's nimmt.
              Während ich diese Kritik der Fans eher nachvollziehen kann, als ständige Beschwerden über zu viel Schwermetal in einer Metal/Hardrock-Combo (oder Ärger über zu viel Hardrock in einer Hardrock/Metal-Combo), bin ich immer noch anderer Meinung. Satellite 15... The Final Frontier mag nicht der archetypische Iron-Maiden-Song schlechthin sein, doch mir gefällt er als eigenständiger Song sehr gut. Ich muss "meine" Iron-Maiden-Songs nicht zwingend als Iron-Maiden-Songs erkennen, ich kann auch sehr gut mit einem kleinen Stück Space-Rock-Oper leben. Abstruserweise habe ich mich dennoch mehr an die zurechtgestutzte Musikvideo-Kurzfassung gewöhnt, als an die vollständige Albenfassung. Wieso? Weiß nicht, ich werde selbst nicht schlau draus.
                  Platz 9: Stalker - Christian Durstewitz
                  My mind is crazy singin' Babalabalabo / Because I'm lazy singin' Babalabalabo

                  Na gut, einen Ehrenpreis für den intelektuell geistreichsten Liedtext des Jahres wird Unser Drittplatzierter für Oslo garantiert nicht bekommen. Dessen ungeachtet hat er sich ganz klar einige imaginäre Gummipunkte dafür verdient, dass er den am fröhlichsten klingenden und dadurch missleitendsten Song 2010 über das Stalken schrieb. Wer nur mit einem halben Ohr zuhört und den Songtitel nicht kennt, würde wohl kaum gewisse, unheimliche Untertöne in Stalker entdecken. Was auch wieder viel über unsere Musikrezeption aussagt. Eigentlich lässt sich dem Volk textlich alles verkaufen, wenn es nur entsprechend verpackt ist. Bestimmt hat selbst Ursula von der Leyen ein Lied über Kindesmord oder Frauenmisshandlung in ihrer Lieblingslieder-Playlist, ohne dass sie davon weiß. Vorausgesetzt, sie besitzt so etwas wie eine Playlist...
                  Ähm, ich schweife ab. Stalker beginnt als Eurovision-taugliche "Ein trauriger Junge mit seiner Gitarre"-Singer/Songwriter-Ballade, bevor die Stimmung komplett umkippt und sich als ein hibbeliger Straßenrock-Titel mit Pop-Harmonie entpuppt. Schnell, ein Ticken verrückt, viel zu spät veröffentlicht. Dazu hätte man im Sommer unsagbar manisch durch den Park hüpfen können... Schade...
                  Disclaimer: Die Blogleitung möchte mitteilen, dass Sir Donnerbold manisches Durch-den-Park-hüpfen nicht zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt. Jegliche gegenteilige Behauptung ist eine diffamierende Unterstellung und zieht strafrechtliche Konsequenzen nach sich. Manisches Durch-den-Park-Hüpfen wird von den Leitern dieses Blogs in keinster Weise untersützt, LeserInnen, die sich durch diesen Artikel dazu inspiriert fühlen, diese Tätigkeit einmal auszuprobieren, sollten der blogleitenden Meinung nach sofort psychologische Hilfe konsultieren. Die Blogleitung möchte sich des Weiteren von sämtlichen Implikationen distanzieren, dass Mitglieder unserer vergötterungswürdigen Bundesregierung Gefallen an Liedern mit abscheulichen Texten finden könnten. Ein solcher Gedanke ist wahrlich absurd. Die Blogleitung zieht in Betracht, den Verfasser dieser Zeilen auf einen Bauernhof zu schicken, damit er sich an den saftigen, grünen Wiesen zu erfreuen. Die Stadt ist nichts für ihn. Den Konsumenten dieses Blogs wird aber ein neuer Autor gekauft.

                  Platz 8: Rock Police - Lordi
                  Justice in leather uniform (we prosecute transgression!) Crashing through windows, breaking doors (we practice devastation law)

                  Und noch einmal Lordi. Ich verrate an dieser Stelle schonmal eins, ihr soltet euch an Lordis Präsenz in den Top 1 gewöhnen, denn die finnischen Monsterrocker mit Metaleinflüssen (oder Metalmonster mit Rockwurzeln?) haben sich in einem widerlichen Massaker direkt einige weitere Spitzenplätze gekrallt. Rock Police gehört dabei zu den harmloseren Songs und könnte mit einer etwas gedämpfteren Abmischung vielleicht sogar die normalen Radiostationen erobern... wären die "anderen" Bands gegenüber etwas aufgeschlossener. Aber rein klanglich tut sich zwischen Lordi und manchen Rockklassikern wie den bekannteren KISS-Titeln, die es auch heute noch gelegentlich ins Massenradio schaffen, nicht viel. Eine eher muntere Rockmelodie, die Instrumentalparts sind sehr licht und hell, statt dicht und schwer, der Refrain hat einen leichtherzigen Drive... Auf die monstermäßigen Juxtexte, die sich über eine selbsternannte Rockelite mokieren achtet der Gelegenheitszuhörer doch eh nicht, also kommt Lordi sicher mit ein wenig Folter hier und dort davon...
                    Platz 7: Loud and Loaded - Lordi
                    You were about eleven / when your sister pissed you off / you chopped off her finger / and ate it in a hot dog

                    Lordis komödiantisches Lob(?)lied an eine extrem temperamentvolle Person vermixt Hardrock mit Power Metal, hat einige sehr charmant veraltet klingende Keyboardeinsätze und prischt mit Wahnsinnstempo voran. Die geborchene Melodieführung und das nach einer Zäsur in den Strophen steigende Tempo geben Loud and Loaded etwas gleichermaßen eingängiges wie unkontrolliertes. Vor allem ist es aber ein saumäßig energiereicher, amüsanter Song. Zum einen wegen seiner Wirkung als musikalisch flotte Rock/Monster-Metal-Pastiche, andererseits wegen der nicht minder süffisanten Texte. Was Loud and Loaded an einer besseren Platzierung hindert, ist seine Kürze. Ich hätte gern weitere Strophen in diesem Stil - und da ich üblicherweise Lordis Refrains den Strophen vorziehe, ist das eigentlich ein Kompliment, das ich hier als Kritikpunkt anwende.

                    Platz 6: Satellite - Lena Meyer-Landrut 
                    Like a satellite, I’m in an orbit all the way around you

                    Ein musikalischer Rückblick auf 2010 wäre wohl kaum komplett ohne Lenas Satellite. Leicht hat es mir unser Eurovision-Titel allerdings nicht gemacht. Ich habe länger mit mir gehadert, welchen Rang Satellite in dieser Liste erhalten sollte. Würde ich mich ins Frühjahr zurückversetzen, als ich Satellite zum ersten Mal hörte, und allen nach meinem üblichen Musikgeschmack urteilen, würden Stalker und I Care For You unter den Beinahe-Eurovisionbeiträgen besser abschneiden, da mir Durstis erfrischender, wilder Straßenrock und Jennifers schwungvoller Poprock ganz trocken betrachtet halt mehr liegen als Lenas... öh... "bubbly" Alternative-Pop... Mrmpfjha... Musikgenrebezeichnungen erfinden ist ein Faible von mir, man merkt es...
                    Wie dem auch sei, mit entsprechender Gewöhungsphase oder einem dem Lied zu Gute kommendem drumherum können sich ja auf dieser Liste ein paar Verschiebungen gegenüber dem ersten Eindruck ergeben - und Satellite hatte in diesen Belangen bekanntermaßen großartige Voraussetzungen. Zunächst einmal hat sich Lena nach Unser Star für Oslo noch mehr an die Bühne und endlich auch an das Lied gewöhnt, weshalb es ein paar TV-Auftritte später immer besser klang. Außerdem haben Lena, Raab und die restliche Mannschaft hinter dem noch folgenden Eurovision-Sieg während Lenas Fernsehtour mit unterschiedlichen Performances experimentiert. Mit den Heavytones in relativ prominenter Position (wohl inspiriert von Max' Eurovison-Auftritt), die Band mehr im Hintergrund, ein etwas Percussion lastigeres Arrangement, mdoch eher die Gitarre rausstellen... Beim Finale in Oslo hatte man dann endlich die dem Lied und Lena am meisten schmeichelnde Bühnenversion auf die Welt losgelassen: Instrumental nicht ganz so einheitlich abgemischt wie die Radioversion (oder bilde ich mir ein, dass hie und da die Gitarre was kräftiger ist) und vor allem auch: Backgroundsängerinnen! Retrospektiv spricht es nicht gerade für die organisatorischen Hintergründe von Unser Star für Oslo, dass Lena mit einer zwar für sie umgearbeiteten, jedoch weiterhin ungeschliffenen Satellite-Version an den Start ging, aber es ging ja alles glatt, von daher...
                    So oder so sprechen für Satellite die tolle ESC-Finaldarbietung und auch die ganze gebangte Wartezeit auf den Song Contest. Ich liebe sie ja, diese musikalische Freakshow mit dieser eklatanten Divergenz zwischen Technik und Organisation auf der strahlenden, und musikalischem Inhalt auf der zumeist entgegengesetzten Seite - und dass ich zum ersten Mal seit Max wieder Sympathie für den deutschen Beitrag einbringen konnte, verstärkte selbstredend das Vergnügen am ESC. Dann explodierte die Halle, bevor Lena überhaupt den Mund aufmachte, und ich konnte mich endlich mit einer ganzen Fernsehnation freuen, wenige Stunden danach auch über einen Sieg in etwas wertvollerem als Bälle treten. Hübsch. Allerdings fiel Satellite, mh, zwei Monate danach für mich in ein Vakuum. Nicht, dass es mich nervte, doch es spielte für mich keinerlei Rolle mehr. Verschlimmernd kam Raabs dem NDR und dem Zuschauer vordiktierter Beschluss hinzu, Lena 2011 erneut zum ESC zu schicken. Wenige Monate zuvor lobpreiste Raab die Bedeutung der Zuschauerentscheidung, feierte USFO als demokratisches Fernsehen. Jetzt hat Lenas Sieg diesen Nachgeschmack des "nicht so schnell ein zweiter Antritt bei dieser Veranstaltung, och, nee..." Und so lange ich Satellite wegen der vergnüglichen ESC-Phase nach oben pushe, sehe ich mich gezwungen, mein gesamtes Rezeptionserlebnis zu berücksichtigen. Also klar ein Top-10-Eintrag, doch genauso eindeutig muss ich die Handbremse ziehen und dem Lied eine noch höhere Bewertung entsagen.
                      Platz 5: Carry Out - Timbaland feat. Justin Timberlake
                      You look good, Baby, must taste heavenly / I'm pretty sure that you got your own recipe

                      Hallo und herzlich willkommen zum obligatorischen Justin-Timberlake-Song des Jahres. Was darf's für Sie sein? Möchten sie Pommes dazu oder die Country Potatoes? Extra Mayo? Wir haben es auch supersize...
                      Jaaaa... *ähem* also, von allen Timberlake-Songs, die sich in meine Jahresbestenlisten schlichen, ist Carry Out zweifelsohne der stupideste, das gebe ich offen zu, wohlwissend, dass die Latte der X-tra-Long-Chilli-Cheese dank Timberlakes, Timbalands und Madonnas 4 Minutes bereits außerordentlich tief liegt. Mit dem heiß frittierten Schnellfeuerwerk an speckigen Fast-Food-Doppeldeutigkeiten, den sich die Kumpels Timbaland und Timberlake jedoch in Carry Out leisten, haben wir einen neuen Tiefpunkt in der lyrischen Karriere des feschen Ex-Mickey-Mouse-Club-Buben erreicht. Wieso es Carry Out trotzdem in meiner Gunst so weit nach oben geschafft hat? Das ist so einfach, wie durch zu viel Schnellfraß mollig werden! Streicht das "trotzdem" aus der Frage! Gerade weil Carry Out an textlich derartig hirnverbrannt ist, hat er sich dieses Jahr für mich zu einem heimlichen Kulthit entwickelt. Wenn zwei so lockere und sympatisch auftretende Popstars wie Timbaland und Timberlake uns so versalzene Doppeldeutigkeiten wie "What's your name? Girl, what's your number? I'm glad I came" um die Ohren hauen, kann ich dem Song einfach nicht böse werden. Denn ganz gleich, wie viel oder wenig Absicht in der Dämlichkeit dieser Liedtexte steckt, es ist cool, sei es nun auf einer verdrehten, schadenfrohen "Ich kann es nicht fassen"-Weise, oder vor lauter Selbstironie der Interpreten. Hinzu kommt, dass Carry Out mit seiner 50er-Drine-In-Optik das stylischste (Mainstream?)-Musikvideo des Jahres aufbot und der Beat sowie die verspielt-lässige Melodie des Songs einen total entspannt mitreißen. Das alles erhob Carry Out zu meier Gute-Laune-Nummer des Frühjahres, mitsamt Eigendynamik. Grauenvolle Fast-Food-Sprüche, verlängerte Nächte und Burger-Snacks lange nach Mitternacht. Yeah, es waren schon karikaturesque, coole Wochenenden.

                      Platz 4: Babez for Breakfast - Lordi
                      I'll season them all with my special sauce / I'll bang their flesh to tenderise

                      Irgendwie war es das Musikjahr der Ess-Metaphern, aber bei Lordi bin ich mir wenigstens ganz und gar sicher, dass Zeilen wie die obige scherzhaft gemeint sind. Der Titelsong des jüngsten Lordi-Albums hat aber mehr zu bieten, als nur vorsichtig angebratene Futter-Wortspiele, sondern auch eine selbstironische, comichafte Reflexion des Monsterimages dieser Band, flottes Tempo, eine ohrwurmverächtige Melodie und ein die 80er-Retro-Hardrock-Atmosphäre des Songs stützendes Metal-Arrangement. Es ist halt dieser leichtfüßige Spaßmetal, der beim Kopfnicken aufgrund des rasanten Refrains schnell in den Nacken geht, dafür aber der Tagesverfassung eine Energiespritze verpasst. Babez for Breakfast ist der Song des Jahres, der sich am schnellsten und mühelosesten für Stunden oder gar Tage in den Gehörgängen festkrallte - und dort auch sehr gerne bleiben darf. Babez zum Frühstück und Schlampen zum Brunch - was sollte man auch schon dagegen haben?
                      Platz 3: Midnite Lover - Lordi
                      I met your darling, In a darkened alleyway / I met the fool, I gave no warning / When solving little problems , I don't leave no proof

                      Midnite Lover ist gewissermaßen etwas, dass ich eine Anti-Ballade bezeichnen würde. Am Ende der Strophen und des Refrains und in der Bridge erinnern mich die Harmonien ziemlich stark an archetypische Balladen, das Gesamttempo dieses mittelschweren Songs, das recht stark durchdringende Schlagzeug und Mr. Lordis lauter, voranpreschender Gesang passen nicht in dieses Bild. Der Inhalt verstärkt den Eindruck einer Anti-Ballade: Mr. Lordi singt zu einem (weiblichen) lyrischen Du, welches begierig auf seinen "Midnite Lover" wartet. Dieser wird allerdings niemals auftauchen, denn Mr. Lordi erklärt stolz, dass er ein hervorragender Stalker sei, der dem "Midnite Lover" ohne jegliche Spur zu hinterlassen auflauerte, ihm jegliche Knochen zerschmetterte und ihn letztlich tötete. Hach, Poesie...
                      Hätte ich diese Liste direkt nach dem Erwerb von Lordis Babez for Breakfast erstellt, wäre Midnite Lover wohl nicht so weit oben gelandet. Aber der Song gewinnt mit der Zeit an Schmissigkeit und seine Launenhaftigkeit entfaltete sich mir ebenfalls erst nach mehrmaligem Anhören. Die Strophen nehmen beständig an Fahrt und Klanggewalt zu, der fröhlich dahingesungene Refrain steht im deutlichen Gegensatz zu den monströseren Strophen und wenn man sich das alles in einem Rutsch anhört, wird Midnite Lover zu einem genüsslichen, dynamischen 70er/80er-Shock-Rock-Revival, das die Endorphine nur so rauschen lässt. Blutrünstiger Mord, der glücklich macht. In rein musikalischer Form, natürlich.
                          Platz 2: This is Heavy Metal - Lordi

                          Now this is heavy metal! No matter what you say! / Now this this heavy metal! The only righteous way!

                          Mit ihrem jüngsten Studioalbum Babez for Breakfast verfolgen Lordi gleichermaßen ihre Hard-Rock, wie ihre Metal-Wurzeln. Und da es in jedem Musikgenre unter den eifrigen Konsumenten auch selbsternannte Reinheitswächter gibt, ist Lordis markanter Einfall, gerade diesem Album eine selbstreferentielle Schiene zu verleihen, ein begrüßenswertes Stück Musikerziehung. Denn spätestens nachdem Lordi in der Metelcommunity kurzfristig einen Hype-Backlash für das "total kommerzielle, massentaugliche, poppige" Hard Rock Hallelujah erlebte, ist ein locker hingerocktes, eingängiges "Shut Up!" durchaus angebracht. Insbesondere, wenn der Song, mit dem diese Botschaft vermittelt wird, so rockig-vergnüglich anzuhören ist. Man kann ja ruhig einige Lordi-Songs nicht mögen, aber Verrat an der Metal-Ehre, weil sie Erfolg hatten? Also, Hard Rock Hallelujah ist immer noch härter und schrammeliger als das, womit Unheilig dieses Jahr durchstartete, und auch in dem Fall meine ich aus Interviews rauszuhören, dass es keine kommerzielle Berechnung, sondern die Lust nach solchen Songs war, die uns das sanfte Unheilig bescherte. Das macht die Lieder nicht griffiger und beraubt sie nicht dieser zahnlosen "Seufzerakustik", mich hält es aber davon ab, dem Interpreten irgendwie die Künstlerlizenz entziehen zu wollen.
                          Jedenfalls kann ich Lordi in seiner nicht all zu ernst und böse gemeinten Kritik an etwaiger Kritik nur beipflichten - und genieß den leicht mitgröhlbaren Refrain und die flott fetzende Melodie dieses sehr Hard-Rock-mäßig arrangierten, eingängigen Metaltitels.

                          Platz 1: Don't Tell Me That It's Over - Amy MacDonald
                          And I wanna see what it’s all about / And I wanna live, wanna give something back

                          Wäre ich so frei, auch Filmmusik in meiner Jahres-Hitliste anzunehmen, folgten hierauf noch einige Filmkompositionen, doch dem ist nicht so. Somit hätten wir also meinen Song des Jahres in der energetischen Alternative/Folk-Rock-Verzweiflungsballade Don't Tell Me That It's Over von der schottischen Sängerin und Songwriterin Amy MacDonald gefunden. Nichts lautes, nichts schrammeliges, stattdessen eine schöne, nicht zu poppige, weibliche Gesangsstimme und vor allem eine packende, dichte Klangatmosphäre. MacDonalds Stimme ist wie ich finde perfekt für solche etwas schnelleren, kraftvollen und trotzdem zarte Lieder geeignet und es ist wirklich schade, dass sie ansonsten eher diesen plätschernden Folk betreibt, der mich nach ein paar Takten wieder den Sender wechseln lässt. Doch was beschwere ich mich? Mit dem klangenden, kämpferischen Don't Tell Me That It's Over hat sie genau meinen Nerv getroffen, und das ist schon mehr, als ich von den meisten aktuellen Chartinterpreten verlangen kann.
                          In Don't Tell Me That It's Over verarbeitete MacDonald unter anderem ihre Gedanken zum Klimawandel, was mir zum Zeitpunkt, als sich dieser Song zu einem meiner Jahresfavoriten aufbaute, noch nicht bewusst war. Es war die einvernehmende Atmosphäre des Liedes, welche mich diesen Titel vor allem im Frühjahr immer wieder mehrfach hintereinander anhören ließ. Aufgrund dieser unverzagten Aussichtslosigkeit, die Don't Tell Me That It's Over vertont, konnte ich mich gänzlich auf diesen leicht poppigen Folkrock einlassen. Das Lied drückt Wut, Enttäuschung und den Willen aus, sich gegen das unvermeidliche aufzulehnen, und das mit einem hypnotisch-schnellen Klangerlebnis. Don't Tell Me That It's Over war nie das dominanteste Musikstück in meinem diesjährigen Alltag, aber stets eine sehr willkommene klangliche Abwechslung. Im langen Lauf hat es sich so die Krone erkämpft. Auch so kann's gehen.

                          Das waren also meine (nicht aus Filmen stammenden) Lieder des Jahres 2010. Ganz gleich, wie euer 2010 war: Feiert heute ordentlich und begrüßt heute Nacht, im kleinen oder im großen Kreis, still oder laut, ein hoffentlich erfolgreiches, glückliches und schönes 2011.

                          Viel Spaß bei euren Silvesterfeierlichkeiten und einen guten Rutsch!

                          Donnerstag, 30. Dezember 2010

                          Machete trinkt Eistee

                          Wie originell und kurzweilig Eistee-Werbung doch sein kann: Machete erzählt von Eistee gestärkt seinen eigenen Film nach....

                          Oscar 2011: 77 Scores qualifizieren sich für den Goldjungen. Prinzessin mit goldenen Haaren nicht zugelassen

                          Passionierte Oscar-Tipper, aufgemerkt! Die Score-Kategorie gehört ja nicht gerade zu den am leichtesten vorherzusagenden Sparten der prestigeträchtigsten Filmpreisverleihung, und deshalb können einige Hilfestellungen sicherlich nicht unerwünscht sein. Vor rund einer Woche wurde bereits bekannt, dass einige Filmscores, wie der zu Darren Aronofskys Black Swan disqualifiziert wurden, etwa aufgrund zu intensivem Gebrauch bereits existierender Kompositionen.

                          Jetzt ist die Oscar-Tipperei noch ein Stückchen leichter geworden: Statt eine Hand voll Musikstücke auszuschließen, lässt sich nun genau nachlesen, welche Filme überhaupt eine Chance haben: The Wrap veröffentlichte eine Liste der Filmsoundtracks, die sich in der Kategorie "Beste Filmmusik" qualifizieren konnten. Jetzt müssen wir bloß noch 5 aus 77 tippen.
                          Die für mich größte Überraschung (und Enttäuschung) ist, dass sich Rapunzel nicht unter den 77 Filmen befindet. Offenbar wurde beschlossen, dass der Score zu sehr von den Songs überschattet wird, was die aktuellen Academy-Regeln als Anlass für eine Disqualifizierung deuten.
                          • THE A-TEAM
                          • ALICE IN WONDERLAND
                          • THE AMERICAN
                          • ANIMAL KINGDOM
                          • ANOTHER YEAR
                          • APAPORIS
                          • BABIES
                          • BARNEY'S VERSION
                          • BIUTIFUL
                          • BLACK TULIP
                          • BROOKLYN'S FINEST
                          • CHARLIE ST. CLOUD
                          • THE CHRONICLES OF NARNIA: THE VOYAGE OF THE DAWN TREADER
                          • CLASH OF THE TITANS
                          • CONVICTION
                          • CYRUS
                          • DAYBREAKERS
                          • DESPICABLE ME
                          • DINNER FOR SCHMUCKS
                          • EDGE OF DARKNESS
                          • THE EXPENDABLES
                          • FAIR GAME
                          • FOR COLORED GIRLS
                          • FRANKIE & ALICE
                          • GET LOW
                          • THE GHOST WRITER
                          • HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS, PART 1
                          • HEREAFTER
                          • HOW DO YOU KNOW
                          • HOW TO TRAIN YOUR DRAGON
                          • HOWL
                          • THE ILLUSIONIST
                          • INCEPTION
                          • INSIDE JOB
                          • IRON MAN 2
                          • JUST WRIGHT
                          • THE KARATE KID
                          • THE KING'S SPEECH
                          • THE LAST AIRBENDER
                          • LEGEND OF THE GUARDIANS: THE OWLS OF GA'HOOLE
                          • LET ME IN
                          • LOVE & OTHER DRUGS
                          • MADE IN DAGENHAM
                          • MAO'S LAST DANCER
                          • MARMADUKE
                          • MIDDLE MEN
                          • MORNING GLORY
                          • MOTHER AND CHILD
                          • NEVER LET ME GO
                          • THE NEXT THREE DAYS
                          • OCEANS
                          • 127 HOURS
                          • PERCY JACKSON & THE OLYMPIANS: THE LIGHTNING THIEF
                          • THE PERFECT GAME
                          • PRINCE OF PERSIA: THE SANDS OF TIME
                          • PURE COUNTRY 2: THE GIFT
                          • RABBIT HOLE
                          • RAMONA AND BEEZUS
                          • REMEMBER ME
                          • ROBIN HOOD
                          • SALT
                          • SECRETARIAT
                          • THE SOCIAL NETWORK
                          • THE TEMPEST
                          • TOOTH FAIRY
                          • THE TOURIST
                          • THE TOWN
                          • TRON: LEGACY
                          • THE TWILIGHT SAGA: ECLIPSE
                          • VAMPIRES SUCK
                          • WAITING FOR "SUPERMAN"
                          • WALL STREET: MONEY NEVER SLEEPS
                          • THE WAY BACK
                          • WILD GRASS
                          • WINTER'S BONE
                          • WRETCHES & JABBERERS
                          • YOGI BEAR
                          Welche wichtige Lektion lernen wir noch? Richtig: Inception hat die Berechnung durch die geheime, mathematische Academy-Formel zur Berechnung eines Übergebrauchs an bereits existierenden Vorlagen überstanden, anders als etwa Black Swan. Wie mittlerweile wohl jeder weiß, basierte Hans Zimmer das ikonische Wummern aus dem Inception-Soundtrack auf Edith Piafs Chanson Non, je ne regrette rien, weswegen bereits vergangenen Sommer die Spekulationen begonnen, ob Zimmers Score überhaupt am Oscar-Rennen teilnehmen darf. Wenn man den Inception-Soundtrack besitzt und selbst mal reinhört, merkt man, dass Piaf zwar eine Schlüsselposition einnimmt, jedoch bei weitem keine Vormachtsstellung. Die Academy scheint das dieser Liste nach zu urteilen ebenfalls so zu sehen. Ich freu mich.

                          Um Rapunzel ist es dagegen wirklich schade, nicht zuletzt wegen des Stücks Kingdom Dance. Naja, was soll's: In diese Fall drücke ich meine Daumen halt stärker als zuvor für Drachenzähmen leicht gemacht (ein Animationsfilm muss einfach mit rein, und dieser hat es sich verdient) sowie für meine weiteren persönlichen Favoriten Tron: Legacy und Prince of Persia, wobei letzterer völlig ohne Rückendeckung seiten Disneys eh keine Erfolgschancen hat. The Social Network und Inception sehe ich derweil als (verdientermaßen) gesetzte Kandidaten. Mhhh, mir fällt ein, dass ich nächstes Jahr dringend meine zweite Oscar-Prognose fertigstellen sollte...

                          Weiterführende Artikel:

                          Mittwoch, 29. Dezember 2010

                          Menschen, die mich beeindruckt haben. Ein Essay.

                          Eindruck kann man auf vielerlei Arten schinden. Da gäbe es das archetypische Bild des großen Bruders, der einem ein beneidenswertes Leben vorlebt und sanftmütig Ratschläge gibt, wie man es ihm gleichtut. Oder den besten Freund, ehemals Kettenraucher, der mit eisernem Willen sein Laster aufgibt. Eine andere Weise, wie einen Menschen beeindrucken, kennt man vom Verfolgen besonderer Nachrichten: Die junge Frau, die Courage beweist, indem sie eine Messerstecherei an der S-Bahn-Haltestelle vereitelt. Im direkten Vergleich banal, aber dennoch beeindruckend, sind Kunststücke intellektueller oder artistischer Art, die manche Personen in Unterhaltungssendungen vorführen. Der 65-Jährige Rentner, der topfit Hürden läuft. Die Gedächtniskünstlerin, die sich eine schier unendliche Ziffernfolge merken kann.

                          Ich möchte mich jedoch keiner Person widmen, die mich auf direktem Wege oder durch eine einzelne Glanzleistung beeindruckt hat, sondern diesen Gedanken ein wenig abstrahieren, und ein Künstlerduo vorstellen, dessen Schaffen mich regelmäßig auf eine außergewöhnliche Weise beeindruckt, wie sonst kaum jemand: Die Autoren und Filmregisseure Aaron Seltzer und Jason Friedberg, Macher solcher Humorkakophonien wie Date Movie, Fantastic Movie, Meine Frau, die Spartaner und ich oder dem jüngst auf die Kinowelt losgelassenen Beilight – Bis(s) zum Abendbrot. Mit welcher Konstanz und Penetranz diese witzlosen Regiedilettanten sämtliche berechtigte Kritikerschelte ignorieren und nahezu Jahr für Jahr einen weiteren Film aus ihren Rippen leiern, für den die Einschätzung als „belanglos“ bereits eine unverschämte Ehrung wäre, versetzt mich immer wieder ins Staunen. Es kommt einem Wunder gleich, wie diese zwei wandelnden Beleidigungen an die Kunstform der Parodie stets neue Finanziers finden, Menschen, die sich der Beihilfe zur Ermordung des komödiantischen Geschmacks schuldig machen und als Retour bloß überschaubare Profite erhalten.
                          Was mich jedoch, je intensiver ich über die ihre Karriere als „zwei der sechs Autoren von Scary Movie“ startenden Fließbandfilmer nachdenke, am meisten beeindruckt, ist wie zielsicher es ihnen gelingt, in ihren Parodien die zuvor abgegrenzte Humorzielscheibe zu verfehlen. Es muss ein unschätzbarer Vorrat an Selbstignoranz in Aaron Seltzer und Jason Friedberg wohnen, um das eigene Vorhaben, eine Parodie auf Liebesfilme mit lauwarmen Der Herr der Ringe-Witzchen zu füllen oder sich in einer vermeintlichen Belustigung über den dezent selbstironischen Historien-Machismusactionfilm 300 durch zahlreiche so genannte Internetmemes und deren Nachahmung zu hetzen. Welch überproportional gewachsenes Ego muss man besitzen, um einen weltberühmten Fernsehsketch über das Durchführen sexuelle Interaktionen rüder Art mit Matt Damon ohne schlechtes Gewissen zu klauen und diesen Diebstahl geistigen Eigentums minutenlang in der Schlusssequenz des unfreiwillig treffend betitelten Desaster Movie auszuwalzen? Ich kann es kaum abschätzen, gewiss ist mir allein, dass es ein Ego von beeindruckenden Ausmaßen sein muss, welches mir bei der nächsten Auseinandersetzung mit meinem Strom-, Wasser-, Gas- oder Telekommunikationsanbieter sicherlich gelegen käme. Wäre ich so beeindruckend dreist und selbstsicher wie Seltzer & Friedberg, mein Telefonanbieter würde mir zum Dank für meine Kundschaft monatlich Geld überweisen, nicht umgekehrt. Denn ich wüsste mit meinem ungesund gewachsenen Ego erbauliches anzufangen, während dieses Regieduo mit seinem Ego ja nur Schund produziert. Ebenfalls erstaunlich, wie man solch ungewöhnliche Talente derart zu verschenken weiß. Wie zwei einzelne Menschen so viel Scheitern vereinen können, welchen Ausstoß an filmwissenschaftlichem Exkrement sie von sich geben, das ist beeindruckender, als sämtliche Kunststücks, die mir gestresste Straßenkünstler ungefragt vorführten – zusammengerechnet!

                          Einen Kritikpunkt habe ich allerdings an Aaron Seltzer und Jason Friedberg, etwas, dass deren Status als makaber invertriertes Vorbild meinerseits beinahe zum Zusammenbrechen bringt: Denkt man, sie hätten es raus, sich gänzlich von dem gesunden Restverstand der cineastischen Welt abzukehren, erkennt man, dass sie Schutz hinter dem Schleier der Selbstironie suchen, dass sie zu diesem billigen und ausgeleierten Stilmittel greifen müssen, hoffend dass Leute über diesen Einfall amüsiert neue Sympathie für Seltzer & Friedberg finden... Sie ließen für die DVD-Veröffentlichung von Date Movie einen Audiokommentar einsprechen, in dem zwei namenhafte Filmkritiker diese Pointendissonanz genüsslich zerreißen.

                          Ein Schachzug, den diese Menschen, die mich mit ihrer fahnenschwingenden Parade des Versagens nicht nötig gehabt hätten. In einer idealeren Welt wäre es nicht passiert. Dann hätte ich nicht aus Neugier ob dieses Audiokommentars einen der schlechtesten Filme der vergangenen Dekade käuflich erwerben müssen. Oder erkennen müssen, dass selbst die verblendedsten Wirrköpfe selbstreflexive Augenblicke verleben. Wodurch der bleibende Eindruck, den Seltzer und Friedberg bei mir hinterließen, dezent getrübt wurde.

                          Deren Verlust – wären sie für mich ungebrochene Vorbilder, so käme ihnen an dieser Stelle die Ehre zuteil, meinen Aufsatz durch ein Zitat aus deren Produktionen auf prätentiös, wissenschaftliche Art abzuschließen. Stattdessen entlehne ich lediglich eines ihrer am meisten verwendeten dramaturgischen Stilmittel und spurte zu einem abrupten Ende, zur Vollendung gebracht durch eine nicht zündende Poente. Quack, Quack, Pups.

                          Anmerkung: Für ein Blockseminar in meinem Studiengang wurde Monate nach Anmeldeschluss als Teilnahmebedingung ein mindestens eine DIN-A-4-Seite umfassender Aufsatz zum Thema "Eine Person, die mich beeindruckt hat" verlangt. Da diese Aufgabe nichts mit dem Thema des Blockseminars zu tun hat und es versäumt wurde, weitere Instruktionen oder Rahmenbedingngen aufzustellen, produzierte ich das hier.

                          Montag, 27. Dezember 2010

                          Die 10 besten Soundtracks des Kinojahres 2010

                          Und schon befindet auch das Jahr 2010 in seinen letzten Tagen. Wie es sich für die Zeit zwischen den Feiertagen gehört, habe ich mich drangesetzt einen Jahresrückblick zu verfassen. Naja, eigentlich sogar mehr als nur einen, denn das Nerdjahr 2010 will ebenfalls beleuchtet sein... Jedenfalls: Es ist für mich ja bereits Tradition, euch in den letzten Stunden mit einer Hitliste meiner Lieblingslieder zu bombardieren. Dieses Jahr möchte ich aber zusätzlich zu den prägendsten Songs der letzten zwölf Monate auch die zehn besten Filmsoundtracks ins Rampenlicht zu drängen.

                          Denn auch wenn 2010 nicht unbedingt eins der auffälligsten Jahre der Soundtrackgeschichte war, so zählt das, was die vergangenen Monate aus den Lautsprechern deutscher Kinosäle dröhnte zu den gelungeneren Beispielen für ein filmmusikalisches Kinojahr.

                          Wer also nach Ideen sucht, wofür er die vom Weihnachtsmann erhaltenen Gutscheine einlösen könnte oder einfach nur wissen möchte, welche Filme 2010 besonders gut klangen, der ist gut beraten, sich auf Quotenmeter zu begeben. Denn um meine Hitliste vorzustellen, habe ich mal so eben die Rubrik Die 10... gekapert. Wieso auch nicht?

                          Stirb langsam - Jetzt erst recht

                          Fünf Jahre nach Stirb langsam 2 kam ein neuer Film mit John McClane in die Kinos, und dieses Mal sollte nicht nur Regisseur John McTiernan auf den Regiestuhl zurückkehren, nein, erstmals sollten das Publikum den unfreiwilligen Supercop in seiner Heimat New York in voller Action erleben.

                          Der Weg zu diesem Actionspektakel war jedoch ähnlich verworren, wie der zum ersten Teil der Reihe: Ein Drehbuch, welches als Grundlage zur zweiten Stirb langsam-Fortsetzung vorgeschlagen wurde, fand bei McTiernan keinen Anklang und wurde daraufhin von seinem ehemaligen Kameramann Jan de Bont als Speed 2: Cruise Control verwirklicht. Stattdessen nahm man sich eines Original-Drehbuchs von Jumanji-Autor Jonathan Hensleigh an, der sich überlegte, wie es wohl aussähe, wenn ein Kindheitsfreund von ihm blutige Rache üben würde. So entstand das Drehbuch Simon Says, indem ein Terrorist einen Polizisten quer durch die Stadt jagt und Rätsel lösen lässt, da sonst versteckte Bomben hochgehen würden. Die Lethal Weapon-Macher zeigten Interesse am Skript und wollten es zum vierten Teil ihrer Reihe umschreiben, leztztlich jedoch schlugen McTiernan, der zu meist von kommerziellem Unglück verfolgte osteuropäische Produzent Andrew G. Vajna und Co. zu und ließen den Autoren aus seinem Drehbuch den dritten Teil von Stirb langsam schaffen. Die ersten 45 bis 60 Minuten des Films blieben dabei nahezu unverändert - und irgendwie merkt man das auch. Aber dazu nachher mehr.
                          Außerhalb der USA wurde Stirb langsam - Jetzt erst recht übrigens als einziger Film der Reihe größtenteils von der Walt Disney Company vertrieben, da Fox um Kosten zu drücken eine Kooperation mit Cinergi Pictures einging, welche wiederum einen Vertriebsdeal mit Disney hatten. Ein zufälliger Glückstreffer für den Konzern, da dieser Film international unerwartet stark lief.

                          Was Stirb langsam - Jetzt erst recht besonders aus vergleichbaren Actionstreifen hervorhebt, sind die drei Kerndarsteller Bruce Willis, Samuel L. Jackson und Jeremy Irons. Willis ist als ungewollter Held des Tages wieder einmal richtig klasse und es ist interessant, Normalo McClane in schlechterer Verfassung zu sehen, ganz gleich, wie passend man diese aus früheren Drehbuchfassungen übernommene Charakterisierung auch finden mag. Sein Zusammenspiel mit Jackson ist herrlich, die beiden geben ein großartiges Leinwandteam ab und können der überreizten Buddy-Actioncomedy-Dynamik neue Seiten abgewinnen. Wenn man Stirb langsam - Jetzt erst recht auseinander nimmt, ist es letztlich sogar Jackson und nicht Willis, der dem Film zusätzliche Spannung und Kraft verleiht. Seine Figur Zeus ist gleichermaßen Karikatur wie ein filmischer Anker, der neben dem immer mehr zum Actionüberflieger mutierenden McClane für Realismus sorgt. Besonders großartig ist Jacksons Auseinandersetzung mit einem Polizisten, der ihn fälschlicherweise für einen Terroristen hält und deshalb unwissentlich davon abhält, einen Bombenanschlag zu vereiteln. Diese ikonische Sequenz wurde neun Jahre später in Die Unglaublichen auf großartige Weise neu aufgelegt und ich kann jedem nur empfehlen, sich beide Filme (oder wenigstens die betroffenen Szenen) mal im Doppelpack anzusehen.
                          Jeremy Irons als schleimiger Strippenzieher letztlich gibt Stirb langsam - Jetzt erst recht einen Punkt, in dem er sogar das Original überstrahlen kann. Es mag blasphemische Züge aufweisen, gewiss, aber mir ist Irons tatsächlich eine Kippladerlänge lieber als Alan Rickman in Stirb langsam. Hans (bzw. Jack) Gruber bildete zwar den Prototypen für den zu gleichen Teilen diabolischen wie intelligenten Actionfilm-Antagonisten, aber Irons hat im Spiel gegen McClane, zumindest für mich, noch mehr boshafter Ausstrahlung und eine noch prägnantere Präsenz. Rickman ist in Stirb langsam klasse anzuschauen, doch der Film würde mit einer schlechteren Darbietung fast genauso gut funktionieren, Irons hingegen übertrumpft das Material und macht es zu etwas besserem. 


                          Eine so unterhaltsame Schurkendarstellung hat Stirb langsam - Jetzt erst recht leider auch nötig, denn obwohl der dezent größenwahnsinnige dritte Teil der Actionreihe deutlich temporeicher und kultiger als der etwas mauere Stirb langsam 2, so ist McClanes Hatz quer durch New York nicht frei von Mängeln. Dabei ist Stirb langsam - Jetzt erst recht einer dieser schwer zu umfassenden Fälle, in denen fragmentarisch gesehen alles stimmt: Der Plot ist, zumindest aus Genresicht betrachtet, intelligent und zeigt einen extrem durchdachten Schurkenplan, der trotzdem plausibel ist und für den Zuschauer aufregend umgesetzt wurde. Die Handlung des Films ist sogar dermaßen glaubwürdig, dass angeblich das FBI auf den Plan gerufen wurde, da die Behörde ob des cleveren Vorgehens der Filmschurken dem Autoren gegenüber misstrauisch wurde. Und auch die Actionszenen sind, für sich betrachtet, spannend und mit griffigem Timing inszeniert. Sie toppen im Maßstab die Sequenzen aus Stirb langsam, ohne zur Bay'schen Zirkusparade zu mutieren, die nicht wirklich zum Stil der Reihe passen würde. Die einzelnen Actionsequenzen gehen zügig voran und haben allesamt ihren eigenen Höhepunkt, was für zahlreiche explosive "Wow!"-Momente im Film sorgt. Packt man jedoch die Handlung und die Action zusammen, will das Puzzle kein stimmiges Bild mehr ergeben, da die für sich gelungene Action dem etwas langfahrigeren Plot im Weg steht und umgekehrt die eigentlich spannende Story sich nicht den elaborierten Actionpassagen fügen möchte. Letztlich fühlt es sich so an, als säße man mit einem Fahranfänger in einem Wagen mit hakendem Getriebe. Es ruckelt, und ruckelt, und ruckelt. 


                          Diese Schwäche schadet Stirb langsam - Jetzt erst recht besonders bei wiederholter Sichtung, wenn einen die Twists und Wendungen, die Lösungen der gestellten Rätsel nicht weiter kümmern. Das Ziel der vermeintlichen Handlung ist erreicht, und dann folgt noch ein halber Film, in dem McClane das in den Brunnen gefallene Kind wieder rauszuholen versucht. Dramaturgisch ist Stirb langsam - Jetzt erst recht aus exakt diesem Grund eine mittlere Katastrophe, denn Jonathan Hensleigh hat als Drehbuchautor nicht die Klasse eines Quentin Tarantino oder der Coen-Brüder, dass er auf erzählerische Grundgesetze pfeifen kann, ohne bei diesem rebellischen Akt zu scheitern.


                          Stirb langsam - Jetzt erst recht ist durch diesen misslungenen Aufbau nicht gleich ein schlechter Film, allerdings kann er bei wiederholtem Ansehen zunehmend die Geduld strapazieren, wenn man sich nicht völlig fallen lassen und ihn bloß mit von der Action geblendeten Augen von Sequenz zu Sequenz verfolgen kann. Die Geschichte verliert halt nach einmaligem Sehen an Reiz, und so bleiben "nur" die verrückten Verfolgungsjagden, die explosiven Schießerien und die flotten Sprüche, um den Film über Wasser zu halten. Somit endet Stirb langsam - Jetzt erst recht als großartige "Bier auf, Chips wegmampf"-Geräuschkulisse für einen herrlichen DVD-Abend in geselliger Runde. Bei unkonzentrierter Beobachtung sehr unterhaltsam und technisch spitze umgesetzt, doch mit etwas Abstand sieht man, wie der Film kaputt gedoktert wurde.

                          Siehe auch:

                          Sonntag, 26. Dezember 2010

                          Die Zehn-Satz-Rezension zu "Selbst ist die Braut"

                          1. Die Romantikkomödie Selbst ist die Braut aus dem Jahr 2009 gehört mit weltweiten Einnahmen von fast 320 Millionen Dollar, bei einem Budget von geschätzt 40 Mio., zu den profitableren Überraschungserfolgen seines Erscheinungsjahrs.
                          2. Regie führte Anne Fletcher, Macherin von Step Up und 27 Dresses, die Selbst ist die Braut trotz seiner routinierten RomCom-Handlungselementen mit viel eigener Ausstrahlung und einem leicht modernisierten Screwball-Flair versieht, wodurch sich diese Liebeskomödie zu einem der amüsanteren Vertreter seines Genres der letzten Jahre macht.
                          3. Sandra Bullock spielt mit viel Energie und biestiger Freude eine herrische Verlagslektorin in New York, die kurz davor steht nach Kanada ausgewiesen zu werden, weshalb sie kurzerhand ihren Vorgesetzten davon erzählt, sie hätte eine heimliche Affäre mit ihrem Assistenten und habe vor, in Bälde zu heiraten.
                          4. Ihr strebsamer Assistent, gespielt von Ryan Reynolds, schließt einen Deal ab und spielt bei diesem Betrug mit, und da die Einwanderungsbehörde eine große Fragerunde und ein Verhör mit den Anverwandten des "glücklichen Paars" androhte, nimmt er sie nach Alaska zu einer Familienfeier mit.
                          5. In Alaska angekommen spielen sich dann, manchmal leicht abgewandelt, die üblichen Wortgefechte, Pleiten und Pannen einer Screwball-RomCom ab, inklusive eines peinlichen Männer-Striptease-Acts, kleinen Kläffern und ungewollter Nacktheit.
                          6. Selbst ist die Braut gelingt der Balanceakt zwischen romantisierter Plausibilität der Haupthandlung und pointierter Skurrilität bei den Nabenfiguren und den abstrusen Ereignisse, die sich alle paar Minuten ergeben.
                          7. Sandra Bullock und Ryan Reynolds geben sein sehr witziges Leinwandpaar ab, dass sich auf humoriger Ebene sehr gut ergänzt, die ganz großen Gefühle können sie jedoch nicht auslösen.
                          8. Sehr lange überrascht Selbst ist die Braut auch mit einer feineren Ebene in der knalligen Charakterzeichnung, aber im letzten Drittel versauen sich die Autoren diesen Pluspunkt, indem sie Bullock die verstecktere Seite ihrer Figur unnötig hinausschreien lassen.
                          9. In einem ungewohnten Zuge lehnte der Disney-Konzern die Pläne für eine Fortsetzung zu diesem Film ab, was trotz des Charismas von Selbst ist die Braut zu begrüßen ist, weil sich der Reiz der gelungensten Momente nicht wiederholen ließe, ohne sich dreist selbst zu kopieren.
                          10. Von einem etwas zu dick aufgetragenen Finale, welches von einem komischen Epilog ein Stück weit aufgefangen wird, ist Selbst ist die Braut eine, wenngleich nicht sonderlich einfallsreiche oder mit einprägsamen Filmmomenten gesegnete, sehr charismatische Romantikkomödie, die durch das Spiel seiner Protagonisten und gutem Timing für rund 100 Minuten warmherzigen Spaß sorgt.
                          Weitere Filmkritiken:

                          Wie Johnny Depp den "Rango" gibt

                          Gore Verbinski machte im Vorfeld eine große Sache daraus, dass sein Animationsfilm Rango entgegen früherer Meldungen nicht durch Motion Capturing (a la Robert Zemeckis) verwirklicht wird, sondern durch etwas, dass er Emotion Capturing nennt. Eine kleine Featurette zeigt nun Hauptdarsteller Johnny Depp, Isla Fischer, Bill Nighy und Kollegen, wie sie sich für Rango zum Affen machten - und was sich hinter Verbinskis tollem neuen Verfahren verbirgt.



                          Ähm, ja. So lange kein technischer expliziteres Hintergrundmaterial zur Verfühung gestellt wird, entnehme ich diesem Video, dass Verbinskis Emotion Capturing eigentlich nichts anderes ist, als gleichzeitiges Texteeinsprechen und Drehen von Realfilm-Referenzmaterial auf einer minimal ausgestatteten Bühne, auf dessen Basis die Animatoren ihrer Arbeit nachgehen. Also eigentlich das, was Disney schon vor Jahrzehnten bei seinen Klassikern (in unterschiedlicher Intensität) durchführte.



                          Bahnbrechend ist anders, aber man kann sich gewiss schlechtere Vorbilder aussuchen. Ob das sensationelle, neue und taufrische Emotion Capturing zu einem guten Film führt, erfahren deutsche Kinogänger am 3. März 2011.

                          Samstag, 25. Dezember 2010

                          Der Absturz der verzweifelten Hausfrauen

                          Was lange währt, wird endlich gut. Das gilt leider nicht für den Großteil der fünften Staffel von Desperate Housewives, aber hoffentlich für meine Besprechung der Serie über die verzweifelten Hausfrauen aus der Wisteria Lane.

                          Wir verließen meinen wöchentlichen Rezensionstakt mit der Episode 5x08 (Stadt in Flammen), die als großes Serienhighlight angekündigt wurde und sich letztlich bloß als kleines, dramatisches Aufflammen entpuppte. Im Zuge dieses kleinen Brandes wurde es in manchen Handlungsfäden ein letztes Mal brenzlig, bevor die fünfte Staffel zu einer riesigen Enttäuschung wurde, die mich beinahe völlig von dieser Serie verjagt hätte.

                          Der Weg von der traditionellen Katastriohen-Episode zur 100. Folge

                          Im Anschluss an die Geschehnisse aus Stadt in Flammen wurde Lynettes Sohn Porter von der Polizei als Hauptverdächtiger für die Brandstiftung eingestuft, da ein manisch grinsender Mann mit besessen starrenden Augen und Angst einflößendem Sprachduktus behauptete, ihn in der Nähe des Brandherdes gesehen zu haben. Nachvollziehbar. Immerhin lieferte dies Anlass für eine enorm starke Scavo-Storyline: Es kommt nicht nur zu einer packenden Eskalation zwischen Lynette und Anne Schilling, mit der Porter eine Affäre hat, der Ehemann von Porters reifer Liebesgespielin droht ihm obendrein mit Mord, weshalb Porter aus der Stadt flieht. Eine spannende Geschichte, die sich über einige Episoden erstreckt und obendrein Möglichkeit für neue Figurenkonstellationen liefert, indem Bob, der bislang zusammen mit Lee einfach nur das lustige schwule Paar darstellte, sein Können als Anwalt zeigen kann.

                          Ebenfalls amüsant ist Brees Handlungsfaden, als sie durch Zufall erfährt, dass ihr Sohn Andrew mit Orsons Arzt ausgeht und das bislang verheimlichte. Wie Brees Homophobie mit ihrem neu gewachsenen Respekt für ihren Sohn kollidiert und sich die konservative Matriarchin dann u.a. mit der Vergangenheit als Schwulenporno-Darsteller ihres Schwiegersohns in spe auseinandersetzen muss, ist wirklich köstlich und gönnt Bree einmal eine Pause von der Position der dramatischeren Hausfrau in der Wisteria Lane.

                          Das war's aber auch fast schon an Lob. Die Gabrielle-Stories etwa lassen regelmäßig Zweifel aufkommen, ob sich die Autoren dem Zeitsprung bewusst sind. Ja, ihre Töchter kommen für kurze Szenen vor, aber an und für sich könnten diese Geschichten auch ohne sie stattfinden. Es ist eigentlich das immer gleiche: Gabrielle will ein glamouröseres Leben. Eine potentiell ergreifende Geschichte, Carlos erhält sein Augenlicht wieder, wird schnell dadurch torpediert, dass die Autoren den einstigen Status Quo wieder herstellen und ihn von Gaby gegen seinen Willen in eine Position als Finanzhai quatschen lassen.

                          Noch schlimmer ist es bei Susan (so lange sie nicht denkt, mit Lee geschlafen zu haben - das war überaus komisch): Bei ihr fiel den Autoren nichts anderes ein, als die immerwährende, überreizte und anstrengende Geschichte "Kriegen sie und Mike sich, oder kommt wer anderes dazwischen?" zu wiederholen. Bis zum Erbrechen. Dass Susan einen Sohn hat, spielt in ihrer übergreifenden Geschichte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle, die Episodenhandlungen, in denen MJ was zu sagen hat, sind völlig lasch. Das nervigste ist aber die Dave-Handlung: Nachdem klar wurde, dass die Autoren tatsächlich die vorhersagbarste sämtlicher Möglichkeiten wählten und den Psychopaten auf Mike ansetzten, verschwand jegliche Spannung aus dem Staffelgeheimnis, jeglicher Sinn für's Mysteriöse. Neal McDonough spielt seine Rolle absolut übertrieben und auffällig, so sehr, dass sich der Zuschauer mit einer Bratpfanne auf den Kopf geprügelt fühlt. In dieser Serie waren die unheimlichen Figuren schon immer dick aufgetragen, aber bei Dave verliert man sämtlichen Glauben, dass die anderen Bewohner der Wisteria Lane nicht schon längst auf den Trichter gekommen sind. Vor allem: Sobald nicht nur Mrs. McCluskey Gefahr wittert, sondern auch Bob und Lee, ja sogar Tom im Anschluss an die 100. Folge informiert wird und sich endlich als erste Figur gegen Dave zur Wehr setzt, läuft diese Tragödie einer Krimihandlung unbeirrt weiter, als sei nichts geschehen.

                          Der beste Handwerker aller Zeiten

                          Eine absolute Ausnahmeepisode, nicht nur der fünften Staffel, sondern der gesamten Serie, war die Meilensteinzelebration Der beste Handwerker aller Zeiten. Zur Feier der 100. Episode von Desperate Housewives wurden die laufenden Storylines ausnahmsweise bei Seite gepackt und eine Figur geehrt, die wir bislang gar nicht kannten. Klingt waghalsig und dürfte in vielen Fällen gar nicht funktionieren, aber erstens finde ich gelegentlich auftauchende, alleinstehende Episoden sehr erfrischend, zweitens kann eine Pause von den nachlassenden Plotlines der fünften Staffel kaum schaden und drittens ist Der beste Handwerker aller Zeiten einfach sensationell gut geschrieben. Der im Titel angesprochene Handwerker ist Eli Scruggs (gespielt vom charismatischen Kavalier Beau Bridges), ein älterer und verlässlicher Dienstleister, der zu Beginn der Episode stirbt. Die Frauen der Wisteria Lane, deren Leben alle zu einem Zeitpunkt von Eli nachhaltig beeinflusst wurden, denken an ihren geschätzten Mitmenschen zurück und richten seine Beerdigung aus. In Rückblenden erfahren wir, wie Eli nicht nur den Haushalt der Hausfrauen richtete, sondern auch ihre Lebensweise oder ihr zerrüttetes Gefühlsleben. So brachte er eine überhebliche Gabrielle, die ihre Nachbarinnen überstrahlen wollte, auf den Boden der Tatsachen zurück oder spornte die ewige Hausfrau Bree dazu an, auf ihren Kochkünsten ein brummendes Geschäft aufzubauen.

                          Die Episode mag für die Staffelhandlung völlig irrelevant sein, doch sie traf die stilistische Essenz von Desperate Housewives besser als die restliche Staffel, fand tonal wieder exakt die Balance zwischen herzlicher Süße und bissigem Humor, Leichtigkeit und emotionalem Tiefgang. Wie Serienschöpfer Marc Cherry erklärte, beschloss man erst in letzter Sekunde den Meilenstein der 100. Folge zu feiern, und in wahrer Rekordzeit stampften die Autoren ein kraftvolles Drehbuch aus dem Boden, das voll mit visuellen Referenzen auf die Vergangenheit der Figuren und pointierten Dialogen sowie Monologen ist. Dadurch, dass die Figuren in dieser Rückblick-Episode wieder auf den Punkt gebracht werden und wir ihre Entwicklung toll vorgeführt bekommen, ist sie nicht nur als Jubiläum klasse, sondern auch ein idealer Einstiegspunkt für Serienneulinge (schade, dass es qualitativ daraufhin langsam aber stetig bergab ging).

                          Durch das bissige wie angenehm rührselige Skript angespornt, holen die Darstellerinnen einige ihrer Serienbestleistungen aus sich raus und Bridges ist eine verlässliche Bank, die den unscheinbaren, aber bedeutsamen Handwerker herzlich und mit feinem Witz darstellt. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Die Macher wissen, wie gut diese Folge war, und deswegen machten sie Episoden in diesem Stil zu einer weiteren Marke von Desperate Housewives, ähnlich wie die Katatsrophen-Folgen. Bloß nutzten sich die alljährlichen Unglücke nicht so schnell ab...

                          Der beschwerliche Weg zur Zielgeraden

                          Die Divergenz nahm nach der 100. Folge gravierendere Züge an: Die Scavos müssen ihr Geschäft aufgeben, und während die Geldprobleme zunächst für gute Momente sorgten (wenngleich schwächer als die vorherige "Porter könnte in den Knast wandern"-Handlung), insbesondere für die kriselnde Freundschaft zwischen Kurzzeit-Geschäftsteilhaberin Bree und der überforderten Lynette, bricht die Scavo-Handlung schnell auf Mittelmaß zusammen und flüchtet sich auf ausgetretene Wege. Zudem lassen die Autoren spannendere Elemente, wie besagte Krise zwischen Lynette und Bree, nach einer gelungenen Steilvorlage einfach fallen.

                          Susans Story nervt im Anschluss an die 100. Folge nur noch, einzig in der Folge Die Geschichte von Lucy und Jesse kam es zu einer witzigen Begegnung zwischen ihr und ihrer lesbischen Vorgesetzten - was zwar nur ein leicht verzerrtes Spiegelbild der vorherigen "Susan denkt, mit Lee geschlafen zu haben" ist, aber immer noch witziger und frischer, als der Susan-Alltag. Gabrielle und Carlos sind nahezu dort, wo sie vor zwei, drei Staffeln waren, nur dass Lynette für Carlos arbeitet. Das Ergebnis sind maue Stories mit gelegentlich pfiffigen Dialogszenen, die leider rasant wieder verpuffen.
                          Bei Bree und Orson kriselt es derweil, was Orson in die Kleptomanie treibt. Ein sehr unglaubwürdiger Schritt, der obendrein aus dem Hut gezaubert und keine Sekunde vorbereitet wurde. Rückblickend ist diese Storyline sogar noch nerviger und enttäuschender, als er es bei einer Betrachtung von Folge zu Folge war.
                          Das Staffelgeheimnis um Dave, der an Mike Rache nehmen will, zerrt indes immer anstrengender an den Nerven der Zuschauer. In Ein ganz einfacher Plan (Folge 18 von 24) scheinen wir endlich den Schluss dieses Handlungsfadens erreicht zu haben - wohlwissend, dass dem doch nicht so sein kann. Und ja, die Autoren winden sich wieder raus. Aber, ich muss ehrlich sein: Diese Folge war mit Tom Scavo, der mit Gabrielle Frauentratsch betreibt, und bitter-überzogenem Dialogkrieg zwischen Bree und Orson ein später, kleiner Sonnenstrahl dieser Staffel.

                          Die letzte Ruhestätte

                          Zum Schluss von Ein ganz einfacher Plan trauen sich die Autoren was und schreiben Edie via spektakulär-absurder Todesszene aus der Serie. Eine eigentlich beliebte Figur rausschreiben, die getötet wird, um sie nicht weiter zu überreizen, da man eigentlich alles, was man mit ihr erzählen konnte, bereits erzählt hat... zweimal? Super Idee, hätte man mit Susan auch machen können...

                          Jedenfalls folgt auf Edies Tod die Episode Die letzte Ruhestätte, auch bekannt als Der beste Handwerker aller Zeiten reloaded. Das Konzept dieser Folge: Die Hausfrauen wollen (in diesem Fall zuerst mit innerlichem Widerstreben) einer Person, deren Einfluss auf ihr Dasein sie stets unterschätzt hatten, die letzte Ehre erweisen und erinnern sich zurück, wie bedeutsam sie in Wahrheit war, dass sie sie zu dem gemacht hat, was sie nun sind. Dabei wechseln sich Peinlichkeiten und Rührseligkeiten ab. Der bedeutsame Unterschied zur Eli-Folge: Edie nimmt die Position von Mary Alice ein und kommentiert das Geschehen sarkastisch aus dem Jenseits. Edie ist eine tolle Off-Kommentatorin, doch das ist auch der einzige Punkt, in dem ihre Folge der von Eli etwas voraus hat. Sie ist vielleicht etwas zynischer, aber bei weitem nicht so einfallsreich. Eigentlich besteht sie nur aus, aufgrund der sehr weiträumigen Rahmenhandlung, enorm komprimierten Edie-Storylines, wie sie sonst in jeder normalen Folge vorkämen. Dass sie so stark verkürzt wurden, nimmt ihnen von ihrer emotionalen Wirkung, weshalb an sich nur die eher witzige "Gaby und Edie gehen aus und wetten, wer mehr Drinks spendiert bekommt"-Geschichte komplett aufgeht. Hier wird auch die emotionale Wende lang genug ausgespielt. Im direkten Vergleich zur Eli-Episode ist sie ein schwacher Abklatsch - aber sie ist besser als das, was noch folgen sollte.
                          Die Zielgerade

                          Fangen wir mit dem guten an: In der ersten Episode nach Edies Abschied von der Serie gibt es eine tolle Scavo/Solis-Story, in der Carlos Lynette ohnmächtig in der Dusche vorfindet, während Tom und Gabrielle gemeinsam im örtlichen gartenclub Schindluder treiben und Tom eine Freundschaft zu der (durch Edies Tod nicht mehrVize-)Dorfmatatze aufbaut. Diese Geheimnisse bauschen sich auf und eskalieren in einem witzigen gemeinsamen Abendessen. Die Folge endet mit einem weiteren Hausfrau/Hausmann-Tratsch zwischen Tom und Gaby, der zeigt, welch gute Chemie zwischen den Darstellern herrscht. Ärgerlicherweise nutzen die Autoren diese nicht aus und geben dieser ungleichen Freundschaft weitere Sequenzen, so dass sich diese Sache wieder verläuft.

                          Ansonsten zieht die Abwärtsspirale richtig an: Orsons Lug- und Trugspiel wird immer hanebüschener und zunehmend fahrlässig umgesetzt, Katherines und Susans Rumgezicke um Mike nimmt größeren Raum ein (im gleichen Zug wird's immer einfallsloser), Dave nervt mit jeder Szene mehr und mehr. Das Overacting reicht, um nicht nur die Szene, sondern die gesamte Staffel zu sprengen, inhaltlich kommen wir nicht vom Fleck. Die restlichen Geschichten verlieren an Belang, pendeln sich zwischen mittlerem Serienniveau und knapp drunter ein. Allerdings saugen die Susan- und Dave-Storylines und die schwächeren momente der Bree-Geschichte sämtliche Energie aus ihnen. Und gerade bei Susan fragt man sich: War der Zeitsprung nicht geplant, um neue Geschichten erzählen zu können? Hat man wohl vergessen.

                          Staring at the Shark: Das Finale der fünften Staffel

                          Das klingt alles gar nicht sooooooo grauenvoll? Zugegeben, episodisch oder in kleinen Paketen betrachtet, wurde im Laufe der fünften Staffel aus einer guten Serie eine schwache, aber mit Abstrichen ansehbare. Die schwachen Elemente wurden immer schwächer, aber es gab immer gute Elemente, die dem Absturz von Desperate Housewives ein wenig auffingen. Dieser Fallschirm wurde immer kleiner, doch er war da.

                          Allerdings kam dann das Finale. Und es hatte diese Matrix Revolutions-Wirkung. Matrix war super, Desperate Housewives hatte vier gute bis extrem gute Staffeln zu bieten. Matrix Reloaded war schon um einiges schwächer, Staffel 5 fing gut, doch unter den Möglichkeiten an und ließ immer weiter nach. Und der Abschluss... wenn einem Reloaded die Matrix nicht bereits kaputt gemacht hat, gibt's noch immer Revolutions. Ich fand das Finale der fünften Staffel so anstrengend, dass es im Rückgriff alles nach Der beste Handwerker aller Zeiten mit sich in den tiefen Schlund des Verderbens zog und ein "Echt, dafür habe ich Woche um Woche eingeschaltet?"-Gefühl in mir weckte. So enorm, dass ich für die Premiere der sechsten Staffel gar nicht mehr zu ProSieben zappen wollte.

                          Was passiert im Finale? Also: Dave hat es endlich geschafft, seinen ultimativen, "poetischen" Racheplan in Gang zu setzen. Der Mann, der beim Packen eine Neonröhre in seiner Hand zerplatzen lässt, weil er seine tote Frau vor sich sieht, der den harmlosesten Mann auf der ganzen Straße in den Schwitzkasten nahm und Unschuldige mit eklatanten Lügen der Brandstiftung bezichtigte, der Mann, der allen Einwohnern der Wisteria Lane einen kalten Schauer über den Rücken jagt und der Leute, die er drei Tage kennt als beste Freunde bezeichnet und sich schmierig und schleimig um sie garnt, während er sie über private Dinge ausquetscht, dieser Mann hat Susan und ihren grenzdebilen Sohn MJ dazu überredet, gemeinsam Zelten zu fahren. Ganz allein, draußen in der Wildnis.

                          Wir reden übrigens von der selben Nachbarschaft, in der zwei freundliche Schwule kurz nach ihrem Einzug wegen eines modernen Beispiels für hohe Springbrunnenkunst zum Auslöser für eine Straßenvollversammlung waren, von der Nachbarschaft, in der ein charismatischer Schwimmtrainer, der einer Hausfrau während einer Geiselnahme das Leben rettete, einen wütenden Mob von Fackeln schwingenden Leuten mit sich zog, da seine Fotosammlung männlicher Jugendlicher in Badeklamotten für diese Nachbarschaft ein hieb- und stichfester Beweis dafür war, dass der Kerl ein Pädophiler sein muss (ooookay, eine manische Abschiedsrede gab der aufgebrachten Meute letztlich sogar recht, doch gewissermaßen verstärkt das sogar meine Argumentation)... Und bei Dave schöpft niemand ausreichend Verdacht, um Susan von diesem Ausflug abzuhalten, bevor es zu spät ist? Herrje, sogar Susan selbst dürfte nicht so saudämlich sein, und sich aus freien Stücken mit diesem Typen in den gleichen Wagen setzen! Ich wette, wenn man neben Dabe sitzt und nur ein bisschen leiser wird, hört man unheimliche, brummende Choräle, die einen vor der drohenden Gefahr warnen!



                          Ja, ungefähr so.
                          Zusätzlich zu dieser hirnverbrannten Aktion, dass der offensichtlichste Nicht-Disney-Schurke jenseits von Hot Fuzz munter seinen Willen durchkriegt und sogar, mit fiesem Grinsen auf dem Gesicht, Mike ein Videoband in die Hand drückt, dass er erst in einigen Tagen ansehen darf (neeeeein, da befindet sich keine Todesbotschaft drauf, so etwas würde doch niemand machen, ganz besonders nicht so vertrauenserweckende Personen wie Dave), kommt noch die stereotypischste "Origin Story", die einem einfallen kann. Daves Frau und Tochter kamen ja bei einem Autounfall mit Mike und Susan ums Leben, das weiß der mitdenkende Zuschauer seit... ungefähr dem ersten Trailer für Staffel 5... aber was der Zuschauer noch nicht wusste: Am Abend des Unfalls saß Dave mit seinen geliebten Damen am Küchentisch, versprach morgen die Arbeit mal fallen zu lassen und mit ihnen was zu unternehmen. Bis dahin... und jetzt holt die Taschentücher raus, denn es wird traurig... bis dahin sollen sie sich doch schon etwas vergnügen und allein Eisessen fahren... und wenn... wenn Dave mit ihnen Zeit verbracht oder was gekocht hätte... dann... dann würden sie vielleicht noch leben... ist das nicht... nicht herzzerreißend?!

                          Abseits von Daves Storyline, die endlich, endlich, endlich zum Schluss findet, werden im restlichen Staffelfinale nur die Weichen für die sechste Staffel gestellt. Damals konnte man nicht ahnen, dass aus diesen katatsrophalen Anhaltspunkten tatsächlich etwas gutes erwachsen wird... Da wäre Lynette, der es plötzlich richtig elend geht. Sie befürchtet, dass der Krebs wieder ausbricht und konsultiert ihren Arzt. Und, wird in Staffel 6 etwa ein zweites Mal eine Lynette-Krebshandlung aufgekocht? Neeeein, wo denkt ihr hin? Lynette ist natürlich schwanger. Das ist ja was völlig neues!
                          Bree will sich indessen von Orson scheiden lassen und ihr Anwalt Carl hetzt Schläger auf ihn (Out of Character-Moment 1), danach fallen Bree und Carl bei einem Streitgespräch über diese eigenmächtige Handlung Carls übereinander her (OoC-Moment 2 und 3). In der kommenden Staffel sollte so etwas wie Chemie zwischen ihnen entstehen, hier war es dagegen noch das reinste Fischen nach möglichen Storylines.

                          Selbiges gilt für Gaby und Carlos, die ihre Teenie-Nichte bei sich aufnehmen. Der Auftakt zu dieser Geschichte ist aufgetragen und aufgeplustert, zum Glück fiel zwischen den Staffeln sämtliche Überdramatik aus diesem Plot raus. Konnte man im Finale aber nicht ahnen, und so sieht man, wie eine durchtriebene Zicke von einer ehemals durchtriebenen Zicke belehrt wird, während man sich fragt, wo das Charisma der Serie geblieben ist.
                          In den letzten Minuten verwandelt sich das Staffelfinale von Desperate Housewives krönenderweise zu einer unspannenden, vorhersagbaren und nicht gerade furchteinflößend gefilmten Ansammlung schlechter, wirklich schlechter Slasherfilm-Tropen: In Anwesenheit des Killers erfährt Susan per Handy von dessen Vorhaben und versucht mehr schlecht als recht ihre Angst zu überspielen. Als das Auto anhält, befiehlt sie ihrem Sohn wegzurennen und sich nicht zu zeigen, wenn Dave ihn ruft. Susan schlägt Dave nieder, doch er ist nicht richtig k.o. und krallt sich Susans Arm, als sie sich zum scheinbar ohnmächtigen Monstrum runterbeugt. Dave stolpert über einen Friedhof und ruft nach Susans Sohn MJ, der sich auch prompt in Daves Arme begibt. Dave bereitet sein Komplott vor, Mike soll an der Stelle, an der seine Frau totgefahren wurde in ein Auto rasen, in dem sich MJ befindet, während eine gefesselte Susan zusehen muss. Susan redet Dave ins Gewissen ("Was würde ihre Frau dazu sagen?") und er lässt MJ gehen, bleibt aber selbst im Wagen und lässt sich heftig von Mike anfahren. Vor seinem geistigen Auge reißt Dave am Abend des tragischen Unfalls seiner Familie nochmal das Steuer um und verbringt mit ihnen einen gemeinsamen Abend, während die Kamera wieder aus seinem Auge rausfährt und ihn als Insassen einer Anstalt zeigt. Spooooky! Oh, sorry, ich meinte natürlich *würg*

                          Die Krönung kommt dann zum Schluss der Folge: Von allen überreizten Storylines, von allen "Ich will diesen Cliffhanger nicht mehr sehen!"-Typen eines Cliffhangers endet die fünfte Staffel mit Mikes x-ten Hochzeit, doch die Braut, die wird nicht enthüllt...

                          Oh... mein... Gott...

                          Ein Fazit

                          Die ersten Episoden der fünften Staffel standen unter dem Motto: "Ja, wir unternahmen einen Zeitsprung von fünf Jahren, aber keine Sorge, zu viel neues gibt es nicht", manchmal sogar eher unter dem Motto "Wir finden schon zum Status Quo zurück... im Rahmen des machbaren, wir können ja nicht einfach Gabys Kinder töten..." Immerhin waren sie noch ganz unterhaltsam. Doch dann nahm die Staffel einen starken Qualitätsverlust hin: Das Staffelgeheimnis nervte, Susan nervte, die besseren Storylines (von der "Porter-als-Hauptverdächtiger"-Handlung abgesehen) waren lauwarm in ihrer Gesamtheit, hatten aber wenigstens kräftige Würze in einzelnen Dialogszenen. Aus dem Potential des Zeitsprungs hat man nahezu gar nichts gemacht, tonal wurde der schwarze Humor immer lascher und aus der Dramedy-Soapsatire wurde... eine gut produzierte Soap. Eine unglaubwürdige, gut produzierte Soap. Mit einem absolut grauenvollen Krimi als Kitt, der sie zusammenhalten soll. Wäre es nicht für die Highlight-Episoden und manche herrlich alberne Momente mit Tom, Bob und Lee sowie etwas Zynik mit Orson gewesen, ich wäre schon während der Staffel vom sinkenden Schiff gesprungen. Nach dem fernsehtechnischen Autounfall, der sich Finale schimpfte, hatte ich dann den Rettungsring parat und nahm die Absprungposition ein.

                          Wieso mich die Serie trotzdem halten konnte? Das ist eine andere Geschichte...

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